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Erdmöbel, Herrndorf – Label Mates

Erdmöbel, Herrndorf – Label Mates

Ab und an stört mich die Angst einiger Leute, für “anbiedernd” gehalten zu werden, wenn man etwas ungebrochen für fantastisch hält. Coolness ist morsches Holz, Begeisterung ist Gold, deshalb begeistere ich mich an dieser Stelle für Erdmöbel und Wolfgang Herrndorf. Erdmöbel ist heute mit einer Mischung aus Lesung und Konzert in Berlin im Babylon Mitte, um 20.00 Uhr.
Starke Hinkommempfehlung.


Zur Frankfurter Buchmesse bei einem Essen traf ich Markus Berges, der ebenfalls bei Rowohlt Berlin einen Roman mit dem Namen “Langer Brief an September Nowak” geschrieben hat. Markus erzählte von seinem Musikerdasein und erwähnte in diesem Zusammenhang, dass wir bei Rowohlt Berlin “Label Mates” seien, ein wunderschöner Begriff, den ich nicht kannte. Weil ich auch glaubte, ihn nicht zu kennen, unternahm ich das einzig Natürliche und googelte ihn unter dem Tisch, während ich so tat, als würde ich in die Speisekarte schauen. Und dann war Markus Berges auf einmal der Sänger von Erdmöbel, einer Band, die ich nicht schätze, sondern bis ins Lächerliche hinein kultisch verehre. “Strohfeuer” habe ich zu einem guten Teil zu den Liedern von Erdmöbel geschrieben, auf repeat gestellt, natürlich, von “Lang schon tot” bis zu “Wurzelseliger”, einem etwas hemdsärmligerem Stück. Und auf einmal bin ich Label Mate vom Erdmöbel-Sänger; Tage tanzte ich. Und auch ihr sollt tanzen und hören, und zwar heute Abend im Babylon Mitte, wie oben steht. Auf der Rückfahrt mit dem Auto von Frankfurt nach Berlin habe ich vom neuen Album KrokusDas Leben ist schön” fast einhundertmal auf repeat gehört, das Lied hat mich in diese Stimmung des melancholischen Pathos versetzt, wo man je nach Tageslaune vor Freude Schluckauf bekommt oder Tränen in den Augen hat und nur noch Riesling hilft.
[Link zum Erdmöbel Youtube-Channel]


Wolfgang Herrndorf habe ich 2003 im Internet kennengelernt, da hatte er gerade den furios verzweifelten Roman “In Plüschgewittern” geschrieben. Jetzt hat er den Roman “Tschick” veröffentlicht, auch bei Rowohlt Berlin natürlich, der hervorragend besprochen wird, natürlich zu Recht. Ich bin gerade mitten dabei, den Roman zu lesen, aber es nimmt mich mit, denn ich kenne die Geschichte der Entstehung. Wolfgang Herrndorf hatte Anfang des Jahres mit Kopfschmerzen und motorischen Störungen zu kämpfen. Der Grund dafür war der schlimmstmögliche Grund, den man auf die Schnelle in Wikipedia finden kann außer vielleicht einem Asteroideneinschlag in Kopfnähe, nämlich ein Glioblastom. Es handelt sich um den aggressivsten, gefährlichsten, arschlochartigsten Hirntumor im an Gefährlichkeiten nicht eben armen Krebsreigen. Während das Buch “Tschick” entstanden ist, den Tumor im Nacken und gleichzeitig ein wenig darüber, hat Wolfgang Herrndorf Tagebuch geführt. Inzwischen ist das Tagebuch in Blogform öffentlich, zu finden unter http://wolfgang-herrndorf.de – ich empfehle eine andere Reihenfolge als die chronologische, nämlich zuerst “Dämmerung” zu lesen, dann die Rückblenden eins und zwei und dann hier beginnend den Rest dieses ärgerlich großartigen Blogs. Und dann selbstredend “Tschick”. Schliessen möchte ich mit einem Zitat aus dem Blog, das den Startschuss zu diesem Roman darstellt:

Ich fange an, mich vorsichtshalber auf drei Monate runterzurechnen. Könnte man leben, wenn man nur noch drei Monate hat? Nur noch einen Monat?

Ich werde noch ein Buch schreiben, sage ich mir, egal wie lange ich noch habe, wenn ich noch einen Monat habe, schreibe ich eben jeden Tag ein Kapitel. Wenn ich drei Monate habe, wird es ordentlich durchgearbeitet, ein Jahr ist purer Luxus.

Was könnte man noch machen? Der Gedanke, den Diktator einer Bananenrepublik zu erschießen, drängt sich als sinnvollste Möglichkeit in den Vordergrund, viel besser läßt sich das Leben nicht nutzen. Mit der Winchester meines Vaters. Aber die Diktatorendichte vor meiner Haustür ist gering, und für einen ausgeklügelten Miles-and-more-Terrorismus reicht es vermutlich nicht mehr.

Liste von Dingen, die besser geworden sind: Nie wieder Steuererklärung, nie wieder Rentenversicherung, nie wieder Zahnarzt. Ich werde meine Eltern nicht zu Grabe tragen. Größte Horrorvorstellung meiner letzten Jahre: Ich stehe in ihrem Reihenhaus, umgeben von Erinnerungen und einem riesigen Hausstand, den ich weder entsorgen noch bewahren kann.

Schlimme Konzentrationsstörungen. Wenn ich lese, ergänzt mein Gehirn jeden Satz: Lee Harvey Oswald ging die Straße entlang, und du wirst sterben. Er sah die Autos, und du wirst sterben. An allen Gegenständen und Menschen haften jetzt kleine Zettel mit der Aufschrift Tod, wie mit Reißzwecken dahingepinnt. C. legt ihren Arm um meine Schulter: Tod. Sie lächelt: Tod.

Nachtrag: Twitternutzer “Kotzend Einhorn” hat für den WDR einige Passagen von Tschick eingelesen.

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Strohfeuer Appfragen

In der vergangenen Woche zur Frankfurter Buchmesse wurde die iPhone/iPad App für “Strohfeuer” vorgestellt, explizit als App (den gesamten Text enthaltend) und nicht als iBook. Weshalb das über das normale eBook – seit September verfügbar – hinaus erwähnenswert ist, versuche ich im Folgenden zu beantworten, und zwar mithilfe von Fragen aus der geschätzten Perspektive des kritisch-aufgeklärten Digitalkonsumenten.

Warum kostet die App sagenhafte 18,99 €?
Die Preispolitik von Rowohlt ist wie bei vielen anderen deutschen Verlagen so abgestuft, dass die elektronische Variante immer soviel kostet wie die derzeit preisgünstigste Papierausgabe des Buchs. “Strohfeuer” ist als Hardcover erschienen, da sind 18,95 € ein normaler Preis für ein entsprechendes Ebook in deutscher Sprache. Die 9 am Ende ist Apples Preisabstufungsdiktat geschuldet.

Aber für eine App muss man doch keine getöteten Bäume bedrucken, das muss doch billiger sein!
Diese Preispolitik ist, wie der Name bereits andeutet, politisch begründet und hat in diesem Fall mit den tatsächlichen Herstellungskosten etwa soviel zu tun wie der Preis einer Kinokarte mit den Produktionskosten des Films. Aber ich natürlich sehe ich das Argument auch aus dem Blickwinkel der finanzschwächeren iPhone-Nutzer und deshalb…

Ja, was?
… deshalb erhöhe ich einfach die Leistung der Strohfeuer-App, weil ich den Preis natürlich nicht eigenmächtig herabsetzen kann. Famoserweise hat das digitale Labor von Rowohlt sich etwas ausgedacht, das sich “digitalbuchplus” nennt und diesen Herbst mit vier Titeln startet. Es handelt sich dabei um verschiedene Ideen, die das Buch über den bloßen Text hinaus versupern sollen.

Zum Text von “Strohfeuer” gibt es also heitere Fotos und muntere Filmchen dazu?
Nein. Während bei den anderen Projekten, etwa bei der Einstein-Monographie, sinnvollerweise Film-, Ton- und auch gescannte Papier-Dokumente eingebaut sind, besteht die Anreicherung bei “Strohfeuer” aus autorenorientierter interaktiver Textkommunikation, wie wir coolen Agency People sagen. Ein Roman wird durch Videoclips nicht zwingend automatisch verschönert, so die Überlegung.

Was heisst das genau?
In der Strohfeuer-App verbirgt sich die so genannte Buchfrage. Dabei kann man an jeder Stelle des Buchs ein Stück Text markieren, drauftippen und dann dazu direkt eine Frage stellen (siehe Abbildung). In der App, auf der Plattform Lovelybooks.de, aber auch hier auf meinem Blog kann man dann unter saschalobo.com/strohfeuer/buchfrage die Fragen sehen – und meine Antworten dazu, denn ich werde sie sämtlich selbst beantworten.


Was soll das bringen?
In Woody Allens Film “Der Stadtneurotiker” gibt es eine berühmte Szene in einer Schlange an der Kinokasse, in der jemand lautstark darüber redet, was Marshall McLuhan in seinem Werk habe sagen wollen. Allen holt den echten McLuhan hinter einem Plakat hervor, der vor Ort erklärt, was wie gemeint war. Woody Allen schliesst die Szene mit dem Wunsch “If life were only like this”. Im Internet für mein Buch “Strohfeuer” is life jetzt like this, weil ich in den nächsten Wochen digital hinter der App lauere und alle auftretenden Fragen so schnell wie möglich – fast in Echtzeit – versuche zu beantworten. Was es aber genau bringt und ob es dem Publikum bei einem Roman als geeigneter Gegenwert erscheint, das muss man erst noch herausfinden.

Hm, was wäre denn das schlechtesterwartete Ergebnis?
Es werden fünf gleichlautende Fragen gestellt (“Wieviel Sascha Lobo steckt in der Hauptfigur?”) und dann interessiert sich nie wieder jemand dafür, weil die von mir für irrsinnig toll gehaltene Autoren-Interaktivität keinen erkennbaren Vorteil für das Publikum bringt, zumindest für Romane, bzw. für diesen Roman von mir.

Und was wäre das allerbeste Ergebnis, wenn möglich in für Sie typisch überhöhender Weise dargestellt?
Die Buchfrage bewegt Tausende dazu, sich die App zu kaufen und Fragen zu stellen, die ich direkt beantworte, wodurch der Buchgenuss sich erhöht. Im Gegenzug entdecke ich, welche Stellen eventuell unverständlich oder doof sind und welche witzig sind oder gut ankommen. Im besten Fall verändert sich mein Schreiben, weil es praktisch für jede Zeile direktes Feedback gibt, ich erkenne als Autor, ob die von mir beabsichtigte Wirkung oder Aussage von dieser oder jenen Passage überhaupt beim Publikum angekommen ist. Auf diese Weise verändert sich auch die Arbeit an Büchern in der Zukunft, zumindest, wenn der Autor das möchte.

Kann man auch Fragen stellen, wenn man das Papierbuch gekauft hat oder auch einfach so ohne Buch?
Ja, dazu muss man sich sogar noch nicht einmal bei lovelybooks.de anmelden, Mailadresse und Name reichen aus (das stand hier vorher andersherum, jetzt ist es richtig).

Und wann kommt die Android App?
Die wird so bald wie möglich kommen, sie ist in Arbeit. Schon allein, um sich nicht von Apple abhängig zu machen, denn die durchaus problematische Firma Apple hat außerordentlich seltsame Vorstellungen davon, wie man mit schriftlichen Kulturgütern umgeht. Die ersten Vertragsentwürfe von Apple für verschiedene deutsche Verlage beinhalteten angeblich eine Liste mit Worten, die im Text nicht ausgeschrieben vorkommen dürften. Dass zumindest Rowohlt diese groteske Situation nicht akzeptieren konnte und wollte, sieht man an der Strohfeuer-App, in der exakt 43 Mal das Wort “Fuck” zu lesen ist (sowie 15 Mal “Hitler” in verschiedenen Varianten).

Un das alles soll also die Antwort sein auf die Frage, wie das Digitalbuch der Zukunft aussieht?
Ehrlich gesagt weiss ich nicht, wie das Digitalbuch der Zukunft genau aussieht. Ein paar qualifizierte Vermutungen kann ich gern äussern, dazu brauche ich nur ein in Gesichtsnähe gehaltenes Mikrophon. Aber ob sich die Realität meinen Prognosen unterzuordnen gedenkt, kann man im Moment nicht sagen. Um so wichtiger ist es, auszuprobieren, was für die Käufer funktioniert und was nicht. Das wissen sie nämlich im Bereich Technologie oft selbst noch gar nicht so genau, woher auch. 2005 hätte ich auf die Frage, ob ich ein Handy mit Touchscreen haben will, geantwortet: “Touchscreen? Sie meinen diese Fahrkartenautomaten-Technik, die zwei Minuten nach der Berührung etwas ganz anderes tut als ich eigentlich wollte?” Ich fürchte also, wir müssen alle gemeinsam ausprobieren, wie ein Digitalbuch in Zukunft aussieht, damit die begeisterten Massen bekommen, wonach sie verlangen.

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Strohfeuer – Kleine Kritikschau

Als am Freitag “Strohfeuer” (das ist mein Romanerstling) startete (seit heute gibt es das Ebook übrigens auf den für Rowohlt üblichen Downloadplattformen), war die Resonanz nicht schlecht. So als Menge an Resonanz betrachtet, aber zu einem Teil auch qualitativ. Sehr schön war zum Beispiel die Kurzkritik von Ijoma Mangold in “Die Vorleser” im ZDF am Freitag Abend:

Zitate aus Mangolds Beschreibung:

“… ein herrliches Buch, ein Brevier für Hochstapler … eine intelligente, eine boshafte, eine köstliche Satire … zugleich aber auch ein Selbstportrait, wo das eigene Blendertum ein wenig auf die Schippe genommen wird.”

Auch auf Focus.de ist noch am Freitag ein positiver Text von Jennifer Reinhard erschienen, überschrieben mit ““Strohfeuer”: Zwischen Genie und Größenwahn“, hier eine Passage:

Temporeich und mit der Akribie eines Soziologen schildert Lobo das Lebensgefühl einer Generation, die glaubte, per Mausklick die Welt beherrschen und die Gesetze des Markts auf den Kopf stellen zu können. Er entlarvt die New Economy als das, was sie war: ein Luftschloss, das auf nichts als Hybris und der Hoffnung auf schnelles Geld fußte. Dabei begeht der Co-Autor von „Wir nennen es Arbeit“ und des Ratgebers „Dinge geregelt kriegen“ zu keiner Zeit den Fehler, zu viel Mitleid mit den Figuren in diesem Marionettentheater aufkommen zu lassen.

Auf News.de schreibt Ronny Janke den Artikel “Drama aus der Seifenblase“, mit der irgendwie verschwundenen, aber in der URL noch vorhandenen Unterüberschrift “Der Ton der Web 2.0-Generation”:

Lobo erzählt dieses New-Economy-Märchen äußerst charmant, setzt auf glaubwürdige Charaktere, die über sich selbst hinauswachsen wollen und am Ende scheitern, weil der eigene Hochmut sie zu Fall bringt.

Im Kölner Stadtanzeiger erscheint (von der Agentur dapd aus) weniger eine Kritik als der Bericht “Die Ekel-Faszination der Gier” von einem Autor, der auch auf der Berliner Lesung am letzten Freitag war:

Sich mit einem der beiden Charaktere voll und ganz zu identifizieren, wird wahrscheinlich nicht einmal dem gelingen, dessen Leben sich zu Beginn des neuen Jahrtausends in Berlin abspielte und allein von der Sucht nach dem “großen Ding”, nach neuen Ideen, Erfolg, Reichtum, Feiern und Sex geprägt war.

In eine ähnliche Kerbe schlägt die Rhein-Zeitung (wo ich im Mai Chefredakteur für einen Tag war). Dort hat sich Moritz Meyer mit dem Roman beschäftigt, seine Kritik ist überschrieben mit “Lobo und das Strohfeuer der Stromberg-Kreativen“:

Eine Identifikationsfigur werden die meisten Leser in Lobos Buch vergeblich suchen, so sie nicht ein Herz für halbkriminelle Angeber haben. Vielmehr greift das Prinzip der Büro-Satire „Stromberg”: Das permanente Angewidertsein von den Methoden der Hauptfiguren löst eine eigentümliche Faszination aus.

“Eigentümliche Faszination” mag ich gern, besonders in seiner leicht unklaren Wertung. Sehr gefreut habe ich mich über die englischsprachige Kritik von der Literaturübersetzerin Katy Derbyshire “Sascha Lobo: Strohfeuer” auf ihrem Blog Love German Books. Auch sie war auf der Lesung und setzt sich sehr präzise mit den Stärken und Schwächen des Buchs auseinander. Die beschriebenen Stärken zitiere ich im Folgenden, für die Schwächen am besten auf’s Blog selbst klicken, die lasse ich natürlich an dieser Stelle weg:

Strohfeuer is a funny book. A chuckle-raising, laugh-a-minute good fun read. Our horrible hero Stefan bluffs his way into the advertising industry – not known for its great morals and humanity in the first place – and makes large amounts of money with smoke and mirrors. …
The book’s first strength is in its characters, from the out-and-out nasty Thorsten who turns out to have a reason for his misbehaviour to the scaredy-cat funny guy Phillip who surprises us at the end to the self-obsessed narrator Stefan who constantly manages to override his conscience and often common sense too. …
The second strength is the novel’s language. It probably wouldn’t come across quite as well in translation, but it’s full of toe-curling anglicisms like the verb delivern, ad agency in-jokes like irony-free zone, buzzwords like Hitler (as an expletive) and the like. And all related in a deadpan tone with an eye for detail – like a project manager’s liking for maritime metaphors. …
And the third is the sense of timing. Because what might have been just a string of funny ad agency incidents is broken up by little extra scenes from the narrator’s childhood, escapades in various cars and bars, and a couple of last-ditch slapstick attempts to save the company. All of which make the book much more – well, likeable.

Die dpa hat heute eine Meldung zu Strohfeuer verschickt, die sich zum Beispiel hier auf der Seite der Süddeutschen Zeitung wiederfindet. Obwohl es eher eine Art Inhaltsangabe als eine Kritik ist, spürt man zwischen den Zeilen eine gewisse Ablehnung, bzw. Abwertung durch, man stört sich etwa an der Sprache, durchbrochen von positiven Bemerkungen aus der Halbdistanz wie dieser:

Zu den Stärken des Buches zählen die Passagen, in denen Lobo den heute unvorstellbaren Überschwang des Dotcom-Booms satirisch aufs Korn nimmt.

Von den eher positiven und/oder neutralen Kritiken abgesehen, hatte mir Meedia am letzten Freitag Gelegenheit gegeben, in einem Interview mit der Überschrift “Das einzig besondere ist sein Größenwahn” einige Fragen zu beantworten. Hier herausgepickt habe ich die Frage und die Antwort, die in die Überschrift Eingang gefunden hat:

Was für Menschen haben denn Erfolg in solchen “Bubble”-Zeiten?
Die Menschen, über die ich mich im Buch lustig mache – wie den Ich-Erzähler Stefan, der von sich glaubt, er könne beinahe Gedanken lesen, er sei klüger als alle anderen – aber letztlich erbärmlich ist, weil das Einzige, was an ihm besonders ist, sein Größenwahn ist. Und auch der ist unfassbar armselig, weil er sich in einem Hunderttausendmark-Auto äussert. Es geht um Menschen, die beim Betrachter eine Ekelfaszination auslösen, die man selbst dann nicht mögen kann, wenn man es versucht.

Natürlich gab es auch negative Kritiken, ich weiss gar nicht, wann ich das letzte Mal irgendetwas gemacht habe, was alle gut fanden. Mit drei in die Hose vielleicht. Und natürlich darf jeder öffentlich “Strohfeuer” (und auch mich) ganz grauenvoll finden. Überrascht hat mich aber schon, wie persönlich die Kritik der FAZ daherkam (“Klassenclown-Prosa”), die die ersten beiden abfälligen Absätze auf Frisur und Twittericon verwendet (die ausser auf dem Cover im Buch nicht vorkommen).

Zwischen der WELT-Gruppe und mir lodert seit einiger Zeit nicht unbedingt eine heftige Liebe. Aber bin ich als einzelne Person für einen Konzern tatsächlich ein würdiges Ziel für eine persönlich werdende Breitseite? Selbst wenn ich in den Augen der Autoren einen wahnsinnig schlechten Roman geschrieben habe? Oder ist es Zufall, dass die WELT aus allen Rohren schiesst? Das kann ja auch sein, ich weiss es tatsächlich nicht. Meines Wissens ist in der WELT Kompakt und auch in der WELT für Erwachsene Frank Schmiechens Glosse (“Wenn Frisuren schreiben“) erschienen, offline wie online, sowie in der WELT am Sonntag wie auch im Netz Peter Praschls Kritik, die gedruckt “Ohne sich vergleichen zu wollen” hiess und für’s Netz umbenannt wurde in “Sascha Lobo schreibt ein Arschlochcrescendo“, veröffentlicht mit ungünstigem Foto (das Wörtchen Arschlochcrescendo ist ein Zitat von mir über meinen Roman). Beide scheinen mit vom Hasswunsch zerfurchtem Gesicht geschrieben (dieser Satz ist ein abgewandeltes Kinskizitat, was aber offenbar kaum zu erkennen ist, so dass ich ihn durchgestrichen habe):

“Was immer Lobo sagt, schreibt, bloggt, twittert, versendet sich so schnell, dass man selten weiß, worum genau es ging. […] Es ist das blanke Elend. … ” (Praschl)
“… dass man ein gutes Buch nicht vortäuschen kann. Man braucht dafür sprachliche Fähigkeiten und eine interessante Geschichte. Beides hat Sascha Lobo in “Strohfeuer” nicht zu bieten.…liest sich wie das eilig hingeworfene Drehbuch zu einer Fernseh-Vorabendserie.” (Schmiechen)

Am interessantesten ist die (negative) Kritik in der Mitteldeutschen Zeitung von Ulrich Steinmetzger, “Ich war begeistert von mir selbst” (ein näherungsweises Zitat der Hauptfigur). Steinmetzger ist der Meinung, dass ich absolut identisch bin mit der Hauptfigur. Dass ein gewisses Vexierspiel zwischen dem Ich-Erzähler und dem Autor stattfindet, ist durchaus beabsichtigt, überhaupt nicht neu und ich glaube, das würde auch dann stattfinden, wenn ein weiblicher Orang-Utan in der Steinzeit die Hauptfigur gewesen wäre. In der Mitteldeutschen Zeitung, die das “ich” im Roman für ein “ich” des Autors hält, hat es etwas Seltsames. Oder, um die Worte von Moritz Meyer zu verwenden: etwas eigentümlich Faszinierendes.

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Einen Roman also, aha.

Obwohl ich selbstredend zur grundsätzlichen Überhöhung meiner eigenen Kreativleistungen neige, schätze ich auch in euphorischen Momenten die Zahl derjenigen, die seit Jahren mit Tränen in den Augen beten, Sascha Lobo möge endlich einen Roman schreiben, als maximal mittelgroß ein. Mein normaler Job als Inhaber einer gutgehenden Frisur ist ja eine Mischung aus Interneterklärung, Kommunikationsgetöse und einer flächig aufgespannten Autorenschaft, die von Kurzbotschaft bis Sachbuch reicht. Literarische Einlassungen waren bis jetzt nicht dabei, auch wenn schlecht gelaunte Kritiker mir vorwerfen mögen, dass die bisherigen Sachbücher ebenfalls ausgedachte Elemente enthielten. Jetzt aber präsentiere ich meinen ersten Roman, er heisst “Strohfeuer”, wie feinstofflich begabte Leser dieses Blogs bereits erahnt haben könnten, und erscheint bei Rowohlt Berlin.

“Warum haben Sie überhaupt einen Roman geschrieben”, wird der eine oder andere fragen, ” – wohnen Sie nicht in Berlin Prenzlauer Berg, wo die MacBook-Festplatten der PR-Beraterinnen, Werbetexter und vorübergehend anderweitig Tätigen voll sind mit Romanfragmenten, Kurzgeschichtenbänden und angefangenen Theaterstücken über das ungeheuere Leid des kreativen Prekariats? Wieso bilden also genau Sie sich ein, einen Roman–” und an dieser Stelle werde ich den bösartigen Fragesteller unterbrechen und ihn zurechtweisen. Weil ich nämlich nicht vorhabe zu erklären, warum ich einen Roman geschrieben habe. Natürlich soll das Buch unterhaltsam sein, Erbauung mit Fun-Intarsien bieten, dem Leser Erkenntisreichtum andienen und all’ die anderen Standardautorenziele erfüllen, aber ob das alles auch gelungen ist, muss der Leser entscheiden.

Bevor er es aber entscheiden kann, muss der Leser das Buch erstmal kaufen. Das geht ab dem 17. September in allen Buchhandlungen und im Internet. Gründe für den Kauf möchte ich in den nächsten Wochen auf diesem Blog aufzeigen, verbunden mit einem leicht bis mittelschwer übertriebenen Marketingfeuerwerk, das ich bis zur Buchmesse Anfang Oktober abzubrennen gedenke. Marketingfeuerwerke für Bücher kann man natürlich doof finden oder unterstellen, dass nur schlechte Bücher Marketing bräuchten, aber ich hatte den Eindruck, dass vornehme, intelligente Zurückhaltung in der Kommunikation, Bescheidenheit im Auftritt und allgemeines Understatement charakterlich nicht so recht zu mir passen. Man möchte sich ja auch nicht verbiegen.

Weitere Informationen zu “Strohfeuer” finden sich unter http://saschalobo.com/strohfeuer – mit dem Trick, meine gesamt Seite zur Buchseite umzubauen, habe ich en passant ein altes Autorenproblem für mich gelöst, nämlich die vielen Social Media-Ruinen im Netz, wenn man Blogs, Facebook-Pages, Twitteraccounts und so fort für jedes Buch einzeln aufsetzt, wie ich das bisher getan habe. Einen ersten Eindruck vom Buch, das natürlich selbst das beste Argument zum Kauf sein sollte, kann man sich mit einer Leseprobe verschaffen, die hier zum PDF-Download bereitsteht. Viel Spaß.

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Google Street View-Widerspruch-Widerspruch

Und zack – mit der politischen Feinfühligkeit eines betrunkenen Diplodocus teilt die Firma Google unvermittelt mit, dass noch in diesem Jahr Google Street View auch in Deutschland an den Start gehen wird, und zwar in 20 ausgewählten Städten. Das ist – trotz anderweitiger Verfehlungen ebendieser Internetfirma im Moment – eine gute Nachricht, denn damit ist endlich plakativ die Digitale Öffentlichkeit auf den Weg gebracht. Diese funktioniert zwar nach etwas anderen Regeln als die Analoge Öffentlichkeit, aber solche Veränderungen haben bisher viele Technologien verursacht: der Fotoapparat zum Beispiel hat das Verständnis des Bildes der eigenen Person grundlegend verändert. Wenn man mitten in einer grösseren Menge Menschen in der Öffentlichkeit fotografiert wird, muss man (in den meisten Fällen) akzeptieren, dass das Foto von Dritten ohne Nachfrage verwendet wird. Öffentlichkeit eben.

Das Verständnis des Konzepts der Digitalen Öffentlichkeit (eigentlich wollte ich nach meinem SPIEGEL-Streitgespräch zu diesem Thema längst einen Artikel drüber geschrieben haben) ist aber noch nicht besonders weit verbreitet. Unter anderem deshalb hat Frau Ilse Aigner auf ihren Ministeriumsseiten einen schriftlichen Muster-Widerspruch vorbereitet – für diejenigen, die nicht wollen, dass ihr Haus in Google Street View auftaucht (Link zum PDF). Menschen, die das Konzept der Digitalen Öffentlichkeit nachvollziehen können, halten das für eine mittlere Katastrophe – das eigene Haus nicht in Street View? Eine Fassade soll Privatsphäre sein? Darf jedes Dorf entscheiden, ob es im Atlas veröffentlicht wird?

Die meisten Leute haben zweifellos Nachbarn, denen man einen so schwerwiegenden Eingriff in die Digitale Öffentlichkeit wie einen “Google Street View Widerspruch” zutraut. Und genau deshalb biete ich hier den “Google Street View Widerspruch-Widerspruch” an. Die Benutzung ist ganz simpel, man füllt das formlose Formular aus und schickt es an Google. Und zwar präventiv, falls man seltsame, offlinige Nachbarn hat, oder als Gegenwiderspruch, wenn man schon von einem Widerspruch weiss. Hier ist der Google Street View Widerspruch-Widerspruch als PDF-Download (unten angefügt ein Screenshot). Er ist dem Otto-Normal-Widerspruch spürbar nachempfunden, hoffentlich ergibt das keine Urheberrechtsprobleme. Man kann den Text auch per Mail an streetview-deutschland@google.com versenden – ich empfehle allerdings, entweder einen Brief zu schicken oder in ein Museum einzubrechen und den Widerspruch per Fax zu senden: auf traditionelle Weise vorgebrachte Offline-Meinungen zählen offenbar mehr als Online-Meinungen.

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Zur Loveparade in Duisburg

Ich habe nicht die geringste Ahnung, was im Detail wo und wie passiert ist. Ich sitze 500 Kilometer entfernt auf einem sehr weichen Stuhl und kann im Moment exakt nichts zu irgendetwas beitragen. Ich bin weder Augenzeuge noch Angehöriger noch potenziell Angehöriger oder irgendwie sonst persönlich involviert. Ich bin kein Experte oder auch nur ansatzweise Fachmann in irgendeinem Fachgebiet, das für die Katastrophe, ihr Zustandekommen oder die emotionale, technische oder juristische Aufarbeitung relevant ist. Ich verfüge über keinerlei Spezialwissen in Desasterforschung, Massenpanik, Katastrophenschutz, Katastrophenberichterstattung, Tunnelarchitektur, Großveranstaltungssicherung oder in ähnlichen oder angrenzenden Bereichen. Ich habe unendlich viele Fotos und Filme gesehen, Statements und Berichte gelesen und Kommentare von allen möglichen Beteiligten und Unbeteiligten und habe trotzdem weder eine Erklärung noch eine Deutung der Gesamtsituation. Ich weiss kein bisschen, wer Schuld trägt und wer nicht, oder ob überhaupt jemand besondere Schuld trägt. Ich kenne weder die Sicherheitsplanungen noch kann ich trotz des Unglücks fundiert einschätzen, ob sie wirklich versagt haben. Ich könnte niemanden für irgendetwas verurteilen, selbst wenn ich das wollte, was zumindest im Moment nicht der Fall ist.

Deshalb tue ich nichts weiter, als mein Mitgefühl auszudrücken und bin ansonsten zu diesem Thema still.

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Die bescheuerte Musikindustrie und die egoistischen Filesharer

Prolog
Anderntags schrieb ich einen Artikel über Flattr und habe dabei einen unverzeihlichen Fehler gemacht: ich habe in einem Nebensatz die widerliche, asoziale, egoistische Handlung des illegalen Downloadens von Musikstücken “Diebstahl” genannt. Das ist juristisch zumindest ungenau, auch diskutabel, eventuell träfe “Erschleichung” es besser, wer weiss das schon, ich jedenfalls nicht. Wesentlich besser wussten das jedoch zwei an sich vernünftige Menschen, nämlich Dirk von Gehlen und auch Marcel Weiss, die über ihren Kenntnisvorteil sogleich Artikel geschrieben haben, vom Tenor her ähnlich: Jehova, Jehova, immaterielle Güter kann man gar nicht stehlen, Kampfrhetorik! Wahrscheinlich ist es richtig, hier präziser auf das Wording zu achten, mein Fehler ist also klar ein Fehler – bezeichnend allerdings, dass Dirk von Gehlen in einem anderen Kontext kein Problem damit hat, immateriellen Werten das Wort Diebstahl anzuhängen, “Identitätsdiebstahl” in diesem Fall. Noch interessanter ist, dass Marcel Weiss (zumindest vor einiger Zeit) mit deutlich spürbarer Empörung von “Screenshots klauen” spricht – wenn er nämlich selbst irgendwie betroffen sein könnte. Jetzt, wo wir geklärt haben, dass bei allen Beteiligten die lebendige, verwendete Sprache zum Glück nicht der juristisch stets korrekten entspricht, ist es Zeit, mit tatsächlichen Argumenten abseits meiner neckisch-kleinlichen Revanche zum Hauptteil zu kommen, nämlich zu Pest und Cholera, oder um doch nochmal die juristisch korrekten Bezeichnungen zu wählen: zur Musikindustrie und den Filesharern.

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Warum ich nicht flattre

Das hier ist kein Rant. Denn Flattr erscheint mir als eine Möglichkeit, wie Blogs und blogähnliche Medien etwas Geld verdienen können, das ist zunächst nichts Schlechtes, sondern vom Effekt her etwas Gutes. Trotzdem möchte ich aufzeigen, weshalb ich mich gegen Flattr entschieden habe. Es folgen deshalb persönliche Gründe und nur eingeschränkt allgemeingültige Argumente.

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