Notiz

Kollision der Technologieepochen

Da bin ich also in einem Hotelzimmer in Unterfranken, denn ein wichtiger Teil meines Berufs ist es, umherzufahren und Vorträge zu halten über das Internet und was es so macht mit der Welt. Es ist ganz gut, auch mal mitzubekommen, wie normale Leute das Netz sehen, normal im Sinne von: keine Internetnerds.

Ohne jede Häme, im Gegenteil mit Respekt hat man zur Kenntnis zu nehmen, dass den meisten Erwachsenen Social Media, Facebook, Twitter, Blogs, alles da weitestgehend egal ist (bisher). Das Internet besteht aus Spiegel Online, Flüge buchen, Banking, am nächsten an soziale Medien kommt Youtube ran und vielleicht je nach Interesse ein Forum oder eine Spezialcommunity, der digitale Hobbykeller. 20 Millionen Deutsche auf Facebook bedeuten eben vor allem auch: 60 Millionen nicht auf Facebook.

Und dann prallen nicht beim Vortrag selbst, sondern kurz danach in einem Hotelzimmer in Unterfranken – freundlich, sauber, Prägetapete – die Technologieepochen aufeinander, weil dort ein Bett steht, das vermutlich Anfang der 1980er Jahre gestaltet worden ist. Zu der Zeit, als Individualtechnologie noch ein Radio war, das in der Mittelkonsole des zweizügigen Betts eingebaut wurde. Kiefer Furnier.

Vermutlich in einer frühen Vorausahnung von “always on” kann man das Radio im Bett nicht ausschalten. Und auch nicht den Stecker ziehen, denn der ist hinter der Komplettholzverschalung verborgen. Man kann das Radio nur so leise stellen, dass man nichts mehr hört: Volume = 0.

Viele Jahre lang war das kein Problem. Tonlos leise fühlt sich ja fast wie aus an.

Bis Smartphones kamen, die wirklich Always On sind und ständig Daten hin und her schicken, um bei jeder Facebook-Flatulenz im Friendeskreis in Echtzeit informiert zu sein. Und genau in diesem Moment zeigt sich: die atmosphärischen Frequenzstörungen, die Smartphones verursachen – die hört man genauso laut, wenn die Lautsprecher ganz leise gestellt sind. Weil es für die fiepende Interferenz schon ausreicht, wenn ein ganz, ganz kleines bisschen Strom durch die Kabel durchfliesst.

Und so kollidiert die Technik der 80er auf überraschende Weise mit meinen zwei Smartphones und ich kann nicht schlafen. Weil man das Radio nicht ausmachen kann, sondern nur leise, muss ich zum ersten Mal seit Jahren die Handys ausmachen und nicht nur leise. So richtig aus, always aus, bis morgen früh.

Wir lernen daraus: wenn sie anfangen, Geräte ohne Ausschalter herzustellen, müssen wir rebellieren.

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Realitätsverlust in der PR-Branche

Mein Interesse für Sprache und ihre Funktion besteht nicht erst seit meinem neuen Buch Wortschatz. Sondern seitdem ich für mich nachvollziehen konnte, was Philosophen und Linguisten seit Jahrtausenden erkunden: Sprache prägt die Wahrnehmung der Realität, mehr noch: das, was man für die Wirklichkeit hält, ist ein sprachliches Konstrukt. Vereinfacht: die Welt ist echt, aber die Sprache ist nur ausgedacht und durch Geschichte, Kultur, sozialen Status, Ort und soweiter viel, viel stärker gefärbt, als man glaubt (hier scheint mir ein Querverweis auf den Radikalen Konstruktivismus sinnvoll).

Gerade im Zusammenspiel mit den Medien und besonders mit der digitalen Sphäre ist Sprache deshalb ausgesprochen verräterisch. Das Blog neusprech.org beschäftigt sich damit, wie mit Sprache als Instrument versucht wird, die Wahrnehmung der Realität zu beeinflussen. Es ist eben ein Unterschied, ob man “die Märkte reagierten positiv” sagt oder “die knapp eintausend Milliardenspekulanten, von denen alle so tun, als seien sie “die Märkte”, reagierten positiv”. Sprache lässt sich auch als Symptom betrachten, das viel über die Konstruktion der eigenen Realität verrät.

Heute ist eine Pressemitteilung via dpa verbreitet worden, in der es um eine Umfrage unter PR-Agenturen und Pressesprechern geht, der PR-Monitor. Ich habe nichts gegen PR, im Gegenteil, ich selbst schwimme auf manchmal seltsame Art zwischen Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Hypeerzeugung, was eher kein Geheimnis ist. Ich habe aber sehr wohl etwas gegen die Impertinenz, mit der PR oft – zu oft – betrieben wird: zu glauben, dass die Auftragskommunikation, die man transportiert, irgendetwas anderes sei als eben Auftragskommunikation, und daraus abzuleiten, sie sei wichtig für die gesamte Welt! So wichtig, dass alle Regeln fallen gelassen werden müssen, “auf Ihrer Webseite steht zwar, Sie wollen NIEMALS aus PR-Gründen angerufen werden, aber wir haben hier die Weltpremiere des neuen ZONGO Limone mit WLAN, wenn das keine Ausnahme ist, dann…”

Um es zu präzisieren: mich stört nicht PR an sich, mich stört eine leider sehr verbreitete Haltung dahinter, die Welt interessiere sich höchstens in Ausnahmefällen nicht für die tollen Nachrichten aus dem Hause ZONGO. Es ist umgekehrt. Per Default ist davon auszugehen, dass sich außerhalb des Hauses ZONGO exakt niemand für ZONGO interessiert, auch nicht bei Weltpremieren mit WLAN oder einer neuen cholesterinfreien Variante. Alles andere ist berufsbedingter Realitätsverlust.

Und die erwähnte Umfrage kleidet die Größenordnung des Realitätsverlusts in der PR-Branche endlich in konkrete Zahlen. Dort heisst es nämlich: “Auch klagen PR-Fachleute über “desinteressierte Journalisten”, die ihnen die tägliche PR-Arbeit erschweren (PR-Agenturen: 40 Prozent; Pressestellen 31 Prozent)“.

Voilà. 40 Prozent der (befragten) PR-Agenturen und 31 Prozent der Pressestellen haben keinen Kontakt mehr zur Realität – und biegen sich ihre Wahrnehmung mithilfe der Sprache zurecht, sie konstruieren sprachlich eine Scheinwirklichkeit (allerdings hier vermutlich mit starker Hilfe der umfragenden Instanz). Statt nämlich zuzugeben, dass sie es nicht schaffen, Journalisten (und die Öffentlichkeit) für ihre Themen zu interessieren, klagen sie über “desinteressierte Journalisten”. Das ist Realitätsverdrehung, ja, Realitätsumdrehung der kontraproduktivsten Sorte. Mit dieser Haltung heisst es im nächsten Jahr: “Die doofe, desinteressierte Facebook-Öffentlichkeit hat es mit 34 Ausnahmen (davon 19 Mitarbeiter) nicht geschafft, Fan unserer ZONGO-Seite zu werden. Was für ein Armutszeugnis für Facebook.”

Die PR-Klage über “desinteressierte Journalisten”, das ist, als fordere man vom Staat eine Belohnung dafür, dass man gestern auf der Autobahn nicht zu schnell gefahren ist.

Nachtrag
Einer der Gründe, warum ich das Internet, also die Leute aus dem Internet, doch recht gern mag: Jemand (nicht ich) hat soeben einen Twitter-Account für ZONGO Limone geschaffen, und schon das Icon ist eine Sensation, auf eine ganz eigene Art.

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Wie mich die Filter-Bubble einmal linkte

Filter-Bubble ist ein Begriff aus dem gleichnamigen Buch von Eli Pariser. Pariser war die Leitfigur von MoveOn.org, einer großen Aktions-Plattform, und hat irgendwann bemerkt, dass soziale Medien die Informationen für ihre Nutzer kaum erkennbar vorfiltern. Das geschieht mithilfe von Algorithmen, die die persönliche Relevanz der Nachrichten für jeden Nutzer erhöhen sollen.

In der Folge bekommt man häufiger Katzenfotos zu sehen, wenn man die in seinem Facebook-Newsfeed ständig anklickt, liket und kommentiert, und seltener politische Inhalte, wenn man auf die nicht reagiert. Qualifizierte Schätzungen lauten, dass man maximal 10% der Nachrichten seiner Kontakte überhaupt präsentiert bekommt.

Natürlich kann daraus ein Problem entstehen, vor allem, weil diese Filter-Algorithmen für den Nutzer nicht erkennbar und nur eingeschränkt kontrollierbar sind. Aus dieser Tatsache lässt sich für den modernen Kulturpessimisten selbstredend das Ende der Zivilisation ableiten – aber am eigenen Beispiel habe ich kürzlich eine wesentlich spannendere Konsequenz als bloß den Weltuntergang entdeckt.

Wie auch meinem Artikel auf Spiegel Online zu entnehmen war, habe ich mich kürzlich verlobt und das per Änderung des Beziehungsstatus auf Facebook erstmals öffentlich bekanntgegeben. Auf Facebook habe ich eine Page mit etwa 10.000 Likenden und ein privates Profil mit knapp unter 5.000 Friends (die Maximalzahl an Friends). Vor der Eröffnung meiner Page habe ich jede Anfrage an mein privates Profil als Friend angenommen, das ist ein Grund, weshalb es da eine gewisse Fluktuation gibt und sich die Zahl ab und zu leicht ändert: es sind in meinem Fall keine echten Freunde oder Friends, sondern eher irgendwie Interessierte. Mit der Betonung auf irgendwie, denn den Kommentaren entnehme ich häufiger, dass jetzt nicht alle mir ganztägig bedingungslose Liebe entgegenbringen. Ein paar sind wohl auch an einer gewissen, sagen wir, Reibung interessiert. Aber man weiss ja so wenig über seine Friends. Erst recht, wenn es fast 5.000 sind.

Als ich meinen Beziehungstatus in “verlobt” änderte, passierte etwas Merkwürdiges. Innerhalb von einer guten Stunde verlor ich etwa einhundert Friends.

Spontan war ich natürlich begeistert. “Das müssen hundert Frauen (oder Männer) gewesen sein, die so sehr auf mich standen, dass sie an einem verlobten Sascha Lobo spontan das Interesse verloren. Was für eine fantastische Begebenheit! Da kann sogar mein Ego sich ein paar Tage von ernähren!” So dachte ich bei mir.

Auch nach längerem Überlegen fiel mir keine andere Möglichkeit ein, weshalb die bloße Bekanntgabe der Verlobung ohne jeden zusätzlichen Kommentar jemanden dazu veranlassen sollte, mich zu entfrienden. Irgendwann fiel mir leider doch eine ein.

Schuld war die Filter-Bubble. Denn eine Verlobung wird von den Algorithmen von Facebook als so relevant eingeschätzt, dass sie bei wesentlich mehr Friends angezeigt wird als der Alltagsquatsch, den ich sonst so ins Netzwerk puste. Das bedeutet: tausende meiner Kontakte, die mich irgendwann dazugefügt, aber dann das Interesse verloren und wegen der Filter-Bubble nie wieder etwas von mir gesehen haben, bekamen auf einmal überraschend meine Verlobung in den Newsfeed gebeamt. Wo die Nachricht auch noch stundenlang stehen blieb und immer wieder hochschnellte, weil meine engeren Facebook-Kontakte natürlich zu Hunderten liketen und kommentierten.

Ungefähr einhundert Facebook-Friends wurden also daran erinnert, dass sie mich irgendwann befriendet hatten, bemerkten, dass ihnen das offenbar nur mäßig viel gebracht hat in den letzten Jahren und klickten nach der Kommentarflut meiner echten Friends schnell auf “remove from friends”.

Eigentlich schade, dass ich zu lange über die wahren Gründe nachgedacht habe, die erste Erklärung fand ich irgendwie schöner. Vielen Dank, du blöde Filter-Bubble.

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Zu Schlecker

Der Schleckerskandal, der eigentlich keiner ist, sondern nur Normalarroganz gepaart mit fehlendem Wissen über die digitale Vernetzung, zeigt drei beachtenswerte Spannungsfelder der digitalen Vernetzung auf:

• Wo früher kommunikative Sphären einigermaßen gut getrennt werden konnten, ist das durch die Vernetzung nicht mehr der Fall. “Niedriges Bildungsniveau” ist in der Sphäre der Werbung ein gängiger Ausdruck, der zunächst ohne jede Wertung daherkommt. Irgendwie muss man seine Zielgruppe ja beschreiben, und wenn die im Schnitt seltener Abitur hat, dann ist das für die Ansprache relevant. Auf Nichtwerber wirkt “niedriges Bildungsniveau” aber völlig anders – nämlich mit eingebauter Wertung. Dass Kommunikate nicht nur an Fachempfänger geraten, die sie korrekt entschlüsseln können, sondern an die digitale Öffentlichkeit – die nach dem Anscheinsprinzip vorgeht – das empfinden besonders professionelle Kommunikatoren als Kontrollverlust und als ungerecht. Ist es auch – aber das ist die Art von Eskalation, die man inzwischen vor dem Hintergrund der digitalen Vernetzung berücksichtigen muss. Vorher. Was zum zweiten Punkt führt:

• Wer öffentlich kommuniziert, denkt vorher über die Wirkung nach (im angestrebten Normalfall). Inzwischen muss das auch für Mikroöffentlichkeiten gelten, im vorliegenden Fall einen Brief zwischen Unbekannten, eine Art Zwei-Personen-Öffentlichkeit. Die digitale, soziale Vernetzung kann solche Mikroöffentlichkeiten mit nur einem Klick durch nur einen Teilnehmer in eine Makroöffentlichkeit verwandeln. Diese Möglichkeit sollte man immer mitdenken. Es mag sich aus Sicht des 20. Jahrhunderts für Privatpersonen anfühlen wie eine unmenschliche Schere im Kopf. Tatsächlich existiert diese Schere längst und ist akzeptiert: Gespräche im Café werden anders geführt als im Wohnzimmer. Für professionelle Kommunikatoren gilt, grundsätzliche jede Mikroöffentlichkeit als Öffentlichkeit zu betrachten und konsistent zu kommunizieren, und zwar konsistent nicht aus Fachsicht, sondern aus Sicht einer möglichen Makroöffentlichkeit. Das ist kein Abgesang auf nichtöffentliche Kommunikation, die muss es weiter geben. Es ist aber der Abschied des früher so angenehmen Opportunismus in der Kommunikation, wo man jeder Zielgruppe einzeln erzählen konnte, was sie vermutet gern hören würde, ohne auf Konsistenz zu achten.

• Und schließlich wirkt Arroganz in der digitalen Öffentlichkeit wie ein Treibstoff der Skandalisierung. Ein Brief gleichen Inhalts, reduziert um den arroganten Unterton, hätte kaum für Aufregung gesorgt. Diese Arroganz, die sich für Außenstehende besonders im Ausdruck “niedriges Bildungsniveau” manifestiert, scheint beim Verfasser des Briefes aber die Standardeinstellung zu sein: default Überheblichkeit. Das wirkt, als müsse er sich in der öffentlichen Kommunikation völlig verstellen und könne im Brief endlich er selbst sein. Das ist sein gutes Recht – nur taugt man mit dieser Einstellung im Zeitalter der digitalen Vernetzung nicht zum professionellen Unternehmens-Kommunikator. Denn genau, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, im Anflug einer Kommunikationskrise, wird eine empörte und kaum feindifferenzierende Meute nach jedem Anzeichen von Hochmut suchen, das sich finden lässt, um sich selbst mit Treibstoff zu versorgen. Wer sich auf einen Sockel stellt, wird in Krisenzeiten angeschossen. Ein Chinesisches Sprichwort sagt: “Wer kein freundliches Gesicht hat, sollte nicht Verkäufer werden.” Wer arrogant ist, sollte nicht Unternehmenssprecher werden – denn durch die digitale Vernetzung lässt sich diese Einstellung wesentlich schwerer verbergen.

Die Schleckersituation ist kein Skandal, weil nichts Schlimmes aufgedeckt worden ist. Es ist stattdessen ein Lehrstück, wie fehlende Sachkunde und eine unangebrachte Haltung, die in der Kommunikationsbranche aber als normal gelten muss, zu einem Kommunikationsdebakel werden können.

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Allgemeine Feststellungen zur Buchsituation

Ausgehend von einem SPON-Interview (über Amazon und den Buchmarkt) des von mir geschätzten Helge Malchow (KiWi-Verleger) hat sich auf Google Plus bei Kathrin Passig eine Diskussion entwickelt. Meinen Kommentar dazu möchte ich hier leicht ausgebaut spiegeln. Ich schreibe ihn auf, weil ich Verlage wirklich gern mag und glaube, dass sie in ihre eigene Marginalisierung rennen. Die Feststellungen beziehen sich in erster Linie auf die Belletristik, der Sachbuchmarkt ist etwas anders gelagert und ausdifferenzierter.

0. Ich möchte in einer Welt leben, in der kluge Leute für das Nachdenken bezahlt werden, und dazu sind Bücher ziemlich gut geeignet. Das ist übrigens auch mein Argument für ein starkes Urheberrecht (mit digitalen Anpassungen, allerdings).

1. Wir befinden uns in einer Übergangszeit. Niemand weiss, wie lange diese Übergangszeit noch dauern wird, weil es von vielen ineinander verzopften Faktoren abhängt, man kann höchstens raten. Solange können Leute über den Buchmarkt das Gegenteil voneinander sagen und beide Recht haben. Nur am Ende gewinnt das Ebook.

2. Der Buchmarkt richtet sich nicht nach dem, was Autoren, Verlage oder Medien wollen. Er richtet sich noch nicht einmal besonders nach dem, was in Gesetzen geschrieben steht. Er ist ein Markt und richtet sich zu allererst und beinahe ausschliesslich nach den Kunden, selbst wenn in Deutschland mit Buchpreisbindung und Zwischenhändlern starke Strukturen gegen den Markt vorhanden sind (note to Marktverächter: so sieht das dann aus, übrigens, mit allen Vor- und Nachteilen). Die sind in Deutschland derzeit ausgesprochen ebookfaul – was sich aber über Nacht ändern könnte, und zwar schon zu Weihnachten diesen Jahres. Dann werden Ebooks vielleicht sogar mehr als 0,5% des Buchmarkts ausmachen.

3. Die deutsche Buchlandschaft – die ich sehr mag, samt Verlagen – hat leider die kaum vielversprechende Strategie, das 20. Jahrhundert digital nachspielen zu wollen. Was bei der Musikindustrie nicht funktioniert hat, wird bei den Verlagen ebenfalls nicht funktionieren, es dauert wegen der völlig anderen Kundenstruktur bloß noch länger, bis sie es merken. Das ist die traurigste Tatsache, weil das heisst, dass irgendwann ein Buchverlagssterben einsetzen wird.

4. Verlage sind wunderbar, jedenfalls einige. Da arbeiten Menschen, die Bücher lieben, jedenfalls einige. Verlage sind der Garant für Querfinanzierung, ohne die in meinen Augen ein Kulturmarkt und damit die Kultur nicht denkbar wäre. Querfinanzierung bedeutet, dass eine Charlotte Roche fünfzig vielversprechende Autoren ernährt – bis vielleicht ihr Buch groß wird. Verlage bedeuten vor allem, dass Autoren vom Schreiben leben können, die eigentlich mit nichts außer dem Schreiben selbst etwas zu tun haben wollen und das ist ganz famos, denn viele sehr, sehr gute Autoren sind so, diesen Sachverhalt nenne ich das Herrndorf-Axiom.

5. Was die Verlage insbesondere nicht begriffen haben, ist, dass sie auf digitalen Geräten konkurrieren mit Angry Birds. Und das kostet 1,49 € oder so, ein Ebook kommt leicht mal mit 16,90 € um die Ecke. Das Argument, man habe doch von einem Buch viel länger Freude ist erstens genau berechnet völlig falsch. Und zweitens entspricht es der Vorstellung, Autokäufer würden Autos nach Kosten je Kilometer kaufen und nicht nach dem Preisschild, was dranhängt. Nach der Logik würden alle die S-Klasse kaufen, weil die zwei Millionen Kilometer durchhält und deshalb nur 5 Cent je Kilometer kostet.

6. Die heutigen Ebook-Reader sind bei allem Fortschritt noch immer grauenvoll. Das ipad ist zu schwer, der Kindle hat ungenügende Usability, nirgends gibt es alle Bücher wegen DRM, dem Senfgas des Internet. Und die anderen Geräte kriegen ja noch nicht mal richtige PR hin, um mich von der Notwendigkeit ihrer Anschaffung zu überzeugen. Aber: der Fortschritt. Heute zu sagen, Ebooks setzen sich nicht durch, die Geräte taugen nichts, ist, als würde man 1987 gesagt haben: Mobiltelefone setzen sich nicht durch, wer soll denn den großen Koffer mit sich rumtragen.

7. Die Zukunft der Verlage liegt im Ebook und damit in folgenden Leistungen (und jetzt rate ich, natürlich, aber es ist eine Art educated guess):
– Scouting guter Inhalte/Autoren
– Vorfinanzierung
– Qualitätssicherung
– Strategieberatung für Autoren (Welches Buch wann, wie, wo)
– Produktberatung (es wird viel mehr als nur ein Ebook geben, zB auch Serien, Abonnements, etc.)
– technische Plattform-Dienstleistungen (damit das Ebook auch überall erscheint, Apple, Amazon, Googlebuchmarkt etc.)
– PR und Kommunikation
– Vertriebsunterstützung (grenzt an Kommunikation, ist aber sehr wichtig, schon heute bei Apps)
– Quervermarktung (international, Filme, allgemeine Zweitverwertungen)

Das Problem der Verlage in Deutschland ist, dass sie einen guten Teil dieser Funktionen ausgelagert haben an Literaturagenturen oder Dienstleister und in den anderen Bereichen nicht wissbegierig lernen, sondern die digitale Realität verleugnen: Sie macht ja erst 0,5% des Umsatzes aus. Das bedeutet (falls sich nichts ändert, und zwar schnell) – es wird weiter Verlage geben, auch große, aber es werden nur zu einem mittelgroßen Prozentteil die Verlage sein, die wir heute kennen. Denn bereit UND fit für die Transformation ist meiner Einschätzung nach ungefähr keiner, und zwar – man mag es glauben oder nicht – aus weitgehend romantischen Gründen. Und das passt im Guten wie im Schlechten dann doch ganz gut zur Buchbranche.

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Die Abschaffung der Rückseite des Blogs

Neulich schrieb ich über den Zusammenhang zwischen Blogs und sozialen Netzwerken: “Die Vernetzung geschieht via Social Media, die nichtflüchtige Substanz findet auf Blogs statt”. Und in der Tat: gerade in Zeiten der unnachgiebigen Plattformkontrolle durch diese Netzwerke ist Bloggen famoser denn je – aber hat sich in den letzten Jahren konzeptionell kaum weiterentwickelt. Jedenfalls nicht die Variante mit dem besten unabhängigen System, nämlich WordPress.

Gleichzeitig lässt sich auf Google Plus spüren, wie sehr der interessierte Digitalbürger an Diskussionen im Netz interessiert ist, zu allen möglichen Themen, Finanzkrise, Staatstrojaner, Bilddokumente des Katzenalltags. Weil aber Google Plus wenig überraschend vollständig der Willkür des Internetkonzerns Google unterworfen ist, gilt es, die konzeptionell guten Dinge von Google Plus in die privat kontrollierten Blogs hinüberzuretten.

Ich habe mich gefragt, weshalb zum Beispiel Kathrin Passig auf Google Plus wunderbare kleine Sequenzen, Beobachtungen, Analysen veröffentlicht, aber nicht auf einem eigenen Blog. Und weshalb es mir so geht, dass ich an Blogpostings tagelang arbeite (und deshalb alle 235 Tage blogge), kurze Gedanken aber entweder auf Google Plus mitteile oder gar nicht.

Es liegt zu einem guten Teil an der fehlenden Rückseite von Google Plus. Ich habe dort kein vorgetäuschtes User-Backend für Arme, ich kann die Beiträge einfach so reinschreiben ins Internet.

Rückseiten gehören abgeschafft.

Es wird immer eine Profirückseite jeder Software geben, aber die Rückseite von WordPress ist ja gar nicht für Profis, sondern auch bloß ein halbgares Interface für Halbanfänger, das bei jeder zweiten Feinjustierung an seine Grenzen stösst. Das benutze ich, wenn es sein muss, aber ich möchte es nicht beim posten sehen, dadurch wird das Posten so unangenehm offiziös. Als würde man vor einer Autofahrt erstmal die Motorhaube aufmachen, Handschuhe anziehen und ölverschmierte Teile feinjustieren.

Ich möchte wie bei G+ gleich losfahren mit meinem Blog – und habe ein Plugin installiert namens Quick Post Widget. Damit lässt sich mit einigen Tricks ein (nur für mich sichtbares) Feld ganz oben im Blog festtackern, das beinahe aussieht wie das Eingabefeld von G+. Und um einen Unterschied zu meinen arbeitsintensiven, längeren Artikeln auch von außen sichtbar zu machen, leite ich die so entstandenen, kurzen Postings in eine eigene Rubrik mit dem Namen Notiz, die grau hinterlegt ist und eine kleinere Überschrift hat. Voilà.

Dank an Marcel Weiß, der mich daran erinnert hat, häufiger zu bloggen und an Christoph Kappes, der den Back-to-the-Blog-Gedanken formuliert hat. Kathrin Passig schließlich fordere ich auf bitte ich, auf einer eigenen Plattform zu bloggen, exakt so, wie sie es auf Google Plus schon tut.

 

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