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Unignorierbar – die schiere Größe der sozialen Medien

Die mir am häufigsten gestellte Frage lautet:
“Muss man eigentlich Social Media machen?”

Für Privatpersonen fällt die Antwort leicht: Nein.

Für die Politik fällt die Antwort auch leicht: Ja.
Die sozialen Medien sind der Weg der direkten Kommunikation mit den Bürgern. Sie bilden eine notwendige Ergänzung der indirekten Kommunikation mit den Bürgern über die professionellen Medien – mit denen man als Politiker auch sprechen muss. Oder viel mehr: man wäre außerordentlich schlecht beraten, gar nicht mit den Medien zu sprechen. Die sozialen Medien sind für die Politik wichtig, weil Bürger dort sind. Und zwar viele.

Für Unternehmen (und Selbständige) ist die Frage weniger leicht zu beantworten. Im Jahr 2010 sagte Mark Zuckerberg: “If you look five years out, every industry is going to be rethought in a social way“. Einige Berater erzählen dementsprechend sinngemäß, dass DAX-Konzerne ohne Twitter-Account schon so gut wie insolvent seien. Das ist natürlich Unfug.

Aber.

Social Media ist so groß, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Groß hier im Sinne der Aufmerksamkeitsbündelung. Social Media ist so groß, dass man es als gegenwärtigen Entwicklungsstand des gesamten Internet betrachten muss. Und das bedeutet, dass man im Jahr 2011 als Unternehmen einen guten Grund dafür braucht, Social Media nicht auszuprobieren. Es gibt diese guten Gründe, sie hängen mit der jeweiligen Branche zusammen, mit der Unternehmenskultur und -struktur, mit der Unternehmensführung, mit einzelnen Abteilungen, mit der Unternehmensgröße und vielem anderen mehr. Aber ein Unternehmen muss 2011 für sich begründen, weshalb es nicht zumindest mit den Sozialen Medien experimentiert. Und der Grund darf nicht lauten: “Och nää, ist doch kindisch”. Denn die Entwicklung, die Mark Zuckerberg mit seinem Zitat meinte, beginnt mit den sozialen Medien (aber umfasst natürlich wesentlich mehr als Facebook, Twitter, Blogs).

Nur – wie groß ist Social Media eigentlich? Selbst Fachleute unterschätzen die schiere Größe, und deshalb habe ich ein Schaubild gebastelt. Es zeigt die schiere Größe der Vorzeigeplattform der sozialen Medien, Facebook, nach Pageviews die erstgrößte Seite der Welt, im Vergleich zur zweit- bis 100stgrößten Seite* des World Wide Web – zusammenaddiert. Facebook funktioniert hier auch als Symbol für die sozialen Medien. Und Social Media bedeutet: Jeder kann publizieren und ist so Teil der Digitalen Öffentlichkeit.

Voilà:

* Natürlich ist Social Media mehr als Facebook, aber Facebook ist nach Pageviews mit Abstand am größten. Pageviews sind noch immer eine (die) entscheidende Größe bei der Vermarktung. Unter den abgebildeten TOP 100 (sortiert allerdings nach Unique Visitors) finden sich noch dazu Seiten wie YouTube, Twitter oder WordPress, die ebenfalls Social Media zuzurechnen sind. Abgetragen sind dabei die Seitenaufrufe von Facebook weltweit, der TOP 100 Seiten weltweit des Internet, genauer: des World Wide Web (jedoch ohne Google und Pornographie). Zur Orientierung daneben: die gesamte deutsche Medienlandschaft, die sich bei IVW messen lässt (das sind ungefähr alle professionellen Onlinemedien in Deutschland, 46 Mrd. PI). Daneben die Seitenaufrufe der drei VZ-Netzwerke (2,8 Mrd. PI) sowie Spiegel Online (800 Mio. PI). Die Daten stammen vom Google Adplanner, der google.com selbst nicht mitanzeigt. Die Zahlen des Adplanner sind zwar Schätzungen, gelten aber als einigermaßen aussagekräftig. Für die deutschen Medien stammen die Zahlen von der IVW, der Vereinigung, die in Deutschland Onlinemedien recht präzise mit Zählpixeln ausmisst.

tl;dr
Social Media ist sehr viel größer, als man glaubt – so groß, dass man Social Media als gegenwärtigen Entwicklungsstand des Internet bezeichnen muss.

Nachtrag:
Natürlich werden hier bis zu einem gewissen Grad Äpfel mit völlig anderen Äpfeln verglichen, und auch die PI ist nicht das Maß aller Dinge. Es geht mir um die Größenordnung der sozialen Medien, und die lassen sich hier erahnen.

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Bundestrojaner für Mac

Nach intensiven Protesten durch verärgerte Apple-Nutzer ist der Bundestrojaner ab demnächst endlich auch für Mac-Computer verfügbar. Der Bundestrojanerbeauftragte beteuerte, die App bereits zur Prüfung an den Appstore übermittelt zu haben. Dort werde überprüft, ob ggf. Urheberrechte verletzt würden oder unzulässige Worte wie “Fuck”, “Bitch” oder “Android” im Quelltext der Anwendung vorkämen. Die zuständigen Stellen der Ermittlungsbehörden erklärten, das erfahrene Entwicklerteam “h4xx0rz 1337” – auf deren Seite bundeswarez.ru man die Software recht preisgünstig habe erwerben können – habe hoch und heilig versprochen, sich an alle im Chat vereinbarten Regeln gehalten zu haben.

Besonders stolz sind die zuständigen Behörden auf den nutzerzentrierten Ansatz der Anwendung: “Anders, als man es sonst von staatlicher Software gewohnt ist, haben wir beim Bundestrojaner für den Mac Usability groß geschrieben. Die Nutzer müssen buchstäblich gar nichts tun, um die App zu nutzen.” Die für PC-Nutzer längst selbstverständliche, automatische Ferninstallation im Hintergrund und ohne lästige Rückfragen sei nun auch für die bedeutende und immer größer werdende Zielgruppe der Apple-User verfügbar.

Für den “Bundestrojaner 4 Mac”, so der offizielle Name der Applikation, gelten folgende Systemvoraussetzungen:

• Mac-Computer mit einem Intel- oder PowerPC G5-Prozessor (867MHz oder schneller)
• 512 MB Arbeitsspeicher oder mehr
• 2,5 GB freier Festplattenspeicher für die regelmäßigen Screenshots im Offline-Modus

Weiterhin wird der Bundestrojaner 4 Mac auf allen Rechnern ab Betriebssystemversion OSX 10.5 laufen. Für Nutzer älterer Betriebssysteme soll zeitnah ein allerdings kostenpflichtiges Softwareupdate veröffentlicht werden. Bis dahin sind betroffene Nutzer aufgerufen, die Lücke händisch zu schließen: der Bundestrojaner 4 Mac fordert im Anwendungsfall den User auf, regelmäßig selbst Screenshots mithilfe der Tastenkombination “cmd shift 3” anzufertigen und an eine individuell eingerichtete Mailadresse zu verschicken.

Enttäuschung herrschte dagegen beim Verband der Linuxnutzer: “Einmal mehr versagt die IT-Strategie des Bundes und die Lobbyisten der proprietären Betriebssysteme haben sich zum Schaden aller Bürger durchgesetzt. Open Source-Software wird völlig ignoriert.” Experten gehen davon aus, dass wegen der umfangreichen, bereits verfügbaren freien Malware ein Open-Source-Bundestrojaner sehr preisgünstig realisiert und vermutlich sogar crowdgesourced werden könne. “Es ist keine Frage der Kosten, sondern des Willens”, so der Linuxverband.

Mit dieser Problematik konfrontiert, gab sich der Bundestrojanerbeauftragte wortkarg, versprach aber, zumindest im mobilen Bereich deutlich nachzubessern. Schon 2012 solle eine mobile Version des Bundestrojaners veröffentlicht werden, die dann plattformübergreifend sowohl auf iPhones und iPads wie auch auf allen Android-Devices funktionieren solle. Entsprechende Funktionalitäten habe die NSA ausdrücklich zugesichert. Auf eine Version für das Nokia-Betriebssystem verzichte man allerdings, weil man alle zwölf Nutzer auch so im Auge behalten könne.

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Siegfried Kauder und der Große Bär

Ja, hier!
Ich!
Ich verdiene einen Teil meines Geldes, weil das Urheberrecht existiert, vor allem mit meinen Büchern, die in einem klassischen Verlag erscheinen, nämlich Rowohlt.

Ich mag die Substanz des Urheberrechts, ich bin der Überzeugung, dass bestimmte Formen des geistigen Eigentums für eine Gesellschaft sehr wichtig sind, weil dadurch das Nachdenken und Kreieren belohnt wird. Meine Idealvorstellung von Gesellschaft ist eine, in der viele, auch unterschiedliche Menschen hauptberuflich nachdenken und kreieren können. Und das Urheberrecht trägt dazu bei.

Allerdings ist das Urheberrecht vor drei Wochen 46 Jahre alt geworden, und damit, wie soll ich es sagen, nicht unbedingt ein Digital Native. Da helfen auch die Bypass-Operationen der vergangen Jahre, getarnt mit dem Wort “Körbe”, nicht wirklich weiter. Denn das Netz und auch der gesellschaftliche Wandel bedingen ohne jeden Zweifel ein neues, der digitalen Welt angemessenes und würdiges Urheberrecht. Wie das genau aussieht, kann ich nicht sagen, ich glaube, niemand könnte das derzeit, ich wäre aber gern bereit, daran in einem mir möglichen Rahmen mitzuarbeiten.

Denn ein digitales Fundament zu legen für das wichtigste Gesetz der zukünftigen Kulturlandschaft, das wird viel Arbeit sein. Der Interessenausgleich zwischen den unterschiedlichen Gruppen wird für sich genommen schon schwierig. Und ich möchte bei aller Liebe nicht, dass Menschenrechte, auch digitale, weniger Wert sind als das Urheberrecht und seine Durchsetzung. Völlig unabhängig davon, dass ich davon rein finanziell unter Umständen vielleicht eventuell nach Darstellung von Lobbygruppen vielleicht profitieren würde (was ich nicht glaube, übrigens).

Wegen der Komplexität und der überaus hohen Relevanz verlange ich als Autor und Bürger zuallererst, dass sich Profis mit der Entwicklung des neuen Urheberrechts beschäftigen. Leute, die wissen, was sie tun, eben Leute, die darüber hauptberuflich nachdenken.

Jetzt kommt Siegfried Kauder ins Spiel – oder eben gerade nicht. Kauder hat sich vor einiger Zeit auf peinliche Weise angebiedert bei einem Lobbyverband, der glaubt, er würde die Idee des Urheberrechts verteidigen, aber tatsächlich versucht, das 20. Jahrhundert möglichst lange aufrecht zu erhalten.

Und nun wird schlagartig klar: Siegfried Kauder ist der falschestmögliche Mensch, um an einem neuen Urheberrechtsgesetz für das Internet zu arbeiten. Nicht nur, dass es ihn selbst nicht kümmert, was die Bildrechte auf seiner eigenen Homepage angeht. Dazu noch gibt er eine Erklärung ab, die zeigt, dass er nicht einmal den Begriff “Urheberrecht” richtig verwenden kann. Dabei ist die Beherrschung der Sprache seit über 2000 Jahren das Fundament von Gesetzestexten und Rechtsprechung, die ja genau deshalb auch so heißen. Als zusätzliches Sahnekrönchen hat Kauder mehrfach gezeigt, dass er vom Internet keinerlei tiefere Kenntnis besitzt, aber sich pressewirksame Meinungen anzueignen versteht.

Ich bin sauer, ich bin sehr, sehr sauer. Es gibt Kräfte, die das Urheberrecht abschaffen oder in die Unwirksamkeit treiben wollen. Dieses Vorhaben ist politisch auch ihr gutes Recht, die Begründungen dafür sind nicht mehr so hanebüchen wie vor ein paar Jahren, sondern kommen zunehmend intelligent und durchdacht daher. Wie beschrieben, halte ich diese Überzeugung für unrichtig, selbst wenn ich sie ernst nehme. Aber politisch für ein neues, ausgewogenes, durchdachtes Urheberrecht zu kämpfen, das erfordert doch Integrität, Sachkenntnis, Auseinandersetzung. Es erfordert – und da bin ich total altmodisch, ihr Flitzpiepen – es erfordert verdammte Vernunft. Vernunft wie in “die Realität nicht leugnen”. Vernunft wie in “die eigenen Worte ernst nehmen”, wer sollte sie denn sonst ernst nehmen können. Vernunft wie – Überraschung! – in “nachdenken”.

Siegfried Kauder hat sich mit seinen Aktionen und vor allem dem aktuellen Urheberrechtsdebakel samt realitätsferner Begründung zur Witzfigur gemacht. Er hat damit denjenigen, die ein neues, gutes Urheberrecht wollen, das in der digitalen Welt wirklich funktionieren kann, einen Bärendienst erwiesen, dessen dazugehöriger Bär ungefähr dem Umfang des Sternbilds Großer Bär entspricht.

Ich fasse zusammen: Jemand, der weder das Internet versteht noch den Begriff “Urheberrecht” richtig zu verwenden in der Lage ist, der auf der eigenen Webseite keine Hemmungen hat, das Urheberrecht mit Füssen zu treten und anschließend kein echtes Unrechtsbewusstsein an den Tag legt, sondern in einer nordkoreanisch anmutenden, beinahe guttenbergischen Realitätsverdrehung versucht, sein eigenes Fehlverhalten als Beweis seiner abstrusen Vorstellungen von Urheberrecht und Internet umzudeuten – 

so jemand wie Siegfried Kauder also ist nicht nur Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestags, sondern versucht auch, das Urheberrecht, von dem ich lebe, in die digitale Zukunft zu führen. Haltet die Druckerpressen an, streicht im Duden die Wendung “den Bock zum Gärtner machen”, schreibt fürderhin “den Kauder Gesetze machen lassen”.

Für mich führt an einem Rücktritt vom Vorsitz des Rechtssausschusses des Bundestags nach eingestandenem mehrfachem Bruch geltender Urheberrechtsgesetze kein Weg vorbei.

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Addendum zu “Der neue Terrorismus kommt aus dem Netz”

Am Ende oder viel mehr am Anfang ist es die Frage, ob man das Internet als Werkzeug betrachtet oder als Sphäre. Sieht man das Netz als Werkzeug, dann liegt die Brotmesser-Metapher nahe: mit einem Brotmesser lässt sich jemand umbringen, aber das sagt nichts über Brotmesser aus, jede Diskussion über Konsequenzen für Brotmesser-Hersteller würde als lächerlich empfunden werden.

Natürlich bin ich Anhänger des Modells der Sphäre. Im Netz passiert Gesellschaft. Und zwar auf andere Art als in der Kohlenstoffwelt, auch wenn die beiden Sphären zusammenwachsen. Das heisst auch, dass man die meisten, wenn nicht alle gesellschaftlichen Prozesse im Netz neu untersuchen muss. Manche werden gleich sein, viele ähnlich, die meisten aber anders als in der Restwelt. In meiner Kolumne auf Spiegel Online habe ich die Frage untersucht, ob Terrorismus im Netz entstehen kann. Streng genommen müsste man fragen, ob Terrorismus auch im Netz entstehen kann, aber dass es Terror vor dem Internet gab und also auch ohne entstehen kann – naja nun, muss man darüber auch nur einen Satz verlieren?

Wenn man das Internet als Sphäre betrachtet, in der Gesellschaft stattfindet, wird dort früher oder später auch Terrorismus stattfinden, der im Netz geboren ist. Es lässt sich streiten, ab wann eine Tat “im Netz geboren” ist. Für mich reicht als Definition aus, dass eine Radikalisierung weitgehend im Netz entstanden ist und nicht im Live-Austausch in Terrorzellen. Etwa zwei Drittel des Dokuments von Breivik habe ich durchgearbeitet, wer es liest, muss sich schon anstrengen, um darin etwas anderes zu sehen als ein Text-Mash-Up, ein Dokument der Filter-Bubble-Radikalisierung. Natürlich kann man sich über die Analogie zu “Open Source” streiten, aber ich glaube, dass es nicht darauf ankommt. Und dass es alle Mechanismen auch schon vorher gab – geschenkt, das wichtige Wörtchen heisst auch. Es ist auch im Netz möglich – und hebt so die Diskussion auf eine andere Ebene. Brotmesser-Ideologen sagen: egal, es ist doch nur ein Instrument. Und erinnern damit fatal an die unwürdige Diskussion um Feuerwaffen in den USA, Stichwort: “Guns don’t kill people, people kill people” – was ich lediglich für technisch korrekt, aber für gesellschaftlich völlig falsch halte.

Heute früh habe ich einen kurzen, krassen Artikel gelesen: ein Hacker mit Diabetes hat es angeblich geschafft, eine implantierte Insulin-Pumpe so zu hacken, dass er tödliche Dosen Insulin per Fernsteuerung aus einer halben Meile Entfernung auslösen könnte. Eines der völlig neuen Probleme der verschmelzenden Welten. Und im Zweifel eine Art von digitalem DriveBy-Shooting, ein in der Digitalen Sphäre geborener Terror.

Was mich auf die – zugegeben in meiner Kolumne nicht ausreichend deutlich betonte – Quintessenz bringt:

Die Argumentation für ein freies und offenes Internet muss selbst dann greifen, wenn Terror im Netz geboren wird. Unabhängig davon, ob man Breivik als “im Netz geboren” betrachtet oder nicht (für beides gibt es Argumente, meine Sicht habe ich aufgeschrieben).

Irgendwann werden terroristische Akte geschehen, die unleugbar netzbasiert sind. Und dann? Weiter so tun, als wäre das Netz niemals an irgendwas schuld? Weiter die Brotmesser-Metapher benutzen? Das wird schon deshalb schiefgehen, weil wir in einer Demokratie leben und also die Meinung der Mehrheit eine ganze Menge zählt.

Für mich ist die Offenheit und Freiheit des Netzes nicht verhandelbar, weil es sich lediglich um einen Aspekt der Freiheit und Offenheit der Gesellschaft handelt. Auch dahinter steht das Sphärenmodell. Aber daraus folgt zwingend: wir – damit meine ich diejenigen, die für das Internet in dieser Form argumentieren und kämpfen – dürfen uns niemals auf das dünne Argumentations-Eis begeben, das Netz für ausschliesslich positiv wirkend zu halten. Es muss Gegenmittel gegen Kriminalität und Terror im Netz geben, aber sie dürfen eben die freie und offene Gesellschaft im Digitalen nicht beschädigen.

Wer leugnet, dass im Netz Terror entstehen könnte (unabhängig von der diesbezüglichen Einschätzung zu Breivik übrigens), wird ein sehr großes Problem haben, wenn einer der vielen grauenvollen Kommentatoren der vielen rechtsradikalen Blogs in Deutschland durchdreht und wahrmacht, was er jeden Tag in die Kommentarspalten hineinschreibt. Ich fürchte mich vor diesem Tag, nicht nur wegen der Tat, sondern weil damit die schlechte Vorratsdatenspeicherung, die schlimme Rundumüberwachung im Netz, die katastrophalen Netzsperren und so weiter fast gewonnen haben werden. Es ist im friedlichen Deutschland zum Glück bisher kaum vorstellbar, was für eine gesellschaftliche Wucht ein tatsächlicher Anschlag entfalten kann. Ein solcher Sturm fegt alles hinweg, da kann man petitionieren, bis die Server glühen – zwei Tage nach einem Attentat in Deutschland sind die schärfstmöglichen Gesetze so gut wie beschlossen. Von allen Parteien übrigens. Deshalb müssen sich die Verfechter des freien und offenen Netzes wappnen und ihre Argumentation nicht auf Brotmessern aufbauen.

Auch deshalb, weil derzeit nicht Vernunft und Diskussionsbereitschaft herrscht auf der politischen Gegenseite von BKA bis CDU, sondern Kontrollwahn. Wahn deshalb, weil man kontrollieren möchte, was realistisch nicht zu kontrollieren ist und deshalb alle anderen Mittel – die rechtsstaatlich okay sein könnten – völlig aus den Augen verliert. Aber auf genau die Mittel kommt es an, denn keine Mittel sind keine Alternative. Und spätestens mit der Diskussion um die Netzneutralität wird wirklich jeder einsehen, dass an manchen Stellen eben doch der Staat eingreifen muss. Nämlich, um gesetzlich ein freies und offenes Netz zu garantieren.

Vor uns steht eine Mammutaufgabe, zugespitzt lautet sie: wir müssen Leute wie Hans-Peter Uhl (zum Glück nicht den grauenvollen Uhl selbst) davon überzeugen, das Internet, die digitale Seite der freien und offenen Gesellschaft, zu schützen. Ja, verdammt schwierig, ich weiss. Aber in meinen Augen gibt es dazu keine Alternative in einer Demokratie. Erst recht nicht in einer, in der Nerds und Internetversteher alles andere als an der Macht sind. Sondern allenfalls eine laute, aber sich selbst in ihrer Wirkung überschätzende Lobbygruppe. Das schlechteste Mittel für einen solchen Überzeugungsfeldzug lautet, die Realität zu leugnen und davon auszugehen, dass niemals irgendetwas Böses aus dem Netz kommen kann.

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Wohnen in Berlin

Die guten Wohnungen werden in Berlin offenbar P2P vergeben, in den üblichen Börsen stehen jedenfalls eher Angebote aus der Rubrik Entertainment. Deshalb schreibe ich hier versuchsweise eine Anzeige für eine Mietwohnung ins Internet. Die Wohnung muss nur drei Vorbedingungen erfüllen:

• Berlin, bevorzugt in den Bezirken Prenzlauer Berg oder Mitte
• 5 oder mehr Zimmer (beide Bewohner brauchen ein Home Office)
• Balkon oder Terrasse

Es geht mir um private Hinweise – alle Plattformen mit “immo” im Namen durchforste ich natürlich im Minutentakt selbst. Über eine Mail an mail{ät}saschalobo.com würde ich mich freuen*, Kommentare sind aber aus. Dankeschön.

*Natürlich bin ich gern bereit, an Privatleute eine Monatsmiete Vermittlungsbelohnung zu bezahlen, wenn ein Mietvertrag ohne weiteren Makler dazwischen zustande kommt.

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Quoten sind immer die Quoten der anderen – eine Frauenquote für die Blogroll

Heute ist Weltfrauentag, und ich bin als Freund der Kommunikation nicht nur symbolfixiert, sondern empfinde mich auch als feministisch orientiert. Jawohl. Gockelfrisur, Halbargentinier, Feminist, für mich völlig selbstverständlich und logisch. Ehrlich gesagt verstehe ich kaum, wie man gleichzeitig das Grundgesetz für das Maß aller rechtsstaatlichen und gesellschaftlichen Dinge halten kann und nicht wenigstens ansatzweise feministisch orientiert sein kann. Natürlich auch als Mann, gerade als Mann. Antirassismus ist ja auch nichts, was nur Farbige Schwarze angeht. An dieser Stelle vielleicht nochmal die Definition des Feminismus: es handelt sich um den Glauben an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter (Encyclopedia Britannica via Mädchenmannschaft).

Bezeichnenderweise kommen die heftigsten antifeministischen Argumente in meinem weiteren Umfeld von Männern, die mit Frauen wenig bis nichts am Hut und anderen Körperteilen haben, sogar Extremfälle misogyner Jungfräulichkeit sind vorhanden. Das ist natürlich nur eine anekdotische Beobachtung, die wenig beweist. Aber dafür interessant ist. Sex scheint mir bei antifeministischer Verwirrung ein hochwirksames Mittel gegen Frauenfeindlichkeit, vielleicht finden sich ja hier wie dort Freiwillige für Feldstudien, “Fuck for Feminism” oder so.

Dass unter der Flagge des Feminismus auch viel Quatsch passiert ist, ist vollkommen klar, die meisten -ismen hatten und haben problematische Fans, die die Sache veralbern bis pervertieren. Dass ich mit den durchaus vorhandenen antimännlichen Tendenzen wenig anfangen kann, sollte auch nachvollziehbar sein – aber das ändert nichts an der Substanz des gesellschaftlichen Ziels der Gleichheit. Und Gleichheit heisst nicht Gleichbehandlung, um nach langem Rechtfertigungsgelaber endlich zum Thema der Überschrift zu kommen. Deshalb halte ich auch etwa eine Frauenquote für gut und richtig (in den meisten Fällen), nicht, weil sie kurzfristig immer zu tolleren Ergebnissen führt, sondern weil sie gesellschaftlich notwendig ist. Und damit mittel- und langfristig zu einer für alle tolleren Gesellschaft führt. Mit der Frauenquote ist es meiner Meinung nach ein bisschen wie mit der Demokratie, um ein bekanntes Zitat von Churchill abgewandelt zu paraphrasieren: Die Frauenquote mag eine schlechte Methode der Gleichberechtigung sein, aber die beste, die wir haben.

Nur sind die Quoten immer die Quoten der anderen, oft wohlfeile Handlungsaufforderungen, ohne dass man selbst dahinterstünde. Deshalb habe ich beschlossen, eine Frauenquote für meine Blogroll einzuführen, und zwar eine 50%-Quote. Im Moment stehen dort 54 verlinkte Blogs, davon sind beschämende 15 (also 27,7%) weiblich dominierte Blogs. Daraus folgt, dass ich weitere 24 Blogs von Frauen zur Blogroll hinzufügen werde, um mit 39 zu 39 Blogs einen Gleichstand zu erreichen. An dieser Stelle kommt Ihr ins Spiel, die Leserinnen und Leser dieses Blogs. Ich bitte recht herzlich um Vorschläge für die Ergänzung meiner Blogroll, wenn möglich auch mit kurzer Erklärung. Der famose Nebeneffekt ist vielleicht, dass auch Dritte neue, gute, interessante Blogs von Frauen entdecken. Angesichts der ebenfalls beschämenden grob überschlagen 5% Blogs von Frauen in den Top 100 der Deutschen Blogcharts kann das definitiv nicht schaden – genausowenig, wie das flächendeckende Aufgreifen der Frauenquote für die Blogroll.

Update
Vielen Dank für die vielen Anregungen, nach und nach werde ich in den nächsten Tagen meine Blogroll entsprechend auffüllen und zur re:publica aller Voraussicht nach nochmal etwas dazu schreiben.

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Das Facebook-Novum

tl;dr: Die Facebook-Page “Wir wollen Guttenberg zurück” hat nach meiner Einschätzung weitgehend echte Fans.

Der “Call for Crowd Action” vom vergangenen Freitag hat ein für mich erstaunliches Echo gefunden: neben über 900 Kommentaren kamen vor allem fast 100 Mails mit allen möglichen Hinweisen, von quasiprofessionellen Datenauswertungen bis zu Mutmaßungen. Mehrere Scripte sind geschrieben worden, die die Steigerung der Zahl der Fans der Guttenberg-Page auslesen, ein paar Datensätze sind lange vor meinem Aufruf angefertigt worden, insgesamt gibt es sehr, sehr umfangreiches Datenmaterial. Vielen und sehr herzlichen Dank dafür an alle, die sich beteiligt haben.

Zunächst zu den im Ausgangsartikel beschriebenen Methoden – die Sammlung von Screenshots ist durch die Scripte hinfällig geworden, die schon früh eingesetzt worden sind und die Beschreibung von aussagekräftigen Wachstums-Graphen erlauben. Die zweite Methode ging wie von mir beschrieben von einigen Ausgangsvoraussetzungen aus, um überhaupt aussagekräftig sein zu können. Tatsächlich ist, wenn man die geposteten Zahlen betrachtet, die aufgrund ihrer Größe eine ausreichende Aussagekraft haben könnten, der Anteil der Guttenberg-Fans bei vielen kleiner als erwartet – teilweise auffällig kleiner. Eine mögliche Erklärung dafür ist noch wesentlich interessanter als irgendein Tool, mit dem man Fakeprofile steuern kann: Vielleicht hat Guttenberg Leute zu Facebook gezogen, die vorher nicht da waren – und zwar eine ganze Menge. Die Zahlen von Socialbakers, einem Statistikdienst vor allem für Facebook, sind im Detail nicht übermäßig präzise, lassen in der 3-Monatsauswertung durchaus den Schluß zu, dass sich im letzten Drittel des Februar deutlich mehr Leute bei Facebook angemeldet haben als in vergleichbaren Zeiträumen.

Aber die vielen verschiedenen Beiträge, die durch die Crowd geleistet worden sind, haben dem Aufruf doch einen Sinn gegeben. Einige ausgewählte finden sich im Folgenden als Teil der Auswertung, viele andere bleiben unerwähnt – aber alle haben zumindest beigetragen, dass ich für mich zu einer recht eindeutigen Einschätzung gelangt bin: Ich glaube, dass die überwiegende Anzahl der Fans der Seite echt sind. Beweise habe ich nicht, und selbstredend ist es möglich, dass ich mich täusche. Aber es gibt starke – für mich ausreichend starke – Indizien, die auf die weitgehende Echtheit hindeuten:

1. Indiz
Das wichtigste Argument ist die für Facebook offenbar absolut übliche Wachstumskurve. Die Twitternutzer @scytale und @marekventur haben die Daten mit denen der Page der Sendung “Germany’s Next Top Model” verglichen – und auch mit den Wachstumsdaten der Page gegen Guttenberg. Hier ist das recht eindeutige Ergebnis:


2. Indiz
Facebook hat auf meine Anfrage hin nochmal in den Daten gewühlt und festgestellt:

“[…], es können da und dort Fakes dabei sein – aber nicht en masse”.

Hierzu muss man sagen, dass natürlich immer wieder Unzulänglichkeiten von Facebook bekannt werden, auch technischer Natur. Zum Beispiel habe ich häufiger einen Hinweis auf aktuelle spam- oder wurmartige Aktivitäten zugesendet bekommen, die in diesem Artikel beschrieben werden: “Wie man sich auf Facebook Likes erschleicht”. Theoretisch käme dieses Prinzip technisch auch bei der Guttenberg-Page in Frage. Aber – in dieser Größenordnung hätte das nicht unbemerkt bleiben können. Ebenso wenig, wie man aus Versehen zwei Drittel einer Doktorarbeit kopieren kann ohne es zu merken, können mehrere hunderttausend Facebook-Nutzer Fans werden, ohne es zu merken. Trotz solcher und anderer Unzulänglichkeiten von Facebook muss man zugestehen, dass dort in den allermeisten Fällen schnell und technisch präzise auf Fakes reagiert worden ist. Die Erstellung von gefälschten Profilen ist zwar möglich, aber alles andere als trivial. Noch schwieriger dürfte es sein, sechsstellige Anzahlen von Profilen so zu fälschen, dass auch die Techniker von Facebook – die jeden Tag mit Fakes zu tun haben – mit den Möglichkeiten der Administratoren das nach mehrfacher Prüfung nicht erkennen.

3. Indiz
Der Journalist Marcus Schwarze von der Rheinzeitung hat vom Ersteller der Seite einen Admin-Zugang bekommen, der einen Blick in die internen Facebook-Statistiken erlaubt. Er hat dort Zahlen und Detailstatistiken gefunden, die – sowohl was die Interaktionen angeht wie auch vom Traffic her – den Schluss zulassen, dass der Großteil der Page-Besucher echt sind.

Natürlich bleiben Ungereimtheiten. Natürlich gibt es einzelne Accounts, die ganz eindeutig Fakes sind. Natürlich kann es sein, dass Betrüger aus welchen Gründen auch immer auf den Zug aufgesprungen sind, etwa, um mit repititiven Massenpostings Traffic für zweifelhafte Seiten zu generieren. Die Kommentare auf der Wall der Page lockten ja durchaus mit der Anmutung, dass der Großteil der Leute dort, sagen wir: eher anfällig für plumpe Klickfallen schienen. Und natürlich ist noch nicht gesagt, ob nicht etwa die ersten zehntausend Page-Fans gefaket waren, um einen Anschub zu geben. Aber würde es wirklich eine Rolle spielen, wenn zum Beispiel 100.000 der fast 600.000 Fans Fakes wären?

Das wichtigste und 4. Indiz für die Echtheit der Page-Fans aber ist die Entwicklung der digitalen Gesellschaft in Deutschland selbst. Etwa 20% der Bevölkerung oder 17 Millionen Deutsche sind auf Facebook. Es liegt nahe, dass es sich inzwischen um einen einigermaßen ausgewogenen Querschnitt durch die Bevölkerung handelt, natürlich mit der Tendenz, jünger, progressiver, gesellschaftlich aufgeschlossener zu sein. Aber eben nur mit der Tendenz. Es ist unbestritten, dass Guttenberg ein mediales Massenphänomen war. Jemand, der Leute ansprach, von denen man sich irgendwie schon dachte, dass sie exakt so seien, wie sie sich später auf der Fan-Page dann auch präsentiert haben. Ohne Häme und intelligent analysiert hat das der Twitternutzer @haekelschwein in einem Kommentar auf dem Blog netzpolitik.org. Der ehemalige Verteidigungsminister hat eher nach dem Prinzip Justin Bieber funktioniert als nach politischen Maßstäben, dementsprechend sind zu seiner Beschreibung auch eher Popstar-Mechaniken geeignet. Guttenberg wurde von seinen Fans – die oft keine einzige konkrete Tat ihres Idols benennen konnten – in erster Linie ästhetisch und emotional beurteilt und nicht politisch. Von ihm bleibt mehr Haargel als politische Substanz. Niemand aber hätte Verdacht geschöpft, wenn ein Popstar wie zum Beispiel Dieter Bohlen in wenigen Tagen eine halbe Million Fans versammelt hätte, jeder hätte gedacht – ja nun, so sind die Menschen, in ihrer irrationalen Begeisterung fühlen und handeln sie oft unerklärlich.

Und darin liegt der Schlüssel zu der Merkwürdigkeit: als aufgeklärter Netzteilnehmer konnte und wollte man sich bisher einfach nicht vorstellen, dass eine halbe Million Menschen unter den gegebenen Betrugs-Umständen ernsthaft für die weitere politische Betätigung Guttenbergs ist – und gleichzeitig im Netz unterwegs ist, das doch irgendwie eher progressiv und liberal war. Bisher. Wenn ich ähnlich starke Indizien für das Fake-Szenario gefunden hätte, hätte ich vermutlich nicht gezögert, laut “Betrug!” zu rufen. Aber manchmal passen einem Erkenntnisse so gar nicht in den Kram und sind doch richtig.

Der digitale Marsch der halben Million nach Guttenberg zeigt vor allem eines: jahrelang hat man sich gefragt, wann abgesehen von Mails und Online-Banking das Volk endlich wirklich im Internet ankommt. Und jetzt ist es da.

Nachtrag
Die äußerst geringe Zahl von Demonstrationsteilnehmern erklärt sich meiner Meinung nach daraus, dass es kein niedrigschwelligeres “politisches Engagement” gibt als ein Klick auf Facebook. Dementsprechend ist es kaum möglich, allein daraus irgendetwas über eine mühevolle Demonstrationsteilnahme abzuleiten, in die eine wie in die andere Richtung.

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Call for Crowd Action: Betrügt die Guttenberg-Seite auf Facebook mit den Fan-Zahlen?

Schummelt irgendjemand (muss ja nicht der Seiten-Admin sein) mit der Facebook-Page “Wir wollen Guttenberg zurück”? Lasst uns versuchen, es gemeinsam herauszufinden – wie, das steht in diesem Artikel.

Nachtrag, Freitag, 20:15 – ich habe ein Google Doc publiziert namens “Facebook Fake Finding Force”, kurz: #4F, in dem die bisherigen Erkenntnisse gesammelt werden, die in den Kommentaren und auch per Mail an mich eingetroffen sind. Kurzlink ist http://1.ly/FakeFindingForce

Es begann einigermaßen plausibel: zu Guttenberg füllt die Hallen und die Seiten des Boulevard – warum sollte er nicht auch die Facebook-Massen begeistern können? Zumal Facebook in Deutschland wächst wie verrückt, inzwischen gibt es mehr als 16 Millionen aktive Mitglieder. Bis etwa 200.000 Fans der Gruppe “Wir wollen Guttenberg zurück” war meine Einschätzung: überraschend, aber nicht unmöglich, eher sogar wahrscheinlich.

Ab 300.000 Fans begannen meine Zweifel, vor allem geschürt durch die Häufung der Profile der Page-Mitglieder wie dieses: Anna-Lena Breitenberger* hat keine Interessen außer Guttenberg (auf verschiedenen Pages) – und offenbar auch keine anderen Friends, keine Bio, kein nichts. Hätte ich es noch für realistisch gehalten, dass jemand von Freunden animiert sich extra auf Facebook anmeldet, um Guttenberg zu unterstützen, so ist es doch unwahrscheinlich, dass diese Person nicht einmal diejenigen als Freunde hinzufügt, die sie darauf aufmerksam gemacht haben. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Auch den Facebook-Fake mithilfe der Crowd aufdecken
Bei 500.000 Fans und nach Entdeckung dieses Artikels, der die Merkwürdigkeit der sehr konstanten Steigerung der Fan-Zahlen beschreibt, habe ich beschlossen, irgendwie zu überprüfen, ob sich konkretere Anzeichen für falsche Fans finden lassen. Und zwar mithilfe der Crowd, der Vielen im Netz, die auch schon zu zu Guttenbergs Fall beigetragen haben – und mit zwei Methoden, um Anhaltspunkte zu finden.

1. Methode
Die erste Methode ist sehr einfach: ich bitte darum, die Zahl der Fans der Gruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt zu posten, wenn irgend möglich, als Screenshot, um nachvollziehbar zu bleiben. Ich habe zum Beispiel einen Screenshot vom 1. März, 22.08 Uhr, wo die Page 229.069 Fans hat. Wenn genügend von diesen Daten zusammenkommen, kann man eine Kurve berechnen, deren Regelmäßigkeit Aufschluss gibt über eine eventuelle maschinelle Unterstützung der Page. Insbesondere Daten/Screenshots tief aus der Nacht wären hier interessant. Ich bitte um heftiges Posten in den Kommentaren.

2. Methode
Die zweite Methode ist nicht ganz simpel, sie ist eine arithmetische Annäherung an die Wahrscheinlichkeit, mit der bei der Guttenberg-Page die Zahl der MItglieder künstlich hochgetrieben wird. Sie beruht darauf, dass jedes Facebookmitglied sehen kann, wieviele seiner Freunde eine Page mögen, bzw. Mitglied sind – unabhängig davon, ob man sie selbst mag oder nicht. Zum Zeitpunkt dieses Screenshots (11.05 Uhr, heute am Freitag) hat die Page 545.982 Fans. Mein Profil hat 4.917 Friends, davon mögen 145 die Guttenberg-Page.

Daraus ergibt sich, dass 0,02655% der Guttenberg-Fans auch meine Friends sind. Das allein ist ersteinmal unverdächtig, obwohl nach kurzer Durchsicht und Rückfrage geschätzt ein Drittel der Fans unter meinen Friends offensichtlich ironisches Interesse an der Gruppe haben – aber das ist in Kauf zu nehmen, Mitglied ist Mitglied. Schaue ich mir jedoch die Page von Angela Merkel an, dann hat sie 74.353 Fans, davon sind 147 meine Friends, das ergibt 0,1977% Merkelüberschneidungen. Seltsam – ein siebeneinhalbtel der Mitglieder, aber fast die gleiche Anzahl von Überschneidungen? Schaue ich auf die Page der BILD-Zeitung, dann hat diese zum Zeitpunkt des Screenshots (heute, 11.05 Uhr) 111.398 Fans – und davon sind 214 meine Friends. Das gibt interessanterweise einen Überschneidungswert, der dem von Angela Merkel sehr ähnlich ist, nämlich 0,1921%. Die Page von Karl-Theodor zu Guttenberg selbst eignet sich natürlich auch für die Überprüfung: 219 der insgesamt 197.414 Fans finden sich unter meinen Friends. Es ergibt sich ein Überschneidungswert von 0,1109% – etwas weniger als für BILD und Merkel, aber immer noch mehr als viermal so hoch wie bei der “Guttenberg zurück”-Page – allesamt also signifikante Abweichungen.

Natürlich kann ich mit meiner recht offen vorgetragenen politischen Einstellung nicht davon ausgehen, dass meine Friends auf Facebook auch das Epizentrum der konservativen Bewegung sind. Aber eine gewisse Konsistenz innerhalb verschiedener irgendwie konservativer Bewegungen müsste ansatzweise gegeben sein. Trotzdem sagen diese Zahlen noch verhältnismäßig wenig aus, denn die große Aufmerksamkeit der Page auch im Fernsehen, die häufige mediale Erwähnung und Verlinkung und die erwiesene Hysterie der Guttenberg-Fans bieten durchaus die Möglichkeit, dass das Phänomen echt ist.

Und an dieser Stelle kommt wiederum die Crowd ins Spiel. Je mehr Leute posten, wieviele Freunde sie haben und wie hoch die Überschneidungen mit den obenstehenden vier Pages sind, desto weniger fällt der Bias durch die einzelne Person ins Gewicht, zum Beispiel die politische Ausrichtung. Zu bedenken ist aber trotzdem noch: vor allem die zweite Methode geht von einer ganzen Menge Vorannahmen aus und hat damit definitiv ihre Schwachstellen.

Ihr alle könnt aber mithelfen, herauszufinden, wie hoch etwa die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Guttenberg-Page mit gefakten Unterstützer-Profilen arbeitet. Wenn genügend Leute zusammenkommen, lässt sich noch genauer ausrechnen, wie hoch die Abweichung ist, und infolge dessen auch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um gefakte Fans handelt. Beweisen wird man so nichts können, aber Anhaltspunkte wären es schon. Und das sind wir ja aus den Guttenberg-Angelegenheiten gewohnt.

Ich bitte also darum, neben den Screenshots der Fan-Zahlen (s.o.) in die Kommentare hineinzuposten:
• Die Zahl der eigenen Freunde
• Die Zahl der Überschneidungen mit der “Guttenberg-zurück”-Page
• Die Zahl der Überschneidungen mit der Merkel-Page
• Die Zahl der Überschneidungen mit der BILD-Page (falls nicht offensiv aussortiert…)
• Die Zahl der Überschneidungen mit der offiziellen Guttenberg-Page
sowie einen Link zum eigenen Profil der Nachvollziehbarkeit halber.

Bei mir würde das so aussehen:
4.917 – 145 – 147 – 214 – 219

Am Montag oder Dienstag würde ich dann die Daten auswerten, wenn genügend vorhanden sind und auch nochmal Experten wie Philipp und Jens von Facebook-Marketing vorlegen; eine Anfrage an Facebook selbst läuft ebenfalls schon. Danke im voraus für Eure Beteiligung und Weiterverbreitung.

* Update (Freitag, 16:36)
Unterdessen bestätigt mir Facebook, dass das oben verlinkte Profil von Anna-Lena Breitenberger “absolut echt” sei. Sorry, Anna-Lena.

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Vortrag zur Re:publica

Zur Bloggerkonferenz re:publica XI (13. bis zum 15. April) habe ich eine schöne, jährliche Tradition (seit 2010) entwickelt: die Einreichung eines Vortragsthemas, über das die Leser dieses Blogs abstimmen dürfen. Beim letzten Mal entschieden sich die Umfragenteilnehmer für “How to survive a shitstorm”. Das fast einstündige Youtube-Video wurde inzwischen über 19.000 Mal angesehen, vermutlich weil das Publikum vorher votet, was es nachher auch sehen möchte.

Dieses Jahr möchte ich weitergehen und nicht nur das Thema des Vortrags, sondern auch den Vortragsstil zur Abstimmung bringen. Zwischen polemischer Publikumsbeschimpfung und seriöser Analyse mit beinahe wissenschaftlichem Hintergrund ist eine Menge denkbar und weiter unten deshalb auch auswählbar. Das Ergebnis soll in wenigen Tagen am 31. Januar um 13 Uhr feststehen, denn die Einreichungsfrist für Vortragsvorschläge zur re:publica endet Ende Januar.

Vortragsthema

Trollforschung – jüngste Erkenntnisse
Im Dezember 2009 habe ich erstmals Erkenntnisse über die Trolllandschaft aufgeschrieben, die ich teilweise in “How to survive a shitstorm” habe einfliessen lassen. Die Trollforschung selbst ist ein noch junges Feld, das in diesem Vortrag vertieft werden soll. Insbesondere Anti-Troll-Strategien anhand von konkreten Beispielen werden benannt und vorgeführt. Darüberhinaus soll auch in die Kunst des Trollens selbst eingeführt werden und die durchaus vorhandenen postiven Funktionen des Trolltums herausgestellt werden. Mit interaktiver, kollektiver Livetroll-Übung!

Das deutschsprachige Internet – eine Bestandsaufnahme
Das deutschprachige Internet, seine Akteure und Aktionen, seine Modi und Mechanismen, seine Riten und Rätsel, seine Plattformen und Prozesse sind der Inhalt dieses Vortrags, und zwar im vollen Bewusstsein der Unmöglichkeit der Vollständigkeit dieses Unterfangens. Dabei sollen die länderspezifischen Eigenarten auf eine Weise herausgestellt werden, die die Abstraktion des für normal Gehalteten ermöglicht. Insbesondere soll hier auf die prototypischen Elemente des deutschsprachigen Internet eingegangen werden, inklusive völlig ungerechter, aber zutreffender Typisierungen und Vorurteilsvertiefungen.

Die Welt 2026
In fünfzehn Jahren sieht die Welt zweifellos anders aus, aber wie? Atombetriebene MacBooks? Digitale Demokratur? Alles augmented? Das Internet eine Facebook-App? Oder der Börsengang des Internet? Apple führt die Todesstrafe ein? In diesem Vortrag soll über diese zugegeben plumpen Fragen hinaus in Szenarien erforscht werden, wie die Digitale Welt sich entwickeln könnte und in ihrem Fahrwasser die Kohlenstoffwelt. Zusätzlich zu den Szenarien werden drei bis fünf Geschäftsmodelle der Zukunft vorgestellt (mit 97% Erfolgsgarantie ab 2026).

Seid Ihr eigentlich bescheuert?
Vorwürfe satt.

Vortragsstil

Sachlich & unterhaltsam
Sauber faktenrecherchiert, aber vollgepumpt mit anekdotischer Evidenz, populärwissenschaftlich präsentiert im beliebten Plauderstyle des Funfeuilleton mit Sachbuchneigung. Eigenbeispiel: “Dinge geregelt kriegen“.

Pöbelnd & unterhaltsam
Kraftvoll durchgerantet, die Kunst der Rundumbeleidigung auf geschmacklose Weise verbunden mit verletzenden Unterstellungen, zart erkenntnisdurchwirkte Beschimpfungen mit und ohne Hand und Fuß. Eigenbeispiel: Antwortantwortantwort auf wirres.net

Vermutig & unterhaltsam
Nassforsch reinbehauptet, stark anprognostiziert, mutig vermutend, steil aufgestellt, gehalten im Stil der gesellschaftlichen Großvermutung mit medialer Wirkungsmaximierung dank höchster Punchline-Sättigung. Eigenbeispiel: “Wir nennen es Arbeit“.

Unterhaltsam & unterhaltsam
Auf Pointe gebürstet und nur auf Pointe gebürstet, realitätsbezogene Daten und Zahlen allenfalls stichwortgebend benutzend oder erfindend oder alternativ ignorierend, jeden Winkel des Themas auf Gagpotenzial abklopfend. Eigenbeispiel: “Links Rechts” auf N24.



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