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Müssen wir das schlucken?

In den USA ist eine Tablette zugelassen worden, die per Sensor meldet, dass sie eingenommen wurde. Solche Innovationen zeigen: Die Digitalisierung wird jetzt auch körperlich.

Am Montag, den 13. November 2017, hat sich die Welt verändert. Ein bisschen nur, dafür gleichzeitig auf revolutionäre, höchst effizienzversprechende und auch gruselige Weise: Das erste digitale Medikament der Welt wurde in den USA zugelassen.

Digitalisierung und digitaler Wandel sind häufig genutzte und wenig greifbare Begriffe, aber manchmal funkelt aus dem Fluss der vernetzten Veränderung etwas Greifbares, Großes heraus. Jetzt gab es so einen Moment. Die Firma Proteus hat einen sandkorngroßen Sensor entwickelt, der in jede einzelne Tablette eingebracht wird. Bei Kontakt mit Magensäure entsteht ein Impuls, der über ein auf die Haut geklebtes Pflaster ein Signal ans Smartphone und von dort auf die Server von Proteus und zum Arzt sendet: Jawohl, ich, die digitale Tablette Nummer 05/18, bin von der richtigen Person zum passenden Zeitpunkt in der korrekten Dosierung eingenommen worden.

Als erstes digitales Medikament wurde ausgerechnet eine Tablette ausgewählt, die unter anderem gegen (paranoide) Schizophrenie verschrieben wird. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie ein Arzt einem solchen Patienten erklärt, dass er gegen seinen Verfolgungswahn doch bitte künftig eine Tablette mit einem vernetzten Sensor herunterschlucken möchte – zur besseren Überwachung seines Verhaltens. Ein Medikament gegen das Gefühl des Überwachtwerdens überwacht die Patienten – das ist nicht die Ironie, sondern der Sarkasmus des Schicksals.

Auf die digitale Vermessung folgt die digitale Diagnostik

Der Grund für die Auswahl ausgerechnet dieses Medikaments ist: Solche Patienten entwickeln oft ein so großes Misstrauen gegen ihre Ärzte, dass sie ihre nebenwirkungsintensiven Tabletten nicht mehr nehmen möchten. Dass sensorgespickte Funkpillen bei Paranoikern das Vertrauen ins Gesundheitssystem erhöhen, erscheint aus der Halbdistanz als sehr mutige These.

Aber trotz der mittleren Gruseligkeit dieser Technologie handelt es sich um einen Vorgeschmack auf die Gesundheit der Zukunft. Denn die wird geprägt sein von neuen Sensoren, die neue Datenströme auf neue Arten auswerten. Auf die digitale Vermessung des Körpers folgt die digitale Diagnostik etwa mithilfe künstlicher Intelligenz, die das Verständnis von Gesundheit dramatisch verändern wird. Und schließlich die Behandlung, die soeben einen höchst wirksamen, digitalen Aspekt bekommen hat. Der sich mit der kommenden, datenbasierten Individualisierung der Medizin vereinigen wird.

Die digitale Sphäre dringt in die Körper ein

Über die sanfte Irritation eines verschluckten Sensors hinaus ist die Datenpille vor allem ein Vorbote der Verschmelzung des Körpers mit der digitalen Sphäre. Heute spricht man in einer Mischung aus Faszination und Furcht von „Cyborgs“, Mischwesen aus Mensch und Maschine. Sie erscheinen exotisch, unerhört, „transhuman“. In zehn Jahren werden in den reichen Industriestaaten die meisten Leute Cyborgs kennen – oder selbst einer sein. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan sprach in den Sechzigerjahren von Technologien und speziell von Medien als „extensions of man“, Erweiterungen des Menschen.

Im 21. Jahrhundert muss man über „intrusions of man“ nachdenken, Technologie drängt mit Macht erst an und dann in die Körper. Eine so langsame wie stetige Bewegung lässt sich erkennen: Vor zwanzig Jahren saß man an einem Schreibtisch, das digitale Gerät auf Armlänge entfernt. Vor fünfzehn Jahren begann die Zeit des Laptops, den man auf dem Schoß bedienen kann. Vor zehn Jahren wanderte das Internet mit dem Smartphone in die Handfläche. Vor fünf Jahren begannen sogenannte Wearables wie Smart Watches, ständigen Hautkontakt herzustellen. Und jetzt wird die digitale Sphäre in den Körper eindringen. Auch flächendeckend, als Normalität. Das Netz kommt uns immer näher, die Digitalisierung wird körperlich.

Ray Kurzweil, im Nebenberuf Director of Engineering bei Google, im Hauptberuf digitales Orakel, prophezeit, dass die Menschen in den 2030ern Nanoroboter im Gehirn tragen werden, die wiederum direkt mit dem Netz verbunden sind. Man könnte das leicht als großsprecherische Spinnerei abtun, aber ein paar Journalisten haben ausgerechnet, dass Kurzweil seit den Neunzigern knapp 150 Vorhersagen über die digitale Welt geäußert hat, von denen sagenhafte 86 Prozent früher oder später eingetroffen sind. Wenn es wirklich so weit kommen sollte, würde ich mich persönlich am meisten auf die Pressemitteilung freuen, die der Präsident des Lehrerverbands zum Thema „Vernetzte Nanoroboter im Gehirn an deutschen Schulen“ per Fax verschicken wird.

Gesundheit wird zum digitalen Lifestyle

Die beschleunigte Digitalisierung des Körpers hat einige absehbare und vermutlich eine Vielzahl kaum überschaubarer Folgen. Leicht könnte man in die deutschwohlige, kulturkritische Position abgleiten, dass enorm bösartige, außerordentlich amerikanische Riesendatenkonzernen uns alle in die Verbindung unserer Körper mit der digitalen Sphäre zwingen. Doch diese Sichtweise unterschätzt, dass Leute selbst die Treiber der digitalen Körperlichkeit sein werden.

Ein konkretes Beispiel: die Millionen passionierten Sportler, die regelmäßig alle möglichen Vitaldaten von sich selbst erheben. Vielleicht noch in mittlerer Qualität, aber die Technologien kommen nicht nur näher, sie werden auch besser. Die Ärzteschaft wird es sich nicht mehr lange leisten können, diesen Datenschatz zu ignorieren. Patienten werden ihre Ärzte danach auswählen, ob sie mit den vorhandenen selbst erhobenen Daten etwas anfangen können. Und es werden immer mehr Daten in immer besserer Qualität. Noch nie gab es so viele, so aktuelle, so umfassende Vitaldaten von so vielen Leuten. Und sie werden verwendet werden. Man kann hier nicht einmal mehr sinnvoll von Patienten sprechen, denn längst verschwimmen Nutzerdaten und Patientendaten miteinander. Gesundheit ist zu einem digitalen Lifestyle geworden.

Der Wunsch nach Erkenntnis über sich selbst

Seit Anfang 2017 verkauft Apple auf der eigenen Seite das Blutzuckermessgerät One Drop. Es wirkt wie von scheitelbärtigen Hipstern designt, aber es wird mutmaßlich eher von Diabetikern verwendet. Im Mai dieses Jahres wurde Tim Cook gesichtet mit einem Gerätchen, mit dem sich in Verbindung mit der Apple Watch der Glukosegehalt des Blutes messen lassen soll – ohne Bluttropfen. Sofort erweitert sich der Markt von Sportlern über Diät- und Ernährungsinteressierte bis hin zu besorgten Eltern: flächendeckende Blutzuckerdaten.

Im Oktober hat Apple ein Patent genehmigt bekommen, mit dem die Apple Watch zur Blutdruckmessung verwendet werden kann. Man kann das alles merkwürdig, hyperkommerziell oder gruselig finden – man kann darin aber auch das ständig wachsende Interesse der Menschen an ihrem eigenen Körper erkennen. Der Wunsch nach Erkenntnis über sich selbst, und zwar mithilfe digitaler Sensoren, der dazugehörigen Datenströme samt entsprechender Auswertung.

Und das ist – neben der alles ermöglichenden Weltmacht Convenience – der Grund, weshalb die Digitalisierung den Sprung in die Körper schaffen wird. Weshalb in wenigen Jahren heute unfassbar erscheinende Dinge zur Normalität gehören werden. Weshalb letztlich die Kohlenstoffwelt verschmilzt mit der digital vernetzten Welt, bis beide unauflöslich verbunden sind.

Ob das eine düstere Digitaldystopie oder eine umwerfende Unabhängigkeitsutopie sein wird, wird von einem einzigen Faktor abhängen: Wie viel Kontrolle samt Information und Handlungsmöglichkeit bleibt dem Individuum? Die Antwort auf diese Frage aber wird nicht gegeben, sondern erkämpft werden müssen.

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