Kultur

Beipackzettel zum neuen Buch “Internet – Segen oder Fluch”

Es gibt ein brandneues Buch von Kathrin Passig und mir: “Internet – Segen oder Fluch“. Das Buch ist eine Anleitung zum doppelten Verständnis: Verständnis des Internet – und Verständnis für die Diskussionsgegner.

Wir haben es geschrieben, weil wir bei der Debatte um das Netz mit fast jedem neuen Artikel, jeder Talkshow und jedem Shitstorm das Gefühl hatten, dass etwas schief läuft. Schlimmer noch: dass etwas schief läuft und wir irgendwie Teil davon sind.

Ich kann nicht genau sagen, wann bei mir ein gewisses Unwohlsein begonnen hat, vermutlich Ende 2009, Anfang 2010. Es gibt eine Metapher von Thomas Mann, das ungefähr so lautet: Wenn der Kahn sich zu weit nach links neigt, dann beugt sich der Schiffer zum Ausgleich weit nach rechts. Mit der Binnenschifffahrt mag sich Thomas Mann ausgekannt haben. Mit der Diskussion um das Internet vermutlich nicht.

Irgendwann habe ich mich dabei ertappt, wie ich – als Reaktion auf mir widersinnig erscheinende Argumente von Netzkritikern – meine Statements immer plakativer dargestellt habe, weniger differenziert. Um mehr Wirkung zu erzielen, den Kahn auszugleichen. Außerdem fühlt sich “Ich glaube eher nicht, aber” im Nahkampf viel schwächer an als “NJET, SCHTONK!”

Zwischentöne, Graustufen, Ambivalenzen, schon immer bei mir vorhanden (wie bei den meisten anderen), habe ich ausgeblendet. Ich habe mir die Welt absichtlich einfacher gemacht, als sie ist. Weil ich mich nach Klarheit gesehnt habe, weil ich davon profitiert habe, weil ich Recht haben wollte, weil ich es nicht besser wusste. Bei der Recherche hat sich herausgestellt, dass dieses Pippi-Langstrumpf-Prinzip – ich mache mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt – nicht nur mein Problem war (und ist). Es handelt sich vielmehr um den weitverbreitenden Standard in der Internet-Diskussion. Und zwar auf allen Seiten.

Auch wenn in diesem Artikel eingangs eine Art Bekenntnis meine persönliche Motivation verdeutlichen soll, “Internet – Segen oder Fluch” ist kein Buch der Reue, sondern ein Buch der Erkenntnis, dass Weiterentwicklung notwendig ist, persönlich, inhaltlich, gesellschaftlich. Es ist deshalb ein Plädoyer für das Erwachsenwerden im Umgang mit Netz, Technologie, Gesellschaft. In den 1980er Jahren wurde in Deutschland der Begriff “Technikfolgenabschätzung” hip. Eigentlich bräuchte man soetwas heute auch für das Internet, und das Buch soll den Weg dafür bereiten. Denn der kann nur über Diskussionen führen, je ergiebiger, desto besser.

Über das Internet wird sehr viel geredet und sehr wenig miteinander gesprochen. Die mit Sven Regeners Schimpfkanonade Anfang 2012 gezündete, aber schon länger schwelende Urheberrechtskonfrontation ist ein typisches Beispiel. Frontenbildung auf beiden Seiten, Simplifizierung um der vermeintlichen Wirkung willen, Abtun der Gefühle und Argumente der jeweils anderen Seite als egal oder zumindest weniger wichtig. Die Leute auf der anderen Seite müssen dumm oder moralisch verdorben oder beides sein, sonst wären sie ja meiner Meinung – diese Haltung findet sich viel zu oft auf beiden Seiten. Das ist das vergammelte Herz der derzeitigen Netzdebatte: kaum jemand akzeptiert andere Prioritäten als die eigenen.

Freiheit und Sicherheit zum Beispiel sind fast immer Gegenspieler, und es ist legitim, eher der einen oder der anderen Seite zuzuneigen, auch in der Geschmacksrichtung Internet in dieser uralten Diskussion. Weder die eine noch die andere Position ist falsch, sie sind bloß unterschiedlich. Und zwar so unterschiedlich, dass sie dem jeweils anderen als vollkommen verantwortungslos erscheinen. Es gibt dabei keine naturgegebene Normalposition, alles ist Verhandlung.

Die Debatte um das Netz, das mag sich für manche nach einem Randthema anhören, aber sie ist weitreichender als selbst viele Experten glauben. Das Internet beeinflusst inzwischen auch Leute entscheidend, die gar nicht drin sind. Mit der Piratenpartei hat die Diskussion im Internet und um das Internet sogar einen Drall in Richtung “Veränderung der Demokratie” bekommen. In Island entsteht gerade eine im Netz zusammendiskutierte Verfassung, größer geht es ja kaum noch. Wir haben das Buch geschrieben, damit wenigstens ein paar Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden können, bevor alle Beteiligten versterben.

Das Buch ist gut geeignet, wenn

  • man besser verstehen möchte, wie das Internet funktioniert und was es mit der Welt macht
  • man die Schnauze voll hat von ermüdenden Diskussionen über das Netz
  • man technische und gesellschaftliche Hintergründe erfahren möchte zu den meistdiskutierten Netzthemen
  • man wissen will, wo welche Argumente vermieden werden sollten und warum
  • man ernüchtert werden möchte, weil hinter manchen Bereichen der Debatte schlicht unauflösbare Gegensätze stehen (Spoiler: zum Glück nicht hinter allen)
  • man manchmal nachts unter der Bettdecke heimlich daran zweifelt, ob man wirklich überall immer richtig liegt
  • man andere Positionen und ihre Geschichte verstehen möchte
  • kurz: wenn man Teil der Lösung sein möchte und nicht Teil des Problems

Das Buch ist nicht gut geeignet, wenn

  • man von Frontenbildung und Status Quo stark profitiert
  • man sich aus persönlichen Gründen radikalisieren möchte
  • man eine Allergie gegen Irokesenschnitte hat
  • oder wenn man generell keine Argumente mag, die mehr als 140 Zeichen brauchen.
In den letzten Monaten habe ich an mir gespürt, wie schwer es ist, nicht in die vielen Fallen zu tappen, die wir im Buch beschreiben. Immer wieder bin ich in holzweghafte Gesprächssituationen geraten und konnte mir gut bekannte Fehler nicht gleich vermeiden. Das wird vermutlich noch eine Weile so bleiben – aber ich glaube, dass der ständige, durchaus anstrengende Versuch einer redlichen Diskussion sich lohnt. Für das Internet und erst recht für die Menschen, die es benutzen.

Das Buch erscheint bei Rowohlt Berlin und kostet 19,99€ (Hardcover) bzw. 12,99€ (Ebook). Wenn man das Papierbuch kauft, bekommt man automatisch das Ebook mit dazu – und das hat keinen klassischen Kopierschutz (sondern nur ein sog. Wasserzeichen), übrigens alles andere als eine Selbstverständlichkeit bei einem großen Publikumsverlag. Hier auf Amazon kaufen (kein Werbelink).

tl;dr – Manchmal würde tl;dr mehr schaden als nutzen. Hier zum Beispiel.

Aktuelle Anmerkung
Die Diskussion einigermaßen redlich zu führen und Verständnis für das Gegenüber zu entwickeln, bedeutet nicht, positionslos zu sein. Blogleser werden bemerkt haben, dass ich mich gegen das Leistungsschutzrecht engagiere. Die Lehren aus unserem Buch in diesem konkreten Fall bedeuten aber, dass man die Sorgen der Presseverlage ernst nimmt, sie basieren auf echten Problemen. Ich glaube nur, dass diese Probleme samt Abhängigkeit von Google mit dem Leistungsschutzrecht schlimmer werden – andere Lösungen müssen gefunden werden, und zwar zur Refinanzierung von professionellem Journalismus im Netz. Die Verlage als verdammenswerte, gar überflüssige Feinde zu sehen, ist deshalb totaler Quark. Und natürlich kann man gleichzeitig sehen, dass Google ein problematischer Konzern ist UND gegen das Leistungsschutzrecht sein.

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Deutschland, Hotelwelten, Irrwitz im Detail

Viele Jahre versuche ich inzwischen schon, meine seltsame Liebe zu Hotels zu ergründen. Weniger zu Fünf-Sterne-Hotels, Luxus geht immer, Luxus lässt sich außerordentlich einfach toll finden, das muss nicht erklärt werden. Ich meine eher die Zuneigung zum Hotelgefühl. Kurz überschlagen kenne ich durch meine Vortragsreisen ungefähr 150 deutsche Hotels, die meisten davon sind Vier-Sterne-Hotels. Wer Deutschland kennenlernen will, sollte in ein Vier-Sterne-Hotel gehen. Dort findet sich die größte qualitative Spreizbreite, von wrackigen, ärgerlichen Absteigen bis zu Hotels, die nur deshalb keine Fünf Sterne tragen, weil das eine bestimmte Klientel von der Buchung abhalten würde, den normalen Geschäftsreisenden, den Vizeabteilungsleiter, den Jahreswagenfahrer, der in seinem mittelständischen Unternehmen übrigens das deutsche Bruttosozialprodukt irgendwie überraschend unabhängig von politischen und finanziellen Krisen erwirtschaftet und schon deshalb großen Respekt verdient hat.

Dass bei Vier-Sterne-Hotels so große Diversität zu finden ist, hängt auch damit zusammen, dass die Hotelklassifizierung ihre Wurzeln erkennbar in den 1960er Jahren hat und nur, sagen wir, recht behutsam aktualisiert wurde. So finden sich wunderbar anachronistische Relikte darin:
• ein Stern erfordert unter anderem “Tisch und Stuhl” im Zimmer, und – ja! – ein Telefax am Empfang.
• für zwei Sterne muss das Hotel “Leselicht am Bett”, “Duschgel oder Schaumbad” sowie “Kartenzahlung” anbieten.
• drei Sterne (die häufigste Hotelklassifizierung in Deutschland) bekommt ein Hotel, das neben anderen Kriterien wie “Nähzeug” auch einen “Systematischen Umgang mit Gästebeschwerden” vorweisen kann.
• bei vier Sternen muss vorhanden sein: ein “Internetterminal”, eine “großzügige Ablagefläche im Bad” und “Hausschuhe auf Wunsch”.
• für fünf Sterne schließlich braucht ein Hotel “Körperpflegeartikel in Einzelflakons” sowie einen Wagenmeisterservice.

Schlagt mich, gebt mir Tiernamen, aber in meiner Welt gelten Hausschuhe auf Wunsch selbst in Kombination mit einer großzügigen Ablagefläche im Bad nicht unbedingt als konsistente Qualitätskriterien. Was aber macht die Hotels, die ich besucht habe, die vielen, vielen unterschiedlichen Vier-Sterne-Hotels, so – ich traue mich das mal so zu nennen – liebenswert?

Es ist, davon bin ich inzwischen überzeugt, die Mischung aus Verlässlichkeit und Irrwitz. Auch das eine grandiose Parallele zu Deutschland, übrigens: wie in Deutschland ein Busfahrplan an der Haltestelle befestigt ist, da steht, der Bus kommt um 14:07, und dann kommt er um 14:07. Verlässlichkeit. Und wenn er nicht kommt um 14:07, auch nur eine Minute später, dann darf man sich aufregen. Und niemand findet etwas dabei, sich aufzuregen, sich beim Busfahrer oder auf Twitter zu beschweren, zu spät ist zu spät, ob eine Minute oder eine Stunde, da darf man sich in Deutschland hauptamtlich aufregen. Irrwitz. Um diese Verlässlichkeit trotz des Irrwitz zu schätzen, muss man wahrscheinlich mal in Bolivien (nichts gegen Bolivien, ein wunderbares, unterschätztes Land, aber eben anders) erlebt haben, wie der Bahnhofsvorsteher mit ernster Miene verkündet, der nächste Zug käme Dienstag. Und wann genau? Dienstag halt, der geneigte Reisende könne jedoch einen der Jungs dort drüben bezahlen, die ins Hotel flitzen würden, wenn der Zug käme.

Die Verlässlichkeit des Vier-Sterne-Hotels äußert sich darin, dass man schon nach kurzem Training, zwanzig, dreißig Übernachtungen, das Standardzimmer kennt, als wohnte man Jahre darin. Die Schließkarte vor die Tür gehalten, Klick, offen, der Zentralschalter gleich linkerhand, rechts der Flurspiegel mit Garderobe, zwei Schritt weiter die Tür zum Bad, wo auf knapp fünf Quadratmetern eine halbe Tonne Ziermarmor verbaut ist, die Wand über dem Waschbecken stets flächig verspiegelt, eine Aufstellkarte hält zum Schutz der Umwelt an, Handtücher sollen doch bitte mehrmals verwendet werden, rückwärts wieder hinausgetaumelt in das Flürchen, das türlos übergeht in den Schlafbereich, gleich links an der Wand, etwas zu hoch angebracht die Bedienung der Klimaanlage, die man sofort ausschalten muss, wenn einen das laute Rauschen stört, außer man hat das Zimmer neben dem Lift erwischt, dann ist auch schon alles egal, an der linken Wand die Bettanlage, ein nicht helles und nicht dunkles Holz umfasst Nachttische, Konsolen, Betten und führt zur Fensterfront, die gesichert ist vor Licht und Lärm mit einem speziellen Vorhang aus einem nur in Fachgeschäften zu kaufenden, so genannten “Verdunklungsstoff”, speziell gewoben dafür, dass unterhalb einer Supernova kein Licht durchdringt und sich eine laute Hupe durch ihn hindurch wie eine leise Hupe anhört. Gegenüber vom Bett im gleichen Holz das Schreibtischchen, übergehend in den Fernsehschrank, darunter die Minibar, Rotwein, Flaschenöffner und Chips im offenen Fach darüber, die teppichbezogene Kofferablage, ein Flügelschrank, der wiederum übergeht in die Spiegelgarderobe vom Anfang.

Das Vier-Sterne-Hotel ist (neben dem Alkohol) der Alkohol des Geschäftsreisenden, seine dämmerige Gleichförmigkeit macht ihn vergessen, in welcher Stadt er ist und warum, für diese paar Stunden zwischen der abendlichen Feuchtakquise mit Petersen vom Einkauf, dem er unbedingt noch einen Wartungsvertrag (24 Monate) dazuverkaufen muss um das Jahressoll zu schaffen, und dem morgendlichen Frühstück am Buffet zwischen welligem Käse und englischen Bohnen in zuckriger Tomatensoße, die noch niemals jemand gegessen hat, die vermutlich nur wegen irgendeiner internationalen Buffetklassifizierung dort liegen und braunrot stundenlang über der Ethanolflamme einkochen. Das ist also die Verlässlichkeit des Vier-Sterne-Hotels, das Deutschland entspricht, das einfach funktioniert, nicht so gut, dass man glücklich würde, aber doch so gut, dass es eine Unverschämtheit wäre, sich zu beschweren. Außer der Bus kommt zu spät.

Der Irrwitz des deutschen Vier-Sterne-Hotels dagegen – und wohl der eigentliche Grund für meine seltsame, kratzige Liebe zum Hotel – der Irrwitz liegt im Detail. Nicht immer nur im Detail natürlich, ich erinnere an die Disco-Dusche, die aus purem Irrwitz besteht. Aber das verlässliche, gleichförmige Hotelzimmer birgt stets Merkwürdigkeiten auf den dritten Blick. Die folgenden, aktuellen Beispiele stammen aus einem Hotelzimmer in Bielefeld mit sehr freundlichem Personal, wie so oft. Wahrscheinlich haben irgendwelche griesgrämigen Journalisten in den 1990er Jahren so oft “Servicewüste Deutschland” in ihre griesgrämigen Artikel geschrieben, bis das deutsche Hotelgewerbe in toto beschlossen hat, ihren Angestellten eine ständige, ausdauernde, offensive Freundlichkeit in die Köpfe zu pressen. In zehn Jahren Hotelerfahrung habe ich zwei oder drei Mal Unfreundlichkeit des Personals erlebt. Aber dafür sehr oft Unfreundlichkeit von Gegenständen: zurück ins Bielefelder Vier-Sterne-Hotel.


Es fängt mit der stillen Anschuldigung an, die in den Kleiderbügeln wohnt. Die Bügel haben diese Antidiebstahlvorrichtung, sie lassen sich nur in die speziellen Bügelhalter an der Stange einhängen, statt eines normalen Hakens ist da ein Pinöppel. Der Hotelbügel ohne Haken ist der passiv-aggressivste Gegenstand des Planeten. Wer klaut bitteschön Bügel? Ich weiss nicht, zu welcher Zeit oder ob überhaupt jemals Bügelklau in Deutschland in Mode war, ich weiss nur, dass ich mir regelmäßig vornehme, Hotelbügel mit Pinöppel kaputtzumachen oder in einen Mülleimer zu schmeissen. Ich lasse mich doch von einem ordinären, kastrierten Hotelbügel nicht als potenzieller Dieb beschimpfen! Ich will Eure dämlichen Scheißbügel gar nicht, habt Ihr verstanden? Meine Hotelbügel-Aggression, das habe ich festgestellt, ist übrigens die gleiche wie meine Aggression gegen komplizierte DRM-Maßnahmen in Musikdateien, beide vermögen in bestimmten Momenten, eine dunkle Wut aufsteigen zu lassen, bei der ich beim besten Willen nicht mehr für die Sicherheit anwesender Alkoholika garantieren kann.

Der Irrwitz in diesem Detail ist nicht leicht zu entdecken. Gut, die Klobigkeit des Design von dieser Badewannenarmatur wirkt wie von Kim Il Yong für Kim Il Yong gestaltet. Diese zahnbelagfarbenen Plastikgnubbel, dieses Alltagsobjekt, das erahnen lässt, warum in der ersten großen deutschen Science-Fiction-Serie, Raumschiff Orion, die Ausstattung der Kommunikationszentrale des Raumschiffs aus unveränderten Badezimmergerätschaften bestand, da wurde in einen Duschkopf hineingesprochen.

Tatsächlich aber offenbart sich die volle Packung erst in der Benutzung, denn oben auf dem Wasserhebel dieser Armatur ist links eine blaue Fläche und rechts eine rote. Und das heisst? Dass die Drehung nach links heisses Wasser fliessen lässt und nach rechts kaltes. Exakt andersherum, als man erwartet. Und das absichtlich, denn der Wasserhahn am Waschbecken funktioniert ebenso. Purer, deutscher Irrwitz, diese besondere Ausprägung, bei der man sich fragt: es ist meine Erwartung, die völlig verquer ist? Oder ist es das System? Deutscher Qualitätsirrwitz funktioniert genau so, dass man sich ständig fragt, ob man nicht vielleicht doch selbst verrückt ist.

Ich hatte länger einen Albtraum, von dem ich dachte, es wäre allein mein Privatalbtraum. Er geht so: ich wache in einer normal scheinenden Welt auf, alles ist wie immer, gewohnt, normal, nachvollziehbar. Und dann – BÄM – muss ich an einem winzigen Detail erkennen, dass ich offenbar in einer Scheinwelt lebe. Manchmal ist es nur ein Detail wie ein Türknauf, der auf der Seite der Türscharniere angebracht ist, aber alle finden es normal. Manchmal ist es ein Detail, dass bei der Ampel die mittlere Farbe nicht orange ist, sondern lila, und alle anderen finden es normal. Es ist zum schreien, dass niemand schreit. Ein Horrortraum, eingesperrt in eine so gewohnt erscheinende Simulation der Normalität, ein Detail nur, das verrät, dass ich in einem völlig unberechenbaren Paralleluniversum gefangen sein muss. “Was hast du denn nur, Ampeln sind doch immer lila?”.
Wie gesagt, ich dachte lange, das wäre mein Privatalbtraum. In Gesprächen habe ich festgestellt, dass es ein ausgesprochen häufiger Albtraum ist, vielleicht der deutsche Normalalbtraum. Es läge nahe. Und ein Wasserhahn, dessen einbauender Klempner offensichtlich konsequent so anders verschaltet ist im Gehirn als ich, ein Hotel, das diesen Umstand nicht ändert, weil sich offenbar kein Gast irritiert beschwert – das gerät schon verdächtig in die Nähe der lila Ampel.

Warum klebt man Punkte auf die Kronkorken der Flaschen in der Minibar? Gut, es handelte sich um Zimmer 114, das könnte die 14 erklären. Aber nicht den Grund für diese Klebepunkte. Welches Problem lässt sich so lösen? Ein Diebstahlproblem des Personals? Oder haben Gäste immer heimlich die Flaschen ausgetauscht? Man weiss es nicht, und vielleicht will man es auch nicht wissen, denn auch hinter diesem Detail könnte der Irrwitz verborgen sein. Immerhin denkt jemand hinter den Kulissen nicht daran, wie so etwas auf Gäste wirken könnte. Dass jede außerplanmäßige Veränderung und Verwirrung im Zusammenhang mit Lebensmitteln irgendwie verstörend daherkommt. Dass gleichförmige Zuverlässigkeit gerade hier besonders wichtig ist. Beschriftete Punkte auf Kronkorken, nun gut, die Flaschen sind ja auch von Colani gestaltet, da ist das Verstörungsmaximum sowieso schon erreicht.

Während Fünf-Sterne-Hotels tatsächlich in den meisten Fällen recht geschmackvoll eingerichtet sind, geht es in den Klassifizierungen darunter durchwachsen zu. Ich persönlich schätze die ehrliche Spanplattenhässlichkeit der Zwei-Sterne-Absteigen, in die ich ab und an gerate. Aber die Zimmer in Vier-Sterne-Hotels scheinen fast durchgehend gestaltet zu sein von Leuten, die gern in Musicals gehen und Siegfried & Roy für Stilikonen halten. So, als hätte man Elvis nach einer zermürbenden Entziehungskur zwölf Valium eingeflößt und ihn dann gezwungen, die Möbel, die Textilien und die Muster auszuwählen aus dem Wohnmagazin “1000 Jahre Wartezimmermöbel”. Das Vier-Sterne-Zimmer sieht oft aus, als wäre Graceland in Rente gegangen. Teppich an den Wänden, gülden verspiegelte Bettintarsien, eine polierte Messing-Attacke auf das Hirn des Reisenden. Eine flexibel schwenkbare Lampe an einen Spiegel zu montieren, dafür muss sich irgendjemand aktiv entschieden haben. Ebenso dafür, die gleiche Lampe nochmal neben dem Bett anzuschrauben. Die Botschaft, die solche Inneneinrichtungen transportieren – überall in der Bundesrepublik – kann nur eine sein: frage nicht nach dem Warum, Reisender, wenn überhaupt jemand den Grund weiss, wird es der deprimierendst vorstellbare sein. Vielleicht der Kern des deutschen Irrwitzes, der sich wie DNS findet in jedem Hotelzimmer und überall: die Frage nach dem Warum ist letztlich unstellbar.

Vielleicht das irrwitzigste Detail, vielleicht das Detail, das noch jede Disco-Dusche zum Fanal der Normalität erhebt. Ein kleiner Aufsteller mit einem kurzen Text, wie er sich ähnlich in fast jedem Hotel findet, weil sich so die Umwelt sparen und das Budget schützen lässt. Die Aufforderung, die Handtücher mehrfach zu verwenden.

Aber wie kommt sie hier daher. Als Studie getarnt, so erkennbar ausgedacht, dass man überlegt, ob es nicht ein Bundesamt für Studiensicherheit gibt, bei dem ein solcher Missbrauch des Begriffs “Studie” meldepflichtig wäre. In einem Paralleluniversum mit lila Ampeln gibt es das sicher, aber hier, im normalen Vier-Sterne-Deutschland, muss man sich von einem Schild sagen lassen, dass drei von vier Gästen, dass 75% der Besucher des Zimmers bisher – laut laufender Studie! – ihre Handtücher mehrfach benutzt haben. Was für ein irrwitziger Appell, der zwischen sozialem Gruppendruck und Hörigkeit gegenüber der Studie, dem Hochamt der Technokratengesellschaft, daherkommt. Und wiederum diese schon pathologisch zu nennende, passive Aggression – “Wollen Sie wirklich zu den einen von vieren gehören, die die Umwelt im Alleingang schädigen, weil sie ihre Handtücher nur einmal benutzen wollen?” Nebenbei übernachtet der durchschnittliche Geschäftsreisende so häufig nur einmal, dass die Zahl einfach nur ausgedacht sein kann. Völlig abgesehen davon, dass es absolut unvorstellbar ist, dass die Zimmerpflegefachkraft nach der Übernachtung ins Badezimmer geht, nachschaut, ob der Reisende “an der Studie teilgenommen” oder das Handtuch in die Badewanne geschmissen hat, dann den Taschenrechner nimmt, das neue mathematische Verhältnis errechnet und schließlich auf einem neuen Schild einträgt: Zimmer 114, 76,2% Teilnehmer an der Studie.

Da lügt ein Schild im Namen der Umwelt also den Hotelgast dreist an, erzählt von der Teilnahme an laufenden Studien und Umweltprogrammen und ist auch sonst wie von Außerirdischen getextet. Das alles erklärt vielleicht nur ganz unzureichend meine seltsame Liebe zu Hotels, trotz meines Hangs zu Verlässlichkeit und Irrwitz. Aber vielleicht deutet es ja darauf hin, dass ich längst in einem Paralleluniversum lebe. Oder wir alle. Traut sich jemand, nach lilanen Ampeln zu schauen?

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Kollision der Geschmacksdimensionen

Ich mag Hotels, sie geben mir das Gefühl von Unabhängigkeit. Und sie schenken mir die Möglichkeit, mich fast überall ein kleines bisschen zu Hause zu fühlen. Weil ich oft beruflich unterwegs bin, übernachte ich ungefähr alle anderthalb Wochen in Hotels und habe dabei eine Art Hobby entwickelt: ich kümmere mich um die Übernachtung erst unmittelbar vor der Übernachtung. Der Geschmack von Zivilisationsabenteuer und Freiheit in a nutshell, Aroma neobourgeois. Eigentlich ist es in zehn Jahren erst zweimal schief gegangen, einmal musste ich in Nizza absurd, wirklich ABSURD viel Geld für die Übernachtung bezahlen und einmal bin ich in Düsseldorf zu Messezeiten stundenlang herumgeirrt, bevor ich um halbvier Morgens auf die Idee kam, in eine Jugendherberge zu gehen. Sonst: immer Hotelzimmer, immer angemessene Preise, immer interessante Überraschungshotels, Einblicke in seltsame Welten. Schon die Gesichter der Handlungsreisenden im Frühstücksraum würden für eine zehnbändige Anthropologiehabilitation reichen.

Nach der Eröffnung der CeBIT in Hannover fahre ich kurz vor Mitternacht in Richtung Hauptbahnhof, um ein Hotelzimmer zu buchen. Erster Schuss ein Treffer, für Messezeiten sogar angemessen bepreist (halbwegs), außerordentlich freundlicher Nachtportier. Man muss wissen, dass Nachtportier einer der anstrengendsten und zugleich schlechtestbezahlten Jobs überhaupt ist, in nicht wenigen Hotels müssen diese Männer alles, wirklich alles allein erledigen, von Sicherheitsrundgängen über Gästebetreuung und Reparaturen bishin zu Putzarbeiten.

Das Hotel selbst geizt schon im Eingangsbereich nicht mir marmorhaftem Surrounding, die Zimmer und Etagen haben keine Nummern, sondern regional geprägte Namen, ich lande in der Etage “Gärten” im Zimmer “Welfenallee”. Modern eingerichtet, durchaus geschmackvoll, wenn auch leicht verdesignt im Detail, etwas übertriebener Einsatz von Wurzelholzimitat vielleicht.

Dann aber.

Die Dusche. Duschen sind in Hotels crucial, wie wir ICE-Reiseritter sagen, an der Dusche erkennt man die Substanz des Hotels. Ich gehe auf die Dusche zu, eine Glastür schliesst die vollvermarmorte Duschkammer ab. Aufgestossen, die Tür, und hinein ins Naßzimmerchen, nur sind die Halogenlämpchen aus. Die Bedienung der Dusche erfolgt mit in die Wand eingelassenen Metallknöpfen, vier an der Zahl: On/Off, wämer, kälter, Umschalter zwischen Handbrause und festmontiertem Duschkopf an der Decke. Dazwischen eine digitale Temperaturanzeige. Post-Steampunk, retroinnovativ, auf eine Art, so mag man sich 1967 die “Dusche 2000” vorgestellt haben.

Bestimmt geht das Licht an, wenn man auf On/Off drückt?

Ja. Aber nicht nur das. Die Dusche fängt an zu brausen, die Temperaturanzeige leuchtet auf – die Lämpchen strahlen in grellem Pink und dazu beginnt auf dem Monolautsprecher in der Dusche, den ich gerade erst entdecke, das Lied “It’s raining men” von den Weather Girls. Schockstarre. Dann ändert sich die Farbe des Lichts. Blau. Grün. Rot. Weiss. Und wieder Pink. Das Lied geht weiter, immer noch bin ich schockstarr, dann endet das Lied, nur, um wieder von vorn anzufangen. Und dann begreife ich.

Ich bin in eine Discodusche geraten, in der eine nicht abschaltbare Lichtorgel als einzige Beleuchtung in die Decke eingelassen ist und dazu in Endlosschleife “It’s raining men” gespielt wird. Es ist die vermutlich weltweit niederträchtigste Art, unbescholtene Hotelbürger vom ausdauernden und für das Hotel energieaufwändigen duschen abzuhalten. “It’s raining men” in der Discodusche, darauf muss man erstmal kommen, bzw. wäre ich froh gewesen, wenn man eben nicht drauf gekommen wäre.

Wir lernen daraus: die gezielte Verbindung von Technologie und Kultur spart Energie und Geld. Aber um welchen Preis?

Pics or it didn’t happen? Ja, gern, obwohl jedem klar sein sollte, dass die menschliche Phantasie außerstande ist, so etwas zu erfinden, habe ich einen Videobeweis angefertigt. Keine Angst, nicht nur aus urheberrechtlichen Gründen sind nur die ersten Millisekunden des Lieds zu hören:

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Siegfried Kauder und der Große Bär

Ja, hier!
Ich!
Ich verdiene einen Teil meines Geldes, weil das Urheberrecht existiert, vor allem mit meinen Büchern, die in einem klassischen Verlag erscheinen, nämlich Rowohlt.

Ich mag die Substanz des Urheberrechts, ich bin der Überzeugung, dass bestimmte Formen des geistigen Eigentums für eine Gesellschaft sehr wichtig sind, weil dadurch das Nachdenken und Kreieren belohnt wird. Meine Idealvorstellung von Gesellschaft ist eine, in der viele, auch unterschiedliche Menschen hauptberuflich nachdenken und kreieren können. Und das Urheberrecht trägt dazu bei.

Allerdings ist das Urheberrecht vor drei Wochen 46 Jahre alt geworden, und damit, wie soll ich es sagen, nicht unbedingt ein Digital Native. Da helfen auch die Bypass-Operationen der vergangen Jahre, getarnt mit dem Wort “Körbe”, nicht wirklich weiter. Denn das Netz und auch der gesellschaftliche Wandel bedingen ohne jeden Zweifel ein neues, der digitalen Welt angemessenes und würdiges Urheberrecht. Wie das genau aussieht, kann ich nicht sagen, ich glaube, niemand könnte das derzeit, ich wäre aber gern bereit, daran in einem mir möglichen Rahmen mitzuarbeiten.

Denn ein digitales Fundament zu legen für das wichtigste Gesetz der zukünftigen Kulturlandschaft, das wird viel Arbeit sein. Der Interessenausgleich zwischen den unterschiedlichen Gruppen wird für sich genommen schon schwierig. Und ich möchte bei aller Liebe nicht, dass Menschenrechte, auch digitale, weniger Wert sind als das Urheberrecht und seine Durchsetzung. Völlig unabhängig davon, dass ich davon rein finanziell unter Umständen vielleicht eventuell nach Darstellung von Lobbygruppen vielleicht profitieren würde (was ich nicht glaube, übrigens).

Wegen der Komplexität und der überaus hohen Relevanz verlange ich als Autor und Bürger zuallererst, dass sich Profis mit der Entwicklung des neuen Urheberrechts beschäftigen. Leute, die wissen, was sie tun, eben Leute, die darüber hauptberuflich nachdenken.

Jetzt kommt Siegfried Kauder ins Spiel – oder eben gerade nicht. Kauder hat sich vor einiger Zeit auf peinliche Weise angebiedert bei einem Lobbyverband, der glaubt, er würde die Idee des Urheberrechts verteidigen, aber tatsächlich versucht, das 20. Jahrhundert möglichst lange aufrecht zu erhalten.

Und nun wird schlagartig klar: Siegfried Kauder ist der falschestmögliche Mensch, um an einem neuen Urheberrechtsgesetz für das Internet zu arbeiten. Nicht nur, dass es ihn selbst nicht kümmert, was die Bildrechte auf seiner eigenen Homepage angeht. Dazu noch gibt er eine Erklärung ab, die zeigt, dass er nicht einmal den Begriff “Urheberrecht” richtig verwenden kann. Dabei ist die Beherrschung der Sprache seit über 2000 Jahren das Fundament von Gesetzestexten und Rechtsprechung, die ja genau deshalb auch so heißen. Als zusätzliches Sahnekrönchen hat Kauder mehrfach gezeigt, dass er vom Internet keinerlei tiefere Kenntnis besitzt, aber sich pressewirksame Meinungen anzueignen versteht.

Ich bin sauer, ich bin sehr, sehr sauer. Es gibt Kräfte, die das Urheberrecht abschaffen oder in die Unwirksamkeit treiben wollen. Dieses Vorhaben ist politisch auch ihr gutes Recht, die Begründungen dafür sind nicht mehr so hanebüchen wie vor ein paar Jahren, sondern kommen zunehmend intelligent und durchdacht daher. Wie beschrieben, halte ich diese Überzeugung für unrichtig, selbst wenn ich sie ernst nehme. Aber politisch für ein neues, ausgewogenes, durchdachtes Urheberrecht zu kämpfen, das erfordert doch Integrität, Sachkenntnis, Auseinandersetzung. Es erfordert – und da bin ich total altmodisch, ihr Flitzpiepen – es erfordert verdammte Vernunft. Vernunft wie in “die Realität nicht leugnen”. Vernunft wie in “die eigenen Worte ernst nehmen”, wer sollte sie denn sonst ernst nehmen können. Vernunft wie – Überraschung! – in “nachdenken”.

Siegfried Kauder hat sich mit seinen Aktionen und vor allem dem aktuellen Urheberrechtsdebakel samt realitätsferner Begründung zur Witzfigur gemacht. Er hat damit denjenigen, die ein neues, gutes Urheberrecht wollen, das in der digitalen Welt wirklich funktionieren kann, einen Bärendienst erwiesen, dessen dazugehöriger Bär ungefähr dem Umfang des Sternbilds Großer Bär entspricht.

Ich fasse zusammen: Jemand, der weder das Internet versteht noch den Begriff “Urheberrecht” richtig zu verwenden in der Lage ist, der auf der eigenen Webseite keine Hemmungen hat, das Urheberrecht mit Füssen zu treten und anschließend kein echtes Unrechtsbewusstsein an den Tag legt, sondern in einer nordkoreanisch anmutenden, beinahe guttenbergischen Realitätsverdrehung versucht, sein eigenes Fehlverhalten als Beweis seiner abstrusen Vorstellungen von Urheberrecht und Internet umzudeuten – 

so jemand wie Siegfried Kauder also ist nicht nur Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestags, sondern versucht auch, das Urheberrecht, von dem ich lebe, in die digitale Zukunft zu führen. Haltet die Druckerpressen an, streicht im Duden die Wendung “den Bock zum Gärtner machen”, schreibt fürderhin “den Kauder Gesetze machen lassen”.

Für mich führt an einem Rücktritt vom Vorsitz des Rechtssausschusses des Bundestags nach eingestandenem mehrfachem Bruch geltender Urheberrechtsgesetze kein Weg vorbei.

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Erdmöbel, Herrndorf – Label Mates

Erdmöbel, Herrndorf – Label Mates

Ab und an stört mich die Angst einiger Leute, für “anbiedernd” gehalten zu werden, wenn man etwas ungebrochen für fantastisch hält. Coolness ist morsches Holz, Begeisterung ist Gold, deshalb begeistere ich mich an dieser Stelle für Erdmöbel und Wolfgang Herrndorf. Erdmöbel ist heute mit einer Mischung aus Lesung und Konzert in Berlin im Babylon Mitte, um 20.00 Uhr.
Starke Hinkommempfehlung.


Zur Frankfurter Buchmesse bei einem Essen traf ich Markus Berges, der ebenfalls bei Rowohlt Berlin einen Roman mit dem Namen “Langer Brief an September Nowak” geschrieben hat. Markus erzählte von seinem Musikerdasein und erwähnte in diesem Zusammenhang, dass wir bei Rowohlt Berlin “Label Mates” seien, ein wunderschöner Begriff, den ich nicht kannte. Weil ich auch glaubte, ihn nicht zu kennen, unternahm ich das einzig Natürliche und googelte ihn unter dem Tisch, während ich so tat, als würde ich in die Speisekarte schauen. Und dann war Markus Berges auf einmal der Sänger von Erdmöbel, einer Band, die ich nicht schätze, sondern bis ins Lächerliche hinein kultisch verehre. “Strohfeuer” habe ich zu einem guten Teil zu den Liedern von Erdmöbel geschrieben, auf repeat gestellt, natürlich, von “Lang schon tot” bis zu “Wurzelseliger”, einem etwas hemdsärmligerem Stück. Und auf einmal bin ich Label Mate vom Erdmöbel-Sänger; Tage tanzte ich. Und auch ihr sollt tanzen und hören, und zwar heute Abend im Babylon Mitte, wie oben steht. Auf der Rückfahrt mit dem Auto von Frankfurt nach Berlin habe ich vom neuen Album KrokusDas Leben ist schön” fast einhundertmal auf repeat gehört, das Lied hat mich in diese Stimmung des melancholischen Pathos versetzt, wo man je nach Tageslaune vor Freude Schluckauf bekommt oder Tränen in den Augen hat und nur noch Riesling hilft.
[Link zum Erdmöbel Youtube-Channel]


Wolfgang Herrndorf habe ich 2003 im Internet kennengelernt, da hatte er gerade den furios verzweifelten Roman “In Plüschgewittern” geschrieben. Jetzt hat er den Roman “Tschick” veröffentlicht, auch bei Rowohlt Berlin natürlich, der hervorragend besprochen wird, natürlich zu Recht. Ich bin gerade mitten dabei, den Roman zu lesen, aber es nimmt mich mit, denn ich kenne die Geschichte der Entstehung. Wolfgang Herrndorf hatte Anfang des Jahres mit Kopfschmerzen und motorischen Störungen zu kämpfen. Der Grund dafür war der schlimmstmögliche Grund, den man auf die Schnelle in Wikipedia finden kann außer vielleicht einem Asteroideneinschlag in Kopfnähe, nämlich ein Glioblastom. Es handelt sich um den aggressivsten, gefährlichsten, arschlochartigsten Hirntumor im an Gefährlichkeiten nicht eben armen Krebsreigen. Während das Buch “Tschick” entstanden ist, den Tumor im Nacken und gleichzeitig ein wenig darüber, hat Wolfgang Herrndorf Tagebuch geführt. Inzwischen ist das Tagebuch in Blogform öffentlich, zu finden unter http://wolfgang-herrndorf.de – ich empfehle eine andere Reihenfolge als die chronologische, nämlich zuerst “Dämmerung” zu lesen, dann die Rückblenden eins und zwei und dann hier beginnend den Rest dieses ärgerlich großartigen Blogs. Und dann selbstredend “Tschick”. Schliessen möchte ich mit einem Zitat aus dem Blog, das den Startschuss zu diesem Roman darstellt:

Ich fange an, mich vorsichtshalber auf drei Monate runterzurechnen. Könnte man leben, wenn man nur noch drei Monate hat? Nur noch einen Monat?

Ich werde noch ein Buch schreiben, sage ich mir, egal wie lange ich noch habe, wenn ich noch einen Monat habe, schreibe ich eben jeden Tag ein Kapitel. Wenn ich drei Monate habe, wird es ordentlich durchgearbeitet, ein Jahr ist purer Luxus.

Was könnte man noch machen? Der Gedanke, den Diktator einer Bananenrepublik zu erschießen, drängt sich als sinnvollste Möglichkeit in den Vordergrund, viel besser läßt sich das Leben nicht nutzen. Mit der Winchester meines Vaters. Aber die Diktatorendichte vor meiner Haustür ist gering, und für einen ausgeklügelten Miles-and-more-Terrorismus reicht es vermutlich nicht mehr.

Liste von Dingen, die besser geworden sind: Nie wieder Steuererklärung, nie wieder Rentenversicherung, nie wieder Zahnarzt. Ich werde meine Eltern nicht zu Grabe tragen. Größte Horrorvorstellung meiner letzten Jahre: Ich stehe in ihrem Reihenhaus, umgeben von Erinnerungen und einem riesigen Hausstand, den ich weder entsorgen noch bewahren kann.

Schlimme Konzentrationsstörungen. Wenn ich lese, ergänzt mein Gehirn jeden Satz: Lee Harvey Oswald ging die Straße entlang, und du wirst sterben. Er sah die Autos, und du wirst sterben. An allen Gegenständen und Menschen haften jetzt kleine Zettel mit der Aufschrift Tod, wie mit Reißzwecken dahingepinnt. C. legt ihren Arm um meine Schulter: Tod. Sie lächelt: Tod.

Nachtrag: Twitternutzer “Kotzend Einhorn” hat für den WDR einige Passagen von Tschick eingelesen.

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Strohfeuer Appfragen

In der vergangenen Woche zur Frankfurter Buchmesse wurde die iPhone/iPad App für “Strohfeuer” vorgestellt, explizit als App (den gesamten Text enthaltend) und nicht als iBook. Weshalb das über das normale eBook – seit September verfügbar – hinaus erwähnenswert ist, versuche ich im Folgenden zu beantworten, und zwar mithilfe von Fragen aus der geschätzten Perspektive des kritisch-aufgeklärten Digitalkonsumenten.

Warum kostet die App sagenhafte 18,99 €?
Die Preispolitik von Rowohlt ist wie bei vielen anderen deutschen Verlagen so abgestuft, dass die elektronische Variante immer soviel kostet wie die derzeit preisgünstigste Papierausgabe des Buchs. “Strohfeuer” ist als Hardcover erschienen, da sind 18,95 € ein normaler Preis für ein entsprechendes Ebook in deutscher Sprache. Die 9 am Ende ist Apples Preisabstufungsdiktat geschuldet.

Aber für eine App muss man doch keine getöteten Bäume bedrucken, das muss doch billiger sein!
Diese Preispolitik ist, wie der Name bereits andeutet, politisch begründet und hat in diesem Fall mit den tatsächlichen Herstellungskosten etwa soviel zu tun wie der Preis einer Kinokarte mit den Produktionskosten des Films. Aber ich natürlich sehe ich das Argument auch aus dem Blickwinkel der finanzschwächeren iPhone-Nutzer und deshalb…

Ja, was?
… deshalb erhöhe ich einfach die Leistung der Strohfeuer-App, weil ich den Preis natürlich nicht eigenmächtig herabsetzen kann. Famoserweise hat das digitale Labor von Rowohlt sich etwas ausgedacht, das sich “digitalbuchplus” nennt und diesen Herbst mit vier Titeln startet. Es handelt sich dabei um verschiedene Ideen, die das Buch über den bloßen Text hinaus versupern sollen.

Zum Text von “Strohfeuer” gibt es also heitere Fotos und muntere Filmchen dazu?
Nein. Während bei den anderen Projekten, etwa bei der Einstein-Monographie, sinnvollerweise Film-, Ton- und auch gescannte Papier-Dokumente eingebaut sind, besteht die Anreicherung bei “Strohfeuer” aus autorenorientierter interaktiver Textkommunikation, wie wir coolen Agency People sagen. Ein Roman wird durch Videoclips nicht zwingend automatisch verschönert, so die Überlegung.

Was heisst das genau?
In der Strohfeuer-App verbirgt sich die so genannte Buchfrage. Dabei kann man an jeder Stelle des Buchs ein Stück Text markieren, drauftippen und dann dazu direkt eine Frage stellen (siehe Abbildung). In der App, auf der Plattform Lovelybooks.de, aber auch hier auf meinem Blog kann man dann unter saschalobo.com/strohfeuer/buchfrage die Fragen sehen – und meine Antworten dazu, denn ich werde sie sämtlich selbst beantworten.


Was soll das bringen?
In Woody Allens Film “Der Stadtneurotiker” gibt es eine berühmte Szene in einer Schlange an der Kinokasse, in der jemand lautstark darüber redet, was Marshall McLuhan in seinem Werk habe sagen wollen. Allen holt den echten McLuhan hinter einem Plakat hervor, der vor Ort erklärt, was wie gemeint war. Woody Allen schliesst die Szene mit dem Wunsch “If life were only like this”. Im Internet für mein Buch “Strohfeuer” is life jetzt like this, weil ich in den nächsten Wochen digital hinter der App lauere und alle auftretenden Fragen so schnell wie möglich – fast in Echtzeit – versuche zu beantworten. Was es aber genau bringt und ob es dem Publikum bei einem Roman als geeigneter Gegenwert erscheint, das muss man erst noch herausfinden.

Hm, was wäre denn das schlechtesterwartete Ergebnis?
Es werden fünf gleichlautende Fragen gestellt (“Wieviel Sascha Lobo steckt in der Hauptfigur?”) und dann interessiert sich nie wieder jemand dafür, weil die von mir für irrsinnig toll gehaltene Autoren-Interaktivität keinen erkennbaren Vorteil für das Publikum bringt, zumindest für Romane, bzw. für diesen Roman von mir.

Und was wäre das allerbeste Ergebnis, wenn möglich in für Sie typisch überhöhender Weise dargestellt?
Die Buchfrage bewegt Tausende dazu, sich die App zu kaufen und Fragen zu stellen, die ich direkt beantworte, wodurch der Buchgenuss sich erhöht. Im Gegenzug entdecke ich, welche Stellen eventuell unverständlich oder doof sind und welche witzig sind oder gut ankommen. Im besten Fall verändert sich mein Schreiben, weil es praktisch für jede Zeile direktes Feedback gibt, ich erkenne als Autor, ob die von mir beabsichtigte Wirkung oder Aussage von dieser oder jenen Passage überhaupt beim Publikum angekommen ist. Auf diese Weise verändert sich auch die Arbeit an Büchern in der Zukunft, zumindest, wenn der Autor das möchte.

Kann man auch Fragen stellen, wenn man das Papierbuch gekauft hat oder auch einfach so ohne Buch?
Ja, dazu muss man sich sogar noch nicht einmal bei lovelybooks.de anmelden, Mailadresse und Name reichen aus (das stand hier vorher andersherum, jetzt ist es richtig).

Und wann kommt die Android App?
Die wird so bald wie möglich kommen, sie ist in Arbeit. Schon allein, um sich nicht von Apple abhängig zu machen, denn die durchaus problematische Firma Apple hat außerordentlich seltsame Vorstellungen davon, wie man mit schriftlichen Kulturgütern umgeht. Die ersten Vertragsentwürfe von Apple für verschiedene deutsche Verlage beinhalteten angeblich eine Liste mit Worten, die im Text nicht ausgeschrieben vorkommen dürften. Dass zumindest Rowohlt diese groteske Situation nicht akzeptieren konnte und wollte, sieht man an der Strohfeuer-App, in der exakt 43 Mal das Wort “Fuck” zu lesen ist (sowie 15 Mal “Hitler” in verschiedenen Varianten).

Un das alles soll also die Antwort sein auf die Frage, wie das Digitalbuch der Zukunft aussieht?
Ehrlich gesagt weiss ich nicht, wie das Digitalbuch der Zukunft genau aussieht. Ein paar qualifizierte Vermutungen kann ich gern äussern, dazu brauche ich nur ein in Gesichtsnähe gehaltenes Mikrophon. Aber ob sich die Realität meinen Prognosen unterzuordnen gedenkt, kann man im Moment nicht sagen. Um so wichtiger ist es, auszuprobieren, was für die Käufer funktioniert und was nicht. Das wissen sie nämlich im Bereich Technologie oft selbst noch gar nicht so genau, woher auch. 2005 hätte ich auf die Frage, ob ich ein Handy mit Touchscreen haben will, geantwortet: “Touchscreen? Sie meinen diese Fahrkartenautomaten-Technik, die zwei Minuten nach der Berührung etwas ganz anderes tut als ich eigentlich wollte?” Ich fürchte also, wir müssen alle gemeinsam ausprobieren, wie ein Digitalbuch in Zukunft aussieht, damit die begeisterten Massen bekommen, wonach sie verlangen.

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Strohfeuer – Kleine Kritikschau

Als am Freitag “Strohfeuer” (das ist mein Romanerstling) startete (seit heute gibt es das Ebook übrigens auf den für Rowohlt üblichen Downloadplattformen), war die Resonanz nicht schlecht. So als Menge an Resonanz betrachtet, aber zu einem Teil auch qualitativ. Sehr schön war zum Beispiel die Kurzkritik von Ijoma Mangold in “Die Vorleser” im ZDF am Freitag Abend:

Zitate aus Mangolds Beschreibung:

“… ein herrliches Buch, ein Brevier für Hochstapler … eine intelligente, eine boshafte, eine köstliche Satire … zugleich aber auch ein Selbstportrait, wo das eigene Blendertum ein wenig auf die Schippe genommen wird.”

Auch auf Focus.de ist noch am Freitag ein positiver Text von Jennifer Reinhard erschienen, überschrieben mit ““Strohfeuer”: Zwischen Genie und Größenwahn“, hier eine Passage:

Temporeich und mit der Akribie eines Soziologen schildert Lobo das Lebensgefühl einer Generation, die glaubte, per Mausklick die Welt beherrschen und die Gesetze des Markts auf den Kopf stellen zu können. Er entlarvt die New Economy als das, was sie war: ein Luftschloss, das auf nichts als Hybris und der Hoffnung auf schnelles Geld fußte. Dabei begeht der Co-Autor von „Wir nennen es Arbeit“ und des Ratgebers „Dinge geregelt kriegen“ zu keiner Zeit den Fehler, zu viel Mitleid mit den Figuren in diesem Marionettentheater aufkommen zu lassen.

Auf News.de schreibt Ronny Janke den Artikel “Drama aus der Seifenblase“, mit der irgendwie verschwundenen, aber in der URL noch vorhandenen Unterüberschrift “Der Ton der Web 2.0-Generation”:

Lobo erzählt dieses New-Economy-Märchen äußerst charmant, setzt auf glaubwürdige Charaktere, die über sich selbst hinauswachsen wollen und am Ende scheitern, weil der eigene Hochmut sie zu Fall bringt.

Im Kölner Stadtanzeiger erscheint (von der Agentur dapd aus) weniger eine Kritik als der Bericht “Die Ekel-Faszination der Gier” von einem Autor, der auch auf der Berliner Lesung am letzten Freitag war:

Sich mit einem der beiden Charaktere voll und ganz zu identifizieren, wird wahrscheinlich nicht einmal dem gelingen, dessen Leben sich zu Beginn des neuen Jahrtausends in Berlin abspielte und allein von der Sucht nach dem “großen Ding”, nach neuen Ideen, Erfolg, Reichtum, Feiern und Sex geprägt war.

In eine ähnliche Kerbe schlägt die Rhein-Zeitung (wo ich im Mai Chefredakteur für einen Tag war). Dort hat sich Moritz Meyer mit dem Roman beschäftigt, seine Kritik ist überschrieben mit “Lobo und das Strohfeuer der Stromberg-Kreativen“:

Eine Identifikationsfigur werden die meisten Leser in Lobos Buch vergeblich suchen, so sie nicht ein Herz für halbkriminelle Angeber haben. Vielmehr greift das Prinzip der Büro-Satire „Stromberg”: Das permanente Angewidertsein von den Methoden der Hauptfiguren löst eine eigentümliche Faszination aus.

“Eigentümliche Faszination” mag ich gern, besonders in seiner leicht unklaren Wertung. Sehr gefreut habe ich mich über die englischsprachige Kritik von der Literaturübersetzerin Katy Derbyshire “Sascha Lobo: Strohfeuer” auf ihrem Blog Love German Books. Auch sie war auf der Lesung und setzt sich sehr präzise mit den Stärken und Schwächen des Buchs auseinander. Die beschriebenen Stärken zitiere ich im Folgenden, für die Schwächen am besten auf’s Blog selbst klicken, die lasse ich natürlich an dieser Stelle weg:

Strohfeuer is a funny book. A chuckle-raising, laugh-a-minute good fun read. Our horrible hero Stefan bluffs his way into the advertising industry – not known for its great morals and humanity in the first place – and makes large amounts of money with smoke and mirrors. …
The book’s first strength is in its characters, from the out-and-out nasty Thorsten who turns out to have a reason for his misbehaviour to the scaredy-cat funny guy Phillip who surprises us at the end to the self-obsessed narrator Stefan who constantly manages to override his conscience and often common sense too. …
The second strength is the novel’s language. It probably wouldn’t come across quite as well in translation, but it’s full of toe-curling anglicisms like the verb delivern, ad agency in-jokes like irony-free zone, buzzwords like Hitler (as an expletive) and the like. And all related in a deadpan tone with an eye for detail – like a project manager’s liking for maritime metaphors. …
And the third is the sense of timing. Because what might have been just a string of funny ad agency incidents is broken up by little extra scenes from the narrator’s childhood, escapades in various cars and bars, and a couple of last-ditch slapstick attempts to save the company. All of which make the book much more – well, likeable.

Die dpa hat heute eine Meldung zu Strohfeuer verschickt, die sich zum Beispiel hier auf der Seite der Süddeutschen Zeitung wiederfindet. Obwohl es eher eine Art Inhaltsangabe als eine Kritik ist, spürt man zwischen den Zeilen eine gewisse Ablehnung, bzw. Abwertung durch, man stört sich etwa an der Sprache, durchbrochen von positiven Bemerkungen aus der Halbdistanz wie dieser:

Zu den Stärken des Buches zählen die Passagen, in denen Lobo den heute unvorstellbaren Überschwang des Dotcom-Booms satirisch aufs Korn nimmt.

Von den eher positiven und/oder neutralen Kritiken abgesehen, hatte mir Meedia am letzten Freitag Gelegenheit gegeben, in einem Interview mit der Überschrift “Das einzig besondere ist sein Größenwahn” einige Fragen zu beantworten. Hier herausgepickt habe ich die Frage und die Antwort, die in die Überschrift Eingang gefunden hat:

Was für Menschen haben denn Erfolg in solchen “Bubble”-Zeiten?
Die Menschen, über die ich mich im Buch lustig mache – wie den Ich-Erzähler Stefan, der von sich glaubt, er könne beinahe Gedanken lesen, er sei klüger als alle anderen – aber letztlich erbärmlich ist, weil das Einzige, was an ihm besonders ist, sein Größenwahn ist. Und auch der ist unfassbar armselig, weil er sich in einem Hunderttausendmark-Auto äussert. Es geht um Menschen, die beim Betrachter eine Ekelfaszination auslösen, die man selbst dann nicht mögen kann, wenn man es versucht.

Natürlich gab es auch negative Kritiken, ich weiss gar nicht, wann ich das letzte Mal irgendetwas gemacht habe, was alle gut fanden. Mit drei in die Hose vielleicht. Und natürlich darf jeder öffentlich “Strohfeuer” (und auch mich) ganz grauenvoll finden. Überrascht hat mich aber schon, wie persönlich die Kritik der FAZ daherkam (“Klassenclown-Prosa”), die die ersten beiden abfälligen Absätze auf Frisur und Twittericon verwendet (die ausser auf dem Cover im Buch nicht vorkommen).

Zwischen der WELT-Gruppe und mir lodert seit einiger Zeit nicht unbedingt eine heftige Liebe. Aber bin ich als einzelne Person für einen Konzern tatsächlich ein würdiges Ziel für eine persönlich werdende Breitseite? Selbst wenn ich in den Augen der Autoren einen wahnsinnig schlechten Roman geschrieben habe? Oder ist es Zufall, dass die WELT aus allen Rohren schiesst? Das kann ja auch sein, ich weiss es tatsächlich nicht. Meines Wissens ist in der WELT Kompakt und auch in der WELT für Erwachsene Frank Schmiechens Glosse (“Wenn Frisuren schreiben“) erschienen, offline wie online, sowie in der WELT am Sonntag wie auch im Netz Peter Praschls Kritik, die gedruckt “Ohne sich vergleichen zu wollen” hiess und für’s Netz umbenannt wurde in “Sascha Lobo schreibt ein Arschlochcrescendo“, veröffentlicht mit ungünstigem Foto (das Wörtchen Arschlochcrescendo ist ein Zitat von mir über meinen Roman). Beide scheinen mit vom Hasswunsch zerfurchtem Gesicht geschrieben (dieser Satz ist ein abgewandeltes Kinskizitat, was aber offenbar kaum zu erkennen ist, so dass ich ihn durchgestrichen habe):

“Was immer Lobo sagt, schreibt, bloggt, twittert, versendet sich so schnell, dass man selten weiß, worum genau es ging. […] Es ist das blanke Elend. … ” (Praschl)
“… dass man ein gutes Buch nicht vortäuschen kann. Man braucht dafür sprachliche Fähigkeiten und eine interessante Geschichte. Beides hat Sascha Lobo in “Strohfeuer” nicht zu bieten.…liest sich wie das eilig hingeworfene Drehbuch zu einer Fernseh-Vorabendserie.” (Schmiechen)

Am interessantesten ist die (negative) Kritik in der Mitteldeutschen Zeitung von Ulrich Steinmetzger, “Ich war begeistert von mir selbst” (ein näherungsweises Zitat der Hauptfigur). Steinmetzger ist der Meinung, dass ich absolut identisch bin mit der Hauptfigur. Dass ein gewisses Vexierspiel zwischen dem Ich-Erzähler und dem Autor stattfindet, ist durchaus beabsichtigt, überhaupt nicht neu und ich glaube, das würde auch dann stattfinden, wenn ein weiblicher Orang-Utan in der Steinzeit die Hauptfigur gewesen wäre. In der Mitteldeutschen Zeitung, die das “ich” im Roman für ein “ich” des Autors hält, hat es etwas Seltsames. Oder, um die Worte von Moritz Meyer zu verwenden: etwas eigentümlich Faszinierendes.

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Einen Roman also, aha.

Obwohl ich selbstredend zur grundsätzlichen Überhöhung meiner eigenen Kreativleistungen neige, schätze ich auch in euphorischen Momenten die Zahl derjenigen, die seit Jahren mit Tränen in den Augen beten, Sascha Lobo möge endlich einen Roman schreiben, als maximal mittelgroß ein. Mein normaler Job als Inhaber einer gutgehenden Frisur ist ja eine Mischung aus Interneterklärung, Kommunikationsgetöse und einer flächig aufgespannten Autorenschaft, die von Kurzbotschaft bis Sachbuch reicht. Literarische Einlassungen waren bis jetzt nicht dabei, auch wenn schlecht gelaunte Kritiker mir vorwerfen mögen, dass die bisherigen Sachbücher ebenfalls ausgedachte Elemente enthielten. Jetzt aber präsentiere ich meinen ersten Roman, er heisst “Strohfeuer”, wie feinstofflich begabte Leser dieses Blogs bereits erahnt haben könnten, und erscheint bei Rowohlt Berlin.

“Warum haben Sie überhaupt einen Roman geschrieben”, wird der eine oder andere fragen, ” – wohnen Sie nicht in Berlin Prenzlauer Berg, wo die MacBook-Festplatten der PR-Beraterinnen, Werbetexter und vorübergehend anderweitig Tätigen voll sind mit Romanfragmenten, Kurzgeschichtenbänden und angefangenen Theaterstücken über das ungeheuere Leid des kreativen Prekariats? Wieso bilden also genau Sie sich ein, einen Roman–” und an dieser Stelle werde ich den bösartigen Fragesteller unterbrechen und ihn zurechtweisen. Weil ich nämlich nicht vorhabe zu erklären, warum ich einen Roman geschrieben habe. Natürlich soll das Buch unterhaltsam sein, Erbauung mit Fun-Intarsien bieten, dem Leser Erkenntisreichtum andienen und all’ die anderen Standardautorenziele erfüllen, aber ob das alles auch gelungen ist, muss der Leser entscheiden.

Bevor er es aber entscheiden kann, muss der Leser das Buch erstmal kaufen. Das geht ab dem 17. September in allen Buchhandlungen und im Internet. Gründe für den Kauf möchte ich in den nächsten Wochen auf diesem Blog aufzeigen, verbunden mit einem leicht bis mittelschwer übertriebenen Marketingfeuerwerk, das ich bis zur Buchmesse Anfang Oktober abzubrennen gedenke. Marketingfeuerwerke für Bücher kann man natürlich doof finden oder unterstellen, dass nur schlechte Bücher Marketing bräuchten, aber ich hatte den Eindruck, dass vornehme, intelligente Zurückhaltung in der Kommunikation, Bescheidenheit im Auftritt und allgemeines Understatement charakterlich nicht so recht zu mir passen. Man möchte sich ja auch nicht verbiegen.

Weitere Informationen zu “Strohfeuer” finden sich unter http://saschalobo.com/strohfeuer – mit dem Trick, meine gesamt Seite zur Buchseite umzubauen, habe ich en passant ein altes Autorenproblem für mich gelöst, nämlich die vielen Social Media-Ruinen im Netz, wenn man Blogs, Facebook-Pages, Twitteraccounts und so fort für jedes Buch einzeln aufsetzt, wie ich das bisher getan habe. Einen ersten Eindruck vom Buch, das natürlich selbst das beste Argument zum Kauf sein sollte, kann man sich mit einer Leseprobe verschaffen, die hier zum PDF-Download bereitsteht. Viel Spaß.

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