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Deutschland, Hotelwelten, Irrwitz im Detail

Viele Jahre versuche ich inzwischen schon, meine seltsame Liebe zu Hotels zu ergründen. Weniger zu Fünf-Sterne-Hotels, Luxus geht immer, Luxus lässt sich außerordentlich einfach toll finden, das muss nicht erklärt werden. Ich meine eher die Zuneigung zum Hotelgefühl. Kurz überschlagen kenne ich durch meine Vortragsreisen ungefähr 150 deutsche Hotels, die meisten davon sind Vier-Sterne-Hotels. Wer Deutschland kennenlernen will, sollte in ein Vier-Sterne-Hotel gehen. Dort findet sich die größte qualitative Spreizbreite, von wrackigen, ärgerlichen Absteigen bis zu Hotels, die nur deshalb keine Fünf Sterne tragen, weil das eine bestimmte Klientel von der Buchung abhalten würde, den normalen Geschäftsreisenden, den Vizeabteilungsleiter, den Jahreswagenfahrer, der in seinem mittelständischen Unternehmen übrigens das deutsche Bruttosozialprodukt irgendwie überraschend unabhängig von politischen und finanziellen Krisen erwirtschaftet und schon deshalb großen Respekt verdient hat.

Dass bei Vier-Sterne-Hotels so große Diversität zu finden ist, hängt auch damit zusammen, dass die Hotelklassifizierung ihre Wurzeln erkennbar in den 1960er Jahren hat und nur, sagen wir, recht behutsam aktualisiert wurde. So finden sich wunderbar anachronistische Relikte darin:
• ein Stern erfordert unter anderem “Tisch und Stuhl” im Zimmer, und – ja! – ein Telefax am Empfang.
• für zwei Sterne muss das Hotel “Leselicht am Bett”, “Duschgel oder Schaumbad” sowie “Kartenzahlung” anbieten.
• drei Sterne (die häufigste Hotelklassifizierung in Deutschland) bekommt ein Hotel, das neben anderen Kriterien wie “Nähzeug” auch einen “Systematischen Umgang mit Gästebeschwerden” vorweisen kann.
• bei vier Sternen muss vorhanden sein: ein “Internetterminal”, eine “großzügige Ablagefläche im Bad” und “Hausschuhe auf Wunsch”.
• für fünf Sterne schließlich braucht ein Hotel “Körperpflegeartikel in Einzelflakons” sowie einen Wagenmeisterservice.

Schlagt mich, gebt mir Tiernamen, aber in meiner Welt gelten Hausschuhe auf Wunsch selbst in Kombination mit einer großzügigen Ablagefläche im Bad nicht unbedingt als konsistente Qualitätskriterien. Was aber macht die Hotels, die ich besucht habe, die vielen, vielen unterschiedlichen Vier-Sterne-Hotels, so – ich traue mich das mal so zu nennen – liebenswert?

Es ist, davon bin ich inzwischen überzeugt, die Mischung aus Verlässlichkeit und Irrwitz. Auch das eine grandiose Parallele zu Deutschland, übrigens: wie in Deutschland ein Busfahrplan an der Haltestelle befestigt ist, da steht, der Bus kommt um 14:07, und dann kommt er um 14:07. Verlässlichkeit. Und wenn er nicht kommt um 14:07, auch nur eine Minute später, dann darf man sich aufregen. Und niemand findet etwas dabei, sich aufzuregen, sich beim Busfahrer oder auf Twitter zu beschweren, zu spät ist zu spät, ob eine Minute oder eine Stunde, da darf man sich in Deutschland hauptamtlich aufregen. Irrwitz. Um diese Verlässlichkeit trotz des Irrwitz zu schätzen, muss man wahrscheinlich mal in Bolivien (nichts gegen Bolivien, ein wunderbares, unterschätztes Land, aber eben anders) erlebt haben, wie der Bahnhofsvorsteher mit ernster Miene verkündet, der nächste Zug käme Dienstag. Und wann genau? Dienstag halt, der geneigte Reisende könne jedoch einen der Jungs dort drüben bezahlen, die ins Hotel flitzen würden, wenn der Zug käme.

Die Verlässlichkeit des Vier-Sterne-Hotels äußert sich darin, dass man schon nach kurzem Training, zwanzig, dreißig Übernachtungen, das Standardzimmer kennt, als wohnte man Jahre darin. Die Schließkarte vor die Tür gehalten, Klick, offen, der Zentralschalter gleich linkerhand, rechts der Flurspiegel mit Garderobe, zwei Schritt weiter die Tür zum Bad, wo auf knapp fünf Quadratmetern eine halbe Tonne Ziermarmor verbaut ist, die Wand über dem Waschbecken stets flächig verspiegelt, eine Aufstellkarte hält zum Schutz der Umwelt an, Handtücher sollen doch bitte mehrmals verwendet werden, rückwärts wieder hinausgetaumelt in das Flürchen, das türlos übergeht in den Schlafbereich, gleich links an der Wand, etwas zu hoch angebracht die Bedienung der Klimaanlage, die man sofort ausschalten muss, wenn einen das laute Rauschen stört, außer man hat das Zimmer neben dem Lift erwischt, dann ist auch schon alles egal, an der linken Wand die Bettanlage, ein nicht helles und nicht dunkles Holz umfasst Nachttische, Konsolen, Betten und führt zur Fensterfront, die gesichert ist vor Licht und Lärm mit einem speziellen Vorhang aus einem nur in Fachgeschäften zu kaufenden, so genannten “Verdunklungsstoff”, speziell gewoben dafür, dass unterhalb einer Supernova kein Licht durchdringt und sich eine laute Hupe durch ihn hindurch wie eine leise Hupe anhört. Gegenüber vom Bett im gleichen Holz das Schreibtischchen, übergehend in den Fernsehschrank, darunter die Minibar, Rotwein, Flaschenöffner und Chips im offenen Fach darüber, die teppichbezogene Kofferablage, ein Flügelschrank, der wiederum übergeht in die Spiegelgarderobe vom Anfang.

Das Vier-Sterne-Hotel ist (neben dem Alkohol) der Alkohol des Geschäftsreisenden, seine dämmerige Gleichförmigkeit macht ihn vergessen, in welcher Stadt er ist und warum, für diese paar Stunden zwischen der abendlichen Feuchtakquise mit Petersen vom Einkauf, dem er unbedingt noch einen Wartungsvertrag (24 Monate) dazuverkaufen muss um das Jahressoll zu schaffen, und dem morgendlichen Frühstück am Buffet zwischen welligem Käse und englischen Bohnen in zuckriger Tomatensoße, die noch niemals jemand gegessen hat, die vermutlich nur wegen irgendeiner internationalen Buffetklassifizierung dort liegen und braunrot stundenlang über der Ethanolflamme einkochen. Das ist also die Verlässlichkeit des Vier-Sterne-Hotels, das Deutschland entspricht, das einfach funktioniert, nicht so gut, dass man glücklich würde, aber doch so gut, dass es eine Unverschämtheit wäre, sich zu beschweren. Außer der Bus kommt zu spät.

Der Irrwitz des deutschen Vier-Sterne-Hotels dagegen – und wohl der eigentliche Grund für meine seltsame, kratzige Liebe zum Hotel – der Irrwitz liegt im Detail. Nicht immer nur im Detail natürlich, ich erinnere an die Disco-Dusche, die aus purem Irrwitz besteht. Aber das verlässliche, gleichförmige Hotelzimmer birgt stets Merkwürdigkeiten auf den dritten Blick. Die folgenden, aktuellen Beispiele stammen aus einem Hotelzimmer in Bielefeld mit sehr freundlichem Personal, wie so oft. Wahrscheinlich haben irgendwelche griesgrämigen Journalisten in den 1990er Jahren so oft “Servicewüste Deutschland” in ihre griesgrämigen Artikel geschrieben, bis das deutsche Hotelgewerbe in toto beschlossen hat, ihren Angestellten eine ständige, ausdauernde, offensive Freundlichkeit in die Köpfe zu pressen. In zehn Jahren Hotelerfahrung habe ich zwei oder drei Mal Unfreundlichkeit des Personals erlebt. Aber dafür sehr oft Unfreundlichkeit von Gegenständen: zurück ins Bielefelder Vier-Sterne-Hotel.


Es fängt mit der stillen Anschuldigung an, die in den Kleiderbügeln wohnt. Die Bügel haben diese Antidiebstahlvorrichtung, sie lassen sich nur in die speziellen Bügelhalter an der Stange einhängen, statt eines normalen Hakens ist da ein Pinöppel. Der Hotelbügel ohne Haken ist der passiv-aggressivste Gegenstand des Planeten. Wer klaut bitteschön Bügel? Ich weiss nicht, zu welcher Zeit oder ob überhaupt jemals Bügelklau in Deutschland in Mode war, ich weiss nur, dass ich mir regelmäßig vornehme, Hotelbügel mit Pinöppel kaputtzumachen oder in einen Mülleimer zu schmeissen. Ich lasse mich doch von einem ordinären, kastrierten Hotelbügel nicht als potenzieller Dieb beschimpfen! Ich will Eure dämlichen Scheißbügel gar nicht, habt Ihr verstanden? Meine Hotelbügel-Aggression, das habe ich festgestellt, ist übrigens die gleiche wie meine Aggression gegen komplizierte DRM-Maßnahmen in Musikdateien, beide vermögen in bestimmten Momenten, eine dunkle Wut aufsteigen zu lassen, bei der ich beim besten Willen nicht mehr für die Sicherheit anwesender Alkoholika garantieren kann.

Der Irrwitz in diesem Detail ist nicht leicht zu entdecken. Gut, die Klobigkeit des Design von dieser Badewannenarmatur wirkt wie von Kim Il Yong für Kim Il Yong gestaltet. Diese zahnbelagfarbenen Plastikgnubbel, dieses Alltagsobjekt, das erahnen lässt, warum in der ersten großen deutschen Science-Fiction-Serie, Raumschiff Orion, die Ausstattung der Kommunikationszentrale des Raumschiffs aus unveränderten Badezimmergerätschaften bestand, da wurde in einen Duschkopf hineingesprochen.

Tatsächlich aber offenbart sich die volle Packung erst in der Benutzung, denn oben auf dem Wasserhebel dieser Armatur ist links eine blaue Fläche und rechts eine rote. Und das heisst? Dass die Drehung nach links heisses Wasser fliessen lässt und nach rechts kaltes. Exakt andersherum, als man erwartet. Und das absichtlich, denn der Wasserhahn am Waschbecken funktioniert ebenso. Purer, deutscher Irrwitz, diese besondere Ausprägung, bei der man sich fragt: es ist meine Erwartung, die völlig verquer ist? Oder ist es das System? Deutscher Qualitätsirrwitz funktioniert genau so, dass man sich ständig fragt, ob man nicht vielleicht doch selbst verrückt ist.

Ich hatte länger einen Albtraum, von dem ich dachte, es wäre allein mein Privatalbtraum. Er geht so: ich wache in einer normal scheinenden Welt auf, alles ist wie immer, gewohnt, normal, nachvollziehbar. Und dann – BÄM – muss ich an einem winzigen Detail erkennen, dass ich offenbar in einer Scheinwelt lebe. Manchmal ist es nur ein Detail wie ein Türknauf, der auf der Seite der Türscharniere angebracht ist, aber alle finden es normal. Manchmal ist es ein Detail, dass bei der Ampel die mittlere Farbe nicht orange ist, sondern lila, und alle anderen finden es normal. Es ist zum schreien, dass niemand schreit. Ein Horrortraum, eingesperrt in eine so gewohnt erscheinende Simulation der Normalität, ein Detail nur, das verrät, dass ich in einem völlig unberechenbaren Paralleluniversum gefangen sein muss. “Was hast du denn nur, Ampeln sind doch immer lila?”.
Wie gesagt, ich dachte lange, das wäre mein Privatalbtraum. In Gesprächen habe ich festgestellt, dass es ein ausgesprochen häufiger Albtraum ist, vielleicht der deutsche Normalalbtraum. Es läge nahe. Und ein Wasserhahn, dessen einbauender Klempner offensichtlich konsequent so anders verschaltet ist im Gehirn als ich, ein Hotel, das diesen Umstand nicht ändert, weil sich offenbar kein Gast irritiert beschwert – das gerät schon verdächtig in die Nähe der lila Ampel.

Warum klebt man Punkte auf die Kronkorken der Flaschen in der Minibar? Gut, es handelte sich um Zimmer 114, das könnte die 14 erklären. Aber nicht den Grund für diese Klebepunkte. Welches Problem lässt sich so lösen? Ein Diebstahlproblem des Personals? Oder haben Gäste immer heimlich die Flaschen ausgetauscht? Man weiss es nicht, und vielleicht will man es auch nicht wissen, denn auch hinter diesem Detail könnte der Irrwitz verborgen sein. Immerhin denkt jemand hinter den Kulissen nicht daran, wie so etwas auf Gäste wirken könnte. Dass jede außerplanmäßige Veränderung und Verwirrung im Zusammenhang mit Lebensmitteln irgendwie verstörend daherkommt. Dass gleichförmige Zuverlässigkeit gerade hier besonders wichtig ist. Beschriftete Punkte auf Kronkorken, nun gut, die Flaschen sind ja auch von Colani gestaltet, da ist das Verstörungsmaximum sowieso schon erreicht.

Während Fünf-Sterne-Hotels tatsächlich in den meisten Fällen recht geschmackvoll eingerichtet sind, geht es in den Klassifizierungen darunter durchwachsen zu. Ich persönlich schätze die ehrliche Spanplattenhässlichkeit der Zwei-Sterne-Absteigen, in die ich ab und an gerate. Aber die Zimmer in Vier-Sterne-Hotels scheinen fast durchgehend gestaltet zu sein von Leuten, die gern in Musicals gehen und Siegfried & Roy für Stilikonen halten. So, als hätte man Elvis nach einer zermürbenden Entziehungskur zwölf Valium eingeflößt und ihn dann gezwungen, die Möbel, die Textilien und die Muster auszuwählen aus dem Wohnmagazin “1000 Jahre Wartezimmermöbel”. Das Vier-Sterne-Zimmer sieht oft aus, als wäre Graceland in Rente gegangen. Teppich an den Wänden, gülden verspiegelte Bettintarsien, eine polierte Messing-Attacke auf das Hirn des Reisenden. Eine flexibel schwenkbare Lampe an einen Spiegel zu montieren, dafür muss sich irgendjemand aktiv entschieden haben. Ebenso dafür, die gleiche Lampe nochmal neben dem Bett anzuschrauben. Die Botschaft, die solche Inneneinrichtungen transportieren – überall in der Bundesrepublik – kann nur eine sein: frage nicht nach dem Warum, Reisender, wenn überhaupt jemand den Grund weiss, wird es der deprimierendst vorstellbare sein. Vielleicht der Kern des deutschen Irrwitzes, der sich wie DNS findet in jedem Hotelzimmer und überall: die Frage nach dem Warum ist letztlich unstellbar.

Vielleicht das irrwitzigste Detail, vielleicht das Detail, das noch jede Disco-Dusche zum Fanal der Normalität erhebt. Ein kleiner Aufsteller mit einem kurzen Text, wie er sich ähnlich in fast jedem Hotel findet, weil sich so die Umwelt sparen und das Budget schützen lässt. Die Aufforderung, die Handtücher mehrfach zu verwenden.

Aber wie kommt sie hier daher. Als Studie getarnt, so erkennbar ausgedacht, dass man überlegt, ob es nicht ein Bundesamt für Studiensicherheit gibt, bei dem ein solcher Missbrauch des Begriffs “Studie” meldepflichtig wäre. In einem Paralleluniversum mit lila Ampeln gibt es das sicher, aber hier, im normalen Vier-Sterne-Deutschland, muss man sich von einem Schild sagen lassen, dass drei von vier Gästen, dass 75% der Besucher des Zimmers bisher – laut laufender Studie! – ihre Handtücher mehrfach benutzt haben. Was für ein irrwitziger Appell, der zwischen sozialem Gruppendruck und Hörigkeit gegenüber der Studie, dem Hochamt der Technokratengesellschaft, daherkommt. Und wiederum diese schon pathologisch zu nennende, passive Aggression – “Wollen Sie wirklich zu den einen von vieren gehören, die die Umwelt im Alleingang schädigen, weil sie ihre Handtücher nur einmal benutzen wollen?” Nebenbei übernachtet der durchschnittliche Geschäftsreisende so häufig nur einmal, dass die Zahl einfach nur ausgedacht sein kann. Völlig abgesehen davon, dass es absolut unvorstellbar ist, dass die Zimmerpflegefachkraft nach der Übernachtung ins Badezimmer geht, nachschaut, ob der Reisende “an der Studie teilgenommen” oder das Handtuch in die Badewanne geschmissen hat, dann den Taschenrechner nimmt, das neue mathematische Verhältnis errechnet und schließlich auf einem neuen Schild einträgt: Zimmer 114, 76,2% Teilnehmer an der Studie.

Da lügt ein Schild im Namen der Umwelt also den Hotelgast dreist an, erzählt von der Teilnahme an laufenden Studien und Umweltprogrammen und ist auch sonst wie von Außerirdischen getextet. Das alles erklärt vielleicht nur ganz unzureichend meine seltsame Liebe zu Hotels, trotz meines Hangs zu Verlässlichkeit und Irrwitz. Aber vielleicht deutet es ja darauf hin, dass ich längst in einem Paralleluniversum lebe. Oder wir alle. Traut sich jemand, nach lilanen Ampeln zu schauen?

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Kollision der Geschmacksdimensionen

Ich mag Hotels, sie geben mir das Gefühl von Unabhängigkeit. Und sie schenken mir die Möglichkeit, mich fast überall ein kleines bisschen zu Hause zu fühlen. Weil ich oft beruflich unterwegs bin, übernachte ich ungefähr alle anderthalb Wochen in Hotels und habe dabei eine Art Hobby entwickelt: ich kümmere mich um die Übernachtung erst unmittelbar vor der Übernachtung. Der Geschmack von Zivilisationsabenteuer und Freiheit in a nutshell, Aroma neobourgeois. Eigentlich ist es in zehn Jahren erst zweimal schief gegangen, einmal musste ich in Nizza absurd, wirklich ABSURD viel Geld für die Übernachtung bezahlen und einmal bin ich in Düsseldorf zu Messezeiten stundenlang herumgeirrt, bevor ich um halbvier Morgens auf die Idee kam, in eine Jugendherberge zu gehen. Sonst: immer Hotelzimmer, immer angemessene Preise, immer interessante Überraschungshotels, Einblicke in seltsame Welten. Schon die Gesichter der Handlungsreisenden im Frühstücksraum würden für eine zehnbändige Anthropologiehabilitation reichen.

Nach der Eröffnung der CeBIT in Hannover fahre ich kurz vor Mitternacht in Richtung Hauptbahnhof, um ein Hotelzimmer zu buchen. Erster Schuss ein Treffer, für Messezeiten sogar angemessen bepreist (halbwegs), außerordentlich freundlicher Nachtportier. Man muss wissen, dass Nachtportier einer der anstrengendsten und zugleich schlechtestbezahlten Jobs überhaupt ist, in nicht wenigen Hotels müssen diese Männer alles, wirklich alles allein erledigen, von Sicherheitsrundgängen über Gästebetreuung und Reparaturen bishin zu Putzarbeiten.

Das Hotel selbst geizt schon im Eingangsbereich nicht mir marmorhaftem Surrounding, die Zimmer und Etagen haben keine Nummern, sondern regional geprägte Namen, ich lande in der Etage “Gärten” im Zimmer “Welfenallee”. Modern eingerichtet, durchaus geschmackvoll, wenn auch leicht verdesignt im Detail, etwas übertriebener Einsatz von Wurzelholzimitat vielleicht.

Dann aber.

Die Dusche. Duschen sind in Hotels crucial, wie wir ICE-Reiseritter sagen, an der Dusche erkennt man die Substanz des Hotels. Ich gehe auf die Dusche zu, eine Glastür schliesst die vollvermarmorte Duschkammer ab. Aufgestossen, die Tür, und hinein ins Naßzimmerchen, nur sind die Halogenlämpchen aus. Die Bedienung der Dusche erfolgt mit in die Wand eingelassenen Metallknöpfen, vier an der Zahl: On/Off, wämer, kälter, Umschalter zwischen Handbrause und festmontiertem Duschkopf an der Decke. Dazwischen eine digitale Temperaturanzeige. Post-Steampunk, retroinnovativ, auf eine Art, so mag man sich 1967 die “Dusche 2000” vorgestellt haben.

Bestimmt geht das Licht an, wenn man auf On/Off drückt?

Ja. Aber nicht nur das. Die Dusche fängt an zu brausen, die Temperaturanzeige leuchtet auf – die Lämpchen strahlen in grellem Pink und dazu beginnt auf dem Monolautsprecher in der Dusche, den ich gerade erst entdecke, das Lied “It’s raining men” von den Weather Girls. Schockstarre. Dann ändert sich die Farbe des Lichts. Blau. Grün. Rot. Weiss. Und wieder Pink. Das Lied geht weiter, immer noch bin ich schockstarr, dann endet das Lied, nur, um wieder von vorn anzufangen. Und dann begreife ich.

Ich bin in eine Discodusche geraten, in der eine nicht abschaltbare Lichtorgel als einzige Beleuchtung in die Decke eingelassen ist und dazu in Endlosschleife “It’s raining men” gespielt wird. Es ist die vermutlich weltweit niederträchtigste Art, unbescholtene Hotelbürger vom ausdauernden und für das Hotel energieaufwändigen duschen abzuhalten. “It’s raining men” in der Discodusche, darauf muss man erstmal kommen, bzw. wäre ich froh gewesen, wenn man eben nicht drauf gekommen wäre.

Wir lernen daraus: die gezielte Verbindung von Technologie und Kultur spart Energie und Geld. Aber um welchen Preis?

Pics or it didn’t happen? Ja, gern, obwohl jedem klar sein sollte, dass die menschliche Phantasie außerstande ist, so etwas zu erfinden, habe ich einen Videobeweis angefertigt. Keine Angst, nicht nur aus urheberrechtlichen Gründen sind nur die ersten Millisekunden des Lieds zu hören:

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Facebook Fire-Sale

tl;dr: Am Freitag, den 17. Februar 2012, findet von 17 bis 20 Uhr in der Schönhauser Allee 184 in Berlin ein Facebook Fire Sale meiner Wohnungseinrichtung statt. Nur Sofortabholung möglich. Getränke werden gereicht. Die Preise bestimmen die Anwesenden selbst. Der Erlös geht zur Hälfte an den Kältebus für Berliner Obdachlose.

Jawohl – der legendäre Ort der ersten und einzigen beiden Original Twitter-Followerparties (Google: Followerparty) mit mehreren hundert Teilnehmern 2008 und 2009, die Schönhauser Allee 184, ist schon bald nicht mehr. Denn ich ziehe aus der Wohnung aus. Und dabei ist jede Menge Zeug angefallen, das ich nicht mehr brauche, aber vielleicht ja jemand von Euch. Deshalb der Facebook Fire-Sale, den ich analog zu den Twitter-Follower-Parties erst Twitter Fire-Sale nennen wollte, aber dann kommt ja niemand, um das Zeug abzuholen, sondern nur, um sich lustigste Sprüche auszudenken. In der Kurzfassung steht schon, wie das funktionieren soll, hier nochmal ausführlich: am Freitag, den 17. Februar ab 17 Uhr kann man drei Stunden lang das unten abgebildete Zeug in der Schönhauser Allee 184, 10119 Berlin abholen. Man bezahlt für die Möbel und Geräte soviel, wie man für richtig hält, wenn mehrere das Gleiche wollen, entscheidet das höchste Gebot. Der Erlös geht zur Hälfte an den Kältebus für Obdachlose in Berlin. Es ist ausschließlich und ausnahmslos Selbstabholung an besagtem Freitag zwischen 17 und 20 Uhr möglich. Getränke sind für jedes geschmeidige Beisammensein notwendig und werden deshalb von mir gestellt. Für bzw. gegen Live-Trolle ist eine überzeugungsfähige Security abgestellt (die allerdings nicht Möbel tragen hilft). Alles kann, alles muss raus!

Und zwar diese famosen, wunderbaren Sachen, Dinge und Zeug:

Ein rotes Schränkchen im vintagelookigen China-Style, es wirkt deutlich praktischer, als es tatsächlich ist. Aus mir nicht bekannten Gründen zieht es Staub geradezu magisch an, wenn man es bloß ein paar Jahre nicht wischt. Schubladen einwandfrei, Türen unten sind mit dem unpraktikabelsten mir bekannten Verschlusssystem versehen, nämlich einem Querpinöppel, der durch zwei Metallösen gefädelt ist. Da gerät jede Türöffnung zur motorischen Herausforderung, das geht in Richtung Diebstahlschutz.

Die Sofalandschaft besteht aus drei Teilen, hier ist der Zweisitzer zu sehen. Das Sofa aus rosa Kunstplüsch habe ich 2004 auf einem Kreuzberger Flohmarkt gekauft, wenn man die gängigen wirtschaftlichen Wertverfallmodelle hier anlegt, dürfte dieses Sofa auf dem freien Markt inzwischen minus achthundert Euro kosten. Was ein bisschen auch daran liegen mag, dass ich alle drei Sofateile mit zwei Katzen gemeinsam genutzt habe. Immerhin stubenrein (wir alle drei). Auf ebay würde ich schreiben: “mittlere Gebrauchsspuren” – und hoffen, dass nur sehschwache Kaufinteressenten kommen. Sonst einwandfrei.

Vor einigen Jahren dachte ich: große Buchstaben aus Metall, wie cool ist das denn? Aber man wird reifer mit der Zeit. Die Riesenbuchstaben stammen ursprünglich von einem Werbeschriftzug von FUJIFILM. Irgendwo fliegt auch noch ein M rum, was bedeutet, dass man FILM oder MILF buchstabieren kann. Das rotlackierte Metall hat zehn Jahre auf dem Dach eines Berliner Hauses hinter sich, das heisst, an einigen Stellen hat sich ein zwar völlig geruchfreies, aber doch haptisch interessantes Amalgam aus Lack, Stahlblech und Taubenscheisse gebildet. Aber egal, Wohnbuchstaben sind Hipsterpflicht!

Eine tadellose, kaum zwei Jahre alte Singlewaschmaschine, in der ich regelmäßig Singles gewasch- haha, nee, aber ohne Scherz, die ist schmal und klein, wäscht irre gut und war vor nicht allzulanger Zeit relativ teuer. Von Siemens, Markenqualität, mit imposantem Aufkleber vorne dran und einer Energieeffizienzstufe besser als die Bonität von Italien.

Von dieser gelben Prachtlampe gibt es drei Exemplare. Man lasse sich nicht vom Aufnahmewinkel verwirren, das Kabel ist ausreichend lang auch für Altbaudecken. In die neue Wohnung nicht mitgenommen habe ich die Lampen wegen ihrer ausgesprochen hohen Gelbheit, Form und Lichtspiel sind nah an der Perfektion, ab und an stellte ich mich mit einer Flasche Bier in den Flur in ihren goldenen Schein und ließ einfach die Strahlen auf mich herunterstrahlen und war glücklich. Das geht nicht mit allen Lampen.

Kein Markenprodukt. Vor einigen Jahren hatte ich bekloppterweise eine sparsame Phase und wollte deshalb den billigsten Geschirrspüler kaufen. Im Laden führte mich der Verkäufer zu diesem Gerät und sagte wörtlich: “Das steht hier nur, damit die Preisspanne bei Geschirrspülern grösser wirkt. Kaufen Sie es nicht, es ist ein schlechtes Gerät, das Geschirr wird kaum sauber.” Aus Trotz kaufte ich das Gerät und siehe: der Verkäufer hatte nicht gelogen. Der Single-Geschirrspüler macht das Geschirr kaum sauber. Aber kaum ist immerhin ein bisschen besser als im Spülbecken vergammelt. Empfehlung für Technikpessimisten, die in ihrer Fortschrittsablehnung täglich bestätigt werden wollen.

Ich habe eine ganze Reihe von IVAR-Regalen von IKEA. Lange wollte ich meine Wohnung IKEA-frei halten, aber auf der Zielgeraden ist es mir dann doch nicht gelungen und in einem ärgerlichen Doppelanfall von Möbelbedarf und Aktionskunst habe ich zusammen mit Jacques Palminger viel Quatsch bei IKEA gekauft. Ich glaube, das ist dabei herausgekommen, unter anderem. IVAR-Regale eignen sich für alle Bereiche, in denen Ästhetik keine Rolle spielt wie Keller, Atombunker oder Kinderzimmer.

Dieser Dysonstaubsauger ist ein Spezialstaubsauger für Tierhaare. Ich kann nicht beurteilen, ob er wirklich besser Haare aufsaugt, aber er war so irre teuer, dass er das sicher tut. Allerdings handelt es sich nicht nur um den hässlichsten Staubsauger der Welt, sondern auch um den lautesten. Sehr laut. Bizarr laut. Ungesund laut. Vom Lautstärkeniveau irgendwo zwischen startender Düsenjet und Schulausflug in die Vuvuzelafabrik. Und auch vom Klang her. Ein Must für staubsaugesüchtige, gehörlose Katzenbesitzer, die ihre Nachbarn hassen.

Auf dieser Gästematratze (mittlere Gebrauchsspuren) klang die Followerparty 2009 in einer Gruppenpettingsituation aus, an der mehrere bekannte Mitglieder der sog. Internetszene beteiligt waren (ich nicht). Eine geschichtsträchtige Matratze also. Auf nämlicher Party war übrigens auch der 4chan-Gründer moot anwesend, der zwar eine Keramikschale kaputtgemacht hat, aber recht früh ging. Wenn gewünscht, stelle ich ein Echtheitszertifikat aus.

Ein paar braune Billyregale verschiedener Breite. Ein hauchzarter Riss in der Rückwand, zu sehen unten links. Ansonsten staubig, aber absolut in Ordnung. Auch für ebooks geeignet und für schlechte Scherze.

Das Dreiersofa von der beschriebenen Sofakombo. Auch auf diesem Sofa haben nach irgendeiner Internet-Feier drei ungenannte Internetaktivisten den Abend körperbetont ausklingen lassen, ich glaube, die Feier zum Netzsperren-Triumph oder so. Das klingt jetzt in der sexuellen Häufung weitaus aufregender und toller, als es jemals war, merke ich gerade. Aber egal. Alle Spuren sind inzwischen beseitigt, außer den Katzenkratzspuren und mittleren Gebrauchsspuren natürlich. Aber das Sofa ist ansonsten noch tadellos, so dürfte eine der größten technisch möglichen Möbellügen überhaupt lauten.

Sechs Stück gibt es davon, vermutlich Friseurstühle. Es handelt sich um die am meisten nach Drehstühlen aussehenden Nichtdrehstühle überhaupt. Sie drehen sich nämlich nicht. Dafür haben sie Rollen und sehen aus wie eine Zahnspange auf Rädern. Was auch am zahnfleischfarbenen Kunstleder liegt, mit dem die Stühle bezogen sind. Immerhin sind sie bequem und kleben lustig an der Haut im Sommer.

Vintageartiger China-Look wieder, wie auch das Regälchen oben. Auch wieder die unpraktischen Verschlüsse in der Mitte bei diesem Sideboard. Hat die Gabe, so belanglos in der Gegend herumzustehen, dass man es jahrelang nicht bemerkt. Können nicht alle Möbel.

Die Metallbuchstaben U und I, die ich Querdenker, ich Funrevoluzzer, ich im besten Sinne Verrückter Kopf ganz einfach um 90° gedreht aufgehängt habe. Ich bin SO gewitzt manchmal, es ist mir selbst unheimlich. Frei kombinierbar mit den anderen Buchstaben natürlich, man kann also auch FLUI oder FILU legen.

Ein Badezimmerspiegel mit Beleuchtung, Design ist einem Fernseher nachempfunden. Das muss man als Interieurdesigner auch erstmal bringen: “Hey Chef, ich hab eine Idee, ein Badezimmerspiegel in Fernseherform, und damit es noch steiler wirkt, machen wir verspiegeltes Rauchglas aussen rum.” Und so kam Elvis doch noch zu seinem Badezimmerspiegel.

Ein Topkühlschrank von Bosch. Zwei Jahre alt, zwei Meter groß, zwei Türen, zwei Grad. Ohne Flachs, das Ding ist toll. Energieeffizient, leise, großräumig, hätte ich mitgenommen, wenn in der neuen Wohnung nicht eine Designer-Einbauküche mit allem Getöse gewesen wäre. Ganz anders als der Kühlschrank davor, in dem mir mal aus einer Futterdose ein paar offenbar halbwegs kälteresistente Regenwürmer entkommen waren, die in wirklich jeden Winkel krochen, um dort dann unherausprokelbar zu verenden – aber wie gesagt, das war nicht in diesem Kühlschrank (ehrlich).

Klare Sache: dieser Kronleuchter stellt einen der letzten Ausläufer meiner “Ironisch-Wohnen”-Phase dar. Solche Phasen wünscht man niemandem. Grauenvoll. Hing zuletzt im Gästezimmer. Macht ein gelbliches Licht von der Art, wie es in Filmen verwendet wird, um selbst die rosigsten Wangen zombiehaft blasskrank wirken zu lassen. Tipp für Leute, die regelmäßig Beweisfotos für ihre Spontanerkrankung brauchen (“Oh Gott, Müller, bleiben Sie bloß zu Hause!”).

Eine ganze Reihe hoher IVAR-Regale, etwas über zwei Meter hoch. Passt also auch in keinen Keller, vielleicht aber für Leute mit Kamin noch verwendbar. Das rotgezackte Kunstwerk oben von Jim Avignon heisst “Berlin”, das steht aber nicht zum Verkauf, das habe ich bloß vergessen. Der Ventilator ist verfügbar, der blaue Sack Überraschungsmüll natürlich auch, spannend könnte jedoch werden, dass unter dem Regal noch ca. 20 neue, unbenutzte Neonröhren sind. Spannend vor allem für mich, ob die jemand mitnimmt, weil die ein Licht machen, dagegen wirkt eine H&M-Umkleidekabine so warmleuchtend wie ein Kaminfeuer im Sonnenaufgang.

Dieser weisse Kunstledersessel ist so hässlich wie er auch bequem ist. Was mich in ein Jahre dauerndes Dilemma stürzte. Fußstütze ist per Knopfdruck hochklappbar, Lehne fährt dabei zurück und man liegt im Himmel. Bis man die Augen aufmacht oder jemand ästhetisch Empfindsames reinkommt, der erst lacht und dann weint.

Der Sessel zur rosa Plüschkombi. Meines Wissens immerhin ohne schlüpfrige Vorgeschichte. Dafür mittlere Gebrauchsspuren (durch Katzen). Überhaupt LIEBEN Katzen diese drei Sofateile, Haustierpeople aufgepasst, preiswerter kommt katzenkompatibler Plüschkrempel nicht mehr in Euer Haus.

Davon gibt es zwei Stück à vier Leuchtquadraten. Sie leuchten so, wie man es ihnen per Fernsteuerung befiehlt, und zwar in blau, weiss, grün, orange oder rot. Oder changierend. Ein bisschen die Lavalampe für Architekten, die nicht gestillt wurden. Macht aber nach kurzer Phase der Faszination total nerviges Licht.

Ein Holzsekretär unbekannter Herkunft, ausziehbare Schreibfläche. Wirkt gut präsentiert aber wie ein Designmöbel, das hätten doch alle geglaubt, wenn ich sowas geschrieben hätte wie: Der berühmte Minimal Desk vom dänischen Stardesigner Lasse Böltrup, über den man im Netz nichts findet, weil er ja 2007 gegen seine Googlebarkeit geklagt hat. Epoche: Späte Neofunktionalität, Material: skandinavische, handgefällte Erle (unbehandelt, unterwasserlackiert). Sammlerstück, kein anderes Exemplar bekannt!

FUJIFILM hat ja zwei F. Das hier hing jahrelang auf dem Gästeklo und hat sich dort ausgezeichnet gemacht, keine Beschwerden.

Ein Holzregal in unangenehmer Farbe (mintgrün) und das vermutlich keimigste Möbelstück in der Wohnung, weil es schräg überm Herd hing. Die Türen fehlen, es ist unansehnlich, das kann keiner wollen. Das kann auch keiner holen, weil es von mir höchstselbst an die Wand geschraubt ist in all meiner handwerkerischen Minderbegabung, die dazu führte, dass die Kreuzschlitzschrauben so ausgelutscht sind wie die meisten Sprüche auf Twitter.

IVAR, verdammt, so retrospektiv ist ja doch alles voller IKEA gewesen, was habe ich nur getan damals? Hier immerhin mit Flascheneinsatz, dafür muss ich sagen: vom Küchendunst hat sich eine leichte Fettigkeit ins Holz gesogen. Das fällt aber nur auf, wenn man näher als drei Meter rangeht. Tipp für hygnieneliberale Wohngemeinschaften!

Bettsofa von, haha, IKEA. Aber irre praktisch, kann man ausziehen, dann ist es ein Doppelbett. Aber Vorsicht, aus mir nicht bekannten Gründen wiegt das Ding gefühlte drei Tonnen. Ich weiss, das Foto ist eine Zumutung mit dem Sperrmüll drauf, aber ich hatte es eilig.

Holzkisten und Korbkörbe in verschiedenen Größen und Formen. Sehr praktisch, wenn man es sich gezielt einredet. Ansonsten eher sperrig und natürlich immer genau zu klein oder zu groß für alle denkbaren Gelegenheiten.

Und schließlich undefinierbares Gerümpel. Die Tür im Hintergrund muss dableiben, die gehört zur Wohnung. Aber zwei Plastiksterne, eine Lampe, die schon 1957 als altbacken empfunden worden wäre, ein großes Metall-M (andere Bauart als die anderen Buchstaben, aber auch als W verwendbar), zwei weibliche Torsi als Kleiderständer, eine Staffelei, Geschirr, ein hier kaum erkennbares, weisses Holzregal, das vom Gewicht her auch aus purem Blei sein könnte, ein nur marginal verbogener Buchständer, eine röhrenförmige Lavalampe. Was man halt so hat, aber nicht braucht im Haushalt.

Mit Freude und Spannung erwarte ich Eure Ankunft mit starken Helfern und Lastwägen am Freitag, den 17. Februar ab 17 Uhr in der Schönhauser Allee 184 in 10119 Berlin.


Nachtrag
Ergebnisse in Kürzestform:
– der Konkurrenz-Auszug aus Bellevue am selben Tag war deutlich populärer
– ca. 70 Käufer vor Ort
– die Facebook-Generation ist unglaublich höflich und freundlich
– etwa 40% des Zeugs wurde verkauft
– Berlin ist jetzt voll mit Wohnbuchstaben
– das Sofa ist noch da
– ebenso rätselhafterweise die Matratze
– etwas über 350 Euro Erlös
– so dass ich aufrunde auf 500 Euro und alles dem Kältebus spende (done; Spendenbeweis)
Vielen Dank an alle Beteiligten.

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Kollision der Technologieepochen

Da bin ich also in einem Hotelzimmer in Unterfranken, denn ein wichtiger Teil meines Berufs ist es, umherzufahren und Vorträge zu halten über das Internet und was es so macht mit der Welt. Es ist ganz gut, auch mal mitzubekommen, wie normale Leute das Netz sehen, normal im Sinne von: keine Internetnerds.

Ohne jede Häme, im Gegenteil mit Respekt hat man zur Kenntnis zu nehmen, dass den meisten Erwachsenen Social Media, Facebook, Twitter, Blogs, alles da weitestgehend egal ist (bisher). Das Internet besteht aus Spiegel Online, Flüge buchen, Banking, am nächsten an soziale Medien kommt Youtube ran und vielleicht je nach Interesse ein Forum oder eine Spezialcommunity, der digitale Hobbykeller. 20 Millionen Deutsche auf Facebook bedeuten eben vor allem auch: 60 Millionen nicht auf Facebook.

Und dann prallen nicht beim Vortrag selbst, sondern kurz danach in einem Hotelzimmer in Unterfranken – freundlich, sauber, Prägetapete – die Technologieepochen aufeinander, weil dort ein Bett steht, das vermutlich Anfang der 1980er Jahre gestaltet worden ist. Zu der Zeit, als Individualtechnologie noch ein Radio war, das in der Mittelkonsole des zweizügigen Betts eingebaut wurde. Kiefer Furnier.

Vermutlich in einer frühen Vorausahnung von “always on” kann man das Radio im Bett nicht ausschalten. Und auch nicht den Stecker ziehen, denn der ist hinter der Komplettholzverschalung verborgen. Man kann das Radio nur so leise stellen, dass man nichts mehr hört: Volume = 0.

Viele Jahre lang war das kein Problem. Tonlos leise fühlt sich ja fast wie aus an.

Bis Smartphones kamen, die wirklich Always On sind und ständig Daten hin und her schicken, um bei jeder Facebook-Flatulenz im Friendeskreis in Echtzeit informiert zu sein. Und genau in diesem Moment zeigt sich: die atmosphärischen Frequenzstörungen, die Smartphones verursachen – die hört man genauso laut, wenn die Lautsprecher ganz leise gestellt sind. Weil es für die fiepende Interferenz schon ausreicht, wenn ein ganz, ganz kleines bisschen Strom durch die Kabel durchfliesst.

Und so kollidiert die Technik der 80er auf überraschende Weise mit meinen zwei Smartphones und ich kann nicht schlafen. Weil man das Radio nicht ausmachen kann, sondern nur leise, muss ich zum ersten Mal seit Jahren die Handys ausmachen und nicht nur leise. So richtig aus, always aus, bis morgen früh.

Wir lernen daraus: wenn sie anfangen, Geräte ohne Ausschalter herzustellen, müssen wir rebellieren.

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Realitätsverlust in der PR-Branche

Mein Interesse für Sprache und ihre Funktion besteht nicht erst seit meinem neuen Buch Wortschatz. Sondern seitdem ich für mich nachvollziehen konnte, was Philosophen und Linguisten seit Jahrtausenden erkunden: Sprache prägt die Wahrnehmung der Realität, mehr noch: das, was man für die Wirklichkeit hält, ist ein sprachliches Konstrukt. Vereinfacht: die Welt ist echt, aber die Sprache ist nur ausgedacht und durch Geschichte, Kultur, sozialen Status, Ort und soweiter viel, viel stärker gefärbt, als man glaubt (hier scheint mir ein Querverweis auf den Radikalen Konstruktivismus sinnvoll).

Gerade im Zusammenspiel mit den Medien und besonders mit der digitalen Sphäre ist Sprache deshalb ausgesprochen verräterisch. Das Blog neusprech.org beschäftigt sich damit, wie mit Sprache als Instrument versucht wird, die Wahrnehmung der Realität zu beeinflussen. Es ist eben ein Unterschied, ob man “die Märkte reagierten positiv” sagt oder “die knapp eintausend Milliardenspekulanten, von denen alle so tun, als seien sie “die Märkte”, reagierten positiv”. Sprache lässt sich auch als Symptom betrachten, das viel über die Konstruktion der eigenen Realität verrät.

Heute ist eine Pressemitteilung via dpa verbreitet worden, in der es um eine Umfrage unter PR-Agenturen und Pressesprechern geht, der PR-Monitor. Ich habe nichts gegen PR, im Gegenteil, ich selbst schwimme auf manchmal seltsame Art zwischen Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Hypeerzeugung, was eher kein Geheimnis ist. Ich habe aber sehr wohl etwas gegen die Impertinenz, mit der PR oft – zu oft – betrieben wird: zu glauben, dass die Auftragskommunikation, die man transportiert, irgendetwas anderes sei als eben Auftragskommunikation, und daraus abzuleiten, sie sei wichtig für die gesamte Welt! So wichtig, dass alle Regeln fallen gelassen werden müssen, “auf Ihrer Webseite steht zwar, Sie wollen NIEMALS aus PR-Gründen angerufen werden, aber wir haben hier die Weltpremiere des neuen ZONGO Limone mit WLAN, wenn das keine Ausnahme ist, dann…”

Um es zu präzisieren: mich stört nicht PR an sich, mich stört eine leider sehr verbreitete Haltung dahinter, die Welt interessiere sich höchstens in Ausnahmefällen nicht für die tollen Nachrichten aus dem Hause ZONGO. Es ist umgekehrt. Per Default ist davon auszugehen, dass sich außerhalb des Hauses ZONGO exakt niemand für ZONGO interessiert, auch nicht bei Weltpremieren mit WLAN oder einer neuen cholesterinfreien Variante. Alles andere ist berufsbedingter Realitätsverlust.

Und die erwähnte Umfrage kleidet die Größenordnung des Realitätsverlusts in der PR-Branche endlich in konkrete Zahlen. Dort heisst es nämlich: “Auch klagen PR-Fachleute über “desinteressierte Journalisten”, die ihnen die tägliche PR-Arbeit erschweren (PR-Agenturen: 40 Prozent; Pressestellen 31 Prozent)“.

Voilà. 40 Prozent der (befragten) PR-Agenturen und 31 Prozent der Pressestellen haben keinen Kontakt mehr zur Realität – und biegen sich ihre Wahrnehmung mithilfe der Sprache zurecht, sie konstruieren sprachlich eine Scheinwirklichkeit (allerdings hier vermutlich mit starker Hilfe der umfragenden Instanz). Statt nämlich zuzugeben, dass sie es nicht schaffen, Journalisten (und die Öffentlichkeit) für ihre Themen zu interessieren, klagen sie über “desinteressierte Journalisten”. Das ist Realitätsverdrehung, ja, Realitätsumdrehung der kontraproduktivsten Sorte. Mit dieser Haltung heisst es im nächsten Jahr: “Die doofe, desinteressierte Facebook-Öffentlichkeit hat es mit 34 Ausnahmen (davon 19 Mitarbeiter) nicht geschafft, Fan unserer ZONGO-Seite zu werden. Was für ein Armutszeugnis für Facebook.”

Die PR-Klage über “desinteressierte Journalisten”, das ist, als fordere man vom Staat eine Belohnung dafür, dass man gestern auf der Autobahn nicht zu schnell gefahren ist.

Nachtrag
Einer der Gründe, warum ich das Internet, also die Leute aus dem Internet, doch recht gern mag: Jemand (nicht ich) hat soeben einen Twitter-Account für ZONGO Limone geschaffen, und schon das Icon ist eine Sensation, auf eine ganz eigene Art.

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Wie mich die Filter-Bubble einmal linkte

Filter-Bubble ist ein Begriff aus dem gleichnamigen Buch von Eli Pariser. Pariser war die Leitfigur von MoveOn.org, einer großen Aktions-Plattform, und hat irgendwann bemerkt, dass soziale Medien die Informationen für ihre Nutzer kaum erkennbar vorfiltern. Das geschieht mithilfe von Algorithmen, die die persönliche Relevanz der Nachrichten für jeden Nutzer erhöhen sollen.

In der Folge bekommt man häufiger Katzenfotos zu sehen, wenn man die in seinem Facebook-Newsfeed ständig anklickt, liket und kommentiert, und seltener politische Inhalte, wenn man auf die nicht reagiert. Qualifizierte Schätzungen lauten, dass man maximal 10% der Nachrichten seiner Kontakte überhaupt präsentiert bekommt.

Natürlich kann daraus ein Problem entstehen, vor allem, weil diese Filter-Algorithmen für den Nutzer nicht erkennbar und nur eingeschränkt kontrollierbar sind. Aus dieser Tatsache lässt sich für den modernen Kulturpessimisten selbstredend das Ende der Zivilisation ableiten – aber am eigenen Beispiel habe ich kürzlich eine wesentlich spannendere Konsequenz als bloß den Weltuntergang entdeckt.

Wie auch meinem Artikel auf Spiegel Online zu entnehmen war, habe ich mich kürzlich verlobt und das per Änderung des Beziehungsstatus auf Facebook erstmals öffentlich bekanntgegeben. Auf Facebook habe ich eine Page mit etwa 10.000 Likenden und ein privates Profil mit knapp unter 5.000 Friends (die Maximalzahl an Friends). Vor der Eröffnung meiner Page habe ich jede Anfrage an mein privates Profil als Friend angenommen, das ist ein Grund, weshalb es da eine gewisse Fluktuation gibt und sich die Zahl ab und zu leicht ändert: es sind in meinem Fall keine echten Freunde oder Friends, sondern eher irgendwie Interessierte. Mit der Betonung auf irgendwie, denn den Kommentaren entnehme ich häufiger, dass jetzt nicht alle mir ganztägig bedingungslose Liebe entgegenbringen. Ein paar sind wohl auch an einer gewissen, sagen wir, Reibung interessiert. Aber man weiss ja so wenig über seine Friends. Erst recht, wenn es fast 5.000 sind.

Als ich meinen Beziehungstatus in “verlobt” änderte, passierte etwas Merkwürdiges. Innerhalb von einer guten Stunde verlor ich etwa einhundert Friends.

Spontan war ich natürlich begeistert. “Das müssen hundert Frauen (oder Männer) gewesen sein, die so sehr auf mich standen, dass sie an einem verlobten Sascha Lobo spontan das Interesse verloren. Was für eine fantastische Begebenheit! Da kann sogar mein Ego sich ein paar Tage von ernähren!” So dachte ich bei mir.

Auch nach längerem Überlegen fiel mir keine andere Möglichkeit ein, weshalb die bloße Bekanntgabe der Verlobung ohne jeden zusätzlichen Kommentar jemanden dazu veranlassen sollte, mich zu entfrienden. Irgendwann fiel mir leider doch eine ein.

Schuld war die Filter-Bubble. Denn eine Verlobung wird von den Algorithmen von Facebook als so relevant eingeschätzt, dass sie bei wesentlich mehr Friends angezeigt wird als der Alltagsquatsch, den ich sonst so ins Netzwerk puste. Das bedeutet: tausende meiner Kontakte, die mich irgendwann dazugefügt, aber dann das Interesse verloren und wegen der Filter-Bubble nie wieder etwas von mir gesehen haben, bekamen auf einmal überraschend meine Verlobung in den Newsfeed gebeamt. Wo die Nachricht auch noch stundenlang stehen blieb und immer wieder hochschnellte, weil meine engeren Facebook-Kontakte natürlich zu Hunderten liketen und kommentierten.

Ungefähr einhundert Facebook-Friends wurden also daran erinnert, dass sie mich irgendwann befriendet hatten, bemerkten, dass ihnen das offenbar nur mäßig viel gebracht hat in den letzten Jahren und klickten nach der Kommentarflut meiner echten Friends schnell auf “remove from friends”.

Eigentlich schade, dass ich zu lange über die wahren Gründe nachgedacht habe, die erste Erklärung fand ich irgendwie schöner. Vielen Dank, du blöde Filter-Bubble.

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Der Brief, den Schlecker jetzt schreiben sollte

Ab und zu rufen mich Unternehmen an, die ein Social-Media-Problem haben. Wenn zum Beispiel auf einem praktisch unverlinkten Blog mit drei Artikeln ein Unternehmensvorstand mit Hitler verglichen wird – das aber unangenehm weit oben in der Google-Suche zum Namen auftaucht. Manchmal aber geht es auch um Shitstorms, für die ich eine gewisse Expertise entwickelt habe. Und in Zeiten von Shitstorms kann man bedeutend mehr falsch als richtig machen, deshalb berate ich Unternehmen in dieser Richtung, wenn ich absurd hohe Honorare einen Sinn darin sehe und Lust darauf habe (ist nicht immer so).

Mit Schlecker habe ich keinerlei geschäftlichen Kontakt, außer dass ich dort meinen Lieblingsdeoroller kaufe. Aber das, was mit und um Schlecker im Internet – Blogs, Twitter, Google+, Facebook, Online-Medien – momentan passiert, ist ein wunderschöner Trainingsshitstorm für deutsche Unternehmen. Also, schön für alle außer Schlecker. Obwohl das Stürmchen relativ egal ist im Vergleich zu ungefähr allem anderen, was derzeit passiert, haben im Moment die nichtschleckerschen Beteiligten ihre helle Freude an seiner Aufrechterhaltung. Schlecker, namentlich der Unternehmenssprecher Florian Baum, sollte deshalb einen Brief (Blogbeitrag) an die Öffentlichkeit schreiben. “When you’re in a hole, stop digging”, so heisst es auf dem mit Marketingweisheiten gesättigten, amerikanischen Sprichwortmarkt. Den Brief habe ich im Folgenden probeweise formuliert: Die andersfarbige, kleine Schrift dazwischen sind meine internen Kommentare, die die strategischen und taktischen Funktionen des Briefs erläutern sollen.

Liebe digitale Öffentlichkeit,

wir, das Unternehmen Schlecker, und ich, Florian Baum, sind erstaunt. Nicht die angenehme Art von Erstaunen, das lässt sich vermutlich erahnen. Es fühlt sich eher an, als würde man einen kritischen Unbekannten auf der Straße treffen, der verwickelt einen in ein Gespräch, man versucht etwas unbeholfen, verständnisvoll zu sein – und stellt hinterher fest, dass das Gespräch live ins Fernsehen übertragen wurde.

Im ersten Abschnitt werden explizit zwei Parteien ins Spiel: Baum und Schlecker. Der Sprecher soll alles Negative auf sich ziehen, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Die Situation wird auf eine Art beschrieben, die für jeden nachvollziehbar ist und zumindest ein gewisses Verständnis für Schlecker aufkommen lässt. Der Vergleich ist essentiell, um die Deutungshoheit über das Geschehene zu gewinnen. Dazu kommt mit “unbeholfen” die erste Andeutung eines eigenen Fehlers.

Ich habe einen Fehler gemacht. Genau genommen habe ich sogar mehrere Fehler gemacht. Nicht soviele wie damals, als ich in der achten Klasse unglücklich verliebt war und zweimal sitzen blieb – aber drei oder vier sind es schon:

• Ich habe völlig unterschätzt, welche Wellen ein Brief schlagen kann, von dem ich dachte, ihn an eine Einzelperson zu schreiben
• Ich habe mich zu Formulierungen hinreissen lassen, die in der Öffentlichkeit missverstanden werden mussten (das war unklug und unsympathisch)
• Ich habe diese beiden Fehler viel zu spät bemerkt und deshalb
• versucht, sie so gut es geht zu verteiden. Was nicht so wahnsinnig gut geklappt hat.

Das alles tut mir leid, besonders, falls sich jemand angriffen oder verspottet gefühlt haben sollte.

Der zweite Abschnitt ist auf die Fehler bezogen – wenn Shitstorms vorhanden sind, muss jemand Fehler gemacht haben. Findet die Öffentlichkeit jedenfalls, und um die geht es hier, deshalb entschuldigt man sich. Persönlicher Stolz ist gefälligst an der Garderobe abzugeben. Zugegeben werden die Fehler von der Einzelperson, wenn irgend möglich (gibt auch andere Fälle). Deshalb fängt hier jeder Punkt mit “ich” an. Das Unternehmen wird damit aus dem Fokus geschoben. Mit einem überraschenden, unterhaltsam formulierten Eingeständnis eigener Unzulänglichkeit am Anfang (“sitzen geblieben”) wird eine erfrischende Distanz zur eigenen Person aufgebaut. Das wirkt der fatalen Arroganz des ersten Briefs entgegen. Trotzdem wird das Wort “Arroganz” vermieden, es tritt sich sonst fest. Dazu kommt eine explizite Entschuldigung in der Sache, die aber die Vorwürfe nicht explizit wiederholt. Die Entschuldigung wird halbgar nicht relativiert.

Dass die Situation – für uns so überraschend – eskalieren konnte, liegt an etwas für mich einigermaßen Neuem: Fachleute sprechen von “Social Media”. Ich glaube, dabei handelt es sich eigentlich um Sie alle. Ich habe zwar (drei Semester über der Regelstudienzeit wegen eher durchschnittlichen Organisationstalents) etwas mit Medien studiert, aber damals gab es das noch nicht, das Internet von heute. Wo man mit vielen, mit ausgesprochen vielen Leuten in direktem Kontakt steht und wo deshalb Regeln herrschen, mit denen ich noch nicht allzuvertraut bin. Obwohl ich regelmäßig Beiträge in unserem Unternehmensblog schreibe, ist für die meisten vermutlich keine Riesenüberraschung, dass ich persönlich bisher mit Social Media nicht soviel anfangen konnte. Aber daraus ergibt sich eine Chance.

Im dritten Abschnitt folgt in direkter Ansprache ein subtiles Kompliment für die Leser und Shitstormteilnehmer: Ihr habt etwas Wichtiges verstanden, was ich so noch nicht kannte. Das ist auch das Eingeständnis der eigenen, persönlichen Unzulänglichkeit – aber diesmal im Fachlichen (es gab ja menschliche und fachliche Fehler bisher). Deshalb wird behutsam erklärt, warum hier offensichtlich ein Mangel an KnowHow herrscht, direkt verbunden mit einer Wendung ins Positive: der folgende Abschnitt über die Chancen wird vorbereitet.

Denn wenn Sie mir auch nichts glauben, dann doch wenigstens, dass wir, das Unternehmen Schlecker und insbesondere ich, die Kraft und die Energie des Internet in den letzten Tagen kennengelernt haben. Die Chance liegt nun darin, diese Kraft auch im positiven Sinn zu nutzen. Mir persönlich will nicht in den Kopf, dass diese sozialen Medien angeblich nur für den Aufschrei taugen sollen – darin muss gerade für Unternehmen auch eine Chance liegen. Und die wollen wir versuchen zu nutzen (und würden uns freuen, wenn Sie dabei mitmachen, müssen Sie aber natürlich nicht).

Der vierte Abschnitt ist der Zukunft zugewandt und dreht die Kraft der eben leicht angeschleimten, digitalen Öffentlichkeit ins Positive. Sowie von Zukunft und positiven Dingen die Rede ist, kommt auch wieder das Unternehmen Schlecker ins Spiel. Die Chancen werden hervorgehoben, die Digitale Öffentlichkeit eingeladen mitzumachen, ohne sich allzu uncharmant aufzudrängen. Und es gibt ein Versprechen, sich mit den Leuten im Internet – die das Stürmchen ja verursacht haben – positiv auseinanderzusetzen. Das erhöht die Aufmerksamkeit für folgende, positive Aktionen.

Abschließend wollen wir uns für den ärgerlichen Eindruck entschuldigen, der durch meine Fehler entstanden ist. Wir wollen alles dafür tun, um zu beweisen, dass dieser Eindruck falsch ist: wir mögen nämlich unsere Kunden, alle Kunden, sie zahlen uns die Miete, wir sind von ihnen abhängig. Und das ist auch der Grund, warum wir versuchen, Artikel, die jeder braucht, so preisgünstig anzubieten, dass sie auch jeder kaufen kann.

Im Schlussteil aber nicht zu positiv euphorisch werden, es handelt sich immerhin um eine Art Entschuldigungsbrief mit zerknirschter Grundstimmung. Deshalb nochmal eine explizte Entschuldigung, auch von Schlecker (“…wollen wir uns ent…”), ohne das Unternehmen dabei in den Vordergrund zu rücken. Nochmal persönlich Stellung beziehen (“meine Fehler”). Dann drehen ins Pathos. Pathos ist verrufen, aber nur bei (hihi) Hochgebildeten Superironikern, bei den meisten kommt Pathos gut an, wenn es richtig eingesetzt wird. Schlecker hat viele Jahre daran gearbeitet, dass Drogerieartikel in Deutschland erschwinglicher sind als irgendwo sonst (im Verhältnis), das kann man also ruhig andeuten.

Mit lieben Grüßen,
Florian Baum
Unternehmenssprecher Schlecker
Social Media-Beauftragter in spe

Halb ernsthafter, halb unterhaltsamer Schlussakkord im neuen Titel des Unternehmenssprechers, der eine nachhaltige Änderung der Haltung und des Verständnis anzeigen soll

Anmerkung: wenn dieser Brief bei Euch jetzt nicht mehr funktionieren sollte, liegt das natürlich zum einen an der unendlichen Weisheit der digitalen Öffentlichkeit, also von Euch, und zum anderen an dem, was Goethe so formuliert hat: “Man erkennt die Absicht und ist verstimmt.”

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Zu Schlecker

Der Schleckerskandal, der eigentlich keiner ist, sondern nur Normalarroganz gepaart mit fehlendem Wissen über die digitale Vernetzung, zeigt drei beachtenswerte Spannungsfelder der digitalen Vernetzung auf:

• Wo früher kommunikative Sphären einigermaßen gut getrennt werden konnten, ist das durch die Vernetzung nicht mehr der Fall. “Niedriges Bildungsniveau” ist in der Sphäre der Werbung ein gängiger Ausdruck, der zunächst ohne jede Wertung daherkommt. Irgendwie muss man seine Zielgruppe ja beschreiben, und wenn die im Schnitt seltener Abitur hat, dann ist das für die Ansprache relevant. Auf Nichtwerber wirkt “niedriges Bildungsniveau” aber völlig anders – nämlich mit eingebauter Wertung. Dass Kommunikate nicht nur an Fachempfänger geraten, die sie korrekt entschlüsseln können, sondern an die digitale Öffentlichkeit – die nach dem Anscheinsprinzip vorgeht – das empfinden besonders professionelle Kommunikatoren als Kontrollverlust und als ungerecht. Ist es auch – aber das ist die Art von Eskalation, die man inzwischen vor dem Hintergrund der digitalen Vernetzung berücksichtigen muss. Vorher. Was zum zweiten Punkt führt:

• Wer öffentlich kommuniziert, denkt vorher über die Wirkung nach (im angestrebten Normalfall). Inzwischen muss das auch für Mikroöffentlichkeiten gelten, im vorliegenden Fall einen Brief zwischen Unbekannten, eine Art Zwei-Personen-Öffentlichkeit. Die digitale, soziale Vernetzung kann solche Mikroöffentlichkeiten mit nur einem Klick durch nur einen Teilnehmer in eine Makroöffentlichkeit verwandeln. Diese Möglichkeit sollte man immer mitdenken. Es mag sich aus Sicht des 20. Jahrhunderts für Privatpersonen anfühlen wie eine unmenschliche Schere im Kopf. Tatsächlich existiert diese Schere längst und ist akzeptiert: Gespräche im Café werden anders geführt als im Wohnzimmer. Für professionelle Kommunikatoren gilt, grundsätzliche jede Mikroöffentlichkeit als Öffentlichkeit zu betrachten und konsistent zu kommunizieren, und zwar konsistent nicht aus Fachsicht, sondern aus Sicht einer möglichen Makroöffentlichkeit. Das ist kein Abgesang auf nichtöffentliche Kommunikation, die muss es weiter geben. Es ist aber der Abschied des früher so angenehmen Opportunismus in der Kommunikation, wo man jeder Zielgruppe einzeln erzählen konnte, was sie vermutet gern hören würde, ohne auf Konsistenz zu achten.

• Und schließlich wirkt Arroganz in der digitalen Öffentlichkeit wie ein Treibstoff der Skandalisierung. Ein Brief gleichen Inhalts, reduziert um den arroganten Unterton, hätte kaum für Aufregung gesorgt. Diese Arroganz, die sich für Außenstehende besonders im Ausdruck “niedriges Bildungsniveau” manifestiert, scheint beim Verfasser des Briefes aber die Standardeinstellung zu sein: default Überheblichkeit. Das wirkt, als müsse er sich in der öffentlichen Kommunikation völlig verstellen und könne im Brief endlich er selbst sein. Das ist sein gutes Recht – nur taugt man mit dieser Einstellung im Zeitalter der digitalen Vernetzung nicht zum professionellen Unternehmens-Kommunikator. Denn genau, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, im Anflug einer Kommunikationskrise, wird eine empörte und kaum feindifferenzierende Meute nach jedem Anzeichen von Hochmut suchen, das sich finden lässt, um sich selbst mit Treibstoff zu versorgen. Wer sich auf einen Sockel stellt, wird in Krisenzeiten angeschossen. Ein Chinesisches Sprichwort sagt: “Wer kein freundliches Gesicht hat, sollte nicht Verkäufer werden.” Wer arrogant ist, sollte nicht Unternehmenssprecher werden – denn durch die digitale Vernetzung lässt sich diese Einstellung wesentlich schwerer verbergen.

Die Schleckersituation ist kein Skandal, weil nichts Schlimmes aufgedeckt worden ist. Es ist stattdessen ein Lehrstück, wie fehlende Sachkunde und eine unangebrachte Haltung, die in der Kommunikationsbranche aber als normal gelten muss, zu einem Kommunikationsdebakel werden können.

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Allgemeine Feststellungen zur Buchsituation

Ausgehend von einem SPON-Interview (über Amazon und den Buchmarkt) des von mir geschätzten Helge Malchow (KiWi-Verleger) hat sich auf Google Plus bei Kathrin Passig eine Diskussion entwickelt. Meinen Kommentar dazu möchte ich hier leicht ausgebaut spiegeln. Ich schreibe ihn auf, weil ich Verlage wirklich gern mag und glaube, dass sie in ihre eigene Marginalisierung rennen. Die Feststellungen beziehen sich in erster Linie auf die Belletristik, der Sachbuchmarkt ist etwas anders gelagert und ausdifferenzierter.

0. Ich möchte in einer Welt leben, in der kluge Leute für das Nachdenken bezahlt werden, und dazu sind Bücher ziemlich gut geeignet. Das ist übrigens auch mein Argument für ein starkes Urheberrecht (mit digitalen Anpassungen, allerdings).

1. Wir befinden uns in einer Übergangszeit. Niemand weiss, wie lange diese Übergangszeit noch dauern wird, weil es von vielen ineinander verzopften Faktoren abhängt, man kann höchstens raten. Solange können Leute über den Buchmarkt das Gegenteil voneinander sagen und beide Recht haben. Nur am Ende gewinnt das Ebook.

2. Der Buchmarkt richtet sich nicht nach dem, was Autoren, Verlage oder Medien wollen. Er richtet sich noch nicht einmal besonders nach dem, was in Gesetzen geschrieben steht. Er ist ein Markt und richtet sich zu allererst und beinahe ausschliesslich nach den Kunden, selbst wenn in Deutschland mit Buchpreisbindung und Zwischenhändlern starke Strukturen gegen den Markt vorhanden sind (note to Marktverächter: so sieht das dann aus, übrigens, mit allen Vor- und Nachteilen). Die sind in Deutschland derzeit ausgesprochen ebookfaul – was sich aber über Nacht ändern könnte, und zwar schon zu Weihnachten diesen Jahres. Dann werden Ebooks vielleicht sogar mehr als 0,5% des Buchmarkts ausmachen.

3. Die deutsche Buchlandschaft – die ich sehr mag, samt Verlagen – hat leider die kaum vielversprechende Strategie, das 20. Jahrhundert digital nachspielen zu wollen. Was bei der Musikindustrie nicht funktioniert hat, wird bei den Verlagen ebenfalls nicht funktionieren, es dauert wegen der völlig anderen Kundenstruktur bloß noch länger, bis sie es merken. Das ist die traurigste Tatsache, weil das heisst, dass irgendwann ein Buchverlagssterben einsetzen wird.

4. Verlage sind wunderbar, jedenfalls einige. Da arbeiten Menschen, die Bücher lieben, jedenfalls einige. Verlage sind der Garant für Querfinanzierung, ohne die in meinen Augen ein Kulturmarkt und damit die Kultur nicht denkbar wäre. Querfinanzierung bedeutet, dass eine Charlotte Roche fünfzig vielversprechende Autoren ernährt – bis vielleicht ihr Buch groß wird. Verlage bedeuten vor allem, dass Autoren vom Schreiben leben können, die eigentlich mit nichts außer dem Schreiben selbst etwas zu tun haben wollen und das ist ganz famos, denn viele sehr, sehr gute Autoren sind so, diesen Sachverhalt nenne ich das Herrndorf-Axiom.

5. Was die Verlage insbesondere nicht begriffen haben, ist, dass sie auf digitalen Geräten konkurrieren mit Angry Birds. Und das kostet 1,49 € oder so, ein Ebook kommt leicht mal mit 16,90 € um die Ecke. Das Argument, man habe doch von einem Buch viel länger Freude ist erstens genau berechnet völlig falsch. Und zweitens entspricht es der Vorstellung, Autokäufer würden Autos nach Kosten je Kilometer kaufen und nicht nach dem Preisschild, was dranhängt. Nach der Logik würden alle die S-Klasse kaufen, weil die zwei Millionen Kilometer durchhält und deshalb nur 5 Cent je Kilometer kostet.

6. Die heutigen Ebook-Reader sind bei allem Fortschritt noch immer grauenvoll. Das ipad ist zu schwer, der Kindle hat ungenügende Usability, nirgends gibt es alle Bücher wegen DRM, dem Senfgas des Internet. Und die anderen Geräte kriegen ja noch nicht mal richtige PR hin, um mich von der Notwendigkeit ihrer Anschaffung zu überzeugen. Aber: der Fortschritt. Heute zu sagen, Ebooks setzen sich nicht durch, die Geräte taugen nichts, ist, als würde man 1987 gesagt haben: Mobiltelefone setzen sich nicht durch, wer soll denn den großen Koffer mit sich rumtragen.

7. Die Zukunft der Verlage liegt im Ebook und damit in folgenden Leistungen (und jetzt rate ich, natürlich, aber es ist eine Art educated guess):
– Scouting guter Inhalte/Autoren
– Vorfinanzierung
– Qualitätssicherung
– Strategieberatung für Autoren (Welches Buch wann, wie, wo)
– Produktberatung (es wird viel mehr als nur ein Ebook geben, zB auch Serien, Abonnements, etc.)
– technische Plattform-Dienstleistungen (damit das Ebook auch überall erscheint, Apple, Amazon, Googlebuchmarkt etc.)
– PR und Kommunikation
– Vertriebsunterstützung (grenzt an Kommunikation, ist aber sehr wichtig, schon heute bei Apps)
– Quervermarktung (international, Filme, allgemeine Zweitverwertungen)

Das Problem der Verlage in Deutschland ist, dass sie einen guten Teil dieser Funktionen ausgelagert haben an Literaturagenturen oder Dienstleister und in den anderen Bereichen nicht wissbegierig lernen, sondern die digitale Realität verleugnen: Sie macht ja erst 0,5% des Umsatzes aus. Das bedeutet (falls sich nichts ändert, und zwar schnell) – es wird weiter Verlage geben, auch große, aber es werden nur zu einem mittelgroßen Prozentteil die Verlage sein, die wir heute kennen. Denn bereit UND fit für die Transformation ist meiner Einschätzung nach ungefähr keiner, und zwar – man mag es glauben oder nicht – aus weitgehend romantischen Gründen. Und das passt im Guten wie im Schlechten dann doch ganz gut zur Buchbranche.

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Die Abschaffung der Rückseite des Blogs

Neulich schrieb ich über den Zusammenhang zwischen Blogs und sozialen Netzwerken: “Die Vernetzung geschieht via Social Media, die nichtflüchtige Substanz findet auf Blogs statt”. Und in der Tat: gerade in Zeiten der unnachgiebigen Plattformkontrolle durch diese Netzwerke ist Bloggen famoser denn je – aber hat sich in den letzten Jahren konzeptionell kaum weiterentwickelt. Jedenfalls nicht die Variante mit dem besten unabhängigen System, nämlich WordPress.

Gleichzeitig lässt sich auf Google Plus spüren, wie sehr der interessierte Digitalbürger an Diskussionen im Netz interessiert ist, zu allen möglichen Themen, Finanzkrise, Staatstrojaner, Bilddokumente des Katzenalltags. Weil aber Google Plus wenig überraschend vollständig der Willkür des Internetkonzerns Google unterworfen ist, gilt es, die konzeptionell guten Dinge von Google Plus in die privat kontrollierten Blogs hinüberzuretten.

Ich habe mich gefragt, weshalb zum Beispiel Kathrin Passig auf Google Plus wunderbare kleine Sequenzen, Beobachtungen, Analysen veröffentlicht, aber nicht auf einem eigenen Blog. Und weshalb es mir so geht, dass ich an Blogpostings tagelang arbeite (und deshalb alle 235 Tage blogge), kurze Gedanken aber entweder auf Google Plus mitteile oder gar nicht.

Es liegt zu einem guten Teil an der fehlenden Rückseite von Google Plus. Ich habe dort kein vorgetäuschtes User-Backend für Arme, ich kann die Beiträge einfach so reinschreiben ins Internet.

Rückseiten gehören abgeschafft.

Es wird immer eine Profirückseite jeder Software geben, aber die Rückseite von WordPress ist ja gar nicht für Profis, sondern auch bloß ein halbgares Interface für Halbanfänger, das bei jeder zweiten Feinjustierung an seine Grenzen stösst. Das benutze ich, wenn es sein muss, aber ich möchte es nicht beim posten sehen, dadurch wird das Posten so unangenehm offiziös. Als würde man vor einer Autofahrt erstmal die Motorhaube aufmachen, Handschuhe anziehen und ölverschmierte Teile feinjustieren.

Ich möchte wie bei G+ gleich losfahren mit meinem Blog – und habe ein Plugin installiert namens Quick Post Widget. Damit lässt sich mit einigen Tricks ein (nur für mich sichtbares) Feld ganz oben im Blog festtackern, das beinahe aussieht wie das Eingabefeld von G+. Und um einen Unterschied zu meinen arbeitsintensiven, längeren Artikeln auch von außen sichtbar zu machen, leite ich die so entstandenen, kurzen Postings in eine eigene Rubrik mit dem Namen Notiz, die grau hinterlegt ist und eine kleinere Überschrift hat. Voilà.

Dank an Marcel Weiß, der mich daran erinnert hat, häufiger zu bloggen und an Christoph Kappes, der den Back-to-the-Blog-Gedanken formuliert hat. Kathrin Passig schließlich fordere ich auf bitte ich, auf einer eigenen Plattform zu bloggen, exakt so, wie sie es auf Google Plus schon tut.

 

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