Instant-Interview “Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin”

Hier das Instant-Interview zum Buch “Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin” – nur noch eigene Fragen dazugiessen – und fertig!

• Anders als Holm für “Wir nennen es Arbeit” musste ich Kathrin Passig erst überreden, das Buch zu schreiben. Den Rest der Entstehungsgeschichte hat Kathrin Passig selbst ebenso launig wie anschaulich in ZEIT Campus beschrieben.

• Ja, das steht wie gesagt auch im ZEIT Campus-Text. Einiges mehr auf dem Blog zum Buch unter prokrastination.com.

• Nein, es ist kein Buch über das Faulenzen. Im Gegenteil, es ist ein Buch darüber, wie man möglichst produktiv sein kann – allerdings zu den eigenen Bedingungen und nicht unbedingt im engen Korsett der Konventionen. Das geht vor allem dann, wenn man Prokrastination als Indikator begreift und als Kulturtechnik. Der Indikator kann etwa anzeigen, dass die Zeit für eine Tätigkeit noch nicht reif ist. Umgekehrt zeigt die Notwendigkeit von Selbstdisziplin in der Regel an, dass etwas im Argen liegt.

• Nein, Selbstdisziplin ist eher eine schlechte Eigenschaft, weil sie vor allem dazu dient, das Bauchgefühl, Instinkte und die eigene Intelligenz zu überwinden und sich zu etwas zu zwingen, obwohl eigentlich alles dagegenspricht. Zu Recht.

• Doch, natürlich hält das Buch, was der Titel verspricht, nur eben etwas anders, als man erwartet. Letztlich ist der Titel – obwohl ich ihn sehr gut finde – sogar etwas zu klein gewählt, denn wir definieren eigentlich ein neues Gesellschaftsbild, das den vielfältigen und zehrenden Überforderungen der Welt entgegentritt, ohne gleich Vollausstieg und Rosenzüchterei zu propagieren. Wir drehen das Funktionsdiktat um und beschreiben nicht, wie man sich selbst in die Welt einpasst, sondern wie man seine Welt so umgestaltet, dass man darin überhaupt funktionieren kann. Wenn man möchte.

• Ja, ich schiebe selbst vieles auf. Ich brauchte zum Beispiel zwei Jahre, um dieses Blog einzurichten. Und meine Diplomarbeit schiebe ich seit etwa fünf Jahren auf. Währenddessen habe ich allerdings zweieinhalb Bücher geschrieben, die vermutlich arbeitsintensiver waren als eine Universitätsarbeit.

• Dieses Buch ist deshalb fertiggeworden, weil wir uns an unsere eigenen Tricks gehalten haben. Mehrere, klar definierte, kaskadenartige Deadlines mit hohem Drohpotenzial: falls wir sie nicht einhalten hätten können, hätten wie vermutlich den Vorschuss an den Verlag zurückzahlen müssen, der selbstredend längst ausgegeben war. Dazu ist die Arbeit zu zweit förderlich, wenn man gegenseitig seine Schwächen ungefähr einschätzen kann.

• Nein.

• Kein Ratschlag gilt für alle Menschen gleichermaßen, außer vielleicht “atmen”. Wir haben “Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin” in diesem Bewusstsein geschrieben, vielleicht wird das Buch deshalb oft als “Anti-Ratgeber” bezeichnet. Ich hatte jedenfalls beim Schreiben nicht das Gefühl, einen Ratgeber zu schreiben. Hinter vielen Kulturgütern der ZIA steht etwas, das man am ehesten als Welterklärungsbewusstsein beschreiben könnte. Die überkomplizierte Welt leidet unter einem anstrengenden Erklärungsmangel, nachdem immer mehr Welterklärungsinstanzen in sich zusammengefallen sind. Wir wollen diesen Erklärungslücken mit unserem Buch entgegentreten.

• Ja, aber wie gesagt aus einer verschobenen Perspektive. Wir formulieren im Vorwort unser Minimalziel: Man liest das Buch, ändert nichts, aber fühlt sich besser als zuvor. Das gilt nach wie vor, ich glaube inzwischen aber, auch nach den sehr positiven Rückmeldungen vieler Leser, dass es sich dabei nicht unbedingt um ein kleines Ziel handelt.

• Richtig, Mut machen ist auch ein Ziel. Mut ist ein entscheidender Faktor, jedenfalls, wenn man ihn nicht mit Leichtsinn verwechselt. Mut und seine Gegenspielerin, die Angst, reizen mich thematisch sehr, vielleicht schreibe ich darüber mein übernächstes Buch. Ich glaube, dass Angstfreiheit eine zu wenig geschätzte, aber anzustrebende Gesellschaftsqualität ist.

• Das Akronym LOBO für “Lifestyle of Bad Organisation” haben wir uns nicht ausgedacht, sondern ZIA-Mitarbeiter Moritz Metz. Es kam in einer ungünstigen Situation auf, als Kathrin Passig ein wenig aufgebracht war, dass ich acht Wochen vor der Buch-Deadline noch nicht allzuviel geschrieben hatte. Ich kam zu einem Arbeitswochenende wegen Glatteis kaum sechs Stunden zu spät und in der Zwischenzeit hatten sich die Dinge verselbständigt. Ich habe den Begriff LOBO dann mit einer Mischung aus Demut und Stolz annehmen müssen, etwas anderes blieb mir kaum übrig.

• Es gibt in der Tat eine Verbindung zwischen “Wir nennen es Arbeit” und “Dinge geregelt kriegen…”. Beide beschäftigen sich mit einer Umdeutung der vorherrschenden und gesellschaftlich akzeptierten Meinung zu den Themenfeldern Arbeit, Produktivität, Pflichterfüllung – aber auch Kommunikation und soziale Interaktion. Was “Wir nennen es Arbeit” für Arbeit und Markt ist, soll “Dinge geregelt kriegen..” für den einzelnen Menschen und sein Zurechtkommen in der Welt sein.

• Dankeschön. Das ist in der Tat eine häufige Rückmeldung und bestätigt uns, dass wir mit unserer Sichtweise nicht ganz falsch liegen.

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