Interaktion

Warum man manchmal auch schlechtformulierte Petitionen mitzeichnen sollte

tl;dr
Die aktuelle Epetition gegen das Leistungsschutzrecht ist so lebendig und überzeugend formuliert wie die Steuererklärung von Thilo Sarrazin. Trotzdem ist es wichtig, bis zur Deadline am 10. Oktober mitzuzeichnen.

134.014 ist hauptberuflich keine Zahl. 134.014 ist ein Symbol, und zwar in meinen Augen das zweitwichtigste Symbol der deutschen Netzbürger. Das erstwichtigste Symbol besteht aus mehr als einhunderttausend Leuten, die Anfang 2012 allein in Deutschland gegen ACTA auf die Straße gegangen sind. Aber bis dahin war die 134.014 für Medien, Politik und Gesellschaft entscheidend: so oft wurde im Jahr 2009 die E-Petition gegen Netzsperren gezeichnet.

Warum sind diese Zahlen überhaupt relevant?

Politik ist zweigeteilt, sie besteht aus Worten und Wirkungen. Worte sind toll, aber haben eine geringe Halbwertszeit: ein lauter Protestschrei tut nur ein paar Minuten lang in den Ohren weh. Deshalb entscheidet in der Politik die Wirkung – und zwar die in der Öffentlichkeit. Dafür gibt es ein Zauberwort: es heißt Mobilisierung. Mobilisierung ist eine politische Messgröße dafür, bei welchen Themen nur viel geredet wird. Und wo Taten folgen.

Der ACTA-Protest war so erfolgreich, weil eine Mobilisierung enormen Ausmaßes stattfand, es verwandelten sich vielen Worte im Internet in bundesweite Demonstrationen in touchscreenfeindlichem Frost. Die 134.014 war 2009 der ausschlaggebende Grund, weshalb der deutsche Netzaktivismus erstmals ernstgenommen wurde. Die Petition war die Schnittstelle, wo sich das Wortgetöse auf Twitter in messbare Wirkung verwandelte. Ein solches Mobilisierungsymbol ist notwendig. Denn die sozialen Medien sind ein Dampfplauderbad: wer drin ist, spürt die Hitze. Wer nicht drin ist, spürt auch keine Wirkung. Und eine noch so eindrückliche Beschreibung von 90° Celsius ist viel entspannter auszuhalten als 90° Celsius. Eine Epetition auf den Servern des Bundestags aber macht die Empörung messbar und verleiht ihr eine politische Wirkung.

Was uns zur aktuellen Epetition gegen das Leistungsschutzrecht bringt. Bruno Kramm von der Piratenpartei hat sie geschrieben eingereicht. Leider ist sie formuliert, als wolle er beweisen, dass er mit den großen Juristenkindern mitspielen kann. Das war kontraproduktiv, entsprechend haben bis jetzt kaum 10.000 Leute mitgezeichnet. Dabei geht es – Mobilisierung! – um die Breitenwirkung, um die Überzeugung derjenigen, die gegen das Leistungsschutzrecht sind, aber noch nicht wissen, dass sie gegen das Leistungsschutzrecht sind.

Zur Erinnerung: das Leistungsschutzrecht soll Verlagen ermöglichen, für den Gebrauch von kleinsten Textschnipseln Geld zu verlagen. Zum Beispiel von Weltkonzernen wie Google, Rivva oder dem Perlentaucher. Das Gesetz wird von einigen Verlagen vehement gefordert, und zwar aus Verzweiflung, weil mit journalistischen Inhalten im Netz nur schwer Geld zu verdienen ist. Die schwarz-gelbe Bundesregierung lässt sich von diesen Verlagen – allen voran dem Axel-Springer-Verlag – zur Einführung eines Leistungsschutzrecht drängen: es steht unmittelbar bevor. Allerdings wird es nicht die Wirkung haben, die Verlage sich erhoffen, nämlich Geld von Google. Stattdessen gibt es jede Menge schädlicher Nebenwirkungen – und die betreffen fast alle.

• Das Leistungsschutzrecht erhöht für Internet-Nutzer die Chance, abgemahnt zu werden. Es schafft nämlich Unklarheit, was für wen unter welchen Umständen lizenzfrei erlaubt ist und was nicht – eine Unklarheit, die langwierig und damit teuer gerichtlich zu klären sein würde.

• Wegen des Leistungsschutzrechts könnte Google aufhören, alle Seiten von Verlagen zu durchsuchen. Wie sollen Nutzer Presseartikel etwa zum Thema Finanzkrise finden – wenn nicht über Google? Es droht die völlige Unauffindbarkeit des deutschen, professionellen Journalismus im Netz.

• Wegen des Leistungsschutzrechts dürfte Google aber auch sämtliche Seiten auslisten, die auch nur im Zweifel lizenzpflichtig sein könnten. Und das kann sehr viele treffen – zur Erinnerung: in Deutschland kann ein Blog bereits als kommerzielle Publikation gelten, wenn es Affiliate-Links von Amazon einbindet.

• Im einem Entwurf des Leistungsschutzrechts ist von “Aggregatoren” die Rede. Es ist juristisch völlig unklar, ob davon auch Facebook und Twitter betroffen sind, die teilweise aggregatorisch funktionieren. Das könnte bedeuten, dass alle Seiten, die irgendwie verlagig riechen, auch dort ausgelistet werden. Mark Zuckerberg wird niemals dafür bezahlen, wenn ein Facebook-Nutzer eine Seite verlinkt und deshalb ein Textschnipsel auf Facebook erscheint.

• Wenn das Leistungsschutzrecht kommt, könnte es – je nach Googles Entscheidung – den Suchkonzern sogar stärken. Denn nur Google könnte sich Lizenzgebühren überhaupt leisten, der monopolhafte Such-Marktanteil von 96% wäre auf ewig zementiert. Und das, wo es mit dem Übernetzkonzern Google eine Vielzahl von drängenden Problemen gibt – auch solche, die politisch dringend geklärt werden müssten: Transparenz, Marktbeherrschung, Abhängigkeit ganzer Branchen von einer handvoll Google-Ingenieure, Privatsphären-Probleme und vieles mehr.

• Es ist völlig ungeklärt, welche Rolle die Brüder von Klaeden beim Leistungsschutzrecht gespielt haben: Eckart von Klaeden ist im Kanzleramt angesiedelt, dort wurde dieses Thema maßgeblich vorangetrieben. Sein Bruder Dietrich von Klaeden ist beim Axel-Springer-Verlag dafür abgestellt, das Leistungsschutzrecht herbeizulobbyieren. Ist da ein anwidernder Fall von brüderlicher Politmauschelei im Gang?

• “Vor einem Wahljahr legt sich niemand mit der Springer-Presse an”, dieser Satz eines hochrangigen Politikers ist in meinem Beisein wörtlich gefallen – und gedacht wird er überall. Zu plastisch ist der genüssliche Wulff-Abschuss der “BILD-Zeitung” in Erinnerung. Wo fängt Erpressung an? Ab welchem Punkt kuschen demokratisch gewählte Volksvertreter vor einer Boulevard-Macht, weil sie Angst vor wahlentscheidender Vergeltung haben? Und wie erbärmlich rechtsstaatsunwürdig wäre das bitte? Steckt denn in den bürgerlichen Parteien kein Funken Law-and-Order-Bewusstsein mehr?

Deshalb: Zeichnet die Petition mit, auch wenn sie getextet ist wie von marsianischen Katasteramtsleuten. Zeichnet sie mit, damit ein Symbol entsteht, damit die wütenden Worte sich in wuchtige Wirkung verwandeln. Ja, auch ihr seid davon betroffen, wenn Euch ein wesentlicher Teil der Informationswirkung des Netzes amputiert wird – weil ihr zum Bürgerkrieg in Syrien keine professionellen Artikel mehr finden könnt auf Google. Sondern nur noch wirre Verschwörungstheorien in seltsamen Foren. Zeichnet die Petition mit, um die Regierung davor zu bewahren, sich dem Druck der Springer-Presse zu beugen. Zeichnet sie mit – nicht, weil Google betroffen ist, sondern obwohl Google betroffen ist. Zeichnet sie zähneknirschend mit, obwohl sie aus einem misslungenen piratigen Alleingang entsprungen ist – aber zeichnet sie mit. Wir brauchen das Symbol. Und mit “wir” ist hier nicht die Netzgemeinde gemeint – sondern alle, die das Netz nutzen.

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Facebook Fire-Sale

tl;dr: Am Freitag, den 17. Februar 2012, findet von 17 bis 20 Uhr in der Schönhauser Allee 184 in Berlin ein Facebook Fire Sale meiner Wohnungseinrichtung statt. Nur Sofortabholung möglich. Getränke werden gereicht. Die Preise bestimmen die Anwesenden selbst. Der Erlös geht zur Hälfte an den Kältebus für Berliner Obdachlose.

Jawohl – der legendäre Ort der ersten und einzigen beiden Original Twitter-Followerparties (Google: Followerparty) mit mehreren hundert Teilnehmern 2008 und 2009, die Schönhauser Allee 184, ist schon bald nicht mehr. Denn ich ziehe aus der Wohnung aus. Und dabei ist jede Menge Zeug angefallen, das ich nicht mehr brauche, aber vielleicht ja jemand von Euch. Deshalb der Facebook Fire-Sale, den ich analog zu den Twitter-Follower-Parties erst Twitter Fire-Sale nennen wollte, aber dann kommt ja niemand, um das Zeug abzuholen, sondern nur, um sich lustigste Sprüche auszudenken. In der Kurzfassung steht schon, wie das funktionieren soll, hier nochmal ausführlich: am Freitag, den 17. Februar ab 17 Uhr kann man drei Stunden lang das unten abgebildete Zeug in der Schönhauser Allee 184, 10119 Berlin abholen. Man bezahlt für die Möbel und Geräte soviel, wie man für richtig hält, wenn mehrere das Gleiche wollen, entscheidet das höchste Gebot. Der Erlös geht zur Hälfte an den Kältebus für Obdachlose in Berlin. Es ist ausschließlich und ausnahmslos Selbstabholung an besagtem Freitag zwischen 17 und 20 Uhr möglich. Getränke sind für jedes geschmeidige Beisammensein notwendig und werden deshalb von mir gestellt. Für bzw. gegen Live-Trolle ist eine überzeugungsfähige Security abgestellt (die allerdings nicht Möbel tragen hilft). Alles kann, alles muss raus!

Und zwar diese famosen, wunderbaren Sachen, Dinge und Zeug:

Ein rotes Schränkchen im vintagelookigen China-Style, es wirkt deutlich praktischer, als es tatsächlich ist. Aus mir nicht bekannten Gründen zieht es Staub geradezu magisch an, wenn man es bloß ein paar Jahre nicht wischt. Schubladen einwandfrei, Türen unten sind mit dem unpraktikabelsten mir bekannten Verschlusssystem versehen, nämlich einem Querpinöppel, der durch zwei Metallösen gefädelt ist. Da gerät jede Türöffnung zur motorischen Herausforderung, das geht in Richtung Diebstahlschutz.

Die Sofalandschaft besteht aus drei Teilen, hier ist der Zweisitzer zu sehen. Das Sofa aus rosa Kunstplüsch habe ich 2004 auf einem Kreuzberger Flohmarkt gekauft, wenn man die gängigen wirtschaftlichen Wertverfallmodelle hier anlegt, dürfte dieses Sofa auf dem freien Markt inzwischen minus achthundert Euro kosten. Was ein bisschen auch daran liegen mag, dass ich alle drei Sofateile mit zwei Katzen gemeinsam genutzt habe. Immerhin stubenrein (wir alle drei). Auf ebay würde ich schreiben: “mittlere Gebrauchsspuren” – und hoffen, dass nur sehschwache Kaufinteressenten kommen. Sonst einwandfrei.

Vor einigen Jahren dachte ich: große Buchstaben aus Metall, wie cool ist das denn? Aber man wird reifer mit der Zeit. Die Riesenbuchstaben stammen ursprünglich von einem Werbeschriftzug von FUJIFILM. Irgendwo fliegt auch noch ein M rum, was bedeutet, dass man FILM oder MILF buchstabieren kann. Das rotlackierte Metall hat zehn Jahre auf dem Dach eines Berliner Hauses hinter sich, das heisst, an einigen Stellen hat sich ein zwar völlig geruchfreies, aber doch haptisch interessantes Amalgam aus Lack, Stahlblech und Taubenscheisse gebildet. Aber egal, Wohnbuchstaben sind Hipsterpflicht!

Eine tadellose, kaum zwei Jahre alte Singlewaschmaschine, in der ich regelmäßig Singles gewasch- haha, nee, aber ohne Scherz, die ist schmal und klein, wäscht irre gut und war vor nicht allzulanger Zeit relativ teuer. Von Siemens, Markenqualität, mit imposantem Aufkleber vorne dran und einer Energieeffizienzstufe besser als die Bonität von Italien.

Von dieser gelben Prachtlampe gibt es drei Exemplare. Man lasse sich nicht vom Aufnahmewinkel verwirren, das Kabel ist ausreichend lang auch für Altbaudecken. In die neue Wohnung nicht mitgenommen habe ich die Lampen wegen ihrer ausgesprochen hohen Gelbheit, Form und Lichtspiel sind nah an der Perfektion, ab und an stellte ich mich mit einer Flasche Bier in den Flur in ihren goldenen Schein und ließ einfach die Strahlen auf mich herunterstrahlen und war glücklich. Das geht nicht mit allen Lampen.

Kein Markenprodukt. Vor einigen Jahren hatte ich bekloppterweise eine sparsame Phase und wollte deshalb den billigsten Geschirrspüler kaufen. Im Laden führte mich der Verkäufer zu diesem Gerät und sagte wörtlich: “Das steht hier nur, damit die Preisspanne bei Geschirrspülern grösser wirkt. Kaufen Sie es nicht, es ist ein schlechtes Gerät, das Geschirr wird kaum sauber.” Aus Trotz kaufte ich das Gerät und siehe: der Verkäufer hatte nicht gelogen. Der Single-Geschirrspüler macht das Geschirr kaum sauber. Aber kaum ist immerhin ein bisschen besser als im Spülbecken vergammelt. Empfehlung für Technikpessimisten, die in ihrer Fortschrittsablehnung täglich bestätigt werden wollen.

Ich habe eine ganze Reihe von IVAR-Regalen von IKEA. Lange wollte ich meine Wohnung IKEA-frei halten, aber auf der Zielgeraden ist es mir dann doch nicht gelungen und in einem ärgerlichen Doppelanfall von Möbelbedarf und Aktionskunst habe ich zusammen mit Jacques Palminger viel Quatsch bei IKEA gekauft. Ich glaube, das ist dabei herausgekommen, unter anderem. IVAR-Regale eignen sich für alle Bereiche, in denen Ästhetik keine Rolle spielt wie Keller, Atombunker oder Kinderzimmer.

Dieser Dysonstaubsauger ist ein Spezialstaubsauger für Tierhaare. Ich kann nicht beurteilen, ob er wirklich besser Haare aufsaugt, aber er war so irre teuer, dass er das sicher tut. Allerdings handelt es sich nicht nur um den hässlichsten Staubsauger der Welt, sondern auch um den lautesten. Sehr laut. Bizarr laut. Ungesund laut. Vom Lautstärkeniveau irgendwo zwischen startender Düsenjet und Schulausflug in die Vuvuzelafabrik. Und auch vom Klang her. Ein Must für staubsaugesüchtige, gehörlose Katzenbesitzer, die ihre Nachbarn hassen.

Auf dieser Gästematratze (mittlere Gebrauchsspuren) klang die Followerparty 2009 in einer Gruppenpettingsituation aus, an der mehrere bekannte Mitglieder der sog. Internetszene beteiligt waren (ich nicht). Eine geschichtsträchtige Matratze also. Auf nämlicher Party war übrigens auch der 4chan-Gründer moot anwesend, der zwar eine Keramikschale kaputtgemacht hat, aber recht früh ging. Wenn gewünscht, stelle ich ein Echtheitszertifikat aus.

Ein paar braune Billyregale verschiedener Breite. Ein hauchzarter Riss in der Rückwand, zu sehen unten links. Ansonsten staubig, aber absolut in Ordnung. Auch für ebooks geeignet und für schlechte Scherze.

Das Dreiersofa von der beschriebenen Sofakombo. Auch auf diesem Sofa haben nach irgendeiner Internet-Feier drei ungenannte Internetaktivisten den Abend körperbetont ausklingen lassen, ich glaube, die Feier zum Netzsperren-Triumph oder so. Das klingt jetzt in der sexuellen Häufung weitaus aufregender und toller, als es jemals war, merke ich gerade. Aber egal. Alle Spuren sind inzwischen beseitigt, außer den Katzenkratzspuren und mittleren Gebrauchsspuren natürlich. Aber das Sofa ist ansonsten noch tadellos, so dürfte eine der größten technisch möglichen Möbellügen überhaupt lauten.

Sechs Stück gibt es davon, vermutlich Friseurstühle. Es handelt sich um die am meisten nach Drehstühlen aussehenden Nichtdrehstühle überhaupt. Sie drehen sich nämlich nicht. Dafür haben sie Rollen und sehen aus wie eine Zahnspange auf Rädern. Was auch am zahnfleischfarbenen Kunstleder liegt, mit dem die Stühle bezogen sind. Immerhin sind sie bequem und kleben lustig an der Haut im Sommer.

Vintageartiger China-Look wieder, wie auch das Regälchen oben. Auch wieder die unpraktischen Verschlüsse in der Mitte bei diesem Sideboard. Hat die Gabe, so belanglos in der Gegend herumzustehen, dass man es jahrelang nicht bemerkt. Können nicht alle Möbel.

Die Metallbuchstaben U und I, die ich Querdenker, ich Funrevoluzzer, ich im besten Sinne Verrückter Kopf ganz einfach um 90° gedreht aufgehängt habe. Ich bin SO gewitzt manchmal, es ist mir selbst unheimlich. Frei kombinierbar mit den anderen Buchstaben natürlich, man kann also auch FLUI oder FILU legen.

Ein Badezimmerspiegel mit Beleuchtung, Design ist einem Fernseher nachempfunden. Das muss man als Interieurdesigner auch erstmal bringen: “Hey Chef, ich hab eine Idee, ein Badezimmerspiegel in Fernseherform, und damit es noch steiler wirkt, machen wir verspiegeltes Rauchglas aussen rum.” Und so kam Elvis doch noch zu seinem Badezimmerspiegel.

Ein Topkühlschrank von Bosch. Zwei Jahre alt, zwei Meter groß, zwei Türen, zwei Grad. Ohne Flachs, das Ding ist toll. Energieeffizient, leise, großräumig, hätte ich mitgenommen, wenn in der neuen Wohnung nicht eine Designer-Einbauküche mit allem Getöse gewesen wäre. Ganz anders als der Kühlschrank davor, in dem mir mal aus einer Futterdose ein paar offenbar halbwegs kälteresistente Regenwürmer entkommen waren, die in wirklich jeden Winkel krochen, um dort dann unherausprokelbar zu verenden – aber wie gesagt, das war nicht in diesem Kühlschrank (ehrlich).

Klare Sache: dieser Kronleuchter stellt einen der letzten Ausläufer meiner “Ironisch-Wohnen”-Phase dar. Solche Phasen wünscht man niemandem. Grauenvoll. Hing zuletzt im Gästezimmer. Macht ein gelbliches Licht von der Art, wie es in Filmen verwendet wird, um selbst die rosigsten Wangen zombiehaft blasskrank wirken zu lassen. Tipp für Leute, die regelmäßig Beweisfotos für ihre Spontanerkrankung brauchen (“Oh Gott, Müller, bleiben Sie bloß zu Hause!”).

Eine ganze Reihe hoher IVAR-Regale, etwas über zwei Meter hoch. Passt also auch in keinen Keller, vielleicht aber für Leute mit Kamin noch verwendbar. Das rotgezackte Kunstwerk oben von Jim Avignon heisst “Berlin”, das steht aber nicht zum Verkauf, das habe ich bloß vergessen. Der Ventilator ist verfügbar, der blaue Sack Überraschungsmüll natürlich auch, spannend könnte jedoch werden, dass unter dem Regal noch ca. 20 neue, unbenutzte Neonröhren sind. Spannend vor allem für mich, ob die jemand mitnimmt, weil die ein Licht machen, dagegen wirkt eine H&M-Umkleidekabine so warmleuchtend wie ein Kaminfeuer im Sonnenaufgang.

Dieser weisse Kunstledersessel ist so hässlich wie er auch bequem ist. Was mich in ein Jahre dauerndes Dilemma stürzte. Fußstütze ist per Knopfdruck hochklappbar, Lehne fährt dabei zurück und man liegt im Himmel. Bis man die Augen aufmacht oder jemand ästhetisch Empfindsames reinkommt, der erst lacht und dann weint.

Der Sessel zur rosa Plüschkombi. Meines Wissens immerhin ohne schlüpfrige Vorgeschichte. Dafür mittlere Gebrauchsspuren (durch Katzen). Überhaupt LIEBEN Katzen diese drei Sofateile, Haustierpeople aufgepasst, preiswerter kommt katzenkompatibler Plüschkrempel nicht mehr in Euer Haus.

Davon gibt es zwei Stück à vier Leuchtquadraten. Sie leuchten so, wie man es ihnen per Fernsteuerung befiehlt, und zwar in blau, weiss, grün, orange oder rot. Oder changierend. Ein bisschen die Lavalampe für Architekten, die nicht gestillt wurden. Macht aber nach kurzer Phase der Faszination total nerviges Licht.

Ein Holzsekretär unbekannter Herkunft, ausziehbare Schreibfläche. Wirkt gut präsentiert aber wie ein Designmöbel, das hätten doch alle geglaubt, wenn ich sowas geschrieben hätte wie: Der berühmte Minimal Desk vom dänischen Stardesigner Lasse Böltrup, über den man im Netz nichts findet, weil er ja 2007 gegen seine Googlebarkeit geklagt hat. Epoche: Späte Neofunktionalität, Material: skandinavische, handgefällte Erle (unbehandelt, unterwasserlackiert). Sammlerstück, kein anderes Exemplar bekannt!

FUJIFILM hat ja zwei F. Das hier hing jahrelang auf dem Gästeklo und hat sich dort ausgezeichnet gemacht, keine Beschwerden.

Ein Holzregal in unangenehmer Farbe (mintgrün) und das vermutlich keimigste Möbelstück in der Wohnung, weil es schräg überm Herd hing. Die Türen fehlen, es ist unansehnlich, das kann keiner wollen. Das kann auch keiner holen, weil es von mir höchstselbst an die Wand geschraubt ist in all meiner handwerkerischen Minderbegabung, die dazu führte, dass die Kreuzschlitzschrauben so ausgelutscht sind wie die meisten Sprüche auf Twitter.

IVAR, verdammt, so retrospektiv ist ja doch alles voller IKEA gewesen, was habe ich nur getan damals? Hier immerhin mit Flascheneinsatz, dafür muss ich sagen: vom Küchendunst hat sich eine leichte Fettigkeit ins Holz gesogen. Das fällt aber nur auf, wenn man näher als drei Meter rangeht. Tipp für hygnieneliberale Wohngemeinschaften!

Bettsofa von, haha, IKEA. Aber irre praktisch, kann man ausziehen, dann ist es ein Doppelbett. Aber Vorsicht, aus mir nicht bekannten Gründen wiegt das Ding gefühlte drei Tonnen. Ich weiss, das Foto ist eine Zumutung mit dem Sperrmüll drauf, aber ich hatte es eilig.

Holzkisten und Korbkörbe in verschiedenen Größen und Formen. Sehr praktisch, wenn man es sich gezielt einredet. Ansonsten eher sperrig und natürlich immer genau zu klein oder zu groß für alle denkbaren Gelegenheiten.

Und schließlich undefinierbares Gerümpel. Die Tür im Hintergrund muss dableiben, die gehört zur Wohnung. Aber zwei Plastiksterne, eine Lampe, die schon 1957 als altbacken empfunden worden wäre, ein großes Metall-M (andere Bauart als die anderen Buchstaben, aber auch als W verwendbar), zwei weibliche Torsi als Kleiderständer, eine Staffelei, Geschirr, ein hier kaum erkennbares, weisses Holzregal, das vom Gewicht her auch aus purem Blei sein könnte, ein nur marginal verbogener Buchständer, eine röhrenförmige Lavalampe. Was man halt so hat, aber nicht braucht im Haushalt.

Mit Freude und Spannung erwarte ich Eure Ankunft mit starken Helfern und Lastwägen am Freitag, den 17. Februar ab 17 Uhr in der Schönhauser Allee 184 in 10119 Berlin.


Nachtrag
Ergebnisse in Kürzestform:
– der Konkurrenz-Auszug aus Bellevue am selben Tag war deutlich populärer
– ca. 70 Käufer vor Ort
– die Facebook-Generation ist unglaublich höflich und freundlich
– etwa 40% des Zeugs wurde verkauft
– Berlin ist jetzt voll mit Wohnbuchstaben
– das Sofa ist noch da
– ebenso rätselhafterweise die Matratze
– etwas über 350 Euro Erlös
– so dass ich aufrunde auf 500 Euro und alles dem Kältebus spende (done; Spendenbeweis)
Vielen Dank an alle Beteiligten.

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Der Brief, den Schlecker jetzt schreiben sollte

Ab und zu rufen mich Unternehmen an, die ein Social-Media-Problem haben. Wenn zum Beispiel auf einem praktisch unverlinkten Blog mit drei Artikeln ein Unternehmensvorstand mit Hitler verglichen wird – das aber unangenehm weit oben in der Google-Suche zum Namen auftaucht. Manchmal aber geht es auch um Shitstorms, für die ich eine gewisse Expertise entwickelt habe. Und in Zeiten von Shitstorms kann man bedeutend mehr falsch als richtig machen, deshalb berate ich Unternehmen in dieser Richtung, wenn ich absurd hohe Honorare einen Sinn darin sehe und Lust darauf habe (ist nicht immer so).

Mit Schlecker habe ich keinerlei geschäftlichen Kontakt, außer dass ich dort meinen Lieblingsdeoroller kaufe. Aber das, was mit und um Schlecker im Internet – Blogs, Twitter, Google+, Facebook, Online-Medien – momentan passiert, ist ein wunderschöner Trainingsshitstorm für deutsche Unternehmen. Also, schön für alle außer Schlecker. Obwohl das Stürmchen relativ egal ist im Vergleich zu ungefähr allem anderen, was derzeit passiert, haben im Moment die nichtschleckerschen Beteiligten ihre helle Freude an seiner Aufrechterhaltung. Schlecker, namentlich der Unternehmenssprecher Florian Baum, sollte deshalb einen Brief (Blogbeitrag) an die Öffentlichkeit schreiben. “When you’re in a hole, stop digging”, so heisst es auf dem mit Marketingweisheiten gesättigten, amerikanischen Sprichwortmarkt. Den Brief habe ich im Folgenden probeweise formuliert: Die andersfarbige, kleine Schrift dazwischen sind meine internen Kommentare, die die strategischen und taktischen Funktionen des Briefs erläutern sollen.

Liebe digitale Öffentlichkeit,

wir, das Unternehmen Schlecker, und ich, Florian Baum, sind erstaunt. Nicht die angenehme Art von Erstaunen, das lässt sich vermutlich erahnen. Es fühlt sich eher an, als würde man einen kritischen Unbekannten auf der Straße treffen, der verwickelt einen in ein Gespräch, man versucht etwas unbeholfen, verständnisvoll zu sein – und stellt hinterher fest, dass das Gespräch live ins Fernsehen übertragen wurde.

Im ersten Abschnitt werden explizit zwei Parteien ins Spiel: Baum und Schlecker. Der Sprecher soll alles Negative auf sich ziehen, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Die Situation wird auf eine Art beschrieben, die für jeden nachvollziehbar ist und zumindest ein gewisses Verständnis für Schlecker aufkommen lässt. Der Vergleich ist essentiell, um die Deutungshoheit über das Geschehene zu gewinnen. Dazu kommt mit “unbeholfen” die erste Andeutung eines eigenen Fehlers.

Ich habe einen Fehler gemacht. Genau genommen habe ich sogar mehrere Fehler gemacht. Nicht soviele wie damals, als ich in der achten Klasse unglücklich verliebt war und zweimal sitzen blieb – aber drei oder vier sind es schon:

• Ich habe völlig unterschätzt, welche Wellen ein Brief schlagen kann, von dem ich dachte, ihn an eine Einzelperson zu schreiben
• Ich habe mich zu Formulierungen hinreissen lassen, die in der Öffentlichkeit missverstanden werden mussten (das war unklug und unsympathisch)
• Ich habe diese beiden Fehler viel zu spät bemerkt und deshalb
• versucht, sie so gut es geht zu verteiden. Was nicht so wahnsinnig gut geklappt hat.

Das alles tut mir leid, besonders, falls sich jemand angriffen oder verspottet gefühlt haben sollte.

Der zweite Abschnitt ist auf die Fehler bezogen – wenn Shitstorms vorhanden sind, muss jemand Fehler gemacht haben. Findet die Öffentlichkeit jedenfalls, und um die geht es hier, deshalb entschuldigt man sich. Persönlicher Stolz ist gefälligst an der Garderobe abzugeben. Zugegeben werden die Fehler von der Einzelperson, wenn irgend möglich (gibt auch andere Fälle). Deshalb fängt hier jeder Punkt mit “ich” an. Das Unternehmen wird damit aus dem Fokus geschoben. Mit einem überraschenden, unterhaltsam formulierten Eingeständnis eigener Unzulänglichkeit am Anfang (“sitzen geblieben”) wird eine erfrischende Distanz zur eigenen Person aufgebaut. Das wirkt der fatalen Arroganz des ersten Briefs entgegen. Trotzdem wird das Wort “Arroganz” vermieden, es tritt sich sonst fest. Dazu kommt eine explizite Entschuldigung in der Sache, die aber die Vorwürfe nicht explizit wiederholt. Die Entschuldigung wird halbgar nicht relativiert.

Dass die Situation – für uns so überraschend – eskalieren konnte, liegt an etwas für mich einigermaßen Neuem: Fachleute sprechen von “Social Media”. Ich glaube, dabei handelt es sich eigentlich um Sie alle. Ich habe zwar (drei Semester über der Regelstudienzeit wegen eher durchschnittlichen Organisationstalents) etwas mit Medien studiert, aber damals gab es das noch nicht, das Internet von heute. Wo man mit vielen, mit ausgesprochen vielen Leuten in direktem Kontakt steht und wo deshalb Regeln herrschen, mit denen ich noch nicht allzuvertraut bin. Obwohl ich regelmäßig Beiträge in unserem Unternehmensblog schreibe, ist für die meisten vermutlich keine Riesenüberraschung, dass ich persönlich bisher mit Social Media nicht soviel anfangen konnte. Aber daraus ergibt sich eine Chance.

Im dritten Abschnitt folgt in direkter Ansprache ein subtiles Kompliment für die Leser und Shitstormteilnehmer: Ihr habt etwas Wichtiges verstanden, was ich so noch nicht kannte. Das ist auch das Eingeständnis der eigenen, persönlichen Unzulänglichkeit – aber diesmal im Fachlichen (es gab ja menschliche und fachliche Fehler bisher). Deshalb wird behutsam erklärt, warum hier offensichtlich ein Mangel an KnowHow herrscht, direkt verbunden mit einer Wendung ins Positive: der folgende Abschnitt über die Chancen wird vorbereitet.

Denn wenn Sie mir auch nichts glauben, dann doch wenigstens, dass wir, das Unternehmen Schlecker und insbesondere ich, die Kraft und die Energie des Internet in den letzten Tagen kennengelernt haben. Die Chance liegt nun darin, diese Kraft auch im positiven Sinn zu nutzen. Mir persönlich will nicht in den Kopf, dass diese sozialen Medien angeblich nur für den Aufschrei taugen sollen – darin muss gerade für Unternehmen auch eine Chance liegen. Und die wollen wir versuchen zu nutzen (und würden uns freuen, wenn Sie dabei mitmachen, müssen Sie aber natürlich nicht).

Der vierte Abschnitt ist der Zukunft zugewandt und dreht die Kraft der eben leicht angeschleimten, digitalen Öffentlichkeit ins Positive. Sowie von Zukunft und positiven Dingen die Rede ist, kommt auch wieder das Unternehmen Schlecker ins Spiel. Die Chancen werden hervorgehoben, die Digitale Öffentlichkeit eingeladen mitzumachen, ohne sich allzu uncharmant aufzudrängen. Und es gibt ein Versprechen, sich mit den Leuten im Internet – die das Stürmchen ja verursacht haben – positiv auseinanderzusetzen. Das erhöht die Aufmerksamkeit für folgende, positive Aktionen.

Abschließend wollen wir uns für den ärgerlichen Eindruck entschuldigen, der durch meine Fehler entstanden ist. Wir wollen alles dafür tun, um zu beweisen, dass dieser Eindruck falsch ist: wir mögen nämlich unsere Kunden, alle Kunden, sie zahlen uns die Miete, wir sind von ihnen abhängig. Und das ist auch der Grund, warum wir versuchen, Artikel, die jeder braucht, so preisgünstig anzubieten, dass sie auch jeder kaufen kann.

Im Schlussteil aber nicht zu positiv euphorisch werden, es handelt sich immerhin um eine Art Entschuldigungsbrief mit zerknirschter Grundstimmung. Deshalb nochmal eine explizte Entschuldigung, auch von Schlecker (“…wollen wir uns ent…”), ohne das Unternehmen dabei in den Vordergrund zu rücken. Nochmal persönlich Stellung beziehen (“meine Fehler”). Dann drehen ins Pathos. Pathos ist verrufen, aber nur bei (hihi) Hochgebildeten Superironikern, bei den meisten kommt Pathos gut an, wenn es richtig eingesetzt wird. Schlecker hat viele Jahre daran gearbeitet, dass Drogerieartikel in Deutschland erschwinglicher sind als irgendwo sonst (im Verhältnis), das kann man also ruhig andeuten.

Mit lieben Grüßen,
Florian Baum
Unternehmenssprecher Schlecker
Social Media-Beauftragter in spe

Halb ernsthafter, halb unterhaltsamer Schlussakkord im neuen Titel des Unternehmenssprechers, der eine nachhaltige Änderung der Haltung und des Verständnis anzeigen soll

Anmerkung: wenn dieser Brief bei Euch jetzt nicht mehr funktionieren sollte, liegt das natürlich zum einen an der unendlichen Weisheit der digitalen Öffentlichkeit, also von Euch, und zum anderen an dem, was Goethe so formuliert hat: “Man erkennt die Absicht und ist verstimmt.”

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Das Facebook-Novum

tl;dr: Die Facebook-Page “Wir wollen Guttenberg zurück” hat nach meiner Einschätzung weitgehend echte Fans.

Der “Call for Crowd Action” vom vergangenen Freitag hat ein für mich erstaunliches Echo gefunden: neben über 900 Kommentaren kamen vor allem fast 100 Mails mit allen möglichen Hinweisen, von quasiprofessionellen Datenauswertungen bis zu Mutmaßungen. Mehrere Scripte sind geschrieben worden, die die Steigerung der Zahl der Fans der Guttenberg-Page auslesen, ein paar Datensätze sind lange vor meinem Aufruf angefertigt worden, insgesamt gibt es sehr, sehr umfangreiches Datenmaterial. Vielen und sehr herzlichen Dank dafür an alle, die sich beteiligt haben.

Zunächst zu den im Ausgangsartikel beschriebenen Methoden – die Sammlung von Screenshots ist durch die Scripte hinfällig geworden, die schon früh eingesetzt worden sind und die Beschreibung von aussagekräftigen Wachstums-Graphen erlauben. Die zweite Methode ging wie von mir beschrieben von einigen Ausgangsvoraussetzungen aus, um überhaupt aussagekräftig sein zu können. Tatsächlich ist, wenn man die geposteten Zahlen betrachtet, die aufgrund ihrer Größe eine ausreichende Aussagekraft haben könnten, der Anteil der Guttenberg-Fans bei vielen kleiner als erwartet – teilweise auffällig kleiner. Eine mögliche Erklärung dafür ist noch wesentlich interessanter als irgendein Tool, mit dem man Fakeprofile steuern kann: Vielleicht hat Guttenberg Leute zu Facebook gezogen, die vorher nicht da waren – und zwar eine ganze Menge. Die Zahlen von Socialbakers, einem Statistikdienst vor allem für Facebook, sind im Detail nicht übermäßig präzise, lassen in der 3-Monatsauswertung durchaus den Schluß zu, dass sich im letzten Drittel des Februar deutlich mehr Leute bei Facebook angemeldet haben als in vergleichbaren Zeiträumen.

Aber die vielen verschiedenen Beiträge, die durch die Crowd geleistet worden sind, haben dem Aufruf doch einen Sinn gegeben. Einige ausgewählte finden sich im Folgenden als Teil der Auswertung, viele andere bleiben unerwähnt – aber alle haben zumindest beigetragen, dass ich für mich zu einer recht eindeutigen Einschätzung gelangt bin: Ich glaube, dass die überwiegende Anzahl der Fans der Seite echt sind. Beweise habe ich nicht, und selbstredend ist es möglich, dass ich mich täusche. Aber es gibt starke – für mich ausreichend starke – Indizien, die auf die weitgehende Echtheit hindeuten:

1. Indiz
Das wichtigste Argument ist die für Facebook offenbar absolut übliche Wachstumskurve. Die Twitternutzer @scytale und @marekventur haben die Daten mit denen der Page der Sendung “Germany’s Next Top Model” verglichen – und auch mit den Wachstumsdaten der Page gegen Guttenberg. Hier ist das recht eindeutige Ergebnis:


2. Indiz
Facebook hat auf meine Anfrage hin nochmal in den Daten gewühlt und festgestellt:

“[…], es können da und dort Fakes dabei sein – aber nicht en masse”.

Hierzu muss man sagen, dass natürlich immer wieder Unzulänglichkeiten von Facebook bekannt werden, auch technischer Natur. Zum Beispiel habe ich häufiger einen Hinweis auf aktuelle spam- oder wurmartige Aktivitäten zugesendet bekommen, die in diesem Artikel beschrieben werden: “Wie man sich auf Facebook Likes erschleicht”. Theoretisch käme dieses Prinzip technisch auch bei der Guttenberg-Page in Frage. Aber – in dieser Größenordnung hätte das nicht unbemerkt bleiben können. Ebenso wenig, wie man aus Versehen zwei Drittel einer Doktorarbeit kopieren kann ohne es zu merken, können mehrere hunderttausend Facebook-Nutzer Fans werden, ohne es zu merken. Trotz solcher und anderer Unzulänglichkeiten von Facebook muss man zugestehen, dass dort in den allermeisten Fällen schnell und technisch präzise auf Fakes reagiert worden ist. Die Erstellung von gefälschten Profilen ist zwar möglich, aber alles andere als trivial. Noch schwieriger dürfte es sein, sechsstellige Anzahlen von Profilen so zu fälschen, dass auch die Techniker von Facebook – die jeden Tag mit Fakes zu tun haben – mit den Möglichkeiten der Administratoren das nach mehrfacher Prüfung nicht erkennen.

3. Indiz
Der Journalist Marcus Schwarze von der Rheinzeitung hat vom Ersteller der Seite einen Admin-Zugang bekommen, der einen Blick in die internen Facebook-Statistiken erlaubt. Er hat dort Zahlen und Detailstatistiken gefunden, die – sowohl was die Interaktionen angeht wie auch vom Traffic her – den Schluss zulassen, dass der Großteil der Page-Besucher echt sind.

Natürlich bleiben Ungereimtheiten. Natürlich gibt es einzelne Accounts, die ganz eindeutig Fakes sind. Natürlich kann es sein, dass Betrüger aus welchen Gründen auch immer auf den Zug aufgesprungen sind, etwa, um mit repititiven Massenpostings Traffic für zweifelhafte Seiten zu generieren. Die Kommentare auf der Wall der Page lockten ja durchaus mit der Anmutung, dass der Großteil der Leute dort, sagen wir: eher anfällig für plumpe Klickfallen schienen. Und natürlich ist noch nicht gesagt, ob nicht etwa die ersten zehntausend Page-Fans gefaket waren, um einen Anschub zu geben. Aber würde es wirklich eine Rolle spielen, wenn zum Beispiel 100.000 der fast 600.000 Fans Fakes wären?

Das wichtigste und 4. Indiz für die Echtheit der Page-Fans aber ist die Entwicklung der digitalen Gesellschaft in Deutschland selbst. Etwa 20% der Bevölkerung oder 17 Millionen Deutsche sind auf Facebook. Es liegt nahe, dass es sich inzwischen um einen einigermaßen ausgewogenen Querschnitt durch die Bevölkerung handelt, natürlich mit der Tendenz, jünger, progressiver, gesellschaftlich aufgeschlossener zu sein. Aber eben nur mit der Tendenz. Es ist unbestritten, dass Guttenberg ein mediales Massenphänomen war. Jemand, der Leute ansprach, von denen man sich irgendwie schon dachte, dass sie exakt so seien, wie sie sich später auf der Fan-Page dann auch präsentiert haben. Ohne Häme und intelligent analysiert hat das der Twitternutzer @haekelschwein in einem Kommentar auf dem Blog netzpolitik.org. Der ehemalige Verteidigungsminister hat eher nach dem Prinzip Justin Bieber funktioniert als nach politischen Maßstäben, dementsprechend sind zu seiner Beschreibung auch eher Popstar-Mechaniken geeignet. Guttenberg wurde von seinen Fans – die oft keine einzige konkrete Tat ihres Idols benennen konnten – in erster Linie ästhetisch und emotional beurteilt und nicht politisch. Von ihm bleibt mehr Haargel als politische Substanz. Niemand aber hätte Verdacht geschöpft, wenn ein Popstar wie zum Beispiel Dieter Bohlen in wenigen Tagen eine halbe Million Fans versammelt hätte, jeder hätte gedacht – ja nun, so sind die Menschen, in ihrer irrationalen Begeisterung fühlen und handeln sie oft unerklärlich.

Und darin liegt der Schlüssel zu der Merkwürdigkeit: als aufgeklärter Netzteilnehmer konnte und wollte man sich bisher einfach nicht vorstellen, dass eine halbe Million Menschen unter den gegebenen Betrugs-Umständen ernsthaft für die weitere politische Betätigung Guttenbergs ist – und gleichzeitig im Netz unterwegs ist, das doch irgendwie eher progressiv und liberal war. Bisher. Wenn ich ähnlich starke Indizien für das Fake-Szenario gefunden hätte, hätte ich vermutlich nicht gezögert, laut “Betrug!” zu rufen. Aber manchmal passen einem Erkenntnisse so gar nicht in den Kram und sind doch richtig.

Der digitale Marsch der halben Million nach Guttenberg zeigt vor allem eines: jahrelang hat man sich gefragt, wann abgesehen von Mails und Online-Banking das Volk endlich wirklich im Internet ankommt. Und jetzt ist es da.

Nachtrag
Die äußerst geringe Zahl von Demonstrationsteilnehmern erklärt sich meiner Meinung nach daraus, dass es kein niedrigschwelligeres “politisches Engagement” gibt als ein Klick auf Facebook. Dementsprechend ist es kaum möglich, allein daraus irgendetwas über eine mühevolle Demonstrationsteilnahme abzuleiten, in die eine wie in die andere Richtung.

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Call for Crowd Action: Betrügt die Guttenberg-Seite auf Facebook mit den Fan-Zahlen?

Schummelt irgendjemand (muss ja nicht der Seiten-Admin sein) mit der Facebook-Page “Wir wollen Guttenberg zurück”? Lasst uns versuchen, es gemeinsam herauszufinden – wie, das steht in diesem Artikel.

Nachtrag, Freitag, 20:15 – ich habe ein Google Doc publiziert namens “Facebook Fake Finding Force”, kurz: #4F, in dem die bisherigen Erkenntnisse gesammelt werden, die in den Kommentaren und auch per Mail an mich eingetroffen sind. Kurzlink ist http://1.ly/FakeFindingForce

Es begann einigermaßen plausibel: zu Guttenberg füllt die Hallen und die Seiten des Boulevard – warum sollte er nicht auch die Facebook-Massen begeistern können? Zumal Facebook in Deutschland wächst wie verrückt, inzwischen gibt es mehr als 16 Millionen aktive Mitglieder. Bis etwa 200.000 Fans der Gruppe “Wir wollen Guttenberg zurück” war meine Einschätzung: überraschend, aber nicht unmöglich, eher sogar wahrscheinlich.

Ab 300.000 Fans begannen meine Zweifel, vor allem geschürt durch die Häufung der Profile der Page-Mitglieder wie dieses: Anna-Lena Breitenberger* hat keine Interessen außer Guttenberg (auf verschiedenen Pages) – und offenbar auch keine anderen Friends, keine Bio, kein nichts. Hätte ich es noch für realistisch gehalten, dass jemand von Freunden animiert sich extra auf Facebook anmeldet, um Guttenberg zu unterstützen, so ist es doch unwahrscheinlich, dass diese Person nicht einmal diejenigen als Freunde hinzufügt, die sie darauf aufmerksam gemacht haben. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Auch den Facebook-Fake mithilfe der Crowd aufdecken
Bei 500.000 Fans und nach Entdeckung dieses Artikels, der die Merkwürdigkeit der sehr konstanten Steigerung der Fan-Zahlen beschreibt, habe ich beschlossen, irgendwie zu überprüfen, ob sich konkretere Anzeichen für falsche Fans finden lassen. Und zwar mithilfe der Crowd, der Vielen im Netz, die auch schon zu zu Guttenbergs Fall beigetragen haben – und mit zwei Methoden, um Anhaltspunkte zu finden.

1. Methode
Die erste Methode ist sehr einfach: ich bitte darum, die Zahl der Fans der Gruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt zu posten, wenn irgend möglich, als Screenshot, um nachvollziehbar zu bleiben. Ich habe zum Beispiel einen Screenshot vom 1. März, 22.08 Uhr, wo die Page 229.069 Fans hat. Wenn genügend von diesen Daten zusammenkommen, kann man eine Kurve berechnen, deren Regelmäßigkeit Aufschluss gibt über eine eventuelle maschinelle Unterstützung der Page. Insbesondere Daten/Screenshots tief aus der Nacht wären hier interessant. Ich bitte um heftiges Posten in den Kommentaren.

2. Methode
Die zweite Methode ist nicht ganz simpel, sie ist eine arithmetische Annäherung an die Wahrscheinlichkeit, mit der bei der Guttenberg-Page die Zahl der MItglieder künstlich hochgetrieben wird. Sie beruht darauf, dass jedes Facebookmitglied sehen kann, wieviele seiner Freunde eine Page mögen, bzw. Mitglied sind – unabhängig davon, ob man sie selbst mag oder nicht. Zum Zeitpunkt dieses Screenshots (11.05 Uhr, heute am Freitag) hat die Page 545.982 Fans. Mein Profil hat 4.917 Friends, davon mögen 145 die Guttenberg-Page.

Daraus ergibt sich, dass 0,02655% der Guttenberg-Fans auch meine Friends sind. Das allein ist ersteinmal unverdächtig, obwohl nach kurzer Durchsicht und Rückfrage geschätzt ein Drittel der Fans unter meinen Friends offensichtlich ironisches Interesse an der Gruppe haben – aber das ist in Kauf zu nehmen, Mitglied ist Mitglied. Schaue ich mir jedoch die Page von Angela Merkel an, dann hat sie 74.353 Fans, davon sind 147 meine Friends, das ergibt 0,1977% Merkelüberschneidungen. Seltsam – ein siebeneinhalbtel der Mitglieder, aber fast die gleiche Anzahl von Überschneidungen? Schaue ich auf die Page der BILD-Zeitung, dann hat diese zum Zeitpunkt des Screenshots (heute, 11.05 Uhr) 111.398 Fans – und davon sind 214 meine Friends. Das gibt interessanterweise einen Überschneidungswert, der dem von Angela Merkel sehr ähnlich ist, nämlich 0,1921%. Die Page von Karl-Theodor zu Guttenberg selbst eignet sich natürlich auch für die Überprüfung: 219 der insgesamt 197.414 Fans finden sich unter meinen Friends. Es ergibt sich ein Überschneidungswert von 0,1109% – etwas weniger als für BILD und Merkel, aber immer noch mehr als viermal so hoch wie bei der “Guttenberg zurück”-Page – allesamt also signifikante Abweichungen.

Natürlich kann ich mit meiner recht offen vorgetragenen politischen Einstellung nicht davon ausgehen, dass meine Friends auf Facebook auch das Epizentrum der konservativen Bewegung sind. Aber eine gewisse Konsistenz innerhalb verschiedener irgendwie konservativer Bewegungen müsste ansatzweise gegeben sein. Trotzdem sagen diese Zahlen noch verhältnismäßig wenig aus, denn die große Aufmerksamkeit der Page auch im Fernsehen, die häufige mediale Erwähnung und Verlinkung und die erwiesene Hysterie der Guttenberg-Fans bieten durchaus die Möglichkeit, dass das Phänomen echt ist.

Und an dieser Stelle kommt wiederum die Crowd ins Spiel. Je mehr Leute posten, wieviele Freunde sie haben und wie hoch die Überschneidungen mit den obenstehenden vier Pages sind, desto weniger fällt der Bias durch die einzelne Person ins Gewicht, zum Beispiel die politische Ausrichtung. Zu bedenken ist aber trotzdem noch: vor allem die zweite Methode geht von einer ganzen Menge Vorannahmen aus und hat damit definitiv ihre Schwachstellen.

Ihr alle könnt aber mithelfen, herauszufinden, wie hoch etwa die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Guttenberg-Page mit gefakten Unterstützer-Profilen arbeitet. Wenn genügend Leute zusammenkommen, lässt sich noch genauer ausrechnen, wie hoch die Abweichung ist, und infolge dessen auch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um gefakte Fans handelt. Beweisen wird man so nichts können, aber Anhaltspunkte wären es schon. Und das sind wir ja aus den Guttenberg-Angelegenheiten gewohnt.

Ich bitte also darum, neben den Screenshots der Fan-Zahlen (s.o.) in die Kommentare hineinzuposten:
• Die Zahl der eigenen Freunde
• Die Zahl der Überschneidungen mit der “Guttenberg-zurück”-Page
• Die Zahl der Überschneidungen mit der Merkel-Page
• Die Zahl der Überschneidungen mit der BILD-Page (falls nicht offensiv aussortiert…)
• Die Zahl der Überschneidungen mit der offiziellen Guttenberg-Page
sowie einen Link zum eigenen Profil der Nachvollziehbarkeit halber.

Bei mir würde das so aussehen:
4.917 – 145 – 147 – 214 – 219

Am Montag oder Dienstag würde ich dann die Daten auswerten, wenn genügend vorhanden sind und auch nochmal Experten wie Philipp und Jens von Facebook-Marketing vorlegen; eine Anfrage an Facebook selbst läuft ebenfalls schon. Danke im voraus für Eure Beteiligung und Weiterverbreitung.

* Update (Freitag, 16:36)
Unterdessen bestätigt mir Facebook, dass das oben verlinkte Profil von Anna-Lena Breitenberger “absolut echt” sei. Sorry, Anna-Lena.

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Vortrag zur Re:publica

Zur Bloggerkonferenz re:publica XI (13. bis zum 15. April) habe ich eine schöne, jährliche Tradition (seit 2010) entwickelt: die Einreichung eines Vortragsthemas, über das die Leser dieses Blogs abstimmen dürfen. Beim letzten Mal entschieden sich die Umfragenteilnehmer für “How to survive a shitstorm”. Das fast einstündige Youtube-Video wurde inzwischen über 19.000 Mal angesehen, vermutlich weil das Publikum vorher votet, was es nachher auch sehen möchte.

Dieses Jahr möchte ich weitergehen und nicht nur das Thema des Vortrags, sondern auch den Vortragsstil zur Abstimmung bringen. Zwischen polemischer Publikumsbeschimpfung und seriöser Analyse mit beinahe wissenschaftlichem Hintergrund ist eine Menge denkbar und weiter unten deshalb auch auswählbar. Das Ergebnis soll in wenigen Tagen am 31. Januar um 13 Uhr feststehen, denn die Einreichungsfrist für Vortragsvorschläge zur re:publica endet Ende Januar.

Vortragsthema

Trollforschung – jüngste Erkenntnisse
Im Dezember 2009 habe ich erstmals Erkenntnisse über die Trolllandschaft aufgeschrieben, die ich teilweise in “How to survive a shitstorm” habe einfliessen lassen. Die Trollforschung selbst ist ein noch junges Feld, das in diesem Vortrag vertieft werden soll. Insbesondere Anti-Troll-Strategien anhand von konkreten Beispielen werden benannt und vorgeführt. Darüberhinaus soll auch in die Kunst des Trollens selbst eingeführt werden und die durchaus vorhandenen postiven Funktionen des Trolltums herausgestellt werden. Mit interaktiver, kollektiver Livetroll-Übung!

Das deutschsprachige Internet – eine Bestandsaufnahme
Das deutschprachige Internet, seine Akteure und Aktionen, seine Modi und Mechanismen, seine Riten und Rätsel, seine Plattformen und Prozesse sind der Inhalt dieses Vortrags, und zwar im vollen Bewusstsein der Unmöglichkeit der Vollständigkeit dieses Unterfangens. Dabei sollen die länderspezifischen Eigenarten auf eine Weise herausgestellt werden, die die Abstraktion des für normal Gehalteten ermöglicht. Insbesondere soll hier auf die prototypischen Elemente des deutschsprachigen Internet eingegangen werden, inklusive völlig ungerechter, aber zutreffender Typisierungen und Vorurteilsvertiefungen.

Die Welt 2026
In fünfzehn Jahren sieht die Welt zweifellos anders aus, aber wie? Atombetriebene MacBooks? Digitale Demokratur? Alles augmented? Das Internet eine Facebook-App? Oder der Börsengang des Internet? Apple führt die Todesstrafe ein? In diesem Vortrag soll über diese zugegeben plumpen Fragen hinaus in Szenarien erforscht werden, wie die Digitale Welt sich entwickeln könnte und in ihrem Fahrwasser die Kohlenstoffwelt. Zusätzlich zu den Szenarien werden drei bis fünf Geschäftsmodelle der Zukunft vorgestellt (mit 97% Erfolgsgarantie ab 2026).

Seid Ihr eigentlich bescheuert?
Vorwürfe satt.

Vortragsstil

Sachlich & unterhaltsam
Sauber faktenrecherchiert, aber vollgepumpt mit anekdotischer Evidenz, populärwissenschaftlich präsentiert im beliebten Plauderstyle des Funfeuilleton mit Sachbuchneigung. Eigenbeispiel: “Dinge geregelt kriegen“.

Pöbelnd & unterhaltsam
Kraftvoll durchgerantet, die Kunst der Rundumbeleidigung auf geschmacklose Weise verbunden mit verletzenden Unterstellungen, zart erkenntnisdurchwirkte Beschimpfungen mit und ohne Hand und Fuß. Eigenbeispiel: Antwortantwortantwort auf wirres.net

Vermutig & unterhaltsam
Nassforsch reinbehauptet, stark anprognostiziert, mutig vermutend, steil aufgestellt, gehalten im Stil der gesellschaftlichen Großvermutung mit medialer Wirkungsmaximierung dank höchster Punchline-Sättigung. Eigenbeispiel: “Wir nennen es Arbeit“.

Unterhaltsam & unterhaltsam
Auf Pointe gebürstet und nur auf Pointe gebürstet, realitätsbezogene Daten und Zahlen allenfalls stichwortgebend benutzend oder erfindend oder alternativ ignorierend, jeden Winkel des Themas auf Gagpotenzial abklopfend. Eigenbeispiel: “Links Rechts” auf N24.



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Strohfeuer Appfragen

In der vergangenen Woche zur Frankfurter Buchmesse wurde die iPhone/iPad App für “Strohfeuer” vorgestellt, explizit als App (den gesamten Text enthaltend) und nicht als iBook. Weshalb das über das normale eBook – seit September verfügbar – hinaus erwähnenswert ist, versuche ich im Folgenden zu beantworten, und zwar mithilfe von Fragen aus der geschätzten Perspektive des kritisch-aufgeklärten Digitalkonsumenten.

Warum kostet die App sagenhafte 18,99 €?
Die Preispolitik von Rowohlt ist wie bei vielen anderen deutschen Verlagen so abgestuft, dass die elektronische Variante immer soviel kostet wie die derzeit preisgünstigste Papierausgabe des Buchs. “Strohfeuer” ist als Hardcover erschienen, da sind 18,95 € ein normaler Preis für ein entsprechendes Ebook in deutscher Sprache. Die 9 am Ende ist Apples Preisabstufungsdiktat geschuldet.

Aber für eine App muss man doch keine getöteten Bäume bedrucken, das muss doch billiger sein!
Diese Preispolitik ist, wie der Name bereits andeutet, politisch begründet und hat in diesem Fall mit den tatsächlichen Herstellungskosten etwa soviel zu tun wie der Preis einer Kinokarte mit den Produktionskosten des Films. Aber ich natürlich sehe ich das Argument auch aus dem Blickwinkel der finanzschwächeren iPhone-Nutzer und deshalb…

Ja, was?
… deshalb erhöhe ich einfach die Leistung der Strohfeuer-App, weil ich den Preis natürlich nicht eigenmächtig herabsetzen kann. Famoserweise hat das digitale Labor von Rowohlt sich etwas ausgedacht, das sich “digitalbuchplus” nennt und diesen Herbst mit vier Titeln startet. Es handelt sich dabei um verschiedene Ideen, die das Buch über den bloßen Text hinaus versupern sollen.

Zum Text von “Strohfeuer” gibt es also heitere Fotos und muntere Filmchen dazu?
Nein. Während bei den anderen Projekten, etwa bei der Einstein-Monographie, sinnvollerweise Film-, Ton- und auch gescannte Papier-Dokumente eingebaut sind, besteht die Anreicherung bei “Strohfeuer” aus autorenorientierter interaktiver Textkommunikation, wie wir coolen Agency People sagen. Ein Roman wird durch Videoclips nicht zwingend automatisch verschönert, so die Überlegung.

Was heisst das genau?
In der Strohfeuer-App verbirgt sich die so genannte Buchfrage. Dabei kann man an jeder Stelle des Buchs ein Stück Text markieren, drauftippen und dann dazu direkt eine Frage stellen (siehe Abbildung). In der App, auf der Plattform Lovelybooks.de, aber auch hier auf meinem Blog kann man dann unter saschalobo.com/strohfeuer/buchfrage die Fragen sehen – und meine Antworten dazu, denn ich werde sie sämtlich selbst beantworten.


Was soll das bringen?
In Woody Allens Film “Der Stadtneurotiker” gibt es eine berühmte Szene in einer Schlange an der Kinokasse, in der jemand lautstark darüber redet, was Marshall McLuhan in seinem Werk habe sagen wollen. Allen holt den echten McLuhan hinter einem Plakat hervor, der vor Ort erklärt, was wie gemeint war. Woody Allen schliesst die Szene mit dem Wunsch “If life were only like this”. Im Internet für mein Buch “Strohfeuer” is life jetzt like this, weil ich in den nächsten Wochen digital hinter der App lauere und alle auftretenden Fragen so schnell wie möglich – fast in Echtzeit – versuche zu beantworten. Was es aber genau bringt und ob es dem Publikum bei einem Roman als geeigneter Gegenwert erscheint, das muss man erst noch herausfinden.

Hm, was wäre denn das schlechtesterwartete Ergebnis?
Es werden fünf gleichlautende Fragen gestellt (“Wieviel Sascha Lobo steckt in der Hauptfigur?”) und dann interessiert sich nie wieder jemand dafür, weil die von mir für irrsinnig toll gehaltene Autoren-Interaktivität keinen erkennbaren Vorteil für das Publikum bringt, zumindest für Romane, bzw. für diesen Roman von mir.

Und was wäre das allerbeste Ergebnis, wenn möglich in für Sie typisch überhöhender Weise dargestellt?
Die Buchfrage bewegt Tausende dazu, sich die App zu kaufen und Fragen zu stellen, die ich direkt beantworte, wodurch der Buchgenuss sich erhöht. Im Gegenzug entdecke ich, welche Stellen eventuell unverständlich oder doof sind und welche witzig sind oder gut ankommen. Im besten Fall verändert sich mein Schreiben, weil es praktisch für jede Zeile direktes Feedback gibt, ich erkenne als Autor, ob die von mir beabsichtigte Wirkung oder Aussage von dieser oder jenen Passage überhaupt beim Publikum angekommen ist. Auf diese Weise verändert sich auch die Arbeit an Büchern in der Zukunft, zumindest, wenn der Autor das möchte.

Kann man auch Fragen stellen, wenn man das Papierbuch gekauft hat oder auch einfach so ohne Buch?
Ja, dazu muss man sich sogar noch nicht einmal bei lovelybooks.de anmelden, Mailadresse und Name reichen aus (das stand hier vorher andersherum, jetzt ist es richtig).

Und wann kommt die Android App?
Die wird so bald wie möglich kommen, sie ist in Arbeit. Schon allein, um sich nicht von Apple abhängig zu machen, denn die durchaus problematische Firma Apple hat außerordentlich seltsame Vorstellungen davon, wie man mit schriftlichen Kulturgütern umgeht. Die ersten Vertragsentwürfe von Apple für verschiedene deutsche Verlage beinhalteten angeblich eine Liste mit Worten, die im Text nicht ausgeschrieben vorkommen dürften. Dass zumindest Rowohlt diese groteske Situation nicht akzeptieren konnte und wollte, sieht man an der Strohfeuer-App, in der exakt 43 Mal das Wort “Fuck” zu lesen ist (sowie 15 Mal “Hitler” in verschiedenen Varianten).

Un das alles soll also die Antwort sein auf die Frage, wie das Digitalbuch der Zukunft aussieht?
Ehrlich gesagt weiss ich nicht, wie das Digitalbuch der Zukunft genau aussieht. Ein paar qualifizierte Vermutungen kann ich gern äussern, dazu brauche ich nur ein in Gesichtsnähe gehaltenes Mikrophon. Aber ob sich die Realität meinen Prognosen unterzuordnen gedenkt, kann man im Moment nicht sagen. Um so wichtiger ist es, auszuprobieren, was für die Käufer funktioniert und was nicht. Das wissen sie nämlich im Bereich Technologie oft selbst noch gar nicht so genau, woher auch. 2005 hätte ich auf die Frage, ob ich ein Handy mit Touchscreen haben will, geantwortet: “Touchscreen? Sie meinen diese Fahrkartenautomaten-Technik, die zwei Minuten nach der Berührung etwas ganz anderes tut als ich eigentlich wollte?” Ich fürchte also, wir müssen alle gemeinsam ausprobieren, wie ein Digitalbuch in Zukunft aussieht, damit die begeisterten Massen bekommen, wonach sie verlangen.

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Google Street View-Widerspruch-Widerspruch

Und zack – mit der politischen Feinfühligkeit eines betrunkenen Diplodocus teilt die Firma Google unvermittelt mit, dass noch in diesem Jahr Google Street View auch in Deutschland an den Start gehen wird, und zwar in 20 ausgewählten Städten. Das ist – trotz anderweitiger Verfehlungen ebendieser Internetfirma im Moment – eine gute Nachricht, denn damit ist endlich plakativ die Digitale Öffentlichkeit auf den Weg gebracht. Diese funktioniert zwar nach etwas anderen Regeln als die Analoge Öffentlichkeit, aber solche Veränderungen haben bisher viele Technologien verursacht: der Fotoapparat zum Beispiel hat das Verständnis des Bildes der eigenen Person grundlegend verändert. Wenn man mitten in einer grösseren Menge Menschen in der Öffentlichkeit fotografiert wird, muss man (in den meisten Fällen) akzeptieren, dass das Foto von Dritten ohne Nachfrage verwendet wird. Öffentlichkeit eben.

Das Verständnis des Konzepts der Digitalen Öffentlichkeit (eigentlich wollte ich nach meinem SPIEGEL-Streitgespräch zu diesem Thema längst einen Artikel drüber geschrieben haben) ist aber noch nicht besonders weit verbreitet. Unter anderem deshalb hat Frau Ilse Aigner auf ihren Ministeriumsseiten einen schriftlichen Muster-Widerspruch vorbereitet – für diejenigen, die nicht wollen, dass ihr Haus in Google Street View auftaucht (Link zum PDF). Menschen, die das Konzept der Digitalen Öffentlichkeit nachvollziehen können, halten das für eine mittlere Katastrophe – das eigene Haus nicht in Street View? Eine Fassade soll Privatsphäre sein? Darf jedes Dorf entscheiden, ob es im Atlas veröffentlicht wird?

Die meisten Leute haben zweifellos Nachbarn, denen man einen so schwerwiegenden Eingriff in die Digitale Öffentlichkeit wie einen “Google Street View Widerspruch” zutraut. Und genau deshalb biete ich hier den “Google Street View Widerspruch-Widerspruch” an. Die Benutzung ist ganz simpel, man füllt das formlose Formular aus und schickt es an Google. Und zwar präventiv, falls man seltsame, offlinige Nachbarn hat, oder als Gegenwiderspruch, wenn man schon von einem Widerspruch weiss. Hier ist der Google Street View Widerspruch-Widerspruch als PDF-Download (unten angefügt ein Screenshot). Er ist dem Otto-Normal-Widerspruch spürbar nachempfunden, hoffentlich ergibt das keine Urheberrechtsprobleme. Man kann den Text auch per Mail an streetview-deutschland@google.com versenden – ich empfehle allerdings, entweder einen Brief zu schicken oder in ein Museum einzubrechen und den Widerspruch per Fax zu senden: auf traditionelle Weise vorgebrachte Offline-Meinungen zählen offenbar mehr als Online-Meinungen.

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Thilo Sarrazin entlassen – Protest per Google SideWiki

Die jüngsten Äusserungen von Thilo Sarrazin sind, wenn sie wie von den Medien kolportiert lauten, offen rassistisch. Sie enthalten die klassische Rassismus-Konstruktion “Schwarze sind halt dümmer” in Reinform. So etwas sollte niemand sagen – für einen Bundesbank-Vorstand, zu dessen Aufgaben zumindest inoffiziell auch internationale Repräsentation gehört – ist es absolut untragbar. Thilo Sarrazin, der Rassist, muss zurücktreten. Ich glaube auch, dass er zurücktreten wird, oder vielmehr zurückgetreten werden wird. Um der Angelegenheit noch mehr Schwung zu verleihen als ohnehin schon, habe ich ein Instrument angewendet, das ich für die Zukunft des Netzprotestes halte (wenn auch eher eine mittelfristige Zukunft). Nämlich Google SideWiki. Mit diesem Tool können auf beliebigen Websites Kommentare von Nutzern hinterlassen werden (rein technisch sind sie nämlich nicht auf der Website, sondern werden zusätzlich vom Browser abgerufen). Sichtbar sind diese Kommentare für alle, die Google SideWiki, zum Beispiel als Teil der Google Toolbar installiert haben. Und so sieht die offizielle Seite der Bundesbank, auf der Thilo Sarrazin vorgestellt wird, aus, wenn man Google SideWiki aktiviert hat.

Nachtrag: Ich habe eine Anfrage an die Pressestelle der Bundesbank geschrieben.

Kleine, unvollständige Linkschau:
Nadine Lantzsch über den Sarrassisten
Auf Unpolitik sieht Stefan Graunke den “Tilosoph” als Volksverhetzer am Ende seiner Laufbahn.
Auf Spiegel Online ein analysierender Kommentar von Yassin Musharbash, der zum Schluss hin ganz sachte Sarrazins Rauswurf fordert.
Internationale Aufmerksamkeit findet auch statt, hier die Daily Mail, die davon raunt, dass geraunt wird, dass Sarrazin rausfliegen könnte.

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Vom Wert der Vielen

Der Debattenartikel in der Wirtschaftswoche ist erschienen, sowohl leicht gekürzt in der Printausgabe wie auch Online auf wiwo.de (das hier angeschnittene, niedliche Frisurmotiv ist auf Vorschlag der Wiwo-Illustrationsabteilung entstanden und eine freundliche Referenz auf die von mir verehrte Haarlackindustrie).

Aus Gründen der Zusammenführung halte ich es für richtig, drüben auf Wiwo.de zu diskutieren und zu kommentieren, deshalb sind die Kommentare hier zu. Ich werde noch etwas abwarten, damit sich dort die Stimmen und Meinungen sammeln und dann natürlich auch selbst mitdiskutieren; Beteiligung ist sehr gern gesehen. Bedanken möchte ich mich ausdrücklich bei allen, die mitdiskutiert haben und wertvolle Anregungen und Kritikpunkte angebracht haben, insbesondere bei Fritz Iversen, auf dessen Gedanken schätzungsweise ein Fünftel des fertigen Beitrags zurückgeht, aber auch bei Jens Best und Martin Breitsprecher, bei Ulrich Tödtmann sowie den folgenden Personen, die sich ganz offensichtlich nicht alle unter ihrem Echtnamen beteiligt haben (hoffe ich jedenfalls für sie): Erklärbär, Supersarkozy, Kathrin Koehler, Collin Mueller, Mirko Lange, Jonas Ginter, Olaf Kolbrueck, Jormason, Christian Strietzel, Stefan Wild, André Paetzel, SvenR, Christian Fenner, Martin Bregulla, Mathias Richel, Thomas Pfeiffer, Raventhird.

Dankesehr.

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