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Deutschlands Smartphone-Schmach

Das Smartphone ist weltweit wichtiger geworden als das klassische Internet. Doch Deutschland hinkt der Entwicklung hinterher – mit gravierenden Folgen.

In dem, was man für eine Flüchtlingsdebatte halten könnte, taucht häufig wiederkehrend ein Satz auf: „Die haben ja Smartphones!“ Er stammt zum Beispiel in den sozialen Medien von Leuten, die damit belegen wollen, dass es den Flüchtlingen gar nicht so schlecht gehe. Dass diese Argumentation Unfug ist, ist schon häufiger ausgeführt worden.

Das Smartphone ist überlebenswichtig für die meisten Flüchtlinge. Sie bekommen damit Informationen über Fluchtrouten und Versorgungsmöglichkeiten, halten Kontakt mit Freunden und der Familie, orientieren sich per GPS. Eine große Zahl der Flüchtlinge reist zu Fuß, und wenn man weder Sprache noch Schrift versteht, ist der kleine, vernetzte Bildschirm in der Hand das Einzige, was einen von Totalverirrung in allen geografischen und intellektuellen Dimensionen trennt. In Smartphones überhaupt einen Luxus sehen zu können, ist selbst Luxus, weil diese Haltung eine funktionierende Gesellschaft mit perfekter Infrastruktur voraussetzt.

Dass Flüchtlinge eher die Schuhe als das Smartphone weggeben würden, ist das eindrücklichste Symbol für die radikale, weltverändernde Kraft des mobilen Internets. Und ein Zeichen dafür, was für überraschende Verwerfungen und unerwartete Folgen eine weltweit vernetzte Gesellschaft mit sich bringt. Da kommt noch mehr, was man sich heute nicht vorstellen kann und wohl auch nicht will.

Denn das Smartphone ist noch am Anfang, es steckt nicht in den Kinderschuhen, sondern in den Babysocken. Seine eigentliche Erfindung geschah erst mit der Vorstellung des iPhone 2007 und des Betriebssystems Android 2008. Hätte jemand 2008 erklärt, dass in sieben Jahren eine Million Flüchtlinge mit ihren Smartphones nach Deutschland navigieren, das Bundesamt für Technikfolgenabschätzung hätte einen umgehenden Einweisungserlass ausgestellt.

Aber die in Deutschland verbreitete Überzeugung, dass ein Smartphone ein Luxusgut sei, hat noch eine andere Bedeutung. Sie offenbart eine kontraproduktive Grundhaltung gegenüber bestimmten Technologien.

Deutschlands merkwürdige Rückschrittlichkeit

Dabei geht es nicht um generelle Technikfeindlichkeit, vermutlich findet man für jeden neuen Dieseleinspritzmotor vier Millionen sachkundige Fans in deutschen Fußgängerzonen. Aber ausgerechnet: Je grundlegender neue Technologien die Gesellschaft verändern, desto größer scheint der deutsche Widerwillen, sich damit über das erste Bauchgefühl hinaus zu beschäftigen. Und dabei geht es nicht um Generalbegeisterung, sondern um eine kritische Neugier.

Das Smartphone ist das Symbol von Deutschlands mobil vernetzter Rückschrittlichkeit. Ein Flüchtling aus Afrika wird in einem deutschen Geschäft versuchen zu bezahlen, wie er es gewohnt ist: mit dem Smartphone. Er wird scheitern. Bezahlung per Handy hat hier einen Exotikfaktor irgendwo zwischen Einrad und Einhorn. In weiten Teilen Afrikas, der USA, des Baltikums ist es selbstverständlich.

Diese für ein Hochtechnologieland merkwürdige Rückschrittlichkeit hat auch ökonomische Gründe. Wenn in Deutschland im Mai 2015 ein Megabyte mobile Datenübertragung rund 5000 Prozent mehr kostete als in Finnland, dann… Moment, fünftausend Prozent? Fünftausend? Nein, kein Rechenfehler, sondern die bittere Wahrheit. Das sind klar prohibitive Preise, bei denen die eben noch beklagte Haltung in der Bevölkerung – Smartphone gleich Luxusgut – einen gewissen Realitätsgehalt bekommt.

Nicht, dass die rassistische Argumentation deshalb wahrer würde. Die Zahlen entlarven bloß, dass die Teilnahme an der digitalen, mobilen Revolution in Deutschland dramatisch verteuert wird und deshalb verzögert und verwässert stattfindet.

Die Verzweiflung der Anbieter

Man könnte dabei schnell auf die Telekommunikationsunternehmen schimpfen. Es wäre nicht völlig falsch, aber auch nicht ganz allein richtig. Vielmehr steht ein Grinsen am Anfang des deutschen Mobildebakels, und zwar das Grinsen des Finanzministers Eichel im Jahr 2000. Die Versteigerung der UMTS-Lizenzen lief seiner Ansicht nach sensationell gut, mit einem Erlös von rund 50 Milliarden Euro. Tatsächlich haben damals Regierung und Telekommunikationskonzerne gemeinsam die bleibende, mobile Rückschrittlichkeit besiegelt. Sie wirkt bis heute nach.

Denn 50 Milliarden Euro bedeuteten 620 Euro je Einwohner in Deutschland, und wie hätte man die je verdienen können? Natürlich gar nicht, erst recht nicht verzinst und schon gar nicht, wenn man die dafür notwendige Infrastruktur mitberechnet.

Die Konzerne mussten es trotzdem versuchen. Indem sie die Verbreitung billigerer Technologien verzögerten (Deutschland hatte 2014 zwei WLAN-Hotspots je 10.000 Einwohner, Südkorea 37). Indem sie absurde Preise aus den Nutzern herauswrangen und noch -wringen. Und nicht zuletzt durch intensive Lobby-Bemühungen.

Wenn Günther Oettinger als EU-Digitalkommissar heute in Brüssel netzneutralitätsfeindliche Töne mitflötet, dann liegt das auch genau darin begründet: In der Verzweiflung der Provider, längst ausgegebenes Geld wieder hereinzuholen. Irgendwie. Und sich dabei nicht um eigentlich allgemein akzeptierte Grundsätze der digitalen Sphäre zu scheren.

Wenn also heute Leute behaupten, Smartphones seien Luxus, ist das zwar falsch, aber historisch durchaus nachvollziehbar. Und zugleich sagt es wenig Gutes über die digitale Ausgangslage eines Landes, dessen Reichtum weitgehend von Hochtechnologien abhängt, die von der mobilen Revolution so radikal verändert werden wie die Musikindustrie durch das Internet.

Um das zu erkennen, muss man nicht einmal die App Uber oder selbstfahrende Autos bemühen. Dafür muss man nur in ein deutsches Automobil einsteigen, zum Beispiel in einen Smart von 2015. Dessen Software ist von einem Smartphone so weit weg wie Heidenau vom Silicon Valley. Wie soll jemand, der mit einem iPhone aufgewachsen ist, je freiwillig eine solche Zumutung digitaler Unbedienbarkeit kaufen?

Das Smartphone ist offensichtlich das Symbol des Wandels von Wirtschaft bis Medien, von Kultur bis Migration. Das Gerät gerät zum Kristallisationspunkt Deutschlands Zukunft.

tl;dr

Am Smartphone entlang entscheidet sich die Zukunft des Landes.

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