Irrwitz

Wie man nicht für die Vorratsdatenspeicherung argumentiert

Der Parteikonvent der SPD hat sich mit 56% der Delegiertenstimmen für die Vorratsdatenspeicherung ausgesprochen. Überraschend wenig, weil natürlich nicht zufällig “Gerüchte” aufgetaucht sind, Gabriel habe mit Rücktritt im Falle der Ablehnung der VDS gedroht. Vielmehr gehört so ein “Durchsickern” zum klassischen Instrumentarium medialer Machtpolitik. Allein durch die Erwähnung steigt der Druck auf die Abstimmenden enorm. Und dann ist kaum mehr als die Hälfte für Gabriel? Vor diesem Hintergrund sind 56% nicht nur ein netzpolitischer, sondern auch ein parteipolitischer Schuss ins Knie. Inhaltlich ist meiner Meinung nach die SPD damit auf einem beschämend falschen Weg.

Aber es ist und bleibt eine absolut legitime Meinung, für die Vorratsdatenspeicherung zu sein. Eine mir nicht nachvollziehbare, rational schwer begründbare Meinung, aber ich habe auch nie verstanden, dass Leute ernsthaft College Rock hören, und damit müssen jetzt alle Beteiligten in einer Demokratie irgendwie zurechtkommen. Am Samstag, den 20. Juni 2015 allerdings hat der SPD-Innenminister von Baden-Württemberg, Reinhold Gall, im Kontext des Konvents auf Twitter (und Facebook) erklärt, auf welche Weise er für die Vorratsdatenspeicherung ist:

 

Screenshot_reinhold_gall_tweet

 

Größere Teile der Netzöffentlichkeit reagierten empört. Das geschieht zwar einigermaßen oft und manchmal besinnungslos – in diesem Fall aber liegt die Sache anders. Das mit Abstand Beste an diesem Tweet ist nämlich der Kommafehler. Alles drum herum ist schlimm:

Dieser Tweet des SPD-Innenministers Reinhold Gall ist in wirklich jedem einzelnen Wort eine Katastrophe. Buchstäblich mit jedem einzelnen Wort.

“SPD-Innenminister” taugt ja spätestens seit Otto Schily als veritables Schimpfwort. Kein Zufall, dass ausgerechnet der realitätsaverse Law-and-Order-Egomane Schily vom SPIEGEL beschuldigt wird, sich aufs Allerekligste an den mörderischen Diktator Kasachstans heranzuwanzen. Oder vielmehr: bezahlt heranzuwanzen. Auch SPD-Innenminister (wann das Wort wohl eine justiziable Beleidigung wird?) Reinhold Gall gehört zur postschilyschen Scharfmacherfraktion der SPD, die bezeichnenderweise allesamt bei “Law and Order” das wichtigste Gesetz – das Grundgesetz – schlicht ausklammern. Ihre Existenz liegt begründet in der meiner Meinung nach falschen und schlechten Überzeugung der SPD, man müsse für die innere Sicherheit einen “harten Hund” politisch inszenieren. Ausdrücklich, um dort der CDU keinen Raum zu lassen. Witzig eigentlich, diese absurde Strategie der Bekämpfung durch Nachahmung, deren Vollendung darin bestünde, die SPD einfach in CDU umzubenennen und ihr Programm zu übernehmen. Perfekt! Kein Raum mehr für die Konkurrenz! Und vielleicht kann man so auch Angela Merkel als Kandidatin abwerben, das größte Problem Gabriels für die Wahl 2017 wäre gelöst!

Das wäre allein schon schlimm genug, weil die durchaus vorhandene, sozialliberale Seite der SPD damit zerschossen wird. Noch schlimmer ist aber, dass die Scharfmacher, die Überwacher, die Salonsheriffs der SPD (wie auch die anderer Parteien) selten mit redlichen Argumenten für ihre Positionen werben. Sondern mit populistischem, faktisch falschem, dumpfem Dreck, der die allerfalschesten Teile der Bevölkerung politisch anspricht. Der Tweet von Reinhold Gall kann exakt so als Plakat bei der nächsten PEGIDA-Demo ausgedruckt werden: Jedes Wort ein Volltrolltreffer. Und deshalb folgt hier die Wort-für-Wort-Analyse, die dieses Machwerk und sein Urheber verdienen, das jeweils analysierte Wort habe ich gefettet:

Ich verzichte gerne auf vermeintliche Freiheitsrechte wenn wir einen Kinderschänder überführen.

In Minima Moralia schrieb Adorno: “Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.” Das gilt auch hier bei Reinhold Gall, aber anders als Adorno meinte. Das “Ich” von Reinhold Gall ist deshalb unverschämt, weil er Teil des Machtapparates ist. In seiner Position als Innenminister muss man den Missbrauch der Instrumente des Staates tatsächlich kaum fürchten. Angst vor der Erosion des Rechtsstaats bedeutet, dem Gewaltmonopol des Staates und seiner oft vorhandenen Willkür ausgeliefert zu sein. Aber niemand ist weniger ausgeliefert als ein Innenminister. Allein dieses “Ich” von SPD-Innenminister Gall verdient den mit 100 Kilo Kuchen dotierten Marie-Antoinette-Preis der politischen Publizistik. Dass Gall nicht in der Lage ist, von seiner Person und Position zu abstrahieren, ist bestürzend. Und damit ist er nicht allein. Gerade die überzeugten Etatisten der SPD sind oft außer Stande und außer Willens, sich vorzustellen, dass der Staat auch in der Demokratie seine dunklen Seiten haben könnte. Ein SPD-Vizekanzler, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte, sagte vor einiger Zeit in einem Gespräch zur Post-Snowden-Situation, er fürchte die neoliberalen Internetkonzerne sehr viel mehr als die Geheimdienste. Galaktische Überraschung, dass ein Vizekanzler weniger Angst vor staatlichen Behörden hat. Das ist, als würde ein Fisch einer ins Wasser gefallenen Maus erklären, dass die Angst vor dem Ertrinken eher unnötig sei, er selbst sei ständig im Wasser und noch nie ertrunken.

Ich verzichte gerne auf vermeintliche Freiheitsrechte wenn wir einen Kinderschänder überführen.

Auch “verzichte gerne” ist eine Unverschämtheit. Sie hängt direkt mit dem “Ich” des Ministers zusammen. Freiheitsrechte sind unverzichtbar, sonst sind sie einfach keine Freiheitsrechte. Das kann man für sich persönlich als Innenminister natürlich anders sehen – weil man selbst nie betroffen sein wird. Dass das für andere Leute völlig anders aussieht, lässt sich am jüngsten Bericht der Bundesdatenschutzbeauftragten erkennen. Andrea Voßhoff hat mich damit übrigens positiv überrascht. Nicht nur, dass sie ihre Haltung zur Vorratsdatenspeicherung geändert hat und diese nun kritisch sieht. Sie übt in vielen Punkten des Berichts von Mitte Juni 2015 auch deutliche Kritik an der Bundesregierung. Und sie liefert in ihrem Bericht ein erschütterndes Beispiel dafür, wie deutsche Behörden Daten handhaben. Mit der Überschrift “Unglaublich – aber wahr!” (nicht besonders häufig in amtlicher Kommunikation) erklärt die Bundesdatenschutzbeauftragte, dass sie “schwerwiegende Rechtsverstöße” feststellen musste. Und zwar bei einer “Projektdatei” von Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt, in der ausschließlich “gewaltbereite extremistische Personen” gespeichert werden sollten. Aber ups – ein klitzekleines Fehlerchen passierte: “… das BfV hatte eine Vielzahl von Personen gespeichert, die bei einer Anti-Atomkraft-Demonstration lediglich ihr Grundrecht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit ausgeübt hatten.

In Deutschland im Jahr 2015 kann man also in einer staatlichen Datenbank gewaltbereiter Extremisten landen, wenn man gegen Atomkraft demonstriert. Und das denke ich mir nicht aus oder interpretiere das ungünstig, das steht im offiziellen Datenschutzbericht der Bundesrepublik, die Behörde hat den Missbrauch zugegeben. Freiheitsrechte im Sinne der Einschränkung der Überwachung aber dienen genau dem Schutz vor einem solchen aus dem Ruder laufenden Staatsapparat, deshalb sind sie absolut unverzichtbar. Immer. Und hier möchte ich gar nicht erst anfangen von der BND-Selektorenliste, also der Zusammenarbeit von BND und NSA, dem Ausforschen von Unternehmen, finanziert von den durch eben diese Unternehmen selbst bezahlten Steuergeldern. Oder vom aus meiner Sicht unterskandalisierten Rechtsstaatsdebakel, das der Verfassungsschutz rund um die NSU sich geleistet hat. Gerade der Verfassungsschutz, also die Behörde, die in Sachen Terrorismus am tiefsten befasst sein wird mit den Daten der VDS. Eigentlich müsste der Verfassungsschutz selbst längst vom Verfassungsschutz beobachtet werden, wenn er nicht der Verfassungsschutz wäre; aus meiner Sicht ist er jedenfalls unfähig, auch nur einen gebrauchten Pappteller ohne Spätschäden für die zivilisierte Gesellschaft zu bewachen.

Ich verzichte gerne auf vermeintliche Freiheitsrechte wenn wir einen Kinderschänder überführen.

“Vermeintliche Freiheitsrechte”, soso. Jemand, der vor den ungefähr wichtigsten Begriff der Demokratie – dem Recht auf Freiheit – ein “vermeintlich” setzt, ist Antidemokrat. So einfach. Alternativ könnte man auch annehmen, für Gall wäre die Vorratsdatenspeicherung bzw. Überwachung insgesamt gar kein Eingriff in die Freiheitsrechte. Nur trauen sich das noch nicht mal glühende Verfechter der Vorratsdatenspeicherung zu behaupten. Deren stehende Rede zur Verteidigung ist nämlich, dass dieser Grundrechtseingriff gerechtfertigt sei. Und also vorhanden. Selbst VDS-Fan Sigmar Gabriel spricht von “engen verfassungsrechtlichen Voraussetzungen“, die eingehalten werden müssten (ein Gag für sich, aber gut). Mit anderen Worten handelt die Diskussion gar nicht davon, ob es um einen Grundrechtseingriff geht – sondern darum, ob er gerechtfertigt ist. Wenn Gall also von “vermeintlichen Freiheitsrechten” spricht, dann ist er entweder Antidemokrat oder leidet unter Realitätsverlust. Besonders unangenehm im Fall von Gall: die beiden Positionen lassen sich reibungslos miteinander kombinieren.

Ich verzichte gerne auf vermeintliche Freiheitsrechte wenn wir einen Kinderschänder überführen.

Ja, “wenn wir … überführen”. Das ist exakt die Irreführung, mit der Pro-VDS-Lobbyisten seit Jahren operieren. Und genauso oft werde ich widersprechen: Die Wirksamkeit der Vorratsdatenspeicherung ist nicht bewiesen. Die Wirksamkeit der Vorratsdatenspeicherung ist nicht bewiesen. Die Wirksamkeit der Vorratsdatenspeicherung ist nicht bewiesen. Ich kann das mithilfe der Kulturtechnik “Copy & Paste” gern noch einhundertausend Mal schreiben. Stattdessen könnte man die Argumentation auch umdrehen. Denn jedes nicht wirksame Instrument ist eine Schwächung der wirksamen Ermittlungsinstrumente. Und das heißt: Jeder, der unwirksame oder zumindest nicht beweisbar wirksame Überwachungsinstrumente fordert, behindert die Aufklärung von Verbrechen. Völlig unabhängig von Freiheitsrechten übrigens.

Ich verzichte gerne auf vermeintliche Freiheitsrechte wenn wir einen Kinderschänder überführen.

Der Schlussakkord ist auf gleich drei verschiedene Arten nichts weniger als grauenvoll. Ich möchte einen Zeugen hineinrufen, nämlich Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach. Der ist Mitte Vierzig, Vater von vier Kindern und evangelischer Theologe. Darüber hinaus sammelt er Fliegen und ist stolz darauf, er ist also von seiner sozialen Prädisposition mehrere tausend Kilometer entfernt vom Zerrbild des postadoleszenten Netzschreihalses, sondern vielmehr eine Art personifiziertes Sinnbild familiärer Werte. Und doch glaubt er, Reinhold Gall sei “untragbar und muss entlassen werden“. Das glaube ich auch, und der Schlüssel dazu ist das schlimme Wort “Kinderschänder”:

1) “Kinderschänder” ist ein NPD-Wort

Der Begriff “Kinderschänder” wird von seit länger Zeit von einer einzigen bekannteren Partei für die politische Argumentation verwendet: von der NPD. Und das dürfte für einen Innenminister kein Geheimnis sein, im Gegenteil. Wer also dieses Wort verwendet, begibt sich mit vollem Bewusstsein in den Bereich des braunen Populismus. Das ist nicht mehr “fischen am rechten Rand”, das ist ein Sitzbad im braunen Schlammwasser hinter dem rechten Rand.

2) Hinter dem Begriff “Kinderschänder” steckt eine menschenfeindliche, reaktionäre Ideologie

Dass das so ist, hat einen Grund: der Begriff “Kinderschänder” transportiert die ungefähr ekligste Ideologie, die man sich vorstellen kann. Es lohnt sich, seine Herkunft zu beleuchten. Denn die Bezeichnung “Schändung” für Vergewaltigung und Missbrauch stammt aus einer Zeit, als das Opfer schon dafür verdammt wurde, dass es “sich schänden ließ”. Eine perfide Form der Täter-Opfer-Umkehr. Sprachlich verbleibt die “Schande” durch die Tat beim “geschändeten” Opfer selbst, womöglich bringt es noch “Schande” über die Familie. Diese widerwärtige Sichtweise ist nicht nur das Gegenteil von jeder zivilisierten Rechtsstaatlichkeit, sie ist auch tief in den Begriff “Kinderschänder” eingebrannt. Dass aber missbrauchte Kinder zusätzlich zu dem zerstörerischen Verbrechen auch noch die öffentliche Abschätzigkeit der “Schändung” ertragen müssen, also eine angebliche “Schande” mit sich herumtragen müssen – ist genau der Grund, warum nur ausgesprochen zweifelhafte Leute dieses Wort benutzen.

3) Vergewaltiger per Vorratsdatenspeicherung überführen?

Und schließlich meint Gall gar nicht “Kinderschänder” im tatsächlichen Sinn von Kindesvergewaltigern. Wie sollte man die mit Verbindungsdaten überführen? Die Argumentation pro VDS bezieht sich in aller Regel auf die Aufklärung der Betrachtung von Kinderpornografie. Es ist zwar leider so, dass ein Teil der “Internet-Szene” Kinderpornografie (und damit dokumentierten Kindesmissbrauch) verharmlost. Aber gerade ein Innenminister sollte bei einer juristischen Diskussion um ein Gesetz so präzise sein, wie es die Gesetzgebung erfordert und deshalb die Kindesvergewaltigung und die Betrachtung von Kinderpornografie trotz des kausalen Zusammenhangs nicht leichtfertig gleichsetzen. Das ist meiner Meinung nach eine Verharmlosung der Vergewaltigung selbst. Auch weil man damit so tut, als seien die Betrachter von Kinderpornografie für den Missbrauch alleinverantwortlich und nicht nach den Tätern auch die Gesellschaft selbst, die über viele Jahre ganz offensichtlich weggeschaut oder nicht genau hingeschaut hat. Wie man fast jeden Tag den Medien entnehmen kann. Wie damals bei den Netzsperren, als man lieber per Stoppschild alles aus dem Sichtfeld schieben und unter den Teppich kehren wollte. Völlig abgesehen davon, dass die übergroße Mehrheit der Kindesvergewaltigungen dort geschieht, wo die Speicherung von irgendwelchen Verbindungsdaten exakt nichts bringt: im Bekannten- und Familienkreis. Wenn Gall der Meinung ist, es werde zu wenig gegen Kindesmissbrauch getan – soll er das viele Geld für die Vorratsdatenspeicherung direkt in mehr polizeiliche Stellen für die ganz klassische Aufklärung investieren. Dann würden beim BKA Listen mit Verdächtigen aus Personalmangel nicht erst nach anderthalb Jahren überprüft, wie es im Fall Edathy geschehen sein soll.

Ganz unter uns: Für mich ist die Vorratsdatenspeicherung eine rote Linie, gegen deren Überschreitung ich immer kämpfen werde. Aber ich verstehe zunehmend, weshalb selbst intelligente, nicht-lobbygetriebene Leute für die Vorratsdatenspeicherung sind. Das ist der politische Ausdruck einer immensen Hilflosigkeit gegenüber der digitalen Sphäre. Es ist die Aufrechterhaltung der Hoffnung auf eine einfache Lösung für komplexe, digitale Probleme. Es ist eine Form von Sicherheitsesoterik und Datenaberglauben, die viele Behörden mit anfachen: Wenn man nur genug speichert und überwacht, kriegt man die gesellschaftlichen Probleme in der Griff. Das ist leider ein bitterer Trugschluss. In vielen Punkten gleicht die Vorratsdatenspeicherung damit dem Leistungsschutzrecht: man hätte so, so, so gern, dass ein Gesetzlein samt passendem Algorithmus ausreicht, und dann ist irgendwie auf wundersame Weise alles wieder gut, was vermeintlich das Internet irgendwie in Unordnung gebracht hat.

Aber selbst dieser aus meiner Sicht untaugliche, cargo-kultische, technikhörige Versuch eines Weges hin zu einem digitalen Rechtsstaat darf nie über einen so multipel widerwärtigen Pfad wie den von Gall führen. Denn obwohl es sich lohnt, jedes einzelne Wort des unsäglichen Tweets zu analysieren, kann man Reinhold Galls fatale Haltung auch viel kürzer zusammenfassen: Sie ist in wirklich jedem Detail unwürdig für einen Innenminister in einer Demokratie.

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Marusha, Merkel und das deutsche Problem

Wenn Marusha doch bloß dumm wäre. Man hofft so sehr, dass sie einfach dumm ist, denn dann wäre: alles klar. Leider ist Marusha eventuell nicht dumm, jedenfalls nicht vorrangig.

In der “Welt” vom 15. Juni 2013 ist ein Interview erschienen mit Marusha. Marusha ist eine DJane, die in den 1990er Jahren bekannt geworden ist durch ihre Coverversion von “Somewhere over the rainbow” (unverständlich) sowie gefärbte Augenbrauen (absolut verständlich (für mich jedenfalls)). Sie empfiehlt in diesem Interview eindringlich, Angela Merkel zu wählen, was selbstredend völlig legitim ist. Das Problem aber ist, wie Marusha Merkel empfiehlt, mit welchen Begründungen sie das tut und welche Haltung sich dahinter verbirgt. Und das Problem wird groß und größer, wenn man davon ausgehen muss, dass Marusha nicht allein ist. Im Gegenteil, zieht man Marushas Wirrnis ab (was nicht leicht ist), dann handelt es sich nach meiner Einschätzung zum Gutteil um mehrheitsfähige Meinungen, wenn auch im Interview umpuschelt von einer milden Form des Irrsinns.

Zwei Haltungen stechen auf sehr unangenehme Weise heraus:

– Marusha ist unfähig oder unwillig, sich von ihrer Welt zu lösen, der Musikwelt, in der es Stars gibt und Fans. Und daher baut sie eine Beziehung zu Angela Merkel auf, die alle Elemente einer Fan-Beziehung aufweist. Marusha ist Merkelfan, sie schaut auf die Politikerin wie ein Teenager auf den Superstar. Alle Handlungen werden ins Positive gedreht, es gibt nichts, was der Star tun könnte, um die Liebe des Fans zu erschüttern. Jeder Hauch einer Kritik wird emotional bis irrational gekontert. Die Fan-Beziehung zu Politikern (außerhalb der Facebook-Bedeutung) aber ist das Gegenteil von einer aufgeklärten Demokratie. Wenn nicht einmal mehr versucht wird, objektiv zu bewerten, ob eine politische Handlung gut oder schlecht ist, dann gibt man – wie Marusha – jede politische Mündigkeit an der Garderobe der selbstverschuldeten geistigen Armut ab. Vergleichbares konnte man schon bei Guttenberg beobachten, was mich zu der Annahme verleitet, dass es sich um ein weitverbreitetes Politphänomen handelt. Nur dass Marusha sich eben durch eine gewisse, sagen wir, Naivität, traut, das auch offen auszusprechen.

– Marusha ist so unfassbar selbstgerecht, dass sie nicht bloß außer Stande ist, die Perspektive anderer Leute einzunehmen. Sie kann oder möchte sich nicht einmal vorstellen, dass es andere Positionen oder Lebenslagen gibt. Marusha sieht ihre Perspektive als einzig existente und damit natürlich auch einzig relevante an. Das deutsche Problem, quer durch alle politischen Lager, heisst Selbstgerechtigkeit, und die schlimmste Steigerungsform ist, Selbstgerechtigkeit mit Gerechtigkeit zu verwechseln und deshalb allen überzustülpen. Marusha verkörpert diese deutschtumbe Selbstgerechtigkeit auf Speed, gegen die Kaiser Wilhelm Zwo wie ein staatenloser Nationalzweifler wirkt. Selbst, wenn es sich bei Marusha unter Umständen um eine Form des Wahns handeln sollte – so ist es doch keine seltene Form davon. Deshalb ist das Interview nicht nur lustig, sondern gleichzeitig verzweifelnswert. Und zwar immer genau dann, wenn man bei einer Antwort erst gluckst vor Lachen, bis man bemerkt, oh shit, sie spricht bloß aus, was vermutlich viele denken. Wenn man dabei von “denken” sprechen kann.

Die Welt: Sie haben schon vor vier Jahren kein Geheimnis daraus gemacht: Werden Sie in hundert Tagen wieder CDU wählen?

Marusha: Ich wähle Angela Merkel. Ob ich in London auflege oder in New York: Seit die Bundeskanzlerin das Land repräsentiert, interessiert sich die Welt für Deutschland. Ich freue mich jeden Tag, dass wir auch Krisenländern helfen können. Wir sind die Sanierer. Die Bausparermentalität, wie sie Angela Merkel an den Tag legt, ist die Kultur unserer Wertegesellschaft.

Die Verengung auf Merkel ist ein deutliches Zeichen der Fan-Beziehung. Die völlig subjektive Zuschreibung, erst seit Merkel interessiere sich die Welt für Deutschland, ist gleich doppeltypisch: das eigene Empfinden wird der Welt zugeschrieben, eigentlich müsste der Satz von Marusha lauten: seit Merkel interessiere ich mich für Deutschland. Natürlich hat Marusha aber mitbekommen, dass Merkel in anderen Ländern für größte Verstimmungen gesorgt hat, bestimmt hat sie mit Tränen der Wut in den Augen die hakenkreuzbeschmierten Merkelplakate gesehen. Deshalb sagt sie “interessiert sich für Deutschland”, ein absurder Euphemismus, mit der noch die letzte, enttäuschte, verzweifelte, wütende Reaktion als “Interesse” schöngefabelt wird.

Dann gerät Marusha ins nationalistische Fahrwasser: “Wir sind die Sanierer”, direkt nach der vorgeblichen Freude, “Krisenländern” helfen zu können. Noch von oben heraber geht es gar nicht mehr, das ist “am deutschen Wesen soll die Welt genesen” in Reinform, ohne historische Vorbildung und daher ohne jede Zögerlichkeit. Diese Haltung fragt gar nicht mehr nach Ursachen der Krise oder Wegen aus der Krise – Marusha nimmt als gegeben an, dass Südeuropa Schuld ist und nur deutsches Merkeltum es kurieren kann. Anschließend immunisiert sie sich gegen den Vorwurf des nationalistischen Spießertums, indem sie eine angebliche “Bausparermentalität” zur Kultur unserer Wertegesellschaft hochjazzt – “This is Bausparta!”, mit Angela Merkel als Herrscherin. Hier ist die Essenz des deutschen Dramas, das ist ein postpolitischer Nationalismus: wir, die Deutschen, wir sind einfach besser als die anderen Länder. Sogar noch die letzte, vermeintlich bohemienhafte Party-DJane ist wirtschaftlich vernünftiger als jeder Südeuropäer jemals.

Die Welt: Aufgewachsen sind Sie in Griechenland. Fühlen sie sich als Griechin?

Marusha: Ich bin Deutscheuropäerin. In Griechenland bin ich niemandem begegnet, der Steuern gezahlt hätte. Die Töpfe fürs Gemeinwesen waren immer leer.

Die Wortschöpfung “Deutscheuropäer/in” ist aufschlussreich. Im Netz wird sie vor allem von Leuten verwendet, die sich nicht trauen, offen nationalistisch aufzutreten. Es folgt dann auch Chauvinismus der billigsten Sorte, niemand in Griechenland würde Steuern bezahlen. Allgemeingültigkeit, gewonnen aus dem eigenen Erleben als Kind vor dreißig Jahren, das ist nicht mehr nur Selbstgerechtigkeit, das ist schon Selbstgerechtigkeitswahn. So begründet ist sogar völlig egal, ob faktisch in Griechenland weniger Steuern gezahlt werden oder nicht (was ich nicht beurteilen kann). Denn das Problem ist, dass Marusha eine “selbst-schuld”-Konstruktion daraus bastelt, und zwar für die Durchschnittsgriechen, wenn sie von den Leuten spricht, denen sie begegnet ist. Dass Griechenland eine Art Erbkleptokratie war über lange Jahre, die Folgen einer Militärdiktatur, das blendet sie entspannt aus. Die Töpfe fürs Gemeinwesen übrigens – die sind immer überall leer. Deutschland hat seine letzten 235 Sozialreformen damit begründet, ebenso die Sparmaßnahmen, eigentlich die gesamte Politik. Töpfe fürs Gemeinwesen existieren nur leer. Oder noch schlimmer: man muss ständig Milliarden hineinpumpen, damit sie bloß leer bleiben und sich nicht mit finanzieller Antimaterie füllen.

Die Welt: Stimmt es, dass Ihre griechische Mutter bei der Bank gearbeitet hat?

Marusha: Bei deutschen Banken allerdings. Sie ist ein Geldfuchs, und sie hat es natürlich kommen sehen in Griechenland.

Man möchte ja selbst immer Teil der Lösung sein, schon immer alles vorher gewusst haben. Und meine Mutter auch.

Die Welt: Sie wählen Angela Merkel, weil sie Europa erzieht?

Marusha: Ich wähle sie, weil sie diszipliniert ist, intelligent und bescheiden. Sie ist eine Person, die nicht laut sein muss. Ich halte sie für sehr emotional. Aber sie lebt ihre Gefühle nicht in der Politik aus. Sie weiß auch nicht, wo wir in fünf bis zehn Jahren stehen werden. Aber sie gibt uns Ruhe und Sicherheit.

Fan-Beziehung, die dritte. Und noch deutlicher, noch personaler als zuvor. Ihre Merkelbeschreibung ist ein einziges Sehnen, man möchte Marusha lieber nicht die Frage stellen, ob sie sich Merkel auch als Königin oder gütige Diktatorin vorstellen kann. Das allergrößte Problem bei einer politischen Fan-Beziehung ist, dass sie im Kern völlig unpolitisch ist. Politfans möchten sich nicht dauernd um diesen ganzen Scheiß kümmern. Deshalb suchen sie sich eine Person, der sie so bedingungslos vertrauen, dass sie den ganzen Politquark an diese delegieren können ohne weiter nachzudenken. Und weil solche Personen gar nicht existieren, muss sich der Politfan sie eben selbst konstruieren, durch das alte, gut funktionierende Mittel der gleißenden Superstar-Überhöhung. Multimerkel, Megamerkel, Milliardenmerkel!

Die Welt: Und wenn Merkel in der SPD wäre?

Marusha: Dann würde ich SPD wählen. Angela Merkel verrichtet ihren Dienst mit beispielloser Leidenschaft für unser Land und unsere Gesellschaft. Sie ist jeden Tag woanders, sie ist nie krank, sie kommt mit allen klar. Das ist modern.

Eine bizarre Definition von “modern”, die mich an meiner Eingangsthese zweifeln lässt, Marusha sei nicht dumm. Man hofft so sehr, dass die CDU im Schnitt bessere Wähler hat, solchen Pillepalle-Postpolitpop hat keine demokratische Partei verdient. Nebenbei verdichtet sie ihr Fantum zur völligen politischen Unterwerfung, Partei egal, also Politik egal, Hauptsache Merkel, eine Argumentationslinie direkt aus dem Gehirn eines 12jährigen Justin-Bieber-Fans.

Marusha: […]  Außerdem ist sie Physikerin: Wenn sie nicht weiß, was sie dem Volk sagen soll, sagt sie lieber nichts.

Und das mit dem Nichtssagen, das beherrscht Angela Merkel ausgesprochen gut. Das hat zwar exakt nichts mit Physik zu tun, aber gefühlte Kausalität ist ja auch Kausalität in der Marusha-Welt.

Marusha: Opportunismus ist okay, solange er dem Wohl aller dient. Angela Merkel hat gelernt. Ich war schon immer für eine Welt ohne Kernkraft. Aber solange wir gedankenlos Licht brennen und Rechner laufen lassen, ist die Politik machtlos.

Die arme Politik! Jahrelang wollte Angela Merkel die Kernkraft abschaffen, aber die Gedankenlosigkeit der gemeinen, lichtbrennlassenden Computer-Bürger hat ihren Wunsch unmöglich gemacht. Wahrscheinlich hat Merkel das in ihrer Weisheit vorausgeahnt und deshalb ihre Kernkraftgegnerschaft über Jahre so geschickt verborgen. Zum Glück kam dann ja Fukushima. Gegen diese Argumentation verblasst sogar Marushas Opportunismus-Rechtfertigung – wenn er von Merkel kommt. In einer bizarren Parallelwelt käme vielleicht irgendwann heraus, dass eine Parallelwelt-Merkel Babys zum Frühstück isst; die hiesige Marusha würde vermutlich sagen, och, es waren doch nur vier oder fünf oder maximal zwölf Babys, außerdem Überbevölkerung und, so würde sie dozieren, ernährungsphysiologisch ist der regelmäßige Konsum geschälter Babys durchaus sinnvoll.

Die Welt: Folklorefeste statt Raves?

Marusha: Ein Rockkonzert verbraucht mehr Strom als ein Rave. Der Spaß sollte nie leiden. Es geht um Grundwerte, die ein Land seinen Leuten so zu vermitteln hat wie eine Mutter ihrem Kind.

“Der Spaß sollte nie leiden”, ist Marusha am Ende eine verkappte FDP-Anhängerin? Nein, ist sie nicht, diese Formulierung verrät, mit welcher Selbstverständlichkeit Marusha Egoismus und Egozentrik zu einer Melange der Selbstgerechtigkeit vermischt: Rave ist Spaß, Rock ist kein Spaß, das muss unbedingt vermittelt werden, andere Perspektiven sind völlig ausgeschlossen, weil: Grundwert. Klar. Die Gleichung “Land und Leute” gleich “Mutter und Kind” entspricht nicht nur einer ekelhaft paternalistischen Grundhaltung, die in Deutschland wiederum quer durch sämtliche Parteien verbreitet ist (CDU/CSU, SPD, Grüne, Linkspartei, Piraten, und am ekligsten bei der FPD, gerade weil sie das Gegenteil behauptet). Sie lässt auch Merkel als einzig logische Herrin zu, die ewige Mutter, sie kümmert sich um alles, wir können Kinder bleiben, bar jeder Verantwortung und ein bisschen vor uns hinraven.

Die Welt: Angela Merkel ist Protestantin.

Marusha: Ich wusste, dass sie als Pfarrerstochter aufgewachsen ist. Dass sie Protestantin ist, wusste ich nicht. Aber die evangelische Kirche war schon immer cooler als die katholische.

“Marusha, wussten Sie, dass Merkel Plockwurst als brühpolnisches Sternzeichen hat?” – “Nein, das wusste ich nicht, aber Plockwurst ist das beste Tierkreiszeichen überhaupt. Und was ist eigentlich ihr Aszendent? Der ist jedenfalls auch der coolste.”

Überhaupt, Coolness. Coolness ist die Pest der 1980er Jahre, eine ekelerregende Geißel, die allein der Ausgrenzung dient, weil Coolness immer ein soziales Konstrukt derjenigen ist, die in ihren kleinen Gruppen ohnehin die Definitionsmacht innehaben. Coolness ist ein toller Name für genau den Gruppendruck, der Nährboden ist für Vorurteile, Abschätzigkeit, Ausgrenzung von Andersartigen. Das hat eigentlich gar nicht soviel mit Marusha zu tun, aber wie bezeichnend, dass sie wirklich alles in Coolness-Kategorien misst, sogar Religionen.

Die Welt: Ist die Kanzlerin cool?

Marusha: Sie ist kontrolliert. Dass sie sich nie bei Popkonzerten zeigt wie andere Politiker, finde ich super. Dafür lässt sie beim Fußball ihren Gefühlen freien Lauf und zeigt der Welt, dass die Deutschen sich auch mal gehen lassen können.

Man muss sehr froh sein, dass sich die Deutschen auch mal gehen lassen können. Sie meint zwar eher “aus sich herausgehen”, wahrscheinlich, aber was sind schon Formulierungen. Doch letztlich auch nur Worte. Und Worte können Angela Merkel nicht das Wasser reichen, Worte sind nur Schall und Rauch.

Marusha: […] Aber vor allem zählte da nicht, wo du herkamst und wer du warst, sondern, was du gemacht hast. Deine Leistung und dein Produkt. Es ging um ein freies und humanes Leben. Um es mit Goethe zu sagen, meinem Lieblingsschriftsteller: “Wo Leben sich des Lebens freut/ Dann ist Vergangenheit beständig/ Das Künftige voraus lebendig/ Der Augenblick ist Ewigkeit.”

Okay. Das ist die Stelle, an der spätestens klar wird, dass Marusha Hilfe braucht von einem Logistiker. Logopäden. Logiker. Von jemandem, der ihr die Dinge erklärt. Also, / wie alles / zusammenhängt, / wa.

Ab hier müsste man jetzt eigentlich ausnahmslos jeden Satz zitieren, weil das Interview am Anfang gaga ist, in der Mitte megagaga und zum Schluß hin gigagaga mit Tendenz zur Teragagaheit. Aber das geht nicht, weil. Weil. Weil es gesundheitsgefährdend ist. Monty Pythons tödlichster Witz der Welt wurde als Techno-DJane wiedergeboren.

Die Welt: Mutti Merkel.

Marusha: Sie hat 80 Millionen Kinder. Sie ist gut zu allen. Ich habe sie mal mit Claudia Roth kichern sehen. Schwarz-grün wäre super, eine Revolution für Deutschland. Vielleicht wähle ich das so. Ja, ich wähle das so! Eigentlich lebe ich ja grün. Ich trenne meinen Müll. Ich ernähre mich halb vegan, halb vegetarisch, esse aber auch mal ein Stück Huhn, wenn ich weiß, es ist bio. Aber zurück zu Angela Merkel: Sie tritt unscheinbar auf, und trotzdem leuchtet sie.

Merkel ist gut zu allen, weil sie sogar mit Claudia Roth kichert. Sprachlich interessant, gibt es eigentlich schon Doktorarbeiten im Bereich der Psychatrie darüber, wie gut sich abseitige Weil-Konstruktionen zur Diagnose eignen? Und doch – “halb vegan, halb vegetarisch … auch mal ein Stück Huhn”, eine gedankliche Konstruktion, die schillert wie Schiller. Und Goethe (Marushas Lieblingsschriftsteller). Längst ist jeder Leser des Interviews an dieser Stelle für tiefgründige Analysen zu erschöpft, Zwerchfellkrämpfe, Hirnimplosionen. Bestimmt ist Marusha auch Nichtraucherin zwischen den Zigaretten und fastet zwischen den Mahlzeiten ausgesprochen strikt. Halb vegetarisch, halb vegan, halb Huhn, diese dunkle Ahnung, diese Furcht, dass Hunderttausende dort draußen ausrufen “Ja, so ernähr ich mich doch auch!” – und dann wieder die Hoffnung, nein, das kann nicht sein, die Masse kann nicht so marushaesque sein, sie darf einfach nicht so marushaesque sein.

Marusha: […] Angela Merkel leuchtet durch ihre Aura. Sie strahlt stärker als Gorleben.

Keine weiteren Fragen. Und zwar nie wieder. Man kann zu Merkel stehen wie man will, und viele tun das ja auch. Aber Marusha als Fan – das hat Merkel einfach nicht verdient.

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Fünf entscheidende Fragen zum Leistungsschutzrecht

Man muss sehr lange suchen, um Gemeinsamkeiten zu finden zwischen dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Linkspartei. Intensive Recherche aber hat zu einer Liste aus drei Punkten geführt:

• Luft atmen
• Wasser trinken (manchmal)
• Ablehnung des Leistungsschutzrechts

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, wenn sich so völlig unterschiedliche Teile der Gesellschaft gegen ein Gesetz stellen. Vor allem, weil BDI und Linkspartei ja nicht die einzigen sind. Der Bitkom, die Grünen, die Junge Union, die SPD, ungefähr alle Internetverbände, die “Netzgemeinde” in Komplettbesetzung, Netzpolitiker in der CSU, der Verband der Automobilindustrie, der DJV Berlin-Brandenburg, die Freischreiber, noch zwei Dutzend andere Verbände sowie naheliegenderweise die in Deutschland tätige Internet-Wirtschaft in toto. Schon rein statistisch erhöht sich dann die Chance, dass das Gesetz falsch ist.

Der Hintergrund für Leute, die soeben aus einem dreijährigen Koma erwacht sind oder sich für politische Scherze der schildbürgerlichen Parteien erst interessieren, wenn es ernst wird (was es gerade wird): das Leistungsschutzrecht ist eine Subvention für Verlage, die so tut, als sei sie keine Subvention für Verlage. Meiner Meinung nach könnte oder müsste man übrigens nachdenken über eine staatliche oder anders organisierte Förderung von professionellem Journalismus. Aber wer wie ärgerlich viele private Medienunternehmen seit Jahren sowohl die Konstruktion der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten nur durch eine stuhlfarbene Brille betrachtet und sich lange als Prediger einer reinen Marktlehre aufgespielt hat, der ist natürlich in einer so mittelsuperen Position zuzugeben, dass Journalismus sich im Netz ohne Hilfe (derzeit) nur schwer refinanzieren lässt. Das ist noch nicht einmal ausschließlich die Schuld der Verlage. Denn das Konzept “Schuld” eignet sich nicht, um herauszufinden, warum Journalismus im Netz zwar gut funktioniert, aber schlecht zu bezahlen ist. Lösungen für dieses echte und komplexe Problem müssten dringend diskutiert werden, denn eine Welt ohne professionellen, organisierten Journalismus wäre eine schlechtere. Aber die Diskussion wird kaum öffentlich geführt, offenbar weil allzuviele Verleger zu glauben scheinen, dass mit dem Leistungsschutzrecht endlich alles gut würde. Es wird aber nicht gut. Weil nicht Digitalkonzerne wie Google oder sonst ein einzelnes Unternehmen hinter dem Problem stehen. Stattdessen handelt es sich um die Folgen der digitalen, vernetzten Technologie und ihrer massenhaften Benutzung.

Und trotzdem wird ein so kauderhaftes, kringsiges Gesetz eingeführt, obwohl eine so breite, gesellschaftliche Front dagegen opponiert. Obwohl ganz offensichtlich vorher eine öffentliche Diskussion notwendig wäre. Das ist mehr als nur merkwürdig, das ist schon verräterisch. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, Fragen zu stellen. Und zwar solche, die aus meiner Sicht die entscheidenden sind – auf die Tatsache bezogen, dass das Gesetz auf dem besten, bzw. schlechtesten Weg ist, zustande zu kommen.

1. Welche Rolle haben die Brüder von Klaeden bei der Entwicklung des Leistungsschutzrechts gespielt?
Es sind ja nicht alle Unionsabgeordneten ahnungslos, was das Netz angeht. Wenn man in den vergangenen anderthalb Jahren gefragt hat, wieso das diffuse, sinnlose Leistungsschutzrecht denn kommen solle – dann folgte in der Regel eine Sekunde des Schweigens. Und dann ein vielsagender Kommentar: das kommt von oben. Von ganz oben. Direkt aus dem Kanzleramt nämlich. Und damit eröffnet sich eine wichtige Frage. Dort, im Kanzleramt, ist der Staatsminister bei der Bundeskanzlerin mit beratender und unterstützender Funktion: Eckart von Klaeden. Der völlig zufällig der Bruder ist von Dietrich von Klaeden, der beim Axel-Springer-Verlag die Leitung der Regierungsbeziehungen für Deutschland innehat und öffentlich vehement das Leistungsschutzrecht vorantreibt. Brüder. Und der eine Bruder hätte schon durch die enge Beziehung zur Fraktion die Macht, ein Gesetz voranzutreiben, dessen Verwirklichung die berufliche Aufgabe des anderen Bruders wäre. Das war nicht gemeint mit der Brüderlichkeit “mit Herz und Hand”, die in der Nationalhymne besungen wird. Es wäre natürlich Unsinn, hier von Vetternwirtschaft zu sprechen, die beiden sind ja viel näher verwandt als Vettern. Man muss also fragen: War Eckart von Klaeden bei der Erstellung des Leistungsschutzgesetzes beteiligt? Wenn ja, wie? Und vor allem – warum? Und welche Qualität hatte (und hat) der Informationsaustausch zwischen den beiden Brüdern? Diese Frage stellt sich sogar noch vor der Frage, welche die bekannte, besondere Verbundenheit zwischen Friede Springer und Angela Merkel betrifft. Es ist ausgesprochen schade, geradezu bizarr, dass viele derjenigen Institutionen, die investigative Recherche zu ihren Stärken zählen, an diesem Punkt ein Eigeninteresse haben, nicht tätig zu werden.

2. Warum lassen sich die Verlage von Axel Springer so sehr in Gefahr bringen?
Axel Springer hat sich in der Öffentlichkeit (mit gelegentlichen Einwürfen burdaerseits) zum Sprachrohr einer ganzen Branche gemacht. Das geht nur, wenn die Branche das irgendwie akzeptiert, ob zähneknirschend oder nicht. Dabei scheinen zumindest einzelne Vertreter des Axel Springer Verlags mit Halbwahrheiten und Schlimmerem zu arbeiten: als Stefan Niggemeier Konzerngeschäftsführer Keese “Lügen fürs Leistungsschutzrecht” vorwarf, “konterte” der mit der labberigstmöglichen Gegenargumentation mit der argumentatorischen Härte einer aufgewärmten Götterspeise. Axel Springers quasireligiöser Kampf für das verquere Gesetz – man bekommt ja fast den Eindruck, als sei das Leistungsschutzrecht für Springer die neue Wiedervereinigung – ist für viele andere Verlage vor allem aus wirtschaftlichen Gründen schädlich. Es ist sehr, sehr stark umstritten, dass das Leistungsschutzrecht am Ende tatsächlich Geld bringt. Es gibt wesentlich mehr Anzeichen, dass die Einführung den Verlagsangeboten dramatisch schadet. Der oft zitierte Fall der Copiepresse in Belgien ist nur ein Aspekt – Google listet Verlagsangebote wegen juristischer Unklarheit aus, der Traffic bricht ein und damit auch die Werbeumsätze, Millionen Euro Googleoptimierung waren für die Tonne. Ein anderer, ebenso wichtiger Apsekt ist: Ist es nicht unglaublich leichtsinnig, wenn die nächsten drei Jahre damit verplempert werden, die Zukunftshoffnung verbissen auf ein Leistungsschutzrecht zu konzentieren, das beinahe völlig sicher nicht funktionieren wird? Sollen dann nochmal drei Jahre Geschwisterlobbyismus investiert werden, um Google zu zwingen, die Verlagsangebote zu listen UND zu bezahlen?

3. Wie sollen überhaupt noch die echten Probleme mit Google angegangen werden?
Ein ebenfalls selten beleuchteter Aspekt: der digitale Weltkonzern Google ist in vielen, vielen Punkten ausgesprochen kritikwürdig. Allein schon 96% Marktanteil am Suchmarkt in Deutschland – eine solche unfassbare, gesellschaftsprägende Monopolstellung wäre selbst dann fatal, wenn Google ein nonkommerzielle Kuschelgruppierung mit Blumen im Haar wäre. Und dann die realitätsferne Argumentation (von Googleanwälten in den USA), dass die Reihenfolge der Suchergebnisse Meinungsfreiheit seien. Das Echo dieser Haltung findet sich in der offensichtlichen Nutzung der Suche zur Vermarktung eigener Produkte wie Google Plus, dessen versprochene pseudonyme Nutzung übrigens noch immer nicht angemessen angeboten wird. Es gibt also viele Bereiche, in denen Google angegangen werden sollte, nein: muss, und wo Kritik und im Zweifel auch gesetzliche Aktion gefragt ist. Und dann investieren Verlage unglaublich viel Energie, politischen Druck in einem Bereich, der Google am Ende stärker, alternativloser machen wird. Denn genau das wird passieren: würde dieses Gesetz eingeführt, wäre nach wenigen Monaten überdeutlich, wer hier am längsten Hebel der digitalen Welt sitzt. (Mittel- und langfristig führt aus diesem und mehreren anderen Debakeln übrigens nur der Weg, dass digitale Quasimonopole wie Google, Facebook, in manchen Bereichen Apple, durch anständig funktionierende Marktalternativen ergänzt werden.)

4. Welche Rolle spielt der Fall Christian Wulff?
Hä? Wulff? Ja. Wulff hat zweifellos unglaublich viel falsch gemacht. Ob er sich auch strafbar gemacht hat, wird von der Staatsanwaltschaft geklärt oder auch nicht – aber glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Verfehlungen von Christian Wulff ohne Beispiel sind in der Politik? Dass alle anderen kein auch nur graues Stäubchen auf ihren chlorbleicheweißen Westen haben? Natürlich nicht. Politik ist voller Graubereiche, vielleicht lässt sich das kaum vermeiden. Die BILD-Zeitung hat gezeigt, dass sie selbst einen Bundespräsidenten aus dem Amt kegeln kann – und jetzt ist die Furcht groß, sehr groß, bei all denen, die Angriffspunkte bieten. Dafür muss ein Politiker sich nicht einmal so grobe Verfehlungen leisten wie Wulff, ein Blick auf das BILDblog ist genug, um festzustellen, dass an Springers Boulevard-Front Willkür Trumpf ist. Selbst ohne ein konkretes, drohendes Wort reicht das aus, um eine sehr unangenehme Form von politischem Druck zu erzeugen: Angst.

5. Ist die Bundesregierung erpressbar?
Das ist die schlimmste Frage, aber sie muss gestellt werden. Lobbyismus ist eine wichtige Art von Beteiligung an der Demokratie, was die diffuse, aber schlagkräftige Netzgemeinde tut, ist zum Beispiel auch Lobbyismus. Aber obwohl die Grenze zwischen legitimem politischem Druck und Erpressung fließend ist, wäre die Überschreitung fatal. Bundestagswahlen stehen an, was die politische Abhängigkeit von der Berichterstattung von Verlagen noch stärker erhöht. Nutzt hier die Vierte Gewalt in Form des Axel-Springer-Verlags ihr Drohpotenzial, ihre Kontakte und die frisch erlegte Trophäe eines Bundespräsidentenkopfes, um ein unsinniges, sogar für die Verlage selbst gefährliches Gesetz herbeizupressen?

Und wenn das so wäre: Wo sind die Koalitionspolitiker, wo sind die Verleger, die dagegen aufbegehren? Ist da nur Kadavergehorsam, weil das Kanzleramt es so will, aus Angst? Ist da nur Branchenzusammenhalt, weil der selbsternannte, aber schmuddelige Klassensprecher so fest an seine eigene Rettungsidee glaubt, dass sie ja wohl funktionieren MUSS?

Hier ist die schlechteste aller Nachrichten für diese Leute: Euer Kampf ist umsonst, und dabei noch nicht mal kostenlos. Das Leistungsschutzrecht löst nicht die Probleme der Verlage. Das Leistungsschutzrecht ist eine teure Baugenehmigung für ein Mondgrundstück.

Interessante Nebenbemerkung:
Vor einigen Jahren habe ich für ARTE einen einstündigen Dokumentarfilm über Lobbyismus gedreht, Michael Moore für Arme. Dabei habe ich ein gutes Dutzend Lobbyisten interviewen können, die tatsächlich einige spannende Tricks verraten haben (leider nicht alles in den Film gekommen, aber das ist eine andere Geschichte). Einer dieser hervorragend vernetzten Berufslobbyisten erzählte davon, wie man politische Anzeichen lesen könne. Es ist nämlich auffällig, dass in jedem Entwurf des Leistungsschutzrechts bisher grobe Fehler oder Unklarheiten enthalten waren: der erste Entwurf war zu global, der zweite nur auf Google bezogen und nicht auf Aggregatoren, der jetztige enthält eine Formulierung, die bewirken könnte, dass Google gar nicht betroffen ist. Laut des besagten Lobbyisten kann das ein Zeichen dafür sein, dass Kräfte in den Ministerien oder den gesetzesverfassenden Referaten das Gesetz torpedieren oder verhindern wollen – aber das nicht offiziell tun können. Liegt ja auch nahe: wenn man den Druck bekommt, ein Gesetz zu schreiben, das man selbst eigentlich verhindern möchte, dann dürfte das nicht unbedingt die Qualität erhöhen.

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Jeder Urheberrechtsaufruf jemals (pro & contra)

Das Internet! Ha!
Und deshalb muss das Urheberrecht dringend modernisiert werden, und zwar in unserem Sinne.

Denn unser Standpunkt zum Urheberrecht ist der einzig richtige. Übrigens sind wir nicht die einzigen, die das so sehen. Wir haben irgendeine passende Studie herausgesucht, die ein bisschen zurechtinterpretiert zweifelsfrei beweist, dass wir richtig liegen und alle anderen daher logischerweise falsch. Es ist recht weit außerhalb unserer Vorstellungskraft, dass man anderer Meinung sein könnte, ohne bösartig, dumm und falsch informiert zu sein.

Was die Diskussion jetzt braucht, ist Vernunft, und le Vernunft, c’est nous.

Das eigentliche Problem ist ja nun so klar, dass man es nicht mehr erklären muss:
Wir sind unzufrieden mit der Gesamtsituation. Und deshalb brauchen wir konkrete Schuldige, alles andere würde nämlich nicht in unser Konzept passen. Nebenbei bemerkt konnten wir uns keinem der bisherigen fünfhundert Aufrufe anschliessen, weil keiner das für uns elementarste Kriterium erfüllte: von uns zu stammen.

Unser höchst ehrenwertes Ziel ist, die Gesellschaft zu verbessern, und wenn wir sagen: die Gesellschaft, dann meinen wir zuallererst uns. Deshalb muss sich etwas verändern. Aber Weltverbesserung ist nicht Rom, deshalb führen nicht alle Wege dorthin, sondern nur ein einziger, nämlich unserer. Das ist kein Zufall: natürlich sind unsere Absichten die allerbesten, sonst hätten wir uns doch andere gesucht! Ausrufezeichen!

Schon klar, dass alle Beteiligten irgendwelche Bedürfnisse haben, aber unsere sind halt die entscheidenden. Das sagt übrigens auch – mit der Kraft der Wissenschaft untermauert; Sie ahnen es längst – die eingangs erwähnte Studie.

Aber nicht nur die Wissenschaft (die uns außerhalb der Studie völlig schnurz ist) gibt uns Recht, auch die Geschichte (die wir nicht kennen) lässt keinen anderen Schluss zu. Wir haben deshalb ein paar historische Situationen willkürlich herausgesucht, die zwar exakt nichts beweisen, aber sich nach Substanz anhören. Und die Presse steht drauf, was übrigens daran liegt, dass sich kaum jemand so richtig mit allen Seiten auseinandersetzen möchte, und historische Holzschnitte dann alles vereinfachen. Diejenigen historischen Vergleiche, die uns nicht in den Kram passen, weil sie das Gegenteil von unseren historischen Vergleichen ergeben würden, lassen wir aber sowas von weg. Und zwar: mit Recht.

Denn natürlich ahnen wir, dass alles nicht so simpel ist, wie wir in diesem Aufruf behaupten. Aber Differenzierung ist nur was für Schwächlinge und Deppen, denn irgendwann wird ja vielleicht konkret verhandelt werden. Dann ist eine undifferenzierte Extremposition ein viel günstigerer Ausgangspunkt. Abgesehen davon sind wir zusätzlich empört, und wir mögen unsere Empörung wie unseren Kaffee: kochend heiß und aufputschend. Daher sind fast so schlimm wie unsere Gegner: diejenigen, die nicht ausreichend platt argumentieren, ihnen gilt unser ewiges Unverständnis.

Keinesfalls wollen wir die Gelegenheit verstreichen lassen, Andersmeinende behauptungsintensiv zu beschimpfen, um zu unserer Selbstvergewisserung möglichst die Fronten zu verhärten. Das tun wir in Form eines notdürftig als Analyse getarnten Weltuntergangsszenarios: unsere kurzsichtigen, egoistischen Gegner zerstören mit ihrem Lobbyismus die wichtigsten Grundlagen der modernen Zivilisation! Nazivergleich!

Wir können und wollen deshalb nicht länger zusehen, wie ein Aufruf nach dem anderen sinnlos verhallt, ohne nicht auch einen sinnlos verhallenden Aufruf zu veröffentlichen. Je größer die Unterstützung für den Aufruf, desto rechter haben wir schließlich, völlig unabhängig vom Inhalt.

Unterzeichnen Sie deshalb hier und zeigen Sie der Welt, dass Sie an simple Lösungen für komplizierte Probleme glauben!

Damit es die von unseren Gegnern misshandelten Kulturschaffenden später einmal besser haben, lassen Sie uns alle gemeinsam kreischen:

Nieder mit der Contentmafia/den Raubkopierern!
(Zutreffendes bitte streichen)

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Kollision der Geschmacksdimensionen

Ich mag Hotels, sie geben mir das Gefühl von Unabhängigkeit. Und sie schenken mir die Möglichkeit, mich fast überall ein kleines bisschen zu Hause zu fühlen. Weil ich oft beruflich unterwegs bin, übernachte ich ungefähr alle anderthalb Wochen in Hotels und habe dabei eine Art Hobby entwickelt: ich kümmere mich um die Übernachtung erst unmittelbar vor der Übernachtung. Der Geschmack von Zivilisationsabenteuer und Freiheit in a nutshell, Aroma neobourgeois. Eigentlich ist es in zehn Jahren erst zweimal schief gegangen, einmal musste ich in Nizza absurd, wirklich ABSURD viel Geld für die Übernachtung bezahlen und einmal bin ich in Düsseldorf zu Messezeiten stundenlang herumgeirrt, bevor ich um halbvier Morgens auf die Idee kam, in eine Jugendherberge zu gehen. Sonst: immer Hotelzimmer, immer angemessene Preise, immer interessante Überraschungshotels, Einblicke in seltsame Welten. Schon die Gesichter der Handlungsreisenden im Frühstücksraum würden für eine zehnbändige Anthropologiehabilitation reichen.

Nach der Eröffnung der CeBIT in Hannover fahre ich kurz vor Mitternacht in Richtung Hauptbahnhof, um ein Hotelzimmer zu buchen. Erster Schuss ein Treffer, für Messezeiten sogar angemessen bepreist (halbwegs), außerordentlich freundlicher Nachtportier. Man muss wissen, dass Nachtportier einer der anstrengendsten und zugleich schlechtestbezahlten Jobs überhaupt ist, in nicht wenigen Hotels müssen diese Männer alles, wirklich alles allein erledigen, von Sicherheitsrundgängen über Gästebetreuung und Reparaturen bishin zu Putzarbeiten.

Das Hotel selbst geizt schon im Eingangsbereich nicht mir marmorhaftem Surrounding, die Zimmer und Etagen haben keine Nummern, sondern regional geprägte Namen, ich lande in der Etage “Gärten” im Zimmer “Welfenallee”. Modern eingerichtet, durchaus geschmackvoll, wenn auch leicht verdesignt im Detail, etwas übertriebener Einsatz von Wurzelholzimitat vielleicht.

Dann aber.

Die Dusche. Duschen sind in Hotels crucial, wie wir ICE-Reiseritter sagen, an der Dusche erkennt man die Substanz des Hotels. Ich gehe auf die Dusche zu, eine Glastür schliesst die vollvermarmorte Duschkammer ab. Aufgestossen, die Tür, und hinein ins Naßzimmerchen, nur sind die Halogenlämpchen aus. Die Bedienung der Dusche erfolgt mit in die Wand eingelassenen Metallknöpfen, vier an der Zahl: On/Off, wämer, kälter, Umschalter zwischen Handbrause und festmontiertem Duschkopf an der Decke. Dazwischen eine digitale Temperaturanzeige. Post-Steampunk, retroinnovativ, auf eine Art, so mag man sich 1967 die “Dusche 2000” vorgestellt haben.

Bestimmt geht das Licht an, wenn man auf On/Off drückt?

Ja. Aber nicht nur das. Die Dusche fängt an zu brausen, die Temperaturanzeige leuchtet auf – die Lämpchen strahlen in grellem Pink und dazu beginnt auf dem Monolautsprecher in der Dusche, den ich gerade erst entdecke, das Lied “It’s raining men” von den Weather Girls. Schockstarre. Dann ändert sich die Farbe des Lichts. Blau. Grün. Rot. Weiss. Und wieder Pink. Das Lied geht weiter, immer noch bin ich schockstarr, dann endet das Lied, nur, um wieder von vorn anzufangen. Und dann begreife ich.

Ich bin in eine Discodusche geraten, in der eine nicht abschaltbare Lichtorgel als einzige Beleuchtung in die Decke eingelassen ist und dazu in Endlosschleife “It’s raining men” gespielt wird. Es ist die vermutlich weltweit niederträchtigste Art, unbescholtene Hotelbürger vom ausdauernden und für das Hotel energieaufwändigen duschen abzuhalten. “It’s raining men” in der Discodusche, darauf muss man erstmal kommen, bzw. wäre ich froh gewesen, wenn man eben nicht drauf gekommen wäre.

Wir lernen daraus: die gezielte Verbindung von Technologie und Kultur spart Energie und Geld. Aber um welchen Preis?

Pics or it didn’t happen? Ja, gern, obwohl jedem klar sein sollte, dass die menschliche Phantasie außerstande ist, so etwas zu erfinden, habe ich einen Videobeweis angefertigt. Keine Angst, nicht nur aus urheberrechtlichen Gründen sind nur die ersten Millisekunden des Lieds zu hören:

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Facebook Fire-Sale

tl;dr: Am Freitag, den 17. Februar 2012, findet von 17 bis 20 Uhr in der Schönhauser Allee 184 in Berlin ein Facebook Fire Sale meiner Wohnungseinrichtung statt. Nur Sofortabholung möglich. Getränke werden gereicht. Die Preise bestimmen die Anwesenden selbst. Der Erlös geht zur Hälfte an den Kältebus für Berliner Obdachlose.

Jawohl – der legendäre Ort der ersten und einzigen beiden Original Twitter-Followerparties (Google: Followerparty) mit mehreren hundert Teilnehmern 2008 und 2009, die Schönhauser Allee 184, ist schon bald nicht mehr. Denn ich ziehe aus der Wohnung aus. Und dabei ist jede Menge Zeug angefallen, das ich nicht mehr brauche, aber vielleicht ja jemand von Euch. Deshalb der Facebook Fire-Sale, den ich analog zu den Twitter-Follower-Parties erst Twitter Fire-Sale nennen wollte, aber dann kommt ja niemand, um das Zeug abzuholen, sondern nur, um sich lustigste Sprüche auszudenken. In der Kurzfassung steht schon, wie das funktionieren soll, hier nochmal ausführlich: am Freitag, den 17. Februar ab 17 Uhr kann man drei Stunden lang das unten abgebildete Zeug in der Schönhauser Allee 184, 10119 Berlin abholen. Man bezahlt für die Möbel und Geräte soviel, wie man für richtig hält, wenn mehrere das Gleiche wollen, entscheidet das höchste Gebot. Der Erlös geht zur Hälfte an den Kältebus für Obdachlose in Berlin. Es ist ausschließlich und ausnahmslos Selbstabholung an besagtem Freitag zwischen 17 und 20 Uhr möglich. Getränke sind für jedes geschmeidige Beisammensein notwendig und werden deshalb von mir gestellt. Für bzw. gegen Live-Trolle ist eine überzeugungsfähige Security abgestellt (die allerdings nicht Möbel tragen hilft). Alles kann, alles muss raus!

Und zwar diese famosen, wunderbaren Sachen, Dinge und Zeug:

Ein rotes Schränkchen im vintagelookigen China-Style, es wirkt deutlich praktischer, als es tatsächlich ist. Aus mir nicht bekannten Gründen zieht es Staub geradezu magisch an, wenn man es bloß ein paar Jahre nicht wischt. Schubladen einwandfrei, Türen unten sind mit dem unpraktikabelsten mir bekannten Verschlusssystem versehen, nämlich einem Querpinöppel, der durch zwei Metallösen gefädelt ist. Da gerät jede Türöffnung zur motorischen Herausforderung, das geht in Richtung Diebstahlschutz.

Die Sofalandschaft besteht aus drei Teilen, hier ist der Zweisitzer zu sehen. Das Sofa aus rosa Kunstplüsch habe ich 2004 auf einem Kreuzberger Flohmarkt gekauft, wenn man die gängigen wirtschaftlichen Wertverfallmodelle hier anlegt, dürfte dieses Sofa auf dem freien Markt inzwischen minus achthundert Euro kosten. Was ein bisschen auch daran liegen mag, dass ich alle drei Sofateile mit zwei Katzen gemeinsam genutzt habe. Immerhin stubenrein (wir alle drei). Auf ebay würde ich schreiben: “mittlere Gebrauchsspuren” – und hoffen, dass nur sehschwache Kaufinteressenten kommen. Sonst einwandfrei.

Vor einigen Jahren dachte ich: große Buchstaben aus Metall, wie cool ist das denn? Aber man wird reifer mit der Zeit. Die Riesenbuchstaben stammen ursprünglich von einem Werbeschriftzug von FUJIFILM. Irgendwo fliegt auch noch ein M rum, was bedeutet, dass man FILM oder MILF buchstabieren kann. Das rotlackierte Metall hat zehn Jahre auf dem Dach eines Berliner Hauses hinter sich, das heisst, an einigen Stellen hat sich ein zwar völlig geruchfreies, aber doch haptisch interessantes Amalgam aus Lack, Stahlblech und Taubenscheisse gebildet. Aber egal, Wohnbuchstaben sind Hipsterpflicht!

Eine tadellose, kaum zwei Jahre alte Singlewaschmaschine, in der ich regelmäßig Singles gewasch- haha, nee, aber ohne Scherz, die ist schmal und klein, wäscht irre gut und war vor nicht allzulanger Zeit relativ teuer. Von Siemens, Markenqualität, mit imposantem Aufkleber vorne dran und einer Energieeffizienzstufe besser als die Bonität von Italien.

Von dieser gelben Prachtlampe gibt es drei Exemplare. Man lasse sich nicht vom Aufnahmewinkel verwirren, das Kabel ist ausreichend lang auch für Altbaudecken. In die neue Wohnung nicht mitgenommen habe ich die Lampen wegen ihrer ausgesprochen hohen Gelbheit, Form und Lichtspiel sind nah an der Perfektion, ab und an stellte ich mich mit einer Flasche Bier in den Flur in ihren goldenen Schein und ließ einfach die Strahlen auf mich herunterstrahlen und war glücklich. Das geht nicht mit allen Lampen.

Kein Markenprodukt. Vor einigen Jahren hatte ich bekloppterweise eine sparsame Phase und wollte deshalb den billigsten Geschirrspüler kaufen. Im Laden führte mich der Verkäufer zu diesem Gerät und sagte wörtlich: “Das steht hier nur, damit die Preisspanne bei Geschirrspülern grösser wirkt. Kaufen Sie es nicht, es ist ein schlechtes Gerät, das Geschirr wird kaum sauber.” Aus Trotz kaufte ich das Gerät und siehe: der Verkäufer hatte nicht gelogen. Der Single-Geschirrspüler macht das Geschirr kaum sauber. Aber kaum ist immerhin ein bisschen besser als im Spülbecken vergammelt. Empfehlung für Technikpessimisten, die in ihrer Fortschrittsablehnung täglich bestätigt werden wollen.

Ich habe eine ganze Reihe von IVAR-Regalen von IKEA. Lange wollte ich meine Wohnung IKEA-frei halten, aber auf der Zielgeraden ist es mir dann doch nicht gelungen und in einem ärgerlichen Doppelanfall von Möbelbedarf und Aktionskunst habe ich zusammen mit Jacques Palminger viel Quatsch bei IKEA gekauft. Ich glaube, das ist dabei herausgekommen, unter anderem. IVAR-Regale eignen sich für alle Bereiche, in denen Ästhetik keine Rolle spielt wie Keller, Atombunker oder Kinderzimmer.

Dieser Dysonstaubsauger ist ein Spezialstaubsauger für Tierhaare. Ich kann nicht beurteilen, ob er wirklich besser Haare aufsaugt, aber er war so irre teuer, dass er das sicher tut. Allerdings handelt es sich nicht nur um den hässlichsten Staubsauger der Welt, sondern auch um den lautesten. Sehr laut. Bizarr laut. Ungesund laut. Vom Lautstärkeniveau irgendwo zwischen startender Düsenjet und Schulausflug in die Vuvuzelafabrik. Und auch vom Klang her. Ein Must für staubsaugesüchtige, gehörlose Katzenbesitzer, die ihre Nachbarn hassen.

Auf dieser Gästematratze (mittlere Gebrauchsspuren) klang die Followerparty 2009 in einer Gruppenpettingsituation aus, an der mehrere bekannte Mitglieder der sog. Internetszene beteiligt waren (ich nicht). Eine geschichtsträchtige Matratze also. Auf nämlicher Party war übrigens auch der 4chan-Gründer moot anwesend, der zwar eine Keramikschale kaputtgemacht hat, aber recht früh ging. Wenn gewünscht, stelle ich ein Echtheitszertifikat aus.

Ein paar braune Billyregale verschiedener Breite. Ein hauchzarter Riss in der Rückwand, zu sehen unten links. Ansonsten staubig, aber absolut in Ordnung. Auch für ebooks geeignet und für schlechte Scherze.

Das Dreiersofa von der beschriebenen Sofakombo. Auch auf diesem Sofa haben nach irgendeiner Internet-Feier drei ungenannte Internetaktivisten den Abend körperbetont ausklingen lassen, ich glaube, die Feier zum Netzsperren-Triumph oder so. Das klingt jetzt in der sexuellen Häufung weitaus aufregender und toller, als es jemals war, merke ich gerade. Aber egal. Alle Spuren sind inzwischen beseitigt, außer den Katzenkratzspuren und mittleren Gebrauchsspuren natürlich. Aber das Sofa ist ansonsten noch tadellos, so dürfte eine der größten technisch möglichen Möbellügen überhaupt lauten.

Sechs Stück gibt es davon, vermutlich Friseurstühle. Es handelt sich um die am meisten nach Drehstühlen aussehenden Nichtdrehstühle überhaupt. Sie drehen sich nämlich nicht. Dafür haben sie Rollen und sehen aus wie eine Zahnspange auf Rädern. Was auch am zahnfleischfarbenen Kunstleder liegt, mit dem die Stühle bezogen sind. Immerhin sind sie bequem und kleben lustig an der Haut im Sommer.

Vintageartiger China-Look wieder, wie auch das Regälchen oben. Auch wieder die unpraktischen Verschlüsse in der Mitte bei diesem Sideboard. Hat die Gabe, so belanglos in der Gegend herumzustehen, dass man es jahrelang nicht bemerkt. Können nicht alle Möbel.

Die Metallbuchstaben U und I, die ich Querdenker, ich Funrevoluzzer, ich im besten Sinne Verrückter Kopf ganz einfach um 90° gedreht aufgehängt habe. Ich bin SO gewitzt manchmal, es ist mir selbst unheimlich. Frei kombinierbar mit den anderen Buchstaben natürlich, man kann also auch FLUI oder FILU legen.

Ein Badezimmerspiegel mit Beleuchtung, Design ist einem Fernseher nachempfunden. Das muss man als Interieurdesigner auch erstmal bringen: “Hey Chef, ich hab eine Idee, ein Badezimmerspiegel in Fernseherform, und damit es noch steiler wirkt, machen wir verspiegeltes Rauchglas aussen rum.” Und so kam Elvis doch noch zu seinem Badezimmerspiegel.

Ein Topkühlschrank von Bosch. Zwei Jahre alt, zwei Meter groß, zwei Türen, zwei Grad. Ohne Flachs, das Ding ist toll. Energieeffizient, leise, großräumig, hätte ich mitgenommen, wenn in der neuen Wohnung nicht eine Designer-Einbauküche mit allem Getöse gewesen wäre. Ganz anders als der Kühlschrank davor, in dem mir mal aus einer Futterdose ein paar offenbar halbwegs kälteresistente Regenwürmer entkommen waren, die in wirklich jeden Winkel krochen, um dort dann unherausprokelbar zu verenden – aber wie gesagt, das war nicht in diesem Kühlschrank (ehrlich).

Klare Sache: dieser Kronleuchter stellt einen der letzten Ausläufer meiner “Ironisch-Wohnen”-Phase dar. Solche Phasen wünscht man niemandem. Grauenvoll. Hing zuletzt im Gästezimmer. Macht ein gelbliches Licht von der Art, wie es in Filmen verwendet wird, um selbst die rosigsten Wangen zombiehaft blasskrank wirken zu lassen. Tipp für Leute, die regelmäßig Beweisfotos für ihre Spontanerkrankung brauchen (“Oh Gott, Müller, bleiben Sie bloß zu Hause!”).

Eine ganze Reihe hoher IVAR-Regale, etwas über zwei Meter hoch. Passt also auch in keinen Keller, vielleicht aber für Leute mit Kamin noch verwendbar. Das rotgezackte Kunstwerk oben von Jim Avignon heisst “Berlin”, das steht aber nicht zum Verkauf, das habe ich bloß vergessen. Der Ventilator ist verfügbar, der blaue Sack Überraschungsmüll natürlich auch, spannend könnte jedoch werden, dass unter dem Regal noch ca. 20 neue, unbenutzte Neonröhren sind. Spannend vor allem für mich, ob die jemand mitnimmt, weil die ein Licht machen, dagegen wirkt eine H&M-Umkleidekabine so warmleuchtend wie ein Kaminfeuer im Sonnenaufgang.

Dieser weisse Kunstledersessel ist so hässlich wie er auch bequem ist. Was mich in ein Jahre dauerndes Dilemma stürzte. Fußstütze ist per Knopfdruck hochklappbar, Lehne fährt dabei zurück und man liegt im Himmel. Bis man die Augen aufmacht oder jemand ästhetisch Empfindsames reinkommt, der erst lacht und dann weint.

Der Sessel zur rosa Plüschkombi. Meines Wissens immerhin ohne schlüpfrige Vorgeschichte. Dafür mittlere Gebrauchsspuren (durch Katzen). Überhaupt LIEBEN Katzen diese drei Sofateile, Haustierpeople aufgepasst, preiswerter kommt katzenkompatibler Plüschkrempel nicht mehr in Euer Haus.

Davon gibt es zwei Stück à vier Leuchtquadraten. Sie leuchten so, wie man es ihnen per Fernsteuerung befiehlt, und zwar in blau, weiss, grün, orange oder rot. Oder changierend. Ein bisschen die Lavalampe für Architekten, die nicht gestillt wurden. Macht aber nach kurzer Phase der Faszination total nerviges Licht.

Ein Holzsekretär unbekannter Herkunft, ausziehbare Schreibfläche. Wirkt gut präsentiert aber wie ein Designmöbel, das hätten doch alle geglaubt, wenn ich sowas geschrieben hätte wie: Der berühmte Minimal Desk vom dänischen Stardesigner Lasse Böltrup, über den man im Netz nichts findet, weil er ja 2007 gegen seine Googlebarkeit geklagt hat. Epoche: Späte Neofunktionalität, Material: skandinavische, handgefällte Erle (unbehandelt, unterwasserlackiert). Sammlerstück, kein anderes Exemplar bekannt!

FUJIFILM hat ja zwei F. Das hier hing jahrelang auf dem Gästeklo und hat sich dort ausgezeichnet gemacht, keine Beschwerden.

Ein Holzregal in unangenehmer Farbe (mintgrün) und das vermutlich keimigste Möbelstück in der Wohnung, weil es schräg überm Herd hing. Die Türen fehlen, es ist unansehnlich, das kann keiner wollen. Das kann auch keiner holen, weil es von mir höchstselbst an die Wand geschraubt ist in all meiner handwerkerischen Minderbegabung, die dazu führte, dass die Kreuzschlitzschrauben so ausgelutscht sind wie die meisten Sprüche auf Twitter.

IVAR, verdammt, so retrospektiv ist ja doch alles voller IKEA gewesen, was habe ich nur getan damals? Hier immerhin mit Flascheneinsatz, dafür muss ich sagen: vom Küchendunst hat sich eine leichte Fettigkeit ins Holz gesogen. Das fällt aber nur auf, wenn man näher als drei Meter rangeht. Tipp für hygnieneliberale Wohngemeinschaften!

Bettsofa von, haha, IKEA. Aber irre praktisch, kann man ausziehen, dann ist es ein Doppelbett. Aber Vorsicht, aus mir nicht bekannten Gründen wiegt das Ding gefühlte drei Tonnen. Ich weiss, das Foto ist eine Zumutung mit dem Sperrmüll drauf, aber ich hatte es eilig.

Holzkisten und Korbkörbe in verschiedenen Größen und Formen. Sehr praktisch, wenn man es sich gezielt einredet. Ansonsten eher sperrig und natürlich immer genau zu klein oder zu groß für alle denkbaren Gelegenheiten.

Und schließlich undefinierbares Gerümpel. Die Tür im Hintergrund muss dableiben, die gehört zur Wohnung. Aber zwei Plastiksterne, eine Lampe, die schon 1957 als altbacken empfunden worden wäre, ein großes Metall-M (andere Bauart als die anderen Buchstaben, aber auch als W verwendbar), zwei weibliche Torsi als Kleiderständer, eine Staffelei, Geschirr, ein hier kaum erkennbares, weisses Holzregal, das vom Gewicht her auch aus purem Blei sein könnte, ein nur marginal verbogener Buchständer, eine röhrenförmige Lavalampe. Was man halt so hat, aber nicht braucht im Haushalt.

Mit Freude und Spannung erwarte ich Eure Ankunft mit starken Helfern und Lastwägen am Freitag, den 17. Februar ab 17 Uhr in der Schönhauser Allee 184 in 10119 Berlin.


Nachtrag
Ergebnisse in Kürzestform:
– der Konkurrenz-Auszug aus Bellevue am selben Tag war deutlich populärer
– ca. 70 Käufer vor Ort
– die Facebook-Generation ist unglaublich höflich und freundlich
– etwa 40% des Zeugs wurde verkauft
– Berlin ist jetzt voll mit Wohnbuchstaben
– das Sofa ist noch da
– ebenso rätselhafterweise die Matratze
– etwas über 350 Euro Erlös
– so dass ich aufrunde auf 500 Euro und alles dem Kältebus spende (done; Spendenbeweis)
Vielen Dank an alle Beteiligten.

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Bundestrojaner für Mac

Nach intensiven Protesten durch verärgerte Apple-Nutzer ist der Bundestrojaner ab demnächst endlich auch für Mac-Computer verfügbar. Der Bundestrojanerbeauftragte beteuerte, die App bereits zur Prüfung an den Appstore übermittelt zu haben. Dort werde überprüft, ob ggf. Urheberrechte verletzt würden oder unzulässige Worte wie “Fuck”, “Bitch” oder “Android” im Quelltext der Anwendung vorkämen. Die zuständigen Stellen der Ermittlungsbehörden erklärten, das erfahrene Entwicklerteam “h4xx0rz 1337” – auf deren Seite bundeswarez.ru man die Software recht preisgünstig habe erwerben können – habe hoch und heilig versprochen, sich an alle im Chat vereinbarten Regeln gehalten zu haben.

Besonders stolz sind die zuständigen Behörden auf den nutzerzentrierten Ansatz der Anwendung: “Anders, als man es sonst von staatlicher Software gewohnt ist, haben wir beim Bundestrojaner für den Mac Usability groß geschrieben. Die Nutzer müssen buchstäblich gar nichts tun, um die App zu nutzen.” Die für PC-Nutzer längst selbstverständliche, automatische Ferninstallation im Hintergrund und ohne lästige Rückfragen sei nun auch für die bedeutende und immer größer werdende Zielgruppe der Apple-User verfügbar.

Für den “Bundestrojaner 4 Mac”, so der offizielle Name der Applikation, gelten folgende Systemvoraussetzungen:

• Mac-Computer mit einem Intel- oder PowerPC G5-Prozessor (867MHz oder schneller)
• 512 MB Arbeitsspeicher oder mehr
• 2,5 GB freier Festplattenspeicher für die regelmäßigen Screenshots im Offline-Modus

Weiterhin wird der Bundestrojaner 4 Mac auf allen Rechnern ab Betriebssystemversion OSX 10.5 laufen. Für Nutzer älterer Betriebssysteme soll zeitnah ein allerdings kostenpflichtiges Softwareupdate veröffentlicht werden. Bis dahin sind betroffene Nutzer aufgerufen, die Lücke händisch zu schließen: der Bundestrojaner 4 Mac fordert im Anwendungsfall den User auf, regelmäßig selbst Screenshots mithilfe der Tastenkombination “cmd shift 3” anzufertigen und an eine individuell eingerichtete Mailadresse zu verschicken.

Enttäuschung herrschte dagegen beim Verband der Linuxnutzer: “Einmal mehr versagt die IT-Strategie des Bundes und die Lobbyisten der proprietären Betriebssysteme haben sich zum Schaden aller Bürger durchgesetzt. Open Source-Software wird völlig ignoriert.” Experten gehen davon aus, dass wegen der umfangreichen, bereits verfügbaren freien Malware ein Open-Source-Bundestrojaner sehr preisgünstig realisiert und vermutlich sogar crowdgesourced werden könne. “Es ist keine Frage der Kosten, sondern des Willens”, so der Linuxverband.

Mit dieser Problematik konfrontiert, gab sich der Bundestrojanerbeauftragte wortkarg, versprach aber, zumindest im mobilen Bereich deutlich nachzubessern. Schon 2012 solle eine mobile Version des Bundestrojaners veröffentlicht werden, die dann plattformübergreifend sowohl auf iPhones und iPads wie auch auf allen Android-Devices funktionieren solle. Entsprechende Funktionalitäten habe die NSA ausdrücklich zugesichert. Auf eine Version für das Nokia-Betriebssystem verzichte man allerdings, weil man alle zwölf Nutzer auch so im Auge behalten könne.

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Strohfeuer – Kleine Kritikschau

Als am Freitag “Strohfeuer” (das ist mein Romanerstling) startete (seit heute gibt es das Ebook übrigens auf den für Rowohlt üblichen Downloadplattformen), war die Resonanz nicht schlecht. So als Menge an Resonanz betrachtet, aber zu einem Teil auch qualitativ. Sehr schön war zum Beispiel die Kurzkritik von Ijoma Mangold in “Die Vorleser” im ZDF am Freitag Abend:

Zitate aus Mangolds Beschreibung:

“… ein herrliches Buch, ein Brevier für Hochstapler … eine intelligente, eine boshafte, eine köstliche Satire … zugleich aber auch ein Selbstportrait, wo das eigene Blendertum ein wenig auf die Schippe genommen wird.”

Auch auf Focus.de ist noch am Freitag ein positiver Text von Jennifer Reinhard erschienen, überschrieben mit ““Strohfeuer”: Zwischen Genie und Größenwahn“, hier eine Passage:

Temporeich und mit der Akribie eines Soziologen schildert Lobo das Lebensgefühl einer Generation, die glaubte, per Mausklick die Welt beherrschen und die Gesetze des Markts auf den Kopf stellen zu können. Er entlarvt die New Economy als das, was sie war: ein Luftschloss, das auf nichts als Hybris und der Hoffnung auf schnelles Geld fußte. Dabei begeht der Co-Autor von „Wir nennen es Arbeit“ und des Ratgebers „Dinge geregelt kriegen“ zu keiner Zeit den Fehler, zu viel Mitleid mit den Figuren in diesem Marionettentheater aufkommen zu lassen.

Auf News.de schreibt Ronny Janke den Artikel “Drama aus der Seifenblase“, mit der irgendwie verschwundenen, aber in der URL noch vorhandenen Unterüberschrift “Der Ton der Web 2.0-Generation”:

Lobo erzählt dieses New-Economy-Märchen äußerst charmant, setzt auf glaubwürdige Charaktere, die über sich selbst hinauswachsen wollen und am Ende scheitern, weil der eigene Hochmut sie zu Fall bringt.

Im Kölner Stadtanzeiger erscheint (von der Agentur dapd aus) weniger eine Kritik als der Bericht “Die Ekel-Faszination der Gier” von einem Autor, der auch auf der Berliner Lesung am letzten Freitag war:

Sich mit einem der beiden Charaktere voll und ganz zu identifizieren, wird wahrscheinlich nicht einmal dem gelingen, dessen Leben sich zu Beginn des neuen Jahrtausends in Berlin abspielte und allein von der Sucht nach dem “großen Ding”, nach neuen Ideen, Erfolg, Reichtum, Feiern und Sex geprägt war.

In eine ähnliche Kerbe schlägt die Rhein-Zeitung (wo ich im Mai Chefredakteur für einen Tag war). Dort hat sich Moritz Meyer mit dem Roman beschäftigt, seine Kritik ist überschrieben mit “Lobo und das Strohfeuer der Stromberg-Kreativen“:

Eine Identifikationsfigur werden die meisten Leser in Lobos Buch vergeblich suchen, so sie nicht ein Herz für halbkriminelle Angeber haben. Vielmehr greift das Prinzip der Büro-Satire „Stromberg”: Das permanente Angewidertsein von den Methoden der Hauptfiguren löst eine eigentümliche Faszination aus.

“Eigentümliche Faszination” mag ich gern, besonders in seiner leicht unklaren Wertung. Sehr gefreut habe ich mich über die englischsprachige Kritik von der Literaturübersetzerin Katy Derbyshire “Sascha Lobo: Strohfeuer” auf ihrem Blog Love German Books. Auch sie war auf der Lesung und setzt sich sehr präzise mit den Stärken und Schwächen des Buchs auseinander. Die beschriebenen Stärken zitiere ich im Folgenden, für die Schwächen am besten auf’s Blog selbst klicken, die lasse ich natürlich an dieser Stelle weg:

Strohfeuer is a funny book. A chuckle-raising, laugh-a-minute good fun read. Our horrible hero Stefan bluffs his way into the advertising industry – not known for its great morals and humanity in the first place – and makes large amounts of money with smoke and mirrors. …
The book’s first strength is in its characters, from the out-and-out nasty Thorsten who turns out to have a reason for his misbehaviour to the scaredy-cat funny guy Phillip who surprises us at the end to the self-obsessed narrator Stefan who constantly manages to override his conscience and often common sense too. …
The second strength is the novel’s language. It probably wouldn’t come across quite as well in translation, but it’s full of toe-curling anglicisms like the verb delivern, ad agency in-jokes like irony-free zone, buzzwords like Hitler (as an expletive) and the like. And all related in a deadpan tone with an eye for detail – like a project manager’s liking for maritime metaphors. …
And the third is the sense of timing. Because what might have been just a string of funny ad agency incidents is broken up by little extra scenes from the narrator’s childhood, escapades in various cars and bars, and a couple of last-ditch slapstick attempts to save the company. All of which make the book much more – well, likeable.

Die dpa hat heute eine Meldung zu Strohfeuer verschickt, die sich zum Beispiel hier auf der Seite der Süddeutschen Zeitung wiederfindet. Obwohl es eher eine Art Inhaltsangabe als eine Kritik ist, spürt man zwischen den Zeilen eine gewisse Ablehnung, bzw. Abwertung durch, man stört sich etwa an der Sprache, durchbrochen von positiven Bemerkungen aus der Halbdistanz wie dieser:

Zu den Stärken des Buches zählen die Passagen, in denen Lobo den heute unvorstellbaren Überschwang des Dotcom-Booms satirisch aufs Korn nimmt.

Von den eher positiven und/oder neutralen Kritiken abgesehen, hatte mir Meedia am letzten Freitag Gelegenheit gegeben, in einem Interview mit der Überschrift “Das einzig besondere ist sein Größenwahn” einige Fragen zu beantworten. Hier herausgepickt habe ich die Frage und die Antwort, die in die Überschrift Eingang gefunden hat:

Was für Menschen haben denn Erfolg in solchen “Bubble”-Zeiten?
Die Menschen, über die ich mich im Buch lustig mache – wie den Ich-Erzähler Stefan, der von sich glaubt, er könne beinahe Gedanken lesen, er sei klüger als alle anderen – aber letztlich erbärmlich ist, weil das Einzige, was an ihm besonders ist, sein Größenwahn ist. Und auch der ist unfassbar armselig, weil er sich in einem Hunderttausendmark-Auto äussert. Es geht um Menschen, die beim Betrachter eine Ekelfaszination auslösen, die man selbst dann nicht mögen kann, wenn man es versucht.

Natürlich gab es auch negative Kritiken, ich weiss gar nicht, wann ich das letzte Mal irgendetwas gemacht habe, was alle gut fanden. Mit drei in die Hose vielleicht. Und natürlich darf jeder öffentlich “Strohfeuer” (und auch mich) ganz grauenvoll finden. Überrascht hat mich aber schon, wie persönlich die Kritik der FAZ daherkam (“Klassenclown-Prosa”), die die ersten beiden abfälligen Absätze auf Frisur und Twittericon verwendet (die ausser auf dem Cover im Buch nicht vorkommen).

Zwischen der WELT-Gruppe und mir lodert seit einiger Zeit nicht unbedingt eine heftige Liebe. Aber bin ich als einzelne Person für einen Konzern tatsächlich ein würdiges Ziel für eine persönlich werdende Breitseite? Selbst wenn ich in den Augen der Autoren einen wahnsinnig schlechten Roman geschrieben habe? Oder ist es Zufall, dass die WELT aus allen Rohren schiesst? Das kann ja auch sein, ich weiss es tatsächlich nicht. Meines Wissens ist in der WELT Kompakt und auch in der WELT für Erwachsene Frank Schmiechens Glosse (“Wenn Frisuren schreiben“) erschienen, offline wie online, sowie in der WELT am Sonntag wie auch im Netz Peter Praschls Kritik, die gedruckt “Ohne sich vergleichen zu wollen” hiess und für’s Netz umbenannt wurde in “Sascha Lobo schreibt ein Arschlochcrescendo“, veröffentlicht mit ungünstigem Foto (das Wörtchen Arschlochcrescendo ist ein Zitat von mir über meinen Roman). Beide scheinen mit vom Hasswunsch zerfurchtem Gesicht geschrieben (dieser Satz ist ein abgewandeltes Kinskizitat, was aber offenbar kaum zu erkennen ist, so dass ich ihn durchgestrichen habe):

“Was immer Lobo sagt, schreibt, bloggt, twittert, versendet sich so schnell, dass man selten weiß, worum genau es ging. […] Es ist das blanke Elend. … ” (Praschl)
“… dass man ein gutes Buch nicht vortäuschen kann. Man braucht dafür sprachliche Fähigkeiten und eine interessante Geschichte. Beides hat Sascha Lobo in “Strohfeuer” nicht zu bieten.…liest sich wie das eilig hingeworfene Drehbuch zu einer Fernseh-Vorabendserie.” (Schmiechen)

Am interessantesten ist die (negative) Kritik in der Mitteldeutschen Zeitung von Ulrich Steinmetzger, “Ich war begeistert von mir selbst” (ein näherungsweises Zitat der Hauptfigur). Steinmetzger ist der Meinung, dass ich absolut identisch bin mit der Hauptfigur. Dass ein gewisses Vexierspiel zwischen dem Ich-Erzähler und dem Autor stattfindet, ist durchaus beabsichtigt, überhaupt nicht neu und ich glaube, das würde auch dann stattfinden, wenn ein weiblicher Orang-Utan in der Steinzeit die Hauptfigur gewesen wäre. In der Mitteldeutschen Zeitung, die das “ich” im Roman für ein “ich” des Autors hält, hat es etwas Seltsames. Oder, um die Worte von Moritz Meyer zu verwenden: etwas eigentümlich Faszinierendes.

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Google Street View-Widerspruch-Widerspruch

Und zack – mit der politischen Feinfühligkeit eines betrunkenen Diplodocus teilt die Firma Google unvermittelt mit, dass noch in diesem Jahr Google Street View auch in Deutschland an den Start gehen wird, und zwar in 20 ausgewählten Städten. Das ist – trotz anderweitiger Verfehlungen ebendieser Internetfirma im Moment – eine gute Nachricht, denn damit ist endlich plakativ die Digitale Öffentlichkeit auf den Weg gebracht. Diese funktioniert zwar nach etwas anderen Regeln als die Analoge Öffentlichkeit, aber solche Veränderungen haben bisher viele Technologien verursacht: der Fotoapparat zum Beispiel hat das Verständnis des Bildes der eigenen Person grundlegend verändert. Wenn man mitten in einer grösseren Menge Menschen in der Öffentlichkeit fotografiert wird, muss man (in den meisten Fällen) akzeptieren, dass das Foto von Dritten ohne Nachfrage verwendet wird. Öffentlichkeit eben.

Das Verständnis des Konzepts der Digitalen Öffentlichkeit (eigentlich wollte ich nach meinem SPIEGEL-Streitgespräch zu diesem Thema längst einen Artikel drüber geschrieben haben) ist aber noch nicht besonders weit verbreitet. Unter anderem deshalb hat Frau Ilse Aigner auf ihren Ministeriumsseiten einen schriftlichen Muster-Widerspruch vorbereitet – für diejenigen, die nicht wollen, dass ihr Haus in Google Street View auftaucht (Link zum PDF). Menschen, die das Konzept der Digitalen Öffentlichkeit nachvollziehen können, halten das für eine mittlere Katastrophe – das eigene Haus nicht in Street View? Eine Fassade soll Privatsphäre sein? Darf jedes Dorf entscheiden, ob es im Atlas veröffentlicht wird?

Die meisten Leute haben zweifellos Nachbarn, denen man einen so schwerwiegenden Eingriff in die Digitale Öffentlichkeit wie einen “Google Street View Widerspruch” zutraut. Und genau deshalb biete ich hier den “Google Street View Widerspruch-Widerspruch” an. Die Benutzung ist ganz simpel, man füllt das formlose Formular aus und schickt es an Google. Und zwar präventiv, falls man seltsame, offlinige Nachbarn hat, oder als Gegenwiderspruch, wenn man schon von einem Widerspruch weiss. Hier ist der Google Street View Widerspruch-Widerspruch als PDF-Download (unten angefügt ein Screenshot). Er ist dem Otto-Normal-Widerspruch spürbar nachempfunden, hoffentlich ergibt das keine Urheberrechtsprobleme. Man kann den Text auch per Mail an streetview-deutschland@google.com versenden – ich empfehle allerdings, entweder einen Brief zu schicken oder in ein Museum einzubrechen und den Widerspruch per Fax zu senden: auf traditionelle Weise vorgebrachte Offline-Meinungen zählen offenbar mehr als Online-Meinungen.

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