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Hurra Sinnlosigkeit!

Was braucht man und was nicht? Was ist sinnvoll und was nicht? Oft wird vorschnell geurteilt, welchen Dingen kein Sinn innewohnt. Der Irrtum der Urteilenden ist oft so drastisch, dass er sich später als umgekehrte Prophezeiung entpuppt, erklärt Sascha Lobo.

An einem Vormittag im fünften Jahrhundert vor Christus ging Sokrates auf den Athener Markt, wo er öffentlich zu philosophieren pflegte. Angesichts der ausgestellten Waren entfuhr ihm der Ausruf: „Wie viele Sachen, die ich nicht brauche!“.

So hat es jedenfalls einer der in der Antike gar nicht so wenigen, bedeutenden Diogenes‘ in seinem Werk „Eine Geschichte der griechischen Philosophie“ aufgeschrieben. 2500 Jahre später hat Sokrates in der digitalen Sphäre Millionen unbewusster Nachahmer gefunden, deren Kommentare sich allerdings in einem wesentlichen Detail unterscheiden. Angesichts neuer Produkte, Plattformen, Dienstleistungen ruft eine lautstarke und mitteilsame Fraktion verlässlich zu jeder sich bietenden Gelegenheit: „Das braucht niemand!“

Diese Unterstellung der Sinnlosigkeit gehört zu den eher sinnlosen Äußerungen im Internet. Und auch Laien dürften ahnen, dass das nicht am Mangel dummer Äußerungen im Netz liegt. Für diesen Satz gilt im Netz, was in der Politik für den Hitlervergleich gilt: unter allen Umständen vermeiden. Politisch gesehen darf nur Hitler mit Hitler verglichen werden, ebenso gilt der Satz „Das braucht niemand“ praktisch nur für sich selbst: Den braucht wirklich niemand.

Etwas auf diese Weise für sinnlos zu erklären, heißt genau genommen auszuschließen, dass irgendjemand irgendwann irgendeinen Nutzen davon hat. Das ist fast so anmaßend wie einen Wochentag, einen Monat und einen Kometen nach sich selbst zu benennen, aber trotzdem lassen sich selbst professionelle Meinungsinhaber immer wieder zum Urteil „sinnlos“ hinreißen, klassischerweise gegenüber neuen Plattformen im Netz.

Bis 2009 etwa häuften sich die Artikel über die Sinnlosigkeit von Twitter – bis die Plattform während des Aufstands in Iran eine wichtige Rolle zu spielen schien. Was jedoch Johannes B. Kerner auch danach nicht daran hinderte, nach einem 30-sekündigen Selbstversuch Twitter als „Unsinn“ zu beschreiben und anzufügen: „braucht kein Mensch“.

Fernsehmeinungen verjähren natürlich nach wenigen Tagen, was in diesem Fall durch die Löschung des Videos auf YouTube noch mal unterstrichen wird. Aber die kurze Episode taugt dennoch als Beispiel – weil die Redaktion von Kerner ein paar Monate später einen eigenen Twitter-Account eröffnete, den sie bis heute intensiv nutzt. Selbst wenn bösartige Kritiker darin gar keinen Widerspruch zur Aussage „Unsinn“, den „kein Mensch braucht“ sehen mögen.

Ein ärgerlich großer Teil der meinenden Menschheit hat offenbar zu allen Zeiten ihren eigenen Maßstab der Notwendigkeit als einzig richtigen betrachtet und dabei kennerhaft von sich auf alle anderen geschlossen: braucht kein Mensch. Der schwäbische Pfarrer und Chronist Friedrich August Köhler schrieb 1790, dass die zwischen Stuttgart und Ulm neu eingeführten Wegweiser von der heimischen Bevölkerung häufig zerstört wurden. Als Grund gab er an, dass die Landleute die Schilder als „unnötige Sache“ ansahen – sie kannten ja schließlich den Weg.

Viel deutlicher kann kaum werden, dass das Urteil der Sinnlosigkeit immer nur zeitlich, räumlich und personell eng begrenzt Bestand hat, wenn überhaupt. Die schiere Banalität dieser Feststellung aber führt auf direktem Weg zu der Erkenntnis: Vermeintliche Sinnlosigkeit ist gut.

Die westliche Welt ist auf Dingen aufgebaut, die irgendwann von vielen, auch sachkundigen Personen als sinnloser Quatsch bezeichnet worden sind: das Auto, das Radio, der Computer sowieso. Historisch gesehen kann also die Behauptung „das braucht niemand“ ein Anzeichen für technologischen Fortschritt sein. Denn wenn man diesen Satz von Häme und Subjektivität reinigt, bleibt oft die Bestätigung übrig, wenigstens nicht allzu ausgetretenen oder naheliegenden Pfaden zu folgen. Aus wissenschaftlicher Perspektive hat das vorschnelle Urteil der Sinnlosigkeit einen interessanten Gegenspieler: Der Begriff Pareidolie bezeichnet die Tendenz des Gehirns, auch in zufälligen, völlig sinnlosen Strukturen Muster, also einen Sinn, zu erkennen.

Eine nützliche Eigenschaft beim Betrachten von Wolken, beim Rorschachtest oder bei der Rekonstruktion von Verschwörungstheorien. Der evolutionäre Nutzen dieser Eigenschaft liegt recht nah. Im Zweifel war es in der Steinzeit gesünder, einen vorbeihuschenden Schatten fünfmal fälschlich für einen Säbelzahntiger zu halten als das Raubtier einmal zu spät zu erkennen.

In der direkten Konfrontation mit neuen Technologien aber scheint sich eine Art Antipareidolie herausgebildet zu haben: eventuell vorhandenen Sinn auch dann nicht erkennen zu wollen, wenn hunderttausend Zeugen das Gegenteil behaupten. Die ganze, selbstentlarvende Arroganz des Diktums „sinnlos – braucht niemand“ wird dementsprechend auch in der Verallgemeinerung deutlich, den Maßstab des eigenen Bedarfs der Restwelt überzustülpen. Der weise Sokrates hat mit seinem Ausruf diese Falle selbstredend weiträumig umfahren. An seine Verwunderung über die vielen Waren schloss er (frei übersetzt) den Ausspruch an: „Die purpurne Robe und den silbernen Glanz – der Schauspieler braucht’s, ich nicht so ganz.“

 

tl;dr

Antipareidolie: Der beliebte Netzkommentar „Das braucht niemand“ ist dumm. Denn Sinnlosigkeit ist fast immer situativ und subjektiv.

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