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Vorschlag zur Aufrechterhaltung der liberalen Demokratie

Im Rahmen der „Düsseldorfer Reden“ habe ich am 23. April 2017 diese Rede auf Einladung des Düsseldorfer Staatstheaters gehalten. Sie kann als Vorwehe meiner republica-Rede 2017 „Vom Reden im Netz“ verstanden werden (die nicht schriftlich vorliegt). Eine qualitativ mittelgute Videoaufnahme findet sich hier.

Meine Rede in den nächsten sechzig Minuten möchte ich in Anerkennung einer einhundertzwölf Jahre alten Tradition gestalten. Als knappe, aber doch ernsthafte Verbeugung vor diesem Ort. Beziehungsweise, weil wir in einem Land leben, das zwischendurch alles zerstört hat: Als ernsthafte Verbeugung vor dem Vorkriegs-Vorgänger dieses Ortes hier. Natürlich muss ich davon ausgehen, dass Sie als alte Düsseldorf-Hasen das längst wissen, aber ich möchte es gern laut aussprechen.

Im Jahr 1905 gründeten Louise Dumont und Gustav Lindemann das Schauspielhaus Düsseldorf, auf keinen Fall zu verwechseln mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus, in dessen provisorischem Saal Sie soeben sitzen. Aber es ist eben recht eindeutig in Namen und Perspektive der Vorgänger dieses Hauses. Der damalige Dramaturg war Herbert Eulenberg. Eulenberg führte kurz nach der Eröffnung des Hauses die so genannten „Morgenfeiern“ ein, die Sonntag morgens abgehalten wurden. Dabei gab es künstlerische Vorführungen, Lesungen und auch Reden von zeitgenössischen Künstlern, Autoren, Intellektuellen.

Am 28. Februar 1909 zum Beispiel hielt Hermann Hesse eine Lesung, die das Publikum begeisterte. Trotzdem fand sich in den Düsseldorfer Zeitungen keine Erwähnung. Auch nicht im Düsseldorfer Generalanzeiger, also gewissermaßen in der Rheinischen Post des beginnenden 20. Jahrhunderts. Eulenberg hatte dafür eine einfache Erklärung: die faulen Journalisten wollten Sonntag früh nicht arbeiten, sondern im Bett liegen bleiben. Liegenpresse!

Die Morgenfeiern verstanden sich als Mischung aus Predigt, Erwachsenen-Erziehung und künstlerischer Darbietung, naja, das muss ja heute nicht sein, ich unterstelle Ihnen, dass Sie bereits weitestgehend erzogen sind. Ausdrücklich auch nicht als Vorbild möchte ich die Morgenfeier-Rede von Herbert Eulenberg im Jahr 1909 nehmen. Sie hieß „Rede über mich selbst“ und hinterließ offenbar einen leicht egozentrischen Beigeschmack. Was ich aber doch von Eulenberg übernehmen will: Die Reflexion darüber, warum ich hier zu Ihnen rede. Das hängt auch mit dem Titel dieser Rede und der Absicht zusammen, denn ich maße mir immerhin an: Einen

»Vorschlag zur Aufrechterhaltung der liberalen Demokratie im 21. Jahrhundert«

zu machen. Deshalb möchte ich anhand des Titels eine gewisse Selbstverortung betreiben. Ich möchte ihn übersetzen, ein wenig dekonstruieren und fange gleich mal von hinten an. „Im 21. Jahrhundert“, das bedeutet natürlich: auf die digitale Sphäre bezogen. Das meiste Neue, das uns heute begegnet, vom dezentralen Guerilla-Terrorismus des IS bis Pokemon GO, hat intensiv mit der digitalen Vernetzung zu tun. Man kann über die Gesellschaft im 21. Jahrhundert nicht sprechen, ohne über das Internet zu sprechen. Das war easy.

Etwas schwieriger, aber auch nicht schwer: „Aufrechterhaltung der liberalen Demokratie“. Das hört sich gut an, vielleicht ein Winkelminütchen belanglos, aber doch gut. Es schwingt allerdings etwas mit in diesem Wort „Aufrechterhaltung“, nämlich eine mehr oder weniger offene Bedrohung. Sonst müsste man ja nicht aktiv aufrechterhalten. Schon sind wir mitten im Thema, denn nach meiner Einschätzung gibt es diese Bedrohung der liberalen Demokratie. Natürlich gründet diese Bedrohung nicht nur im Internet, wie leider oft heimlich geglaubt oder laut gesagt wird.

Im Gegenteil, das Internet kann sogar ein Mittel gegen diese Bedrohung sein. Oder vielmehr: könnte. Denn derzeit häufen sich eher die Anzeichen, dass die Bedrohung der liberalen Demokratie sich des Mittels Internet intensiv bedient. Aber was meine ich überhaupt mit liberale Demokratie? Ich sehe mich als linksliberal-demokratischen Verfassungspatrioten. Verfassungspatriotismus übrigens ist ja ein Konzept, das maßgeblich durch einen Düsseldorfer mitgeprägt wurde, nämlich Jürgen Habermas. Mir erlaubt der Verfassungspatriotismus, mich abseits von Blut- und Boden- und Abstammungsgetöse zu diesem Land zu verhalten.

Verfassungspatriotismus erlaubt mir etwas vereinfacht gesprochen, heute eine irgendwie positive, emotionale Beziehung zu einem Land aufzubauen, in dem vor 75 Jahren sechs Millionen Juden mit deutscher Industriepräzision ermordet worden sind. Das Wesen des Verfassungspatriotismus findet sich im Beharren auf Grundrechte und Grundfreiheiten. Strukturell gehöre ich also zu den nervigen Leuten, die bei allen möglichen Entwicklungen und politischen Vorhaben immer wieder schrill rufen: „Aber das Grundgesetz!“

Demokratie basiert auf der Herrschaft der Mehrheit, und das kann in Reinform erfahrungsgemäß für die Minderheit kompliziert werden. Liberale Demokratie ist die Herrschaft der Mehrheit unter unbedingter Wahrung der Grundfreiheiten für alle. Liberale Demokratie ist der Gegenentwurf zur Tyrannei der Mehrheit. Was genau sehe ich jetzt als Bedrohung der liberalen Demokratie? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich möchte deshalb erstmal feststellen:

– In den USA regiert ein Präsident, dessen sozialdarwinistisches, faschistoides Weltbild nur noch übertroffen wird von seinem Narzissmus. In Kombination mit seiner irrwitzigen Manipulierbarkeit und seiner Aufmerksamkeitsspanne von exakt 140 Zeichen ergibt sich: eine Form zu regieren, die absichtsvoll gegen die Grundprinzipien der liberalen Demokratie gerichtet ist. Trump verbindet Vetternwirtschaft, Lügengebäude und Gutsherrenart miteinander zu einem Amalgam der Illiberalität. Er betrachtet seine Mehrheit als Legitimation für ungefähr alles. Trump glaubt, er sei zum König gewählt worden.

– In der Türkei gab es ein Referendum, das faktisch das Ende der Demokratie bedeuten kann. Nämlich insbesondere die Aufhebung der Gewaltenteilung, nachdem die Pressefreiheit schon zuvor abgeschafft wurde. Hier möchte ich betonen:

Befreit Deniz Yücel! Free Deniz!

– In Österreich hat sich im letzten Jahr fast exakt die Hälfte aller Wähler entschieden für einen nationalistischen, rechtsautoritären Präsidenten, Norbert Hofer. Also jemanden, der ohne Scham oder Scheu, sondern im Gegenteil mit erkennbarem Stolz eine blaue Kornblume im Knopfloch trägt. Die blaue Kornblume war in Österreich das Erkennungszeichen der Nationalsozialisten, als das Hakenkreuz 1933 in der Republik Österreich verboten wurde.

Aber man darf natürlich nicht nur vor fremden Türen kehren. In Deutschland stimmen in einzelnen Bundesländern bis zu 24% der Wählenden für eine Partei, die einen Mann wie Bernd Höcke nicht nur duldet, sondern in weiten Teilen unterstützt. Denjenigen Höcke, der bei seiner berüchtigten Rede im Januar 2017 in Dresden solche Sätze sagte:

„wir werden das [die Fundamentalopposition] so lange durchhalten, bis wir in diesem Lande 51 Prozent erreicht haben“

und mit Blick auf die weniger radikalen AfD-Anhänger, die es ja auch gibt:

„ich will die AfD als letzte evolutionäre Chance für unser Vaterland erhalten. Ich will, dass wir diesen Halben einen Strich durch die Rechnung machen. Wir wollen das, denn wir wissen: Es gibt keine Alternative im Etablierten.“

„Die Halben“, das ist hier der Schlüsselbegriff. Und zwar nicht nur der von Höcke, der auf diese Weise die AfD radikaler machen will. Sondern zufällig auch der Schlüsselbegriff der Wahlkampfreden von jemand anderem:

“ … dem Halben und dem Schwachen, dem Lauen und dem Unentschiedenen ist noch niemals das Himmelreich zuteil geworden.“

und:

„Das Himmelreich und die Seligkeit gehören niemals Halben, sondern Ganzen. Ich verspreche, daß wir unsere Fahne, unsere Ideale und unsere Idee hochhalten und mit ihr ins Grab gehen werden.“

Das schnarrte und schrie Adolf Hitler im Juli 1932 in Dresden und Stralsund. Anders als die Parteiführung der AfD selbst in ihrem Ausschlussantrag vergleiche ich die Person Höcke aber ausdrücklich nicht mit Hitler. Ich möchte vielmehr zeigen, welche altbekannten antiliberalen, antidemokratischen Mechanismen der Radikalisierung sich in der Sprache dieser Partei wiederfinden. Und trotzdem glaube ich nicht, dass die gegenwärtige Bedrohung der liberalen Demokratie sich allein im Wahlergebnis der AfD spiegelt. Ein schwaches Wahlergebnis im Herbst darf also nicht als Entwarnung verstanden werden.

Vielmehr glaube ich, dass – in Deutschland, aber auch in den Vereinigten Staaten – sich die Gesellschaft massiv wandelt und dass dieser Wandel oder der Umgang mit dem Wandel die Bedrohung der liberalen Demokratie begünstigt. Der Wandel oder der Umgang mit dem Wandel – das hört sich merkwürdig uneindeutig an, und das ist es auch. An dieser Stelle muss ich nämlich ganz offen und für die gesamte Rede geltend sagen:

Ich befinde mich in einem noch lange nicht abgeschlossenen Erkenntnis-Prozess.

Alles, was ich hier transportiere, muss als These, und sogar als vorläufige These verstanden werden. Ich versuche, einen Wandel zu verstehen, der mich auch persönlich und emotional betrifft, bei dem es mir oft schwerfällt, objektiv zu bleiben. Und während ich versuche zu verstehen und daraus Handlungsoptionen abzuleiten – versuche ich zugleich verzweifelt Optimist zu bleiben. Ich versuche verzweifelt, Optimist zu bleiben, das ist meine derzeitige Leitlinie. Und wenn ich mir das jüngste Cover des SPIEGEL anschaue, der die Möglichkeit eines Atomkriegs zwischen und Nordkorea und den USA skizziert, dann kann man das vielleicht nachvollziehen.

Was genau bedroht nun die liberale Demokratie? Worauf muss sich also mein Aufrechterhaltungsvorschlag beziehen? Um das zu verstehen, möchte ich einen Philosophen heranziehen, dessen Werk mir einen neuen Zugang zum Weltverständnis eröffnet hat. Ernst Bloch. Er passt auch deshalb in die heutige Zeit, weil er sich spätestens seit den 1930er Jahren intensiv mit den Wegen der Nationalsozialisten zur Macht beschäftigt hat, und zwar sowohl aus philosophischer wie auch aus soziologischer und sozialpsychologischer Perspektive. In seiner Schrift „Erbschaft dieser Zeit“ von 1935 stellt er etwas fest, ich zitiere:

„DER RUCK

Wir sind außer uns. Der Blick schwankt, mit ihm, was er hielt. Die äußeren Dinge sind nicht mehr gewohnt, verschieben sich. Da ist etwas zu leicht geworden, geht hin und her.“

Ich glaube, dass diese Beschreibung heute wieder zutrifft, auch wenn ich nicht glaube, dass die Situation 2017 mit der in den 1930er Jahren wirklich vergleichbar wäre. Aber ich spüre selbst eine Erschütterung. Man muss natürlich mit diesem selbsterspürten Zeug sehr vorsichtig sein, sonst hält man irgendwann seine eigene Magenverstimmung für ein erstes Anzeichen des kommenden Weltuntergangs. Und schon ist man anfällig für die Endzeit-Apologeten, die nicht immer, aber doch zu oft ins Rechtsreaktionäre wegkippen. Deshalb versuche ich seit einiger Zeit, meiner Erschütterung hinterher zu forschen.

Im meinen weiteren Bekanntenkreis sind fast alle betroffen, und sie sind betroffen über die eigene Betroffenheit. Das hilft natürlich nicht weiter. Mein Bekanntenkreis ist selbstredend nicht repräsentativ, und ich lege auch großen Wert darauf, dass er nicht repräsentativ ist. Die Erschütterung ist auch – und zwar auf den ersten Blick – in den Medien festzustellen. Weltweit sogar. Diese bittere Überraschung, als Trump gewann, gegen alle Vorhersagen. Und das, obwohl ein paar hundert Zeitungen Clinton unterstützten und praktisch keine ernsthafte Trump.

Nur lässt sich aus dieser Medienerschütterung auch erkennen, wie weit die Wahrnehmung vieler Journalisten sich offenbar entfernt hat von der Weltwahrnehmung vieler Menschen dort draußen. Ich halte den Kampfruf „Lügenpresse“ für ein Symptom einer viel größeren und auch gefährlichen Entwicklung: ein tiefes, umfassendes Medienmisstrauen, verbunden mit einer übergroßen Eliten-Skepsis. Ein Blick in die Presse allein taugt also auch nur sehr begrenzt dafür, dieser Erschütterung auf die Spur zu kommen.

Allerdings habe ich eine eigentlich sogar recht naheliegende Methode für ein tiefer gehendes Verständnis der Erschütterung, dieser Verschiebung und Verstörung gefunden: Nämlich direkt in die Köpfe der Menschen zu schauen. Dabei habe ich mich bei Heinrich von Kleist bedient. Der schrieb 1805 einen Aufsatz, wahrscheinlich für das „Morgenblatt für die gebildeten Stände“, mit dem Titel „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Der Inhalt ist zwar interessant, aber mir gerade egal.

Mir kommt es auf den Titel an, und ich möchte ihn zeitgemäß abwandeln: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken und Gefühle beim Kommentieren im Internet.

In Deutschland sind über 30 Millionen Menschen aktiv auf Facebook. Da hat sich etwas verschoben, Facebook ist zu einer Mischung aus Fußgängerzone, ständigem Betriebsausflug und Stammtisch geworden. Dort hat sich eine Kommunikation manifestiert, die das Land prägt, eine Art Dauerbürgerdebatte in hunderttausend virtuellen politischen Mini-Salons mit leichtem Bierzelteinschlag. Meine These ist nun, dass man mithilfe von sozialen Medien in die Köpfe der Menschen schauen kann, während sie ihre Gedanken und Gefühle entwickeln, ausformulieren und austauschen. Wie in Diskussionen Meinungen entstehen, in Dialogen beeinflusst werden und sich schließlich verfestigen.

Was für ein Segen sind soziale Medien für alle, die die Gesellschaft verstehen wollen. Die sich dort praktischerweise auch noch nach Interessen und sozialen Verbindungen sortiert aufhält. Wie ticken Til-Schweiger-Fans? Ahnte man ja nicht bisher.

Wie sind SPD-Sympathisanten so drauf? Sehr leidensfähig. Gut, das ahnte man, aber es ist auch mal ganz schön, die gefassten Eindrücke bestätigen oder feinjustieren zu können. Oder eben zu korrigieren.

In den letzten zweieinhalb Jahren verfolge ich insbesondere im weitesten Sinn besorgte Bürger. Also strukturell mit der Gesamtsituation unzufriedene Bürger. Ich schaue mir auf Facebook und Twitter an, wie sie miteinander kommunizieren, welche Codes sie benutzen, wie genau sie ihre sozialen Bindungen politisch aufladen.

Es ist nicht so, dass ich ein wissenschaftliches Verfahren gefunden hätte, um diese Kommunikation auszuwerten. Stattdessen habe ich einen analysierenden Beobachtungsprozess angestoßen und immer wieder Zwischen-Erkenntnisse notiert, auch öffentlich notiert. Inklusive verschiedener Sackgassen, denn es ist eine nicht unbedingt gradlinige Suchbewegung.

Meine vorläufige Erkenntnis ist, dass die Erschütterung, dass die Verstörung und Verschiebung sich quer durch die Bevölkerung zieht, dass sie die Ursache oder zumindest eine Mitursache der Bedrohung der liberalen Demokratie ist. Ich nenne diese soziale Erschütterung:

Die Krise des Wir.

Ja, es gibt eine Krise des Wir. Adorno schrieb: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie ‚ich’ sagen.“ Adorno hat das durchaus abschätzig gemeint, es folgte später eine berechtigte Debatte über das dahinterstehende Menschenbild. Begriffe wie „Pöbel“ oder „Pack“ schweben über diesem Zitat. Für die Krise des Wir im 21. Jahrhundert möchte ich formulieren: Bei den meisten Menschen ist es eine Unverschämtheit, wenn sie ‚wir’ sagen.

Jetzt trifft die Diagnose ‚Unverschämtheit’ nicht mehr die ungebildeten, halbgebildeten oder einfachen Leute, denen Adorno das „Ich“ absprach, weil sie nicht verstehen, sondern nur nachplappern. Jetzt trifft es die Eliten, die – noch aus der Gewohnheit des 20. Jahrhunderts – munter das „Wir“ benutzen, wie nebenbei, aber doch viel zu oft nur sich selbst und ihresgleichen meinen. Am deutlichsten verstehen lässt sich das in einem Satz wie „Uns geht es doch gut!“, bezogen auf das ganze Land.

Das stimmt für viele, aber eben auch für viele nicht. Wenn fast die Hälfte der alleinerziehenden Mütter Hartz IV beantragen muss, dann ist das „Wir“ aus der Formulierung „Uns geht es gut“ kaputt. Nicht, dass die besorgten Bürger sich besonders um alleinerziehende Mütter scheren würden oder um Obdachlose oder generell um Armut. Aber auch das politische ‚Wir’ ist defekt, und das spielt eine zentrale Rolle in der Bedrohung der liberalen Demokratie.

Die Medien erklären: Wir arbeiten investigativ und kontrollieren die Politik! Aber um das wertzuschätzen, muss man glauben, dass die Interessen der Medien sich weitgehend mit denen der Bevölkerung decken. Deshalb ist Medienmisstrauen nicht nur, aber auch ein Symptom für: Die Krise des Wir.

Die Politik sagt: Wir setzen unsere Macht zum Wohl aller ein! Aber um das zu glauben, muss man sich als Teil dieser Formulierung „alle“ aus Politiker-Mündern betrachten. Auch hier ist die Politikverdrossenheit ein Symptom für: Die Krise des Wir.

Und sie wird verstärkt durch ein weit verbreitetes Unverständnis für die Funktionsweisen von Medien, von Politik, von Wirtschaft und auch von Demokratie. Und eben speziell der liberalen Demokratie. Die Krise des Wir erscheint mir als beinahe logische Folge der digitalen Vernetzung und der Globalisierung. „Die Welt ist ein Dorf“, so wurde die Globalisierung in einem eingängigen Spruch ver-selbstverständlicht. Und ich persönlich finde das auch eher gut als schlecht.

Ich habe schon vor langer Zeit mithilfe des Internet festgestellt, dass ich mit ein paar Leuten in San Francisco und Seoul mehr gemeinsam habe als mit Nachbarn zwei Häuser weiter. Im Netz finde ich Gemeinschaften, mit denen ich viel lieber ein „wir“ forme als mit, sagen wir, den Leuten, die mir bei einem Spaziergang durch Sachsen-Anhalt begegnen. Das ist auch gar nicht schlimm. Ich stelle mir die Zeiten schrecklich vor, in denen man Freunde und Partner noch von Hand suchen musste im Büro, in der Disko oder im Sportverein. Ich habe meine Ehefrau ganz normal auf Twitter kennengelernt.

Natürlich wird der Ort zur Identifikation etwas weniger wichtig, wenn man sich so intensiv vernetzt, wie es heute normal ist. Das ist aber nicht mein Punkt. Ich war sehr froh, als ich ein „wir“ im Netz gefunden hatte – Leute, die mich verstanden, die ein gewisses Weltverständnis mit mir teilten – aber ich habe noch viel mehr Leute gefunden, die mit mir so gar nichts teilten. Und zwar durch einen Effekt, den jeder kennt. Die alten Schulkameraden. Der Kollege aus dem Vertrieb. Das Nachbarspärchen aus dem Hinterhaus. Die ehemalige Tanztrainerin. Auf einmal ist man ihnen – durch soziale Medien – überraschend nah, und kann in ihre Köpfe sehen. Und man ist schockiert darüber, was sich dort alles findet:

  • Bizarre Verschwörungstheorien über die Herrschaft der Echsenmenschen mithilfe von Chemikalien, die von Geheim-Flugzeugen über uns ausgesprüht werden.
  • Absonderliche bis hochproblematische Einstellungen zu Frauen, Ausländern, Juden, Künstlern, Kindern, Journalisten.
  • Und es gibt Fans von Handball, Reggae oder sogar College Rock.

Man sieht also lauter Leute, mit denen man sich bisher ein „wir“ hätte vorstellen können – bis man sie durch soziale Medien näher kennengelernen musste. Das alte, vordigitale Wir wurde oft von der Gnade des Unwissens zusammengehalten. Ich möchte auf keinen Fall behaupten, dass die sozialen Medien die Hauptschuld tragen an der Krise des Wir. Schon weil sie nicht monokausal ist. Vielmehr war die Krise des Wir vermutlich schon sehr lange vorhanden, vielleicht schon immer – sie fand bloß keinen rechten Weg in die Öffentlichkeit. Man konnte gut vor sich hinleben, ohne zu bemerken, dass das eigene „Wir“, dass das eigene Bild der Gesellschaft eine Art Illusion war. Jetzt nehmen wir die Krise des Wir mithilfe der sozialen Medien viel stärker wahr.

Auch die digital angetriebene Globalisierung scheint mir eine Rolle zu spielen. Norbert Elias schrieb in seinem Buch „Die Gesellschaft der Individuen“ 1983 in einem Kontext den man heute wohl Globalisierung nennen würde:

„Menschen befinden sich im Augenblick in einem massiven Integrationsprozess, der nicht nur mit vielen untergeordneten Desintegrationsschüben Hand in Hand geht, der darüber hinaus auch jederzeit einem dominanten Desintegrationsprozess Platz machen kann.“

Man kann sich dieser Aussage nähern im Sinn des durchaus richtigen Zitats von Wolfgang Schäuble, Flüchtlinge seien Deutschlands Rendezvous mit der Globalisierung. Die Flüchtlings-Situation von 2015 – von der ich mich weigere, sie „Flüchtlingskrise“ zu nennen – halte ich für einen Katalysator, der die Krise des Wir durch bloßes Vorhandensein sehr sichtbar gemacht hat. Da waren auf einmal sehr, sehr viele Menschen, die offenbar Teil eines Deutschen „Wir“ werden wollten. Und die einen sagten: Großartig, willkommen, hier ist ein Willkommenskeks!

Aber die anderen sagten: Moment – die da sollen zu unserem „Wir“ gehören? Dann bin ich ja offenbar die ganze Zeit gar nicht gemeint gewesen mit diesem „Wir“! Und einen Keks hätte ich auch gern gegessen, übrigens.

Mit dem Internet und den sozialen Medien ist erstmals ein sehr, sehr breiter und vor allem niedrigschwelliger Rückkanal der Unzufriedenheit mit dem Wir entstanden. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass die AfD mit weitem Abstand die meisten Facebook-Fans aller Deutschen Parteien hat. Nämlich fast so viele Fans wie CDU, SPD und FPD zusammen. Meine persönliche Wir-Krise, die Suche nach Gleichgesinnten, habe ich Anfang des Jahrtausends mit den damaligen sozialen Medien lösen können.

Meine These ist, dass die AfD im Netz so überaus erfolgreich ist, weil sie hier eine alternative Wir-Konstruktion anbieten kann. Das die gesellschaftliche Krise des Wir lösen soll mit dem ältesten und einfachsten, aber schlechten Wir-Mechanismus: Wir, das sind nicht die.

Eine Wir-Identifikation also, das auf Ausschluss beruht. Das Höcke-Zitat der Mehrheit von 51% hört sich für Außenstehende aberwitzig an. Aber nicht wenige Menschen in der AfD glauben ernsthaft, dass die Mehrheit der Bevölkerung eigentlich auf ihrer Seite stehen würde. Sich aber irgendwie nicht traut, ihre wahre Haltung zu offenbaren. Der dabei oft verwendete Begriff „schweigende Mehrheit“ ist verräterisch, denn er bedeutet: die vielen, die nichts sagen, die sind eigentlich Teil von unseres „Wir“.

Wenn ein FDP-Mitglied sagt „Wir“ – meint es tendenziell die FDP.

Wenn ein AfD-Mitglied sagt „Wir“ – meint es tendenziell das „deutsche Volk“. Die eigene Position wird dort als natürlichste, einzig legitime Position betrachtet, und das deutet sehr stark auf eine ausschließende, volksorientierte Wir-Konstruktion hin.

Es ist nicht so, dass die sozialen Medien nur sichtbar machen, was schon vorher da war. Es gibt eindeutig auch Verstärkungseffekte durch das Internet. Und diese werden besonders gefährlich für die liberale Demokratie, wenn sie mit skrupellosen, klassisch redaktionellen Medien Hand in Hand gehen. Der Blick in die Welt:

  • Trump wäre ohne die Propaganda-Maschinerie von Fox News nicht möglich gewesen, die wiederum durch die Verbreitungskraft sozialer Medien ergänzt wurde.
  • Der Brexit wäre nicht denkbar ohne die widerwärtige Lügenmaschinerie der Boulevard-Zeitungen Daily Mail und Sun, die ebenfalls durch extrem reichweitenstarke Social-Media-Accounts ergänzt wurden.
  • Bei dieser Gelegenheit könnte man ruhig mal die menschenfeindliche Monstrosität der Person Rupert Murdoch als Besitzer von Fox News und der Sun erwähnen; Hassrede in redaktionellen Medien hat nämlich einen Namen. Seinen.

Die Essenz des Brexit macht besonders deutlich: Hier wurde mit aller Gewalt eine Wir-Krise durch Abgrenzung und Ausgrenzung gelöst. Wir sind NICHT Europa. Sowohl beim Brexit wie auch bei der Trump-Wahl war „Rassismus“ beziehungsweise „Fremdenfeindlichkeit“ der deutlichste Indikator für das jeweilige Abstimmungsverhalten. Sage mir, wie gern Du Fremde als Teil Deines „Wir“ betrachtest, und ich sage Dir, was Du gewählt hast.

Wirtschaftliche Abgehängtheit spielte ebenfalls eine Rolle, und das Gefühl der Bedrohung des eigenen Lebensstils. Aber beides lässt sich leicht als Zeichen einer Wir-Krise deuten. Die Bedrohung der liberalen Demokratie besteht also auch daraus, dass ein Teil der Bevölkerung die Krise des Wir per Ausgrenzung lösen möchte. Es ist ja kein Zufall, dass dort „Wir sind das Volk“ gerufen wird, mit einer Betonung auf „Wir“, die verdeutlicht:

Die da sind nicht das Volk und sollen es niemals werden.

Es ist auch kein Zufall, dass einige Personen dort den Begriff „völkisch“ wieder positiv besetzen möchten. Denn „völkisch“ ist ein Wort, hinter dem ein rassistischer, also ausschließender Volksbegriff steht. Wiederum erlaubt uns ein leicht abgewandeltes Ideenkonzept von Ernst Bloch, den Hintergrund der Krise des Wir zu verstehen:

Die Ungleichzeitigkeit.

Ungleichzeitigkeit bezeichnet das Phänomen, dass verschiedene Teile einer Gesellschaft den gesellschaftlichen und technologischen Fortschritt unterschiedlich schnell annehmen. Ungleichzeitigkeit erklärt so vieles. Bloch sieht eine starke kapitalistische Komponente der Ungleichzeitigkeit, ich möchte einen etwas anderen Schwerpunkt betonen. Dabei hilft mir Anja Maier, die Parlamentskorrespondentin der taz. Schon im Jahr 2013 schrieb sie einen Artikel über eine Diskussion in ihrem Dorf in Brandenburg, am Rand von Berlin. Und zwar eine Diskussion über Flüchtlinge.

Sie bekam auf Facebook die Tiraden ihrer bis dahin freundlichen Nachbarn mit. Dann schrieb sie einen kurzen Satz, der Blochs Ungleichzeitigkeit verbindet mit der Krise des Wir:

„Ich dachte, wir wären schon weiter.“

Der Satz war für mich sehr wichtig, denn auch ich dachte, wir wären schon weiter. Wir hätten bestimmte Ressentiments schon hinter uns gelassen. Wir hätten die Segnungen der liberalen Demokratie schon viel stärker verinnerlicht. Nochmal Ernst Bloch mit einer Mahnung von 1935:

„Der Staub, den die Explosion des Ungleichzeitigen aufwirbelt, … ist selber explosibel.“

Wir erleben, das glaube ich jedenfalls, überall auf der Welt solche Explosionen des Ungleichzeitigen. Man kann diese Explosionen des Ungleichzeitigen als Polarisierung begreifen: Zwei Teile der Gesellschaft werden regelrecht auseinandergeschleudert. Die Polarisierung kann man in konkrete Zahlenmuster fassen:

  • Brexit: 51 zu 49.
  • Türkei: 51 zu 49.
  • Österreich: 49 zu 51.
  • Trump vs. Clinton: 49 zu 51, was die Wählerstimmen anging.

Das Muster 51 zu 49 scheint ein sehr verbreitetes: Es handelt sich um die größtmögliche Polarisierung. In allen Fällen hatte die Polarisierung zudem eine klare Stadt/Land-Unterscheidung. Die Stadt wählte pro Clinton, pro EU, pro türkischen Rechtsstaat und pro van der Bellen. Das Land wählte Trump, Brexit, Erdogan und Norbert Hofer. Wissenschaftlich untersucht wurde hierbei in den USA übrigens die Rolle der sozialen Medien.

Ich denke, die meisten von uns folgen den Veröffentlichungen des „National Bureau of Economic Research“. Aber für diejenigen, die im März 2017 vielleicht im Urlaub waren, möchte ich kurz die Ergebnisse des Papers von Boxell, Gentzkow und Shapiro aus Cambridge zusammenfassen: Die größte Polarisierung in den USA findet sich in den Bevölkerungsgruppen, die mit der geringsten Wahrscheinlichkeit das Internet benutzen. Und stattdessen Fernsehen. Aber bei jüngeren Bevölkerungsgruppen kann das Netz die Polarisierung durchaus verstärken.

Aus Amerika zurück nach Deutschland, wo zwar Höcke bezeichnenderweise ausdrücklich von 51 % träumt. Wo die Polarisierung jedoch andere, weniger heftige Formen angenommen hat. Sie ist aber auch hier zu finden. Interessanterweise ließ sich das am Schulz-Effekt beobachten: In dem Moment, wo ein klarer Gegenpol zu Angela Merkel auftauchte, der nicht belastet war durch den Überkonsens der Großen Koalition – wuchs die SPD schlagartig und die AfD verlor. Fast, als bräuchten die Leute zwei gegensätzliche Pole, die sich verschieden genug anfühlen müssen.

Das würde aber auch bedeuten, dass Polarisierung nicht unbedingt verkehrt sein muss. Im Gegenteil kann eine klare, aber nicht extreme Polarisierung, also das Angebot sehr verschiedener Wir-Konzepte, von Vorteil sein – wenn beide Pole sich noch als Teil der liberalen Demokratie begreifen. Das ist der Kern. Denn ganz offensichtlich einigen Leuten Polarisierung so wichtig, dass sie im Zweifel sogar bereit sind, die Schwelle der liberalen Demokratie zu überschreiten.

Auf die aktuelle Lage vor der Bundestagswahl bezogen ließe sich schlussfolgern: Je stärker Martin Schulz sich von Angela Merkel unterscheidet, desto mehr Merkel-Hasser sind bereit ihn zu wählen, um mit ihrer Stimme einen Gegenpol zu setzen. Man könnte hilfsweise die liberale Demokratie als eine Insel begreifen im Meer des Autoritären. Und je weiter die Wahlmöglichkeiten in einer liberalen Demokratie auseinander stehen, umso mehr Menschen können ihre Distanz zur anderen Seite betonen, ohne ins Meer zu fallen.

Wir haben die ganze Zeit das wichtigste Instrument zur Aufrechterhaltung einer liberalen Demokratie vor Augen gehabt: Es ist der Pluralismus. Es ist die Vielfalt der Meinungen, Haltungen, Lebensstile. Pluralismus ist auch ein gute, wenn nicht zwingende Voraussetzung, um die Krise des Wir selbst zu mildern oder zu lösen. Denn je breiter die Akzeptanz der verschiedenen Haltungen ist, desto leichter ein wenigstens zartes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Aber in den letzten Jahren litt der Pluralismus sehr.

Die Autoritären fanden ihn schon immer schlimm, weil er irgendwie nach Multi-Kulti riecht. Und weil man in der autoritären Herrschaft jede Meinung vertreten darf, vorausgesetzt sie entspricht der herrschenden. Pluralismus wird von den Autoritären nur so lange gefordert, wie man selbst in der Minderheit ist. Ein Muster übrigens, das von Islamisten exakt in dieser Form vorgetragen wird. Aber auch von liberaler Seite ist das Ziel Pluralismus in den letzten Jahren zu schwach vertreten oder sogar gekontert worden. Ich nehme mich selbst hier explizit nicht aus.

Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, offene Menschenfeindlichkeit als ganz gewöhnliche Meinung zu akzeptieren. In Kreisen der amerikanischen Linken geht ein grober Scherz über die Debatten in US-Medien herum, der ungefähr so erzählt wird:

– Ein Nazi: Tötet alle Juden!

– Ein Linker: Nein!

– Der Moderator: Das sind also die beiden Extrempositionen, wir versuchen jetzt eine ausgewogene, gemäßigte Mittelposition zu finden.

Die Normalisierung extremistischer Positionen ist eindeutig eine große Gefahr, wie man an diesem Scherz gut erkennt. Aber Pluralismus bedeutet eben, zu unterscheiden zwischen persönlich schwer erträglichen – und klar menschenfeindlichen Meinungen. Auch das ist mir oft so schwergefallen, dass ich es nicht geschafft habe, und manchmal jetzt noch nicht schaffe, obwohl das doch mein privates Forschungsgebiet ist. Wir müssen in einer Zeit des ständigen Meinungshagels zum Beispiel in sozialen Medien noch viel lernen, ich auch, besonders das Aushalten schwieriger Meinungen. Das ist schwer, denn wenn es ein Motto gibt in der Zeit sozialer Medien, dann lautet es:

Das Politische wird privat.

Weltpolitik kommt plötzlich auf dem gleichen, intimen Kanal aufs Smartphone wie auch Cousine Marias Babyfotos und Onkel Pauls Urlaubsschnappschüsse. Mit den sozialen Medien wird Politik an einem Ort verhandelt, der uns als unser digitales Wohnzimmer erscheint. Auch deshalb sind wir weniger offen für abweichende Positionen: „Ich werde doch in meinem Wohnzimmer, in meinem direkten sozialen Umfeld niemanden dulden, der XYZ sagt! Wo doch – wie jeder weiß und meine Freunde auch – ABC die einzig sinnvolle Meinung ist!“

Die Konfrontation mit stark abweichenden Haltungen ist im Übrigen außerordentlich anstrengend. Man erträgt das gar nicht so oft, wie man in sozialen Medien unterwegs ist, über 20 Millionen Deutsche nutzen Facebook jeden Tag. Mehrmals. Kein Wunder, dass die sozialen Medien einen Mechanismus namens Filterblase begünstigen, der die Nutzer in eine einigermaßen gleichförmige Meinungskapsel einfasst. Schutz vor den vielen anstrengenden Meinungen dort draußen! Aber Pluralismus ist nicht nur die Vielfalt der Meinungen, Haltungen, Lebensstile. Sondern auch die offene Debatte zwischen diesen Polen.

Womit wir zum Schlussakkord kommen: Wie kann man die liberale Demokratie mithilfe des Internet stärken? Indem man sich zuerst vergegenwärtigt, dass der Pluralismus in den sozialen Medien einen mächtigen Feind hat: bestürzenderweise handelt es sich um unsere eigene Wahrnehmung.

Die so genannten Kognitiven Verzerrungen, also von einer Reihe psychologischer Mechanismen, beeinflussen unsere Wahrnehmung erheblich. In unsere Köpfe eingepflanzt von der Evolution selbst oder der Erziehung, können sie uns gehörig in die Irre führen. Es gibt eine größere Zahl an kognitiven Verzerrungen, einige werden gerade erst näher erforscht, auch, weil sie in sozialen Medien ungeahnte Wirkungen haben können. Hinter dem vieldebattierten Begriff Fake News stehen zum Beispiel eine ganze Reihe verschiedener Phänomene:

  • Klassische Zeitungsenten und ökonomisch getriebene Falschnachrichten,
  • ideologische Ausdeutungen und Propaganda,
  • bewusste Zuspitzungen und Sensationalisierungen.
  • Und natürlich: Lügen.

Im Wahlkampf von Trump haben Fake News eine große Rolle gespielt. Ein Psychologie- und Jura-Professor namens Dan Kahan erforscht dabei, warum so viele Trump-Unterstützer offenbar den größten Unfug glauben und weiterverbreiten. Eine der bekanntesten Folgen davon: Ein Trump-Fan stürmte bewaffnet eine Pizzeria in Washington, weil er auf Facebook und in ein paar Online-Magazinen gelesen hatte, dass im Keller dieser Pizzeria Hillary Clinton einen Kinderpornographie-Ring betreibe. Laut Kahan verbreiten Menschen in sozialen Medien Nachrichten nicht unbedingt zu Informationszwecken. Sondern zu sozialen Zwecken. Sie wollen sich mit einer Nachricht selbst darstellen, und zwar als gutes Mitglied ihrer sozialen Gruppe.

Und für diese soziale Funktion ist schlicht nicht so wichtig, ob die Nachricht wahr ist oder nicht. Sie werden jede Nachricht verbreiten, die ihnen zur Selbstdarstellung als Clinton-Hasser nützlich erscheint, zum Beispiel, weil sie wissen, dass davon Clinton-Fans provoziert werden. Wahrheit ist für sie einfach kein Kriterium in sozialen Medien. Wenn man sie konkret fragt, erklären sie: „Gut, es stimmt vielleicht nicht – aber es könnte wahr sein! Hillary ist schließlich der Teufel. Deshalb teile ich das.“

Das Beispiel zeigt, wie wichtig sozialpsychologische Mechanismen sind für die Debatte, für die politische Wirksamkeit von sozialen Medien und damit für die liberale Demokratie. Und es zeigt auch, dass wir noch gar nicht so viel über soziale Medien wissen – diese Technologie aber schon massiven Einfluss auf die Gesellschaft hat. Auch das ist eine Form der Ungleichzeitigkeit.

Fünf kognitive Verzerrungen habe ich deshalb herausgesucht, die mir besonders schädlich bei Debatten im Internet erscheinen, also auf dem Weg zu einem Netzpluralismus.

Erste Kognitive Verzerrung

Ganz vorn muss der Bestätigungsfehler stehen, bekannt auch als „confirmation bias“. Er besagt, dass wir eher nach Informationen suchen, die unsere Positionen stützen. Das Muster dahinter ist die selektive Wahrnehmung, bei der die eigene Erwartung – ich werde doch wohl richtigliegen! – dafür sorgt, bestätigende Informationen zu finden. Und gleichzeitig die eigenen Positionen widersprechende Informationen eher zu ignorieren. Hier wird besonders klar, warum sich mit dem Netz eine Art Paradies des Bestätigungsfehlers aufgetan hat: Im Internet findet man Bestätigung für wirklich jede These und für das Gegenteil von jeder These und alles dazwischen auch.

Durch den Bestätigungsfehler bekommt auch der autoritäre Schlachtruf „Lügenpresse“ eine neue Bedeutung. Wer „Lügenpresse“ sagt, meint nämlich gar nicht, dass die Presse immer lügt. Wer „Lügenpresse“ sagt, schafft sich damit einen subjektiven Filter, mit dem er für jede einzelne Nachricht neu entscheiden kann: die ist gelogen, die ist nicht gelogen, und die hier ist so sehr gelogen, dass das Gegenteil wahr ist. Das Urteil „Lügenpresse“ ist eine Möglichkeit, seinen Bestätigungsfehler nach Herzenslust auszuleben. Unbeschwert von Fakten.

Zweite Kognitive Verzerrung

Der Framing-Effekt ist ein klassischer Effekt der Medienrezeption, und natürlich wird er auch aktiv ausgenutzt. Framing bedeutet, dass eine gleichbleibende Information sehr unterschiedlich bewertet wird, je nachdem, wie sie formuliert wird. Ein jüdischer Witz zeigt die Macht des Framing gut auf:

– Peter, warum bist du traurig?

– Ich liebe doch Zigaretten so sehr, und da habe den Rabbi gefragt, ob ich beim Beten rauchen darf. Er hat mich ausgeschimpft und es mir verboten.

– Ach Peter, da bist Du aber selbst Schuld. Du hättest dem Rabbi sagen sollen, dass du so gern betest und ihn dann einfach fragen – ob du beim Rauchen auch beten darfst? Er wäre dir begeistert um den Hals gefallen.

In den sozialen Medien ergibt sich Framing nicht nur durch unterschiedliche Formulierungen, sondern auch durch die Art der Präsentation. Eine eher harmlose Nachricht kann durch ein erschütterndes Symbolbild eine völlig andere Färbung bekommen. Und auf Facebook sehen die Artikel der New York Times visuell exakt so aus wie die von einer beliebigen Fake News-Fabrik. Das hat sogar dann eine Wirkung, wenn man es weiss.

Dritte Kognitive Verzerrung

Der Mitläufer-Effekt oder Bandwagon-Effekt gehört zu den bekanntesten, auch politisch wirksamen Effekten. Menschen neigen im Zweifel dazu, sich der Mehrheit anzuschließen. So weit, so bekannt. Im Netz ist „Mehrheit“ aber gar nicht gleichbedeutend ist mit einer landesweiten demokratischen Mehrheit, es ist viel eher die gefühlte Mehrheit in der direkten sozialen Umgebung.

In sozialen Medien bekommt der Mitläufer-Effekt eine neue Färbung, und zwar durch den angrenzenden Wahrheits- oder Reiterationseffekt: Was man oft hört oder liest, hält man viel eher für wahr. Dadurch können Echokammern entstehen, wo man der Überzeugung ist: die ganze Welt ist meiner Meinung, und diese Meinung ist natürlich wahr, denn ich lese so oft davon – es muss einfach stimmen.

Vierte Kognitive Verzerrung

Der Semmelweis-Reflex schmiegt sich eng an den Bestätigungsfehler. Er bedeutet nämlich, dass man neu aufgetauchte Beweise eher ablehnt, wenn sie der eigenen Haltung widersprechen. Der benachbarte Backfire-Effekt ist noch nicht ganz eindeutig nachweisbar. Aber es scheint, als könnte unter bestimmten Umständen ein Gegenbeweis für eine These sogar dazu führen, dass die Anhänger dieser These noch stärker daran glauben. Bei Debatten in sozialen Medien ­– zum Beispiel mit Impfgegnern – kann man immer wieder beobachten, dass „beweisen“ das Gegenteil von „überzeugen“ werden kann.

 

Fünfte Kognitive Verzerrung

Und schließlich der Attributionsfehler oder Group Attribution Error, also das Muster, das hinter ganz klassischen Vorurteilen steht. Dabei neigt man dazu, das Verhalten von Menschen mit ihrer Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen zu erklären – und nicht mit persönlichen Eigenschaften. Weil ein Flüchtling X tut, schreibt man allen Flüchtlingen einen Hang zu X zu. Es ist geradezu offensichtlich, wie dieser Attributionsfehler in Verbindung mit dem Bestätigungsfehler in sozialen Medien Stimmungen erzeugen kann, die Gift sind für eine liberale Demokratie.

Und es ist absolut essentiell zu erkennen – dass diese kognitiven Verzerrungen eben nicht nur bei den Anderen dort drüben die Wahrnehmung beeinflusst. Sondern bei allen, also auch bei uns, den Streitern für eine liberale Demokratie. Die übergroße Gewissheit, in jedem einzelnen Fall auf der absolut richtigsten Seite der Welt zu stehen – ist Teil des Problems. Wenn man von pluralistischen Debatten als Treiber einer liberalen Demokratie ausgeht, gilt schließlich das ewige Wort des Philosophen Hans-Georg Gadamer aus in einem Interview mit dem SPIEGEL im Jahr 2000:

„Wir müssen endlich wieder lernen, wie man ein richtiges Gespräch führt. … Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.“

Lernen, wie man ein richtiges Gespräch führt – in Zeiten sozialer Medien mit allen ihren kognitiven und sozialen Verzerrungen scheint das wichtiger als je zuvor.

Die Schussfolgerung

Wir brauchen zur Aufrechterhaltung der liberalen Demokratie eine pluralistische Debatte, auch und besonders in den sozialen Medien. Das erreichen wir aber nicht, indem wir darauf warten, dass Facebook endlich den richtigen Knopf drückt oder den richtigen Algorithmus einstellt. Ebensowenig wird Heiko Maas’ neues, gefährliches und unkluges „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ dieses Ziel erreichen. Es spricht zwar viel für eine gesetzliche Begleitung, des Prozesses, den wir anstoßen müssen. Aber das Wesentliche findet in den Köpfen statt.

Denn wir brauchen eine digitale Zivilisierung.

Wir brauchen flächendeckendes Wissen über Verhaltens- und Debattenregeln im Netz. Und dieses Wissen muss zur akzeptierten Selbstverständlichkeit werden. Ungefähr so, wie eine Fußgängerzone in einer Stadt nur deshalb funktioniert, weil man ein sehr umfassendes Set von Regeln inzwischen als Selbstverständlichkeit voraussetzen kann. Wie man sich nicht anrempelt, dass man die Blumen in den Beeten nicht abreisst, dass man nicht wild herumspuckt und so weiter und so fort. Wenn von Zivilisierung die Rede ist, dann ist man geradezu gezwungen, nochmal einen Namen zu nennen: Norbert Elias. Der sich beschäftigt hat mit Zivilisierungsprozessen, und zwar insbesondere in Zeiten großer gesellschaftlicher Veränderungen.

In seinem Werk „Über den Prozess der Zivilisation“, Band 1, Zweites Kapitel, „Über die Zivilisation als eine spezifische Änderung des menschlichen Verhaltens“, im Abschnitt „Das Problem der Verhaltensänderung in der Renaissance“ schreibt Elias:

„Die Gesellschaft war im Übergang. … Man spürt schon am Ton, an der Art des Sehens, dass bei aller Verbundenheit mit dem Mittelalter doch etwas Neues im Werden ist. …verloren gegangen ist die schlichte Gegenüberstellung von ‚gut‘ und ’schlecht‘, von ‚fromm‘ und ‚böse‘. Man sieht differenzierter, das heißt mit stärkerer Zurückhaltung der eigenen Affekte.“

Wir müssen also den Übergang schaffen vom Netzmittelalter, an dessen Ende wir heute stehen – zur Netzrenaissance. Das Zitat von Elias passt auch deshalb besonders gut, weil die sozialen Medien Gefühlsmedien sind, in denen Sensationalisierung Trumpf ist. Elias stellt dagegen:

„differenzierter zu sehen, das heißt mit stärkerer Zurückhaltung der eigenen Affekte“.

Vielleicht brauchen wir zusätzlich zum LIKE-Button – auch noch einen Knopf der zurückhaltenden Zustimmung: einen „Finde ich einigermaßen okay“-Button. Vielleicht aber auch nicht. Sondern viel besser: Zurück zu Bloch, denn der hat nicht nur Weltprobleme analysiert und Phänomene wie die Ungleichzeitigkeit beschrieben. Er hat mit seinen „konkreten Utopien“ nicht nur Weltprobleme analysiert, sondern auch versucht, Auswege zu verstehen. Er hat das „Prinzip Hoffnung“ untersucht und neu gefasst, er hat einen fast allen bekannten Satz gesagt:

„Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.“

Aber ein Satz sticht noch besser, schöner, größer heraus in Blochs Anleitungen zur konkreten Utopie, ein Satz erscheint mir beinahe die Universalanleitung zur Problemlösung rund um die Globalisierung, die digitale Vernetzung und ihre Folgen. Bloch schrieb nämlich über die tatsächlich erreichbare Utopie:

„Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat…“

Und mit dem Internet könnte man beginnen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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