Internet

Beipackzettel zum neuen Buch “Internet – Segen oder Fluch”

Es gibt ein brandneues Buch von Kathrin Passig und mir: “Internet – Segen oder Fluch“. Das Buch ist eine Anleitung zum doppelten Verständnis: Verständnis des Internet – und Verständnis für die Diskussionsgegner.

Wir haben es geschrieben, weil wir bei der Debatte um das Netz mit fast jedem neuen Artikel, jeder Talkshow und jedem Shitstorm das Gefühl hatten, dass etwas schief läuft. Schlimmer noch: dass etwas schief läuft und wir irgendwie Teil davon sind.

Ich kann nicht genau sagen, wann bei mir ein gewisses Unwohlsein begonnen hat, vermutlich Ende 2009, Anfang 2010. Es gibt eine Metapher von Thomas Mann, das ungefähr so lautet: Wenn der Kahn sich zu weit nach links neigt, dann beugt sich der Schiffer zum Ausgleich weit nach rechts. Mit der Binnenschifffahrt mag sich Thomas Mann ausgekannt haben. Mit der Diskussion um das Internet vermutlich nicht.

Irgendwann habe ich mich dabei ertappt, wie ich – als Reaktion auf mir widersinnig erscheinende Argumente von Netzkritikern – meine Statements immer plakativer dargestellt habe, weniger differenziert. Um mehr Wirkung zu erzielen, den Kahn auszugleichen. Außerdem fühlt sich “Ich glaube eher nicht, aber” im Nahkampf viel schwächer an als “NJET, SCHTONK!”

Zwischentöne, Graustufen, Ambivalenzen, schon immer bei mir vorhanden (wie bei den meisten anderen), habe ich ausgeblendet. Ich habe mir die Welt absichtlich einfacher gemacht, als sie ist. Weil ich mich nach Klarheit gesehnt habe, weil ich davon profitiert habe, weil ich Recht haben wollte, weil ich es nicht besser wusste. Bei der Recherche hat sich herausgestellt, dass dieses Pippi-Langstrumpf-Prinzip – ich mache mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt – nicht nur mein Problem war (und ist). Es handelt sich vielmehr um den weitverbreitenden Standard in der Internet-Diskussion. Und zwar auf allen Seiten.

Auch wenn in diesem Artikel eingangs eine Art Bekenntnis meine persönliche Motivation verdeutlichen soll, “Internet – Segen oder Fluch” ist kein Buch der Reue, sondern ein Buch der Erkenntnis, dass Weiterentwicklung notwendig ist, persönlich, inhaltlich, gesellschaftlich. Es ist deshalb ein Plädoyer für das Erwachsenwerden im Umgang mit Netz, Technologie, Gesellschaft. In den 1980er Jahren wurde in Deutschland der Begriff “Technikfolgenabschätzung” hip. Eigentlich bräuchte man soetwas heute auch für das Internet, und das Buch soll den Weg dafür bereiten. Denn der kann nur über Diskussionen führen, je ergiebiger, desto besser.

Über das Internet wird sehr viel geredet und sehr wenig miteinander gesprochen. Die mit Sven Regeners Schimpfkanonade Anfang 2012 gezündete, aber schon länger schwelende Urheberrechtskonfrontation ist ein typisches Beispiel. Frontenbildung auf beiden Seiten, Simplifizierung um der vermeintlichen Wirkung willen, Abtun der Gefühle und Argumente der jeweils anderen Seite als egal oder zumindest weniger wichtig. Die Leute auf der anderen Seite müssen dumm oder moralisch verdorben oder beides sein, sonst wären sie ja meiner Meinung – diese Haltung findet sich viel zu oft auf beiden Seiten. Das ist das vergammelte Herz der derzeitigen Netzdebatte: kaum jemand akzeptiert andere Prioritäten als die eigenen.

Freiheit und Sicherheit zum Beispiel sind fast immer Gegenspieler, und es ist legitim, eher der einen oder der anderen Seite zuzuneigen, auch in der Geschmacksrichtung Internet in dieser uralten Diskussion. Weder die eine noch die andere Position ist falsch, sie sind bloß unterschiedlich. Und zwar so unterschiedlich, dass sie dem jeweils anderen als vollkommen verantwortungslos erscheinen. Es gibt dabei keine naturgegebene Normalposition, alles ist Verhandlung.

Die Debatte um das Netz, das mag sich für manche nach einem Randthema anhören, aber sie ist weitreichender als selbst viele Experten glauben. Das Internet beeinflusst inzwischen auch Leute entscheidend, die gar nicht drin sind. Mit der Piratenpartei hat die Diskussion im Internet und um das Internet sogar einen Drall in Richtung “Veränderung der Demokratie” bekommen. In Island entsteht gerade eine im Netz zusammendiskutierte Verfassung, größer geht es ja kaum noch. Wir haben das Buch geschrieben, damit wenigstens ein paar Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden können, bevor alle Beteiligten versterben.

Das Buch ist gut geeignet, wenn

  • man besser verstehen möchte, wie das Internet funktioniert und was es mit der Welt macht
  • man die Schnauze voll hat von ermüdenden Diskussionen über das Netz
  • man technische und gesellschaftliche Hintergründe erfahren möchte zu den meistdiskutierten Netzthemen
  • man wissen will, wo welche Argumente vermieden werden sollten und warum
  • man ernüchtert werden möchte, weil hinter manchen Bereichen der Debatte schlicht unauflösbare Gegensätze stehen (Spoiler: zum Glück nicht hinter allen)
  • man manchmal nachts unter der Bettdecke heimlich daran zweifelt, ob man wirklich überall immer richtig liegt
  • man andere Positionen und ihre Geschichte verstehen möchte
  • kurz: wenn man Teil der Lösung sein möchte und nicht Teil des Problems

Das Buch ist nicht gut geeignet, wenn

  • man von Frontenbildung und Status Quo stark profitiert
  • man sich aus persönlichen Gründen radikalisieren möchte
  • man eine Allergie gegen Irokesenschnitte hat
  • oder wenn man generell keine Argumente mag, die mehr als 140 Zeichen brauchen.
In den letzten Monaten habe ich an mir gespürt, wie schwer es ist, nicht in die vielen Fallen zu tappen, die wir im Buch beschreiben. Immer wieder bin ich in holzweghafte Gesprächssituationen geraten und konnte mir gut bekannte Fehler nicht gleich vermeiden. Das wird vermutlich noch eine Weile so bleiben – aber ich glaube, dass der ständige, durchaus anstrengende Versuch einer redlichen Diskussion sich lohnt. Für das Internet und erst recht für die Menschen, die es benutzen.

Das Buch erscheint bei Rowohlt Berlin und kostet 19,99€ (Hardcover) bzw. 12,99€ (Ebook). Wenn man das Papierbuch kauft, bekommt man automatisch das Ebook mit dazu – und das hat keinen klassischen Kopierschutz (sondern nur ein sog. Wasserzeichen), übrigens alles andere als eine Selbstverständlichkeit bei einem großen Publikumsverlag. Hier auf Amazon kaufen (kein Werbelink).

tl;dr – Manchmal würde tl;dr mehr schaden als nutzen. Hier zum Beispiel.

Aktuelle Anmerkung
Die Diskussion einigermaßen redlich zu führen und Verständnis für das Gegenüber zu entwickeln, bedeutet nicht, positionslos zu sein. Blogleser werden bemerkt haben, dass ich mich gegen das Leistungsschutzrecht engagiere. Die Lehren aus unserem Buch in diesem konkreten Fall bedeuten aber, dass man die Sorgen der Presseverlage ernst nimmt, sie basieren auf echten Problemen. Ich glaube nur, dass diese Probleme samt Abhängigkeit von Google mit dem Leistungsschutzrecht schlimmer werden – andere Lösungen müssen gefunden werden, und zwar zur Refinanzierung von professionellem Journalismus im Netz. Die Verlage als verdammenswerte, gar überflüssige Feinde zu sehen, ist deshalb totaler Quark. Und natürlich kann man gleichzeitig sehen, dass Google ein problematischer Konzern ist UND gegen das Leistungsschutzrecht sein.

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Warum man manchmal auch schlechtformulierte Petitionen mitzeichnen sollte

tl;dr
Die aktuelle Epetition gegen das Leistungsschutzrecht ist so lebendig und überzeugend formuliert wie die Steuererklärung von Thilo Sarrazin. Trotzdem ist es wichtig, bis zur Deadline am 10. Oktober mitzuzeichnen.

134.014 ist hauptberuflich keine Zahl. 134.014 ist ein Symbol, und zwar in meinen Augen das zweitwichtigste Symbol der deutschen Netzbürger. Das erstwichtigste Symbol besteht aus mehr als einhunderttausend Leuten, die Anfang 2012 allein in Deutschland gegen ACTA auf die Straße gegangen sind. Aber bis dahin war die 134.014 für Medien, Politik und Gesellschaft entscheidend: so oft wurde im Jahr 2009 die E-Petition gegen Netzsperren gezeichnet.

Warum sind diese Zahlen überhaupt relevant?

Politik ist zweigeteilt, sie besteht aus Worten und Wirkungen. Worte sind toll, aber haben eine geringe Halbwertszeit: ein lauter Protestschrei tut nur ein paar Minuten lang in den Ohren weh. Deshalb entscheidet in der Politik die Wirkung – und zwar die in der Öffentlichkeit. Dafür gibt es ein Zauberwort: es heißt Mobilisierung. Mobilisierung ist eine politische Messgröße dafür, bei welchen Themen nur viel geredet wird. Und wo Taten folgen.

Der ACTA-Protest war so erfolgreich, weil eine Mobilisierung enormen Ausmaßes stattfand, es verwandelten sich vielen Worte im Internet in bundesweite Demonstrationen in touchscreenfeindlichem Frost. Die 134.014 war 2009 der ausschlaggebende Grund, weshalb der deutsche Netzaktivismus erstmals ernstgenommen wurde. Die Petition war die Schnittstelle, wo sich das Wortgetöse auf Twitter in messbare Wirkung verwandelte. Ein solches Mobilisierungsymbol ist notwendig. Denn die sozialen Medien sind ein Dampfplauderbad: wer drin ist, spürt die Hitze. Wer nicht drin ist, spürt auch keine Wirkung. Und eine noch so eindrückliche Beschreibung von 90° Celsius ist viel entspannter auszuhalten als 90° Celsius. Eine Epetition auf den Servern des Bundestags aber macht die Empörung messbar und verleiht ihr eine politische Wirkung.

Was uns zur aktuellen Epetition gegen das Leistungsschutzrecht bringt. Bruno Kramm von der Piratenpartei hat sie geschrieben eingereicht. Leider ist sie formuliert, als wolle er beweisen, dass er mit den großen Juristenkindern mitspielen kann. Das war kontraproduktiv, entsprechend haben bis jetzt kaum 10.000 Leute mitgezeichnet. Dabei geht es – Mobilisierung! – um die Breitenwirkung, um die Überzeugung derjenigen, die gegen das Leistungsschutzrecht sind, aber noch nicht wissen, dass sie gegen das Leistungsschutzrecht sind.

Zur Erinnerung: das Leistungsschutzrecht soll Verlagen ermöglichen, für den Gebrauch von kleinsten Textschnipseln Geld zu verlagen. Zum Beispiel von Weltkonzernen wie Google, Rivva oder dem Perlentaucher. Das Gesetz wird von einigen Verlagen vehement gefordert, und zwar aus Verzweiflung, weil mit journalistischen Inhalten im Netz nur schwer Geld zu verdienen ist. Die schwarz-gelbe Bundesregierung lässt sich von diesen Verlagen – allen voran dem Axel-Springer-Verlag – zur Einführung eines Leistungsschutzrecht drängen: es steht unmittelbar bevor. Allerdings wird es nicht die Wirkung haben, die Verlage sich erhoffen, nämlich Geld von Google. Stattdessen gibt es jede Menge schädlicher Nebenwirkungen – und die betreffen fast alle.

• Das Leistungsschutzrecht erhöht für Internet-Nutzer die Chance, abgemahnt zu werden. Es schafft nämlich Unklarheit, was für wen unter welchen Umständen lizenzfrei erlaubt ist und was nicht – eine Unklarheit, die langwierig und damit teuer gerichtlich zu klären sein würde.

• Wegen des Leistungsschutzrechts könnte Google aufhören, alle Seiten von Verlagen zu durchsuchen. Wie sollen Nutzer Presseartikel etwa zum Thema Finanzkrise finden – wenn nicht über Google? Es droht die völlige Unauffindbarkeit des deutschen, professionellen Journalismus im Netz.

• Wegen des Leistungsschutzrechts dürfte Google aber auch sämtliche Seiten auslisten, die auch nur im Zweifel lizenzpflichtig sein könnten. Und das kann sehr viele treffen – zur Erinnerung: in Deutschland kann ein Blog bereits als kommerzielle Publikation gelten, wenn es Affiliate-Links von Amazon einbindet.

• Im einem Entwurf des Leistungsschutzrechts ist von “Aggregatoren” die Rede. Es ist juristisch völlig unklar, ob davon auch Facebook und Twitter betroffen sind, die teilweise aggregatorisch funktionieren. Das könnte bedeuten, dass alle Seiten, die irgendwie verlagig riechen, auch dort ausgelistet werden. Mark Zuckerberg wird niemals dafür bezahlen, wenn ein Facebook-Nutzer eine Seite verlinkt und deshalb ein Textschnipsel auf Facebook erscheint.

• Wenn das Leistungsschutzrecht kommt, könnte es – je nach Googles Entscheidung – den Suchkonzern sogar stärken. Denn nur Google könnte sich Lizenzgebühren überhaupt leisten, der monopolhafte Such-Marktanteil von 96% wäre auf ewig zementiert. Und das, wo es mit dem Übernetzkonzern Google eine Vielzahl von drängenden Problemen gibt – auch solche, die politisch dringend geklärt werden müssten: Transparenz, Marktbeherrschung, Abhängigkeit ganzer Branchen von einer handvoll Google-Ingenieure, Privatsphären-Probleme und vieles mehr.

• Es ist völlig ungeklärt, welche Rolle die Brüder von Klaeden beim Leistungsschutzrecht gespielt haben: Eckart von Klaeden ist im Kanzleramt angesiedelt, dort wurde dieses Thema maßgeblich vorangetrieben. Sein Bruder Dietrich von Klaeden ist beim Axel-Springer-Verlag dafür abgestellt, das Leistungsschutzrecht herbeizulobbyieren. Ist da ein anwidernder Fall von brüderlicher Politmauschelei im Gang?

• “Vor einem Wahljahr legt sich niemand mit der Springer-Presse an”, dieser Satz eines hochrangigen Politikers ist in meinem Beisein wörtlich gefallen – und gedacht wird er überall. Zu plastisch ist der genüssliche Wulff-Abschuss der “BILD-Zeitung” in Erinnerung. Wo fängt Erpressung an? Ab welchem Punkt kuschen demokratisch gewählte Volksvertreter vor einer Boulevard-Macht, weil sie Angst vor wahlentscheidender Vergeltung haben? Und wie erbärmlich rechtsstaatsunwürdig wäre das bitte? Steckt denn in den bürgerlichen Parteien kein Funken Law-and-Order-Bewusstsein mehr?

Deshalb: Zeichnet die Petition mit, auch wenn sie getextet ist wie von marsianischen Katasteramtsleuten. Zeichnet sie mit, damit ein Symbol entsteht, damit die wütenden Worte sich in wuchtige Wirkung verwandeln. Ja, auch ihr seid davon betroffen, wenn Euch ein wesentlicher Teil der Informationswirkung des Netzes amputiert wird – weil ihr zum Bürgerkrieg in Syrien keine professionellen Artikel mehr finden könnt auf Google. Sondern nur noch wirre Verschwörungstheorien in seltsamen Foren. Zeichnet die Petition mit, um die Regierung davor zu bewahren, sich dem Druck der Springer-Presse zu beugen. Zeichnet sie mit – nicht, weil Google betroffen ist, sondern obwohl Google betroffen ist. Zeichnet sie zähneknirschend mit, obwohl sie aus einem misslungenen piratigen Alleingang entsprungen ist – aber zeichnet sie mit. Wir brauchen das Symbol. Und mit “wir” ist hier nicht die Netzgemeinde gemeint – sondern alle, die das Netz nutzen.

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Fünf entscheidende Fragen zum Leistungsschutzrecht

Man muss sehr lange suchen, um Gemeinsamkeiten zu finden zwischen dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Linkspartei. Intensive Recherche aber hat zu einer Liste aus drei Punkten geführt:

• Luft atmen
• Wasser trinken (manchmal)
• Ablehnung des Leistungsschutzrechts

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, wenn sich so völlig unterschiedliche Teile der Gesellschaft gegen ein Gesetz stellen. Vor allem, weil BDI und Linkspartei ja nicht die einzigen sind. Der Bitkom, die Grünen, die Junge Union, die SPD, ungefähr alle Internetverbände, die “Netzgemeinde” in Komplettbesetzung, Netzpolitiker in der CSU, der Verband der Automobilindustrie, der DJV Berlin-Brandenburg, die Freischreiber, noch zwei Dutzend andere Verbände sowie naheliegenderweise die in Deutschland tätige Internet-Wirtschaft in toto. Schon rein statistisch erhöht sich dann die Chance, dass das Gesetz falsch ist.

Der Hintergrund für Leute, die soeben aus einem dreijährigen Koma erwacht sind oder sich für politische Scherze der schildbürgerlichen Parteien erst interessieren, wenn es ernst wird (was es gerade wird): das Leistungsschutzrecht ist eine Subvention für Verlage, die so tut, als sei sie keine Subvention für Verlage. Meiner Meinung nach könnte oder müsste man übrigens nachdenken über eine staatliche oder anders organisierte Förderung von professionellem Journalismus. Aber wer wie ärgerlich viele private Medienunternehmen seit Jahren sowohl die Konstruktion der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten nur durch eine stuhlfarbene Brille betrachtet und sich lange als Prediger einer reinen Marktlehre aufgespielt hat, der ist natürlich in einer so mittelsuperen Position zuzugeben, dass Journalismus sich im Netz ohne Hilfe (derzeit) nur schwer refinanzieren lässt. Das ist noch nicht einmal ausschließlich die Schuld der Verlage. Denn das Konzept “Schuld” eignet sich nicht, um herauszufinden, warum Journalismus im Netz zwar gut funktioniert, aber schlecht zu bezahlen ist. Lösungen für dieses echte und komplexe Problem müssten dringend diskutiert werden, denn eine Welt ohne professionellen, organisierten Journalismus wäre eine schlechtere. Aber die Diskussion wird kaum öffentlich geführt, offenbar weil allzuviele Verleger zu glauben scheinen, dass mit dem Leistungsschutzrecht endlich alles gut würde. Es wird aber nicht gut. Weil nicht Digitalkonzerne wie Google oder sonst ein einzelnes Unternehmen hinter dem Problem stehen. Stattdessen handelt es sich um die Folgen der digitalen, vernetzten Technologie und ihrer massenhaften Benutzung.

Und trotzdem wird ein so kauderhaftes, kringsiges Gesetz eingeführt, obwohl eine so breite, gesellschaftliche Front dagegen opponiert. Obwohl ganz offensichtlich vorher eine öffentliche Diskussion notwendig wäre. Das ist mehr als nur merkwürdig, das ist schon verräterisch. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, Fragen zu stellen. Und zwar solche, die aus meiner Sicht die entscheidenden sind – auf die Tatsache bezogen, dass das Gesetz auf dem besten, bzw. schlechtesten Weg ist, zustande zu kommen.

1. Welche Rolle haben die Brüder von Klaeden bei der Entwicklung des Leistungsschutzrechts gespielt?
Es sind ja nicht alle Unionsabgeordneten ahnungslos, was das Netz angeht. Wenn man in den vergangenen anderthalb Jahren gefragt hat, wieso das diffuse, sinnlose Leistungsschutzrecht denn kommen solle – dann folgte in der Regel eine Sekunde des Schweigens. Und dann ein vielsagender Kommentar: das kommt von oben. Von ganz oben. Direkt aus dem Kanzleramt nämlich. Und damit eröffnet sich eine wichtige Frage. Dort, im Kanzleramt, ist der Staatsminister bei der Bundeskanzlerin mit beratender und unterstützender Funktion: Eckart von Klaeden. Der völlig zufällig der Bruder ist von Dietrich von Klaeden, der beim Axel-Springer-Verlag die Leitung der Regierungsbeziehungen für Deutschland innehat und öffentlich vehement das Leistungsschutzrecht vorantreibt. Brüder. Und der eine Bruder hätte schon durch die enge Beziehung zur Fraktion die Macht, ein Gesetz voranzutreiben, dessen Verwirklichung die berufliche Aufgabe des anderen Bruders wäre. Das war nicht gemeint mit der Brüderlichkeit “mit Herz und Hand”, die in der Nationalhymne besungen wird. Es wäre natürlich Unsinn, hier von Vetternwirtschaft zu sprechen, die beiden sind ja viel näher verwandt als Vettern. Man muss also fragen: War Eckart von Klaeden bei der Erstellung des Leistungsschutzgesetzes beteiligt? Wenn ja, wie? Und vor allem – warum? Und welche Qualität hatte (und hat) der Informationsaustausch zwischen den beiden Brüdern? Diese Frage stellt sich sogar noch vor der Frage, welche die bekannte, besondere Verbundenheit zwischen Friede Springer und Angela Merkel betrifft. Es ist ausgesprochen schade, geradezu bizarr, dass viele derjenigen Institutionen, die investigative Recherche zu ihren Stärken zählen, an diesem Punkt ein Eigeninteresse haben, nicht tätig zu werden.

2. Warum lassen sich die Verlage von Axel Springer so sehr in Gefahr bringen?
Axel Springer hat sich in der Öffentlichkeit (mit gelegentlichen Einwürfen burdaerseits) zum Sprachrohr einer ganzen Branche gemacht. Das geht nur, wenn die Branche das irgendwie akzeptiert, ob zähneknirschend oder nicht. Dabei scheinen zumindest einzelne Vertreter des Axel Springer Verlags mit Halbwahrheiten und Schlimmerem zu arbeiten: als Stefan Niggemeier Konzerngeschäftsführer Keese “Lügen fürs Leistungsschutzrecht” vorwarf, “konterte” der mit der labberigstmöglichen Gegenargumentation mit der argumentatorischen Härte einer aufgewärmten Götterspeise. Axel Springers quasireligiöser Kampf für das verquere Gesetz – man bekommt ja fast den Eindruck, als sei das Leistungsschutzrecht für Springer die neue Wiedervereinigung – ist für viele andere Verlage vor allem aus wirtschaftlichen Gründen schädlich. Es ist sehr, sehr stark umstritten, dass das Leistungsschutzrecht am Ende tatsächlich Geld bringt. Es gibt wesentlich mehr Anzeichen, dass die Einführung den Verlagsangeboten dramatisch schadet. Der oft zitierte Fall der Copiepresse in Belgien ist nur ein Aspekt – Google listet Verlagsangebote wegen juristischer Unklarheit aus, der Traffic bricht ein und damit auch die Werbeumsätze, Millionen Euro Googleoptimierung waren für die Tonne. Ein anderer, ebenso wichtiger Apsekt ist: Ist es nicht unglaublich leichtsinnig, wenn die nächsten drei Jahre damit verplempert werden, die Zukunftshoffnung verbissen auf ein Leistungsschutzrecht zu konzentieren, das beinahe völlig sicher nicht funktionieren wird? Sollen dann nochmal drei Jahre Geschwisterlobbyismus investiert werden, um Google zu zwingen, die Verlagsangebote zu listen UND zu bezahlen?

3. Wie sollen überhaupt noch die echten Probleme mit Google angegangen werden?
Ein ebenfalls selten beleuchteter Aspekt: der digitale Weltkonzern Google ist in vielen, vielen Punkten ausgesprochen kritikwürdig. Allein schon 96% Marktanteil am Suchmarkt in Deutschland – eine solche unfassbare, gesellschaftsprägende Monopolstellung wäre selbst dann fatal, wenn Google ein nonkommerzielle Kuschelgruppierung mit Blumen im Haar wäre. Und dann die realitätsferne Argumentation (von Googleanwälten in den USA), dass die Reihenfolge der Suchergebnisse Meinungsfreiheit seien. Das Echo dieser Haltung findet sich in der offensichtlichen Nutzung der Suche zur Vermarktung eigener Produkte wie Google Plus, dessen versprochene pseudonyme Nutzung übrigens noch immer nicht angemessen angeboten wird. Es gibt also viele Bereiche, in denen Google angegangen werden sollte, nein: muss, und wo Kritik und im Zweifel auch gesetzliche Aktion gefragt ist. Und dann investieren Verlage unglaublich viel Energie, politischen Druck in einem Bereich, der Google am Ende stärker, alternativloser machen wird. Denn genau das wird passieren: würde dieses Gesetz eingeführt, wäre nach wenigen Monaten überdeutlich, wer hier am längsten Hebel der digitalen Welt sitzt. (Mittel- und langfristig führt aus diesem und mehreren anderen Debakeln übrigens nur der Weg, dass digitale Quasimonopole wie Google, Facebook, in manchen Bereichen Apple, durch anständig funktionierende Marktalternativen ergänzt werden.)

4. Welche Rolle spielt der Fall Christian Wulff?
Hä? Wulff? Ja. Wulff hat zweifellos unglaublich viel falsch gemacht. Ob er sich auch strafbar gemacht hat, wird von der Staatsanwaltschaft geklärt oder auch nicht – aber glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Verfehlungen von Christian Wulff ohne Beispiel sind in der Politik? Dass alle anderen kein auch nur graues Stäubchen auf ihren chlorbleicheweißen Westen haben? Natürlich nicht. Politik ist voller Graubereiche, vielleicht lässt sich das kaum vermeiden. Die BILD-Zeitung hat gezeigt, dass sie selbst einen Bundespräsidenten aus dem Amt kegeln kann – und jetzt ist die Furcht groß, sehr groß, bei all denen, die Angriffspunkte bieten. Dafür muss ein Politiker sich nicht einmal so grobe Verfehlungen leisten wie Wulff, ein Blick auf das BILDblog ist genug, um festzustellen, dass an Springers Boulevard-Front Willkür Trumpf ist. Selbst ohne ein konkretes, drohendes Wort reicht das aus, um eine sehr unangenehme Form von politischem Druck zu erzeugen: Angst.

5. Ist die Bundesregierung erpressbar?
Das ist die schlimmste Frage, aber sie muss gestellt werden. Lobbyismus ist eine wichtige Art von Beteiligung an der Demokratie, was die diffuse, aber schlagkräftige Netzgemeinde tut, ist zum Beispiel auch Lobbyismus. Aber obwohl die Grenze zwischen legitimem politischem Druck und Erpressung fließend ist, wäre die Überschreitung fatal. Bundestagswahlen stehen an, was die politische Abhängigkeit von der Berichterstattung von Verlagen noch stärker erhöht. Nutzt hier die Vierte Gewalt in Form des Axel-Springer-Verlags ihr Drohpotenzial, ihre Kontakte und die frisch erlegte Trophäe eines Bundespräsidentenkopfes, um ein unsinniges, sogar für die Verlage selbst gefährliches Gesetz herbeizupressen?

Und wenn das so wäre: Wo sind die Koalitionspolitiker, wo sind die Verleger, die dagegen aufbegehren? Ist da nur Kadavergehorsam, weil das Kanzleramt es so will, aus Angst? Ist da nur Branchenzusammenhalt, weil der selbsternannte, aber schmuddelige Klassensprecher so fest an seine eigene Rettungsidee glaubt, dass sie ja wohl funktionieren MUSS?

Hier ist die schlechteste aller Nachrichten für diese Leute: Euer Kampf ist umsonst, und dabei noch nicht mal kostenlos. Das Leistungsschutzrecht löst nicht die Probleme der Verlage. Das Leistungsschutzrecht ist eine teure Baugenehmigung für ein Mondgrundstück.

Interessante Nebenbemerkung:
Vor einigen Jahren habe ich für ARTE einen einstündigen Dokumentarfilm über Lobbyismus gedreht, Michael Moore für Arme. Dabei habe ich ein gutes Dutzend Lobbyisten interviewen können, die tatsächlich einige spannende Tricks verraten haben (leider nicht alles in den Film gekommen, aber das ist eine andere Geschichte). Einer dieser hervorragend vernetzten Berufslobbyisten erzählte davon, wie man politische Anzeichen lesen könne. Es ist nämlich auffällig, dass in jedem Entwurf des Leistungsschutzrechts bisher grobe Fehler oder Unklarheiten enthalten waren: der erste Entwurf war zu global, der zweite nur auf Google bezogen und nicht auf Aggregatoren, der jetztige enthält eine Formulierung, die bewirken könnte, dass Google gar nicht betroffen ist. Laut des besagten Lobbyisten kann das ein Zeichen dafür sein, dass Kräfte in den Ministerien oder den gesetzesverfassenden Referaten das Gesetz torpedieren oder verhindern wollen – aber das nicht offiziell tun können. Liegt ja auch nahe: wenn man den Druck bekommt, ein Gesetz zu schreiben, das man selbst eigentlich verhindern möchte, dann dürfte das nicht unbedingt die Qualität erhöhen.

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Facebook Fire-Sale

tl;dr: Am Freitag, den 17. Februar 2012, findet von 17 bis 20 Uhr in der Schönhauser Allee 184 in Berlin ein Facebook Fire Sale meiner Wohnungseinrichtung statt. Nur Sofortabholung möglich. Getränke werden gereicht. Die Preise bestimmen die Anwesenden selbst. Der Erlös geht zur Hälfte an den Kältebus für Berliner Obdachlose.

Jawohl – der legendäre Ort der ersten und einzigen beiden Original Twitter-Followerparties (Google: Followerparty) mit mehreren hundert Teilnehmern 2008 und 2009, die Schönhauser Allee 184, ist schon bald nicht mehr. Denn ich ziehe aus der Wohnung aus. Und dabei ist jede Menge Zeug angefallen, das ich nicht mehr brauche, aber vielleicht ja jemand von Euch. Deshalb der Facebook Fire-Sale, den ich analog zu den Twitter-Follower-Parties erst Twitter Fire-Sale nennen wollte, aber dann kommt ja niemand, um das Zeug abzuholen, sondern nur, um sich lustigste Sprüche auszudenken. In der Kurzfassung steht schon, wie das funktionieren soll, hier nochmal ausführlich: am Freitag, den 17. Februar ab 17 Uhr kann man drei Stunden lang das unten abgebildete Zeug in der Schönhauser Allee 184, 10119 Berlin abholen. Man bezahlt für die Möbel und Geräte soviel, wie man für richtig hält, wenn mehrere das Gleiche wollen, entscheidet das höchste Gebot. Der Erlös geht zur Hälfte an den Kältebus für Obdachlose in Berlin. Es ist ausschließlich und ausnahmslos Selbstabholung an besagtem Freitag zwischen 17 und 20 Uhr möglich. Getränke sind für jedes geschmeidige Beisammensein notwendig und werden deshalb von mir gestellt. Für bzw. gegen Live-Trolle ist eine überzeugungsfähige Security abgestellt (die allerdings nicht Möbel tragen hilft). Alles kann, alles muss raus!

Und zwar diese famosen, wunderbaren Sachen, Dinge und Zeug:

Ein rotes Schränkchen im vintagelookigen China-Style, es wirkt deutlich praktischer, als es tatsächlich ist. Aus mir nicht bekannten Gründen zieht es Staub geradezu magisch an, wenn man es bloß ein paar Jahre nicht wischt. Schubladen einwandfrei, Türen unten sind mit dem unpraktikabelsten mir bekannten Verschlusssystem versehen, nämlich einem Querpinöppel, der durch zwei Metallösen gefädelt ist. Da gerät jede Türöffnung zur motorischen Herausforderung, das geht in Richtung Diebstahlschutz.

Die Sofalandschaft besteht aus drei Teilen, hier ist der Zweisitzer zu sehen. Das Sofa aus rosa Kunstplüsch habe ich 2004 auf einem Kreuzberger Flohmarkt gekauft, wenn man die gängigen wirtschaftlichen Wertverfallmodelle hier anlegt, dürfte dieses Sofa auf dem freien Markt inzwischen minus achthundert Euro kosten. Was ein bisschen auch daran liegen mag, dass ich alle drei Sofateile mit zwei Katzen gemeinsam genutzt habe. Immerhin stubenrein (wir alle drei). Auf ebay würde ich schreiben: “mittlere Gebrauchsspuren” – und hoffen, dass nur sehschwache Kaufinteressenten kommen. Sonst einwandfrei.

Vor einigen Jahren dachte ich: große Buchstaben aus Metall, wie cool ist das denn? Aber man wird reifer mit der Zeit. Die Riesenbuchstaben stammen ursprünglich von einem Werbeschriftzug von FUJIFILM. Irgendwo fliegt auch noch ein M rum, was bedeutet, dass man FILM oder MILF buchstabieren kann. Das rotlackierte Metall hat zehn Jahre auf dem Dach eines Berliner Hauses hinter sich, das heisst, an einigen Stellen hat sich ein zwar völlig geruchfreies, aber doch haptisch interessantes Amalgam aus Lack, Stahlblech und Taubenscheisse gebildet. Aber egal, Wohnbuchstaben sind Hipsterpflicht!

Eine tadellose, kaum zwei Jahre alte Singlewaschmaschine, in der ich regelmäßig Singles gewasch- haha, nee, aber ohne Scherz, die ist schmal und klein, wäscht irre gut und war vor nicht allzulanger Zeit relativ teuer. Von Siemens, Markenqualität, mit imposantem Aufkleber vorne dran und einer Energieeffizienzstufe besser als die Bonität von Italien.

Von dieser gelben Prachtlampe gibt es drei Exemplare. Man lasse sich nicht vom Aufnahmewinkel verwirren, das Kabel ist ausreichend lang auch für Altbaudecken. In die neue Wohnung nicht mitgenommen habe ich die Lampen wegen ihrer ausgesprochen hohen Gelbheit, Form und Lichtspiel sind nah an der Perfektion, ab und an stellte ich mich mit einer Flasche Bier in den Flur in ihren goldenen Schein und ließ einfach die Strahlen auf mich herunterstrahlen und war glücklich. Das geht nicht mit allen Lampen.

Kein Markenprodukt. Vor einigen Jahren hatte ich bekloppterweise eine sparsame Phase und wollte deshalb den billigsten Geschirrspüler kaufen. Im Laden führte mich der Verkäufer zu diesem Gerät und sagte wörtlich: “Das steht hier nur, damit die Preisspanne bei Geschirrspülern grösser wirkt. Kaufen Sie es nicht, es ist ein schlechtes Gerät, das Geschirr wird kaum sauber.” Aus Trotz kaufte ich das Gerät und siehe: der Verkäufer hatte nicht gelogen. Der Single-Geschirrspüler macht das Geschirr kaum sauber. Aber kaum ist immerhin ein bisschen besser als im Spülbecken vergammelt. Empfehlung für Technikpessimisten, die in ihrer Fortschrittsablehnung täglich bestätigt werden wollen.

Ich habe eine ganze Reihe von IVAR-Regalen von IKEA. Lange wollte ich meine Wohnung IKEA-frei halten, aber auf der Zielgeraden ist es mir dann doch nicht gelungen und in einem ärgerlichen Doppelanfall von Möbelbedarf und Aktionskunst habe ich zusammen mit Jacques Palminger viel Quatsch bei IKEA gekauft. Ich glaube, das ist dabei herausgekommen, unter anderem. IVAR-Regale eignen sich für alle Bereiche, in denen Ästhetik keine Rolle spielt wie Keller, Atombunker oder Kinderzimmer.

Dieser Dysonstaubsauger ist ein Spezialstaubsauger für Tierhaare. Ich kann nicht beurteilen, ob er wirklich besser Haare aufsaugt, aber er war so irre teuer, dass er das sicher tut. Allerdings handelt es sich nicht nur um den hässlichsten Staubsauger der Welt, sondern auch um den lautesten. Sehr laut. Bizarr laut. Ungesund laut. Vom Lautstärkeniveau irgendwo zwischen startender Düsenjet und Schulausflug in die Vuvuzelafabrik. Und auch vom Klang her. Ein Must für staubsaugesüchtige, gehörlose Katzenbesitzer, die ihre Nachbarn hassen.

Auf dieser Gästematratze (mittlere Gebrauchsspuren) klang die Followerparty 2009 in einer Gruppenpettingsituation aus, an der mehrere bekannte Mitglieder der sog. Internetszene beteiligt waren (ich nicht). Eine geschichtsträchtige Matratze also. Auf nämlicher Party war übrigens auch der 4chan-Gründer moot anwesend, der zwar eine Keramikschale kaputtgemacht hat, aber recht früh ging. Wenn gewünscht, stelle ich ein Echtheitszertifikat aus.

Ein paar braune Billyregale verschiedener Breite. Ein hauchzarter Riss in der Rückwand, zu sehen unten links. Ansonsten staubig, aber absolut in Ordnung. Auch für ebooks geeignet und für schlechte Scherze.

Das Dreiersofa von der beschriebenen Sofakombo. Auch auf diesem Sofa haben nach irgendeiner Internet-Feier drei ungenannte Internetaktivisten den Abend körperbetont ausklingen lassen, ich glaube, die Feier zum Netzsperren-Triumph oder so. Das klingt jetzt in der sexuellen Häufung weitaus aufregender und toller, als es jemals war, merke ich gerade. Aber egal. Alle Spuren sind inzwischen beseitigt, außer den Katzenkratzspuren und mittleren Gebrauchsspuren natürlich. Aber das Sofa ist ansonsten noch tadellos, so dürfte eine der größten technisch möglichen Möbellügen überhaupt lauten.

Sechs Stück gibt es davon, vermutlich Friseurstühle. Es handelt sich um die am meisten nach Drehstühlen aussehenden Nichtdrehstühle überhaupt. Sie drehen sich nämlich nicht. Dafür haben sie Rollen und sehen aus wie eine Zahnspange auf Rädern. Was auch am zahnfleischfarbenen Kunstleder liegt, mit dem die Stühle bezogen sind. Immerhin sind sie bequem und kleben lustig an der Haut im Sommer.

Vintageartiger China-Look wieder, wie auch das Regälchen oben. Auch wieder die unpraktischen Verschlüsse in der Mitte bei diesem Sideboard. Hat die Gabe, so belanglos in der Gegend herumzustehen, dass man es jahrelang nicht bemerkt. Können nicht alle Möbel.

Die Metallbuchstaben U und I, die ich Querdenker, ich Funrevoluzzer, ich im besten Sinne Verrückter Kopf ganz einfach um 90° gedreht aufgehängt habe. Ich bin SO gewitzt manchmal, es ist mir selbst unheimlich. Frei kombinierbar mit den anderen Buchstaben natürlich, man kann also auch FLUI oder FILU legen.

Ein Badezimmerspiegel mit Beleuchtung, Design ist einem Fernseher nachempfunden. Das muss man als Interieurdesigner auch erstmal bringen: “Hey Chef, ich hab eine Idee, ein Badezimmerspiegel in Fernseherform, und damit es noch steiler wirkt, machen wir verspiegeltes Rauchglas aussen rum.” Und so kam Elvis doch noch zu seinem Badezimmerspiegel.

Ein Topkühlschrank von Bosch. Zwei Jahre alt, zwei Meter groß, zwei Türen, zwei Grad. Ohne Flachs, das Ding ist toll. Energieeffizient, leise, großräumig, hätte ich mitgenommen, wenn in der neuen Wohnung nicht eine Designer-Einbauküche mit allem Getöse gewesen wäre. Ganz anders als der Kühlschrank davor, in dem mir mal aus einer Futterdose ein paar offenbar halbwegs kälteresistente Regenwürmer entkommen waren, die in wirklich jeden Winkel krochen, um dort dann unherausprokelbar zu verenden – aber wie gesagt, das war nicht in diesem Kühlschrank (ehrlich).

Klare Sache: dieser Kronleuchter stellt einen der letzten Ausläufer meiner “Ironisch-Wohnen”-Phase dar. Solche Phasen wünscht man niemandem. Grauenvoll. Hing zuletzt im Gästezimmer. Macht ein gelbliches Licht von der Art, wie es in Filmen verwendet wird, um selbst die rosigsten Wangen zombiehaft blasskrank wirken zu lassen. Tipp für Leute, die regelmäßig Beweisfotos für ihre Spontanerkrankung brauchen (“Oh Gott, Müller, bleiben Sie bloß zu Hause!”).

Eine ganze Reihe hoher IVAR-Regale, etwas über zwei Meter hoch. Passt also auch in keinen Keller, vielleicht aber für Leute mit Kamin noch verwendbar. Das rotgezackte Kunstwerk oben von Jim Avignon heisst “Berlin”, das steht aber nicht zum Verkauf, das habe ich bloß vergessen. Der Ventilator ist verfügbar, der blaue Sack Überraschungsmüll natürlich auch, spannend könnte jedoch werden, dass unter dem Regal noch ca. 20 neue, unbenutzte Neonröhren sind. Spannend vor allem für mich, ob die jemand mitnimmt, weil die ein Licht machen, dagegen wirkt eine H&M-Umkleidekabine so warmleuchtend wie ein Kaminfeuer im Sonnenaufgang.

Dieser weisse Kunstledersessel ist so hässlich wie er auch bequem ist. Was mich in ein Jahre dauerndes Dilemma stürzte. Fußstütze ist per Knopfdruck hochklappbar, Lehne fährt dabei zurück und man liegt im Himmel. Bis man die Augen aufmacht oder jemand ästhetisch Empfindsames reinkommt, der erst lacht und dann weint.

Der Sessel zur rosa Plüschkombi. Meines Wissens immerhin ohne schlüpfrige Vorgeschichte. Dafür mittlere Gebrauchsspuren (durch Katzen). Überhaupt LIEBEN Katzen diese drei Sofateile, Haustierpeople aufgepasst, preiswerter kommt katzenkompatibler Plüschkrempel nicht mehr in Euer Haus.

Davon gibt es zwei Stück à vier Leuchtquadraten. Sie leuchten so, wie man es ihnen per Fernsteuerung befiehlt, und zwar in blau, weiss, grün, orange oder rot. Oder changierend. Ein bisschen die Lavalampe für Architekten, die nicht gestillt wurden. Macht aber nach kurzer Phase der Faszination total nerviges Licht.

Ein Holzsekretär unbekannter Herkunft, ausziehbare Schreibfläche. Wirkt gut präsentiert aber wie ein Designmöbel, das hätten doch alle geglaubt, wenn ich sowas geschrieben hätte wie: Der berühmte Minimal Desk vom dänischen Stardesigner Lasse Böltrup, über den man im Netz nichts findet, weil er ja 2007 gegen seine Googlebarkeit geklagt hat. Epoche: Späte Neofunktionalität, Material: skandinavische, handgefällte Erle (unbehandelt, unterwasserlackiert). Sammlerstück, kein anderes Exemplar bekannt!

FUJIFILM hat ja zwei F. Das hier hing jahrelang auf dem Gästeklo und hat sich dort ausgezeichnet gemacht, keine Beschwerden.

Ein Holzregal in unangenehmer Farbe (mintgrün) und das vermutlich keimigste Möbelstück in der Wohnung, weil es schräg überm Herd hing. Die Türen fehlen, es ist unansehnlich, das kann keiner wollen. Das kann auch keiner holen, weil es von mir höchstselbst an die Wand geschraubt ist in all meiner handwerkerischen Minderbegabung, die dazu führte, dass die Kreuzschlitzschrauben so ausgelutscht sind wie die meisten Sprüche auf Twitter.

IVAR, verdammt, so retrospektiv ist ja doch alles voller IKEA gewesen, was habe ich nur getan damals? Hier immerhin mit Flascheneinsatz, dafür muss ich sagen: vom Küchendunst hat sich eine leichte Fettigkeit ins Holz gesogen. Das fällt aber nur auf, wenn man näher als drei Meter rangeht. Tipp für hygnieneliberale Wohngemeinschaften!

Bettsofa von, haha, IKEA. Aber irre praktisch, kann man ausziehen, dann ist es ein Doppelbett. Aber Vorsicht, aus mir nicht bekannten Gründen wiegt das Ding gefühlte drei Tonnen. Ich weiss, das Foto ist eine Zumutung mit dem Sperrmüll drauf, aber ich hatte es eilig.

Holzkisten und Korbkörbe in verschiedenen Größen und Formen. Sehr praktisch, wenn man es sich gezielt einredet. Ansonsten eher sperrig und natürlich immer genau zu klein oder zu groß für alle denkbaren Gelegenheiten.

Und schließlich undefinierbares Gerümpel. Die Tür im Hintergrund muss dableiben, die gehört zur Wohnung. Aber zwei Plastiksterne, eine Lampe, die schon 1957 als altbacken empfunden worden wäre, ein großes Metall-M (andere Bauart als die anderen Buchstaben, aber auch als W verwendbar), zwei weibliche Torsi als Kleiderständer, eine Staffelei, Geschirr, ein hier kaum erkennbares, weisses Holzregal, das vom Gewicht her auch aus purem Blei sein könnte, ein nur marginal verbogener Buchständer, eine röhrenförmige Lavalampe. Was man halt so hat, aber nicht braucht im Haushalt.

Mit Freude und Spannung erwarte ich Eure Ankunft mit starken Helfern und Lastwägen am Freitag, den 17. Februar ab 17 Uhr in der Schönhauser Allee 184 in 10119 Berlin.


Nachtrag
Ergebnisse in Kürzestform:
– der Konkurrenz-Auszug aus Bellevue am selben Tag war deutlich populärer
– ca. 70 Käufer vor Ort
– die Facebook-Generation ist unglaublich höflich und freundlich
– etwa 40% des Zeugs wurde verkauft
– Berlin ist jetzt voll mit Wohnbuchstaben
– das Sofa ist noch da
– ebenso rätselhafterweise die Matratze
– etwas über 350 Euro Erlös
– so dass ich aufrunde auf 500 Euro und alles dem Kältebus spende (done; Spendenbeweis)
Vielen Dank an alle Beteiligten.

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Der Brief, den Schlecker jetzt schreiben sollte

Ab und zu rufen mich Unternehmen an, die ein Social-Media-Problem haben. Wenn zum Beispiel auf einem praktisch unverlinkten Blog mit drei Artikeln ein Unternehmensvorstand mit Hitler verglichen wird – das aber unangenehm weit oben in der Google-Suche zum Namen auftaucht. Manchmal aber geht es auch um Shitstorms, für die ich eine gewisse Expertise entwickelt habe. Und in Zeiten von Shitstorms kann man bedeutend mehr falsch als richtig machen, deshalb berate ich Unternehmen in dieser Richtung, wenn ich absurd hohe Honorare einen Sinn darin sehe und Lust darauf habe (ist nicht immer so).

Mit Schlecker habe ich keinerlei geschäftlichen Kontakt, außer dass ich dort meinen Lieblingsdeoroller kaufe. Aber das, was mit und um Schlecker im Internet – Blogs, Twitter, Google+, Facebook, Online-Medien – momentan passiert, ist ein wunderschöner Trainingsshitstorm für deutsche Unternehmen. Also, schön für alle außer Schlecker. Obwohl das Stürmchen relativ egal ist im Vergleich zu ungefähr allem anderen, was derzeit passiert, haben im Moment die nichtschleckerschen Beteiligten ihre helle Freude an seiner Aufrechterhaltung. Schlecker, namentlich der Unternehmenssprecher Florian Baum, sollte deshalb einen Brief (Blogbeitrag) an die Öffentlichkeit schreiben. “When you’re in a hole, stop digging”, so heisst es auf dem mit Marketingweisheiten gesättigten, amerikanischen Sprichwortmarkt. Den Brief habe ich im Folgenden probeweise formuliert: Die andersfarbige, kleine Schrift dazwischen sind meine internen Kommentare, die die strategischen und taktischen Funktionen des Briefs erläutern sollen.

Liebe digitale Öffentlichkeit,

wir, das Unternehmen Schlecker, und ich, Florian Baum, sind erstaunt. Nicht die angenehme Art von Erstaunen, das lässt sich vermutlich erahnen. Es fühlt sich eher an, als würde man einen kritischen Unbekannten auf der Straße treffen, der verwickelt einen in ein Gespräch, man versucht etwas unbeholfen, verständnisvoll zu sein – und stellt hinterher fest, dass das Gespräch live ins Fernsehen übertragen wurde.

Im ersten Abschnitt werden explizit zwei Parteien ins Spiel: Baum und Schlecker. Der Sprecher soll alles Negative auf sich ziehen, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Die Situation wird auf eine Art beschrieben, die für jeden nachvollziehbar ist und zumindest ein gewisses Verständnis für Schlecker aufkommen lässt. Der Vergleich ist essentiell, um die Deutungshoheit über das Geschehene zu gewinnen. Dazu kommt mit “unbeholfen” die erste Andeutung eines eigenen Fehlers.

Ich habe einen Fehler gemacht. Genau genommen habe ich sogar mehrere Fehler gemacht. Nicht soviele wie damals, als ich in der achten Klasse unglücklich verliebt war und zweimal sitzen blieb – aber drei oder vier sind es schon:

• Ich habe völlig unterschätzt, welche Wellen ein Brief schlagen kann, von dem ich dachte, ihn an eine Einzelperson zu schreiben
• Ich habe mich zu Formulierungen hinreissen lassen, die in der Öffentlichkeit missverstanden werden mussten (das war unklug und unsympathisch)
• Ich habe diese beiden Fehler viel zu spät bemerkt und deshalb
• versucht, sie so gut es geht zu verteiden. Was nicht so wahnsinnig gut geklappt hat.

Das alles tut mir leid, besonders, falls sich jemand angriffen oder verspottet gefühlt haben sollte.

Der zweite Abschnitt ist auf die Fehler bezogen – wenn Shitstorms vorhanden sind, muss jemand Fehler gemacht haben. Findet die Öffentlichkeit jedenfalls, und um die geht es hier, deshalb entschuldigt man sich. Persönlicher Stolz ist gefälligst an der Garderobe abzugeben. Zugegeben werden die Fehler von der Einzelperson, wenn irgend möglich (gibt auch andere Fälle). Deshalb fängt hier jeder Punkt mit “ich” an. Das Unternehmen wird damit aus dem Fokus geschoben. Mit einem überraschenden, unterhaltsam formulierten Eingeständnis eigener Unzulänglichkeit am Anfang (“sitzen geblieben”) wird eine erfrischende Distanz zur eigenen Person aufgebaut. Das wirkt der fatalen Arroganz des ersten Briefs entgegen. Trotzdem wird das Wort “Arroganz” vermieden, es tritt sich sonst fest. Dazu kommt eine explizite Entschuldigung in der Sache, die aber die Vorwürfe nicht explizit wiederholt. Die Entschuldigung wird halbgar nicht relativiert.

Dass die Situation – für uns so überraschend – eskalieren konnte, liegt an etwas für mich einigermaßen Neuem: Fachleute sprechen von “Social Media”. Ich glaube, dabei handelt es sich eigentlich um Sie alle. Ich habe zwar (drei Semester über der Regelstudienzeit wegen eher durchschnittlichen Organisationstalents) etwas mit Medien studiert, aber damals gab es das noch nicht, das Internet von heute. Wo man mit vielen, mit ausgesprochen vielen Leuten in direktem Kontakt steht und wo deshalb Regeln herrschen, mit denen ich noch nicht allzuvertraut bin. Obwohl ich regelmäßig Beiträge in unserem Unternehmensblog schreibe, ist für die meisten vermutlich keine Riesenüberraschung, dass ich persönlich bisher mit Social Media nicht soviel anfangen konnte. Aber daraus ergibt sich eine Chance.

Im dritten Abschnitt folgt in direkter Ansprache ein subtiles Kompliment für die Leser und Shitstormteilnehmer: Ihr habt etwas Wichtiges verstanden, was ich so noch nicht kannte. Das ist auch das Eingeständnis der eigenen, persönlichen Unzulänglichkeit – aber diesmal im Fachlichen (es gab ja menschliche und fachliche Fehler bisher). Deshalb wird behutsam erklärt, warum hier offensichtlich ein Mangel an KnowHow herrscht, direkt verbunden mit einer Wendung ins Positive: der folgende Abschnitt über die Chancen wird vorbereitet.

Denn wenn Sie mir auch nichts glauben, dann doch wenigstens, dass wir, das Unternehmen Schlecker und insbesondere ich, die Kraft und die Energie des Internet in den letzten Tagen kennengelernt haben. Die Chance liegt nun darin, diese Kraft auch im positiven Sinn zu nutzen. Mir persönlich will nicht in den Kopf, dass diese sozialen Medien angeblich nur für den Aufschrei taugen sollen – darin muss gerade für Unternehmen auch eine Chance liegen. Und die wollen wir versuchen zu nutzen (und würden uns freuen, wenn Sie dabei mitmachen, müssen Sie aber natürlich nicht).

Der vierte Abschnitt ist der Zukunft zugewandt und dreht die Kraft der eben leicht angeschleimten, digitalen Öffentlichkeit ins Positive. Sowie von Zukunft und positiven Dingen die Rede ist, kommt auch wieder das Unternehmen Schlecker ins Spiel. Die Chancen werden hervorgehoben, die Digitale Öffentlichkeit eingeladen mitzumachen, ohne sich allzu uncharmant aufzudrängen. Und es gibt ein Versprechen, sich mit den Leuten im Internet – die das Stürmchen ja verursacht haben – positiv auseinanderzusetzen. Das erhöht die Aufmerksamkeit für folgende, positive Aktionen.

Abschließend wollen wir uns für den ärgerlichen Eindruck entschuldigen, der durch meine Fehler entstanden ist. Wir wollen alles dafür tun, um zu beweisen, dass dieser Eindruck falsch ist: wir mögen nämlich unsere Kunden, alle Kunden, sie zahlen uns die Miete, wir sind von ihnen abhängig. Und das ist auch der Grund, warum wir versuchen, Artikel, die jeder braucht, so preisgünstig anzubieten, dass sie auch jeder kaufen kann.

Im Schlussteil aber nicht zu positiv euphorisch werden, es handelt sich immerhin um eine Art Entschuldigungsbrief mit zerknirschter Grundstimmung. Deshalb nochmal eine explizte Entschuldigung, auch von Schlecker (“…wollen wir uns ent…”), ohne das Unternehmen dabei in den Vordergrund zu rücken. Nochmal persönlich Stellung beziehen (“meine Fehler”). Dann drehen ins Pathos. Pathos ist verrufen, aber nur bei (hihi) Hochgebildeten Superironikern, bei den meisten kommt Pathos gut an, wenn es richtig eingesetzt wird. Schlecker hat viele Jahre daran gearbeitet, dass Drogerieartikel in Deutschland erschwinglicher sind als irgendwo sonst (im Verhältnis), das kann man also ruhig andeuten.

Mit lieben Grüßen,
Florian Baum
Unternehmenssprecher Schlecker
Social Media-Beauftragter in spe

Halb ernsthafter, halb unterhaltsamer Schlussakkord im neuen Titel des Unternehmenssprechers, der eine nachhaltige Änderung der Haltung und des Verständnis anzeigen soll

Anmerkung: wenn dieser Brief bei Euch jetzt nicht mehr funktionieren sollte, liegt das natürlich zum einen an der unendlichen Weisheit der digitalen Öffentlichkeit, also von Euch, und zum anderen an dem, was Goethe so formuliert hat: “Man erkennt die Absicht und ist verstimmt.”

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Unignorierbar – die schiere Größe der sozialen Medien

Die mir am häufigsten gestellte Frage lautet:
“Muss man eigentlich Social Media machen?”

Für Privatpersonen fällt die Antwort leicht: Nein.

Für die Politik fällt die Antwort auch leicht: Ja.
Die sozialen Medien sind der Weg der direkten Kommunikation mit den Bürgern. Sie bilden eine notwendige Ergänzung der indirekten Kommunikation mit den Bürgern über die professionellen Medien – mit denen man als Politiker auch sprechen muss. Oder viel mehr: man wäre außerordentlich schlecht beraten, gar nicht mit den Medien zu sprechen. Die sozialen Medien sind für die Politik wichtig, weil Bürger dort sind. Und zwar viele.

Für Unternehmen (und Selbständige) ist die Frage weniger leicht zu beantworten. Im Jahr 2010 sagte Mark Zuckerberg: “If you look five years out, every industry is going to be rethought in a social way“. Einige Berater erzählen dementsprechend sinngemäß, dass DAX-Konzerne ohne Twitter-Account schon so gut wie insolvent seien. Das ist natürlich Unfug.

Aber.

Social Media ist so groß, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Groß hier im Sinne der Aufmerksamkeitsbündelung. Social Media ist so groß, dass man es als gegenwärtigen Entwicklungsstand des gesamten Internet betrachten muss. Und das bedeutet, dass man im Jahr 2011 als Unternehmen einen guten Grund dafür braucht, Social Media nicht auszuprobieren. Es gibt diese guten Gründe, sie hängen mit der jeweiligen Branche zusammen, mit der Unternehmenskultur und -struktur, mit der Unternehmensführung, mit einzelnen Abteilungen, mit der Unternehmensgröße und vielem anderen mehr. Aber ein Unternehmen muss 2011 für sich begründen, weshalb es nicht zumindest mit den Sozialen Medien experimentiert. Und der Grund darf nicht lauten: “Och nää, ist doch kindisch”. Denn die Entwicklung, die Mark Zuckerberg mit seinem Zitat meinte, beginnt mit den sozialen Medien (aber umfasst natürlich wesentlich mehr als Facebook, Twitter, Blogs).

Nur – wie groß ist Social Media eigentlich? Selbst Fachleute unterschätzen die schiere Größe, und deshalb habe ich ein Schaubild gebastelt. Es zeigt die schiere Größe der Vorzeigeplattform der sozialen Medien, Facebook, nach Pageviews die erstgrößte Seite der Welt, im Vergleich zur zweit- bis 100stgrößten Seite* des World Wide Web – zusammenaddiert. Facebook funktioniert hier auch als Symbol für die sozialen Medien. Und Social Media bedeutet: Jeder kann publizieren und ist so Teil der Digitalen Öffentlichkeit.

Voilà:

* Natürlich ist Social Media mehr als Facebook, aber Facebook ist nach Pageviews mit Abstand am größten. Pageviews sind noch immer eine (die) entscheidende Größe bei der Vermarktung. Unter den abgebildeten TOP 100 (sortiert allerdings nach Unique Visitors) finden sich noch dazu Seiten wie YouTube, Twitter oder WordPress, die ebenfalls Social Media zuzurechnen sind. Abgetragen sind dabei die Seitenaufrufe von Facebook weltweit, der TOP 100 Seiten weltweit des Internet, genauer: des World Wide Web (jedoch ohne Google und Pornographie). Zur Orientierung daneben: die gesamte deutsche Medienlandschaft, die sich bei IVW messen lässt (das sind ungefähr alle professionellen Onlinemedien in Deutschland, 46 Mrd. PI). Daneben die Seitenaufrufe der drei VZ-Netzwerke (2,8 Mrd. PI) sowie Spiegel Online (800 Mio. PI). Die Daten stammen vom Google Adplanner, der google.com selbst nicht mitanzeigt. Die Zahlen des Adplanner sind zwar Schätzungen, gelten aber als einigermaßen aussagekräftig. Für die deutschen Medien stammen die Zahlen von der IVW, der Vereinigung, die in Deutschland Onlinemedien recht präzise mit Zählpixeln ausmisst.

tl;dr
Social Media ist sehr viel größer, als man glaubt – so groß, dass man Social Media als gegenwärtigen Entwicklungsstand des Internet bezeichnen muss.

Nachtrag:
Natürlich werden hier bis zu einem gewissen Grad Äpfel mit völlig anderen Äpfeln verglichen, und auch die PI ist nicht das Maß aller Dinge. Es geht mir um die Größenordnung der sozialen Medien, und die lassen sich hier erahnen.

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Siegfried Kauder und der Große Bär

Ja, hier!
Ich!
Ich verdiene einen Teil meines Geldes, weil das Urheberrecht existiert, vor allem mit meinen Büchern, die in einem klassischen Verlag erscheinen, nämlich Rowohlt.

Ich mag die Substanz des Urheberrechts, ich bin der Überzeugung, dass bestimmte Formen des geistigen Eigentums für eine Gesellschaft sehr wichtig sind, weil dadurch das Nachdenken und Kreieren belohnt wird. Meine Idealvorstellung von Gesellschaft ist eine, in der viele, auch unterschiedliche Menschen hauptberuflich nachdenken und kreieren können. Und das Urheberrecht trägt dazu bei.

Allerdings ist das Urheberrecht vor drei Wochen 46 Jahre alt geworden, und damit, wie soll ich es sagen, nicht unbedingt ein Digital Native. Da helfen auch die Bypass-Operationen der vergangen Jahre, getarnt mit dem Wort “Körbe”, nicht wirklich weiter. Denn das Netz und auch der gesellschaftliche Wandel bedingen ohne jeden Zweifel ein neues, der digitalen Welt angemessenes und würdiges Urheberrecht. Wie das genau aussieht, kann ich nicht sagen, ich glaube, niemand könnte das derzeit, ich wäre aber gern bereit, daran in einem mir möglichen Rahmen mitzuarbeiten.

Denn ein digitales Fundament zu legen für das wichtigste Gesetz der zukünftigen Kulturlandschaft, das wird viel Arbeit sein. Der Interessenausgleich zwischen den unterschiedlichen Gruppen wird für sich genommen schon schwierig. Und ich möchte bei aller Liebe nicht, dass Menschenrechte, auch digitale, weniger Wert sind als das Urheberrecht und seine Durchsetzung. Völlig unabhängig davon, dass ich davon rein finanziell unter Umständen vielleicht eventuell nach Darstellung von Lobbygruppen vielleicht profitieren würde (was ich nicht glaube, übrigens).

Wegen der Komplexität und der überaus hohen Relevanz verlange ich als Autor und Bürger zuallererst, dass sich Profis mit der Entwicklung des neuen Urheberrechts beschäftigen. Leute, die wissen, was sie tun, eben Leute, die darüber hauptberuflich nachdenken.

Jetzt kommt Siegfried Kauder ins Spiel – oder eben gerade nicht. Kauder hat sich vor einiger Zeit auf peinliche Weise angebiedert bei einem Lobbyverband, der glaubt, er würde die Idee des Urheberrechts verteidigen, aber tatsächlich versucht, das 20. Jahrhundert möglichst lange aufrecht zu erhalten.

Und nun wird schlagartig klar: Siegfried Kauder ist der falschestmögliche Mensch, um an einem neuen Urheberrechtsgesetz für das Internet zu arbeiten. Nicht nur, dass es ihn selbst nicht kümmert, was die Bildrechte auf seiner eigenen Homepage angeht. Dazu noch gibt er eine Erklärung ab, die zeigt, dass er nicht einmal den Begriff “Urheberrecht” richtig verwenden kann. Dabei ist die Beherrschung der Sprache seit über 2000 Jahren das Fundament von Gesetzestexten und Rechtsprechung, die ja genau deshalb auch so heißen. Als zusätzliches Sahnekrönchen hat Kauder mehrfach gezeigt, dass er vom Internet keinerlei tiefere Kenntnis besitzt, aber sich pressewirksame Meinungen anzueignen versteht.

Ich bin sauer, ich bin sehr, sehr sauer. Es gibt Kräfte, die das Urheberrecht abschaffen oder in die Unwirksamkeit treiben wollen. Dieses Vorhaben ist politisch auch ihr gutes Recht, die Begründungen dafür sind nicht mehr so hanebüchen wie vor ein paar Jahren, sondern kommen zunehmend intelligent und durchdacht daher. Wie beschrieben, halte ich diese Überzeugung für unrichtig, selbst wenn ich sie ernst nehme. Aber politisch für ein neues, ausgewogenes, durchdachtes Urheberrecht zu kämpfen, das erfordert doch Integrität, Sachkenntnis, Auseinandersetzung. Es erfordert – und da bin ich total altmodisch, ihr Flitzpiepen – es erfordert verdammte Vernunft. Vernunft wie in “die Realität nicht leugnen”. Vernunft wie in “die eigenen Worte ernst nehmen”, wer sollte sie denn sonst ernst nehmen können. Vernunft wie – Überraschung! – in “nachdenken”.

Siegfried Kauder hat sich mit seinen Aktionen und vor allem dem aktuellen Urheberrechtsdebakel samt realitätsferner Begründung zur Witzfigur gemacht. Er hat damit denjenigen, die ein neues, gutes Urheberrecht wollen, das in der digitalen Welt wirklich funktionieren kann, einen Bärendienst erwiesen, dessen dazugehöriger Bär ungefähr dem Umfang des Sternbilds Großer Bär entspricht.

Ich fasse zusammen: Jemand, der weder das Internet versteht noch den Begriff “Urheberrecht” richtig zu verwenden in der Lage ist, der auf der eigenen Webseite keine Hemmungen hat, das Urheberrecht mit Füssen zu treten und anschließend kein echtes Unrechtsbewusstsein an den Tag legt, sondern in einer nordkoreanisch anmutenden, beinahe guttenbergischen Realitätsverdrehung versucht, sein eigenes Fehlverhalten als Beweis seiner abstrusen Vorstellungen von Urheberrecht und Internet umzudeuten – 

so jemand wie Siegfried Kauder also ist nicht nur Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestags, sondern versucht auch, das Urheberrecht, von dem ich lebe, in die digitale Zukunft zu führen. Haltet die Druckerpressen an, streicht im Duden die Wendung “den Bock zum Gärtner machen”, schreibt fürderhin “den Kauder Gesetze machen lassen”.

Für mich führt an einem Rücktritt vom Vorsitz des Rechtssausschusses des Bundestags nach eingestandenem mehrfachem Bruch geltender Urheberrechtsgesetze kein Weg vorbei.

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Addendum zu “Der neue Terrorismus kommt aus dem Netz”

Am Ende oder viel mehr am Anfang ist es die Frage, ob man das Internet als Werkzeug betrachtet oder als Sphäre. Sieht man das Netz als Werkzeug, dann liegt die Brotmesser-Metapher nahe: mit einem Brotmesser lässt sich jemand umbringen, aber das sagt nichts über Brotmesser aus, jede Diskussion über Konsequenzen für Brotmesser-Hersteller würde als lächerlich empfunden werden.

Natürlich bin ich Anhänger des Modells der Sphäre. Im Netz passiert Gesellschaft. Und zwar auf andere Art als in der Kohlenstoffwelt, auch wenn die beiden Sphären zusammenwachsen. Das heisst auch, dass man die meisten, wenn nicht alle gesellschaftlichen Prozesse im Netz neu untersuchen muss. Manche werden gleich sein, viele ähnlich, die meisten aber anders als in der Restwelt. In meiner Kolumne auf Spiegel Online habe ich die Frage untersucht, ob Terrorismus im Netz entstehen kann. Streng genommen müsste man fragen, ob Terrorismus auch im Netz entstehen kann, aber dass es Terror vor dem Internet gab und also auch ohne entstehen kann – naja nun, muss man darüber auch nur einen Satz verlieren?

Wenn man das Internet als Sphäre betrachtet, in der Gesellschaft stattfindet, wird dort früher oder später auch Terrorismus stattfinden, der im Netz geboren ist. Es lässt sich streiten, ab wann eine Tat “im Netz geboren” ist. Für mich reicht als Definition aus, dass eine Radikalisierung weitgehend im Netz entstanden ist und nicht im Live-Austausch in Terrorzellen. Etwa zwei Drittel des Dokuments von Breivik habe ich durchgearbeitet, wer es liest, muss sich schon anstrengen, um darin etwas anderes zu sehen als ein Text-Mash-Up, ein Dokument der Filter-Bubble-Radikalisierung. Natürlich kann man sich über die Analogie zu “Open Source” streiten, aber ich glaube, dass es nicht darauf ankommt. Und dass es alle Mechanismen auch schon vorher gab – geschenkt, das wichtige Wörtchen heisst auch. Es ist auch im Netz möglich – und hebt so die Diskussion auf eine andere Ebene. Brotmesser-Ideologen sagen: egal, es ist doch nur ein Instrument. Und erinnern damit fatal an die unwürdige Diskussion um Feuerwaffen in den USA, Stichwort: “Guns don’t kill people, people kill people” – was ich lediglich für technisch korrekt, aber für gesellschaftlich völlig falsch halte.

Heute früh habe ich einen kurzen, krassen Artikel gelesen: ein Hacker mit Diabetes hat es angeblich geschafft, eine implantierte Insulin-Pumpe so zu hacken, dass er tödliche Dosen Insulin per Fernsteuerung aus einer halben Meile Entfernung auslösen könnte. Eines der völlig neuen Probleme der verschmelzenden Welten. Und im Zweifel eine Art von digitalem DriveBy-Shooting, ein in der Digitalen Sphäre geborener Terror.

Was mich auf die – zugegeben in meiner Kolumne nicht ausreichend deutlich betonte – Quintessenz bringt:

Die Argumentation für ein freies und offenes Internet muss selbst dann greifen, wenn Terror im Netz geboren wird. Unabhängig davon, ob man Breivik als “im Netz geboren” betrachtet oder nicht (für beides gibt es Argumente, meine Sicht habe ich aufgeschrieben).

Irgendwann werden terroristische Akte geschehen, die unleugbar netzbasiert sind. Und dann? Weiter so tun, als wäre das Netz niemals an irgendwas schuld? Weiter die Brotmesser-Metapher benutzen? Das wird schon deshalb schiefgehen, weil wir in einer Demokratie leben und also die Meinung der Mehrheit eine ganze Menge zählt.

Für mich ist die Offenheit und Freiheit des Netzes nicht verhandelbar, weil es sich lediglich um einen Aspekt der Freiheit und Offenheit der Gesellschaft handelt. Auch dahinter steht das Sphärenmodell. Aber daraus folgt zwingend: wir – damit meine ich diejenigen, die für das Internet in dieser Form argumentieren und kämpfen – dürfen uns niemals auf das dünne Argumentations-Eis begeben, das Netz für ausschliesslich positiv wirkend zu halten. Es muss Gegenmittel gegen Kriminalität und Terror im Netz geben, aber sie dürfen eben die freie und offene Gesellschaft im Digitalen nicht beschädigen.

Wer leugnet, dass im Netz Terror entstehen könnte (unabhängig von der diesbezüglichen Einschätzung zu Breivik übrigens), wird ein sehr großes Problem haben, wenn einer der vielen grauenvollen Kommentatoren der vielen rechtsradikalen Blogs in Deutschland durchdreht und wahrmacht, was er jeden Tag in die Kommentarspalten hineinschreibt. Ich fürchte mich vor diesem Tag, nicht nur wegen der Tat, sondern weil damit die schlechte Vorratsdatenspeicherung, die schlimme Rundumüberwachung im Netz, die katastrophalen Netzsperren und so weiter fast gewonnen haben werden. Es ist im friedlichen Deutschland zum Glück bisher kaum vorstellbar, was für eine gesellschaftliche Wucht ein tatsächlicher Anschlag entfalten kann. Ein solcher Sturm fegt alles hinweg, da kann man petitionieren, bis die Server glühen – zwei Tage nach einem Attentat in Deutschland sind die schärfstmöglichen Gesetze so gut wie beschlossen. Von allen Parteien übrigens. Deshalb müssen sich die Verfechter des freien und offenen Netzes wappnen und ihre Argumentation nicht auf Brotmessern aufbauen.

Auch deshalb, weil derzeit nicht Vernunft und Diskussionsbereitschaft herrscht auf der politischen Gegenseite von BKA bis CDU, sondern Kontrollwahn. Wahn deshalb, weil man kontrollieren möchte, was realistisch nicht zu kontrollieren ist und deshalb alle anderen Mittel – die rechtsstaatlich okay sein könnten – völlig aus den Augen verliert. Aber auf genau die Mittel kommt es an, denn keine Mittel sind keine Alternative. Und spätestens mit der Diskussion um die Netzneutralität wird wirklich jeder einsehen, dass an manchen Stellen eben doch der Staat eingreifen muss. Nämlich, um gesetzlich ein freies und offenes Netz zu garantieren.

Vor uns steht eine Mammutaufgabe, zugespitzt lautet sie: wir müssen Leute wie Hans-Peter Uhl (zum Glück nicht den grauenvollen Uhl selbst) davon überzeugen, das Internet, die digitale Seite der freien und offenen Gesellschaft, zu schützen. Ja, verdammt schwierig, ich weiss. Aber in meinen Augen gibt es dazu keine Alternative in einer Demokratie. Erst recht nicht in einer, in der Nerds und Internetversteher alles andere als an der Macht sind. Sondern allenfalls eine laute, aber sich selbst in ihrer Wirkung überschätzende Lobbygruppe. Das schlechteste Mittel für einen solchen Überzeugungsfeldzug lautet, die Realität zu leugnen und davon auszugehen, dass niemals irgendetwas Böses aus dem Netz kommen kann.

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Quoten sind immer die Quoten der anderen – eine Frauenquote für die Blogroll

Heute ist Weltfrauentag, und ich bin als Freund der Kommunikation nicht nur symbolfixiert, sondern empfinde mich auch als feministisch orientiert. Jawohl. Gockelfrisur, Halbargentinier, Feminist, für mich völlig selbstverständlich und logisch. Ehrlich gesagt verstehe ich kaum, wie man gleichzeitig das Grundgesetz für das Maß aller rechtsstaatlichen und gesellschaftlichen Dinge halten kann und nicht wenigstens ansatzweise feministisch orientiert sein kann. Natürlich auch als Mann, gerade als Mann. Antirassismus ist ja auch nichts, was nur Farbige Schwarze angeht. An dieser Stelle vielleicht nochmal die Definition des Feminismus: es handelt sich um den Glauben an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter (Encyclopedia Britannica via Mädchenmannschaft).

Bezeichnenderweise kommen die heftigsten antifeministischen Argumente in meinem weiteren Umfeld von Männern, die mit Frauen wenig bis nichts am Hut und anderen Körperteilen haben, sogar Extremfälle misogyner Jungfräulichkeit sind vorhanden. Das ist natürlich nur eine anekdotische Beobachtung, die wenig beweist. Aber dafür interessant ist. Sex scheint mir bei antifeministischer Verwirrung ein hochwirksames Mittel gegen Frauenfeindlichkeit, vielleicht finden sich ja hier wie dort Freiwillige für Feldstudien, “Fuck for Feminism” oder so.

Dass unter der Flagge des Feminismus auch viel Quatsch passiert ist, ist vollkommen klar, die meisten -ismen hatten und haben problematische Fans, die die Sache veralbern bis pervertieren. Dass ich mit den durchaus vorhandenen antimännlichen Tendenzen wenig anfangen kann, sollte auch nachvollziehbar sein – aber das ändert nichts an der Substanz des gesellschaftlichen Ziels der Gleichheit. Und Gleichheit heisst nicht Gleichbehandlung, um nach langem Rechtfertigungsgelaber endlich zum Thema der Überschrift zu kommen. Deshalb halte ich auch etwa eine Frauenquote für gut und richtig (in den meisten Fällen), nicht, weil sie kurzfristig immer zu tolleren Ergebnissen führt, sondern weil sie gesellschaftlich notwendig ist. Und damit mittel- und langfristig zu einer für alle tolleren Gesellschaft führt. Mit der Frauenquote ist es meiner Meinung nach ein bisschen wie mit der Demokratie, um ein bekanntes Zitat von Churchill abgewandelt zu paraphrasieren: Die Frauenquote mag eine schlechte Methode der Gleichberechtigung sein, aber die beste, die wir haben.

Nur sind die Quoten immer die Quoten der anderen, oft wohlfeile Handlungsaufforderungen, ohne dass man selbst dahinterstünde. Deshalb habe ich beschlossen, eine Frauenquote für meine Blogroll einzuführen, und zwar eine 50%-Quote. Im Moment stehen dort 54 verlinkte Blogs, davon sind beschämende 15 (also 27,7%) weiblich dominierte Blogs. Daraus folgt, dass ich weitere 24 Blogs von Frauen zur Blogroll hinzufügen werde, um mit 39 zu 39 Blogs einen Gleichstand zu erreichen. An dieser Stelle kommt Ihr ins Spiel, die Leserinnen und Leser dieses Blogs. Ich bitte recht herzlich um Vorschläge für die Ergänzung meiner Blogroll, wenn möglich auch mit kurzer Erklärung. Der famose Nebeneffekt ist vielleicht, dass auch Dritte neue, gute, interessante Blogs von Frauen entdecken. Angesichts der ebenfalls beschämenden grob überschlagen 5% Blogs von Frauen in den Top 100 der Deutschen Blogcharts kann das definitiv nicht schaden – genausowenig, wie das flächendeckende Aufgreifen der Frauenquote für die Blogroll.

Update
Vielen Dank für die vielen Anregungen, nach und nach werde ich in den nächsten Tagen meine Blogroll entsprechend auffüllen und zur re:publica aller Voraussicht nach nochmal etwas dazu schreiben.

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