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Die vielen Formen des Netz-Antisemitismus

Ob im Web oder in sozialen Netzwerken, digitaler Judenhass ist keine Seltenheit. So neu die Medien sein mögen: Meist nutzen Antisemiten auch online altbekannte Rechtfertigungsmuster.

„Das klassische Phänomen des Antisemitismus nimmt aktuelle Gestalt an. Die alte besteht weiter, das nenn ich mir Koexistenz“, schrieb der Holocaust-Überlebende Jean Améry 1969 in „Der ehrbare Antisemitismus“.

Diese Koexistenz hat sich ausgeweitet. In Deutschland ist unter anderem ein muslimischer Antisemitismushinzugekommen, der weit über islamistisch-extremistische Zirkel hinausgeht. Auf Facebook gehört bei verstörend vielen deutschsprachigen Leuten mit türkischen oder arabischen Namen Israel-bezogener Antisemitismus zur Gemeinschaftsstiftung. Natürlich nicht nur dort. Vom Genre der „Israel-Kritik“ über völkische Judenfeindlichkeit bis zur stumpfen Globalisierungs- und Kapitalismuskritik reicht das Spreizfeld des Netzantisemitismus.

So unterschiedlich die Absender digitalen Judenhasses, so sehr ähneln sich ihre Instrumente. Soziale Medien sind Fenster in die Köpfe, beim Kommentieren wird die Verfertigung der Gefühle und Gedanken sichtbar, häufige Schlagworte, sich ähnelnde Denkfiguren, wiederkehrende Argumentationsmuster. Die netztypischen Antisemitismen sind selten völlig neu, aber einige entfalten in sozialen Medien besondere Wucht, auf einschlägigen Facebook-Seiten und Twitter ebenso wie in den Nutzer-Kommentaren redaktioneller Medien. Eine unvollständige Auflistung der häufigsten und wirksamsten Mechanismen:

  • Verschwörungstheorien

Nicht alle Verschwörungstheorien mögen antisemitisch motiviert sein – aber fast alle lassen sich antisemitisch wenden. Und so steht im Zentrum des Social-Media-Antisemitismus meist die Verschwörungstheorie. Adorno schrieb: „Der Antisemitismus ist das Gerücht über den Juden.“ Und Gerüchte plus soziale Medien verdicken sich zur Verschwörungstheorie. Die Funktion antisemitischer Verschwörungstheorie im Netz ist, sich und die Welt als „Opfer der Juden“ sehen zu können.

Damit soll „Selbstverteidigung“ legitim erscheinen: Man attackiert Juden nicht, man wehrt sich bloß. Eine imaginäre Verteidigungssituation als Generalrechtfertigung für Judenhass. Verschwörungsmeme, einzelne Behauptungen, werden in verschiedenen Varianten wiederholt, etwa der links, rechts und islamisch funktionierende Klassiker „jüdische Weltverschwörung“. Weil Weltherrschaft das absolute Machtmaximum darstellt, lassen sich so auch eine milliardenstarke Gruppe von Menschen samt der dazugehörigen Länder problemlos als Opfer betrachten.

  • Codierung und eindeutige Uneindeutigkeit

Verschwörungstheorien sind so präsent, dass sie oft mit einzelnen Schlagworten verbreitet werden: Mit „USrael“ etwa (USA und Israel) wird angedeutet, die „wahren Herrscher“ der USA seien Juden. „NWO“ (New World Order) – auf den judenfeindlichen (gefälschten) „Protokollen der Weisen von Zion“ beruhend – geht in eine ähnliche Richtung. Solche Andeutungen und Codierungen sind netztypisch, und sie haben eine problematische, neue Begleitwirkung: So wird es in sozialen Medien einfach, antisemitische Inhalte nebenbei zu transportieren – sogar ohne es zu bemerken oder zu verstehen.

Da – übrigens auch und gerade von Muslimen auf deutschsprachigen Seiten – Antisemitismus nicht selten benannt und gekontert wird, entsteht aus Unbedarftheit Futter für die antisemitische Erzählung, Leute würden grundlos als Antisemit hingestellt. Die Social-Media-Variante der berüchtigten „Nazi-Keule“. Das ist ein beabsichtigter Nebeneffekt der Codierung, der Antisemitismus in sozialen Medien so komplex und gefährlich macht: die eindeutige Uneindeutigkeit, in den USA „Hundepfeifen-Politik“ genannt. Denn so wird der praktizierende Antisemit von den Seinen verstanden, kann sich aber stets herausreden, es nicht so gemeint zu haben, missverstanden worden zu sein oder den antisemitischen Unterton schlicht leugnen. Für diese Codierung existiert nach Art des Netzes eine bildsprachliche Welt, von der „Finanzkrake“ über „jüdische Menschenfresser“ bis zum Bild des „Brunnenvergifters“.

  • Definitorische Abwehr

Weil sich selbst Antisemiten selten gern als Antisemiten bezeichnen lassen, findet oft eine definitorische Abwehr statt: Argumente, warum man nun wirklich kein Antisemit sein könne. Die „jüdischen Freunde“ als Klassiker kommen auf Facebook seltener vor, Herzstück der definitorischen Abwehr ist Einengung des Begriffs auf eine Weise, dass nur noch der Holocaust und Adolf Hitler persönlich als antisemitisch identifiziert werden. In Teilen. Alles andere gilt diesen Leuten nicht als Antisemitismus, sondern bewirkt eine absurde Gegenattacke von M.-C.-Escher-hafter Logik: „Wer mich als Antisemiten bezeichnet, verharmlost die wahren Antisemiten (Hitler) und ist deshalb selbst Antisemit.“ Einem Piraten gebührt die zweifelhafte Ehre, hierzu einen ewigen Tweet verfasst zu haben: „ok. ich bin also antisemit, weil ich […] den juden an sich unsympathisch finde“. Nun – ja.

  • „Jüdische Personalisierung“

Weil in sozialen Medien Personen besser funktionieren als Institutionen oder Gruppen, ist der alte Mechanismus der „jüdischen Personalisierung“ so wirksam. Baron Rothschild steht dann für das gesamte Judentum. In einer neuen Variante ist es George Soros. Wie die meisten Superreichen (vgl. Bill Gates, Warren Buffet) ist auch Soros philanthropisch aktiv – was ihm jedoch antisemitisch als „jüdische Manipulation“ ausgelegt wird. Manchmal reicht ein hingeworfenes „Soros“, um für das jeweilige Publikum vermeintlich alle Details zu erklären: jüdische Weltverschwörung per Finanzierung durch Soros. „Jüdische Personalisierung“ zieht sich bis ins Umfeld des US-Präsidenten. Kampagnen-Sprecherin Katrina Pierson verbreitet, dass Soros die Frauen finanziere, die Trump sexuelle Belästigung vorwerfen: „Jetzt ist alles klar“. Auch der Name von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wird für diese „jüdische Personalisierung“ missbraucht. Wobei er gleichzeitig als Argument und Symbol für eine unterstellte „jüdische Zensur“ und „jüdische Meinungskontrolle“ steht.

  • Israel = Juden = Israel

Als mit Abstand häufigste muslimische Variante des Antisemitismus erscheint der Israel-bezogene Antisemitismus. Auch hier findet in sozialen Medien eine Codierung statt. Meist ist die Rede vom Hass auf „Zionisten“ – es wird aber faktisch selten ein Unterschied zwischen Zionisten, Israelis und Juden gemacht. Mit einer funktionalen Ausnahme: Wenn jüdische oder vermeintlich jüdische Zeugen gegen Israel aufgeboten werden. In sozialen Medien wirkt die Gleichsetzung in beide Richtungen, Juden sind Israel und Israel ist jeder Jude. So werden auch Drohungen mit offener Gewalt gegen Juden im Netz gerechtfertigt: Eine Person mit Kippa wird zum Repräsentanten Israels und der israelischen Regierung umgedeutet.

  • Israelkritik und „Israelkritik“

Symptomatisch für die digitale Öffentlichkeit hat der Begriff „Chinakritik“ 565 Google-Treffer, „Türkeikritik“ kommt auf 1.040, „Israelkritik“ bringt es auf 140.000 Treffer. Natürlich könnte Israel auch ohne antisemitische Untertöne kritisiert werden (ob Israelkritik ausgerechnet aus Deutschland moralisch zwingend ist, ist eine andere Frage). Aber neben einer Israel-Fixierung ist ein wiederkehrendes Muster, dass Israel vorgeworfen wird, was anderswo niemanden aufregt.

Dieses Messen mit zweierlei Maß ist Kern einer Vielzahl vermeintlicher Israel-Kritiken, ein Klassiker des Antisemitismus. Die im Netz starke, antisemitische Bewegung BDS instrumentalisiert das sehr geschickt. In deutschnationalen Kontexten lodert der Judenhass ebenfalls oft als Israel-Kritik hervor. Manchem deutschen Gericht gilt groteskerweise auch ein Anschlag auf eine Synagoge als „Israelkritik“. Ähnlich verhält es sich mit einigen unappetitlichen Sphären der deutschen Linken, wo eine Hassgemeinschaft mit den palästinensischen Antisemiten der Hamas zelebriert wird. „Kindermörder Israel“ taugt dort als Netzslogan, was der uralten, antisemitischen Erzählung des kindermordenden Juden entspricht.

  • Imperialismus-, Globalisierungs- und Kapitalismuskritik

Rechter wie linker Antisemitismus setzt auch im Netz auf das bewährte Rezept, Juden seien (inzwischen) die eigentlichen Unterdrücker, und zwar nicht nur militärisch in Israel, sondern auch finanzwirtschaftlich durch angebliche jüdische Kontrolle der Banken.

Begriffe wie „Finanzelite“, „Versklavung“ oder „Zinsknechtschaft“ vermengen das Unbehagen mit dem Kapitalismus mit diffusen Verschwörungstheorien, die dann antisemitisch aufgelöst werden. Hier ist im Netz ein merkwürdiger Kristallisationspunkt – linker, rechter und islamistischer Judenhass sind in der Kapitalismus- und Bankenkritik vereint. Teilweise werden identische Wort-Bild-Kombinationen und Videos verbreitet.

  • Holocaust-Umdeutung

Trotz der linken und der islamischen Varianten des Antisemitismus halte ich den klassischen, rechtsextremen Judenhass im Netz für den häufigsten. Als „sekundären Antisemitismus“ bezeichnet man die Haltung, Juden nicht trotz, sondern wegen Auschwitz zu hassen. Deshalb ist für den rechtsextremen Netz-Antisemitismus der Holocaust der wichtigste Bezugspunkt. Nicht zufällig handelte Höckes „Schandmal“-Rede davon, der häufigste Netzbegriff dazu heißt „Schuldkult“.

Das ist doppelt vergiftend, denn es kann für nach 1945 geborene Deutsche nicht um persönliche Schuld gehen, sondern um Verantwortung. Gleichzeitig wird so die Notwendigkeit eines „Schlussstrichs“ transportiert. „Irgendwann muss auch mal gut sein“, lautet sinngemäß die häufigste Einlassung rechtsextremer Antisemiten in sozialen Medien.

Erinnerungsabwehr ist der psychosoziale Fachbegriff, und sie funktioniert auch durch die Betonung vorgeblicher Gräueltaten Israels. Das Gefühl der Schuld Deutschlands am Holocaust soll reduziert werden durch die Konstruktion der früheren Opfer zu heutigen Tätern. Im Netz haben sich längst verschiedene, manchmal auf gruselige Weise spielerisch vorgetragene Arten der Holocaust-Umdeutung etabliert: Leugnung, Relativierung, Verharmlosung und sogar Holocaust-Begrüßung.

Natürlich ist Netz-Antisemitismus kein von der Gesellschaft losgelöstes Phänomen. Aber er offenbart zugleich eine verbreitete antisemitische Grundierung und kann menschenfeindliche Stimmungen bis in die Kohlenstoffwelt hinein verstärken. Und wenn dieses Land, Deutschland, irgendeine Lehre aus der Geschichte ziehen muss – dann ist es, sich jedem Antisemitismus offensiv entgegenzustellen.

Dem auf der Straße, dem im Netz und dem in den Köpfen. Egal welcher Haarfarbe.

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