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Mit allen Risiken und Nebenwirkungen

Digitale Medikamente und Apps, die kontrollieren, ob wir brav unsere Tabletten nehmen? Was nach Zukunft, aber auch nach einem Überwachungsalbtraum klingt, wird kommen. 

Eine Meldung im Frühsommer 2016, wie gemacht, um von weiten Teilen der Öffentlichkeit ignoriert zu werden: Im Urin einer Frau aus Pennsylvania hat man einen gegen das Antibiotikum Colistin resistenten Stamm des Bakteriums E. coli gefunden. Hört sich nicht weiter schlimm an, E. coli, hat man doch in Bio neunte Klasse gehört, ist das allerweltigste Allerweltsbakterium.

Dahinter steckt aber, dass Antibiotika immer schlechter wirken, weil die Bakterien Resistenzen entwickeln. Das ist schon länger eine große Sorge derjenigen, die sich professionell um Gesundheit kümmern. Colistin gehört zu den letzten Antibiotika, die gegen multiresistente Keime wirken. Gehörte. Gegenwärtig sterben 700.000 Menschen jährlich an resistenten Erregern, wobei neben Bakterien vor allem Malaria und HIV Probleme bereiten.

Eine Steilvorlage für digitale Medikamente

Von der britischen Regierung mit einer Einschätzung beauftragte Experten erwarten, dass die Zahl innerhalb einer Generation auf zehn Millionen Tote ansteigt. Schon 2013 warnte Sally Davies, Chief Medical Officer in Großbritannien, Antibiotika-Resistenzen seien eine „apokalyptische Bedrohung, vergleichbar mit dem Klimawandel“.

Was eine Steilvorlage ist – für digitale Medikamente. Äh, was? Digitale Medikamente sind eine völlig neue Produktklasse, deren Geburtszeitpunkt man auf den 10. September 2015 festlegen könnte. An diesem Tag beantragte ein Unternehmen namens Proteus bei der amerikanischen Medikamentenbehörde FDA das erste digitale Medikament.

Proteus hat dafür einen schluckbaren Sensor entwickelt, so groß wie ein Sandkorn, der in Tabletten integriert werden kann. Bei Kontakt mit der Magensäure sendet dieser Mikrosensor ein Signal an ein Pflaster, das man sich auf die Haut klebt, von wo aus wiederum Daten an das Smartphone übertragen werden, das seinerseits als Daten-Gateway ins Netz dient. Auf die Server von Proteus, die die Daten an die behandelnde Ärztin weitergeben. Oder an die Versicherung.

Der Gesundheitsmarkt wird ein Schlachtfeld

Digitale Medizin ist also die Kombination von dinglichen Medikamenten mit Datenströmen, gewonnen durch neuartige Sensoren, beschleunigt durch die noch immer andauernde mobile Revolution durch Smartphones.

Man kann sicher darüber streiten, wie geschickt es war, dass als Wirkstoff für das digitale Medikament gerade Aripiprazol ausgewählt wurde. Also ein Medikament gegen (paranoide) Schizophrenie. Ob es also tatsächlich sinnvoll ist, Menschen mit Verfolgungswahn zu erklären, sie müssten jetzt nur diesen kleinen Sensor runterschlucken, und schon würde ein Datenstrom in Echtzeit praktisch bis auf die Server der Regierung geleitet.

Abgesehen davon sind digitale Medikamente eine der vielen und oft überraschenden Erscheinungsformen des Großbereichs E-Health. Dieses Schlagwort mag sich für ungeübte Ohren nach einer missglückten, elektronischen Gesundheitskarte anhören. Aber der Lebensbereich, der sich durch die digitale Vernetzung am stärksten verändern könnte, ist Gesundheit samt angrenzender Bereiche wie Ernährung und Fitness.

Der Gesundheitsmarkt ist überreif für Disruption

Das liegt nicht nur daran, dass Gesundheit zu einem digitalen Lebensstil geworden ist und gesellschaftliche Strömungen wie die Selbstvermessung immer mehr gesundheitsrelevante Daten ins Netz speisen.

Es liegt auch daran, dass der riesige Gesundheitsmarkt überreif für Disruption ist. Er scheint starr und unflexibel, in vielen Punkten dysfunktional, getrieben von Irrationalität am einen Ende und Gier am anderen. Deshalb wollen sowohl Google wie auch Apple den Gesundheitsmarkt erobern.

Die großen Digitalkonzerne arbeiten daran, das Smartphone zum digitalen Epizentrum, zur Datenplattform des Gesundheitswesens zu machen, mit Budgets in der Größenordnung des Bruttoinlandsprodukts kleinerer europäischer Länder. Und sie werden es schaffen, und sie werden dabei mit den bisherigen Marktteilnehmern in gewohnt behutsamer Weise…, ein Scherz, der Gesundheitsmarkt wird ein Schlachtfeld.

Risiken und Nebenwirkungen

Apple wird voraussichtlich im Herbst die neue Version der Apple Watch vorstellen, die laut CEO Tim Cook „der Schlüssel zum enormen Gesundheitsmarkt“ werde. Die Uhr dürfte eine Vielzahl von Vitalsensoren – von Pulsmesser bis Blutsauerstoff – enthalten. Wohin Apple zielt, erkennt man an der App, die zwar auf jedem iPhone ist, die aber praktisch niemand bisher auch nur geöffnet hat: „Health“, diese weiße mit dem pinkfarbenen Herzchen im Icon.

Darin finden sich Messbereiche von „Elektrodermale Aktivität“ über „Inhalatorgebrauch“ bis „Zervixschleim“. Noch gibt es für viele der rund 80 Gesundheitsmesswerte keine eigenen Sensoren von Apple. Aber eben: noch.

Google attackiert etwa den Insulinmarkt, der rund 40 Milliarden Dollar schwer ist. Dafür wurde 2014 eine Kontaktlinse für Diabetiker patentiert, die die Augenflüssigkeit analysiert, woraus man Rückschlüsse auf den Blutzuckerspiegel ziehen kann. Die Kontaktlinse kann dem Träger über ein Blinksignal auch anzeigen, dass es Zeit für eine Insulingabe ist – aber vor allem sendet sie Daten an das Smartphone, die helfen, die richtige Menge zur richtigen Zeit zu spritzen – was für viele Diabetiker alles andere als einfach ist.

Es ist ein Beispiel dafür, wie Datenströme durch neue Sensoren und Auswertungssoftware helfen können, bekannte Mittel und ihre Anwendung zu verbessern. Und es ist gleichzeitig aus Sicht vieler Menschen die Vorbereitung eines Horrorszenarios der Körperüberwachung. Es gibt schließlich nichts Intimeres und Delikateres als Gesundheitsdaten. Und die finden über E-Health zwangsläufig ihren Weg in die digitalen Netze hinein. Mit allen dazugehörigen Risiken und Nebenwirkungen.

Der Hauptgrund für den Siegeszug von E-Health: Sie!

Und doch wird diese Entwicklung kommen. Ein Grund ist die beschriebene Situation der Antibiotika. Die Resistenzen haben sich auch verschärft, weil so viele Leute ihre Antibiotika falsch verwendet haben. Man fühlt sich nach zweieinhalb Tagen wieder okay und setzt die Tabletten ab. Dadurch aber setzt man bei den noch nicht abgetöteten Erregern eine Art natürliche Auslese in Gang. Die unempfindlichsten Bakterien überleben, die folgenden Generationen haben eine höhere Chance, resistent zu werden.

Digitale Medikamente können hier ein machtvoller Hebel sein, indem sich messen und damit sanktionieren lässt, ob Medizin richtig verwendet wird. Eine Textnachricht im Gesundheitssystem der Zukunft: „Bitte schlucken Sie in den nächsten 30 Minuten Ihr Antibiotikum mit dem Magensäuresensor – oder die Kosten werden nicht von der Kasse übernommen.“

Der Hauptgrund für den Siegeszug von E-Health, also dem Eingang von digital vernetzten Sensoren in die gesamte Gesundheitswirtschaft – werden deshalb Sie sein. Sie, die Bürger. Am Anfang werden Sie sich gruseln und schwören, dass Sie niemals einen Überwachungssensor schlucken. Dann hören Sie, dass das Gesundheitssystem überlastet ist, dass – Deutschland ist das älteste Land der Welt – die Kosten immer höher werden.

Und dann werden Sie lesen, dass zu den größten Schwierigkeiten gehört, dass die doofen Patienten ihre Tabletten einfach nicht richtig einnehmen. Dann werden Sie empört sein: Wieso zahle ich ebenso hohe Krankenkassenbeiträge wie der Typ da vorn, obwohl ich so verantwortungsbewusst mit Medikamenten umgehe! Und der nicht! 

Und dann werden Sie wütend bei Ihrer Krankenkasse anrufen und verlangen, dass Sie endlich beweisen dürfen, wie vorbildlich und nach Plan Sie mit Ihren Tabletten umgehen. Um in den neuen, günstigeren Digitaltarif reinzukommen.

tl;dr

Es braucht eine große, gesellschaftliche Debatte um die großen Chancen und auch die Schwierigkeiten, die E-Health bringt. Jetzt.

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