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Die Macht des Boten

Im Internet ist längst alles da: Die schlimmsten Meinungen und schädlichsten Inhalte – sie müssen nur gefunden werden. Wer beim Finden hilft, ist nicht mehr unbedingt ein neutraler Vermittler. Es ist notwendig, über die Verantwortung der digitalen Botschafter zu diskutieren.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überschlug sich der technische Fortschritt und veränderte die Gesellschaft stärker als je zuvor. Elektrizität, Eisenbahnnetze, weltweite Telegrafie! Der Wandel ging auch an der Kunst nicht vorbei: Der Naturalismus kam auf, eine einflussreiche literarische Strömung, Dichtung als Dokumentation einer möglichen Wirklichkeit, die Darstellung des existierenden Elends der Welt.

Für die künstlerische Schöpfung gab es im Umfeld des Naturalismus eine schöne Metapher. Die Welt sei wie ein Steinblock, in dem bereits jede mögliche Form vorhanden sei – der Künstler schlage ein paar Stücke heraus und schaffe so sein Werk. Metaphern sind zwar in vielen Fällen so brauchbar wie Lametta aus Wurst, aber mit dieser Hilfsmetapher des Steinblocks lässt sich ein Problem der Internetdiskussion besser verstehen, das die Meinungsfreiheit betrifft.

Meinung ist das Gefühl, die Welt ein bisschen besser verstanden zu haben. Vor allem besser als andere Leute, und das kann man denen dann ja auch gleich mitteilen. Wirklichkeit, Wunsch und Willkür kollidieren, und mit diesen drei W ist man auch schon mitten im Netz. Das Internet ist bekanntlich vermeintes Gelände, nirgends zählt die Meinung mehr – like! – nirgends ist das gesamte Spektrum aller möglichen und unmöglichen Meinungen so willkommen wie im Netz. Meinung muss keinerlei Kriterien gehorchen – so lange, bis man sie der Welt mitteilt. Dann erst prallt das Gefühl Meinung auf die schnöden Gesetzmäßigkeiten von Moral bis Gesetz, von der Wirkung bis zur sozialen Funktion.

„Tötet ihn!“ ist keine Meinung

Mit dem Internet ist die Mitteilung an die Welt für Einzelne sehr viel einfacher geworden, deshalb ist Meinungsfreiheit in der Praxis keine mediale Frage mehr wie noch vor zwanzig Jahren, sondern eine persönliche. Und ebenso verhält es sich mit den Grenzen der Meinungsfreiheit, denn nicht jede Äußerung, nicht jeder Inhalt ist eine geschützte Meinung. Selbst radikal freiheitsorientierten Netzultras fiele es vermutlich schwer, einen konkreten Mordaufruf als grundgesetzlich geschützte Meinung zu betrachten – die Grenze vom Standpunkt zum schädlichen Inhalt ist überschritten. „Tötet ihn!“ ist keine Meinung.

Leider ist die Feststellung, dass es schädliche Inhalte gibt, ungleich einfacher als die Feststellung, wo genau sie anfangen. Dazu noch hat man sich in der westlichen Wertegemeinschaft darauf geeinigt, dass die Zensur von Inhalten zunächst ein grundsätzlich schädlicher Vorgang sein soll. Was wiederum heißt, dass bei jedem Inhalt eine Abwägung stattfinden muss: Was ist schädlicher – die Zensur des Inhalts oder der Inhalt selbst? Diese Abwägung ist für sich genommen kompliziert genug. Ein Mordaufruf ist eine recht eindeutige Sache, Rufmord schon nicht mehr.

Alle destruktiven Inhalte sitzen längst im Steinblock

Thilo Sarrazin zum Beispiel, so glaubt das Oberlandesgericht Frankfurt, muss sich von der Tageszeitung „taz“ mit einer alten, billigen Hure vergleichen lassen dürfen. Unabhängig von berechtigten Beleidigungswünschen bezogen auf den Hobbyrassentheoretiker Sarrazin erscheint insbesondere das Wörtchen „billig“ schwer nachvollziehbar. In einer anderen rufmörderischen Angelegenheit hat sich Heribert Prantl Mitte September 2012 in der „Süddeutschen Zeitung“ geäußert. „Für das Internet gibt es kaum noch Regeln„, schreibt er und beklagt, dass die EU-Kommission zwar „ein ‚Recht auf Vergessenwerden‘ – aber keine vernünftigen Regeln zu dessen Durchsetzung“ vorgestellt hat. Die Grenzen der Meinungsfreiheit müssen doch irgendwie zu kontrollieren sein!

Hier lacht die Netzgemeinde und erklärt, im Netz könne es kein Recht auf Vergessenwerden geben. Das stimmt zwar technisch. Aber der Sachverhalt ist komplexer: Die dezentrale Struktur, die Einfachheit der Dateneinspeisung, die unendliche Komplexität des Internets und seiner Geschwister wie Usenet oder Darknet – das alles bewirkt etwas, was schwer zu ertragen ist: Im Internet ist immer alles vorhanden. Die schlimmsten, schädlichsten, destruktivsten Meinungen und Inhalte, alles sitzt längst tief in diesem Steinblock. Das war gestern schon so und wird so lange gelten, wie das Internet besteht.

Ist Google Botschafter oder Bildhauer?

Weil aber im Netz unabänderbar alles vorhanden ist, kommt es zu einer verstörenden und folgenreichen Verschiebung: Das Problembewusstsein in der Öffentlichkeit beginnt nicht mit der Existenz schädlicher Inhalte, sondern mit deren Auffindung. Also zum Beispiel mit Google. Das oft geforderte Recht auf Vergessenwerden ist deshalb schlicht ein falscher Begriff. In Wahrheit wird nämlich gefordert: das Recht auf Erschwerung der Auffindbarkeit. Darüber zu reden ist legitim und notwendig.

Der Zorn, den Google auf sich zieht, wenn es Gerüchte über Gattinnen oder Meinungen über Mohammed verbreitet, entspricht einem bisher ungelösten moralischen Konflikt über die Auffindbarkeit: Ist der Überbringer einer Botschaft für den Inhalt verantwortlich? Eine grundsätzliche Diskussion wird notwendig; sie beginnt mit der schmerzhaften Feststellung, dass die Rolle des Botschafters in der digitalen Sphäre unklar geworden ist. Das liegt auch daran, dass die scheinbar neutrale Rolle des Überbringers, so selbstverständlich sie sich für Netzbewohner anfühlen mag, auch nur eine Hilfsmetapher ist. Und zwar eine, die dem Vermittler sämtlicher Inhalte eine grundsätzliche Neutralität zuschreibt.

Versteht man das Internet als Steinblock, in dem bereits jede denkbare Figur steckt, dann ist da kein neutraler Überbringer mehr, sondern ein handelnder Bildhauer. Wenn man diese Sichtweise gelten lässt und aus dem Block das steinerne Abbild eines Religionsstifters mit Riesenpenis herausschlägt, was für weltweiten Aufruhr sorgt – dann lässt sich eine Mitverantwortung kaum leugnen. Daraus speist sich die Empörung wie die von Prantl.

Der Naturalismus hat übrigens den Begriff „Moderne“ hinterlassen, um sich mit Wissenschaft und Technologie vom Ideal der Antike abzugrenzen. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, was Digitale Moderne bedeutet.

 

tl;dr

Es muss diskutiert werden, welche Verantwortung der Vermittler einer Botschaft im Zeitalter des Internet trägt.

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