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Der digitale Spießer

Er macht Kommunikation im Netz oft so unerquicklich, er ist brandneu und doch uralt: Der digitale Spießer benutzt das Internet primär zur Selbstbestätigung. Er weiß alles besser, auch wenn er keine Ahnung hat. Er verbindet Missgunst, Kleingeistigkeit und Größenwahn. Und er steckt in uns allen. 

Besser als Ödön von Horváth kann man schon mal gar nicht heißen, und als wäre das nicht genug, hat dieser Mann 1930 auch noch ein glänzendes Buch geschrieben: „Der ewige Spießer“.

In der Vorrede beschreibt Horváth den Typus des Spießers. Dieser sei ein „hypochondrischer Egoist“, der danach trachte, „sich überall feige anzupassen und jede neue Formulierung der Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet“. Er schreibt, dass es zwar einen alten Typus des Spießers gebe – aber ein neuer gerade im Werden sei. Das gilt auch heute noch, denn soeben kristallisiert sich ein völlig neuer, ärgerlich alter Typus Mensch heraus:

der digitale Spießer.

Das Internet, das sind die anderen. Und seit die anderen Menschen die digitalen Serversteppen zu Milliarden durchmessen, lässt es sich nicht vermeiden, im ehemals dünn besiedelten Netz auf Dritte, Vierte und Fünfte zu treffen. Dort beginnt das Problem: Andere Leute sind in allererster Linie nicht man selbst. Deshalb kommt es, wo Kommunikation passiert, also überall, zu Konfrontation und Missverständnis. Es ist zu simpel und sogar gefährlich, alle als Trolle hinzustellen, die dort ein schroffes Widerwort geben, wo es schmerzt. Aber der digitale Spießer ist kein Troll, auch wenn sich das nicht ausschließt. Denn der Troll betreibt soziale Störkommunikation.

Der digitale Spießer betreibt asoziale Selbstbestätigung. Keine Diskussion, in der er vergisst, sich auf anderer Leute Kosten als klüger, weiser, informierter hinzustellen. Der digitale Spießer hält sich für das beste aller Netzwesen und lässt alle an dieser Erkenntnis teilhaben. Denn es ist die einzige Erkenntnis, über die er verfügt. Der digitale Spießer ist gefühlsgetrieben, aber diese Tatsache verschleiert er, vor allem vor sich selbst. Doch hinter allen seinen Aktivitäten, hinter jedem Beitrag, jedem Kommentar läuft der gleiche Prozess ab. In seiner dumpfen Ablehnung all dessen, was ihm als Bedrohung erscheint (und schon Nachdenken erscheint manchem als bedrohlich), zimmert er sich aus seinem Gefühl eine Meinung.

Aus Faktenschnipseln und Datenbrocken eine pompöse Großmeinung

Natürlich reicht ihm eine kleine, gewöhnliche Normalmeinung nicht aus. Deshalb sucht er sich ein paar Faktenschnipsel und Datenbrocken und vermengt sie zu einer pompösen Großmeinung. Die wichtigste Zutat zu dieser Großmeinung – die so monolithisch dastehen soll, dass an ihr alle anderen Meinungen bröselig zerschellen wie ein Bimssteinchen an Ayers Rock – die wichtigste Zutat ist natürlich das Gefühl des digitalen Spießers, er würde verstehen. Und zwar alles. Besser. Auf Anhieb. Eine Wissenschaftlerin hat 30 Jahre geforscht? Und doch hat sie ganz gewiss das Allerwichtigste übersehen, was der digitale Spießer auf den ersten Blick erkennt. Den ganz großen Zusammenhang vielleicht oder das alles entscheidende klitzekleine Detail. In jedem Fall lässt sich damit alles bis hierhin Gesagte, ja sogar alles bis hierhin Dagewesene nebenbei wegwischen oder besser noch: aggressiv wegignorieren, um Platz zu schaffen für den eigenen Meinungsmonolithen aus gepresstem und poliertem Edelstuhl.

Der digitale Spießer schießt schnell und ohne hinzusehen, er fühlt nur kurz hin, zwei flüchtig gelesene Halbsätze genügen, um jede Situation in ihrem Kern zu erfassen. Das so gefällte Blitzurteil ist ihm wichtiger als alles, was irgendjemand jemals sagen oder schreiben könnte. Fehler in seinen Blitzurteilen wird er höchstens taktisch zugeben, denn eigentlich macht er natürlich keine Fehler, jedenfalls keine, an denen er selbst schuld ist. Für ihn besteht das Konzept Schuld aus seinem Zeigefinger.

„Hier geht es nur um mich“

Wissen interessiert den digitalen Spießer nur in Form von Besserwissen, das ihm die Gelegenheit zum Kommentar gibt. Ihm geht es um die Herabwürdigung seines Gegenübers, weil er damit die eigene Heraufwürdigung erreichen will. Er glaubt, dass seine Verächtlichkeit ihn positiv auszeichnet, weil er sie mit der Wahrheit verwechselt, die doch dringend gesagt werden müsse, sei sie auch noch so unbequem. Wer die Welt hasst, weil er sich hasst, für den kann die Wahrheit eben nur aus Boshaftigkeit und Verachtung bestehen und muss unbequem sein, sonst wäre es ja nicht die Wahrheit. Sein verächtliches Raunen hat noch eine Funktion, nämlich andere digitale Spießer anzuziehen auf der Suche nach Verbündeten. Es gibt allerdings wenig, was trauriger wäre als ein Trupp Selbstbestätiger, die sich im einen Moment zusammenrotten und schon im nächsten Moment wieder auseinanderpreschen. Auseinanderpreschen müssen, denn eine Gruppe wird zur Gemeinschaft, wenn sie ein beliebiges gemeinsames Credo verbindet – außer es lautet: „Hier geht es nur um mich!“

Was er für Humor hält, ist ihm eine genehme Waffe, denn der digitale Spießer hat Humor in LOLsten Mengen und lässt daran nicht kleinsten ROFLcopter eines Zweifels, gtfo. Aber er verwechselt Humor mit Häme, so wie er Haltung mit Hetze verwechselt. Und er hetzt schnell, denn in seinem Kopf gibt es ein kleines Hetzprogramm, das ständig läuft, es besteht nur aus zwei Zeilen: Wer meiner Meinung nicht huldigt, ist dumm. So erklärt sich, dass für ihn ein guter Text der ist, der seine eigene Meinung spiegelt, und ein schlechter Text, der eine andere Meinung vertritt. Die Übereinstimmung mit sich selbst ist ihm das Wichtigste, das einzige Kriterium. Ich bin gut, also ist schlecht, was ich nicht bin. Er leidet enorm unter Andersartigkeit, sie macht ihm seine egoistische Konformität bewusst: eine wütende Verbindung von Missgunst, Kleingeistigkeit und Größenwahn.

Der digitale Spießer ist ein Verlierer

Aber sein verquerer Wunsch nach Einzigartigkeit bleibt auf ewig ein Wunsch, denn nichts verursacht mehr Konformität, als feige nur dort Schlachten zu schlagen, wo man sie nicht verlieren kann. Der digitale Spießer ist ein Verlierer, deshalb hasst er es zu verlieren. So kämpft er nicht mit Argumenten in ergebnisoffenen Diskussionen, sondern mit Meinungen in selbstgebauten Arenen, es geht bei ihm um nichts als um sich selbst.

Das Erschreckendste an dieser erbärmlichen, ärgerlichen, anmaßenden Figur ist aber: Wir alle sind digitale Spießer. Manchmal. Er steckt in uns, in jedem, und wir müssen ihn bekämpfen, wann immer wir im Netz sind. Wer seinen eigenen digitalen Spießer leugnet – ich mache solche Fehler nicht! -, ist auf dem schlechtesten Weg, für immer einer zu bleiben. Denn, so lehrt uns der unendlich weise, unendlich schönnamige Ödön von Horváth, die schlimmsten unter den Spießern weisen jeden diesbezüglichen Verdacht brüsk von sich und halten sich – für das exakte Gegenteil: „…er hatte nie was übrig für das Bürgerliche. Er war der geborene Bohemien. Bereits 1905 ging er ohne Hut.“

 

tl;dr

Hinter dem brandneuen, uralten Typus des digitalen Spießers verbirgt sich eine bekämpfenswerte Haltung. Und sie steckt in uns allen.

Anmerkung: Ohne Koketterie möchte ich zugeben, dass ich selbst meinem digitalen Spießer zu oft Lauf gelassen habe. Ich bitte um Verzeihung und hoffe, dass nichts irreversibel kaputtgegangen ist. In Zukunft versuche ich, ihn besser zu unterdrücken.

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