Menu

Social Heisenberg – warum Twitter nicht für politische Diskussionen geeignet ist

Twitter ist eine wunderbare Sache, privat, beruflich und medial. Ich habe meine Frau dort kennengelernt und jede Menge Leute, die ich gern habe, ohne sie je live gesehen zu haben. Seit über 10 Jahren finde ich via Twitter Links zu den besten Artikeln fast aller Themenbereiche, die mich beruflich interessieren. Und Twitter ist ungeschlagen, um sich zum aktuellen Weltgeschehen in Echtzeit einen Überblick zu verschaffen, wenn man weiß, wie die dortigen Informationen eingeordnet werden müssen.

Leute, die mit der Komplexität und den Ambivalenzen der Welt nicht zurecht kommen, werden kaum verstehen, dass Twitter aber gleichzeitig ein hasserfüllter Ort sein kann. Oder dass Twitter für politische Diskussionen in vielen Fällen etwa so geeignet ist wie das Display einer Mikrowelle für 4K-Kinofilme. Für den letzten Punkt ist am 27. Dezember 2018 ein großartiges Beispiel in der deutschen Twitterlandschaft bekannt geworden.

Es handelt sich um den Tweet eines Mannes namens Nico Lange, der unter @nicolangecdu twittert. Politisch clever gewählt, so wird schon über den Twitter-Namen die konservative Selbstverortung deutlich. Plakativität ist in sozialen Medien ein unterschätzter Wert, die Social-Media-Kunst besteht aus der Balance der Plakativität, zwischen uncharmanter Plattheit auf der einen und unzulässiger, weil unwahrer Überspitzung auf der anderen Seite.

Der Tweet von Nico Lange könnte simpler kaum sein, und trotzdem hat er jede Menge Empörung von linken, linksliberalen und grünen Stimmen verursacht. Und ebenso jede Menge Auftrumpfen und vor allem Gegenempörung von konservativen, reaktionären und rechten Stimmen. Außerhalb von Twitter mag das geradezu verstörend wirken, denn das hier ist der Anlass:

 

 

Das Stichwort „#nurmalso“ war in der Folge zeitweise unter den meistverwendeten Begriffen in deutscher Sprache auf Twitter (Trending Topics), und ich nehme das große Getöse um diesen Tweet als Anlass, um die Untauglichkeit von Twitter zu sinnvollen, politischen Diskussionen (in den meisten, wenn auch nicht allen Fällen) am lebenden Beispiel zu erläutern. Dazu verwende ich die auktoriale Technik des „Hineinversetzens in Menschen“, eine genialische Entwicklung, mit der man einen Text aus Sicht von Leuten mit anderen Meinungen schreiben kann! Auf diese Weise betrachte ich Nico Langes Tweet einmal aus konservativer und einmal aus linker, grüner Perspektive.

 

Aus konservativer Sicht:

Moment, jetzt mal ehrlich, über diese absolute Harmlosigkeit regt sich überhaupt jemand auf? Wo leben die bitte? Es gab sogar Leute, die Faschismus unterstellt haben, meine Güte! Okay, Übergeschnappte gibt es auf Twitter mehr als genug, aber auch einigermaßen normale Linke, sogar Prominente, haben Spott, Häme und bittere Ablehnung über Lange ausgegossen. Dabei sagt er bloß die Wahrheit!

Es gibt in Deutschland laut statistischem Bundesamt derzeit 46 Millionen Automobile, das bedeutet: „Ich fahre Auto“ ist ungefähr der zweitnormalste Satz, den ein Bundesbürger sagen kann, direkt nach „ich atme“. Was für eine Arroganz, sich wegen eines solchen Satzes aufzuregen, da sprechen doch die Gutsituierten, die sich leisten können, auf’s Auto zu verzichten, weil sie in der teuren Innenstadt wohnen und im Zweifel eben Taxi fahren. 

„Ich esse Fleisch“ ist mindestens ebenso alltäglich, ein deutscher Mann isst im Durchschnitt rund 100 Kilogramm Fleisch im Jahr. Aber auf Twitter tun hunderte Leute so, als hätte man persönlich den Klimawandel angeordnet. Dabei steht noch nicht mal da, wieviel Fleisch, könnte auch Bio sein, und jetzt wollen da irgendwelche Linken der gesamten Welt ihren regionalen, saisonalen, veganen Lebenswandel aufzwingen? Fleisch ist Kulturgut, in Deutschland wie überall auf der Welt, es ist doch Irrsinn, das alles zu skandalisieren und gleichzeitig drei Mal im Jahr nach Nepal zu fliegen zu diesem einen tollen Hatha-Yoga-Guru. Wie Elfenbeinturm kann man sein?

Und erst Feuerwerk! Einmal im Jahr hat man ein bisschen Spaß, zündet mit den Kindern in der Sackgasse ein paar Pfennigschwärmer an und schaut sich Mitternacht das wunderschöne Farbenschauspiel am Himmel an. Und da flippen die Linken aus? Sind die völlig bekloppt? Jede Wette, wenn da nicht „CDU“ stehen würde im Twitter-Namen, hätte der Tweet niemanden interessiert.

 

Aus linker Sicht:

Es beginnt damit, dass Nico Lange nicht irgendjemand ist, sondern ein wichtiger politischer Berater der neuen Parteichefin der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer. Auch wenn man das nicht weiß, dann zeigt das „CDU“ im Namen, dass hier ein politisch interessierter Mensch spricht, und die ungewohnte Abwesenheit von Rechtschreibfehlern offenbart eine gewisse Bildung. Man kann deshalb davon ausgehen, dass Lange weiß, was er tut.

In jedem Fall steht dieser Tweet nicht für sich allein. Er ist eindeutig Teil von drei im Moment hitzig geführten Debatten, nämlich der um die Zukunft der Mobilität, die Zukunft der Ernährung und die Silvesterböllerei, und alle drei haben mit dem Überthema Klimawandel und deshalb mit der Zukunft der ganzen Welt zu tun.

Es wird immer offensichtlicher, dass Autos zwar den wirtschaftlichen Wohlstand Deutschlands maßgeblich mitbegründet haben – aber dass wir dafür einen hohen Preis zahlen und sich deshalb grundsätzlich etwas ändern muss. Zwischen Dieselbetrug der Automobilindustrie, Klimawandel und Fahrverboten spüren die meisten Leute, dass Handlungsbedarf besteht, gerade von der Politik. Nichtstun ist keine Option, aber Lange tut ganz dreist genau so, als müsse man nichts verändern.

Mit dem Fleischkonsum verhält es sich ganz ähnlich. Fleisch ist vom Wasser- und Energie-Verbrauch über die genutzte Fläche und das Tierleid bis zu den schädlichen Gasen mehr oder weniger das unnachhaltigste Nahrungsmittel. Wer Fleisch isst, tut das letztlich zum Schaden kommender Generationen, das ahnt Nico Lange, deshalb will er mit dem Tweet nichts als provozieren. Und wenn er auch noch stolz drauf ist, offenbart er eine unangenehme Sorte von „Sündenstolz„!

In der Debatte um Silvester schließlich geht es nicht um schönes Feuerwerk, sondern um die Hobby-Bürgerkriege, die in vielen Innenstädten Leib und Leben der Passanten gefährden. Jedes Jahr gibt es Schwerverletzte und sogar Tote. Und da ist noch gar nicht eingerechnet, dass nur die Silvesterknallerei fast ein Sechstel des jährlichen Feinstaubs durch Autoverkehr verursacht. In nur einer Nacht.

Der Abschluss „#nurmalso“ stimmt eben gar nicht, das ist dieser rotzige, trotzige Sarkasmus, den man von Reaktionären in sozialen Medien kennt. Es handelt sich eigentlich um eine Absage an jede Diskussion. Nico Lange hat nur auf den ersten Blick harmlos getwittert – in Wirklichkeit steht dahinter genau die konservative Haltung, die so vielen von uns aufstößt: „Mir ist egal, wie sich die Welt verändert, ich mache genau so weiter wie bisher.“ Was für eine arrogante Ignoranz!

 

Soweit also die jeweiligen Perspektiven von Leuten, die sich über Nico Lange aufregen und Leuten, die sich darüber aufregen, dass sich Leute über Nico Lange aufregen.

Meine eigene politische Haltung ist – das verberge ich nicht – linksliberaldemokratisch, daher kann man mit etwas Gespür erahnen, wo meine Sympathien eher verborgen liegen.

Aber:

Trotzdem sind beide Perspektiven berechtigt und nachvollziehbar, die hier als konservativ beschriebene ebenso wie die linke, grüne (außer die Faschismus-Beschimpfungen, die sind einfach aus jeder denkbaren Sicht bescheuert). Letztlich prallen aufeinander:

  • Die eher linke, grüne Überzeugung, dass jetzt alles – einschließlich symbolischer Handlungen und entsprechender Bekenntnis-Kommunikation durch politische Vorbilder – unternommen werden muss, um die Welt zu retten.
  • Und die eher konservative Überzeugung, die lieb gewonnenen Alltagsgewohnheiten nicht so einfach aufzugeben, nur weil ein paar Leute sich aufregen und mit Statistiken wedeln, weil die entscheidenden Schlachten ohnehin anderswo geschlagen werden.

Der Schlüssel zum Verständnis der Empörung und Gegenempörung aber liegt in einer sehr zentralen Eigenschaft der sozialen Medien, nämlich einer Entkontextualisierung, die man als Unschärferelation der Sozialen Medien bezeichnen kann, Social Heisenberg quasi. Das bedeutet: Jeder Tweet kann gleichzeitig als Teil einer Diskussion verstanden werden und als für sich allein stehend. Die absolute Eindeutigkeit in diesem Bereich ist weniger häufig als man von außen denkt, in den meisten Fällen hängt es sehr vom einzelnen Betrachter ab, wie stark man sich welchen Kontext dazu vorstellt oder nicht. Zumal Kontext auch keine An/Aus-Veranstaltung ist, sondern eher als Schieberegler verstanden werden sollte.

Es gibt zweifellos gewiefte Strategen, die diese Entkontextualisierung in sozialen Medien politisch ausnutzen. Das halte ich hier aber nicht für wahrscheinlich, auch deshalb, weil die politische Kommunikation der großen demokratischen Parteien in Deutschland bisher mit Gewieftheit außerordentlich sparsam umgegangen ist.

Verstärkt wird die Unschärferelation durch die große Spreizbreite knapper Sätze. „Ich fahre Auto“, darunter finden sich Leute, die ab und zu Carsharing benutzen und auch solche, die mit ihrem Drei-Tonnen-SUV durchs Naturschutzgebiet brettern. Welches Bild man bei „Ich fahre Auto“ im Kopf hat, hängt wiederum stark vom Betrachter ab, und dieses Bild wirkt ganz unmittelbar auf die eigene Emotionalität.

Mit den anderen Sätzen verhält es sich ähnlich, denn in sozialen Medien können die meisten Aussagen in sehr unterschiedlicher Weise gelesen werden, unter anderem, weil Begleitinformationen anderer Kommunikationsformen wie Gestik, Mimik oder Tonfall fehlen. Viele Streits und Missverständnisse entstehen dadurch, ein Merkmal der digitalen Welt, das seit Jahrzehnten bekannt ist und spürbare Folgen hatte: Emoji zum Beispiel sind aus der Notwendigkeit entstanden, dass die Einordnung von Worten und kurzen Sätzen im Netz schwierig sein kann.

Man könnte jetzt vermuten, dass Lange schon durch seinen Beruf wissen müsste, wie sein Tweet wirkt oder wirken kann. Wahrscheinlich hat er diese breite Ausdeutbarkeit in gewisser Weise sogar absichtsvoll eingebaut. Trotzdem überschätzt man, so glaube ich, wie wenig selbst Fachleute Diskussionen und Interpretationen in sozialen Medien voraussehen können. Und man unterschätzt auch, dass jeder Tweet selbst bei Profis auch ein hingeworfener Gedanke sein kann, dessen vollumfängliches Interpretationsspektrum erst später klar wird. Ich halte es zwar für möglich, dass Lange hier bewusst eine genau auf diese Weise funktionierende politische Kampfansage formulieren wollte, aber eben nur für möglich.

Dagegen spricht, dass er später versucht hat, seinen Tweet einzuordnen und in der präzisen Bedeutung auszudifferenzieren; sowas tut man eher nicht, wenn man im Konrad-Adenauer-Haus zwischen den Jahren zwölf Meetings für die perfekte Wortwahl angesetzt hat, um die künftige Politik der neuen CDU-Chefin schonmal als Twitter-Pflock in der Öffentlichkeit einzurammen.

Dafür spricht, dass politische Kampfansagen Teil seines Jobs sind, er ausgerechnet als „politischer Planer“ arbeitet (dessen Job Öffentlichkeits-Pflöcke sind) und in seiner Twitter-Selbstbeschreibung die schöne Spitze gegen Friedrich Merz zu lesen ist: „plan beats no plan“.

Völlig unabhängig aber von der politischen Positionierung ist ein entscheidener Umstand gerade bei Twitter: Wenn Tweets in anderen Medien zitiert werden, dann stehen sie für sich allein. Würde der Tweet von Lange etwa in einer Zeitung abgedruckt – die übergroße Mehrheit der Leute würde ihn nicht als Teil einer Diskussion, sondern für sich allein stehend sehen. So stünde eher die harmlose Deutung im Vordergrund, und die linken Reaktionen erschienen eher absurd. Das ist eben eines der Grundmuster der sozialen Medien, dass dieser Diskursraum zwar einen besonderen Charme entfaltet, aber auch genau deshalb kaum übertragbar ist in andere Medienformen.

Ich glaube, dass man bei professioneller Kommunikation die Entkontextualisierbarkeit sozialer Medien deshalb immer mitdenken sollte. Das kann zugegeben sehr schwierig sein, aber eine Alternative dazu sehe ich bei der heutigen Struktur der Öffentlichkeit nicht. Ich möchte Nico Lange nicht als völlig unschuldiges Hascherl darstellen, das unschuldig blinzelnd mit großen Augen in einen monströsen Twittersturm hineingelaufen ist – aber ich sehe allen Grund, diesen Fall als Anlass zu nehmen, um über politische Diskussion in sozialen Medien intensiver nachzudenken. Es waren auch nicht wenige Journalisten und Publizisten am Getöse beteiligt.

In jedem Fall wird deutlich, dass Lange, so glaube ich, eine Art halber Zufallstreffer politischer Kommunikation gelungen ist, nämlich der Beweis, wie sehr die Interpretation der kurzen Einlassungen in sozialen Medien davon abhängen, in welchen Kontext man sie stellt. Und ob man sie überhaupt in einen Kontext stellt:

  • Nico Langes Tweet ist, für sich allein stehend, von alltäglicher Harmlosigkeit und beschreibt schlicht die Mehrheit der Bundesbürger.
  • Nico Langes Tweet ist, auf die drei dazugehörigen Diskussionen bezogen, eine durchaus selbstgerechte Provokation der konservativen Sorte: Egal wie sehr ihr euch aufregt, wir ändern nichts.

Beides stimmt, und zwar gleichzeitig, hallo Heisenberg. Das sind eben die Besonderheiten von sozialen Medien, die politische Diskussionen so schwierig und manchmal unmöglich machen.

Der Klick erlaubt das Teilen und führt zur Datenübertragung an die entsprechenden Plattform. Details: Klick auf [i].

This Post Has 32 Comments

  1. Sehr gute Beschreibung eines sehr aktuellen Beispiels der Diskussionskultur, die so speziell wohl nur auf Twitter zu finden ist. Es sind leider zu wenige in der Lage, es so differenziert zu betrachten.

  2. Vielen Dank für diesen differenzierter Beitrag über die Funktionsweise von Twitter-Diskussionen, ein „Mechanismus“, der mich selbst auch schon länger beschäftigt.

    Ein weiterer Aspekt dazu: Meines Erachtens ist das Scheitern einer sachlichen und differenzierten Diskussionskultur im Wesen des sozialen Netzwerks selbst angelegt. Denn ökonomisch betrachtet ist die eigentliche Intention doch, durch Likes, Retweets, Kommentare etc. möglichst hohe Zustimmungsraten zu erzielen, um die eigene Reichweite zu steigern. Dies gelingt aber am besten durch kontroverse, provokante oder eben zugespitzte Statements. So schrauben sich konträre Meinungen (wie die von Ihnen skizzierten politischen Lager) gegenseitig in einer Art Erregungsspirale nach oben. Dadurch werden zwar die eigenen Anhänger mobilisiert (ich unterstelle, dass dies letztlich die Intention von Nico Lange war) und im besten Falle generiert dies auch noch Aufmerksamkeit in anderen Medien außerhalb des jeweiligen Netzwerks, aber eine konstruktive Auseinandersetzung geht dabei vollends unter.

    1. Da stimme ich zu und muss an Pierre Bourdieu denken, der schon in den 90ern beschrieb, wie Talkshows ebenfalls nach diesem Prinzip besetzt werden: mit Vertretern möglichst konträrer, zugespitzter Meinungen, fast-thinkers, die diese Meinungen schnell reproduzieren können – anstatt, langsamer denkend, auf die Suche nach Kompromissen zu gehen. Das würde mehr Zeit und, huuu, Stille brauchen. Beides im klassischen TV undenkbar.

      Ich frage mich, was unter den digitalen Medien das Äquivalent zu dem Zeitungsmoment sein könnte, den Sascha beschreibt, und komme bei Podcasts an: Da darf eine Meinung für sich stehen und bekommt ganz viel Kontext, der Podcast Host und/oder seine Gäste können sich erklären. Sie zu entkontextualisieren ist (noch) verhältnismäßig schwierig, Likes, Shares, Kommentare haben (noch?) nicht den gleichen Wert und Einfluss auf das Genre. Then again: Ist der Podcast überhaupt ein social medium?

  3. Ich halte das insgesamt für einen guten Text. Mit einer Ausnahme. Du negierst, nach anfänglicher Tendenz in die Richtung eines völlig. Menschen machen sich zu Teilen von Spektren in Communities, um sich abzugrenzen und selbst zu erhöhen (Was mit Partnern zusammen naturgemäß leichter ist). Die linke Blase (und alles was da so dranhängt) empfindet es schon als Provokation, wenn eine/r nicht präzise nach ihrem Modus vivendi lebt, während die Rechte Blase (s.o.) alles, was nicht bei drei „alle Ausländer“ verurteilt, als Provokation ansieht.
    Ein schönes aktuelles Beispiel aus meiner Timeline ist eine Dyed-in-the-Woll-Linke, die es – offenbar im Rahmen sozialer Anlässe – nicht verkraftet, gefragt zu werden, warum sie Vegetarierin ist. Das sei allein schon rassistisch und antifeministisch. Von rechts kommt übrigens vergleichbarer Blödsinn mit „Man darf ja nichts mehr machen/sagen/denken was Spaß macht, und alles aus Rücksicht auf die Muslime“

    Dieses Jahr hatte ich auch Begenungen mit Leuten, die das Wort „Druko“ erfunden haben. Ein Druko ist ein Antwort-Tweet, der von jemandem kommt, dessen Meinung man nicht hören will. Man will a la „Safe Space for me“ „in Ruhe gelassen“ werden, sich nicht mit den Ansichten anderer befassen und per „Lass mich in Ruhe“ glaubt man, das zu erreichen – Ich nenne das Konfliktunfähigkeit. Denn wer mir blöd kommt, kassiert den Mute/Block und weiter gehts. Klar, es hat Trolle auf Twitter und generell unflätige, grindige und einfach blöde Menschen. Die gibts im echten Leben auch und man ist ihnen weniger ausgeliefert. Das hat gleichzeitig dazu geführt, dass viele Menschen heute unfähig sind, einen Konflikt auszutragen, ob nun on- oder offline. Das Problem ist – meiner bescheidenen Meinung nach – also nicht Twitter, sondern die Mehrzahl seiner User/Bewohner.

    Gutes Neues. :)

  4. Vielen Dank für den tollen Artikel. Schade finde ich, dass es bei den Diskussionen auf Twitter keine sachlich zielführende Version gibt. Es ist so wichtig z. B. bei den Themen Umwelt und Mobilität etwas zu ändern und einen sinnvollen Weg aufzuzeigen.

    Ihnen und allen Lesern ein frohes Neues Jahr

  5. Chapeau – glänzender Text !
    Im Text steht:
    „Trotzdem überschätzt (??) man, so glaube ich, wie wenig selbst Fachleute Diskussionen und Interpretationen in sozialen Medien voraussehen können.“

    Gemeint war imo „u n t e r schätzt“.

  6. Mmmm, eher nicht. Eher: Nico Lange tut so, als sei das Fleischesse, Autofahren und Böllerwerken was, was man nur noch mit vorgehaltener Hand zugeben darf.

    Und damit ist es auch kein politischer Zufalltreffer mehr. Den Erfolg, dass man mutig wirken kann, wenn man für das kämpft, was gar nicht in Gefahr ist, feiert die AfD jede Woche.

  7. Hätte ein X-Beliebiger Twitter User, der keine große Reichweite hat, diesen Tweet genau so verfasst, getwittert, wäre daraus niemals so ein „Drama“ geworden.

  8. Sprachlich sehr gewandt geschrieben und vernünftig dargelegt. Der gemeine Ossi von Mindestformat hat über Jahrzehnte derart gut zwischen den Zeilen lesen gelernt, dass ihm der Lange förmlich vor Augen steht. Lange meint, was er sagt und rüberbringen will:
    Ihr sauren Tröpfchen von der Linken, ihr vermiest mir meine Leidenschaften nicht. Was er nicht sagt, ist: Mein Sex ist meiner ! Das „…cdu“ deutet auf ein katholisches Dasein hin.
    Nach der Böllerei um 12 kommt das Zweitwichtigste, auch das erkennt der Ossi sofort.

  9. Es gibt den „pragmatischen Aspekt“ der deutschen Sprache: Wie bringe ich es an den Mann/Frau, um jedes Missverständnis auszuschließen. Zum Beispiel: „Ich bin hier !“
    Im Polit-Sprech wäre die Aussage die: „Ich könnte mir vorstellen, hier zu sein, wenn…!“
    Die Leute rundum wollen es pragmatisch, was Donald Trumps Stärke ist. Hiervon fällt Herr Lange durch die ambivalente Ausdrucksweise ab. Ich verstehe Lange eins zu eins.

  10. Da hat der Nico Lange aber voll ins linke Wespennest gestochen. Ist es etwa nicht so, dass aus dem linken Lager immer wieder gebetsmühlenartig posaunt wird, dass der deutsche Autofahrer, überspitzt ausgedrückt, die Erderwärmung alleine verursacht? Hören wir nicht regelmäßig von linker Seite, dass nur der Verzicht auf Fleisch den Klimawandel noch stoppen kann? Was das Feuerwerk zum Jahreswechsel angeht, so hörte ich, im eher linklastigen NDR, bereits ab dem 2. Weihnachtstag, quasi in Endlosschleife, dass eine Mehrheit der Deutschen Feuerwerk ablehnen würde. Ich frage mich, wer dann für die Ballerei zum Jahreswechsel verantwortlich war? Extra eingeflogene Chinesen vielleicht? Es ist dieses linke Jakobinertum anderen grundsätzlich alles verbieten zu wollen, was man selber scheiße findet, welches sich regelmäßig als Rohrkrepierer erweist, Stichwort: Veggieday.

    1. Sie scheinen hier nicht zwischen „Links“, „Grün“ und „Essensgewohnheiten“ differenzieren zu können. Aber wie sich in letzter Zeit zeigt können oder wollen das die meisten Rechten nicht. Denn wenn man ein klares Feindbild hat, kann man dem auch jede ungeliebte Meinung unterschieben. Vielleicht nicht immer nur die Überschrift der Texte lesen.

  11. Ist denn Provokation eine Diskussion ? Ist trotziges „Auf den Tisch Hauen“ eine Diskussion ? diese drei Zeilen von Herrn Lange drücken meiner Meinung „LmaA“. Also Ihr könnt mich mal, ich schei… auf Eure Meinungen und Überzeugungen. So ein dahergebrülltes, trotziges Zeug soll Diskussion sein ? Vermutlich versucht sich da jemand mal schnell in den Vordergrund zu schwemmen damit man ihn überhaupt wahrnimmt. Ja Sascha Lobo, Twitter taugt nicht für Diskussionen.

  12. Vielleicht lässt Herr Lange auch gerade von seinen Assistenen/Praktikanten die Reaktionen nach Intensität und Zahl clustern. Ausgehend von den grossen aktuellen Debatten kann er einen „know your enemy“ Gegenfeldzug planen/dessen Stossrichtung entwerfen?

    Merkel war einst auch ganz erfolgreich darin, die CDU „nach links zu öffnen“ und hat dafür ja immerhin auch oft Anerkennung von für CDU-Kanzlerinnen ungewohnter Seite bekommen.

    Twitter ist kein nützliches Diskussionsmedium. Aber vielleicht eine spezielle „Statistikmasch!ne“ ?

  13. „„Mir ist egal, wie sich die Welt verändert, ich mache genau so weiter wie bisher.“ Was für eine arrogante Ignoranz!“

    Oder einfach nur eine veritable Abwartehaltung in Ermangelung aktuell verfügbarer, sinnvoller Handlungsalternativen.

    Mir geht, wie vielen anderen auch, die selbstgerechte, pseudo-intellektuelle, missionierende, schiere Fakten ignorierende oder verdrehende Weltverbessererhaltung gründlich auf den Zeiger. Fahrverbote, Böllerverbote, Nationalstolz-Verbote, etc. sind allesamt keine adäquaten Mittel die „Mörder“, weil omnivor lebenden Mitmenschen zu einem besseren Weg zu führen. Eine irrsinniger Verbote-Welle, gepaart mit jeglicher Intelligenz entbehrender Fortschrittsgläubigkeit, wie z.B. an die Elektromobilität, stellt die ach so selbstverliebten Neo-Gutmenschen in genau die Ecke, in die sie gehören. Solange überliberale Grossstadtveganer hiermit versuchen die breite Masse der Bevölkerung zu erreichen, werden wir das Verharren, ja geradezu Festklammern, an Althergebrachten noch lange erleben und sogar verfestigen

    1. Sie sprechen mir aus der Seele !!!. Dieses grüne populistische Gerede „wenn ihr nicht tut was wir sagen, geht die Welt unter“ kann ich nicht mehr hören.

  14. Nicht nur Twitter & Co. sind kein Forum für eine fruchtbare Diskussion. Wenn ich mir die entsprechenden Formate in ARD und ZDF anschaue, sehe ich mit Ausnahme des Presse Clubs keine Sendung in der so etwas wie Diskussionskultur gepflegt wird. Von „hart aber fair“ bis „Maischberger“ dienen diese Sendungen den anwesenden Politikern als willkommenes Forum zur Selbstverherrlichung und Verunglimpfung des politischen Gegners. So gut wie nie wird ein Thema ausdiskutiert. Dazu sind die Themen i.d.R. auch zu weit gefasst und erlauben es den Diskutierenden abzuschweifen, auszuweichen oder im Zweifel einfach nur zu schwafeln. Die Moderatoren sind oft überfordert!
    Eine interessante Wandlung habe ich seit der Gründung ihrer Aufstehenbewegung bei Sahra Wagenknecht ausmachen können. Sie hört zu und statt in bisher gewohnter demagogischer Weise zu antworten, geht sie auf Argumente ein, versucht, sie zu verstehen und antwortet sehr sachlich. Bitte mehr von solchen Politikern!

  15. Einer der besten Artikel, die ich seit langem gelesen habe. Treffende Analyse! Deckt sich absolut mit meiner Wahrnehmung. Bitte mehr davon! :-)

  16. Twitter und was irgendjemand dort kundtut ist mir sowas von egal wie der berühmte Sack Reis in China. Es ist eine Krankheit der Welt, daß komplizierte Sachverhalte nun immer auf 2 Zeilen gekürzt werden – das ist für mich genauso blöd wie auf dem Handy einen Film zu schauen wenn es nun schon 65 Zoll-Fernseher gibt.

    (und nein, ich nutze auch kein Facebook, habe aber seit 1983 durchgängig einen Rechner besessen und kenne mich hervorragend damit aus und habe mein ganzes Haus automatisiert, bin also keineswegs technikfeindlich oder von gestern, ich interessiere mich nur einfach nicht für die Meinung anderen Menschen im Kurzformat…)
    Schönen Tag noch auch ohne Twitter…

  17. Danke für die tolle Darstellung. Ich würde mich freuen, wenn sich an unserer Diskussionskulur etwas ändert. Mit Aufregung und Aktionismus wurde noch nie etwas erreicht. Ja ich, fahre auch Auto und esse Fleisch, aber darum geht es doch gar nicht, sondern schlicht um das wie. Mit Dieselverboten wird nichts erreicht, genausowenig wie mit Elektroautos. Wichtig ist doch die gesamte Reduktion des Verkehrsaufkommens. Das gleiche gilt für den Fleischkonsum. Wenn wir für ein gutes Gewissen der Gesselschaft unsere regionalen Landwirte so mit unsinnigen Auflagen traktieren, dass diese aufgeben und LIDL, ALDI & Co das Fleisch dann in Osteuropa kaufen, dann haben wir wirklich nix gekonnt.
    Wenn wir etwas ändern wollen (und das müssen wir), dann geht das nur mit den betroffenen (Autofahrern, Landwirten…) und nicht gegen sie und schon gar nicht mit blindem Aktionismus ohne Gesamtkonzept!

  18. Diese Haltung ist zumindest eins nicht: Konservativ!

    Denn wer die Welt (aka Schöpfung) erhalten will, wird nicht darum herkommen, sein Verhältnis zu Autos, Fleisch und Feuerwerk zu überdenken.

  19. Interessanter Text. Mir fehlt allerdings, nicht nur hier, eine ganz andere Fragestellung. Nämlich nach den Motiven eines solchen Tweets. Ich sehe es auch so, wenn das ein xbeliebiger Hansel geschrieben hätte, hätte es diesen Aufstand wahrscheinlich gegeben.
    Dass so ein Tweet höchst unterschiedlich gelesen und auch kommentiert wird ist ja mittlerweile Normalität. Ich glaube da kommen wir nicht weiter, sondern verstricken uns nur noch mehr in dieser allgemeinen Geräuschproduktion.
    Warum also schreibt ein ja doch hochrangiger politischer Berater, der eine gewisse öffentliche Bekanntheit besitzt, so einen Tweet? Da geht es vielleicht ja um strategische Erwägungen. Das ist dass Eine. Aber es ist ja auch ein Mensch, der solches schreibt, ebenso wie es Menschen sind, die reagieren.
    Ich frage mich, was müsste „eigentlich“ da stehen, wenn Mensch jeweils sehr reflektiert wäre und nicht vermeintlich neutrale Aussagen und sogenannte Argumente auffährt oder sich einfach auskotzt? Ich vermute, dass es in den wenigsten Fällen um Erkenntnis geht, sondern eben entweder um politische Strategie, oder um die Erfüllung des Bedürfnisse, seine innere Ausgeglichenheit wiederzufinden.
    Nicht dass ich darauf fertige Antworten hätte. Vielleicht hießen die Tweets ja dann: „ Ich will auch gehört werden, ich bin auch wichtig, ich fühle mich so ohnmächtig, ich habe Angst vor der Zukunft, ich verstehe dies alles nicht, am liebsten möchte ich mich verkriechen etc.
    Mein Beitrag z.B. sollte daher auch so lauten: „Ich bin besonders und ich will dass das wahrgenommen wird, ich will (und muss) mich daher abheben“.
    Es ist einfach so, eine Handlung, bar jeglicher persönlicher Interessen gibt es nicht.
    Vielleicht gibt es ja zu diesem Thema interessante Texte, würde mich freuen welche zu finden.
    Guten Abend, euo

    1. Auch ich danke Sascha Lobo herzlich für die gelungene und sehr lesenswerte Darstellung, insbesondere die Art der Formulierungen und die Ausgewogenheit der Betrachtungsweisen. Ich muss euo allerdings widersprechen, der kritisiert, dass Sascha Lobo sich mit den Motiven für den besagten tweet nicht befasst habe. Der mit „Man könnte jetzt vermuten, dass Lange schon durch seinen Beruf wissen müsste, wie sein Tweet wirkt oder wirken kann. Wahrscheinlich hat er diese breite Ausdeutbarkeit in gewisser Weise sogar absichtsvoll eingebaut. “ beginnende Textabschnitt ist doch wohl genau die kritisierte angeblich fehlende Suche (mehr kann es nicht sein als Vermutungen) nach den Motiven für einen derartigen tweet. Wie Sascha Lobo schon festgestellt hat: dumm ist Herr Lange sicherlich nicht, besten- (oder schlimmsten-?) falls aber gehörig naiv, wenn er eine Botschaft in besagter Form postet. Indem er die Botschaft durch den Zusatz „CDU“ parteiisch macht, hat er der – gemessen an der Stärke in den vergangenen Jahren ohnehin schon am Boden liegenden – CDU damit sicherlich einen Bärendienst erwiesen. Ungeschickter kann man sich heutzutage in einer derartigen politischen Stellung wie der des Herrn Lange nicht positionieren. Der Umgang mit sozialen Medien und insbesondere mit Twitter will eben gelernt sein. Offensichtlich färbt der „Trumpismus“ auf Twitter auf Herrn Lange ab. Da nützt auch kein späteres Relativieren und Diskutieren.

  20. Danke schöner Artikel. Alles wunderbar. Ich gehe selbst schon lange davon aus, dass es keine völlig grundlosen Standpunkte gibt.
    Ansonsten bin ich anderer Meinung ;)
    Twitter ist sicherlich für konsensoprientierte Diskussionen nicht in der gleichen Weise geeignet sein wie ein Doktorandenkolloquium oder sonstige Club-artigen Veranstaltungen. Das heißt aber nicht, dass sie ergebnislos verlaufen. 
    Das Problem der Twitter-Kritik (wie überhaupt der Social-Media-Kritik ist, dass sie nur die Diskussions-Threads und die Reactions betrachtet. Klar ist es erschütternd, wie schnell politische Konversationsversuche zu verbalen Tumultszenen werden. Aber ist der entscheidende Punkt?
    Wichtiger ist die „Nachdenk-Energie“, die dabei entsteht. Sie führt zu einem inneren Nachklang bei den Teilnehmern, auch bei manchen Mitlesern. Du verlässt den Saal und dann kommen die „Gedanken auf der Treppe“, das innere Nachgespräch, das Gespräch in der Küche. Qualvoll und hässlich anzusehen, wenn die Hater durchdrehen (Frauen oder psychisch belastete Menschen trifft es besonders). Aber wenn man diese völlig entgleisten Threads mal als Sonderfall betrachtet, dann kennt vermutlich jeder den Effekt des Involvements: Hinterher, nachdem man sich enttäuscht, erregt, mit Grausen abgewendet hat, fallen einem weitere Argumente ein, aber man ist dann auch offener, über das eine oder andere nachzudenken, was einem entgegengehalten wurde. 
    Der Nachklang, die interne Weiterverarbeitung, die nirgends direkt sichtbar ist, ist das politische Ergebnis der Diskussionen auf Social Media.
    Wie schön, dass einer wie Nico Lange das nicht versteht. Sein Tweet ist ein Abwehrversuch. Abgewehrt werden sollen die Gedanken. Er möchte z.B. über sein Silvesterböllern nicht nachdenken müssen. Sein Pech, dass auch für ihn mit seinem anti-argumentativen Tweet (stilistisch ist das dem coolen Ulf Poschardt abgeschaut) das Nachdenken nicht länger zu umgehen ist. Ist man beteiligt, ist weiteres Nachdenken nicht zu vermeiden.
    Das gilt auch für die Gesellschaft im Ganzen. Das Thema Silvesterfeuerwerk ist seit einigen Jahren ein „evolving topic“ und es ist jetzt schon abzusehen, dass der Nachklang der diesjähirigen Diskussionen in 11 MOnaten verstärkt weiterwirken wird. 
    Das Prozesssystem von Thema, Diskussionsschlacht, sich aufbauender psychischer Energie und der dadurch in gang gebrachten Gedankenspiralen ist das Interessante. Die Energie ist fast präzise messbar via Verbreitung eines Hashtags, noch besser wäre Big Data Analysis. Spitzendiskussion sind übrigens international durchlaufende Hashtags mit großer Erinnerungsstärke wie z.B. #metoo. Vermutlich hat es dazu auf Twitter über 100.000 Diskussionsthreads in allen Sprachen der Erde gegeben. Die verliefen alle ergebnislos? Scheinbar ja, tatsächlich im Gegenteil. Paradoxes Grundgesetz der Social Media Diskussionen: Je mehr die Menschen ergebnislos miteinander herumstreiten bis zum offenen Gebrüll, desto mehr ist der Veränderungsprozess bereits im Gang. (Gedanken sind ein sehr schwer zu begreifender Grundstoff, weil sie meistens nur langsam diffundieren. Diktatoren/Anti-Demokraten haben aber Gründe für ihre Heidenangst vor Social-Media-Streitgesprächen).
    Diese Energiezufuhr in die relevanten Themen bekommen wir nicht (oder viel weniger) mit den klassischen Medien,  a) weil sie jede Woche ein neues Thema durchs Land treiben, und b) weil die psychische Energie durch eigene Beteiligung an der Diskussion sehr viel stärker wird. Sobald ich mich einmal zu #Silvesterfeuerwerk geäußert habe, bin ich drin in der Debatte und habe begonnen, die Auseinandersetzung zu internalisieren. Man wird gleichsam zum Follower der Debatte.
    Wenn man das Wesentliche nicht im tatsächlich Gesagten, sondern in der zunächst unsichtbaren Weiterverarbeitung sieht, im Involvement und dem dadurch erzeugten Nachklang, dann kann man eventuell ein paar Maximen fürs Mitdiskutieren aufstellen. Standpunkte abklatschen ist eher uninteressant. Die schärfste Waffe sind möglichst a) einfache, b) rationale, c) unrhetorische Fragen. Fragen haben die böse Eigenschaft, ein anderes Gehirn dazu zu zwingen, über etwas nachzudenken. Die blanke Erregung als solche wird aber auch benötigt. Sie erzeugt die Motivation, sich mit etwas zu beschäftigen. Wenn z.B. jemand sagt: „Klar mache ich Silvester Feuerwerk“, ist es nicht schlecht, einfach mit einem verbalen Gegenfeuerwerk zu antworten. Schön wäre dann aber auch, Fragen unterzumischen wie: „Bei wieviel kg Feinstaub pro Person würden Sie denn für sich die Grenze ziehen?“ oder „Mein Nachbar ist Asthmatiker. Würden Sie sagen, ich soll mich einfach nicht drum kümmern? Oder wie machen Sie das?“ Niemand muss darauf antworten, aber keiner kann verhindern darüber nachzudenken. Damit ist die Umwälzanlage der Argumente inganggesetzt. Die vernünftigen Gedanken haben in dem Prozess (nach meiner Überzeugung) eine größere Überlebenschance als alle Haltungen, die keine gute Begründung haben. („Gegen den Verstand kämpfen selbst Götter vergebens, laaangfristig“.)
    Ich schätze, es dauert noch 3 bis 7 Jahre, dann gibt es in Deutschlands Großstädten nur noch öffentliche Feuerwerke. Der ironisch-dümmliche Defensiv-Tweet hat dazu beigetragen. 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.