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Schirrmacher-Preis: Laudatio für Jonathan Franzen

Im Oktober 2017 durfte ich bei der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises in Zürich die Laudatio auf Jonathan Franzen halten. Hier ist sie dokumentiert.

„Der Frank-Schirrmacher-Preis wird jährlich vergeben für herausragende Leistungen zum Verständnis des Zeitgeschehens. Der Preis knüpft damit an Frank Schirrmachers eigene Bestrebungen an, die Signaturen der Gegenwart im Licht von Vergangenheit und Zukunft zu lesen und zu deuten.“

Bitte erlauben Sie mir, diese Laudatio für Jonathan Franzen mit einer sehr persönlichen Episode zu beginnen. Im Jahr 2002 hatte ich mit Mitte Zwanzig soeben ein internetnahes Unternehmen mit rund 30 Mitarbeitern gegen die Wand gefahren. Im Zeitraffer, im Verlauf von kaum 18 Monaten, hatte ich die Höhen und Tiefen der New Economy kennengelernt, inklusive des Platzens der Blase, deren Teil ich selbst war. Im Spätsommer 2002 war ich in eine mir damals unbekannte Stimmung hineingeraten, die sich später als Depression herausstellen sollte.

Da bekam ich „Die Korrekturen“ in die Hände. Als im Verlauf des Buches deutlich wird, was genau der Titel bedeutet – trifft mich eine Erkenntnis, ziemlich unvermittelt. Eigentlich eine naheliegende Erkenntnis, man könnte vielleicht darüber lachen, dass sie mir so spät aufging. Aber immerhin! „Oh! Man kann also Hochliteratur auch über zeitgenössische Themen schreiben. Über etwas, das mein Leben unmittelbar betrifft. Über etwas, das mich beschäftigt, und zwar genau jetzt.“

Wenn einer der wichtigsten Schriftsteller der Gegenwart einen Preis bekommt, der nach einem der wichtigsten Feuilleton-Journalisten des 21. Jahrhunderts benannt ist, dann bin ich als Laudator nicht naheliegend. Deshalb möchte ich mich hier erst verorten. Meine Funktion in der deutschsprachigen Öffentlichkeit ist, den digitalen Wandel begeistert kritisch und kritisch begeistert, aber produktiv zu begleiten. Im Zweifel fühle ich mich dabei zwischen allen Stühlen am wohlsten, dort, wo man sich preisgünstig Unabhängigkeit einreden kann. Wenn ich also eine Laudatio auf Jonathan Franzen halten soll, dann muss der Grund dafür irgendetwas mit Internet sein. Ich habe mir deshalb sämtliche Werke von Franzen noch einmal gekauft. Als E-Books.

Wenn man sich Franzens Werk aus der digitalen Perspektive nähert, dann findet man auch außerhalb seines literarischen Werkes beglückend viele Einlassungen über das Internet. Ich möchte – ohne den allergeringsten Anflug von Ironie – loben, dass Jonathan Franzen sich auch abseits seiner Bücher zu den Dingen und Geschehnissen der Welt äußert.

In komplexen, komplizierten Zeiten seine Stimme zu erheben, das ist leider für Kulturschaffende nicht selbstverständlich. Viele, die öffentlich eindeutig sein könnten, sind es nicht, sondern schweigen, bis sie ein neues Produkt auf den Markt bringen und sie deshalb PR brauchen. Aber Haltung bedeutet nicht Haltung der Schnauze, sondern das Gegenteil davon. Jonathan Franzen hat Haltung, und es ist eine Haltung des Streitens für die liberale Demokratie und für die Wertschätzung ihrer Institutionen.

Mit einem allerhöchstens minimalen Anflug von freundlicher Ironie möchte ich den Preisträger dafür loben, dass er der digitalen Sphäre gegenüber eine verlässlich kritisch gefärbte Perspektive einnimmt. Twitter hielt er für das „ultimativ verantwortungslose Medium“, das für alles stehe, was er ablehnt. Das muss schon deshalb unvollständig sein, weil ich meine Ehefrau auf Twitter kennengelernt habe. Wenn ich auch zugeben muss, dass der gegenwärtig erste Twitterer des Planeten, der ego-hyperventilierende Hilfsfaschist Donald Trump, mein differenzierendes Eintreten für die positiven Seiten von Twitter ein wenig schwieriger macht. Wenn auch bei aller Social-Media-Schuldzuweisung die fatale Rolle von Fox News und der Politik selbst vernachlässigt werden darf. Aber spätestens wenn Trump einen Atomkrieg herbei-getwittert haben wird, werde ich widerstandslos einknicken und Franzens Einschätzung vorbehaltlos übernehmen.

In E-Books sah Jonathan Franzen eine Technologie, die bestimmte Werte der Gesellschaft korrodiere. Im Buch sah er die Beständigkeit, in E-Books luftige Beliebigkeit, Zitat: „Ein Bildschirm fühlt sich immer so an, als könne man den Inhalt löschen, verändern, umherbewegen.“ Es ist wahrscheinlich bezeichnend, dass viele digital geprägte Personen exakt diesen Satz sagen könnten – aber ihn als Auszeichnung verstünden. Weil die Möglichkeit des Löschens mit einem Klick eben auch bedeutet, dass man sich in jedem Moment neu dafür entscheidet, es nicht zu tun. Ein gedrucktes Buch dagegen besticht durch die offensive Schwere seiner dinglichen Präsenz, es erscheint immer auch als papierne Mahnung, gefälligst noch gelesen oder wiedergelesen zu werden.

Auch über Smartphones meldet sich Jonathan Franzen tendenziell warnend, mahnend und abwehrend. Zitat: „Eines der Dinge, über die die Menschen nicht sprechen möchten, ist, wie unglaublich zwanghaft und suchtgefährdend die Stimulation durch unsere Geräte ist.“ Mein Eindruck ist eher, dass die Menschen darüber geradezu permanent sprechen. Ich denke nicht, dass im deutschsprachigen Raum in den letzten fünf Jahren auch nur ein einziger Elternabend abgehalten worden ist, wo nicht über die Zwanghaftigkeit und Suchtgefährdung von Smartphones gesprochen wurde.

Allerdings muss ich zugeben: Die Menschen ziehen nicht die allergeringsten Konsequenzen daraus, sondern beschweren sich über ihre eigene Smartphone-Sucht. Bei Facebook. Auf dem iPhone. Und bekommen dafür Likes von ihren Friends. Mit deren iPhones. Eines der Fotos im Netz, die mich am meisten beeindruckt haben, ist das Foto einer Hand. Auf der Handfläche steht mit Kugelschreiber geschrieben: „Wenn Sie das hier lesen können, hat jemand mein iPhone gestohlen.“

Ein Bekannter von mir hat sich einen Magneten in seine Hand hineinoperieren lassen, um endlich über einen sechsten Sinn zu verfügen, nämlich elektromagnetische Wellen zu spüren. Durch Zufall hat er herausgefunden, dass er mit diesem Handmagneten auch Telefongespräche hören kann, wenn er eine Spule in die Hand nimmt und sich den Finger ins Ohr steckt. Ich finde das nicht gefährlich oder bekloppt, sondern interessant. Natürlich – stehe ich diesen Technologien weniger oder zumindest anders skeptisch gegenüber als Jonathan Franzen. „Anders skeptisch“ ist hierbei der Begriff, auf den es ankommt.

Die Erklärung dafür ist einfach. Frank Schirrmacher hat sie bereits gegeben, also der Mann, der das deutschsprachige Digitalfeuilleton erfunden hat. Digitalfeuilleton bedeutet, dass man sich den unfassbaren, gewaltigen Neuerungen der digitalen Sphäre mit den uralten Instrumenten des Feuilleton nähert. Dass man zum Beispiel seinem Gespür für Zwischentöne und Nebenbedeutungen trauen kann. Dass man anhand des Prinzips „Pars pro toto“ nicht nur vermuten darf, sondern muss. Dass man manchmal einen Zusammenhang konstruieren muss, um anhand dieser Konstruktion der Welt eine Erkenntnis abzutrotzen oder wenigstens Trost. Kurz gesagt bedeutet Digitalfeuilleton, dass man Mittel anwendet, die rein evidenz-fixierte Naturwissenschaftler oder Techniker oft nur schwer akzeptieren können.

Aber das ist notwendig.

Ein Hinweis auf den Grund für diese Notwendigkeit findet sich im Sinn dieses Preises, der sich kondensieren lässt auf ein Schirrmacher-Zitat aus einem Gespräch mit Martin Meyer: „Wir haben noch nicht einmal nur annähernd begriffen, was das Wesen der digitalen Welten ist, wie sie unsere alten Lebenswelten verändern, was sie mit uns und in unseren Köpfen machen.“

Es ist für mich das wichtigste Zitat zur digitalen Welt. Es handelt sich um das Eingeständnis, trotz aller angewandter Klugheit, eingebrachter Weisheit, trotz der enormen Beschäftigungsintensität mit der digitalen Welt bisher praktisch nichts zu wissen. Das Zitat von Frank Schirrmacher birgt die grausame Erkenntnis, dass wir in einer Zeit leben, in der die radikale und intensive Nutzung von Technologien die Welt verändert, bevor wir sie verstanden haben. Weder die Welt, noch die Technologie.

In ihrer so unnachahmlichen wie vermutlich unabsichtlichen Lakonie hat Angela Merkel das Zitat von Schirrmacher in eine digital-topographische Minimalmetaphorik verpackt. Mein Lieblings-Merkel-Zitat ist natürlich: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Ich wünschte mir zwar, sie hätte damit nicht in Anwesenheit von Barack Obama eine grundrechtsfeindliche, radikale Überwachungsmaschinerie gerechtfertigt. Aber der Satz ist natürlich trotzdem richtig.

Vielleicht hat jede Zeit ihre Aufgabe, und wenn das so sein sollte, dann hängen die Überwachung der NSA, der Putin-gestützte Erfolg von Trump und die Wahl der AfD in Deutschland miteinander zusammen. Es handelt sich um epochale Geschehnisse, die nur erklärbar werden, wenn man den Anteil der digitalen Vernetzung daran und die Funktion dieser Vernetzung für die Welt erkennt. Ich glaube: Die Aufgabe unserer Zeit ist, das Digitale zu begreifen. Beziehungsweise es zu versuchen. Daraus folgt die Pflicht, über das Digitale zu debattieren und die Debatte in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Debatte ist ein so spektakulär scharfes wie sensationell stumpfes Schwert.

Gleichzeitig.

Denn wir haben ja sonst nichts. In diesem Kontext wünsche ich mir sehr, dass jemand ein digital geprägtes Update verfasst zu Habermas’ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“.

Wenn möglich, sollte das eine Mediensoziologin tun (Männer sind natürlich mitgemeint). Ich hoffe, ich kann die Motivation, dass jemand ein solches Werk produziert, dadurch erhöhen, dass ich für den Nichteintretensfall hiermit androhe, es selbst zu schreiben. Wenn man genau hinschaut, hinhört, hinspürt, dann bleibt uns, der Zivilgesellschaft, nur die Debatte. Das betrachte ich auch als eines der großen Vermächtnisse von Frank Schirrmacher, die Debatte als Waffe im Kampf für eine bessere Welt zu begreifen. Die Debatte redlich, aber mit Wonne zu inszenieren, ihre pluralistische, anstrengende Natur als Bereicherung zu begreifen.

„Worte sind Waffen“, behaupten meist Leute, die von ihrer Machtlosigkeit ablenken wollen, aber das sind sie eben nur in der richtigen Reihenfolge. Und wenn sie von der richtigen Person geführt werden. Auch wenn ich mich über verschiedene Einlassungen von Jonathan Franzen sanft aus der vernetzungspositiven Perspektive amüsiert habe – bin ich doch einhundertprozentig davon überzeugt, dass sein Wirken in der Debatte um die digitale Sphäre essentiell ist.

Nicht nur, weil einige seiner Einschätzungen, die zum Zeitpunkt der Äußerung pessimistisch wirkten – sich später als wahr und bitter wahr herausstellten. Über soziale Medien sagte er Anfang 2016:

„Sie belohnen die Extreme und Polarisierung. Die Leute finden sich in ihren eigenen kleinen Echokammern, wo sie immer extremere Varianten der Weltsicht finden, an die sie ohnehin schon glauben. Soziale Medien fördern nicht den komplexen Diskurs zwischen unterschiedlichen Positionen.“

Seit dem 8. November 2016 lassen sich jeden Tag die weltpolitischen Folgen dieser Mechanismen betrachten.

In einem Interview am 9. Oktober 2017 wurde Donald Trump von der Interviewerin gesagt: „Sie sind ja nicht als bescheidener Mann bekannt…“ – Worauf Trump ihr grob ins Wort fällt und erklärt: „Aber ich BIN bescheiden. Ich glaube, ich bin sehr viel bescheidener als Sie überhaupt begreifen könnten.“

Das ist wirklich so passiert. Trump ist eine laufende Ein-Mann-Echokammer, und Twitter ist sein Medium. Das ist die Realität, mit der wir 2017 gezwungen sind zurechtzukommen, gewissermaßen unerwartete, politische Nebeneffekte der digitalen Vernetzung. Aber fast alles schwer Begreifbare kommt irgendwie unerwartet und unvorbereitet. Deshalb kann man diesen Kampf – den Kampf um die liberale Demokratie, um die freie und offene und sichere Gesellschaft – nicht allein mit dem Mittel des Journalismus führen.

Denn es ist nicht nur ein Kampf der Aufklärung, nicht nur ein Kampf der Information. Der Techno-Soziologe Clay Shirky hat im Juli 2016 erklärt, dass die von Trump beherrschten sozialmedialen Öffentlichkeiten anders funktionieren als die mediale Sphäre des Journalismus und genau deshalb enorm wirkmächtig sind. Shirky hat das in einem geradezu verzweifelten Tweet so ausgedrückt: „Wir sind mit Fact-Checkern in einen Kulturkrieg gezogen.“

Ein Kulturkrieg. Ein Krieg der Deutungen. Ein Krieg der Welterzählungen. In „EGO – Spiel des Lebens“ hat Frank Schirrmacher einen Satz gesagt, mit dem der digitalen Wandel heruntergeführt bis auf die individuelle Ebene. „Es ist der Fehler, der sich heute in die Biografien der Menschen eingeschlichen hat. Heute werden wir nicht durch Worte, sondern durch Formeln und Zahlen erzählt.“

Jonathan Franzen steht dafür, diese – unsere – Erzählung dem Reich der Formeln und Zahlen wieder zu entreißen und in Worte, Sätze, Romane zu gießen. Die Parallele zwischen den Einsichten von Schirrmacher und Shirky ist nicht nur offensichtlich, sie führt auch geradewegs zur Stärke von Jonathan Franzen. Wir erleben in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts etwas eigentlich Ungeheures:

Eine neue, unerhörte Macht von Geschichten. Wenn man wenigstens irgendetwas Positives finden wollte an Trumps Macht-Ereiferung, dann wäre es, wie weit man kommt mit nichts als ausgedachten Erzählungen. Eine neue Macht der Erzählungen. „Fake News“ ist ein schwieriger Begriff, aber wenn man sich davor fürchtet, dann glaubt man zugleich zwingend an die Macht ausgedachter Geschichten. Ich gebe zu, dass es sich um eines der zweifelhaftesten Komplimente handeln dürfte, die Jonathan Franzen je bekommen hat. In der Werbung spricht man fast nur noch von Story-Telling und Content Marketing und meint damit:

Das beste Instrument, um Menschen zu informieren und zu überzeugen, war, ist und wird immer bleiben – eine erzählte Geschichte. Das lässt sich inzwischen bestimmt auch neurowissenschaftlich belegen, aber schon die von Simonides von Keos erfundene Mnemotechnik bewies, dass man Wissen in eine Erzählung kleiden sollte, um es wirksam und nachhaltig zu verankern. Ich möchte nicht behaupten, dass Jonathan Franzen seinen politischen Aktivismus in Romanform verpackt.

Aber er gehört eben zu den wenigen Romanciers von Weltrang, die sich trauen, aktuelle, drängende, unverstandene Themen in Hochliteratur zu verwandeln. Ohne dabei diese bestürzend schlichte Überplakativität zu bedienen, von der man ohnehin ständig um-circelt ist.

Es ist ein Unterschied, ob man die problematische, vielschichtige und – wie wir inzwischen zweifelsfrei wissen – Totalitarismus-anfällige Transparenz-Fixierung von Leaking-Plattformen und ihren Protagonisten eine komplexe politische Erzählung kleidet. Oder ob man einen mittelmäßig überraschenden Feuilletonartikel der Sorte „Facebook und Google nehmen keine Rücksicht auf unsere Privatsphäre“ auf Romanlänge auswalzt und anschließend verfilmt. Es gibt in „Purity“ eine Szene, die wie Geplänkel anmuten mag, dort werden nicht unbedingt unbekannte Verse zitiert:

Und lasst der Welt,

die noch nicht weiß, mich sagen,

Wie alles dies geschah;

so sollt Ihr hören Von Taten,

fleischlich, blutig, unnatürlich…

Die Rede des Horatio, so wird es gleich im Buch auch aufgelöst, Hamlet. Aber das ist es nicht nur, wenn man sich das Oeuvre von Jonathan Franzen dazu denkt. Denn das Gedichtlein findet sich quellenlos zitiert auch in „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Marstheater also. Sehr passend zur Gegenwart. Verborgen zwischen doppelt, dreifach zitierter Ironie, Shakespeare, Kraus, Franzen – aber Marstheater erscheint mir als hervorragender Ausweg in einer Zeit, wo Satire und Realität nicht mehr zweifelsfrei unterscheidbar sind.

Einer der berührendsten Texte von Frank Schirrmacher ist sein Nachruf auf Marcel Reich-Ranicki, der sich grauenvollerweise wenig später auch als vorauseilender Nachruf auf ihn selbst erwiesen hat. Darin schreibt Schirrmacher: „Grundsätzlich begann ein Telefonat mit Sätzen wie ‚Sie wissen nicht, was sich abspielt.‘ Oder: ‚Ganz Deutschland diskutiert nur eine Sache, und Sie haben noch immer nichts gemerkt.’“

Eine famose Anmaßung natürlich, und über Bande die Aufforderung zur ständigen, unerbittlichen Verfolgung der Debatte. Aber im zweiten Satz steckt auch eine charmante Bosheit, die in digitalen Zeiten essentiell geworden ist. Die ganze Welt diskutiert eine Sache, aber Sie haben nichts gemerkt, das ist in sozialen Medien ein Normalzustand. Es ist ein Wesensmerkmal der digitalen Sphäre, dass trotz aller Vernetzung einen Klick weiter auf dem Nachbarprofil die Hölle los sein kann und man selbst liket nebenan ahnungslos ein Kätzchenfoto und geht schlafen.

Die digitale Vernetzung hat zwar möglich gemacht, in Echtzeit Videos von Terroranschlägen live zu streamen, aber zugleich bietet sie jederzeit eine Flucht in ein alternatives Hier und Jetzt. Ein stark unterschätzter Aspekt des Digitalen ist der mobile Eskapismus, die Flucht aus dem Alltag in der Jackentasche. Ich halte das nicht für prinzipiell schlecht, eher im Gegenteil. Aber es steht für die Ambivalenz der Verschmelzung von digital und kohlenstofflich und damit für die kommende Dimension.

Inzwischen bin ich sehr vorsichtig mit Vorhersagen über die digitale Zukunft, weil ich viel zu oft überprüfbar komplett daneben lag. Würde man mich aber zwingen, eine Vorhersage zu treffen – es wäre, dass wir kurz davor stehen, dass sich dingliche und digitale Realität zu einem kaum mehr auflösbaren Amalgam verbinden. Einer der wichtigsten Aufsätze zur digitalen Sphäre erschien im August 2011 im Wall Street Journal, das zwar dem Krypto-Faschisten Rupert Murdoch gehört, aber trotzdem manchmal Wegweisendes publiziert.

„Why Software is Eating the World“.

Diesen Prozess erleben wir in den nächsten Jahren, wir sind schon mitten drin. Und ich wüsste nicht, wie wir ihn verstehen sollten, wie wir ihn massentauglich erklären sollten, wie wir ihn verarbeiten sollten, noch während er geschieht. Wenn nicht mit Geschichten, Erzählungen, Romanen über das Geschehen selbst und seine Wirkung auf die Welt.

Romane füllen eine nicht mit anderen Mitteln zu ersetzende Lücke beim Versuch, die Welt zu verstehen und dabei so wenig wie möglich durchzudrehen.

Romane, Erzählungen, Geschichten sind neben der Musik und in Ausnahmefällen Drogen die einzige substantielle Hilfe beim verzweifelten Versuch, optimistisch zu bleiben. Jonathan Franzen kann genau solche Romane schreiben.

Bereits ein einzelner Roman von Franzen hat die Kraft, die negative Wirkung eines Trump-Tweets auszugleichen.

Ein anderes Zitat von Jonathan Franzen handelt von Barack Obama: „Als ich hörte, dass er „Freedom“ liest, dachte ich: ‚Warum liest er einen Roman? Es gibt doch so viele wichtige Dinge, die getan werden müssen!“ Hier möchte ich als Schlussakkord dem Preisträger erbittert widersprechen. Nicht nur, weil ich mir sehr wünschen würde, dass Donald Trump viel, viel mehr Romane liest, zum Beispiel das Gesamtwerk von Dostojewski, beginnend mit „Der Idiot“.

Sondern auch, weil ich die Geschichte selbst auf meiner Seite habe. Romane können die Welt verändern. „Onkel Toms Hütte“ hat maßgeblich dazu beigetragen, die Sklaverei abzuschaffen. „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ war eine der Keimzellen des Niedergangs des Warschauer Pakts. Aber selbst, wenn man diese Einschätzung so nicht teilt, so muss man aus dem erwähnten Reich-Ranicki-Nachruf von Frank Schirrmacher – dem folgenden Zitat vorbehaltlos zustimmen: „… es bedeutet unendlich viel, wenn eine Gesellschaft der Meinung ist, nichts sei gerade wichtiger als das neue Buch von Günter Grass, Martin Walser oder Wolfgang Koeppen.“

Und das gilt ebenso für Jonathan Franzen. Dankeschön.

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