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Addendum zu “Der neue Terrorismus kommt aus dem Netz”

Am Ende oder viel mehr am Anfang ist es die Frage, ob man das Internet als Werkzeug betrachtet oder als Sphäre. Sieht man das Netz als Werkzeug, dann liegt die Brotmesser-Metapher nahe: mit einem Brotmesser lässt sich jemand umbringen, aber das sagt nichts über Brotmesser aus, jede Diskussion über Konsequenzen für Brotmesser-Hersteller würde als lächerlich empfunden werden.

Natürlich bin ich Anhänger des Modells der Sphäre. Im Netz passiert Gesellschaft. Und zwar auf andere Art als in der Kohlenstoffwelt, auch wenn die beiden Sphären zusammenwachsen. Das heisst auch, dass man die meisten, wenn nicht alle gesellschaftlichen Prozesse im Netz neu untersuchen muss. Manche werden gleich sein, viele ähnlich, die meisten aber anders als in der Restwelt. In meiner Kolumne auf Spiegel Online habe ich die Frage untersucht, ob Terrorismus im Netz entstehen kann. Streng genommen müsste man fragen, ob Terrorismus auch im Netz entstehen kann, aber dass es Terror vor dem Internet gab und also auch ohne entstehen kann – naja nun, muss man darüber auch nur einen Satz verlieren?

Wenn man das Internet als Sphäre betrachtet, in der Gesellschaft stattfindet, wird dort früher oder später auch Terrorismus stattfinden, der im Netz geboren ist. Es lässt sich streiten, ab wann eine Tat “im Netz geboren” ist. Für mich reicht als Definition aus, dass eine Radikalisierung weitgehend im Netz entstanden ist und nicht im Live-Austausch in Terrorzellen. Etwa zwei Drittel des Dokuments von Breivik habe ich durchgearbeitet, wer es liest, muss sich schon anstrengen, um darin etwas anderes zu sehen als ein Text-Mash-Up, ein Dokument der Filter-Bubble-Radikalisierung. Natürlich kann man sich über die Analogie zu “Open Source” streiten, aber ich glaube, dass es nicht darauf ankommt. Und dass es alle Mechanismen auch schon vorher gab – geschenkt, das wichtige Wörtchen heisst auch. Es ist auch im Netz möglich – und hebt so die Diskussion auf eine andere Ebene. Brotmesser-Ideologen sagen: egal, es ist doch nur ein Instrument. Und erinnern damit fatal an die unwürdige Diskussion um Feuerwaffen in den USA, Stichwort: “Guns don’t kill people, people kill people” – was ich lediglich für technisch korrekt, aber für gesellschaftlich völlig falsch halte.

Heute früh habe ich einen kurzen, krassen Artikel gelesen: ein Hacker mit Diabetes hat es angeblich geschafft, eine implantierte Insulin-Pumpe so zu hacken, dass er tödliche Dosen Insulin per Fernsteuerung aus einer halben Meile Entfernung auslösen könnte. Eines der völlig neuen Probleme der verschmelzenden Welten. Und im Zweifel eine Art von digitalem DriveBy-Shooting, ein in der Digitalen Sphäre geborener Terror.

Was mich auf die – zugegeben in meiner Kolumne nicht ausreichend deutlich betonte – Quintessenz bringt:

Die Argumentation für ein freies und offenes Internet muss selbst dann greifen, wenn Terror im Netz geboren wird. Unabhängig davon, ob man Breivik als “im Netz geboren” betrachtet oder nicht (für beides gibt es Argumente, meine Sicht habe ich aufgeschrieben).

Irgendwann werden terroristische Akte geschehen, die unleugbar netzbasiert sind. Und dann? Weiter so tun, als wäre das Netz niemals an irgendwas schuld? Weiter die Brotmesser-Metapher benutzen? Das wird schon deshalb schiefgehen, weil wir in einer Demokratie leben und also die Meinung der Mehrheit eine ganze Menge zählt.

Für mich ist die Offenheit und Freiheit des Netzes nicht verhandelbar, weil es sich lediglich um einen Aspekt der Freiheit und Offenheit der Gesellschaft handelt. Auch dahinter steht das Sphärenmodell. Aber daraus folgt zwingend: wir – damit meine ich diejenigen, die für das Internet in dieser Form argumentieren und kämpfen – dürfen uns niemals auf das dünne Argumentations-Eis begeben, das Netz für ausschliesslich positiv wirkend zu halten. Es muss Gegenmittel gegen Kriminalität und Terror im Netz geben, aber sie dürfen eben die freie und offene Gesellschaft im Digitalen nicht beschädigen.

Wer leugnet, dass im Netz Terror entstehen könnte (unabhängig von der diesbezüglichen Einschätzung zu Breivik übrigens), wird ein sehr großes Problem haben, wenn einer der vielen grauenvollen Kommentatoren der vielen rechtsradikalen Blogs in Deutschland durchdreht und wahrmacht, was er jeden Tag in die Kommentarspalten hineinschreibt. Ich fürchte mich vor diesem Tag, nicht nur wegen der Tat, sondern weil damit die schlechte Vorratsdatenspeicherung, die schlimme Rundumüberwachung im Netz, die katastrophalen Netzsperren und so weiter fast gewonnen haben werden. Es ist im friedlichen Deutschland zum Glück bisher kaum vorstellbar, was für eine gesellschaftliche Wucht ein tatsächlicher Anschlag entfalten kann. Ein solcher Sturm fegt alles hinweg, da kann man petitionieren, bis die Server glühen – zwei Tage nach einem Attentat in Deutschland sind die schärfstmöglichen Gesetze so gut wie beschlossen. Von allen Parteien übrigens. Deshalb müssen sich die Verfechter des freien und offenen Netzes wappnen und ihre Argumentation nicht auf Brotmessern aufbauen.

Auch deshalb, weil derzeit nicht Vernunft und Diskussionsbereitschaft herrscht auf der politischen Gegenseite von BKA bis CDU, sondern Kontrollwahn. Wahn deshalb, weil man kontrollieren möchte, was realistisch nicht zu kontrollieren ist und deshalb alle anderen Mittel – die rechtsstaatlich okay sein könnten – völlig aus den Augen verliert. Aber auf genau die Mittel kommt es an, denn keine Mittel sind keine Alternative. Und spätestens mit der Diskussion um die Netzneutralität wird wirklich jeder einsehen, dass an manchen Stellen eben doch der Staat eingreifen muss. Nämlich, um gesetzlich ein freies und offenes Netz zu garantieren.

Vor uns steht eine Mammutaufgabe, zugespitzt lautet sie: wir müssen Leute wie Hans-Peter Uhl (zum Glück nicht den grauenvollen Uhl selbst) davon überzeugen, das Internet, die digitale Seite der freien und offenen Gesellschaft, zu schützen. Ja, verdammt schwierig, ich weiss. Aber in meinen Augen gibt es dazu keine Alternative in einer Demokratie. Erst recht nicht in einer, in der Nerds und Internetversteher alles andere als an der Macht sind. Sondern allenfalls eine laute, aber sich selbst in ihrer Wirkung überschätzende Lobbygruppe. Das schlechteste Mittel für einen solchen Überzeugungsfeldzug lautet, die Realität zu leugnen und davon auszugehen, dass niemals irgendetwas Böses aus dem Netz kommen kann.

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Trollforschung aktuell

Jeder, der im Netz ab und zu auf Trolle trifft, also praktisch jeder, fragt sich irgendwann, wie Trolle eigentlich aussehen. Ich kann diese Frage seit einem “Trollüberfall” gestern Nacht beantworten. Sie sehen so aus:
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Die Geschichte dahinter ist durchaus erzählenswert. Aufmerksamen Betrachtern der deutschsprachigen Internetlandschaft wird nicht entgangen sein, dass ich mir im Netz in den letzten Jahren nicht ausschliesslich begeisterte Jubelfreundeskreise geschaffen habe, sondern dass hier und da vereinzelt oder auch mal etwas intensiver Kritik laut geworden ist. Es ist eine Eigenschaft des Internet, dass Kritik ab und zu umschlägt ins Aggressive, ins Pöbelnde, seltener sogar ins Bedrohliche: das Werk von Trollen. Nebenbei bemerkt – eine eigene Diskussion, die ich hier nicht führen möchte – halte ich diese Begeleiterscheinung für eine leider unausweichliche, etwa so, wie sich offenbar die Gesellschaft auch irgendwie damit arrangiert hat, Autos nicht abzuschaffen, obwohl sie in Deutschland 5.000 Menschenleben im Jahr kosten.

Jedenfalls stehen alle meine Kontaktdaten von der Mailadresse über die Handynummer bis zu meiner Adresse im Netz, was dazu geführt hat, dass ich neben unflätigen Kommentaren auch unregelmässig Beschimpfungsmails bekomme. Seit etwa zwei Jahren kriege ich auch anonyme Trollanrufe, die sich interessanterweise seit meinem Auftauchen in der Vodafone-Kampagne im Sommer gehäuft haben; zwischenzeitlich lag die Frequenz bei etwa einem Anruf in der Woche. Meistens gibt es nur ein kurzes Geschimpfe, ab und zu verwirre ich den Anonymling auch durch offensive Freundlichkeit. Einen Höhepunkt erreichte die Multichannel-Trollerei mit der Veröffentlichung des Internet-Manifests, beispielsweise habe ich eine anonyme SMS bekommen, die nur eine Zeichenfolge enthielt, die sich wiederum als Base64-Code entpuppte – mit folgender Bedeutung: “hoffentlich hängen sie dich auf du verrecker“.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht sagen, wie ich zu derartigen Belästigungen durch Trolle oder übers Ziel hinausschießende Kritiker stehe: ich sehe das mit einiger Belustigung und mit forscherischem Interesse, die Wechselwirkungen von Gesellschaft und Internet gerade in den Grenzbereichen gehören schon länger zu meinem Arbeitsgebiet. Ich fühle mich eher selten von den Trollereien gestört, Angst oder Gefühle substanzieller Bedrohung empfinde ich gar nicht. Abgesehen davon ist ja das Schöne daran, publizistisch-schöpferisch zu arbeiten, dass man alle möglichen Alltagserlebnisse verarbeiten kann – in diesem Fall kam die Sixtus-vs-Lobo-Folge “Trolle” heraus, eine der meistgesehenen übrigens.

Im Rahmen der öffentlichen Debatte um das Internet-Manifest habe ich wohl auch die Aufmerksamkeit eines eher zweifelhaften Internet-Forums erregt (dessen Namen ich nicht nennen werde), das man durchaus als Trollnistplatz bezeichnen kann. Dort treffen sich in der Regel junge Männer vollkommen anonym und loten die Grenzen der Provokationsmöglichkeiten im Internet aus. Provokation ist Weg, Ziel und Sinn der Trollerei (dass dabei sogar nicht ausschliesslich Unfug herauskommt, darüber schreibe ich vielleicht mal einen eigenen Artikel). In diesem Forum hat die Beschäftigung mit meiner Person zeitweise extreme Ausmaße angenommen, mehrere hundert Beiträge sind erschienen, was den Betreibern des Forums offenbar so lästig wurde, dass dort die Software inzwischen meinen Namen automatisch in ein Pseudonym verwandelt.

Schliesslich verabredete man sich dort dazu, mich “zu trollen”. Neben hunderten automatisierten Spam-Kommentaren auf diesem Blog und Warenproben-Bestellungen auf entsprechenden Webseiten in meinen Namen wurde auch ein sehr provozierender, einigermaßen zynischer Videoclip zum Tod von Robert Enke dutzendfach auf Youtube und anderen Plattformen veröffentlicht, unter eigens eingerichteten Pseudonymen, die meinen Klarnamen enthielten (zum Beispiel SaschaLobo75). Damit sollte über Bande getrollt werden: unbedarfte Fussballfans sollten gegen mich aufgehetzt werden, denn unter Tarnnamen postete man die Clips in Fan-Foren, samt meiner Adresse und Handynummer. Der Trollerfolg hielt sich in engen Grenzen, ich bekam vier Anrufe: zwei von Mitgliedern des Forums selbst, die so taten als ob, die Anrufe aufzeichneten und in ihr Forum stellten. Ein Anruf kam von einem Fan, der sich überschwenglich entschuldigte, als ich den Sachverhalt kurz aufklärte. Am empörtesten war ein achtjähriger Junge, der aus Hamburg weinend und quiekend ohne Rufnummernunterdrückung anrief und Argumenten gegenüber eher unaufgeschlossen schien.

Diese Zusammenhänge kenne ich, weil ich das Forum aus, sagen wir, forscherisch-journalistischem Interesse beobachtete: wie funktionieren Trolle? Was sind ihre Intentionen? Wie kommunizieren sie? Wie kann man ihnen gegebenenfalls beikommen? Abgesehen davon ist natürlich Feindbeobachtung und Beweismittelsicherung per Screenshot im Zweifel ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Daher weiss ich (inzwischen) auch, dass sich Donnerstag Abend in Berlin Prenzlauer Berg, ein paar hundert Meter von meiner Wohnung entfernt, ein halbes Dutzend Trolle trafen, vermutlich, um Trolldinge zu besprechen. Irgendwann klingelte es mitten in der Nacht zwischen zwölf und ein Uhr an meiner Tür Sturm. An der Gegensprechanlage gaben sich die Klingler als Mitglieder des Trollforums zu erkennen. Aus dem Fenster schauend konnte ich fünf Gestalten ausmachen. Eine davon entfernte sich nach kurzer Zeit. Öffnen wollte ich zunächst nicht, was die Trollpersonen offenbar etwas erboste; sie sahen sich gezwungen, bei sämtlichen Nachbarn zu klingeln. Als sie nach einer guten Viertelstunde noch immer nicht gegangen waren – man weiss aus dem Internetalltag, dass fehlende Hartnäckigkeit eher nicht zu den Schwächen des Trolls an sich gehört – entschloss ich mich auch aus einem Forschungsinteresse heraus zur Konfrontation und ging herunter, und zwar mit einem Fotohandy bewaffnet.

Nach einigen Minuten des heimlichen Lauschens durch die noch verschlossene Haustür – ich hatte das Licht im Flur nicht angemacht – riss ich die Tür unvermittelt auf. Nach einem kurzen, eher zufälligen Gerangel stand ich in der Tür vier jungen, angetrunkenen Männern gegenüber, Anfang bis Mitte zwanzig, alles andere als tumb, aber doch mit einem leicht aggressiven Unterton im allgemeinen Gebaren. “So also sehen diese Trolle aus”, dachte ich bei mir. Bei ihnen herrschte interessierte Verwunderung vor. Sie hatten wohl bereits mit meinem Klingelschild eine Art Devotionalien-Foto erstellt, um ihren Trollfreunden zu beweisen, bei mir gewesen zu sein: ein deutlicher Hinweis darauf, dass zum Trollen auch der Adoleszenz-Klassiker “Mutprobe samt Beweis” gehören kann. Ich verfolgte meinerseits den Plan, der in diesem Blogposting seine Erfüllung findet, nämlich die öffentliche Beantwortung der Fragen: Wie sehen Trolle eigentlich aus? Und was sind das in der Realität für Menschen?

Ich sprach einige Minuten mit den Trollen, um so mehr über diese in der Natur ja so selten anzutreffende Spezies zu erfahren. Als diese Phase in der Unergiebigkeit zu versanden drohte, wechselte ich die Erforschungsstrategie und murmelte Verwirrendes – Verwirrendes zu murmeln gehört zu meinen Stärken – mit dem Ziel, sie einzulullen und dann Fotos von ihnen zu machen. Ich habe dafür sogar im Überrumplungsverfahren um Erlaubnis samt Veröffentlichungsrecht gefragt. Dabei sind die obenstehenden Fotos entstanden. Die Lullmenge habe ich allerdings etwas zu klein dosiert, so dass sich der vierte Troll, wie oben zu sehen, vor dem Foto flugs maskierte. Dann verabschiedete ich mich knapp, Umgangsformen sind ja gerade in komplizierten sozialen Situationen gefragt und ging wieder in meine Wohnung.

Zusammenfassend lassen sich die jüngsten Erkenntnisse der Trollforschung am lebenden Subjekt so beschreiben: die obigen Bilder täuschen nicht. Trolle scheinen die jungen, übermütigen Männer zu sein, die man sich sowieso schon vorgestellt hat. Allerdings sind sie nicht unintelligent und von Angesicht zu Angesicht durchaus kommunikationsfähig. Jedoch fehlt ihnen ein gewisser sozialer Filter (anderenfalls würden sie kaum um halbeins an fremden Türen sturmklingeln), was sich auch darin bemerkbar macht, dass sie zwischenmenschliche Situationen schwer einschätzen können, will sagen: kaum über Empathie verfügen. Im vorliegenden Fall wurde ich am Anfang der Begegnung ernsthaft gefragt, warum ich denn böse gucken würde.

Absichtliche Aggression spielt offenbar eine geringere Rolle als vermutet, denn ein oder zwei Mal drohte die Begegnung zwar ins eher Aggressive umzuschlagen, liess sich aber bereits durch einen simplen Themenwechsel wieder beruhigen. Die vorhandene, leichte Aggression mag auch mit der Angetrunkenheit der Trolle zu tun gehabt haben. Die gesamte Herangehensweise an die konfrontative, soziale Situation schien mir eher eine spielerische zu sein, jedoch mit schwer einzuschätzendem Potenzial für körperliche Offensivitäten.

Spannenderweise waren bei den einzelnen adoleszenten Trollmännchen zwar durchaus Verhaltensunterschiede zu erkennen, der kleinste Troll etwa war der stillste, der schlaksige maskierte der ängstlichste – trotzdem liess sich in Körpersprache und Umzinglungsverhalten keine soziale Rangfolge erkennen – es gab keinen erkennbaren Alphatroll. Sollte hier das Internet, der natürliche Lebensraum des Trolls, bereits hierarchisch nivellierend eingegriffen haben?

Das bleibt ebenso zu erforschen wie meine hierzu aufgestellte Theorie: Es handelt es sich bei den meisten Trollereien um eine Fortsetzung des Klingelstreichs mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts. Das würde auch bedeuten, dass trotz allem Getöse und Bedrohlichkeiten Trolle live, ausserhalb des Internet, wohl harmlos oder sogar ziemlich normal sind (mit der Einschränkung, dass ich gern wissen würde, wie sich eine Gruppe Trollmännchen gegenüber einer Frau verhalten hätte). Und so scheint mir der Erkenntnisgewinn meiner gestrigen explorativen Tätigkeit zu bestätigen, was bereits 2004 im Rahmen des vernetzten Videospiels “Unreal Tournament” genialisch in folgendem Schaubild niedergelegt wurde und als “John Gabriel’s Greater Internet Fuckwad Theory” bekannt geworden ist.
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Freiheit statt Angst

Es ist dieses Gefühl der Ohnmacht, verbunden mit magenverkrampfender Wut. Momente, in denen man ganz leise und entfernt ahnt, wie es sein muss, in einem Willkürstaat zu leben, indem die Verfassung nicht die wichtigste Basis des Staats ist. In dem folgenden Video von der Demonstration “Freiheit statt Angst” am 12. September 2009 ist zu sehen, wie ein paar offensichtlich vollkommen harmlose Nerds von der Polizei gewalttätig angegangen werden. Moment – nicht von der Polizei. Sondern von einzelnen Polizisten. Eine wichtige Unterscheidung, denn in solchen Momenten kann man nicht intensiv genug betonen, dass und wie wichtig die Polizei ist. Aber eben auch, wieviel Schaden solche einzelnen Prügelpolizisten anrichten. Schaden, der weit über die Schläge hinausgeht, weil eine blutende, gebrochene Nase den Glauben an den Rechtsstaat schwer erschüttern kann. Und zwar genau dann, wenn dieses Verhalten der einzelnen, identifizierbaren Polizisten keine Folgen hat.

freiheit statt angst / freedom not fear – demo 12.09.2009 from Gerd Eist on Vimeo.

Aber – es gibt einen Vorteil. Es ist Wahlkampf. Dazu noch ein Wahlkampf, so actionreich wie ein in Zeitlupe umfallender Reissack oder eine Liveberichterstattung von der Kontinentaldrift. Und das heisst: wenn ein solches Video über Tage Thema ist im Netz, auf den Blogs, auf Twitter, in den Foren, in den angrenzenden Online-Medien, dann gibt es Konsequenzen. Also los, Internet, da haben Menschen für Dich und Deine Freiheit demonstriert und auf die Fresse bekommen. Jetzt zeig’ mal, was Du kannst.

[Update]
Irre, wie schnell das Internet ist. Es hat schon massiv reagiert, noch bevor ich den Artikel überhaupt veröffentlicht hatte.
[Update II]
Und die Polizei hat auch reagiert (mit einer Pressemitteilung) und die Aufnahme eines “Strafverfahren wegen Körperverletzung im Amt” angekündigt. Die darin enthaltene Wendung “einfache, körperliche Gewalt” wird fast sicher ein neues Mem, beim Tralafitti.
[Update III]
Ich möchte ausdrücklich die Reaktion von Polizeisprecher Frank Millert loben (hier auf N24). Man wird definitiv die weitere Entwicklung der Untersucungen abwarten müssen, aber ziemlich genau genau so stelle ich mir vor, wie mit solchen Verfehlungen umgegangen werden sollte: kein relativieren, Offenheit, Ernsthaftigkeit nach allen Seiten.

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Internet Manifesto. How journalism works today. Seventeen declarations.

1. The Internet is different.
It produces different public spheres, different terms of trade and different cultural skills. The media must adapt their work methods to today’s technological reality instead of ignoring or challenging it. It is their duty to develop the best possible form of journalism based on the available technology. This includes new journalistic products and methods.

2. The Internet is a pocket-sized media empire.
The web rearranges existing media structures by transcending their former boundaries and oligopolies. The publication and dissemination of media contents are no longer tied to heavy investments. Journalism’s self-conception is—fortunately—being cured of its gatekeeping function. All that remains is the journalistic quality through which journalism distinguishes itself from mere publication.

3. The Internet is our society is the Internet.
Web-based platforms like social networks, Wikipedia or YouTube have become a part of everyday life for the majority of people in the western world. They are as accessible as the telephone or television. If media companies want to continue to exist, they must understand the lifeworld of today’s users and embrace their forms of communication. This includes basic forms of social communication: listening and responding, also known as dialog.

4. The freedom of the Internet is inviolable.
The Internet’s open architecture constitutes the basic IT law of a society which communicates digitally and, consequently, of journalism. It may not be modified for the sake of protecting the special commercial or political interests often hidden behind the pretense of public interest. Regardless of how it is done, blocking access to the Internet endangers the free flow of information and corrupts our fundamental right to a self-determined level of information.

5. The Internet is the victory of information.
Due to inadequate technology, media companies, research centers, public institutions and other organizations compiled and classified the world’s information up to now. Today every citizen can set up her own personal news filter while search engines tap into wealths of information of a magnitude never before known. Individuals can now inform themselves better than ever.

6. The Internet changes improves journalism.
Through the Internet, journalism can fulfill its social-educational role in a new way. This includes presenting information as an ever-changing, continual process; the forfeiture of print media’s inalterability is a benefit. Those who want to survive in this new world of information need a new idealism, new journalistic ideas and a sense of pleasure in exploiting this new potential.

7. The net requires networking.
Links are connections. We know each other through links. Those who do not use them exclude themselves from social discourse. This also holds for the websites of traditional media companies.

8. Links reward, citations adorn.
Search engines and aggregators facilitate quality journalism: they boost the findability of outstanding content over a long-term basis and are thus an integral part of the new, networked public sphere. References through links and citations—especially including those made without any consent of or even remuneration of the originator—make the very culture of networked social discourse possible in the first place. They are by all means worthy of protection.

9. The Internet is the new venue for political discourse.
Democracy thrives on participation and freedom of information. Transferring the political discussion from traditional media to the Internet and expanding on this discussion by involving the active participation of the public is one of journalism’s new tasks.

10. Today’s freedom of the press means freedom of opinion.
Article 5 of the German Constitution does not comprise protective rights for professions or technically traditional business models. The Internet overrides the technological boundaries between the amateur and professional. This is why the privilege of freedom of the press must hold for anyone who can contribute to the fulfillment of journalistic duties. Qualitatively speaking, no differentiation should be made between paid and unpaid journalism, but rather, between good and poor journalism.

11. More is more – there is no such thing as too much information.
Once upon a time, institutions such as the church prioritized power over personal awareness and warned of an unsifted flood of information when the letterpress was invented. On the other hand were the pamphleteers, encyclopaedists and journalists who proved that more information leads to more freedom, both for the individual as well as society as a whole. To this day, nothing has changed in this respect.

12. Tradition is not a business model.
Money can be made on the Internet with journalistic content. There are many examples of this today already. Yet because the Internet is fiercely competitive, business models have to be adapted to the structure of the net. No one should try to abscond from this essential adaptation through policy-making geared to preserving the status quo. Journalism needs open competition for the best refinancing solutions on the net, along with the courage to invest in the multifaceted implementation of these solutions.

13. Copyright becomes a civic duty on the Internet.
Copyright is a cornerstone of information organization on the Internet. Originators’ rights to decide on the type and scope of dissemination of their contents are also valid on the net. At the same time, copyright may not be abused as a lever to safeguard obsolete supply mechanisms and shut out new distribution models or license schemes. Ownership entails obligations.

14. The Internet has many currencies.
Journalistic online services financed through adverts offer content in exchange for a pull effect. A reader’s, viewer’s or listener’s time is valuable. In the industry of journalism, this correlation has always been one of the fundamental tenets of financing. Other forms of refinancing which are journalistically justifiable need to be forged and tested.

15. What’s on the net stays on the net.
The Internet is lifting journalism to a new qualitative level. Online, text, sound and images no longer have to be transient. They remain retrievable, thus building an archive of contemporary history. Journalism must take the development of information, its interpretation and errors into account, i.e., it must admit its mistakes and correct them in a transparent manner.

16. Quality remains the most important quality.
The Internet debunks homogenous bulk goods. Only those who are outstanding, credible and exceptional will gain a steady following in the long run. Users’ demands have increased. Journalism must fulfill them and abide by its own frequently formulated principles.

17. All for all.
The web constitutes an infrastructure for social exchange superior to that of 20th century mass media: When in doubt, the “generation Wikipedia” is capable of appraising the credibility of a source, tracking news back to its original source, researching it, checking it and assessing it—alone or as part of a group effort. Journalists who snub this and are unwilling to respect these skills are not taken seriously by these Internet users. Rightly so. The Internet makes it possible to communicate directly with those once known as recipients—readers, listeners and viewers—and to take advantage of their knowledge. Not the journalists who know it all are in demand, but those who communicate and investigate.

Internet, 07.09.2009

Markus Beckedahl
Mercedes Bunz
Julius Endert
Johnny Haeusler
Thomas Knüwer
Sascha Lobo
Robin Meyer-Lucht
Wolfgang Michal
Stefan Niggemeier
Kathrin Passig
Janko Röttgers
Peter Schink
Mario Sixtus
Peter Stawowy
Fiete Stegers

Translated from the German by Jenna L. Brinning

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Das Internet-Manifest. Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.

1. Das Internet ist anders.
Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.
Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.

3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.
Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.

4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.
Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.

5. Das Internet ist der Sieg der Information.
Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.
Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.

7. Das Netz verlangt Vernetzung.
Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.

8. Links lohnen, Zitate zieren.
Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.

9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.
Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.

10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.
Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.

11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.
Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.
Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren.

13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.
Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.

14. Das Internet kennt viele Währungen.
Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.

15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.
Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.

16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.
Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

17. Alle für alle.
Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.

Internet, 07.09.2009

Markus Beckedahl
Mercedes Bunz
Julius Endert
Johnny Haeusler
Thomas Knüwer
Sascha Lobo
Robin Meyer-Lucht
Wolfgang Michal
Stefan Niggemeier
Kathrin Passig
Janko Röttgers
Peter Schink
Mario Sixtus
Peter Stawowy
Fiete Stegers

CC-BY

Update: Hier ist eine Wikiversion des Internet-Manifest, die von allen bearbeitet werden kann.

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saschalobo.com und die geschrieben werden wollenden Bücher

Vielleicht ist der Tag, an dem Barack Obama vereidigt wird, ein besonders guter Tag, ein persönliches Blog zu beginnen. Eventuell fällt ein bisschen vom Glanz dieses Tages auf mich ab – ganz bestimmt wird aber bei der Inauguration das Weltpathosvorkommen auf Monate hinaus verbraucht werden, so meine lästige Neigung zu pathetischen Texten in der Startphase kaum auffallen wird.

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