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Aufblitzen der Unmenschlichkeit

Online-Diskussionen über den Brandanschlag in Tröglitz haben eine entlarvende Nebenwirkung: Sie offenbaren, wie dünn der zivilisatorische Schleier der Deutschen ist, wie weit verbreitet Hass und Fremdenfeindlichkeit noch immer sind.

Jeder kennt sie, aber offenbar haben sie bisher keinen Namen. Man könnte sie Endsätze nennen. Diese kurzen Bemerkungen, die einen Bruch für immer bedeuten, das verräterische Aufblitzen der Unmenschlichkeit. Der erste Endsatz, an den ich mich erinnere, stammte von einem Abiturienten meines Jahrgangs, der über eine Mitschülerin ernsthaft sagte: “Die müsste man mal vergewaltigen.” Fünf Worte, das Ende jeder sozialen Verbindung.

Endsätze mögen nur Halbsätze, Randbemerkungen, vermeintlich scherzhafte Kommentare sein, aber sie offenbaren eine Welthaltung, und zwar eine vollständig inakzeptable. Endsätze entlarven das unterstellte, gemeinsame Wertefundament als Illusion. Ihre Wirkung lässt sich mit keiner Entschuldigung aus der Welt schaffen.

Das grandiose, grässliche an den sozialen Medien ist, dass sie einen Blick erlauben in die Köpfe, während die Gedanken verfertigt werden. Das Netz wird mit Kommentaren geschwemmt, die digitale Selbstverständlichkeit und die gefühlte Privatheit bringen viele, viele Leute dazu, einfach zu schreiben, was sie denken. Und das ist eine Flut von Endsätzen.

Zwei Anlässe um Ostern 2015. Bei “heise online” erscheint ein Interview mit Bea Knecht, der Gründerin des Streaming-Dienstes Zattoo. Früher hieß sie Beat, der Artikel handelt von ihrer Geschlechtsumwandlung und dem Umgang der IT-Branche mit Transgender-Personen.

Nach über tausend Kommentaren sieht sich “heise” gezwungen, das Forum zu schließen, weil die reaktionären, menschenverachtenden, hasserfüllten Beiträge Überhand genommen haben. Zur deutschsprachigen Internet-Folklore gehört die Darstellung der “heise”-Foren als schillerndem Trolltummelplatz. Die Sperrung über Ostern aber hat eine neue Qualität, denn es handelt sich um eine – absolut nachvollziehbare – Kapitulation vor der schieren Zahl der Endsätze. Vom Aufblitzen der Unmenschlichkeit zum Stroboskopgewitter der Dauerverachtung.

“Ich dachte, wir wären weiter”

Zur gleichen Zeit wird auf den einschlägigen Facebook-Seiten wie Pegida oder anderen rechten Gruppierungen der Brandanschlag in Tröglitz kommentiert. Ein nicht enden wollendes Endsatz-Festival. “Scheiß Asylbetrüger” und “Dreckspack” sind bloß die Beleidigungen, die ungelöscht stehen bleiben. Bedauern, dass zum Zeitpunkt des Feuers noch keine Flüchtlinge im Heim waren, 120 Likes. Dieser Hass, dieser unfassbare Hass. In Dimensionen, die frühere Hasswellen klein erscheinen lassen. Wir Internet-People haben jahrelang gefordert, dass endlich alle ins Netz kommen sollen. Aber jetzt sind sie da.

Erst seit sehr kurzer Zeit, seit vielleicht drei, vier Jahren, sind soziale Medien so verbreitet, dass man von der Bevölkerung im Netz sprechen kann. Deshalb wäre es zu leicht, einen digitalen Mob auszumachen, ein Randphänomen des Netzes, verwirrte oder hasserfüllte Internet-Kommentatoren.“Ich dachte, wir wären weiter”, schrieb Anja Maier 2013 in der “taz”, als sie voll Ekel die Reaktionen ihres Brandenburger Städtchens auf ein geplantes Flüchtlingsheim im Netz betrachten musste. Das könnte das Motto der digitalen Ernüchterung sein, die leider keine digitale ist. Sondern die bittere Erkenntnis, dass Teile der Gesellschaft spontan bereit sind, jede Menschlichkeit fahren zu lassen. Und es sind große Teile, vielleicht sogar – aus der Mitte der Gesellschaft.

Das Internet hält Deutschland einen Spiegel vor

Denn ebenfalls um Ostern 2015 veröffentlichte die Universität Leipzig die Studie “Mitte” [PDF] zur Ausländerfeindlichkeit und zum Antisemitismus der Deutschen. In der Zusammenfassung heißt es: “Jeder fünfte Deutsche ist noch immer ausländerfeindlich.” Solche Forschungen gibt es seit Jahren, aber die fast durchweg erschütternden Ergebnisse waren zu abstrakt, um ihre Wirkung erspüren zu können. Die ist jetzt direkt digital erlebbar, wo das Fünftel bei der Drohung, dass der Brand erst der Anfang sei, in Massen Like klickt. Das Internet hält Deutschland einen Spiegel vor, das Netz zeigt schonungslos, wie dünn der Firnis Zivilisation ist. Und offenbar immer war. Es zeigt uns, dass wir jeden Tag in der Fußgängerzone Leuten begegnen, die Monstrositäten von sich geben.

Die Erschütterung über den Hass im Netz ist eigentlich die Erschütterung über den undigitalen Hass in den Köpfen. Das Internet hat eine Illusion über die Gesellschaft zerstört: Dass die Unmenschlichkeit im Verborgenen blühte, wurde bequemerweise als Abwesenheit der Unmenschlichkeit interpretiert. Der Hass, der schon lange zum Beispiel bei feministischen Themen ausgekübelt wird, muss im Nachhinein als Avantgarde der Abscheulichkeit begriffen werden: Die ersten Ausläufer der menschenfeindlichen Hasswelle, mit der ein giftiger Teil der Bevölkerung zeigt, dass er eine zivilisatorische Bad Bank ist.

Zwei Konsequenzen

Zum einen wäre herauszufinden, wie genau die Schwelle aussieht, bei der aus widerwärtigen Leuten gefährliche werden. Ob und wie hasserfüllte Worte im Netz zu Taten gerinnen. Wo sich also ein Endsatz in verbrecherische Realität verwandelt.

Zum anderen das Zerplatzen der Illusion – “Ich dachte, wir wären weiter” – ins Produktive zu wenden und als Motivation zu betrachten. Nicht aufgeben, sich die sozialen Segnungen des Netzes nicht verseuchen lassen. Nicht angesichts der Hassmassen passen, sondern weitermachen, Endsätzen widersprechen, Grenzen setzen, kämpfen gegen den beschämenden Hass.

Und das aber, Überraschung, nicht nur bei denen dort draußen. Der Sachsen-Anhaltinische Ministerpräsident Reiner Haseloff sagte: “Tröglitz ist überall.” Er hat recht, nicht nur örtlich. In jedem lauert die Unmenschlichkeit. Zivilisation ist nichts, als sie jeden verdammten Tag aufs Neue zurückzudrängen.

tl;dr

Das Internet als Überbringer einer bestürzenden Botschaft: Der Hass im Netz zeigt den Hass in der Gesellschaft.

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