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Woran „die Medien“ wirklich schuld sind

Für viele Menschen sind Medien unglaubwürdig, wenn nicht gar die Hauptschuldigen am Übel dieser Welt. Das stimmt zwar nicht, aber die Medienhäuser tragen eine Mitverantwortung – und müssen sich ändern.

Wenige Tage vor der Bundestagswahl 2017 erlebt der Journalist Lenz Jacobsen in einem Café eine so banale wie denkwürdige Szene. Zwei offenbar gebildete Männer streiten über Politik. Symptomatisch ist ihr Schulterschluss: Die beiden können sich darauf einigen, dass die Medien schuld sind. Die Medien sind schuld. Das ist die Universalschuldformel geworden, sie wird explizit verwendet oder implizit transportiert. Sie geht rechts wie links und überall dazwischen.

„Lügenpresse“ ist nur die offensichtlichste, aggressivste Ausprägung, mit Trump als Säulenheiligem der Generalschuld der Medien. Eine typische Erzählung von links lautet dagegen, dass die Medien die Schuld tragen am Aufstieg der AfD, zum Beispiel „die Talkshows“. Auch in Debatten um die Wirkung sozialer Medien oder „Fake News“ findet sich die pauschale Zuschreibung der Verantwortung.

Das 21. Jahrhundert hat sich in anderthalb Dekaden zur Epoche des Mediennihilismus entwickelt: nichts glauben, nichts von Wert sehen, die Verneinung aller Erkenntnismöglichkeit. Mediennihilismus ist so sehr Gebot der Stunde, dass sogar Medienmenschen mitnihilieren. Ein Teil der Zeitungsverleger hat sich darauf geeinigt, dass öffentlich-rechtliche Medien die Hauptschuld an ihren Problemen tragen. Unfug, mit hanebüchenen Erklärungen begründet – aber wenn die Welt glaubt, Medien seien schuld, dann sucht man eben auch als Medienmacher seinen Platz dabei.

In Sachsen-Anhalt fordert ein für Medien zuständiger CDU-Minister, die „Tagesschau“ abzuschaffen. Unklar, ob hier eher der Wunsch der Presseverleger mitschwingt oder der Kampfbegriff „Staatsfunk“, der „Lügenpresse light“ bedeutet und deshalb oft von Rechten und Rechtsoffenen verwendet wird.

Man schlägt die Medien und meint die Welt

Der Minister hatte im Dezember zum Thema „Social Bots“ betont, er sehe das Programmieren von „Robotern, die vortäuschen, ein Mensch zu sein“ als „strafrechtlich relevant“ an. Natürlich wäre es ein großes Glück, wenn so endlich sprechende Navigationsgeräte verboten würden und die elenden Roboter, mit denen man gezwungen ist, in Hotlines zu interagieren. Aber diese ministeriale PR-Heischerei zeigt, wie sehr sich ahnungsarmes Dreinschlagen auf alles Medienhafte verselbstverständlicht hat. Allzu oft ist „Die Medien sind schuld“ eine Mischung dreier zutiefst menschlicher Regungen:

  • Den Überbringer einer Botschaft verantwortlich für den Inhalt zu machen. Die meisten Geschehnisse der Welt sind multikausal und kompliziert – aber insbesondere schlechte Nachrichten erfordern emotionale Reaktionen. Gefühle wirken unmittelbar und brauchen einen eindeutigen Adressaten, da bietet sich der Überbringer an. Das funktioniert auch, wenn man von eigenen Versäumnissen ablenken möchte, weil so die Schuld der Verursacher relativiert werden kann: Nicht das Problem ist das Problem, sondern dass jemand drüber spricht.
  • Sich einfache Erklärungen zu wünschen für komplexe Probleme. Dahinter steht eine geradezu kindliche Hoffnung, denn in der Beschuldigung der Medien schwingt der Glaube mit, dass es eine simple Lösung gebe. Einfach keine AfDler mehr in Talkshows einladen – hurra, alle Probleme mit rechts gelöst!
  • Die Annahme oder der Wunsch, irgendjemand hätte die Kontrolle. Auch Verschwörungstheorien (Nachbarn der Medienschuld) bilden die Haltung ab: Irgendjemand muss doch verantwortlich sein, irgendjemand muss doch die Kontrolle haben in dieser absurden Welt! Hier entlarvt sich „Die Medien sind schuld“ als quasireligiöse Perspektive, weil sie eine Allmacht der Medien beinhaltet. Und sei es nur als Black Box, weil auch ohne Kenntnis der Funktionsweise allein Facebook an Trump Schuld sein muss.

Man schlägt die Medien und meint die Welt. Der Mediennihilismus ist daher auch eine Konsequenz des großen Erfolgs der Medien. Sie werden so sehr als Repräsentanz der Welt gesehen, dass Medien zum Synonym für das Weltgeschehen geworden sind. Und doch sind am epochen-prägenden Mediennihilismus „die Medien“ nicht unbeteiligt, natürlich nicht. Auch wenn man den Begriff in Anführungszeichen schreiben muss, um die dahinterstehende Verallgemeinerung zu verdeutlichen. Und dass Talkshows nicht die Alleinschuld für die AfD tragen heißt keinesfalls, dass nicht eine Mitverantwortung vorliegt, über die debattiert werden muss. Es darf daher nicht um die Absolution „der Medien“ gehen, sondern um eine präzise Klärung dieser Mitverantwortung.

Medien haben Macht, und Macht wird missbraucht

Ein wichtiger Teilgrund für die Medienerbschuld ist: die Erosion des Vertrauens. Fast alle Institutionen des 20. Jahrhunderts leiden unter Vertrauensverlust, aber die Medien, die vierte Gewalt der Demokratie, hat es am stärksten erwischt. „Am besten ist es, man glaubt einfach gar nichts mehr“, das ist ein Zitat aus dem eingangs erwähnten Gespräch der beiden Männer im Café.

Medien waren trotz des journalistischen Ethos schon immer beeinflusst, beeinflussbar, in Teilen sogar käuflich, konnten Propaganda beinhalten, dienten als Instrument für sinistre Zwecke zwischen Schleichwerbung, Machterhalt und Subversion. Und doch ist erst in den letzten Jahren der Mediennihilismus zur vollen Blüte des Rundum-Misstrauens gelangt. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, von menschlichen Schwächen bis zu den Skandalen und Verirrungen, in denen Medien maßgebliche Rollen gespielt haben und spielen.

Medien sind zudem so allgegenwärtig geworden, dass sie fast überall auch irgendwie Partei sind, was zu selten beachtet wird, insbesondere von Medien selbst. Medien haben Macht, und Macht wird missbraucht. Die Existenz des medienkritischen, aber redlich agierenden „BILDBlog“ zeugt jeden Tag davon. Die „Medien sind schuld“ ist eine unzulässige Pauschalisierung – aber eine, die Nahrung bekommt von den Verfehlungen der Medien selbst.

Heute braucht man einen Grund, etwas nicht zu veröffentlichen

Einen Grund, speziell auf redaktionelle Medien bezogen, möchte ich herausheben. Meine These: Das geschwundene Vertrauen in Medien liegt auch daran, dass in Zeiten der digitalen Vernetzung Vertrauen anders hergestellt wird, kleinteiliger, prozessualer, transparenter. Das ist ein über Medien hinausreichendes Phänomen, man konnte es etwa an der überraschend breiten Ablehnung von TTIP erkennen. Dieses Handelsabkommen wurde – wie fast alle Handelsabkommen zuvor – im Geheimen verhandelt. Aber irgendwann genügte die gewohnte politische Praxis eben nicht mehr dem gewandelten Anspruch der Öffentlichkeit. Die Informationsmöglichkeit des Netzes ist geronnen zur Informationspflicht. Etwas hat sich umgedreht: In analogen Medienzeiten brauchte man einen Grund, um etwas zu veröffentlichen. Seit Veröffentlichung so einfach und billig ist, braucht man einen Grund, es nicht zu tun. Das mag irrational anmuten, aber gesellschaftliche Stimmungen fragen selten nach unbedingter Rationalität.

Dieser netzgetriebenen Transparenzerwartung aber werden wenige Massenmedien gerecht. Man erfährt selten, ob Journalisten Parteimitglieder sind, mit welcher politischen Haltung sie die Welt anschauen, was ihre eigenen Interessen sein mögen. Das war in der Massenmediengesellschaft des 20. Jahrhunderts normal, aber inzwischen ist diese Lücke im öffentlichen Wissen – welche Interessen hat der Überbringer der Botschaft selbst? – zu einer schreienden Leerstelle geworden. Dieses Erklärungsvakuum wird mit Vermutungen gefüllt.

Es hilft nur offensive Transparenz

Wenn das „Warum“ des Absenders fehlt, ergänzt das Publikum die Antwort oft selbst mit Erklärungen wie Käuflichkeit, Ideologie, Propaganda. Denn warum sollte die Motivation verschwiegen werden, wenn sie keine dunkle ist? Journalismus ist heute auch ein ständiger Kampf gegen die eigene Entlarvbarkeit, der nicht per Verschweigen oder gar Vertuschen geführt werden darf.

Wenn diese These stimmen sollte – dann könnte man dem Mediennihilismus seitens der redaktionellen Medien immerhin etwas entgegensetzen: Selbsterklärung, Selbstverortung, Selbstverordnung offensiver Transparenz. Alternativ könnten redaktionelle Medien natürlich auch einen alten Ratschlag von Brecht beherzigen und sich einfach eine andere Öffentlichkeit suchen.

Anmerkung: Ich habe eine wöchentliche Kolumne bei SPIEGEL ONLINE, werde unablässig zu Internetthemen interviewt, habe dieses Jahr einen Film für das ZDF gedreht und war 2016 häufiger in Talkshows als alle anderen Nicht-Politiker des Landes. Will sagen: Ich bin „die Medien“. Das hier ist deshalb auch eine Selbstverteidigung. Ich war nie Mitglied in einer Partei, aber verstehe mich als linksliberaler Verfassungspatriot und mit den üblichen Schmerzen rot-grün.

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