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Meine Republica-Rede, ein transfeindlicher Begriff und Internet-Hoffnung am Horizont

Angenommen, in einem Städtchen wären jede Menge Brandstifter unterwegs und man würde deshalb mit einem schönen Fest ein Zeichen setzen wollen gegen brennende Häuser. Gute Idee. Aber dann kommt das Feuerwerk zum Fest und eine der Raketen fliegt direkt in ein Haus hinein und setzt es in Brand. Dann würde man trotz guten Willens etwas sehr falsch gemacht haben.

Hört sich konstruiert an, zugegeben, aber es ist als etwas bemühte Metapher nicht weit entfernt von meiner Republica-Rede 2018 mit dem Titel „Pop und Antipop – Wie das Internet uns lehrte zu kämpfen. Und wofür.

Mein Ziel war, mit der Rede den Kampf für eine gerechtere und weniger diskriminierende Gesellschaft voranzubringen. Aber ich habe dabei etwas getan, das genau gegenteilig gewirkt hat – ich habe in einer wichtigen Passage der Rede einen transfeindlichen Begriff benutzt, den ich hier zu Dokumentationszwecken anführe: „She-Male“. Dieses Wort wird von der überwiegenden Mehrheit von transgender Personen als sehr abwertende Beleidigung gesehen.

Es war falsch von mir, diesen Begriff zu verwenden. Mich nicht vorher besser zu informieren, war unbedacht und durch die große Reichweite auch fahrlässig. Und weil ich mit diesem Fehler Menschen verletzt und Schaden angerichtet habe, möchte ich dafür um Entschuldigung bitten. Dass ich nicht um die abwertende Bedeutung wusste, macht den Schaden nicht unbedingt kleiner; dass ich eigentlich das exakte Gegenteil bewirken wollte – nämlich Toleranz für und Akzeptanz von Andersartigkeit – macht meinen Fehler eher noch ärger.

Ohne das als Ausrede oder Ausflucht präsentieren zu wollen, möchte ich erklären, warum ich diesen Fehler gemacht habe – und zwar weil ich glaube, dass daraus nicht nur ich, sondern vielleicht auch andere etwas lernen können. Es müssen ja nicht unbedingt jeden zweiten Dienstag Häuser brennen, damit mehr Leute mit Feuerwerksraketen vorsichtiger umgehen (ich gebe zu, meine ohnehin schon krumme Metaphorik kracht jetzt voll ins Windschiefe).

Vor einiger Zeit hatte ich auf Twitter Kontakt mit einer trans Frau, die ich als engagierte Aktivistin erlebt habe (sie ist leider nicht mehr dort). Besonders gut gefiel mir ihre offensive Art, mit trans Themen in der Öffentlichkeit umzugehen. Sie hatte sich die Selbstbezeichnung „lesbische She-Male“ gegeben. Der Begriff erschien mir eindrucksvoll, und ich übernahm ihn für meinen Vortrag. Was ich nicht bedacht hatte – dass es Selbstbezeichnungen gibt, die zwar sehr abwertend und beleidigend sind, aber von den entsprechenden Gruppen trotzdem oder gerade deshalb selbst verwendet werden. Am bekanntesten darunter dürfte das amerikanische N-Wort sein, das beim Hip-Hop allgegenwärtig ist – aber eben nur dann als nicht-rassistisch gelten kann, solange schwarze Menschen es selbst verwenden. Das von mir benutzte S-Wort kommt dem N-Wort diesbezüglich nahe.

Diese Parallele ist um so ärgerlicher, weil ich neulich anlässlich der Empörung um eine rassistisch betitelte Sendung des MDR eine Kolumne geschrieben und einen Podcast aufgenommen habe, bei denen ich sehr darauf achtete, das N-Wort weder auszuschreiben noch in voller Länge zu sagen. Nicht, weil ich religiös an „Political Correctness“ hinge (meine Position dazu habe ich hier schon mal umrissen). Sondern weil ich Menschen nicht anhand von körperlichen Merkmalen pauschal abwerten möchte. Mir ist in dem Kontext übrigens schleierhaft, warum die rechte Sprachpolizei anderen ständig vorschreiben will, Beleidigungen nicht auch Beleidigungen zu nennen. Aber ich schweife ab, es geht ja um meinen Fehler.

Eine Reihe von aufmerksamen Leuten hat mich auf Twitter und per Mail auf die Bedeutung und Wirkung des Wortes hingewiesen, und ich habe darauf hin Kontakt aufgenommen mit einigen trans Frauen, um erst einmal genauer zu verstehen, warum dieser Begriff so abwertend ist.

Esther Weidauer hat mir dazu geschrieben:

Zum Begriff „She-Male“: Der Begriff findet nahezu ausschließlich in der Mainstream-Pornoindustrie Verwendung, die sich primär an cis Männer richtet und deren Vorlieben und Fantasien bedient. Ein zentraler Aspekt von trans-misogyner Diskriminierung und Ausgrenzung ist eben genau die Fetischisierung durch cis Männer. […] Der Begriff ist auch deshalb besonders schmerzlich, da das Stammwort „Male“ ist. Er beschriebt sehr explizit die zutiefst trans-misogyne Vorstellung, dass transgender Frauen eigentlich Männer seien. Diese Idee sitzt leider immer noch in vielen Köpfen fest, erschwert unzähligen trans Frauen das Leben und treibt letztendlich viele in schwere Depressionen bis hin zum Suizid, leider eine der häufigsten Todesursachen unter transgender Frauen.

Jenny Wilken schrieb:

Ich finde den Begriff transfeindlich, weil er für mich implizierte, dass damit auf alle Trans*Frauen Bezug genommen wird. Diese Gleichsetzung findet leider sehr häufig statt und bedient nur Klischees von Trans*Frauen als Sexobjekt. Das ist ein wunder Punkt von mir und vielen anderen Trans*Frauen.“ (Anmerkung: Das „damit“ bezieht sich auf Sexarbeit/Pornographie, wo der Begriff intensiv verwendet wird)

Es gab noch einige andere sehr interessante Gespräche, aber ich denke, das reicht aus, damit man von außen meinen Lernprozess nachvollziehen kann. In meiner Rede habe ich mich für „Redlichkeit“ ausgesprochen – und dazu muss auch gehören, sich konstruktiv mit den eigenen Fehlern und Unzulänglichkeiten zu beschäftigen. Nun bin ich kein Anhänger des Konzepts „Wiedergutmachung“, das hat immer so ein wenig den Beigeschmack von „ungeschehen machen“, was bekanntermaßen nicht möglich ist.

Aber ich möchte dem Schaden etwas Positives gegenüberstellen. Deshalb habe ich mich neben der Veröffentlichung dieses Textes zu folgenden Schritten entschlossen:

  • Ich stelle zeitnah die Schriftversion meiner Rede auf diese Seite. Dort werde ich den verletzenden Begriff austauschen gegen trans Frau (wer hierzu andere Vorschläge oder Anmerkungen hat, gern in die Kommentare schreiben). Außerdem weise ich an der entsprechenden Stelle auf die Veränderung und diesen Text hin.
  • Ich bitte die Republica, unter dem Video meiner Rede auf Youtube eine Bemerkung sowie einen Link zu diesem Text prominent zu platzieren.
  • Ich nehme Kontakt auf zu einer transgender Organisation, denn ich verfüge über eine recht große Publizität, und vielleicht fällt uns gemeinsam etwas ein, wie man die zur Abwechslung positiv nutzen kann.
  • Und schließlich würde ich mich freuen, wenn hier in den Kommentaren diskutiert würde und vielleicht Ideen gesammelt werden könnten, wie sich mit sozialen Medien eine positive Wirkung für transgender Belange bewerkstelligen ließe.

Abschließend eine Bemerkung, die in Zeiten von Hass und Hyper-Empörung im Netz vielleicht ein wenig Zuversicht gibt. Als ich nach meiner Rede auf Twitter viel Kritik wegen meiner Verwendung des Begriffs sah, war ich erst irritiert. Als ich dann aber nachfragte, geschah etwas Wundersames. Obwohl ich ein enorm verletzendes Wort massiv in die Welt getrötet hatte (das Zitat wurde sogar von der Tagesschau weiterverbreitet) – war ausnahmslos jede soeben von mir herabgewürdigte Kritikerin im direkten Kontakt außerordentlich freundlich und offen, und alle nahmen sich die Zeit, mir alles ausführlich zu erklären. Was sie mutmaßlich schon tausend Mal mit gemischtem Erfolg getan hatten. Man muss sich das vergegenwärtigen: Erklärende Freundlichkeit als Reaktion darauf, schwer beleidigt zu werden. Wenn das keine Hoffnung macht auf eine bessere Zukunft im Netz, ganz ohne Brandstifter – was dann.

Der Klick erlaubt das Teilen und führt zur Datenübertragung an die entsprechenden Plattform. Details: Klick auf [i].

This Post Has 95 Comments

  1. Du hast einen Fehler gemacht, den Fehler erkannt, korrigiert und Dich entschuldigt. Das verdient Respekt und wir mich zukünftig daran erinnern, bewusst mit Sprache umzugehen und mich dann rückzuversichern, wenn ich Ausdrücke verwende, über deren Bedeutung und Kontext ich mir nicht völlig sicher sein kann.

  2. ich bin z.b. trocken lebende alkoholikerin, würde mir jedoch verbieten, von jemand anders als alkoholikerin bezeichnet zu werden. das steht m.M. ausschliesslich mir zu.

  3. Huhu Sascha,
    deine Verwendung des Begriffs hat mich auch gelinde gesagt verwundert, da ich von dir etwas mehr Recherche (bzw. ein zweites Paar Augen zu deinen Vortragsfolien) erwartet hätte. Es freut mich aber auf jeden Fall, dass du hier deinen Fehler einsiehst und versuchst, das beste daraus zu machen.

  4. Danke für diese Entschuldigung, ich bin oft unbedacht und bemühe mich nicht um die Internsicht, diese Entschuldigung hilft mir, mich zu bessern.

  5. Deine Entschuldigung finde ich sehr souverän. Political Correctness ist enorm wichtig. Mit Deiner Entschuldigung nimmst Du auch die Angst, versehentlich mal in der Wortwahl danebenzuliegen. Das lässt sich bei der Menge an Texten, Kommentaren, Gesprächen aus meiner Sicht gar nicht immer vermeiden.

  6. Krieche zu Kreuze, Du erbärmliches Cis-Dings!!

    Pfui!

    Keine Herzchen für Dich und es geht auch ohne Abendbrot ins Bett.

    Meine fucking Güte, ist das alles lächerlich.

  7. Ich dachte zunächst so, wie der Vorposter, mit etwa gleicher Wortwahl. Aber dann hatte ich ein paar weitere Hirnwindungen benutzt: Die Verwendung eines Begriffs aus dem Pornobereich für Transgender-Menschen deucht mir da doch in etwa so, als würde man den Begriff „Schlampe“ für Frauen im Allgemeinen verwenden. Im Einzellfall mag eine Frau diesen Begriff ja gern zur Selbstbezeichnung wählen, aber als Mann würde und sollte man mehrfach überlegen, ehe man ihn benutzt, es sei denn bewusst beleidigend,

  8. Lieber Sascha,

    lieben Dank für Deine einortnenden Worte.
    Es bleibt der fade Beigeschmack des Offensichtlichen, der alles sein kann. Es ist dadurch immer noch rhetorisch schön, aber irgendwie doch überhöht und dadurch gefühlt bedeutungsarm.

    Liebe Grüße
    Kristian

  9. Für mich ist diese Sprachgebrauchs-Diskussion recht neu und nicht immer logisch nachvollziehbar, daher danke ich dir, dass du das verständlich beschrieben hast. Hat mich zum Nachdenken angeregt.

  10. Ich habe es ehrlich gesagt immer noch nicht so ganz verstanden, aber glaube dir und den Betroffenen und werde bei meiner Sprache darauf achten.

  11. Hahaha oh nein. Jetzt kommt die absurde Identitärpolitik von der USA nach Europa. Wirklich traurig. Schäm dich du She-Male! [Kommentar gestrichen.]

  12. Mir als Cis-Frau, die sich eigentlich viel mit Sprache beschäftigt, war das so in dem Maße auch noch nicht klar. Insofern ist aus dem ganzen Fehler wenigstens noch was Gutes entstanden, nämlich dass vielleicht einigen Leuten klar geworden ist, dass das ein Wort ist, was Menschen verletzt. Danke auch dafür.

  13. Auch wenn der fragliche Begriff nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehört und ich ihn bislang auch nur im Porno-Kontext wahrgenommen habe, war mir auch nicht bewusst, dass dieser als verletzend oder abwertend empfunden wird.
    Ich finde Deinen offenen Umgang mit der Kritik sehr gut und freue mich, auf diesem Wege auch wieder etwas gelernt zu haben.
    DerFelix

  14. Moin,
    Danke für die Entachuldigung. Auch wenn diese overlayer auf YouTube Videos super nervig sind, fände ich einen Hinweis in der Form an der entsprechenden Stelle deines Vortrags hier sinnvoll. Vielleicht mit Link zu diesem Text.
    Weil wer liest schon Kommentare. ^^
    Beste Grüße
    @sofakante

  15. Guten Tag.
    Ich habe den Link zu diesem Beitrag hier über G+ und facebook weiter verbreitet, mit folgender Einleitung von mir:
    ::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
    „Sascha Lobo hat einen Fehler gemacht.
    So geht er damit um.
    Da könnten sich sehr viele Politiker und sonstiges Führungspersonal eine Scheibe davon abschneiden, finde ich. Oder zwei. Oder drei.
    MfG
    BTB“
    ::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

  16. Jetzt hast du schon wieder einen Fehler gemacht und „Toleranz für und Akzeptanz von Andersartigkeit“ geschrieben. Da schwingt ein bisschen der Begriff „entartet“ mit. Warum definierst du einige Menschen als „anders“, wenn wir alle gleich sein sollten?

  17. So ist es halt mit Begriffen: Eine attraktive Frau mittleren Alters ist keine MILF .. und ein werblich schreibender Autor kein COPYWRITER (;-) .. Finde die „Entschuldigung“ richtig u gut, auch wenn sie etwas oppulent geraten ist.

  18. XY Chromosomenpaar = Mann, daran ändert auch ein mittlerer Dachschaden nichts. Glückwunsch zum peinlichen Selbstkritikritual, inklusive Wiedergutmachungsfronarbeit. Was für eine kaputte Szene. Armer Lobo! [Kommentar gestrichen]

  19. Herr Lobo,

    Mensch, wie hoch ich Ihre Beiträge schätze, die meisten jedenfalls. Nun eine Ungenauigkeit in einem Vortrag, und beim Lesen des Zitates auf Twitter dachte ich schon: oh ooh, das wird hier und dort anecken. Aber Hey, alle publizistisch Aktiven werden mal ungenau, und Hand aufs Herz, wenn man nicht Linguist mit Schwerpunkt Gender ist, ist es 1) noch verdammt schwer, etwas komplexes dazu „korrekt“ zu sagen und selbst wenn, wird es einigen Leuten sauer aufstoßen. Eine einfache Entschuldigung, und gut sollte es sein, Sie sind doch nicht unreflektierter Äußerungen verdächtig. Stattdessen, ein beim Lesen peinliches zu Kreuze kriechen, ein Fehler, der nun absurd hoch hängt. Warum? Die Angst vor nem Shitstörmchen, zwei Einladungen pro Jahr weniger? Entschuldigen ist gut und wichtig, aber irgendwie geriet das hier in meinen Augen völlig maßstabsfern.

  20. MM, wenn die Ungenauigkeit aber andere beleidigt, ist es schon okay, sich dafür zu entschuldigen. Und es ist auch okay, zu schrieben, warum man sich entschuldigt.
    Wie wusste schpn Plato:
    Die Klugen lernen von allem und jedem, die Normalen aus ihren Erfahrungen und die Dummen wissen eh schon alles besser.
    Nicht wahr, meh?

  21. Johanna, Hallo,

    und ooch nöö. Klar Entschuldigung, sehr gern begründet. Und Ja, klar fühlten sich einige beleidigt. Aber es geht doch um Intention. Und Lobo zu unterstellen, intentional Menschen beleidigen zu wollen, klingt für mich absurd. Anders: Wer Lobo schonmal las, weiß, dass es nicht so gemeint wie formuliert war, sondern ganz im Gegenteil. Und dann kann die kurze Entschuldigung im Sinne einer Richtigstellung eben auch genügen. Nochmal gelesen; es bleibt dabei, der Entschuldigungsbeitrag klingt zu dick, unbehaglich. Ich habe einfach ein schlechtes Gefühl, wenn kleine Fehler auch starke und integre Meinungspersönlichkeiten zwingen, sich vor Gregor VII hinzuwerfen. Womit das kleine Bildungsbürgerbattle a la Platon hoffentlich ausgeglichen ist.

  22. Vielen Dank für diesen Text. Ich bin selbst queer und inter*. Zu dem Kommentar mit dem XY-Chromosom: Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass trans eine geschlechtliche Vielfalt und keine Geisteskrankheit ist. Es gibt auch Personen mit XX-Chromosom, die einen Penis und Personen mit XY-Chromosom, die eine Vagina haben. Die Biologie ist da komplizierter als so manche denken. Auch trans hat eine biologische Kombinente. So ähneln bspw. Gehirne von trans Frauen eher denen einer cis Frau. Für mich ist eine Frau, welche sich so identifiziert. Leider verstehen sehr viele Menschen das noch nicht. Das Einzige was krank macht, ist dieser Hass und die Intoleranz. Statt sich über das Thema zu informieren, werden Menschen noch an den Pranger gestellt und stigmatisiert. Da lobe ich mir Menschen, die Courage zeigen so wie du mit dieser Entschuldigung. Das bedeutet Betroffenen sehr viel. Danke dir.

  23. Lieber MM, Ihr Kommentar erscheint mir recht prototypisch für eine bestimmte Form der Kritik, daher möchte ich gern präziser darauf eingehen, und zwar anhand einzelner Zitate:
    „Nun eine Ungenauigkeit in einem Vortrag, und beim Lesen des Zitates auf Twitter dachte ich schon: oh ooh, das wird hier und dort anecken.“
    Wenn man diesen Satz genau analysiert, dann entdeckt man Erstaunliches. Im ersten Teil erklären Sie eine Beleidigung zur „Ungenauigkeit“, um im zweiten Teil selbst zu erklären, dass Sie den beleidigenden Charakter erahnt haben. Sehen Sie den Widerspruch? Eine Beleidigung ist etwas anderes als „Ungenauigkeit“ – in meinem Fall aber gibt es eine Verbindung, wenn man ihrem Kommentar weiter folgt. Denn Sie meinen nicht „Ungenauigkeit“, sondern „Unachtsamkeit“. Nun können wir gern auf einer gesellschaftlichen Ebene diskutieren, wie achtsam man genau sein muss, und ich bin hier wie gesagt nicht auf der Seite absoluter „Political Correctness“ (vgl. den Link oben). Aber ich habe eine öffentliche Rede gehalten, die zu mehr Achtung vor Menschen aufgerufen hat – dadurch ist eine größere Fallhöhe entstanden, die auch den Umfang meiner Bitte um Entschuldigung erklärt. Hätte ich den Begriff in einem Gespräch mit einer trans Frau verwendet und wäre darauf hingewiesen worden – ich hätte gesagt „Oh sorry, wusste nicht. Erklär doch mal, warum das so ist“. So wie ganz normale Leute das tun, die auf eine gewisse Zivilisiertheit wert legen.

    „Stattdessen, ein beim Lesen peinliches zu Kreuze kriechen, ein Fehler, der nun absurd hoch hängt. Warum? Die Angst vor nem Shitstörmchen, zwei Einladungen pro Jahr weniger?“

    Ich empfinde das nicht als „zu Kreuze kriechen“, eher im Gegenteil. Meine Definition von Stärke ist, mit eigenen Fehlern offen umzugehen. Ich gehöre zu den privilegiertesten Menschen in diesem Land, mit weitem Abstand. Das hat auch mit meiner enormen Reichweite zu tun. Das möchte ich etwas ausführen. Wenn Sie beobachtet haben, was ich wie über wen schreibe – dann haben Sie vielleicht gemerkt, dass ich mit der Ausnahme von politischen Funktionären und sehr, sehr wirkmächtigen öffentlichen Personen/Prominenten seit einiger Zeit keine Namen mehr nenne, weder auf Spiegel Online, noch in sozialen Medien. Sogar die meisten echten Nazis, die ich attackiere, anonymisiere ich. Das hat einen konkreten Grund, und der liegt in meiner Publizität. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine abschätzige Nebenbemerkung von mir nicht die gleiche Wirkung hat wie bei anderen Leuten, durch die große Publizität. Sie kann je nach Empfänger/in sogar zerstörerisch wirken. Wenn ich Sie kennen würde und Sie direkt und mit Namen vor einer Dreiviertmillion Menschen auf Twitter herabwürdigen würde – dann hätten Sie null Chance, sich zu wehren. Weil wir in der Öffentlichkeit nicht gleiche Mittel haben: Ich erreiche sehr viele Menschen und Sie nicht. Aus Reichweite ergibt sich eine große Verantwortung, und der will ich gerecht werden. Große Reichweite multipliziert die Wucht der Worte und wird nicht ganz zu unrecht von einigen Leuten für sich genommen schon als aggressives Moment empfunden.

    Warum sollte ich also die Entschuldigung für einen Fehler nicht ebenso hoch hängen wie den Fehler selbst, der hunderttausende Menschen erreicht hat? Warum sollte ich ausgerechnet bei meinem eigenen Fehler so tun, als sei alles nicht so schlimm? Das Herunterspielen eigener Fehlleistungen ist ein Zeichen für schwache Menschen, wenn Sie mich fragen.

    Wenn ich Angst hätte vor Shitstorms, würde ich nicht in Talkshows gehen gegen die AfD. Nach einer Maischberger-Sendung bekommt man da locker 2.000 Kommentare, die den meisten anderen Menschen Angst machen würden, darunter ein paar hundert Gewaltdrohungen und Todesdrohungen. In etwas geringerer Größenordnung ist es bei Texten gegen Autoriäre auf Spiegel Online ähnlich, und da habe ich schon gegen die AfD geschrieben, gegen Putin, gegen Erdogan, Orban, gegen die FPÖ und so weiter. Ich schreibe auch weiter gegen Rechte und Rechtsextreme, ganz offen, unter meinem Namen, und wenn Sie kurz mal auf Twitter meinen Namen suchen, dann sehen Sie: Für meine Inhalte gibt es keine Filterblasen, im Gegenteil, ich habe das Privileg, dass ich mit meiner Kommunikation auch Rechte, Rechtsextreme und Hardcore-Nazis erreiche. Schon länger übrigens. Ich habe damit nicht aufgehört, trotz einer Vielzahl von Angriffen. Sie können nun gern Kritik äußern gegen meine Arbeit, gegen den Stil, gegen die Inhalte, Sie sind mir herzlich willkommen. Durch substanzielle Kritik habe ich mit Abstand am meisten gelernt im Netz, mehr als durch alles andere. Aber – so sieht einfach keine Angst aus, beim besten Willen nicht.

    Was schließlich Einladungen angeht: Ich sage die allermeisten ohnehin ab, und es ist lieb, dass Sie sich Sorgen machen um mein wirtschaftliches Wohlergehen. Aber für die Republica-Auftritte nehme ich prinzipiell kein Geld, ebenso wie für Talkshow-Auftritte und Interviews. Mein Geld verdiene ich woanders und auf andere Weise, das lässt sich auf dieser Seite (zB unter „Transparenz“ sehr gut nachvollziehen).

  24. Wenn man bedenkt, dass heterosexuelle weiße Männer von jedem pauschal und in voller Absicht als „toxisch“ usw. bezeichnet werden dürfen, dann sollte bei einem versehentlichen Fehlgebrauch wie im vorliegenden Fall, doch bitte die Kirsche im Dorf gelassen werden.

    Bei einigen Personengruppen wird sensibel reagiert, sogar angeprangert, und andernorts grob ausgeteilt.

    Fair und ausgewogen ist das sicher nicht.

  25. @Thomas: Nö, das ist nicht fair. Aber unfair ist keineswegs, dass Sascha Lobo offen einen Fehler zugibt und erklärt, was er gelernt hat. Unfair sind Grobheiten. Punkt.

  26. Worüber ich mir Sorgen mache, ist die Tatsache, dass Begriffe, die je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben und haben können, von kleinen, aber lautstarken Gruppen vereinnahmt werden, die ihre subjektiven Befindlichkeiten als Allgemeingut und Fakten darstellen.

    ZITAT
    „Der Begriff findet nahezu ausschließlich in der Mainstream-Pornoindustrie Verwendung, die sich primär an cis Männer richtet und deren Vorlieben und Fantasien bedient.“

    Nahezu, ausschliesslich, Mainstream, primär… kann Frau Weidauer diese Wortwahl belegen oder ist das nur ein subjektiver Eindruck? Googlen hilft, dann könnte auch Frau erkennen, dass dieser Begriff nicht „ausschliesslich in der Mainstream-Pornoindustrie“ genutzt wird. Mal davon abgesehen, dass Frau doch erstmal erklären sollte, wo der Mainstream in der Pornoindustrie anfängt. Und wo er endet.

    Der zweite Kommentar unter diesem Artikel macht es dann so richtig deutlich, wo das Problem liegt. So schreibt Frau Zeininger, dass sie anderen vorschreibt und vorschreiben möchte, welche Begriffe diese zu verwenden haben, weil „Alkoholikerin“ nach ihrem subjektiven Empfinden ein Begriff ist, der nur noch von ihr verwendet werden darf. Andere dürfen Sie nicht als „trockene Alkoholikerin“ bezeichnen.

    Sagen Sie Herr Lobo, ist das die neue Art des Denkens und Argumentieren? Man beschäftigt sich nicht mehr mit dem Inhalt, sondern nur noch mit dem was andere irgendwie empfinden könnten? Egal wie klein diese Gruppe ist und egal wie subjektiv diese ihre Argumente vorbringt?
    Da fragt man sich doch, warum allein die Katholische Kirche „Ungläubige“ immer weggesperrt hat. Ein kurzer Hinweis darauf, dass Kritik die Empfindungen der Gläubigen verletzt, hätte doch ausgereicht, oder meinen Sie nicht?

    Aber das ist sicher was anderes, weil die Kirche damals in der Mehrheit war. Positive-Diskriminierung ist wohl das Stichwort: Damit sich wenige besser fühlen (ohne dass es ihnen dadurch besser geht) verbieten wir der Mehrheit die Freie Rede und das Differenzieren; und wenn es die Freie Rede gar nicht mehr gibt… ja, dann geht es den Minderheiten nicht besser, aber den Mehrheiten wenigstes auch schlechter.

    Warum verwenden Sie zum Beispiel auch in diesem Artikel die maskuline Schreibform? „Brandstifter“, das ist heute zu unterlassen. Entweder sollten Sie „Brandstifter/innen“ oder noch besser „brandstiftende Personen“ schreiben. Damit sich auch transgendende Personen nicht ausgeschlossen fühlen. Und damit die Frauen und die transgendenten Personen wissen, dass sie auch brandstiftende Personen sein können.

    Sie halten das für übertrieben?
    Wo ist der Unterschied?
    Eine Gruppe verlangt, dass die Art des Redens und des Denkens geändert wird und zwar in die Richtung geändert, wie diese Gruppe es gerne hätte.

    Meine Meinung ist folgende:
    Wer Popularität besitzt, sollte diese nutzen, um auf Differenzierungen hinzuweisen, um klarzumachen, dass es mehr gibt als Schwarz/Weiß. Wer so populär ist, wie Sie, und sich brav und kritiklos bei jedem entschuldigt, der ihm vorwirft, beleidigend zu sein, der kann sich zwar auf der einen Seite damit rausreden, dass er eine Minderheit angehört hat. Er kann sich aber nicht auf seine Verantwortung berufen, diese hat er damit nämlich konsequent ignoriert und zugunsten einer Minderheit, die ihm eingeredet hat, wie er zu Reden und Denken hat, aufgegeben.

  27. Lieber Sascha,

    in Deinem von der Tagesschau verbreiteten Kommentar fühlte ich als vorwiegend schwul-liebender Mann (obwohl ich mir persönlich diese oder andere Eingrenzungen nicht auferlege ,noch darauf poche) die ESSENZ Deiner Rede und da konnte ich NUR ein Streben nach Freiheit für Vielfalt erkennen. Die nun entstandene Diskussion um einen Begriff, empfinde ich gemischt – zum einen kann ich den Hinweis aus der Transwelt an Dich verstehen und sehe dies als Bereicherung und Fortschritt, wie auch in Deinem intensiven Bemühen, hier Deine Weiterentwicklung transparent zu machen. Die andere Seite ist – wer bei aller Offensichtlichkeit Deiner wunderbaren Rede und Engagement für Akzeptanz von Vielfalt UND nach Deiner jetzigen Reaktion weiterhin auf Kritik, Abwertung beharrt, reagiert in klassischsten Sinne seine/ihre eigene noch unerlöste, ungeheilte Verletzung und noch nicht erlangte Harmonie mit dem eigenen SoSein an Dir via Projektion ab, wofür nur der/diejenige selbst zuständig ist. Und dieses Beharren zeigt deutlichst, ein nicht wirkliches Interesse an Befriedung, Verständigung und Mitgefühl.

    Ich habe Deine Bemühung sehr wohl erkannt und schätze sie sehr !

    Alles Liebe, Guru Dasho

  28. @o aus h:
    Ich habe ja gar nicht behauptet, dass Sascha Lobos Entschuldigung unfair war. Das ist doch eine extrem große Geste.
    Nur ist es auffallend, wie wichtig das offenbar war, wie groß die Verletzungen waren, die es zu entschuldigen galt.
    Dabei hatte er es ja gut gemeint, es ist ihm nur eine Fahrlässigkeit unterlaufen.

    Ich kann schon gut nachvollziehen, warum einige das als „Zu-Kreuze-Kriechen“ vor der Political Correctness bezeichnen.

    Und mir stößt an dieser angeblichen Correctness übel auf, dass sie eine bestimmte Bevölkerungsgruppe aufgrund ihres „höheren“ Bildungs,- Finanz-, Einfluss- oder was auch immer Status absichtlich denunziert.

    Hatten wir sowas nicht schonmal, in Deutschland?
    Dass Sozialneid durch Propaganda geschürt wurde, und die vermeintlichen „Profiteure“ des ungerechten Systems endlich entrechtet werden sollten? Das war damals auch ganz PC, nur betraf es eine andere Opfergruppe.

    Jetzt sind die weißen Heterosexuellen fällig.
    Und egal wie sie sich äußern, oder nicht äußern, es wird irgendwo sicher ein Fehler gefunden, und dann kommen sie lautstark an den Pranger.
    Es sei denn, sie „kriechen zu Kreuze“.

    Ein bisschen sieht es schon so aus. Ein bekanntes Muster einer Gesinnungsdiktatur zeichnet sich hier ab.

  29. Ich kann bei den Kommentaren hier endgültig nicht mehr auseinanderhalten, was ernst gemeint und was Satire ist. Das ganze erinnert stark an die Serie South Park. Dort gibt es die Figur PC Principal als Satire auf die völlig ausartende Political Correctness. Diese versucht stets übertrieben politisch korrekt zu handeln und hält sich für moralisch überlegen, macht dann aber auch „Fehler“ und wird dafür von noch politisch korrekteren Menschen*Innen fertig gemacht. Das gleiche passiert Lobo nun auch. Man kann diesen Kampf nur verlieren: es wird immer wen geben, der noch politisch korrekter ist und noch mehr Beleidigungen/Mikroaggressionen entdeckt, wo keine sind, nur um am Ende moralisch überlegen darzustehen. Man sollte sich auf dieses Spiel gar nicht erst einlassen. Guckt euch South Park an, dort wird der ganze Wahnsinn vortrefflich dargestellt!

  30. Ich finde es ziemlich lächerlich, wie einige Kommentierende hier die weißen Heterosexuellen in Gefahr sehen. Das ist sowas von unverhältnismäßig, dass ich gar nicht weiß, ob eins sich mit diesen Ängsten überhaupt ernsthaft auseinandersetzen sollte. Kaum kommt mal ein bisschen Kritik an einzelnen Begriffen, schreien die privilegierten Massen etwas von „zu viel political correctness“, weil sie halt ein bisschen mehr nachdenken und reflektieren müssen als sie das in ihrem Leben bislang mussten – weil sie so sehr gewöhnt sind, dass ihre Lebensweise die Norm darstellt.

    Sei’s drum. Sascha, du hast gefragt, wie sich mithilfe sozialer Medien (und, das lese ich zwischen den Zeilen: mit deiner Reichweite) bewerkstelligen lässt, sich für trans Rechte einzusetzen. Ich finde es super, dass du das fragst und tue mich gleichzeitig schwer damit, darauf konkret zu antworten, weil es einfach so unglaublich viele Möglichkeiten gibt. Das fängt zum Beispiel dabei an, trans Menschen beim Teilen von Beiträgen in sozialen Medien mitzudenken und auf cissexistische Formulierungen zumindest hinzuweisen, damit ein stärkeres Bewusstsein dafür entsteht und ein Sprachwandel einsetzen kann.

    Als Beispiel: in letzter Zeit wurde viel zum § 219a (Werbung bei Abtreibungen) diskutiert und sehr oft haben Menschen in Artikeln und Beiträgen trans-ausschließend behauptet, es ginge dabei nur um Frauen. Es geht aber eigentlich um die Rechte von *Schwangeren* – das können z.B. auch trans Männer oder nichtbinäre Menschen sein. Ich finde es legitim darauf hinzuweisen, dass das Problem vor allem Frauen betrifft – aber freundliche Hinweise beim Teilen solcher Beiträge á la „Hier, cooler Artikel, leider cissexistisch formuliert denn es gibt auch Männer, die schwanger werden können!“ würde mit der Zeit sehr viel helfen, wenn das genügend Leute – und eben auch große Publizisten wie du es bist – sich angewöhnen würden. Der Aufwand so einen Satz dazu zu schreiben ist dazu noch minimal – ist also sehr leicht von allen Personen die trans Menschen unterstützen wollen umsetzbar.

    In eine ähnliche Kerbe schlägt, unter Kolleg*innen mal Medien-Guides zu trans Personen zu verbreiten, wie beispielsweise diesen hier: https://www.tgns.ch/de/medien/medienguide/
    -> Ich kann so etwas wie „wurde im falschen Körper geboren“ echt nicht mehr lesen. Wenn man großen trans Verbänden zuhören würde, würden diese verletzenden Formulierungen nicht in 95% der Artikel über trans Personen stehen.

    Eine weitere Möglichkeit ist natürlich, konkrete politische Anliegen von trans Personen bekannter zu machen und entsprechende Twitter-Accounts zu boosten. Beispielsweise @DritteOption, die im letzten Herbst ein wegweisendes Urteil vor dem BVerfG erstritten haben, nach dem der Gesetzgeber nicht länger nur von Männern und Frauen ausgehen darf. Oder im Zusammenhang damit die Aktion @Standesamt2018, die „einen selbstbestimmten positiven dritten Geschlechtseintrag für alle, die einen wollen“ fordert und dazu eine simultane Beantragung bei den Standesämtern in Deutschland plant. Wenn du auf den Presseverteiler der Aktion möchtest, melde dich einfach kurz bei mir (Twitter/Mail).

    Und ganz allgemein gesprochen: es würde sehr helfen, wenn mehr trans Personen selbst gehört werden würden. Wenn wir in der Presse vermehrt nicht nur als Interviewpartner*innen oder Objekte journalistischer Ausführungen vorkommen würden, sondern dazu eingeladen werden für uns selbst zu sprechen, wenn Medien wie SpON daran interessiert werden unsere eigenen Artikel zu veröffentlichen oder Filme wie die aufwändige jüngste Doku „Mann oder Frau – Leben im falschen Körper“ nicht nur von cis Personen gedreht werden, sondern trans Personen das letzte redaktionelle Wort haben wenn es um Formulierungen und Begriffe geht, die verletzend sind. Wie das angesprochene „Leben im falschen Körper“ im Titel. *seufz*

    Ich hoffe ich überfrachte dich jetzt nicht mit Ideen. Melde dich gerne bei mir, wenn du mehr Infos haben möchtest. :)

  31. @Natanji:
    Du schreibst:
    „Ich finde es ziemlich lächerlich, wie einige Kommentierende hier die weißen Heterosexuellen in Gefahr sehen. Das ist sowas von unverhältnismäßig, dass ich gar nicht weiß, ob eins sich mit diesen Ängsten überhaupt ernsthaft auseinandersetzen sollte. “

    So geht es Vielen sicherlich auch bezüglich der Ängste von LBTG Community.
    Denn die mediale Aufmerksamkeit und Respekt und Sonderstellung sucht sicherlich ihresgleichen.

    Von daher geht es nicht darum, was du oder ich lächerlich finden, sondern dass man Rücksicht nimmt, und spätestens wenn jemand sich bedroht oder verletzt fühlt, ihn ernst zu nehmen.

    Lobo macht es vor, wie man sich überschwänglich entschuldigt, wenn man jemandem zu nahe getreten ist. Und ein rücksichtsvolles Verhalten sollte man allen Menschen gegenüber anbringen.
    Sonst schürt man nur die Gegensätze, anstatt das Gemeinsame zu betonen.

    Wir sind alle gleich viel „wert“. Eine trans gender Person ist ja nicht besser als ein heterosexueller weißer Mann. Und verdient auch nicht mehr Respekt.

    Sondern alle Menschen verdienen gleich viel Respekt.
    Jeder, der das anders sieht, ist ein bekennender Rassist.

  32. @Thomas
    Zitat: „Wenn man bedenkt, dass heterosexuelle weiße Männer von jedem pauschal und in voller Absicht als “toxisch” usw. bezeichnet werden dürfen, dann sollte bei einem versehentlichen Fehlgebrauch wie im vorliegenden Fall, doch bitte die Kirsche im Dorf gelassen werden.“

    Ich wollte nur hierzu kurz etwas einwerfen, weil es scheinbar ein fehlverstandenes Konzept ist.
    Ich nehme an sie spielen auf die Idee von „toxic masculinity“ an. Damit werden aber keineswegs „heterosexuelle weiße Männer“ pauschal herabgesetzt.
    Der Begriff kritisiert eine bestimmte gesellschaftliche Erwartungshaltung an „Männlichkeit“. (Zur Schau gestellte Emotionslosigkeit; Risikobereitschaft; Schmerzunempfindlichkeit; dauerhafte Bereitschaft zu Sex; etc.)
    Sehr schön ist diese „toxic masculinity“ in den Kommentaren zu jedem Bericht zu finden in dem es darum geht das eine Lehrerin einen Schüler missbraucht hat.

    Das bedeutet:
    1. Nicht Männer sondern ein Konzept werden damit belegt.
    2. Nicht nur Männer sondern auch Frauen können sich der Anwendung dieses Konzepts „schuldig“ machen.
    3. Es ist kein Konzept das sich gegen Männer richtet, sondern ganz im Gegenteil Männer unterstützen soll (solche die nicht in das traditionelle Bild von Männlichkeit passen)
    4. Es ist ein Konzept das einem selbst durchaus helfen kann. (Ich habe es nach meiner Scheidung zum Beispiel geschafft das Ideal der zur Schau gestellten Emotionslosigkeit so sehr zu perfektionieren, das es mir fast unmöglich ist neue Sozialkontakte aufzubauen. Jetzt habe ich den Luxus eines recht großen und stabilen Freundeskreis, weshalb ich da nun kaum drunter leide, aber in Bezug auf eine neue Beziehung stehe ich mir dank „Männlichkeit“ selbst im Weg.)

    Also nur aus der Perspektive eines „weißen heterosexuellen Mann“, der dazu noch ziemlich auf seine „Männlichkeit“ bedacht war und zum Teil bis heute nicht völlig aus seiner Haut kann.
    Das Konzept „toxic masculinity“ ist nicht dafür da Männer zu beleidigen oder herab zu setzen. Es ist dafür da zu helfen. Das wording ist allerdings tatsächlich etwas ungünstig.

  33. Es entwickelt sich trotz gelegentlich harscher Zwischenmeldungen doch eine interessante Diskussion. Zunächst: Danke Natanji für die Tipps.

    Und so dann möchte ich sowohl den Kommentar von Lisa wie auch den von Natanji in einen Kontext stellen. Die jeweilige Essenz aus beiden:

    Lisa: „Man kann diesen Kampf nur verlieren: es wird immer wen geben, der noch politisch korrekter ist und noch mehr Beleidigungen/Mikroaggressionen entdeckt, wo keine sind, nur um am Ende moralisch überlegen darzustehen. Man sollte sich auf dieses Spiel gar nicht erst einlassen.“

    Natanji: „Kaum kommt mal ein bisschen Kritik an einzelnen Begriffen, schreien die privilegierten Massen etwas von “zu viel political correctness”, weil sie halt ein bisschen mehr nachdenken und reflektieren müssen als sie das in ihrem Leben bislang mussten – weil sie so sehr gewöhnt sind, dass ihre Lebensweise die Norm darstellt.“

    Es dürfte klar sein, dass meine Position näher an Natanjis dran ist als an Lisas. Aber ich sehe Lisas Punkt, auch wenn ich ihre Formulierungen zu harsch finde. Denn zum einen sind die von Natanji beschriebenen „Massen“ eben nicht durch die Bank privilegiert, meine Deutung wäre eher das Gegenteil: Die meisten Menschen sind nicht-privilegiert, und daraus folgt, dass sie durchaus ihre eigenen, energiezehrenden Kämpfe ausfechten. Aber Veränderung kostet Kraft, Zeit, Energie, man muss nachdenken und nachdenken wollen. Das ist der Vorteil der angesprochenen Gewohnheit: Daraus resultiert energie-unaufwändiges Handeln, und man muss viel Energie aufbringen, um seine Gewohnheiten abzuwandeln. Weil es aber in diskriminierenden Kontexten nicht anders möglich sein wird, als Gewohnheiten und Normalitäts-Empfindungen zu verändern und aufzubrechen – habe ich eine Verfahrensweise für mich entwickelt. Ich nenne sie: die Kunst, nur den halben Weg mitzugehen. Dahinter steht eine Art Kompromiss, der schwer generalisierbar ist, aber bei dem man die Vorschläge zur Gesellschaftsverbesserung für alle Beteiligten respektiert, aber nicht immer und grundsätzlich in vollem Umfang mitgeht. Gewissermaßen zollt man der „Gewohnheit“ einen gewissen Respekt damit und so auch denen, die selbst Schwierigkeiten haben, sich von bestimmten, als ungünstig erkannten Gewohnheiten weiterzuentwickeln. Das ist kein Freibrief für Arschlochtum, sondern eine Art Angebot, dass – wenn man bestimmte Grenzen des Anstands berücksichtigt – unterschiedliche Herangehensweisen okay sein können.

  34. Bei allem Respekt für die rhetorisch (wie stets) superbe Apologie: Trans*Leute wollen eher in Ruhe gelassen werden und von mehr (Lobo) oder weniger (DonAlphonso) Wohlmeinenden zum Proof aufgeklärten u. liberalen Zeitgeistes stilisiert (wenn nicht gar: „verwendet“ im Sinne von „used“) werden.

    Der Trans*-Coverage-Overkill in den MSM mag vielleicht hier und da aufklären, füttert realiter doch oft den Voyeurismus und den Vorbehalt. Die Selbst- und Fremd-Terminologie der Trans*Welt in all ihrem komplizierten Spielarten mag dieser selbst vorbehalten bleiben: Für Medienbelange gibt es gut ausgearbeitete und von uns selbst approbierte Guidelines: https://www.tgns.ch/de/medien/medienguide/.

  35. Plot twist:
    Lobo hat (muss man jetzt S-Wort schreiben?) mit voller Absicht benutzt, denn nichts liebt die neo-protestantische Pomobubble mehr als einen reuigen Sünder.

  36. Interessante Perspektive, Chris – aber ich befürchte, dass vor dem „in Ruhe gelassen“ noch ein sehr, sehr weiter Weg von der gesamten Gesellschaft zurückzulegen ist. Bitte korrigiere mich, wenn ich hier falsch liege – aber nach meinen Gesprächen mit trans Leuten, auch schon vor meiner Rede hatte ich den Eindruck, dass ein wesentlicher Bestandteil einer größeren Toleranz und Akzeptanz ist, mehr Sichtbarkeit zu zeigen. Konfrontation mit unterschiedlichen, aber trotzdem normalen Lebensweisen zu erzeugen. Es stimmt, dass das Ziel davon ist, eben nicht mehr medial abgebildet zu werden um der trans Situation willen – aber das erscheint mir nicht als ein funktionierender Weg dorthin.

    meh: Ein wunderbarer Plot twist, den zu planen ich definitiv ausreichend intelligent wäre. Aber ich bin nicht Arschloch genug, das zu tun. Und die Beschreibung der Beteiligten als „neo-protestantisch“, naja, dazu muss man schon sehr, sehr, SEHR weit entfernt sein von ihr, um das mit zuen Augen im Dunkeln aus der Distanz im Nebel im Wald so zu beschreiben.

  37. Ja und nein, Sascha: Die Widrigkeiten im Alltag, in Beruf, Familie, Freundeskreis sind massiv, Verständnis gibt es kaum/nicht, oder wenn: Eher sehr theoretisch. Da ist die linke, urbane, wannabe liberale KunstundKultur wenig besser als konservative bis reaktionäre Kreise. Im Grunde wollen sie ja alle nur wissen, was du in der Hose hast usw. usf. –
    Viele Trans*Leute – dies gilt natürlich nicht für die sog. Aktivisten, die ihre Eigenschaften und Empfindlickeiten offensiv ausstellen – wollen nichts anderes, als diesen Trans*-Zustand im amtlichen, psychotherapeutischen, medizinischen, operativen Sinne endlich zugunsten eines gelungenen Passings und einer selbstverständlichen Existenz fertig durchlaufen zu haben.
    Grundsätzlich aber gilt: Trans* Sein ist keine Behinderung, Trans* Sein ist (trotz der F64.0-Indikation) keine Krankheit, Trans* Sein kann als Begnadetheit empfunden werden, den Buchungsfehler im eigenen Leben (Hermann Broch) noch rechtzeitig gefunden zu haben, bevor dieses Leben zu Ende ist. Dafür, dass Trans* Sein eine ungeheuer aufregende, belebende, erotisierende, inspirierende Reise ist, nehme ich den Alltagskram, nehme ich auch die Denunzierungen seitens meiner Journalistenkollegen – zwar mit Bitterkeit, aber zunehmend heiterer – auf mich.
    Huch: Das war jetzt wohl ein bissel Off Topic? (*grins*)
    Was ich sagen will: Wir sind nicht nur bedauernswerte Findlinge im Tierheim/Zoo der Political Correctness –

  38. Diese Entschuldigung man auf den ersten Blick ein wenig „opulent“ wirken. Ich finde jedoch, diese Ausführlichkeit war notwendig, da es hier nicht nur darum ging, sich zu entschuldigen, sondern gleichzeitig die Gelegenheit zur Aufklärung zu nutzen. Das ist vielleicht keine Wiedergutmachung in dem Sinne, aber es bringt ein Plus an Information für andere und träg somit konstruktiv zum Dialog bei.

  39. Chris: Sicherlich sind wir keine “ bedauernswerten Findlinge im Tierheim/Zoo der Political Correctness“, das würden auch Trans-Aktivist*innen wie ich nicht wollen. Wir sind nicht bedauernswert, wir sind unglaublich stark. Und das nicht nur, weil wir im persönlichen Umfeld um unsere Akzeptanz kämpfen müssen – sondern auch, weil wir eine Antithese zu vielen tradierten Grundannahmen der Gesellschaft darstellen und qua unserer Existenz bereits die einfachen, heterocisnormativen Weltbilder zersplittern lassen. Nicht ohne Grund wurden wir von Papst Franziskus als Atombombe geadelt!

    Ich finde es dabei durchaus witzig, dass du und ich (ich vermute mal du hast das nicht aus meinem früheren Kommentar kopiert) den gleichen Medien-Guide verlinkt haben
    Das zeigt, dass wir beide in Bezug auf die Medienberichterstattung das gleiche wollen – zum Beispiel nicht von außen mit der Beschreibung „im falschen Körper geboren“ belegt werden und eben auch nicht allgemein mit dem von Sascha unachtsam verwendeten Wort beschrieben werden. Wozu also überhaupt einen Dichotomie aufmachen zwischen denen, die im persönlichen Umfeld Akzeptanz erreichen wollen und denen, die dennoch die cissexistische Normalität kritisieren und der Gesellschaft unsere Lebensrealität begreiflicher machen wollen? Ich vereine diese beiden Aspekte in einer Person. Ich helfe der Gesellschaft gerne beim langsamen Umdenken. Da muss man aber eben dran bleiben und kann sich nicht darauf ausruhen, die persönliche Transition bereits „geschafft“ zu haben.

  40. @sascha: Danke für das Ermöglichen dieses threads durch einen guten Umgang mit Deinem Patzer.
    @haters: lasst mal gut sein. Da bemüht sich einer. Huch, nicht perfekt? Uahh. Und dann ist auch noch neben heeren Zielen vielleicht ein Quäntchen Eitelkeit an Bord? Das wäre ja furchtbar!!! Leute, Leute — erste Steine und so.
    @many others: Danke. Viel gelernt von Euch.

  41. Jeder ist privilegiert.
    Es sei denn man hat so gar kein Talent. In nichts.
    Weder gross, noch huebsch, noch clever, noch kommunikativ, noch sympathisch.

    Im Leben sollte jeder seine Privilegien erkennen und konstruktiv und verantwortungsvoll damit umgehen.

    Jeder.

    Nicht mit dem Finger auf andere Zeigen und Opfer spielen.

    Das ist Kindergarten, fuehrt zu keiner Selbstentwicklung. Es nennt sich Dramadreieck.

    In dieser Diskussion sind die Karten verteilt.
    Die Transgender sind die Opfer.
    Privilegierte, desinteressierte Normalos sind die Taeter.
    Und wer kein Taeter sein will, muss schnell Farbe bekennen.

    Dann darf er sich zu den Rettern zaehlen.

    Einer hat hier versucht, die Rollen neu zu verteilen und behauptet, die weissen Hetero Maenner koennten auch Opfer sein.
    Da wurde dann schnell korrigierend „ge-trans-plained“, dass das natuerlich ueberhaupt total falsch ist. Opferrolle ist schon definiert.
    Wenn sich der weisse Kommentator verletzt und angegriffen fuehlt, so sind diese Gefuehle belanglos.
    Er soll ja nicht fuehlen. Kann er doch sowieso nicht.

    Also ernstnehmen und entschuldigen nicht fuer alle.
    Manche sind halt gleicher.

  42. „Man muss sich das vergegenwärtigen: Erklärende Freundlichkeit als Reaktion darauf, schwer beleidigt zu werden. Wenn das keine Hoffnung macht auf eine bessere Zukunft im Netz, ganz ohne Brandstifter – was dann.“

    Was es macht? – Traurig angesichts der Erkenntnis, dass die Beleidungen etwas sind, das derart alltäglich und Teil der Normalität ist, dass man als Ziel davon einfach gut gelernt hat, dass man gar nicht aggressiv darauf reagieren darf. Weil die Beleidiger, die Täter, eine derart große Mehrzahl und Übermacht darstellen, dass das Fazit immer bleibt: Am Ende ins eigene Fleisch geschnitten.
    Letzteres, also sich ins eigene Fleisch schneiden und es schlimmer machen, tut man übrigens meistens, wenn man überhaupt darauf hinweist, beleidigt worden zu sein. Denn danach geht die große Diskussion, bei der das Bullshit-Bingo schnell voll wird, meistens erst so richtig los.

    Was tut man also als brave, angepasste Transperson? Man leckt wenigstens den Leuten brav die Hand, die nicht noch stolz drauf sind, mit der Beleidigung einen Treffer gelandet zu haben. Weil es so furchtbar unnormal ist, und der Beleidigende ebenso gut einfach in den richtigen Kreisen nach Verbündeten fischen könnte, um das „Special Snowflake“ für seinen Protest/Einspruch so richtig fertig zu machen.

    Freundliche und kriecherische Erklärungen seitens Beleidigter sind kein Zeichen dafür, dass das Netz besser wird. Sondern eins für den Masochismus, den man braucht, wenn man als betroffene Person irgendwo sichtbar wird.
    Um sich gegen eine Beleidigung zu wehren, bräuchte man Stolz.
    Wenn man ein paar Jahre im Bewusstsein verbracht hat, dass man eigentlich gar nicht man selbst sein darf, muss man sich entscheiden, ob der Stolz die eigene Vernichtung wert ist, oder ob man ihn nicht lieber begräbt. Ist ja auch gar nicht so, dass dafür einzelne massiv zuschlagen müssten. Die Masse macht’s, die furchtbar grausame Normalität.

    Die devote Dankbarkeit für jedes kleine Entgegenkommen hat mEn mit „gut“ sein nichts zu tun. Was sie belegt, ist vielmehr einfach, wie wenig Narzissmus man sich leisten kann, wenn man einer Minderheit angehört, die wirklich diskriminiert wird. Und für die es selbst so etwas wie Schutzräume außerhalb extrem kleiner Kreise nur selten gibt.

    Was bleibt einem übrig als die Hände der paar Leute zu lecken, die wenigstens das „tut mir leid“ ernst meinen, oder es für ernstgemeint verkaufen. „Genderismus“ und co wird schließlich nicht bloß von den Kirchen und der „Demo für alle“ kritisiert. Sondern eben leider auch von Linken und selbsternannten Aufklärer bis hin zu Humanisten, die sich ebenso wenig zu schade sind, das Identitätsempfinden anderer Menschen als „Ideologie“ zu brandmarken.
    Es gibt keine Lobby für trans*, und auch Verbündete gibt es in größeren Gruppierungen praktisch keine, auf die man sich verlassen könnte. Die Einzigen, die an der damit verbundenen Gewaltausübung gegen solch eine Minderheit kein Interesse haben, dürften echte Anhänger der Menschenrechte sein.

    Und Menschenrechte liegen momentan halt einfach nicht im Trend.

  43. @ith_:
    „Es gibt keine Lobby für trans*“

    Richtig, denn es gibt keine Medien wie Fernsehen oder Zeitungen.

    Keine politischen Vorgaben an die Redaktionen.

    Und keine Meinungsdiktatur an den Unis.

    Das hast du super erkannt.

    ;)

  44. Jeder weiss, dass Menschen Aufmerksamkeit lieben. Und viel, fast alles dafuer tun, um sie zu bekommen.

    Und sich als Trans sexuell definierende Menschen ebenso.

    Aufmerksamkeit macht gluecklich.
    Nicht Gerechtigkeit.

    Nein. Aufmerksamkeit.

    Das sind fuer mich Schreie nach mehr Aufmerksamkeit. Und nicht nach Gerechtigkeit.

    Allein, im Westen leben zu duerfen, mit allen zugehoerigen Privilegien, sollte eine Dankbarkeit und Demut hervorrufen.

    Auch bei Transsexuellen.

    Ueberlegt doch mal, wieviele Menschen Hunger leiden.

    Es dreht sich doch nicht alles um Eure Sexualitaet.
    Die ist fuer die Welt nicht so wichtig wie Ihr denkt.
    Das ist Eure Privatsache.

    Seid dankbar fuer Eure Privilegiertheit.

  45. Gute Güte, die hier vorherrschende Reaktionen auf die Verwendung des ach so bösen „S-Wortes“ erinnern frappierend an das Verhalten viktorianischer Pfarrerstöchter beim Anblick eines unbedeckten männlichen Knies.

    Was werden diese jämmerlichen Schneeflöckchen eigentlich tun, wenn sie mal ein wirklich ernstes Problem bekommen?

  46. Was für ein pampering papierdünner Seelchen und vorgetäuschter Empfindsamkeiten.
    Ehrlich, die ganze Schneeflockerei bringt alles auf den absolut niedrigsten Nenner.

  47. Na Herr Lobo, das ist mal eine schöne Selbstkritik in bester sozialistischer Tradition. Jedes Zentralkomitee wäre in Tränen der Rührung ausgebrochen, ungeachtet des albernen Anlasses. Nur schade, dass der real existierende Sozialismus abgedankt hat.
    Aber wir haben ja Ersatz in den Blockwarten der Political Correctness und den empfindsamen Seelchen ihrer Klientel.

  48. Alter Schwede, was waren das noch für Zeiten wo man nicht jeden -offensichtlichen- Bullshit bedeutungsschwanger kommentieren und damit hausieren gehen musste. Das ist Realsatire.

  49. Hat keine Probleme, „Merkel-muss-weg-Demonstranten“ Nazis zu nennen, kriecht jedoch zu Kreuze, weil sich andere über die Bezeichnung „She-Male“ echauffierten. Köstlich. Schön, wenn man so begriffssensibel ist – natürlich nur den Leuten gegenüber, die auf der ultralinken Seite stehen.

  50. Anscheinend hat der Alexanderswolf nicht die nötige Vorbildung in Gestalt von Pornographiekonsum genossen, um a limine die Verletzlichkeit mancher Personen durch ein bestimmtes Wort ahnen zu können. Während ja bei den Anstoßnehmern diese Bildungslücke erfreulicherweise nicht klafft. Da kann man dem Alexanderswolf nur raten: Immer erst alles reinziehen, selbst wenn es einem widerstreben mag, und dann ganz, ganz, ganz sensibel reden, damit man künftig ja keinem mehr unbeabsichtigt auf den Schwanz oder was auch immer trete.

  51. Herr Lobos Irokesenschnitt ist übrigens eine rassistische kulturelle Aneignung und eine Beleidigung der Irokesen. Geht gar nicht.

  52. Köstlich! Jetzt muss man(n) schon zu Kreuze kriechen, wenn es ein „falsches“ Wort ist.
    Nun denn, auf nach Canossa! Am besten fragen Sie den lieben Don, der kennt sich in den Alpen aus und kann Ihnen bestimmt den besten Pilgerweg zeigen. *g*

    Am Ende gelingt Ihnen ja sogar die Flucht aus dem kulturbizarrem Biotop? Ich hoffe Sie schaffen den Sprung und leben/arbeiten/reden dann wieder unter unverkrampften/freien Menschen. Toi toi toi!

  53. Ich bin bei diesem Thema inzwischen völlig verwirrt, überfordert und genervt. Mittlerweile begegnen mir auch immer mehr Pleonasmen in diesem Bereich: Ein Politiker sprach letztens von „weiblichen Freundinnen“, ein Presseartikel sprach von einer „weiblichen Wildhüterin“. Heisst das nun es gibt auch männlichen Freundinnen und Wildhüterinnen oder nicht? Wenn nein, warum wird dann extra doppelt betont, dass diese weiblich seien?
    Andererseits verlangen Manche wiederum völlig beleidigt, die Geschlechter spielen keine Rolle mehr, gleichzeitig wird das Geschlecht manchmal völlig überbetont, obwohl es für den Sachverhalt meist keine Rolle spielt. Manche meinen mit der Nennung des Geschlechts das biologische, andere wieder das „gefühlte/ausgelebte“. Wann denn was gilt und was (un)angebracht ist, weiss am Schluss wohl keiner mehr. Wenn ich eine Person falsch anspreche, dann soll diese mich einfach informieren. Ich beziehe mich im Normalfall auf das vermutete biologische Geschlecht, wenn jemand was anderes sein will oder ist, von mir aus, dann spreche ich ihn/sie/cis/usw. halt so an, solange es mir nicht zu kompliziert wird.

  54. Man muß sich schon ganz schön anstrengen, um S.L.’s Text und die sich anschließende Debatte nicht für Satire zu halten. Mir ist dieser Unfug keinen weiteren Kommentar wert. Worauf ich allerdings bestehe: Für die Beschreibung meiner Lebensart reicht der Begriff „Mann“ vollkommen aus, man lasse gefälligst dieses „cis“ weg. Das hat auch bisher vollkommen ausgereicht. Der Rest kann sich fühlen, leben, lieben, sich bezeichnen und profilieren, sich den Klops zwischen den Ohren zermartern, wie immer er (der Rest also) mag. Und: man disqualifiziere meine Meinung gefälligst nicht, nur weil ich weiß bin, über Fünfzig und Mittelschichtler, der immer noch Genetik für determierend hält. Ganz ehrlich: normalerweise amüsiert mich das Ganze eher, doch manchmal geht mir dieses mimosenhafte Selbstmitleid der ach so arg diskriminierten 69 (?) Gendertypen echt auf den Kranz. Hallo?? Wir leben in Deutschland / Mitteleuropa, nicht im Sudan oder Iran! Hier seid ihr – nein: sind WIR!!! – frei, zu leben und zu lieben wie es einem jeden passt!
    Und nun: Tschüß, macht alleine weiter …

  55. Wolfgang Röhl
    Der Blogger Sascha Lobo, als irokesenbürstiger Aufmüpfsimulant etwa so sockenschussecht wie der Punkrockermime Campino, hat kürzlich einen furchtbaren Fehler gemacht. Ausgerechnet in einem Referat bei der Nerdkonferenz „re:publica“, das vom „Kampf für eine gerechtere und weniger diskriminierende Gesellschaft“ handelte, benutzte er den „transfeindlichen Begriff She-Male“ (beide Zitate Lobo). Und weil darob wohl die halbe Transgenderszene in heiße Tränen ausbrach, fiel der reuige Blog-O-Mat unverzüglich auf die Knie, gestand öffentlich seine Schandtat nach Art der Angeklagten in den Moskauer Schauprozessen ein, gelobte Besserung und versprach Schadensausgleich. Wie es sich anhört, wenn im genderisierten Schneeflöckchenmilieu über Verbalverbrechen wie das „S-Wort“, das „N-Wort“ sowie die „transmysogyne Diskriminierung durch cis Männer“ debattiert wird, kann man auf Lobos Blog nachlesen. Hinweis: Es handelt sich bei Lobos Text definitiv nicht um Satire!
    #roswitha zeininger:Ein/e Alkoholiker/in, ist es für den Rest des Lebens!Es ist also korrekt jemanden Alkoholiker/in zu nennen,so lautet nun einmal das Krankheitsbild!

  56. Die Diskussion lief eigentlich recht interessant, aber heute im Tagesverlauf schwappten eine Reihe empörter Männer herüber von einem enorm launigen Artikel auf einer der Vorzeigeseiten des Rechtsrucks. Seitdem zeichnen sich die Wortmeldungen aus durch – ein Nichteingehen auf Argumente. Stattdessen reproduzieren sie ihre seit Jahren vorgefertigte Meinung, egal was irgendwo davor steht. Seinen Meinungsschutt hier abzuladen, das ist natürlich legitim, aber ich denke nicht, dass es uns weiterbringt im Sinne einer Debatte, wenn man nicht auf das zuvor Gesagte eingeht, oder? Aber ich will mit okaygutem Beispiel vorangehen, und mal versuchen, die Argumente aus dem Meinungshaufen herauszuoperieren und in die Diskussion einzugemeinden.

  57. Och bitte, She-Male darf man nicht sagen – sagen die, die sich angesprochen fühlen. Herrgott, dann sollen sie bitte bei den nächsten Christopher-Street-Days auf den Wagen Schilder hoch halten, wie sie denn gerne genannt würden, damit der Durchschnittsbürger auch ja keinen Fehler mehr macht. Woher soll ich denn wissen, wie sich die Mitglieder irgendwelcher mini Minderheiten gerne angesprochen fühlen.

  58. „schwappten eine Reihe empörter Männer“

    Nenene, es schwappten eine Reihe lachender Männer rein. Und die lach(t)en über Sie.

  59. Michael schreibt: „Das sind fuer mich Schreie nach mehr Aufmerksamkeit. Und nicht nach Gerechtigkeit.“
    Lässt sich das so leicht trennen, wie Sie implizieren? Ich glaube nicht. Sie sind doch vermutlich von einer Seite hierhergeschickt worden, die ständig nach Aufmerksamkeit schreit – weil sie selbst glaubt, eine Ungerechtigkeit erkannt zu haben und dagegen anschreibt und anschreit. Sie selbst kommentieren hier, um die Aufmerksamkeit zu lenken auf ein Thema, das Ihrer Meinung nach falsch läuft. Ich glaube, dass Ihr zentrales Argument damit zerplatzt – wie sollte man sonst Ungerechtigkeit bekämpfen, wenn nicht durch Aufmerksamkeit?

    Armin Reichert schreibt:
    „Ihr seid einfach nur ein dekadenter Haufen von Irren. Wohlstandsverwahrloste.“
    Ich entnehme Ihrem Wutschnauben, dass Sie annehmen, es handele sich um eine Art Luxusproblem. Wahrscheinlich – bitte korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege – meinen Sie damit jedwedes Aufbegehren von Seiten der trans Bewegung, denn der Artikel handelt ja letztlich von der Art und Weise der Sichtbarkeit. Das kann ich nicht nachvollziehen, denn wie kann die biologische Verfasstheit von Menschen im Spannungsfeld ihrer geschlechtlichen Identität ein Luxusproblem sein? Ist es nicht vielmehr das definitorische Gegenteil eines Luxusproblems, wenn das Sein einer Person gesellschaftlich nicht akzeptiert wird? Ihr einziger argumentatorischer Ausweg wäre zu bezweifeln, dass trans Personen überhaupt existieren, aber das kann ja beim gegenwärtigen Stand der Wissenschaft nicht Ihr Ansatz sein, das wäre ja voraufklärerisch im schlechtesten Sinn.

    Michael Scholtz schreibt:
    „Was werden diese jämmerlichen Schneeflöckchen eigentlich tun, wenn sie mal ein wirklich ernstes Problem bekommen?“
    Wer ist denn die Instanz, die Ihrer Ansicht nach entscheidet über die „wirkliche“ Ernstheit eines Problems? Sie selbst? Das verträgt sich aber wiederum kaum mit ungefähr allem, was nach Kant gedacht und geschrieben worden ist (außer vielleicht mit dem solipsistischen Weltmodell). Mit anderen Worten: Ist für Sie wirklich 100% klar, dass sich hinter dem beschriebenen Problem – der Toleranz und Akzeptanz von trans Personen – kein ernsthaftes verbirgt? Oder ist ihre Ablehnung von trans Personen so groß, dass Sie darüber gar nicht nachdenken, sondern bloß rasch urteilen möchten? Dann aber würden Sie sich selbst widersprechen, denn das wäre ja ein Kennzeichen für ein sehr ernsthaftes Problem, jedenfalls wenn ausreichend viele Leute so bauchgefühlig wie Sie poltern würden, oder?

    Martin schreibt:
    „Was für ein pampering papierdünner Seelchen und vorgetäuschter Empfindsamkeiten.“
    Lustig, ich musste mehrmals lesen, weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass Sie einen englischsprachigen Begriff ohne Triggerwarnung in unsere schöne, deutsche Sprache einfließen lassen. Ihr viertes Wort hat also nichts mit „Pampe“ zu tun, sondern mit dem englischen Begriff für „verwöhnen, verhätscheln“. Finden Sie, dass eine Entschuldigung gleichbedeutend ist mit Verwöhnung? Das erschiene mir als merkwürdiges Verständnis von Fehlerkultur. Das merken Sie natürlich aber im Satzverlauf selbst, deshalb diagnostizieren Sie am Schluss, dass es keine echten Empfindlichkeiten seien, sondern bloß vorgetäuschte. Auch hier die Frage: Sind Empfindlichkeiten nicht ab Werk subjektive oder doch mindesten persönlich-kollektive Empfindungen? Wenn man reaktionär-konservative Männer als „Nazis“ bezeichnet, dann – so entnehme ich der Äußerung eines Ihrer Kommentarkollegen – ist die Empfindlichkeit offenbar berechtigt. Was unterscheidet diese Empfindlichkeit von einer „vorgetäuschten“? Das verstehe ich nicht.

    Helmut Bühler schreibt:
    „… Selbstkritik in bester sozialistischer Tradition.… Nur schade, dass der real existierende Sozialismus abgedankt hat. Aber wir haben ja Ersatz in den Blockwarten der Political Correctness und den empfindsamen Seelchen ihrer Klientel.“
    Moment, weil im Sozialismus ritualisierte (und unechte) Selbstkritik geübt wurde, ist das Genre der Entschuldigung in toto entwertet? Das finde ich nicht. Dass „Political Correctness“ jetzt der Ersatz dafür sein soll, halte ich für ein wenig sinnvolles Argument. Meine Leitlinie ist, dass ich sowenig Leute wie sinnvoll unabsichtlich beleidigen möchte. Deshalb habe ich mich entschuldigt, weil es unabsichtlich geschah. Die absichtsvolle Beleidigung aus gutem Grund gehört aber weiter zu meinem Instrumentarium. Ich werde dreckige Scheißnazis immer „dreckige Scheißnazis“ und fallweise auch „kackeverschmierte Fußhupen“ nennen, Sie müssen sich also keinerlei Sorgen um zu wenig Beleidigungen meinerseits machen. In diesem Kontext sage ich nicht ohne stolz, dass ich der erste Publizist in Deutschland bin, der in einem Podcast des Hauses SPIEGEL den Begriff „Fickdackel“ untergebracht hat (hier: https://soundcloud.com/user-728223693/umstrittener-mdr-tweet-diese-art-der-emporung-ist-wichtig )

    Karl schreibt:
    „Leutr, der Lobo verarscht euch doch nach Strich und Faden!“
    Verdammt, ich bin ertappt, Leutr, denn ich knicke hier ein wie ein Winddings im Sturm, weil ich um meine Großaufträge aus der milliardenschweren trans Lobby fürchte. Und Karl hat es entdeckt.

    Yutani schreibt:
    „Das ist Realsatire.“
    Der Vorwurf „Realsatire“ kommt häufiger, er impliziert entweder, dass es nicht ernst gemeint sein kann, für eine unbeabsichtigte Beleidigung um Entschuldigung zu bitten. Das würde kein gutes Licht auf die Umgangsformen von Leuten wie Yutani werfen. Oder „Realsatire“ impliziert, dass sich trans Personen nicht beleidigt fühlen dürften. Auch das erscheint mir seltsam, denn der fragliche Begriff „She-Male“ wird weitestgehend im Porno- und Sexarbeitskontext benutzt. Eine kurze Google such mit safe search aus verschafft hier Gewissheit, very sexwork, much porn. Und ist es so schwer nachvollziehbar, dass ein Begriff aus der Fickwirtschaft sich jetzt nicht soooo angenehm anfühlt? Wer das wie Yutani nicht versteht, den möchte ich in Zukunft gern als Ständerhannes oder Pimmelbert bezeichnen. Zwei Namen, die zwar im Pornobusiness noch nicht sehr verbreitet sind (weil ich sie gerade erst ersonnen habe), die aber eine eichelglänzende Zukunft vor sich usw. usf.

    Claudius S. schreibt:
    „Hat keine Probleme, “Merkel-muss-weg-Demonstranten” Nazis zu nennen, kriecht jedoch zu Kreuze, weil sich andere über die Bezeichnung “She-Male” echauffierten. Köstlich. Schön, wenn man so begriffssensibel ist – natürlich nur den Leuten gegenüber, die auf der ultralinken Seite stehen.“
    Hier möchte ich differenzieren: Ich habe nur einen Teil der „Merkel-Muss-Weg-Demonstranten“ Nazis genannt. Für die Feindifferenzierung schauen Sie bitte meinen letztjährigen Vortrag zu dieser Klientel an. Dort unterscheide ich zwischen: Ängstliche, Besorgte mit den falschen Friends; sehr, sehr Wütende; Irritierte und Verstörte, Konservative, Trolle und temporäre Ärsche, nicht Zuordenbare – und Rechte und Rechtsextreme. Mehr Differenzierung geht kaum. Zum zweiten schrieb ich oben schon, warum ich meine Bitte um Entschuldigung gar nicht als „zu Kreuze kriechen“ empfinde. Das liegt daran, dass aus meiner Sicht ein offener Umgang mit Fehlern eher ein Kennzeichen der Stärke ist, ich habe es nicht nötig, meine Fehler zu verschweigen oder zu leugnen. Entschieden widersprechen möchte ich Ihnen bei der impliziten Feststellung, alle trans Personen seien „ultralinks“. Seit wann ist die Geschlechtlichkeit denn eine Frage der politischen Haltung? Fragen Sie doch mal Jens Spahn, der wird Ihnen etwas husten.

    Hans Behrends-Keine schreibt:
    „…nicht die nötige Vorbildung in Gestalt von Pornographiekonsum genossen“
    Er meint damit mich, und da muss ich leider in der Tat passen. Anders als offensichtlich bei Ihnen hält sich mein bisheriger Pornographie-Konsum in vergleichsweise engen Grenzen. Aber ich beabsichtige von Ihnen, der offenbar häufiger trans Pornographie genießt, zu lernen, und meine eigenen sexuellen Neugierden auch in Bereichen des Nicht-Mainstreams zu erforschen. Danke für diesen öffnenden Hinweis.

    GeorgK schreibt:
    „Herr Lobos Irokesenschnitt ist übrigens eine rassistische kulturelle Aneignung und eine Beleidigung der Irokesen.“
    Ja, es gibt Leute, die das so sehen. Ich gehöre nicht dazu, ich halte das Konzept der „kulturellen Aneignung“ für wenig tragfähig, weil für mich Vermischung von Kulturen eine wesentliche Triebfeder des gesellschaftlichen Fortschritts ist – mittel- und langfristig betrachtet. Man könnte mal versuchen, ernsthaft über „kulturelle Aneignung“ zu debattieren, aber weil ich unterstelle, dass Sie das gar nicht ernst, sondern sarkastisch meinen, ist das wohl nicht der Beginn einer wunderbaren Debatte. Die auch hart am „Ethnopluralismus“ – also Rassismus im Schafspelz – entlangschrammen würde. Jedenfalls habe ich die Auflösung weiter oben schon gegeben: Ich gehe bei vielen Dingen nur den halben Weg mit. Ich sehe die Argumente, verhalte mich dazu, aber weise allzu fundamentalistisch erscheinende Prinzipien zurück. Bis mir jemand dafür einleuchtende Argumente bringt. Das ist bisher nicht geschehen zum Thema Iro.

    Mathilde von Tuszien schreibt:
    „Ich hoffe Sie schaffen den Sprung und leben/arbeiten/reden dann wieder unter unverkrampften/freien Menschen.“
    Also, ich empfinde mich als sehr, sehr freier Mensch, ehrlich gesagt. Ich kann tun und lassen, was ich will! Sogar, wenn ich den Wunsch habe, mich zu entschuldigen, kann ich das tun. Das ist die wahre Definition von Freiheit, wenn man so privilegiert ist wie ich, dass man sich sogar dann entschuldigen kann, wenn man weiß, dass hinterher ein paar Dutzend Leute zetern und schimpfen. Wunderbar, meine Freiheit, ich wünsche sie allen anderen auch.

    M. Jenal schreibt:
    „Ich bin bei diesem Thema inzwischen völlig verwirrt, überfordert und genervt.“
    Das ist, ganz ohne jede Ironie, ein sehr wertvoller, wenn nicht: der wertvollste Einwand. Ich habe ihn etwas vermisst in der Diskussion bisher, aber jetzt ist er ja da. Denn natürlich bildet der Wandel in der Sprache den Wandel in der Welt ab und beeinflusst ihn zugleich. Aber: Es erfordert Zeit, Energie und Mühe, diesem Wandel auf der Spur zu bleiben. Das können nicht alle leisten. Sozial Schwächere etwa, die wenig Zugang haben zu Bildung oder aktuellen Wissensressourcen oder die nicht immer in der Lage sind, Debatten zu verfolgen – die können nur schwer über die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Diskriminierung und ihrer Wirkung informiert bleiben. Ich halte es daher für völlig anders gelagert, wenn unabsichtliche (!) Diskriminierung in gesellschaftlichen Sphären geschieht, die ohnehin multipel benachteiligt sind. Und ja, es ist legitim, von der Entwicklung auch außerhalb dieser Sphären irritiert zu sein. Aber meiner Ansicht nach muss genau das produktiv thematisiert werden, in eine gesellschaftliche Debatte überführt werden: Wie kann man das Problem lösen, dass mit dem Netz eine Vielzahl von diskriminierten Gruppen lautstark ein Ende ihre Diskriminierung einfordern – aber es kaum eine Methode gibt, hier einen „verbindlichen Stand“ zu erfahren? Allerdings lege ich hier eben andere Maßstäbe an mich an als an Sie oder Leute aus sozial schwächeren Sphären. Deshalb habe ich mich entschuldigt.

    koedoe schreibt:
    „Man muß sich schon ganz schön anstrengen, um S.L.’s Text und die sich anschließende Debatte nicht für Satire zu halten. Mir ist dieser Unfug keinen weiteren Kommentar wert.“
    Das Satire-Argument habe ich schon weiter oben besprochen – aber es ist hier noch ergänzt. Denn nach der Behauptung „mir ist dieser Unfug keinen weiteren Kommentar wert“ – folgen noch zehn Sätze mit ingesamt 903 Zeichen. Das ist ja nun eindeutig Satire, zu sagen: Ich kommentiere nicht weiter! Und dann noch zehn Sätze. Nebenbei schreibt koedoe auch noch: „Worauf ich allerdings bestehe: Für die Beschreibung meiner Lebensart reicht der Begriff “Mann” vollkommen aus, man lasse gefälligst dieses “cis” weg.“
    Und jetzt bin ich ernsthaft verwirrt, koedoe – Sie wollen mir Vorschriften machen darüber, wie ich zu sprechen habe? Das ist ja Sprachpolizei! Warum darf ich nicht mehr Cis-Mann sagen? Ich will sprechen, wie mir der Schnabel gewachsen ist!

  60. Bei dieser Diskussion denkt man zuerst, der Beitrag sei vom Postillon geschrieben worden und später, dass die Protagonisten in einer Parallelwelt zu Hause sein müssen. In der realen Welt geschieht tagtäglich Furchtbares. Menschen sterben durch Bomben wie im Jemen, Kinder verhungern, Inhaftierte werden gefoltert, Schwule gehenkt und Ihr diskutiert hier ernsthaft darüber, dass Herr Lobo ein (für einige wenige) böses Wort verwendet hat? Im Ernst? Habt Ihr noch alle Tassen im Schrank?

  61. Holger, wir hatte uns doch geeinigt, dass wir erst die Vorkommentare lesen – und dann erst posten. Sie können doch nicht die deckungsgleich selbe Meinung posten wie ein halbes Dutzend Kommentatoren vor Ihnen! Das ist nicht produktiv.

  62. Lieber Herr Lobo
    Danke für ihre eloquenten, überlegten und engagierten Antworten bzw. Kommentare auf die unterschiedlichsten Beiträge. Ich möchte ergänzen, dass mich weniger die unterschiedlichen Geschlechter, ob biologisch oder gefühlt/gelebt stören, sondern, dass ich wie Sie wohl auch anderen Menschen nicht nach ihrem Geschlecht, sondern nach ihrem Charakter, ihren Aussagen und v.a. ihrem Handeln begegnen und dies ihn den Vordergrund stellen möchte.

    Mir ist bewusst, dass es genau darum wohl den meisten Trans- oder intersexuellen Menschen geht, um fixe Einteilungen, Denkmuster, bisher nicht akzeptierte Abweichungen aufzubrechen und sie genau deshalb gezwungenermassen Aufmerksamkeit erregen müssen/wollen, dass es in Zukunft wenigstens in offenen, aufgeklärten Gesellschaften eben tatsächlich keine Rolle mehr spielt und wieder zu einer Banalität und einem Nebenschauplatz werden kann. Dass man dafür wohl auch ein paar immer noch fixe Einteilungen wenigstens auflockern muss/kann (Anrede Herr/Frau, Toilette/Bad, Vereinsgruppen, diverse Einteilungen usw.) müssen Trans- und intersexuelle Menschen wohl weiterhin für eine gewisse Lockerheit darin kämpfen und informieren.
    So lange die für Toleranz Kämpfenden/Werbenden dies entschlossen und kämpferisch aber eben auch nicht zu verkrampft tun, mit einer gewissen Nach- und Rücksicht, Verständnis für Leute, die tolerant und nicht total ignorant sind, aber eben keine Zeit und Lust haben sich in jedes Detail dieser Thematik einzuarbeiten inkl. Begriffe und für ihr eigenes Leben andere Themen stärker in den Mittelpunkt stellen, ist das für mich völlig ok.
    Ihr „Fehler“ wäre mir genauso passiert und ich hätte mich im Zusammenhang eines solchen Auftritts wohl auch entschuldigt. mfg!

  63. Sascha Lobo schreibt: „Ist für Sie wirklich 100% klar, dass sich hinter dem beschriebenen Problem – der Toleranz und Akzeptanz von trans Personen – kein ernsthaftes verbirgt?“

    Für Sie ist offensichtlich zu mindestens 100% klar, dass ausnahms- und unterschiedslos jedes Verhalten, das den Verdacht auf mangelnde Toleranz gegenüber Transpersonen aufkommen läßt, ein Problem von mindestens globalen Ausmaßen ist, sei es die gedankenlose Verwendung eines Wortes, das nicht ganz 100%ig der neuesten Mode der politischen Korrektheit entspricht, oder sei es, dass eine Transperson von intoleranten Menschen halb oder ganz totgeschlagen wird – etwa von gewissen Kulturbereicherern, die Transpersonen als gotteslästerliche Perverse betrachten, die es nach Allahs Willen gar nicht geben dürfte.

    Herr Lobo, ich empfehle Ihnen, umgehend einen Augenarzt aufzusuchen und dort Ihre mehr als schief gerutschte Optik zurechtrücken zu lassen. Vielleicht können Sie dann wieder den Größenunterschied zwischen einem Wasserfloh und einem Pottwal erkennen.

  64. Diese Selbstgeißelung, die den Rahmen jeder Entschuldigung sprengt, WTF?! Ein Schuldbekenntnis wie eine Selbstbezichtigung politisch Inhaftierter in einem Umerziehungslager. Aber genau da sind wir also: Willkommen im Idendity-Gulag!

  65. Sehr geehrter Herr Lobo,

    Sie schrieben oben:
    „Ich entnehme Ihrem Wutschnauben, dass Sie annehmen, es handele sich um eine Art Luxusproblem. Wahrscheinlich – bitte korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege – meinen Sie damit jedwedes Aufbegehren von Seiten der trans Bewegung,“

    Da habe Sie mich offensichtlich missverstanden. Was ich meinte, war schlicht folgendes:

    Ihr seid einfach nur ein dekadenter Haufen von Irren. Wohlstandsverwahrloste.

  66. Seit ich die Diskussion in diesem Forum gelesen habe, ist mir klar, dass Deutschland nicht mehr zu retten ist. Rom, Spätphase, ungefähr noch 20 Jahre bis zum Einfall der Barbaren, die diesem eitlen Spuk ein Ende bereiten.

  67. Michael schreibt: “Das sind fuer mich Schreie nach mehr Aufmerksamkeit. Und nicht nach Gerechtigkeit.”
    Lässt sich das so leicht trennen, wie Sie implizieren? Ich glaube nicht. Sie sind doch vermutlich von einer Seite hierhergeschickt worden, die ständig nach Aufmerksamkeit schreit – weil sie selbst glaubt, eine Ungerechtigkeit erkannt zu haben und dagegen anschreibt und anschreit. Sie selbst kommentieren hier, um die Aufmerksamkeit zu lenken auf ein Thema, das Ihrer Meinung nach falsch läuft. Ich glaube, dass Ihr zentrales Argument damit zerplatzt – wie sollte man sonst Ungerechtigkeit bekämpfen, wenn nicht durch Aufmerksamkeit?

    Ja, es lässt sich trennen: Es gibt wirkliche Probleme, und es gibt einen reinen Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit, und nach Dramadreieck.
    In der Regel gilt: Die, die am lautesten schreien und sich empören, sind keine Opfer, sondern spielen das Dramadreieck. Echte Opfer leiden meistens leise.

    Und ja, ich finde es problematisch, wieviel Aufmerksamkeit und Wirbel um relativ unwichtige Dinge gemacht wird, und so ein aberwitziges Abbild der Realität zu zeichnen versucht wird.

    Wo werden denn TranssexuelleX gefährdet, bedroht, geschädigt, benachteiligt? Jedenfalls nicht häufiger, als andere Gruppen.

    Dieses Sich-als-Opfer-Aufspielen sollte langsam mal genug sein. Sexuelle Freizügigkeit, auch Eskapaden bis hin zur freiwilligen Selbstverstümmelung (von mündigen Erwachsenen) haben meinen vollen Segen als sexuelle Spielart.
    Sie sind aber Privatsache und kein Verdienst, mit dem man hausieren gehen sollte. Und ja, natürlich muss das nicht jeder verstehen oder besonders vorbildlich finden. Jeder nach seiner Façon glücklich werden.

    Häufig geht es aber darum: Aus der Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, und aus dem medial-öffentlichen Versprechen, dass man als trans eine Aufmerksamkeits-Flatrate bekommt, dann tatsächlich sich in die trans Idee immer mehr hineinzusteigern bis zum sich-Verstümmeln. Tragisch.

    Ich sehe das Risiko: Seelisch verletzte, schwache oder desorientierte Menschen werden ermutigt, sich als trans zu „finden“, um endlich die Liebe (Aufmerksamkeit), die sie sich wünschen, zu bekommen.
    Ich kenne zwei, die da durch gegangen sind, und es bitter bereuen und todunglücklich sind. Sie sind Opfer ihrer Fehlentscheidungen und leiden nun leise und setzen sich dabei – als inzwischen echte(!) Opfer – nicht in Szene.

    Der Verfolgungswahn durch irgendwelche weißen Männer oder Männlichkeit ist ein Hirngespinst, das durch keine ernsthafte Statistik belegt wird.

    Wenn irgendjemand hier von irgendjemandem verfolgt wird, dann ist es die heterosexuelle Mehrheit, die auf allen Kanälen gehirngewaschen wird, von (angeblichen?) Vertretern einer trans Minderheit.

    Hierher geschickt wurde ich übrigens vom BildBlog.

  68. Jeder, der Trans-sein explizit ermutigt, fördert, bewirbt, gerade bei Kindern,
    sollte verpflichtet sein, mit gutem Beispiel voranzugehen und selbst trans zu werden.

    Wie kommt das:
    Vertreter einer sexuellen Orientierung sehen sich offenbar in der Pflicht, aktiv eine andere sexuelle Orientierung bzw. Identität zu vermarkten, und das Konvertieren zu dieser mit allerhand expliziten wie auch impliziten Anreizen zu versehen.

    Können Sie die Irritation und das Unbehagen darüber nicht nachvollziehen?

    Zumal diese andere sexuelle Identität (trans) einen schwerwiegenden Einschnitt ins Leben eines beeinflussbaren Menschen bedeutet.

    Ich hoffe, dass besonders sensible, nach Aufmerksamkeit hungernde Menschen, gesunde Wege finden, sich so wie sie sind (d.h. mit ihren Geschlechtsorganen) zu akzeptieren.

    Setzt ihnen keine Flöhe ins Ohr.

  69. Lobo sollte sich als Busse unverzüglich den Sack amputieren lassen. Oder besser noch selber abzwicken, öffentlich. So lächerliche Entschuldigungen sind ja eine empörende Zumutung, das darf er gerne nach seiner Transformation machen, nicht vorher.

  70. Alter! Ich fühle mich an die Moskauer Schauprozesse erinnert, in denen man vielleicht mit Selbstkritik der Todesstrafe entkam, vielleicht. Wenn ich jeden Tag so ein Geschrei vom Stapel lassen würde, wenn man mich mit allen möglichen Verbalinjurien belegt – CisMann, weißer alter Mann, Vergewaltiger (steckt in jedem Mann, sagt die FDP) – würde ich vor lauter Empörung keine entsprechende Arbeitsleistung mehr erbringen und folglich auch keine so hohen Steuern mehr zahlen können. Heult leise, ihr Sensibilchen, mir reichts echt. Und, Lobo, Alter, bist Du jemand mit eigener Meinung oder tust Du nur so?

  71. Dass es um so eine Äußerung einen derartigen Aufschrei samt nachfolgendem Kniefall und wortreicher Debatte gibt, zeigt eigentlich nur, dass eure Wichsliste bereits absurd lang ist.

  72. An die durch Link hergekommenen Neulinge: Ich finde es nach wie vor völlig in Ordnung, dass Sie Ihre Wut hier rauskommentieren. Sie kann hier besser kanalisiert und verarbeitet werden als an anderen Orten und richtet deshalb weniger Schaden an. Erbrechen Sie sich also ruhig weiter.

    Aber ich habe doch eine Frage, die Sie mir beantworten könnten, falls Sie während des sprachlichen Kotzvorgangs noch Nachdenk-Kapazitäten frei haben: Hier betreiben volljährige Menschen nach ihrem Gutdünken Kommunikation, ich sage etwas, bemerke, dass ich damit andere unbeabsichtigt beleidigt habe, bitte um Entschuldigung, darüber wird in verschiedenen Facetten diskutiert.

    Aber Sie scheinen als Drunterkommentierer ein Problem damit zu haben und wollen mir offenbar vorschreiben, wie ich zu denken und zu sprechen habe. Wann ich „Entschuldigung“ sage und wann nicht. Warum genau üben Sie hier den Job der Sprachpolizei aus?

  73. Sehr geehrter Herr Lobo,

    wenn in der Anstalt gelegentlich mal Fenster und Türen geöffnet werden, dann sollten die Insassen sich nicht beklagen, dass es zieht, sondern sich über die frische Luft freuen. Und warum Sie den Kommentatoren, die sich über diesen Irrsinn hier amüsieren, „Wut“ vorwerfen, erschließt sich mir auch nicht. Es nimmt Sie einfach niemand für voll.

  74. Je stärker das Ego ausgeprägt ist bzw. zunimmt, desto wichtiger nimmt man sich, desto verkrampfter, kleinkarierter, humorloser, aggressiver und in seinem stickigen Ich-Kokon eingeschlossener wird man. Die eigenen Themen sind die wichtigsten, die eigene Sichtweise ist die einzig richtige und muss vehement verteidigt werden. Bei mangelnder Anerkennung ist man verletzt und muss sich zurückziehen oder angreifen. Und es müssen immer neue, noch eigentümlichere Themen besetzt werden, um sich noch mehr abzuheben, sich seiner scheinbaren Individualität noch stärker zu versichern. So geht das weiter und weiter. Wie frei ist derjenige, der diesen ganzen Irrsinn nicht mit macht, zumindest einen gewissen Abstand zu seinem Denken und Tun hat und dadurch gelegentlich über sich selbst lächeln und entspannen kann. Vermutlich wird er lachen, wenn er sich wieder dabei ertappt, dass er sich aufregt, dass jemand das Wort She-Male verwendet hat, vor allem wenn er daran denkt, dass er dereinst von dannen gehen wird.

  75. Ich bin keineswegs wütend,
    und kommentiere normalerweise nie zu diesem Thema.
    Diesesmal bin ich vom Bildblog hierher geschickt worden.

    Der Bildblog bietet keine Kommentarfunktion, sonst hätte ich gefragt, was der Blödsinn soll, ob das eine Art Scherz sein soll, oder inwiefern dieser Blogeintrag so relevant ist.

    Wie ist denn das passiert, dass innerhalb weniger Jahre erst die Homosexuellen, und jetzt die Transgender so unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit etablierter Blogs erhalten haben…

    Mit Kopfschütteln grüße ich Sie, und würde mir wünschen, dass mein Feedback Sie mal zum Reflektieren anregt. Aber dieser Zug ist womöglich schon lange abgefahren, da Sie stecken bis zum Hals drin stecken in diesem Zirkus.

    Mehr Zeit und Aufmerksamkeit werde ich diesem Thema zukünftig nicht widmen.

    Ich wünsche allen Beteiligten eine gute Besserung und genießt einfach das schöne Leben.

  76. Obwohl ich dachte, ich wäre informiert, was die Diskurse um trans Menschen angeht, höre ich zum ersten Mal davon, dass das S-Wort beleidigend ist. Auch, wenn ich mich in den Kommentaren wahrscheinlich wiederhole: Tausend Dank für diesen Beitrag und einen weiteren wichtigen Aspekt im Diskurs.

  77. Hallo Sascha, das Thema ist schon ein bisschen länger her, aber ich habe gerade deinen Vortrag bei Deutschlandfunk Nova gehört und kurz davor beim Podcast „Lage der Nation“ auch schon gehört, dass es wohl ein Problem mit dem Begriff gab. Jetzt sehe ich die Entschuldigung und Kommentare hier und finde, dass etwas Wesentliches bei der Diskussion ausgelassen wird. Nämlich die Verbindung von Kontext und wer sich überhaupt angesprochen fühlen soll von dem Begriff.
    Ich verstehe, dass Transleute sich beleidigt fühlen, wenn ihnen Shemale ins Gesicht gesagt wird, oder wenn sie verallgemeinernd so bezeichnet werden. Vollkommen. Aber was du gesagt hast war (ungefähr) „eine lesbische Shemale soll keine Probleme kriegen dafür, wie sie ist“. Und damit sprichst du ja niemanden an oder redest über eine allgemeine Transgruppe, sondern du redest explizit von lesbischen Shemales, also von Leuten, die sich selbst so bezeichnen und diesen Namen mit Stolz tragen. Wenn irgendwer anders sich dann beleidigt fühlt, muss er/sie sich vorher ja erst einmal fälschlicherweise angesprochen fühlen.
    Mir fällt es schwer, einen Vergleich zu finden, das beste das mir einfällt ist: stell dir vor, das Wort wäre „Nutte“ gewesen, und die Aussage sowas wie „Ich will, dass eine Nutte auf der Straße keine Angst haben muss.“ Und dann kommen ganz normale Nicht-Sexarbeiterinnen und beschweren sich, dass „Nutte“ eine Beleidigung für Frauen sei. Das stimmt, aber nur in einem bestimmten Kontext, und der tatsächliche Kontext macht doch klar, dass es nicht um Frauen allgemein geht und diese kein Recht haben sich angesprochen zu fühlen! Sexarbeiterinnen hingegen haben eher kein Problem mit solchen Begriffen, solange sie nicht bösartig gemeint sind.
    Es gab übrigens schonmal zu dem Wort Shemale einen Aufschrei, und zwar bei RuPaul’s Drag Race, would RuPaul den Begriff verwendete. Ich habe da Meinungen von vielen Transleuten gelesen, die gesagt haben: es war nicht böse gemeint, RuPaul ist offensichtlich ein Ally, und die Verwendung ist daher kein Problem (und im Kontext sogar ziemlich lustig). Außerdem „gehöre“ der Begriff ja eigentlich nicht den Transgender-Leuten, sondern passt eigentlich viel besser auf Drag Queens und deren Spiel mit Geschlecht. (Die Pornoindustrie hat den Begriff ja verwendet, bevor Transgender ein Mainstreamding wurde, und hat es entsprechend auch gar nicht als sexualisierte Beschreibung von Transgender benutzt.)
    Das sind meiner Meinung nach entscheidende Punkte. Du hast nicht alle Transleute als Shemales bezeichnet, sondern du hast von Leuten gesprochen, die sich (manchmal) so bezeichnen würden. (Manchmal, weil sowas eben auch da immer vom Kontext abhängt, genau wie ich je nach Kontext „Schwanz“ oder „Penis“ sage.)
    Und nebenbei, klar dürfen sich Männer auch echauffieren, wenn sie Cis genannt werden. Den Begriff habe ich häufiger ausgrenzend und beleidigend wahrgenommen als nicht. Und der Deal, den hier manche machen wollen, ist glaube ich: wenn ich so sehr darauf achten soll, was ich sage, dann sollen auch Transleute aufhören, mich Cis zu nennen. Weil Cis ganz klar für viele keine Selbstbezeichnung ist, sondern etwas aufgedrücktes. Deswegen finde ich deine Antwort auf diese Kommentare etwas schwach, zumindest wenn das Ziel ist ein tatsächliches Gegenargument zu bringen. Diese Männer da wollen dir ja gar nicht vorschreiben, wie du sie nennen sollst, sie wollen nur, WENN sowas gemacht wird, dass jeder gleich behandelt wird und Männer sich nicht als Cis-Mann bezeichnen lassen müssen. In meiner idealen Welt lassen wir alle Leute sagen, was sie wollen, achten dabei auf den Kontext und beschweren uns nur dann, wenn wirklich eine böswillige Beleidigung auftritt und wenn wir auch definitiv damit gemeint sind.

  78. Ich bin seit Jahren in queeren Kreisen unterwegs und meist dient „cis“ einfach nur als Eigenschaftswort ähnlich wie trans. Für mich sind Männer einfach Männer, egal ob cis, inter* oder trans. Ich kenne sehr viele trans Männer die auf dieses „trans“ sehr gerne verzichten, auch weil sie mit der Vergangenheit mit dem falsch zugewiesenen Geschlecht endlich abschließen wollen. Daher entscheiden sich viele trans Personen dazu stealth zu leben, d.h. sich nicht zu outen. Leider steht bei einem Outing dann oft der trans Aspekt im Vordergrund und man wird nur noch als die trans Frau oder der trans Mann angesehen, statt einfach als Frau bzw. Mann. Wenn Shemales sich selbst als solche identifzieren habe ich damit keinerlei Problem. Selbstidentifikationen sind wichtig, auch sein eigenes Selbst zu beschreiben. Schlimm wiederrum sind Fremdzuweisungen. Gerade wenn man für seine Identität, etwas was für viele so selbstverständlich wie atmen ist, ein Leben lang kämpfen musste.

  79. In Südost-Asien gibt es schon seit Jahrzehnten enorm viele Ladyboys und sie haben überhaupt nichts gegen weisse Männer.
    Auch nichts dagegen, von solchen als Shemale oder Ladyboys bezeichnet zu werden. Das ist denen sowas von schnuppe.

    Die verletzenden Auswirkungen der weißen männlichen Toxizität scheinen also auf weiße Transgender begrenzt zu sein.

    Ist diese Sensibilität nun genetisch, kulturell oder einfach nur politisch bedingt?

    Ist mir zum Glück völlig egal. Ich mag und respektiere die Ladyboys. Und sie mich. Das ist alles was für mich zählt.

    Diese pseudodramatische, westliche Debatte passt nicht in mein Weltbild

  80. Also was den shemale Begriff aus der porno und Sex Industrie angeht, so differenziere ich:

    Die transen, die sich sehr sexy provozierend anziehen und die sehr attraktiv sind,
    Die nenne ich auch gerne shemale. Das ist ja das etikett wie sie sich präsentieren und das ist ja auch gewollt.

    Die unattraktiven versuche ich gar nicht erst gross zu adressieren. Und wenn dann versuche ich sie als Mensch zu sehen, weil ich diese sexuell eher abstoßend finde.

    Das kann man vergleichen mit dem Grad an Fettleibigkeit.

    Einen durchtrainierten Menschen, auch Mann, wuerde ich durchaus im passenden Kontext als knackig oder bezeichnen und der wird sich freuen auch wenn er mal als lecker bezeichnet wird. Das ist ja eigentlich auch herabwuerdigend, da derjenige ja kein Essen darstellt.

    Aber fettleibige, also kranke Menschen kommentiere ich nicht weiter.
    Das sind dann aber die einzigen die sich über die Sexualisierung des Körpers aufregen.

    Ich denke bei transsexuellen ist es dasselbe. Die, die sich aufregen, tun dies oft aus Mangel an Aufmerksamkeit.

    Wenn sie selber als sexy shemale durchgehen wuerden, hätten sie andere Interessen und Beschäftigung und Aufmerksamkeit genug.

    Es mag natürlich Ausnahmen von dieser von mir vermuteten Regel geben. Aber ganz allgemein denke ich, haut das so hin.

  81. Danke Sascha, dass DIR das passiert ist und ich einiges lerne konnte, ohne mich selber aufs Glatteis bewegt zu haben. Ein Vorbild an Genauigkeit und Aufarbeitung – und eben das entscheidende Bisschen mehr als ein einfaches „Sorry“. Ich befürchte nur, dass Deine ganze Publizität in der Wirkung ein Witz ist gegen das dumpfe Getöse von rechts. Aber wie sagte schon der große Oliver Kahn? „Immer weiter!!!“

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