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Wir schlittern in die Schreispirale

Durch kalkulierte „Provokationen“ von Politikern wie Donald Trump wird die politische Öffentlichkeit zu einem immer schriller kreischenden Stammtisch. Die Mechanismen der sozialen Medien begünstigen das.

Donald Trump gewinnt eben irgendwelche Vorvorvorwahlen in einem US-Bundesstaat, der so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern, aber weniger Einwohner hat. Damit würde ich mich gern trösten. Leider jedoch halte ich diese Erfolge für das Fiebersymptom einer sich wandelnden Medienwelt, was ebenso in Deutschland Auswirkungen hat. Denn Trump ist meiner Einschätzung nach vor allem ein Netzphänomen.

Wenn die Mediendemokratie bis vor einiger Zeit auf Fernsehen, Zeitungen und Nachrichtenseiten zugeschnitten war, bedeutete das konkret für die politische Kommunikation:

  • 30-Sekunden-Statements, um in den Nachrichten zitiert zu werden
  • sorgsam komponierte Fotos, die das Image inszenieren sollten
  • Sprachregelungen, um auf Fragen einprägsam und konsistent zu antworten

Trump hat diese auf die Bedürfnisse der redaktionellen Medien zugeschnittenen Bausteine der politischen Kommunikation noch einmal drastisch eingedampft. Denn er hat sie auf soziale Medien und ihre Maximen der Empörung und der Unterhaltsamkeit zurechtgestutzt:

  • populistische Parolen mit kaum mehr als 25 Buchstaben, die in Tweets und auf Fotos zitiert und gleichzeitig als Programm, als Weg und als Ziel empfunden werden können („Make America great again!“)
  • markante, emojihafte Mimik, die kein klassisches Image inszeniert, sondern Gefühle und Reaktionen, zielend auf animierte GIFs, die die „New York Times“ im Januar als politikverändernde Technologie beschrieb
  • Mem-fähig verdichtete Mikrozitate, die nicht im Wortlaut in Erinnerung bleiben müssen, sondern als ressentimentgeladenes Bauchgefühl (Mexikanische Immigranten sind Vergewaltiger oder so)

Der amerikanische Stromberg auf Speed, der Großkhan der Großspurigkeit, der rotzige Rassist – Donald Trump hat die Funktionsweise der heutigen digitalen Öffentlichkeit besser verstanden als irgendein Politiker sonst. Er ist der Protopolitiker des Netzkommentariats, das Ergebnis einer dumpf anpolitisierten Masse, die im Internet anders auftritt, als man das zuvor erwartet oder gehofft hatte.

„Entgleisungen“ als kommunikative Katalysatoren

Reißschwenk in die Siebzigerjahre, wo die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann-Maier-Leibnitz ihre Theorie der Schweigespirale vorstellte. Danach richtete ein größerer Teil der Bevölkerung ihre öffentlich kundgetane Meinung nach einem empfundenen Meinungsklima aus. Sie sagten also nicht, was sie glaubten, sondern was sie für irgendwie gesellschaftlich opportun hielten. Damals wurde die Theorie auch als konservative Hoffnung betrachtet, es gäbe eine schweigende Mehrheit in ihrem Sinne. Im Jahr 2014 erkannte das Pew Research Center, eines der wichtigsten amerikanischen Meinungsforschungsinstitute, dass auch in den sozialen Medien eine Art Schweigespirale existieren könnte.

Und damit bekommen die aggressiven Äußerungen von Trump eine andere Färbung, ebenso wie die „Entgleisungen“ von AfD und Pegida: Es handelt sich um kommunikative Katalysatoren. Kommunikation, die sich der Mechanismen der sozialen und redaktionellen Medienmelange bedient, um an die diffusen Abneigungen in den Hirnen der Bevölkerung zu appellieren.

Wenn Björn Höcke rassistische Vermehrungstheorien aufstellt und von Tausendjährigkeiten redet. Wenn Frauke Petry andeutet, es müsse an der Grenze auf Flüchtlinge geschossen werden können. Wenn Beatrix von Storch ergänzt, das müsse irgendwie auch für Frauen und Kinder gelten. Die Funktion dieser Aussagen ist, durch ihr bloßes, selbst kurzzeitiges Vorhandensein eine Grenze zu verschieben: die Grenze von dem, was öffentlich noch gesagt werden kann. Was auch Trumps Trick ist, denn so wird das ganze Potenzial des bisher unartikulierbaren Ressentiments freigesetzt.

Vorurteile und Verachtungen, von denen man bisher glaubte, sich für sie schämen zu müssen, die man sich nicht traute zu äußern, aus Furcht vor öffentlichen Sanktionen, werden zu vermeintlich politischen Argumenten. Trump bringt so Leute zum Wählen, die sich bisher nicht trauten, ihren dumpfen Empfindungen politisch zu folgen. Und was in Deutschland als gefühltes Zitat einer parteivorsitzenden Talkshow-Dauerbesetzung herumgereicht wird, ist dadurch in der Öffentlichkeit automatisch sanktionslos sagbar. Quod licet Petry, licet bovi erst recht.

Je schriller, desto like

Deshalb spielt es auch keine Rolle bei diesen Grenzverschiebungssätzen, ob sie später erklärt oder gar zurückgenommen werden, ob jemand zurückrudert. Wenn solche Sätze einmal in der Welt sind, entfalten sie ihre Wirkung. Das hat vor allem damit zu tun, dass die sozialen Medien einzelne Memes, also kommunikative Wirkbausteine wie Kurzzitate oder Wort-Bild-Kombinationen, maximal verbreiten können. Aber diese Verbreitungsnetzwerke sind so situativ, dass eine spätere, eventuelle Richtigstellung oder Entgegnung kaum ähnliche Wucht entfalten kann. Nachgelieferte Klarstellungen sind etwas für die alte Medienlandschaft, Kommunikation in sozialen Netzwerken steht nackt für sich allein, ohne zwingenden Kontext, nur für den Augenblick.

Der Social-Media-Nachfolger der Schweigespirale ist die Schreispirale. Die politische Öffentlichkeit wird genau durch diese Grenzverschiebungen zum immer schriller kreischenden Stammtisch, begünstigt durch die sozialen Medien, befeuert aber auch von redaktionellen Medien, die sich selbst in einen Sharing-Teufelskreis hineinsteigern: je schriller, desto like. Trump hat diesen digitalen Weg vorgestampft, auf dem die AfD politisch immer erfolgreicher werden kann, weil im Netz, in den sozialen Medien inzwischen immer breitere Bevölkerungsschichten unterwegs sind. Und leider nicht nur die AfD.

Horst Seehofer, das fleischgewordene Crescendo politischer Schrillheit, und seine Scheuer-CSU, deren Selbstverständnis schon immer ein populistisches war, taumeln auf dem Trumpelpfad hinterher. Seit einiger Zeit quellen die Kommentarspalten deutscher Massenmedien (die ich zu den sozialen Medienkanälen zähle) über vor Pro-Putin-Palaver, in einer Größenordnung, die weit über bezahlte Propaganda hinausgeht.

Meine Vermutung ist, dass genau das der letztlich ausschlaggebende Grund für Seehofers absurden Putin-Besuch war, der null sinnvollen Verhandlungswert, aber größten Symbolwert hat. Deshalb musste – Seehofer hat schnell und plump von Trump gelernt – gar kein Inhalt über das Treffen bekannt werden. Das Treffen allein reichte völlig aus.

Die Welt wandelt sich mit dem Web, und wir erfahren gerade erst, welche Energien die digitale Öffentlichkeit im Alltag der Demokratie entwickeln kann. Und ob außer Trump, AfD und dem seinem Politgespür hinterherirrlichternden Seehofer diese neuen, politischen Kommunikationsformen auch durch Kräfte aktiviert werden können, die andere Maßstäbe haben als nur den 2016 digital gewordenen Stammtisch. Menschlichkeit zum Beispiel, um mal etwas Absurdes zu nennen.

tl;dr

Der politische Trumpelpfad des netzbefeuerten Pöbel-Populismus wird auch in Deutschland beschritten werden.

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