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Zukunftsrede 2014

Die „Zukunftsrede“ wird seit 2010 vom Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen ausgerichtet. 2014 durfte ich sie halten; ich habe dabei versucht, Bloch’sche Erkenntnisse auf die heutige Zeit, insbesondere im Kontext der Internet-Überwachung zu übertragen. Eine Videoaufzeichnung findet sich hier

Zwei Zitate möchte ich der Zukunftsrede voranstellen. Zum einen dieses von Ernst Bloch, aus den „Literarischen Aufsätzen“, im Kapitel „Guter Rat“:

„Ein Kluger siedelt sich nicht in der Nähe von Verhältnissen an, über die er keine Macht hat.“

Zum anderen das Zitat eines Freundes von mir, dem Software-Unternehmer Gabriel Yoran, der vorgestern auf Facebook schrieb:

„Den Kapitalismus kann man nicht besiegen, aber ich erwarte noch zu unseren Lebzeiten eine Impfung.“

 

Haben Sie vielen Dank für die Einladung, ich fühle mich sehr geehrt, die Zukunftsrede halten zu dürfen. Es ist mir ein persönliches Bedürfnis, mit einem bleischweren Thema anzufangen. Einem Thema, das mir noch vor allem Internetgetöse auf dem Herzen liegt, auch wegen des Ortes, an dem ich sprechen darf. In Deutschland, im Jahr 2014, offenbart sich ein Antisemitismus katastrophalen Ausmaßes. Es erschüttert mich, was für Parolen auf den Straßen gerufen werden. Parolen, von denen Sie sicher gehört haben, und wenn nicht, bitte schlagen Sie sie nach, ich fühle mich außer Stande, sie zu wiederholen.

Für sich genommen mag antisemitische, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ähnlich gesellschaftsvergiftend erscheinen wie Rassismus oder Sexismus. Aber Antisemitismus – auch derjenige unter dem schlechtgehäkelten Tarnmäntelchen der vermeintlichen Israelkritik – ist gleichzeitig ein Symbol von gleißendem Horror. Eine fatale Abkehr von der Zivilisation selbst.

Wer heute in Deutschland Antisemit ist oder mit antisemitischen Posen spielt, der zeigt, dass er unwillig ist, aus der eigenen Geschichte zu lernen. Nicht einmal dann, wenn diese Geschichte viele Millionen Tote gekostet hat und es sich um einen derjenigen Fälle handelt, in denen „Tote“ ein Euphemismus ist. Denn es sind Ermordete, ermordet von Menschen, die wir noch kennengelernt haben, weil sie unsere Eltern oder Großeltern waren. Wer daraus nicht lernen kann oder möchte, wer daraus nicht den Schluss zieht, dem Antisemitismus und dem Faschismus kein Fußbreit zu lassen, der ist für die Zivilisation verloren.

 

– –

 

Von einem bleischweren Thema zum eigentlichen Thema der Rede. Aber auch hier bin ich leider nicht in der Lage, heiter zu beginnen. Diese Zukunftsrede möchte ich Frank Schirrmacher widmen, der fehlt. Nicht nur mir, weil ich das Gefühl hatte, in ihm eben erst einen Mentor gefunden zu haben. Sondern auch dem Diskurs, der Gesellschaft, der Welt. Dabei hatten Frank Schirrmacher und ich einen schwierigen Start, und das war meine Schuld. Ich möchte das kurz ausführen, weil sich daraus eine interessante Parallele zu Ernst Bloch ergibt.

Im Herbst 2009 veröffentlichte Schirrmacher „Payback“. Es mag im Detail einige Ungenauigkeiten enthalten haben. Aber – das ist das große Verdienst – darin finden sich viele hellsichtige und vor allem nachvollziehbare Erzählungen über die digitale Sphäre. In Deutschland wurde damit überhaupt erst ein relevanter Diskurs über das Internet eröffnet. Frank Schirrmacher hat das deutsche, digitale Feuilleton erfunden. Im SPIEGEL schrieb ich eine Gegenrede. Natürlich im netzüblichen Ton zwischen Spott und Zorn. Leider würzte ich die Rede mit einigen niedrigen Beleidigungen. Ärgerlicherweise habe ich ab und an Beleidigungsanfälle. Vielleicht eine Spätnebenwirkung meiner ansonsten ausgezeichneten und wunderbaren, antiautoritären Erziehung.

Natürlich war ich auch sauer, dass da jemand mit einem Streich, gefühlt im Vorbeigehen, den Internetdiskurs bestimmte. Gerade erst war es mir über Jahre mühsam kämpfend gelungen, einen Zipfel Deutungshoheit in digitalen Dingen zu erhaschen. Oder vielmehr: einen Zipfel der Talkshow-Deutungshoheit. Aber die ist ja in Deutschland noch viel öffentlichkeitswirksamer, als die meisten von Ihnen ohnehin schon befürchten. Frank Schirrmacher und ich brauchten ein paar Jahre, um uns wieder anzunähern, viel zu spät, erst recht aus heutiger Perspektive, was ich sehr bedauere.

Entstanden war die Missstimmung durch ein Missverständnis auf meiner Seite. Ich hatte nicht begriffen, wie Frank Schirrmacher arbeitete. Dass er sich den Dingen mit den Mitteln des Feuilletons näherte, dass er eine literarische, narrative Herangehensweise an ein tieferes Verständnis der Welt entwickelt hatte. Feuilleton als Welterzählung, als Echtzeitgeschichtsschreibung, als Entdeckung und Analyse von Mustern und deren Deutung. Als ich Frank Schirrmacher im Frühjahr von dieser Zukunftsrede erzählte, war sein erster – nicht Kommentar, sondern – Aufschrei: „Oh! Bloch, der Held meiner Jugend!“ Man ahnt vielleicht, woher Schirrmachers erzählerischer, feuilletonistischer Ansatz der Weltdeutung stammen könnte. Am Pfingstmontag, drei Tage vor seinem Tod, lud er mich zu sich nach Hause ein. Es war ein perfekter Sommertag, wir tranken schon am Nachmittag einen famosen Pfälzer Rotwein, Schneider Ursprung aus Ellerstadt, keine zwanzig Minuten Fahrt von hier entfernt. Wir diskutierten sieben Stunden lang über die digitale Gegenwart und auch über diese Zukunftsrede. Er empfahl mir Habermas’ „Technik und Wissenschaft als Ideologie“, ich fragte, ob ich mit Simmel argumentieren könne, Großstadtsoziologie sei als Parallele zum Netz so ergiebig, er antwortete, „Herr Lobo, Simmel, das können Sie Bloch nicht antun!“

 

Erklärung der Schwierigkeit dieser Rede

Der Sinn dieser Rede, so steht es jedenfalls im Internet, ist, ich zitiere: „der Versuch, mutige Blicke in eine gute Zukunft zu wagen.“

Erster Gedanke: Mutige Blicke okay. Aber wo soll man im Jahr 2014 eine gute Zukunft herkriegen? Die Antwort lautet natürlich, man wird sich eine erfinden müssen, und das funktioniert auch. Aber auf dem Weg dorthin muss man ein tiefes Tal durchschreiten. Und wenn ich sage „man muss“, dann heißt das in dieser Situation der Zukunftsrede „wir müssen“, Sie und ich hier in Ludwigshafen, in den kommenden neuneinhalb Stunden, die ich brauchen werde, um dieses Tal in den dunkelsten und farblosesten Farben auszumalen.

Aber ein Tal liegt zwischen zwei Gipfeln. Um zu beginnen, möchte ich zunächst den zurückliegenden Gipfel zu erläutern versuchen. Es handelt sich dabei um den zivilen Internetoptimismus alter Bauart, dessen Abglanz sich im Erstkontakt mit den Wunderbarien des Internet oft von ganz allein einstellt. Diese Überfülle! Dieser faszinierende Möglichkeitsraum! Dieses Gefühl der Freiheit und der sozialen Verbindungen zugleich!

Den Kristallisationspunkt des ersten Internetoptimismus bildet eine kurze, prototypisch zu verstehende Schrift, die „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“. Der kalifornische Musiker und Internetaktivist John Perry Barlow, ehemaliger Texter der Band Grateful Dead, trug diese Unabhängigkeitserklärung am 8. Februar 1996 auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos vor. Irgendwie passenderweise wurde die Erklärung gleichzeitig online versendet, und zwar als Email von Barlow an sich selbst. Und vermutlich ein paar hundert andere Empfänger.

„Regierungen der Industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes. Als Vertreter der Zukunft bitte ich euch aus der Vergangenheit, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid nicht willkommen unter uns. Ihr habt keine Souveränität, wo wir uns versammeln.“

So geht es noch weiter, die Schlusssätze lauten:

„Wir werden eine Zivilisation des Geistes im Cyberspace schaffen. Möge sie menschlicher und gerechter sein als die Welt, die Eure Regierungen hervorgebracht haben.“

Naja. Barlow sagte dazu später: „Wir alle werden klüger und älter“, und zumindest den zweiten Teil kann ich vorbehaltlos bestätigen. Zu dieser Zeit hatten Geheimdienste und andere Behörden nachweislich längst begonnen, massiven Einfluss auf die Gestaltung des heraufziehenden Internet zu nehmen.

Verschlüsselungstechnologien – essenziell für Sicherheit, Privatsphäre und digitale Geborgenheit – wurden gezielt geschwächt.

Das Netz als Infrastruktur wurde viel weniger dezentral angelegt, als es konzeptionell sinnvoll war, denn Zentralisierung bedeutet einfachere Überwachung und Kontrolle. Wenn jemand vor allen anderen, auf krude, pervertierte Weise Internetoptimist war, dann diejenigen Politiker und Behördenvertreter, die schon Milliarden in die Schaffung einer digital vernetzten Überwachungsmaschinerie investierten, noch bevor in Deutschland irgendjemand „drin war“, um mit Boris Becker zu sprechen.

Aber warum? Und warum ist die Totalüberwachung der Welt mithilfe des Internet so fatal? Und wo liegt die Verbindung zwischen dieser Überwachung und dem Kapitalismus? Die Antworten auf diese Fragen liegen im Wesen der Vernetzung selbst begründet.

 

Das Wesen der Vernetzung

Um sich dem Wesen der Vernetzung zu nähern, hilft es, in die Vergangenheit zurückzugehen. Nicht besonders weit, bloß ins Jahr 1970. Damals beschloss an der Universität von Oregon das Dekanat, die Studenten ihr Umfeld mitgestalten zu lassen. Sie sollten sich wieder wohl fühlen, nachdem einige Störungen das Befinden empfindlich beeinträchtigt hatte. Konkret rasten jeden Tag LKWs mit Baumstämmen quer über den Campus. Und die neuen Studentenwohnheime, Barnhart Hall und Klamath Hall, waren im Stil des Brutalismus erbaut worden, googlen Sie es, fürchterliche Sichtbeton-Zumutungen. Zur Neugestaltung des Campus engagierte man den Wiener Architekten Christopher Alexander, und der schuf etwas Epochales. Er entwickelte eine ganze architektonische Sprache. Er nannte sie „Pattern Language“, Mustersprache. Im dazugehörigen Buch erklärt Alexander: „Die Mustersprache hat die Struktur eines Netzwerks“, was sich auf Englisch eine Spur weniger banal anhört. Nach Lektüre des Buchs muss ich ergänzen, dass Herr Alexander mir architektonisch erheblich besser aufgestellt scheint als textlich.

Die Mustersprache und ihre Anwendung in Oregon aber ist eines der klügsten Gestaltungskonzepte überhaupt, das die Kraft des Netzwerks erklären hilft. Alexander ließ den Campus planieren. Nicht die Gebäude selbst, aber den Raum zwischen den Gebäuden. Dann ließ er auf der Fläche Rasen aussähen. Er wartete ein Semester. Und anschließend ließ er genau dort, wo der Rasen heruntergetrampelt war – Wege teeren. Ein Wegenetz war entstanden, aber nicht irgendein Wegenetz, sondern DAS Wegenetz. Nämlich das effizientestmögliche Wegenetz, geschaffen durch die Trampelpfade des Schwarms. Also gewissermaßen entstanden durch Trampelintelligenz oder die etwas esoterisch anmutende „Weisheit der Vielen“. Und kein einzelner Architekt der Welt, egal wie intelligent oder genial, hätte die Wege genau so angelegt. Das konnten nur die Vielen mit der richtigen Technologie, hier: Rasen.

Ich fühle mich an Kapitel 38 des „Prinzip Hoffnung“ erinnert, das den Titel trägt „Bauten, die eine bessere Welt abbilden, architektonische Utopien“. Genau das schuf Christopher Alexander, die Abbildung einer besseren Welt mit dem Mittel der architektonischen Idee. Die höchste Effizienz des Wegenetzes aber ließ sich überhaupt nur durch die Vernetzung erreichen. Wenn man durch eine sanfte Überdehnung der Metaphorik die Brücke zum Internet schlagen will: die Bewegungsdaten des Schwarms wurden aggregiert und ausgewertet, also die von den Leuten zurückgelegten Wege. Per Rasen-Überwachung. Ich gebe zu, Überwachung durch Rasen hört sich noch nicht besonders erschreckend an, aber das liegt auch daran, dass Rasen-Überwachung anonymisiert stattfindet. Darum geht es bei der Vernetzung, darum ist es schon immer gegangen, um Effizienz. Die digitale Vernetzung ist die wirkungsvollste und aggressivste Effizienzmaschinerie aller Zeiten, wenn man den Kapitalismus selbst einmal kurz ausblendet. Mit dem Schlagwort Big Data ist die digitale Version von Christopher Alexanders Mustersprache gemeint. Big Data ist Mustererkennung in größten Datenmengen.

Schirrmacher hat das Internet „die Dampfmaschine des Geistes“ genannt, und das bedeutet, dass die Mechanismen der radikalen Effizienz durch die digitale Vernetzung in Bereiche eindringen, in denen sie zuvor kaum vorkamen. Der Urvater des Managements im 20. Jahrhundert, Peter Drucker, hat das Arbeitsleben der heutigen Mitarbeiter von Unternehmen der westlichen Welt wahrscheinlich stärker beeinflusst als irgendjemand sonst. Seine Lehren handeln von der Maximierung von Effizienz und Effektivität. Aber noch 1967 konnte Drucker sagen: „Der Computer ist ein Schwachkopf.“ Das ist jedenfalls das oft kolportierte Sätzlein. Es stammt aus einem Aufsatz in „McKinsey Quarterly“, der Zeitschrift der weltbekannten Unternehmensberatung. Die Passage lautet vollständig:

„Wir beginnen zu realisieren, dass der Computer keine Entscheidungen trifft, er führt nur Befehle aus. Er ist ein totaler Idiot, und darin liegt seine Stärke. Er zwingt uns zu denken, die Kriterien zu setzen. Je dümmer das Instrument, desto cleverer muss der Benutzer sein – und der Computer ist das dümmste Instrument, das wir je hatten.“

Das war damals – angesichts der aufkommenden Furcht vor der Allmacht der Computer – revolutionär. Heute ist es in fast jedem Detail falsch. Der Computer trifft Entscheidungen. Zwar handelt es sich um algorithmisch berechnete Entscheidungen, die sich zurückführen lassen auf technische und mathematische Meta-Entscheidungen, getroffen von Software-Architekten und Programmierern. Aber die Entscheidungen des Computers sind real. Und die Folgen dieser Entscheidungen sind gravierender als je zuvor.

 

Erläuterung der Überwachungskatastrophe

Präziser: sie sind im Moment noch für andere Leute gravierender als je zuvor. Leute, die nicht hier sitzen, die aber darunter leiden, dass an einem Ort, 80 Kilometer von Ludwigshafen entfernt in Richtung Ellerstadt, schlimme Dinge geschehen. Eine Dimension der Schlimmheit, für die mir die Worte fehlen.

50 Autominuten entfernt, in Ramstein, sitzen Leute, die Killerroboter steuern, Drohnen also. Schon der Begriff Drohne ist metaphorisch verharmlosend, eine männliche Honigbiene, die nicht stechen kann. Hier wird Blumenberg mit seinen absoluten Metaphern dringender gebraucht als irgendwo sonst. Die Drohnen, die ich meine, können ausgezeichnet stechen, sie werden genau dazu hergestellt. Das wahre Ausmaß der Morde durch Drohnen ist kaum zu recherchieren, aber Anfang 2013 hat sich ein Mann verplappert, der es wissen muss. Der republikanische US-Senator Lindsey Graham, der in den entsprechenden Geheimdienst-Ausschüssen sitzt, sprach von bis dahin 4.700 Drohnentoten. Als strammer Falke ist er der Untertreibung um des Friedens willen höchst unverdächtig. Qualifizierte Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens ein Drittel dieser tausenden Toten Unschuldige waren – Drohnen töten mit Raketen.

Ein noch widerlicherer Euphemismus als „Drohne“ selbst ist die offizielle Beschreibung, die Angriffe erfolgten mit „chirurgischer Präzision“, denn diese Raketen töten alle mit, die zufällig um das Ziel herumstehen. Um auf ihre klandestinen Tötungsreisen zu gehen, brauchen Drohnen dreierlei:

1.) gutes Wetter, weshalb in manchen Gegenden in Afghanistan, Pakistan und dem Jemen die Kinder nur bei schlechtem Wetter aus dem Haus gelassen werden,

2.) Treibstoff,

3.) Daten.

Und diese Daten werden gewonnen durch Überwachung. Auch das geschieht in Deutschland, denn ein guter Teil der Daten, die in Richtung des Arabischen Raums unterwegs sind, fließt durch Deutschland. Sie erinnern sich, als vorhin von der absichtsvoll nicht dezentral aufgebauten Struktur des Internet die Rede war? Zum Beispiel am größten Internetknoten der Welt in Frankfurt am Main werden diese Daten von einer Außenstelle der NSA ausgelesen und weitergeleitet, die die meisten Leute unter dem Namen BND kennen. Diese Überwachungsdaten werden zu Profilen angereichert, die nicht unbedingt auf Namen von Personen basieren, sondern auf Handydaten. Die SIM-Karte war dafür eine Zeitlang das Maß der Dinge. Man hat damals die Menschen um terrorverdächtige SIM-Karten herum getötet. Inzwischen gibt es Hinweise, dass die Profilbildung an die so genannte IMEI-Nummer geknüpft wird, eine Art Nummernschild jedes einzelnen Handys, das auch bei einem SIM-Kartenwechsel gleich bleibt. In manchen Ländern wie Großbritannien ist die Entfernung der IMEI-Nummer bei Strafe verboten.

Die Tötung per Drohne funktioniert auf die gleiche Weise, wie im Netz alle datengetriebenen Modelle funktionieren. Einem Profil wird eine Wahrscheinlichkeit zugeordnet, zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, dass man sich für den Kauf von Turnschuhen interessiert. Dann bekommt man im Netz ständig Turnschuhe angeboten. Im Fall der Drohne wird die Wahrscheinlichkeit berechnet, ob jemand Terrorist ist. Bestimmte SMS, Nachrichten an verdächtige Personen, der Aufenthalt am falschen Ort zur falschen Zeit, das fließt alles in die Terroristenwahrscheinlichkeitsrechnung mit ein. Die Technologie heißt „Patterns of Life Analysis“, und insbesondere die sozialen Medien eignen sich hervorragend, um die „Patterns of Life“ ihrer Teilnehmer zu berechnen. Eigentlich ist es recht simpel. Ab einer bestimmten Wahrscheinlichkeit fliegt die Drohne los. Ohne Gerichtsverfahren, weitgehend ohne demokratische Kontrolle, eigentlich ohne alles außer einem algorithmisch berechneten Verdacht. Von geheimen, fehlerstrotzenden Algorithmen berechnetem Verdacht. Denn ähnlich, wie ich mich nicht die Bohne für Turnschuhwerbung interessiere, obwohl mein Profil offenbar genau das sagt, ist die Wahrscheinlichkeitsberechnung mit dem Ziel der Tötung fehlerdurchwirkt. Software hat immer Fehler. So kommen Irrtümer zustande wie die Tötung einer fünfzehnköpfigen Hochzeitsgesellschaft am 12. Dezember 2013, die irgendein Algorithmus für einen Terror-Konvoi hielt.

Und das war erst der Anfang, diese Szenarien beziehen sich auf die Vergangenheit. Denn jetzt kommt die Effizienz der Vernetzung ins Spiel, verbunden mit der Tatsache, dass Computer inzwischen selbst Entscheidungen treffen. Im Februar dieses Jahres wurde eine britische Drohne namens Taranis vorgestellt, die ganz selbstständig, nur anhand von Daten aus der Totalüberwachung, berechnet, wen sie tötet. „Fully Intelligent Autonomous System“ heißt die Technologie. Sie berechnet sogar den bestgeeigneten Zeitpunkt für einen Angriff, wann also die Tötungswahrscheinlichkeit am größten ist. Pro forma fragt sie nochmal den Drohnenverantwortlichen, ob das so okay geht mit dem Angriff. Technisch notwendig ist das nicht mehr. Ein Effizienzwunder!

 

Die Kalifornische Ideologie

Aber wie konnte es zu dieser Monstrosität kommen? Es handelt sich um die Perversion der Idee der digitalen Vernetzung. Allerdings um eine Perversion, die von Anfang an eingewoben war in das Internet und seine Vorläufer. Der perfekte Zeitpunkt, um Herbert Marcuse zu zitieren, aus „Kultur und Gesellschaft 2“ nämlich:

„Bestimmte Zwecke und Interessen der Herrschaft sind nicht erst ‚nachträglich‘ und von außen der Technik oktroyiert – sie gehen schon in die Konstruktion des technischen Apparats selbst ein“.

Die Basis für die weltweite digitale Vernetzung befindet sich heute bekannterweise in Kalifornien. Wenn bösartige, falsche Menschen wie der Chefredakteur der bösartigen, falschen BILD-Zeitung ins Silicon Valley reisen, um irgendetwas zu verstehen, dann ist das kein Zufall. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass man in einer Dreiviertelstunde zwischen den Hauptquartieren von Google, Apple und Facebook hin und her fahren kann.

Während in Deutschland in den 1960er Jahren die Geisteselite keine andere Wahl hatte, als sich mit dem Horror des Holocaust und des Dritten Reiches zu beschäftigen, wurden in Kalifornien von unglaublich avantgardistischen Technophilosophen die Grundlagen der digitalen Sphäre ersonnen. Hier sei Douglas Engelbart genannt, der Denken und Machen miteinander verband. Am 9. Dezember 1968 trug er eine der wegweisendsten Präsentationen des 20. Jahrhunderts vor, angekündigt als Vorführung eines „computerbasierten, interaktiven Bildschirmsystems mit mehreren Geräten“. Er stellte darin seinen technischen Forschungsstand vor, und zeigte dabei erstmals seine folgenden Erfindungen:

– die Computermaus,

– das grafische Interface,

– das Konzept des ‚Fensters‘ im Computer,

– eine technische Umsetzung des Hyperlinks,

– ein Textverarbeitungssystem,

– ein kollaboratives Echtzeitsystem für die Textverarbeitung,

– ein Videokonferenzsystem,

– und das alles eingebunden in eine Netzwerkstruktur namens NLS, das stand für ‚On-Line System‘.

Als sei das nicht irrwitzig genug, fand die Präsentation auch noch auf dem eigens entwickelten Urahn von PowerPoint statt. Engelbart war prägend wie wenige andere. Und er war nicht allein, denn zu dieser Zeit entstand die Kalifornische Ideologie. In dem Buch „What the Dormouse Said“ von John Markoff ist beschrieben, wie. Der Untertitel des Buchs lautet: „Wie die Gegenkultur der sechziger Jahre die Industrie der Personal Computer prägte“. Die Grundlage dafür war die Überzeugung, dass Information frei sein müsse und dass der Computer dafür perfekt geeignet sei. Die Kalifornische Ideologie ist die gedankliche Blaupause für die heutige Herrschaft der Netzkonzerne. Richard Barbrook und Andy Cameron schrieben 1995 dazu:

„Diese neue Religion hat sich entwickelt aus einer seltsamen Fusion der Kulturboheme in San Francisco mit der High-Tech-Industrie des Silicon Valley. […] Die Kalifornische Ideologie beinhaltet deshalb gleichzeitig die Prinzipien der Marktwirtschaft und die Freiheiten der Hippies mit ihrer Kunstfertigkeit. Dieser bizarre Hybrid konnte nur entstehen durch einen beinahe universalen Glauben an den technologischen Determinismus.“

Dieser technologische Determinismus ist der Treiber sowohl der Silicon-Valley-Konzerne wie auch der militärischen und geheimdienstlichen Apparate, deren Ungeheuerlichkeit Edward Snowden enthüllte.

Man sollte an dieser Stelle nicht allzu unfair sein und die Verbindung zwischen beiden Komplexen als zwingend betrachten. Die realistisch gesehen größte Chance, die radikale, aberwitzige Totalüberwachung der Behörden wenigstens halbwegs einzudämmen, hat eine jüngst gestartete, gemeinsame Aktion von Google, Facebook, Apple, Twitter, Microsoft und vielen anderen, die den wirtschaftlichen Schaden durch die behördliche Überwachung anprangert. Eine Aktion, die jedoch kaum auf die Konzernseite der Überwachung näher eingeht. Und bei aller Sympathie für solches Bürgerengagement auf Milliardärsebene – die Anknüpfungspunkte zwischen beiden Welten, den Netzkonzernen und den geheimdienstlichen Netzherren sind belegbar vorhanden. Sie sind auch beabsichtigt.

Eine der zentralen Figuren des Silicon Valley ist Peter Thiel, Mitgründer von PayPal und unter anderem frühester Investor von Facebook. Anfang des Jahrtausends gründete Thiel eine Firma namens Palantir Industries. Der Name Palantir kommt aus dem Buch „Der Herr der Ringe“ und bezeichnet dort die „weithin Sehenden“. Palantir stellt „Sicherheitssoftware“ her und gehört zu den weltweit führenden Unternehmen im Bereich „Big Data“.

Eventuell bekannt könnte Palantir durch die Veröffentlichungen von Wikileaks im Jahr 2010 sein – denn dort wurde öffentlich, dass der wichtigste Kunde von Palantir – die CIA ist. Was wiederum nicht für verstörend große Verwunderung sorgen sollte, denn die CIA war bereits Investor von Palantir. Ja, die CIA unterhält einen eigenen Venture Capital-Fonds. Sein Name ist In-Q-Tel, und er ist spezialisiert auf Start-Ups, die wertvoll für die Datenauswertung sein könnten. Immer wieder werden Verbindungen von In-Q-Tel zu Facebook beschrieben. Aber neben einer Menge Unternehmen wie MongoDB, einem der wichtigsten Datenbankanbieter des Internet, ist ein ehemaliges Investment von In-Q-Tel besonders interessant, weil die meisten Leute dessen Produkt heute kennen: Keyhole. Das sagt niemandem etwas – bis man erfährt, dass Keyhole gekauft wurde. Und zwar von Google, die daraus Google Earth gemacht haben, die dreidimensionale Landkartenanwendung, bei der man geschmeidig über alle möglichen Landschaften weltweit fliegen kann. Fast wie eine Drohne.

Zurück zu Peter Thiel. In seinem neuen Buch, „Zero to One“, spricht er von der Schönheit und der Effizienz von Monopolen, die völlig zu Unrecht im Kapitalismus in Verruf geraten seien. Der Untertitel seines Buchs lautet „Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet“. Mich besorgt nicht so sehr die Hybris, die daraus spricht. Als Unternehmer ist eine gewisse Hybris sicher von Vorteil. Mich besorgt eher die Vorstellung, die Peter Thiel von „Rettung“ hat. Er und fast alle Leute, die heute die Netzkonzerne steuern. „Don’t be evil“, und wir sagen, was genau „evil“ ist.

 

Verknüpfung mit dem Plattform-Kapitalismus

Das, was diese Ideologie per Internet inzwischen mit der gesamten Ökonomie gemacht hat, nenne ich Plattform-Kapitalismus. Plattformen sind Marktplätze auf Speed. Die Angebotsabgabe wird durch die digitale Vernetzung radikal vereinfacht, so dass auch Anbieter mit einem Klick daran teilnehmen können, die keinen oder nur einen geringen wirtschaftlichen Druck verspüren. Wer zufällig mit dem Auto irgendwo lang fährt, bietet beinahe dieselbe Leistung wie ein Taxiunternehmen. Aber trägt keine Kosten wie Löhne oder Sozialversicherungen. Dadurch entsteht ein Angebot an Leistungen auf der Plattform, dass so groß ist, dass die Nachfrage im Netz in Echtzeit versteigert werden kann. Vernetzte Versteigerung in Echtzeit ist einer der effizientesten Mechanismen zur Kostensenkung. Nur dass mit dem, was von findigen PR-Leuten „Sharing Economy“ genannt wird, letztlich auch die Entlohnung der Arbeit drastisch gesenkt wird. Denn alles wird Service.

Es gibt Leute wie Jeremy Rifkin, die glauben, dass diese unfreundliche Form der „Sharing Economy“ ein Übergangsphänomen ist, weil durch die Automatisierung und Intelligenz schon bald jeder Service auch ohne menschliches Zutun funktioniere. Aber alles ist ein Übergangsphänomen. Und wenn der Übergang etwas länger dauert und nicht verläuft wie geplant, dann ergeben sich neue, massive Probleme sozialer Natur, hier und jetzt. Unternehmen, die so vorgehen, zielen nicht darauf ab, der beste in einem Spiel zu sein – sondern der einzige. Sie möchten Plattformen schaffen, die einen Markt kontrollieren.

Peter Thiels Theorie ist, dass das gut für die Welt ist. Er behauptet, die Innovationen, die die Welt verbesserten, stammten meist von Monopolisten. Er liegt nicht völlig falsch. Die Netzkonzerne, die er meint, zum Beispiel Google und Facebook, haben für die meisten Nutzer fantastische Produkte bereitgestellt, das ist die Basis für ihren Erfolg. Worin Thiel falsch liegt, lässt sich auf ein einzelnes Wort zurückführen. Wenn er von der „Verbesserung der Welt“ spricht, handelt es sich in Wahrheit um die „Verbesserung seiner Welt“.

Andere Lebensweisen, andere Haltungen, auch andere Kulturen werden wenig oder gar nicht berücksichtigt. Seine Spielart des Plattform-Kapitalismus ist überwachungsbasiert, und zwar eine Form der Überwachung, die normativ wirkt. Sie misst ständig das Verhalten, belohnt positives und sanktioniert negatives Verhalten. Nur, dass die Definition von positiv und negativ bei der Plattform und allein der Plattform liegt.

Gestern hat eine Versicherung in Deutschland den ersten Tarif vorgestellt, der auf einer ständigen Überwachung des Verhaltens mit einer Fitness-App beruht, die per Smartphone überwacht, ob man sich genügend bewegt und bei der man eintragen muss, was man isst. Tut man das Falsche, wird die Versicherung teurer. Eine effizienz-basierte, netzgetriebene Entsolidarisierung bis in die Tiefe des Alltags.

Der Plattform-Kapitalismus braucht deshalb neue Konzepte der Regulierung. Das Ungleichgewicht des Plattform-Kapitalismus lässt sich übrigens sehr einleuchtend mit einem Blochschen Konzept erklären, nämlich mit der Ungleichzeitigkeit. Die Verbindung aus virtueller Ortlosigkeit, Globalisierung und hocheffizienter Vernetzung hat die letzten, logistischen Hemmnisse beseitigt. Ein Produkt aus einer weniger fortschrittlichen Gegend muss von der ersten Sekunde an mit Produkten aus der fortschrittlichsten Gegend der Welt konkurrieren, Fortschritt hier im rein technologischen Sinn. Durch die auf Marktkontrolle fixierte Plattform-Strategie der Unternehmen ist der Vorsprung noch schwieriger einzuholen, was im Verbund der politischen Regulierung die sinnvollste Möglichkeit wäre, die Macht der Plattformen einzudämmen. Schwieriger. Aber – es ist nicht unmöglich. Immerhin.

 

Ungleichzeitigkeit und Allianztechnik

Ich gebe zu, dass sich für eine Zukunftsrede mit dem Anspruch eines „mutigen Blicks in eine gute Zukunft“ bis jetzt alles ganz schön niederschmetternd, fast bitter angehört haben mag. Das war aber nur das tiefe, dunkle und lange Tal, von dem ich sprach. Es folgt der anstrengende, aber vielversprechende Aufstieg auf den nächsten, leuchtenden Gipfel. Ich bediene mich dabei des Blochschen Begriffs Allianztechnik. Auch wenn ich fürchten muss, dass Bloch-Puristen mir mit größter, geradezu internetkommentarhafter Verächtlichkeit begegnen werden – so möchte ich doch den Begriff Allianztechnik umdeuten.

Allianztechnik beinhaltet nach Bloch die „Mitproduktivität eines möglichen Natursubjekts“, etwas vereinfacht – die Einbindung der Kraft der Natur in die Technologie. Das damals herrschende Technikverständnis beruhte auf Unterwerfung, was Bloch mit einem eindrücklichen Bild beschrieb: „Unsere bisherige Technik“, schreibt er im „Prinzip Hoffnung“, „steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee in Feindesland und vom Landesinnern weiß sie nichts.“

Meine Umdeutung ist nun sehr simpel, fast zu simpel: die Schaffung einer vernetzten Allianztechnik. Die vernetzte Allianztechnik sucht aber nicht in erster Linie eine Mitproduktivität der Natur. Sie soll überhaupt erstmal erreichen, dass die Technologien der Vernetzung nicht gegen die Freiheit des Menschen und den Menschen selbst gerichtet werden. Obwohl sie es jederzeit könnte.

Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der mir meine elektrische, vernetzte Zahnbürste eine Textnachricht schreibt, dass ich noch zehn Minuten Zeit habe, meine Zähne zu putzen, weil ich sonst aus meiner Zahnzusatzversicherung rausfliege. Es muss eine Abkehr stattfinden vom Technologieauftrag Unterwerfung, im Internet-Sinn heißt das: eine Abkehr vom Konzept der vernetzten Kontrolle durch Datenströme. Rechtliche Grenzen müssen gesetzt werden und Überschreitungen sanktioniert – wir brauchen ein Primat der Gesellschaft vor der Technologie. Im Moment ist es umgekehrt. Wenn man die Augen ein bisschen zukneift, ist das vielleicht sogar gar keine allzu große Umdeutung von Blochs Begriff Allianztechnik.

Okay! Allianztechnik, die ab Werk mit jedem Bit darauf abzielt, die Freiheit zu vergrößern, indem die Unterwerfungs-mechanismen reduziert werden. Heute herrscht „Surveillance by design“, in Zukunft muss es „Freedom by design“ sein. Hurra! Großartig! Das könnte es sein. Aber wie? Und zwar ganz konkret: wie hier, in diesem Land? Nicht, dass nationale Alleingänge irgendwie erstrebenswert wären. Aber wenn man Veränderung predigt, empfiehlt es sich, bei sich selbst anzufangen.

Deutschland ist natürlich überhaupt nicht technikfeindlich, wie ab und an behauptet wird, nur weil es hier drei Jahre länger dauert als in den Vereinigten Staaten, bis Großeltern sich auf Facebook anmelden, um mitzubekommen, was die Enkel treiben. Deutschland ist technikvernarrt.

In jeder Fußgängerzone kann man mit x-beliebigen Leuten stundenlang über Einspritzdüsen fachsimpeln. Wenn auf der Technologie Mercedes oder Audi draufsteht, ist Technologie eine Art Nationalheiligtum. Die deutsche Ingenieursdenkweise hat, trotz ihrer gelegentlichen Kälte, den Wohlstand dieses Landes geschaffen. Nur dass diese Ingenieursseele, um das abgenutzteste Bloch-Zitat mal einzubauen, eben nicht „ins Gelingen verliebt“ ist.

Der deutsche Ingenieur ist statt ins Gelingen – ins Funktionieren verliebt. Die Dinge müssen funktionieren, um jeden Preis. Aber wie das Gute der Feind des Besseren ist, ist auch das Funktionierende oft der Feind des Gelingenden. Denn bevor etwas gelingt, war es nicht da und hat damit nicht funktioniert. Und scheiterte wieder und wieder. Auf der Ebene der Innovation ist deshalb eine europäische Fehlerkultur notwendig, die speziell in Deutschland schmerzlich fehlt. In Deutschland muss man nicht nur Recht haben, man muss auch schon immer Recht gehabt haben.

Das heißt auch: Null Toleranz für Fehler. Aber der Umgang mit Fehlern ist essenziell für den Umgang mit Experimenten. Und für Experimente braucht man – neben einer Kultur des Scheiterns, neben dem gesellschaftlichen Wunsch zu einer kollektiven Suchbewegung – vor allem eines: Hoffnung. Und die findet man mit Ernst Bloch.

 

Aufbau der Hoffnung

Das Erste, was einem Blochfans zum Thema Hoffnung erzählen, ist, dass bei Bloch Hoffnung auch scheitern kann. Scheinbar keine besonders optimistische Definition. Aber dann auch wieder doch, denn das Konzept einer gescheiterten Hoffnung, allein diese Sichtweise auf die Welt – ermöglicht es überhaupt erst, nach einem tiefen Sturz aus der Utopie auf den harten Boden der Sichtbetonwirklichkeit – einfach wieder aufzustehen.

Die eine Hoffnung ist enttäuscht, gescheitert, die nächste Hoffnung muss gesucht und gefunden werden, aber es gibt sie. Und das ist in der Tat großartig. Das Prinzip Hoffnungen, könnte man dazu sagen, und als Anleitung funktioniert der ewige Ausspruch Blochs, „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen.“ Dass man hoffen lernen kann, vielleicht sogar lernen muss, allein für diese tiefe Erkenntnis muss man Bloch dankbar sein. In literarischer Annäherung lässt sich die Hoffnung als Lichtlein betrachten, und das Wirkprinzip der Hoffnungen ist die Gewissheit, dass sich ein neues Licht anzünden lässt, wenn das alte ausgegangen ist.

Ja, Sie merken, ab und zu gerate ich in das Stimmungsfeld zwischen Sendungsbewusstsein, Kitsch und Pathos. Aber immerhin bin ich dabei offenbar am exakt richtigen Ort. Denn als 2007 Blochs gesammelte Feuilletons der Frankfurter Zeitung erschienen, urteilte Deutschlandradio Kultur:

„Fast immer schreibt Bloch mit […] apostolischem Furor, zuweilen auch Pathos. Reflexionen wechseln mit Erzählungen und Anekdoten, Abstraktes erhält eine konkrete, sinnliche Erscheinung.“

Ich bin mir trotz dutzendfachem Lesen dieser Passage nicht sicher, ob das positiv gemeint ist. Trotzdem habe ich diese aus meiner Sicht sympathische Diagnose von Jörg Plath zum Vorbild für diese Zukunftsrede genommen. Ich traue mich also, beinahe-apostolisch zu schließen mit einem Zitat von Ernst Bloch, natürlich aus dem „Prinzip Hoffnung“:

„der Akt-Inhalt der Hoffnung ist als bewußt erhellter, gewußt erläuterter die positive utopische Funktion; der Geschichts-Inhalt der Hoffnung, in Vorstellungen zuerst repräsentiert, in Realurteilen enzyklopädisch erforscht, ist die menschliche Kultur bezogen auf ihren konkret-utopischen Horizont.“

Man wird sich mit der „geprüften Hoffnung“ anzufreunden haben, die wie ein neuer Schuh an manchen Stellen drückt. Ein dritter Weg wird gefunden werden müssen, zwischen dem radikalen, technizistischen Ego-Optimismus der heutigen Netzherrschaft – und der verängstigten Generalablehnung, die glaubt, sich dem Fortschritt durch die digitale Vernetzung entziehen zu können, wenigstens bis zur Rente. Kurz gesagt: Es ist unsere Aufgabe, nicht weniger zu entwerfen als eine Konkrete Netzutopie. An die Arbeit!

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