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Die geheime Zutat der Shitstorms

Wenn die Web-Wut losbricht, steckt dahinter oft Missgunst. Das könnte sich rächen: Trittbrettsurfen auf der Empörungswelle als Zeitvertreib gegen Langeweile schadet dem legitimen und notwendigen Netzprotest.

In einem alten, deutschen Witz trifft eine Fee einen Bauern und gewährt ihm einen Wunsch. “Ich gebe dir, was immer du möchtest. Aber bedenke, dein Nachbar bekommt das Doppelte davon.” Der Bauer überlegt mit zunehmend verärgerter Miene und sagt dann: “Hack mir ein Auge aus.”

Shitstorm war der Anglizismus des Jahres 2011, so erfuhr der Begriff größere mediale Verbreitung. Das Wort hat erst mit der Verbreitung von digitalen Echtzeitmedien wie Twitter und Facebook seine volle Sprühbreite erfahren. Es ist sprachlich wie gesellschaftlich spannend, der Entstehung einer Definition von Shitstorm zuzuschauen, noch ist einigermaßen ungeklärt, was genau einen Shitstorm ausmacht und wo er beginnt.

Zwar handelt es sich um einen Empörungsbrand in sozialen Medien und durch soziale Medien. Aber seit der Begriff politisch in Mode gekommen ist, beklagt jeder Vizekreisvorsitzende schon einen Shitstorm, wenn jemand auf Twitter etwas ruppig nach der Uhrzeit fragt. In der ständigen Netzdiskussion unter Piraten scheint der Shitstorm zum Standardinstrument der politischen Meinungsfindung zu werden, das Shitstorming als aggressive Variante des Brainstorming. Gleichzeitig vergeht kaum eine Woche, ohne dass in Artikeln und Pressemitteilungen die neue Empörungskultur im Internet beklagt oder besorgt betrachtet wird – vornehmlich übrigens von Medien und Lobbyverbänden, die die Erhöhung des öffentlichen Drucks als ihr ureigenstes Gebiet betrachten.

Die mediale Shitstormisierung der Meinungsäußerung in Gruppen ist dabei durchaus problematisch. Denn wenn das Shitstorm-Stigma fast automatisch jedem Protest in den sozialen Medien angeheftet wird, geht ein Teil der Wirkung verloren. Schon das Wort Shitstorm und erst recht seine bildliche Vorstellung können gewisse Sympathien oder zumindest Mitleid mit dem Bestürmten wecken.

Soziale Netzphänomene haben Urheber

Wenn in scheinbar immer kürzeren Abständen die seismischen Empörungswellen durch die sozialen Medien branden und auch immer öfter ein Echo in professionellen Redaktionen finden, tauchen mindestens zwei Fragen auf:

Die erste betrifft die mittel- und langfristige Wirkung des Shitstorms. Die Antwort betrifft die Zukunft und ist damit so hochspekulativ, dass nicht viel Zeit vergehen wird, bis man am Derivatemarkt Shitstormwetten wird abschließen können. Das muss nichts Schlechtes sein, vielleicht winkt hier die Chance, mit Hilfe eines einzigen CSU-Bierzeltparteitags den griechischen Staatshaushalt zu sanieren.

Die zweite und interessantere Frage ist die nach Ursache und Herkunft des Shitstorms, denn solche sozialen Netzphänomene entstehen nicht aus dem Nichts. Betrachtet man sozialmediale Empörungswogen genauer, erkennt man unterschiedliche Shitstorm-Arten, die allerdings auch in Mischformen auftreten. Zum Beispiel ist zu unterscheiden zwischen reagierenden Shitstorms, bei denen die Empörung sich an einer Äußerung in den (sozialen) Medien oder an politischen Zumutungen entzündet – und spontanen Shitstorms, die anlasslos oder durch kleinste Aufhänger entstehen, etwa aufgrund einer alltäglichen Beschwerde oder Schimpfkanonade, der sich Hunderte oder Tausende anschließen.
Was aber steht hinter diesen merkwürdigen Spontan-Shitstorms, hinter diesem Wunsch, auf einen beinahe zufälligen Zug der Web-Wut aufzuspringen? Was bringt Leute dazu, die ProSieben-Sendung “Galileo” zu verfluchen, als würde man per staatlichem Dekret gezwungen worden sein, niemals den Ausschaltknopf zu betätigen? Woraus besteht eine Hasswelle auf einen Politfunktionär, der sich erdreistet, im Fernsehen Sandalen zu tragen und staatliche Hilfen legal in Anspruch genommen zu haben? Es scheint, als stünde eine alte, nervige Bekannte hinter vielen Shitstorms: die Missgunst, die vielleicht deutscheste aller negativen Haltungen.

Die Unfähigkeit zu gönnen, in allen möglichen Facettierungen. Sowohl die bizarre Forderung nach einer hundertprozentigen Steuer für Einkommen über 40.000 Euro monatlich wie auch die Absurdität, 364 Euro monatlich für “spätrömische Dekadenz” zu halten – Missgunst kennt keine politische Farbe, oder viel mehr: alle Farben. In der Union wird Homosexuellen nicht die Ehe und auch sonst wenigen wenig gegönnt, in der gewerkschaftlichen Sozialdemokratie finden sich die erbittertsten Feinde eines bedingungslosen Grundeinkommens, unter den Grünen scheinen die verbissensten Kämpfer gegen Tabakwarenkonsum zu sein, und Teile der Piratenbasis schließlich betrachten sogar ihre eigene Führungsmannschaft als feindliche Kräfte, denen weder Medienauftritte noch Gehälter für Vollzeitarbeit zu gönnen sei.

Das Zentralorgan der deutschen Volksmissgunst, die “Bild”-Zeitung, zielt in ihrer Berichterstattung so präzise auf das Missgunstzentrum seiner Leser, dass diese selbst 224 Euro für Asylbewerber für empörend viel halten. Sogar in dem erwähnten Shitstorm gegen die Sendung “Galileo” – die vermutlich auf vielen Ebenen kritikwürdig wäre – fand sich, Anfang August 2012, in zwei Tagen hunderttausendmal auf Facebook weiterverbreitet, eine verräterisch missgünstige Passage: “Da sieht man wieder was Geld aus den Leuten macht, in diesem Falle, asoziale, reiche Ärsche die auf die Empfindlichkeit des Gehirns gehörig scheißen!”

Der Spontan-Shitstorm ist die Internetvariante der uralten Klage über “die da oben”, die übermächtig sind und eh nur tun, was sie wollen. Oder über “die da unten”, die uns ja wohl nur ausnutzen, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, elf Ausrufezeichen. Es entlädt sich der diffuse Groll der vielen mit dem Leben und seinen Umständen. Die Demokratisierung der öffentlichen Empörung bedeutet auch, dass gegen ein vermeintlich schlechtes TV-Programm ungleich heftiger protestiert wird als gegen ein staatlich verantwortetes Milliardendebakel.

So notwendig die Netzempörung als politisches Protestinstrument ist, so wichtig es ist, nicht jede kollektive Meinungsdemonstration als Shitstorm zu diffamieren – so wenig kommt man an der Einsicht vorbei, dass die Netzempörung sehschwach ist. Und die Missgunst ist gleich ganz blind, weil sie aus verkapptem, unterdrücktem Egoismus besteht. Der Shitstorm als Sündenbockspringen, die digitale Fun-Steinigung zu Selbsterhöhungszwecken, der alltägliche Missgunstbeweis für zwischendurch, das ausgehackte Auge des Orkans: Wenn ich schon nicht im Mittelpunkt stehe, dann soll es dort wenigstens scheiße sein.

tl;dr

Die ebenso alte wie widerwärtige Eigenschaft Missgunst ist ein unterschätzter Grund für einen Teil der Shitstorms im Netz.

Anmerkung: Ich bin im obigen Fall der “Bild”-Leserkommentare emotional doppelt voreingenommen, denn das verlinkte Blog gehört dem SPIEGEL-Autor Stefan Niggemeier, mit dem ich befreundet bin. Die dort behandelte “Bild”-Zeitung dagegen widert mich an.

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