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Der deutsche Perfektionismus ist Gift

Die VW-Hauptversammlung am Mittwoch ist symptomatisch. Der Konzern illustriert, was hierzulande schiefläuft: In der digitalen Transformation drohen ökonomische Stärken sich in Schwächen zu verwandeln.

Wenn ein Unternehmen Deutschland ist, dann ist es VW. Vom Namen Volkswagen über den Kern von Marke und Technologie (Zuverlässigkeit) bis zum Selbstbewusstsein, das zu oft droht, in Hybris zu kippen. Selbst die für Weltkonzerne ungewöhnliche Eigentümerstruktur zwischen staatlicher Rahmensetzung samt eigenem VW-Gesetz und Börsennotierung passt als Metapher. Heute hat Deutschland Hauptversammlung.

Zu besichtigen ist dabei der Abschied des alten, unerhört erfolgreichen Industrielandes und der Beginn von etwas Neuem. Die Hauptversammlung von Deutschland ist ein Fanal für die digitale Transformation, also die Verwandlung der gesamten Wirtschaft in eine Plattform-Ökonomie der digitalen Vernetzung. Könnte man denken.

Tatsächlich prallen zwei Weltkonzepte aufeinander. Das neue Weltkonzept der digitalen Vernetzung. Und Deutschland selbst. Denn das alte Deutschland, das VW so erfolgreich gemacht hat, war ein Hardware-orientiertes Ingenieursland. Es war ein Land, in dem man sich feierte für die weltbesten Spaltmaße und das mit unfassbar guten Maschinen Exportweltmeister wurde. Es war ein Land der Perfektion, mehr noch: ein Land, in dem das Funktionieren nichts weniger als eine Religion ist.

Dieses höchste, herrlichste, heiligste Ziel – Funktionieren! – hat sogar eine politische Dimension. Ein guter Teil der Wut, die quer durch das Land köchelt, resultiert aus der Unterstellung, das Land würde nicht mehr funktionieren. Ingenieursdeutschland funktioniert und hat zu funktionieren, sonst Beule. Die verbreitete Skepsis gegenüber Neuem ist darin begründet, denn das Neue kommt ohne Funktionsgarantie.

Es gibt dieses Land noch, und es wird den ungeheuren Wohlstand noch eine ganze Weile aufrechterhalten. Aber genau die Grundwerte des Funktionierdeutschland, die Eigenschaften, die das Land reich gemacht haben, sind zugleich das größte Hindernis auf dem Weg in eine erfolgreiche digital vernetzte Ökonomie:

Perfektionismus

Die Spaltmaßfixierung offenbart den messbaren Produktvorteil, aber auch das unerbittliche Wesen der Perfektion: die Abwesenheit einer Fehlerkultur. Das wirkt katastrophal in einer Zeit, in der sich Gesellschaft und Technologie so schnell wandeln. Denn dann sind digitale Experimente notwendig, um die ökonomische Zukunft ausloten zu können. Aber Experimente sind sinnlos, wenn sie wegen Perfektionismus nicht scheitern dürfen, wenn man nicht von Beginn an ein mögliches Versagen einkalkuliert, lässt sich daraus nichts lernen. In der digital vernetzten Wirtschaft, getrieben von A/B-Tests, Pivots (Veränderungen des Geschäftsmodells) und ständiger Weiterentwicklung im unablässigen Datenstrom der Nutzer, ist der herkömmliche, deutsche Perfektionismus Gift – obwohl er jahrzehntelang Erfolg brachte.

Innovation

Anders als oft behauptet, ist Deutschland ein Land der Innovation, in kaum einem anderen Land werden pro Kopf so viele Patente angemeldet. Das Herz der Wirtschaft, der deutsche Mittelstand, weltmarktführert vor sich hin und erfindet ständig neue Technologien. Aber das deutsche Verständnis von Innovation ist eines der stetigen Verbesserung des Bestehenden. Entscheidend im digitalen Plattform-Kapitalismus ist aber die Innovation als komplette Neuerfindung, sogar als Neudefinition des gesamten Problems. Um in VW-Begriffen zu sprechen – nicht die 1000. Verbesserung des Dieselmotors, sondern Produkte für eine andere Idee von gesellschaftlicher Mobilität. Aber auch der beste Kevlar-Carbon-Reifen für ein Hochrad bleibt ein Reifen für ein Hochrad.

Hierarchie

Es scheint kein Zufall, dass Max Weber in Deutschland die Wendung vom „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“ geprägt hat. Deutschland ist das Land mit der europaweit geringsten Homeoffice-Quote, weil die Präsenzkultur ein Symbol der Hierarchie ist, der physischen Kontrolle. Diese ausgeprägte Hierarchie dient als Garant für das beschriebene Funktionieren und war damit ein Erfolgsmodell. Aber die traditionelle Hierarchie steht der Vernetzung strukturell im Weg, denn Vernetzung bedeutet zwingend auch verteilte Verantwortung. Und, wie man bei VWs Software mit eingebautem Betrug gesehen hat, kann eine Hierarchie mit Funktionierfetisch allzu leicht zum ethischen Versagen führen: Ich habe nur Befehle befolgt.

Beharrlichkeit

Oft wird die Langsamkeit der deutschen Gesellschaft beklagt, der zweitältesten Bevölkerung der Welt. Eigentlich aber ist die Langsamkeit die Kehrseite der sehr positiven Beharrlichkeit. Es wieder und wieder zu versuchen, sich nicht entmutigen zu lassen, einen Ehrgeiz des Schaffens und damit auch der Perfektion zu entwickeln. Leider bedeutet Beharrlichkeit in der digitalen Sphäre auch, sich gegen Veränderungen zu stemmen, die sich rasch wandelnde Realität zu wenig zu berücksichtigen. Bei VW hat man solange sowohl Elektromotoren wie auch vernetzte Software geringgeschätzt, bis die hierarchische Dieselbeharrlichkeit (samt Betrugswillen) in die Katastrophe führte.

Bodenständigkeit

Deutschland ist nicht technikfeindlich, im Gegenteil. Deutschland ist aber virtualitätsfeindlich. Das Nichtdingliche, das nicht Greifbare wird tendenziell geringgeschätzt, eine Begleiterscheinung der unbestreitbaren Kraft der deutschen Bodenständigkeit. Lieber den anfassbaren Spatz in der Hand als die virtuelle Taube auf dem Dach. Das hilft zwar dabei, auf Sicherheit zu spielen und bei Visionen stets den Arzt aufzusuchen, ist also ein Stabilitätsgarant. Aber es führt zu einer Skepsis gegenüber vernetzter Software. Soeben ist bekannt geworden, dass der Unterschied zwischen dem Tesla Model S60 und dem Model S75 kein physischer ist. Die größere Reichweite und höhere Geschwindigkeit liegen allein in der Software begründet, die Hardware ist identisch. Für den Unterschied kassiert Tesla 9000 Dollar. Für deutsche Ingenieursohren hört sich das beinahe nach Betrug an, 9000 Dollar für einen Mausklick in der Teslazentrale zu kassieren, der eine softwareseitig schlechter getunte Apparatur auf Normalniveau hebt. Aber diese Perspektive der Bodenständigkeit geht davon aus, dass wahre Wertschöpfung nur im Dinglichen stattfinden kann und Software deshalb immer nur zur Optimierung der Hardware dienen darf. Genau das ist falsch, denn VW muss – so wie Tesla heute schon – ein Softwarekonzern werden, wie schon länger klar ist. Und dabei steht die bodenständige Virtualitätsfeindlichkeit im Weg.

Heute ist Hauptversammlung von Deutschland, und sie wird kantig, vielleicht schmerzhaft werden, denn sie markiert symbolisch den notwendigen Wandel vom Hardware-Deutschland mit Funktionierfetisch zum vernetzten Software-Deutschland im Ausprobiermodus. Und das deutsche Digitaldilemma besteht darin, dass die früheren Stärken drohen, sich in Schwächen zu verwandeln. Nicht durch eigenes Versagen, sondern schlicht durch die Veränderung der Welt.

tl;dr

In der digitalen Transformation drohen ökonomische Stärken Deutschlands sich in Schwächen zu verwandeln.

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