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Vernetzung stark gefährdet

Verbessert die Digitalisierung den Lernerfolg? Falsche Frage. Denn die Vernetzung ist sowieso unausweichlich – es sollte also nur noch darum gehen, wie sie sinnvoll eingesetzt wird. Dabei ist nur eines sicher: Das Lernen selbst wird sich verändern.

Seit über zwei Jahren höre ich einen niederländischen Podcast. Meistens läuft feinste House-Musik, ein Zehntel der Sendezeit wird von den Gesprächen der Moderatoren gefüllt. An der Oberfläche habe ich ein detailliertes Verständnis für das Gesprochene erlernt. Die Stimmungen der Moderatoren, die halb ausfragenden, halb anpreisenden Dialoge mit Musikern und DJs, sogar die Schattierungen des Humors der Sprecher erkenne ich präzise. Glaube ich. Denn auch nach zwei Jahren verstehe ich bis heute nichts, kein einziges Wort. Null.

Diese Anekdote taugt als Parallele zur Absurdität, mit der die Digitalisierung des Bildungssystems diskutiert wird. Soeben wurde die neue Pisa-Studie veröffentlicht. Der Tenor vieler Medienberichte ist: „Computer machen den Unterricht nicht automatisch besser.“ Das fasst die verbogene Rezeption in der Öffentlichkeit gut zusammen. Der Inhalt dieses Satzes ist verräterisch. Er steht für eine verbreitete gesellschaftliche Erwartungshaltung, das gegenwärtige Bildungssystem plus Computer oder Internet ergäbe automatisch irgendetwas. Als würde man ein Pfund Baumwolle und ein Schnittmuster in eine Schüssel werfen und hoffen, es würde dabei ein T-Shirt herauskommen.

Die nullte Regel der digitalen Gesellschaft heißt: Nichts geht von allein. Alles muss mühsam erarbeitet werden. Die destruktive Hybris, der im Bildungsbereich sowohl Netzskeptiker wie auch Netzenthusiasten erliegen, liegt darin: Einfach Internet und Bildungssystem irgendwie verrühren, dann wird es gut (Enthusiasten) oder schlecht (Skeptiker).

Effektivere Wege, um das Bildungssystem zu modernisieren

Dabei ist es gar nicht so, dass alle doof sind und nichts verstehen. Im Gegenteil gibt es eine Vielzahl von klugen, interessanten oder diskutierenswerten Ansätzen. Die „Digitalen Helden“ zum Beispiel, eine gemeinnützige Frankfurter Initiative, die neue digitale Lernansätze in die Schulen bringt. Oder der Wettbewerb „Moty 2016“ von der Fachhochschule Lübeck, der erste deutsche Ansatz zur öffentlichen Förderung von sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses).

Es gibt Ideen, Konzepte, Fachdiskurse, unglaublich viele engagierte Lehrer, Netzwerke, Unternehmen. Aber im deutschen Bildungssystem schwindet die vorhandene Substanz immer weiter, während notwendige Veränderungen am System selbst mit einer Geschwindigkeit geschehen, gegen die die Kontinentaldrift hektisch wirkt.

Die Absender der Pisa-Studie selbst nennen als Hauptaufgabe, dass Schulsysteme „effektivere Wege finden müssen, um die vernetzten Technologien in die Bildung zu integrieren„, um „Kindern die Fähigkeiten beizubringen, die sie für den Erfolg in der Welt von morgen brauchen“.

Trotzdem scheint die deutsche Öffentlichkeit hauptsächlich darüber diskutieren zu wollen, ob das Internet für die Schüler jetzt gut oder schlecht ist. Oder ob es notwendig ist, Handschrift zu lernen, das Monokel unter den Bildungsinhalten. Dieser Geist zieht sich bis in die Bildungspolitik, wo das Handeln und Streben von der These ausgeht, mit ein bisschen Digital ließe sich das gegenwärtige Bildungssystem schon irgendwie zurechtrücken.

Dabei ist es genau andersherum: Die digitale Vernetzung offenbart schonungslos Dysfunktionalitäten des Bildungssystems, ohne von allein Antworten darauf zu liefern. Es geht nicht darum, Schulen und Universitäten durch das Netz zu ersetzen. Auch wenn dieses Lied einige Jahre lang von einer Reihe von Start-ups gesungen worden ist, sind die Grenzen der erwähnten MOOCs deutlich geworden, besonders auf die Privatisierung des Bildungssystems bezogen.

Die Frage ist nicht „ob“, sondern „wie“

Es geht vielmehr darum, dass sich durch das Internet das Lernen selbst dramatisch verändert. Das Internet ist eine gigantische Lernmaschine. Man kann es kaum nutzen, ohne zugleich das Konzept des ständigen, lebenslangen Lernens zu verinnerlichen. Dazu wandelt sich die digitale Sphäre zu schnell.

Es ist diese konzeptionelle Veränderung der Welt, die das Bildungssystem so antiquiert erscheinen lässt. Der Bildungsjournalist Christian Füller, der naheliegenderweise unter „Pisaversteher“ bloggt, schrieb: „Die Digitalisierung zerstört die Schule (wie wir sie kennen). Und das ist auch gut so. Aber man muss versuchen, daraus einen konstruktiven Prozess zu gestalten.“ Und das heißt auch, die Probleme des digital vernetzten Lernens nicht zu verschweigen, sondern frontal anzugehen.

Wer nur für fünf Cent daran glaubt, dass das Bildungssystem auch die Aufgabe hat, die Lernenden auf die berufliche und gesellschaftliche Zukunft vorzubereiten, kann daher nicht ernsthaft über das „Ob“ der Verschmelzung von Internet und Bildungssystem diskutieren, sondern nur noch über das „Wie“. Und das nicht unter den ausgedachten Wunschbedingungen von mürrischen Netzskeptikern („Smartphones erst mit 21!“) oder überdrehten Internet-Enthusiasten („Das Netz rettet automatisch die Bildung!“).

Es ist ja nicht so, als würden die Aufgaben, die das Bildungssystem zu erfüllen hat, weniger. Im Gegenteil. Nicht nur der zukünftige wirtschaftliche und intellektuelle Erfolg des Landes hängt essenziell davon ab. Sondern zum Beispiel auch, ob es gelingt, die Millionen Flüchtlinge und Einwanderer der nächsten Jahre einigermaßen geschmeidig in die Gesellschaft zu integrieren.

Die Frage, ob die heutigen Einwanderungsströme in 30 Jahren rückwirkend als Gewinn für alle Beteiligten betrachtet werden oder nicht, ist in erster Linie eine Frage des Bildungssystems. Wenn in fünf Jahren eine hochspezialisierte syrische Ärztin in Deutschland verzweifelt, Raumpflegerin oder beides sein wird, wird das Bildungssystem die Hauptverantwortung dafür tragen. Das klug vernetzte Bildungssystem, dessen Fundament genau in diesem Moment nicht gegossen wird.

Ich höre weiter den holländischen Podcast, noch zehn Jahre lang, und beschwere mich am Ende bei den Moderatoren, weil ich immer noch kein einziges Wort Niederländisch verstehe. Weil digital nichts von allein funktioniert – vernetztes Lernen am allerwenigsten.

tl;dr

Nicht nur die zu lehrenden Stoffe, sondern vor allem das Lernen selbst verändert sich durch die digitale Vernetzung.

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