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Die Blase, die bleibt

Bitcoin ist nur deshalb so viel wert, weil so viele Menschen daran glauben, dass Bitcoin so viel wert ist. Die Krypto-Währung ist nichts anderes als das jüngste, digitale Gesicht des Kapitalismus.

Der DHL-Erpresser fordert zehn Millionen Euro – in Bitcoin. Das ist zwar nicht überragend clever, weil Bitcoin nicht so anonym funktioniert, wie Laien glauben. Aber es passt perfekt in die gegenwärtige Stimmung: Das Digitalgeld Bitcoin vermittelt einen Aufbruch zwischen Gründerzeit, Goldrausch und absurder Blase.

Venezuela möchte eine eigene Krypto-Währung einführen, den “Petro”. Liest man so, flankiert von ähnlich merkwürdigen Meldungen wie: Im Mai 2010 kaufte ein Mann zwei Pizzen für 10.000 Bitcoin, zu Nikolaus 2017 entspricht das rund 125 Millionen Dollar. Wenn Sie 2011 nicht geriestert sondern gebitcoint hätten, wären Sie jetzt Milliardärin.

In der Sekunde aber, wo man sich zu einem solchen Gedanken hinreißen lässt, hat man – ohne es zu bemerken – nicht nur die Essenz von Bitcoin verinnerlicht. Sondern auch die Essenz des Kapitalismus selbst. Denn die Krypto-Währung Bitcoin, ermöglicht durch die dahinterstehende Technologie Blockchain, ist nichts anderes als das jüngste, digitale Gesicht des Kapitalismus. Das Wichtigste und zugleich Definierende an Bitcoin ist nämlich, dass ausreichend viele, ausreichend wohlhabende Leute an den Wert der Krypto-Währung glauben.

Alles Vereinbarungssache

Bitcoin ist primär kein digitales Phänomen, sondern ein marktpsychologisches. Wer heute, im Dezember 2017, Bitcoin kauft, hofft, dass in Zukunft eine andere Person der gekauften, kryptografischen Zeichenkette ähnlich großen oder besser noch größeren Wert beimisst. Das ist alles.

Trotzdem muss man den technischen Hintergrund verstehen, um Bitcoin, die inzwischen über 1000 Krypto-Währungen und die Folgen für die Welt insgesamt einschätzen zu können. Das mikronesische Atoll Ulithihilft dabei. Dort existiert seit mutmaßlich fast 1000 Jahren eine Währung namens “Rai”, riesige Steinmünzen mit einem Gewicht von bis zu fünf Tonnen. Das schränkt die Mobilität etwas ein, weshalb die meisten Steinmünzen einfach liegen gelassen werden, auch wenn sie den Besitzer wechseln. Auf den ersten Blick mag das widersinnig erscheinen, tatsächlich aber haben die Einwohner von Ulithi sehr clever die Virtualität von Währungen vorweggenommen: alles Vereinbarungssache.

Denn wichtig ist nicht, wo eine Steinmünze liegt, wer sie also dinglich kontrolliert – sondern wem sie gehört. Diese Information und jede Änderung daran aber wird durch schlichtes Weitererzählen über das ganze Atoll verbreitet. Die Dorfältesten haben die Aufgabe, sich zu merken, wem welche Münze gehört. Deshalb ist Rai vergleichsweise sicher, denn vielleicht irren mal ein oder zwei der Dorfältesten darüber, wem eine Münze gehört. Aber alle gleichzeitig dürften kaum auf die gleiche Weise falsch liegen: Kontrolle durch Vernetzung und Redundanz.

Die schiere Kraft der Vernetzung

Etwa so funktionieren Krypto-Währungen. Es gibt keine Stelle wie eine Zentralbank, die über Regeln und Zahlungsverkehr wacht. Stattdessen gibt es ein dezentral ausgeführtes Protokoll, das (etwas vereinfacht gesprochen) jede Transaktion mathematisch mit allen bisherigen Transaktionen verknüpft. Blockchain ist eine Dezentralisierungstechnologie, bei der Kontrolle nicht durch eine Institution wie eine Bank ausgeübt wird, sondern durch Informationen. Weil die sich automatisch an alle Teilnehmer verbreiten, ist – theoretisch! – Krypto-Währung vergleichsweise sicher. Einen Eintrag in einer Datenbank kann man fälschen, Millionen gleichlautende Einträge in Millionen dezentral verteilten, öffentlichen Datenbanken lassen sich kaum fälschen.

Dieses Konzept funktioniert nicht nur für Währungen: 2008, im gleichen Jahr wie Bitcoin, wurde eine vernetzte Software namens “Ushahidi” entwickelt, eine Plattform, die helfen soll, in Krisensituationen wie Unruhen den Nachrichtenüberblick zu bewahren. Die Idee ist, dass sich zwar ein paar Filme und Fotos von einem Ereignis fälschen lassen – aber nicht Hunderte, Tausende Filme und Fotos von Smartphone-bewehrten Leuten aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Genau das macht das Netz aus.

Hinter der Blockchain-Technologie steht deshalb nichts anderes als die schiere Kraft der Vernetzung. Das lässt sich auch daran erkennen, dass Blockchain die Möglichkeit zu radikaler Transparenz beinhalten kann. Bei Bitcoin zum Beispiel lässt sich jede Transaktion seit Beginn von jedem nachvollziehen, und jedes Konto kann auf seinen Kontostand von außen überprüft werden (man kann bloß schwer sagen, wem genau ein Konto gehört). Wir erleben die Macht der vernetzten Dezentralisierung, derzeit in der Gestalt des Bitcoin-Hypes. Und wie bei jeder anderen Macht wohnt dieser trotz aller Chancen eine Reihe von Problemen inne.

Jeder hat Zugriff auf eine sehr, sehr langsame Geldpresse

Es beginnt damit, dass allein das größte Krypto-Währungssystem Bitcoin (nach einer Experten-Berechnung) derzeit soviel Energie benötigt wie Nigeria, Tendenz steigend. Das ist Absicht: In Ermangelung einer Zentralbank geschieht bei Bitcoin auch die Geldausgabe dezentral, nämlich durch Rechenleistung. Denn bei Bitcoin hat jeder Teilnehmer Zugriff auf eine eigene Geldpresse. Damit nicht jeder seine eigene Blockchain erzeugt, aber auch niemand sich zu einer Zentralbank aufschwingen kann, funktioniert sie nur sehr, sehr langsam.

Der Erfinder der Bitcoin-Software (eine Art Phantom mit dem Namen Satoshi Nakamoto) hat in seine Software eingebaut, dass vom Computer ungeheuer komplexe mathematische Aufgaben gelöst werden müssen, um Transaktionen in die Blockchain zu schreiben und neues Geld zu erschaffen (dieser Prozess nennt sich “Mining”). Und diese Rechenleistung kostet enorm viel Energie. Inzwischen lohnt sich das finanziell nur noch für ganze Server-Landschaften.

Auch wenn sie sich bisher nicht flächendeckend durchgesetzt haben, existieren für das gegenwärtige Energieproblem von Bitcoin bei anderen Krypto-Währungen bereits Lösungen, etwa mit Nachfolge-Technologien. Aber eine andere Bedrohung könnte größer werden. Die Hoheit über Geld ist eines der wichtigsten Macht-Instrumente von Staaten. Wenn aber wie bei Bitcoin statt einer staatlichen Kontrollinstanz nur das Netz selbst als Kontrollmechanismus funktioniert, dann gibt es zwar unleugbare Vorteile für den Einzelnen, wie etwa die finanzielle Unabhängigkeit von Regimes. Aber Technologie fragt selten nach dem rechtsstaatlichen Status seiner Verwender.

Die europäischen Demokratien haben schon arge Probleme damit, Plattformen wie Google, Facebook und Amazon sinnvoll zu regulieren. Mit einer dezentral vernetzten, auch als Plattform betrachtbaren Technologie wie Blockchain kann sich das Problem potenzieren. Wer Regulierung grundsätzlich für Teufelszeug hält, hat einen neuen, machtvollen Verbündeten. Zugleich droht ein Netzwerkeffekt, denn es kann ein Krypto-Darwinismus entstehen, wo das Recht der Stärkeren gilt.

Man muss sich leisten können, sein Geld nicht auszugeben

Eine Folge davon ist so offensichtlich, dass man sie kaum wahrnimmt. Bitcoin wird zwar als Währung bezeichnet – aber wer diese Währung heute für ihren ureigensten Zweck der Bezahlung verwendet, dürfte bekloppt sein. Warum sollte man irgendeine Ware mit Bitcoin bezahlen, wenn das Geld übermorgen doppelt so viel wert sein könnte? Krypto-Darwinismus bedeutet deshalb, dass man es sich leisten können muss, sein Geld genau jetzt nicht auszugeben.

Der gegenwärtige Bitcoin-Hype beruht auf der Entscheidung ausreichend vieler Bitcoin-Besitzer, in Bitcoin keine Währung, sondern ein Spekulationsobjekt zu sehen. Eine gigantische Aufmerksamkeitswelle hat dafür gesorgt, dass immer mehr Leute daran glauben: Mit Bitcoin kann man schnell reich werden! Wer hier Elemente eines Piloten-Spiels erkennt, hat zugleich recht und unrecht. 

Bitcoin, Ethereum und die vielen Hundert anderen vergleichbaren Anwendungen sind in der Tat eine Blase – aber eine Blase, die strukturell bleiben wird. Das bedeutet allerdings explizit nicht, dass sämtliche Krypto-Währungen überleben und die Kurse ewig steigen. Schon wegen der überraschend großen Abhängigkeit vom globalen Finanzsystem.

Ein paar einzelne Entscheidungen chinesischer Finanzwächter oder großer Investmentbanken könnten den Wert von Bitcoin massiv reduzieren – oder auf das Kursziel 100.000 Euro pushen. Das extrem große Potenzial der Technologie hinter Krypto-Währungen lässt sich unter anderem an einer Eigenschaft erkennen, die unter dem Schlagwort “Smart Contracts” verhandelt wird: Verträge zwischen Geschäftspartnern können schnell, automatisiert und (einigermaßen) sicher ohne Notar oder zentrales Register abgewickelt werden. Aber solche Potenziale sind im Moment ökonomisch betrachtet fast irrelevant. Denn genau jetzt zeigt der Superhype um Bitcoin, wie der Kapitalismus selbst funktioniert. “Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie”, soll Ludwig Erhard gesagt haben. Manchmal sind es auch 100 Prozent.

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