Posts by: Sascha Lobo

Zu Schlecker

Der Schleckerskandal, der eigentlich keiner ist, sondern nur Normalarroganz gepaart mit fehlendem Wissen über die digitale Vernetzung, zeigt drei beachtenswerte Spannungsfelder der digitalen Vernetzung auf:

• Wo früher kommunikative Sphären einigermaßen gut getrennt werden konnten, ist das durch die Vernetzung nicht mehr der Fall. “Niedriges Bildungsniveau” ist in der Sphäre der Werbung ein gängiger Ausdruck, der zunächst ohne jede Wertung daherkommt. Irgendwie muss man seine Zielgruppe ja beschreiben, und wenn die im Schnitt seltener Abitur hat, dann ist das für die Ansprache relevant. Auf Nichtwerber wirkt “niedriges Bildungsniveau” aber völlig anders – nämlich mit eingebauter Wertung. Dass Kommunikate nicht nur an Fachempfänger geraten, die sie korrekt entschlüsseln können, sondern an die digitale Öffentlichkeit – die nach dem Anscheinsprinzip vorgeht – das empfinden besonders professionelle Kommunikatoren als Kontrollverlust und als ungerecht. Ist es auch – aber das ist die Art von Eskalation, die man inzwischen vor dem Hintergrund der digitalen Vernetzung berücksichtigen muss. Vorher. Was zum zweiten Punkt führt:

• Wer öffentlich kommuniziert, denkt vorher über die Wirkung nach (im angestrebten Normalfall). Inzwischen muss das auch für Mikroöffentlichkeiten gelten, im vorliegenden Fall einen Brief zwischen Unbekannten, eine Art Zwei-Personen-Öffentlichkeit. Die digitale, soziale Vernetzung kann solche Mikroöffentlichkeiten mit nur einem Klick durch nur einen Teilnehmer in eine Makroöffentlichkeit verwandeln. Diese Möglichkeit sollte man immer mitdenken. Es mag sich aus Sicht des 20. Jahrhunderts für Privatpersonen anfühlen wie eine unmenschliche Schere im Kopf. Tatsächlich existiert diese Schere längst und ist akzeptiert: Gespräche im Café werden anders geführt als im Wohnzimmer. Für professionelle Kommunikatoren gilt, grundsätzliche jede Mikroöffentlichkeit als Öffentlichkeit zu betrachten und konsistent zu kommunizieren, und zwar konsistent nicht aus Fachsicht, sondern aus Sicht einer möglichen Makroöffentlichkeit. Das ist kein Abgesang auf nichtöffentliche Kommunikation, die muss es weiter geben. Es ist aber der Abschied des früher so angenehmen Opportunismus in der Kommunikation, wo man jeder Zielgruppe einzeln erzählen konnte, was sie vermutet gern hören würde, ohne auf Konsistenz zu achten.

• Und schließlich wirkt Arroganz in der digitalen Öffentlichkeit wie ein Treibstoff der Skandalisierung. Ein Brief gleichen Inhalts, reduziert um den arroganten Unterton, hätte kaum für Aufregung gesorgt. Diese Arroganz, die sich für Außenstehende besonders im Ausdruck “niedriges Bildungsniveau” manifestiert, scheint beim Verfasser des Briefes aber die Standardeinstellung zu sein: default Überheblichkeit. Das wirkt, als müsse er sich in der öffentlichen Kommunikation völlig verstellen und könne im Brief endlich er selbst sein. Das ist sein gutes Recht – nur taugt man mit dieser Einstellung im Zeitalter der digitalen Vernetzung nicht zum professionellen Unternehmens-Kommunikator. Denn genau, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, im Anflug einer Kommunikationskrise, wird eine empörte und kaum feindifferenzierende Meute nach jedem Anzeichen von Hochmut suchen, das sich finden lässt, um sich selbst mit Treibstoff zu versorgen. Wer sich auf einen Sockel stellt, wird in Krisenzeiten angeschossen. Ein Chinesisches Sprichwort sagt: “Wer kein freundliches Gesicht hat, sollte nicht Verkäufer werden.” Wer arrogant ist, sollte nicht Unternehmenssprecher werden – denn durch die digitale Vernetzung lässt sich diese Einstellung wesentlich schwerer verbergen.

Die Schleckersituation ist kein Skandal, weil nichts Schlimmes aufgedeckt worden ist. Es ist stattdessen ein Lehrstück, wie fehlende Sachkunde und eine unangebrachte Haltung, die in der Kommunikationsbranche aber als normal gelten muss, zu einem Kommunikationsdebakel werden können.

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Allgemeine Feststellungen zur Buchsituation

Ausgehend von einem SPON-Interview (über Amazon und den Buchmarkt) des von mir geschätzten Helge Malchow (KiWi-Verleger) hat sich auf Google Plus bei Kathrin Passig eine Diskussion entwickelt. Meinen Kommentar dazu möchte ich hier leicht ausgebaut spiegeln. Ich schreibe ihn auf, weil ich Verlage wirklich gern mag und glaube, dass sie in ihre eigene Marginalisierung rennen. Die Feststellungen beziehen sich in erster Linie auf die Belletristik, der Sachbuchmarkt ist etwas anders gelagert und ausdifferenzierter.

0. Ich möchte in einer Welt leben, in der kluge Leute für das Nachdenken bezahlt werden, und dazu sind Bücher ziemlich gut geeignet. Das ist übrigens auch mein Argument für ein starkes Urheberrecht (mit digitalen Anpassungen, allerdings).

1. Wir befinden uns in einer Übergangszeit. Niemand weiss, wie lange diese Übergangszeit noch dauern wird, weil es von vielen ineinander verzopften Faktoren abhängt, man kann höchstens raten. Solange können Leute über den Buchmarkt das Gegenteil voneinander sagen und beide Recht haben. Nur am Ende gewinnt das Ebook.

2. Der Buchmarkt richtet sich nicht nach dem, was Autoren, Verlage oder Medien wollen. Er richtet sich noch nicht einmal besonders nach dem, was in Gesetzen geschrieben steht. Er ist ein Markt und richtet sich zu allererst und beinahe ausschliesslich nach den Kunden, selbst wenn in Deutschland mit Buchpreisbindung und Zwischenhändlern starke Strukturen gegen den Markt vorhanden sind (note to Marktverächter: so sieht das dann aus, übrigens, mit allen Vor- und Nachteilen). Die sind in Deutschland derzeit ausgesprochen ebookfaul – was sich aber über Nacht ändern könnte, und zwar schon zu Weihnachten diesen Jahres. Dann werden Ebooks vielleicht sogar mehr als 0,5% des Buchmarkts ausmachen.

3. Die deutsche Buchlandschaft – die ich sehr mag, samt Verlagen – hat leider die kaum vielversprechende Strategie, das 20. Jahrhundert digital nachspielen zu wollen. Was bei der Musikindustrie nicht funktioniert hat, wird bei den Verlagen ebenfalls nicht funktionieren, es dauert wegen der völlig anderen Kundenstruktur bloß noch länger, bis sie es merken. Das ist die traurigste Tatsache, weil das heisst, dass irgendwann ein Buchverlagssterben einsetzen wird.

4. Verlage sind wunderbar, jedenfalls einige. Da arbeiten Menschen, die Bücher lieben, jedenfalls einige. Verlage sind der Garant für Querfinanzierung, ohne die in meinen Augen ein Kulturmarkt und damit die Kultur nicht denkbar wäre. Querfinanzierung bedeutet, dass eine Charlotte Roche fünfzig vielversprechende Autoren ernährt – bis vielleicht ihr Buch groß wird. Verlage bedeuten vor allem, dass Autoren vom Schreiben leben können, die eigentlich mit nichts außer dem Schreiben selbst etwas zu tun haben wollen und das ist ganz famos, denn viele sehr, sehr gute Autoren sind so, diesen Sachverhalt nenne ich das Herrndorf-Axiom.

5. Was die Verlage insbesondere nicht begriffen haben, ist, dass sie auf digitalen Geräten konkurrieren mit Angry Birds. Und das kostet 1,49 € oder so, ein Ebook kommt leicht mal mit 16,90 € um die Ecke. Das Argument, man habe doch von einem Buch viel länger Freude ist erstens genau berechnet völlig falsch. Und zweitens entspricht es der Vorstellung, Autokäufer würden Autos nach Kosten je Kilometer kaufen und nicht nach dem Preisschild, was dranhängt. Nach der Logik würden alle die S-Klasse kaufen, weil die zwei Millionen Kilometer durchhält und deshalb nur 5 Cent je Kilometer kostet.

6. Die heutigen Ebook-Reader sind bei allem Fortschritt noch immer grauenvoll. Das ipad ist zu schwer, der Kindle hat ungenügende Usability, nirgends gibt es alle Bücher wegen DRM, dem Senfgas des Internet. Und die anderen Geräte kriegen ja noch nicht mal richtige PR hin, um mich von der Notwendigkeit ihrer Anschaffung zu überzeugen. Aber: der Fortschritt. Heute zu sagen, Ebooks setzen sich nicht durch, die Geräte taugen nichts, ist, als würde man 1987 gesagt haben: Mobiltelefone setzen sich nicht durch, wer soll denn den großen Koffer mit sich rumtragen.

7. Die Zukunft der Verlage liegt im Ebook und damit in folgenden Leistungen (und jetzt rate ich, natürlich, aber es ist eine Art educated guess):
– Scouting guter Inhalte/Autoren
– Vorfinanzierung
– Qualitätssicherung
– Strategieberatung für Autoren (Welches Buch wann, wie, wo)
– Produktberatung (es wird viel mehr als nur ein Ebook geben, zB auch Serien, Abonnements, etc.)
– technische Plattform-Dienstleistungen (damit das Ebook auch überall erscheint, Apple, Amazon, Googlebuchmarkt etc.)
– PR und Kommunikation
– Vertriebsunterstützung (grenzt an Kommunikation, ist aber sehr wichtig, schon heute bei Apps)
– Quervermarktung (international, Filme, allgemeine Zweitverwertungen)

Das Problem der Verlage in Deutschland ist, dass sie einen guten Teil dieser Funktionen ausgelagert haben an Literaturagenturen oder Dienstleister und in den anderen Bereichen nicht wissbegierig lernen, sondern die digitale Realität verleugnen: Sie macht ja erst 0,5% des Umsatzes aus. Das bedeutet (falls sich nichts ändert, und zwar schnell) – es wird weiter Verlage geben, auch große, aber es werden nur zu einem mittelgroßen Prozentteil die Verlage sein, die wir heute kennen. Denn bereit UND fit für die Transformation ist meiner Einschätzung nach ungefähr keiner, und zwar – man mag es glauben oder nicht – aus weitgehend romantischen Gründen. Und das passt im Guten wie im Schlechten dann doch ganz gut zur Buchbranche.

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Die Abschaffung der Rückseite des Blogs

Neulich schrieb ich über den Zusammenhang zwischen Blogs und sozialen Netzwerken: “Die Vernetzung geschieht via Social Media, die nichtflüchtige Substanz findet auf Blogs statt”. Und in der Tat: gerade in Zeiten der unnachgiebigen Plattformkontrolle durch diese Netzwerke ist Bloggen famoser denn je – aber hat sich in den letzten Jahren konzeptionell kaum weiterentwickelt. Jedenfalls nicht die Variante mit dem besten unabhängigen System, nämlich WordPress.

Gleichzeitig lässt sich auf Google Plus spüren, wie sehr der interessierte Digitalbürger an Diskussionen im Netz interessiert ist, zu allen möglichen Themen, Finanzkrise, Staatstrojaner, Bilddokumente des Katzenalltags. Weil aber Google Plus wenig überraschend vollständig der Willkür des Internetkonzerns Google unterworfen ist, gilt es, die konzeptionell guten Dinge von Google Plus in die privat kontrollierten Blogs hinüberzuretten.

Ich habe mich gefragt, weshalb zum Beispiel Kathrin Passig auf Google Plus wunderbare kleine Sequenzen, Beobachtungen, Analysen veröffentlicht, aber nicht auf einem eigenen Blog. Und weshalb es mir so geht, dass ich an Blogpostings tagelang arbeite (und deshalb alle 235 Tage blogge), kurze Gedanken aber entweder auf Google Plus mitteile oder gar nicht.

Es liegt zu einem guten Teil an der fehlenden Rückseite von Google Plus. Ich habe dort kein vorgetäuschtes User-Backend für Arme, ich kann die Beiträge einfach so reinschreiben ins Internet.

Rückseiten gehören abgeschafft.

Es wird immer eine Profirückseite jeder Software geben, aber die Rückseite von WordPress ist ja gar nicht für Profis, sondern auch bloß ein halbgares Interface für Halbanfänger, das bei jeder zweiten Feinjustierung an seine Grenzen stösst. Das benutze ich, wenn es sein muss, aber ich möchte es nicht beim posten sehen, dadurch wird das Posten so unangenehm offiziös. Als würde man vor einer Autofahrt erstmal die Motorhaube aufmachen, Handschuhe anziehen und ölverschmierte Teile feinjustieren.

Ich möchte wie bei G+ gleich losfahren mit meinem Blog – und habe ein Plugin installiert namens Quick Post Widget. Damit lässt sich mit einigen Tricks ein (nur für mich sichtbares) Feld ganz oben im Blog festtackern, das beinahe aussieht wie das Eingabefeld von G+. Und um einen Unterschied zu meinen arbeitsintensiven, längeren Artikeln auch von außen sichtbar zu machen, leite ich die so entstandenen, kurzen Postings in eine eigene Rubrik mit dem Namen Notiz, die grau hinterlegt ist und eine kleinere Überschrift hat. Voilà.

Dank an Marcel Weiß, der mich daran erinnert hat, häufiger zu bloggen und an Christoph Kappes, der den Back-to-the-Blog-Gedanken formuliert hat. Kathrin Passig schließlich fordere ich auf bitte ich, auf einer eigenen Plattform zu bloggen, exakt so, wie sie es auf Google Plus schon tut.

 

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Unignorierbar – die schiere Größe der sozialen Medien

Die mir am häufigsten gestellte Frage lautet:
“Muss man eigentlich Social Media machen?”

Für Privatpersonen fällt die Antwort leicht: Nein.

Für die Politik fällt die Antwort auch leicht: Ja.
Die sozialen Medien sind der Weg der direkten Kommunikation mit den Bürgern. Sie bilden eine notwendige Ergänzung der indirekten Kommunikation mit den Bürgern über die professionellen Medien – mit denen man als Politiker auch sprechen muss. Oder viel mehr: man wäre außerordentlich schlecht beraten, gar nicht mit den Medien zu sprechen. Die sozialen Medien sind für die Politik wichtig, weil Bürger dort sind. Und zwar viele.

Für Unternehmen (und Selbständige) ist die Frage weniger leicht zu beantworten. Im Jahr 2010 sagte Mark Zuckerberg: “If you look five years out, every industry is going to be rethought in a social way“. Einige Berater erzählen dementsprechend sinngemäß, dass DAX-Konzerne ohne Twitter-Account schon so gut wie insolvent seien. Das ist natürlich Unfug.

Aber.

Social Media ist so groß, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Groß hier im Sinne der Aufmerksamkeitsbündelung. Social Media ist so groß, dass man es als gegenwärtigen Entwicklungsstand des gesamten Internet betrachten muss. Und das bedeutet, dass man im Jahr 2011 als Unternehmen einen guten Grund dafür braucht, Social Media nicht auszuprobieren. Es gibt diese guten Gründe, sie hängen mit der jeweiligen Branche zusammen, mit der Unternehmenskultur und -struktur, mit der Unternehmensführung, mit einzelnen Abteilungen, mit der Unternehmensgröße und vielem anderen mehr. Aber ein Unternehmen muss 2011 für sich begründen, weshalb es nicht zumindest mit den Sozialen Medien experimentiert. Und der Grund darf nicht lauten: “Och nää, ist doch kindisch”. Denn die Entwicklung, die Mark Zuckerberg mit seinem Zitat meinte, beginnt mit den sozialen Medien (aber umfasst natürlich wesentlich mehr als Facebook, Twitter, Blogs).

Nur – wie groß ist Social Media eigentlich? Selbst Fachleute unterschätzen die schiere Größe, und deshalb habe ich ein Schaubild gebastelt. Es zeigt die schiere Größe der Vorzeigeplattform der sozialen Medien, Facebook, nach Pageviews die erstgrößte Seite der Welt, im Vergleich zur zweit- bis 100stgrößten Seite* des World Wide Web – zusammenaddiert. Facebook funktioniert hier auch als Symbol für die sozialen Medien. Und Social Media bedeutet: Jeder kann publizieren und ist so Teil der Digitalen Öffentlichkeit.

Voilà:

* Natürlich ist Social Media mehr als Facebook, aber Facebook ist nach Pageviews mit Abstand am größten. Pageviews sind noch immer eine (die) entscheidende Größe bei der Vermarktung. Unter den abgebildeten TOP 100 (sortiert allerdings nach Unique Visitors) finden sich noch dazu Seiten wie YouTube, Twitter oder WordPress, die ebenfalls Social Media zuzurechnen sind. Abgetragen sind dabei die Seitenaufrufe von Facebook weltweit, der TOP 100 Seiten weltweit des Internet, genauer: des World Wide Web (jedoch ohne Google und Pornographie). Zur Orientierung daneben: die gesamte deutsche Medienlandschaft, die sich bei IVW messen lässt (das sind ungefähr alle professionellen Onlinemedien in Deutschland, 46 Mrd. PI). Daneben die Seitenaufrufe der drei VZ-Netzwerke (2,8 Mrd. PI) sowie Spiegel Online (800 Mio. PI). Die Daten stammen vom Google Adplanner, der google.com selbst nicht mitanzeigt. Die Zahlen des Adplanner sind zwar Schätzungen, gelten aber als einigermaßen aussagekräftig. Für die deutschen Medien stammen die Zahlen von der IVW, der Vereinigung, die in Deutschland Onlinemedien recht präzise mit Zählpixeln ausmisst.

tl;dr
Social Media ist sehr viel größer, als man glaubt – so groß, dass man Social Media als gegenwärtigen Entwicklungsstand des Internet bezeichnen muss.

Nachtrag:
Natürlich werden hier bis zu einem gewissen Grad Äpfel mit völlig anderen Äpfeln verglichen, und auch die PI ist nicht das Maß aller Dinge. Es geht mir um die Größenordnung der sozialen Medien, und die lassen sich hier erahnen.

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Bundestrojaner für Mac

Nach intensiven Protesten durch verärgerte Apple-Nutzer ist der Bundestrojaner ab demnächst endlich auch für Mac-Computer verfügbar. Der Bundestrojanerbeauftragte beteuerte, die App bereits zur Prüfung an den Appstore übermittelt zu haben. Dort werde überprüft, ob ggf. Urheberrechte verletzt würden oder unzulässige Worte wie “Fuck”, “Bitch” oder “Android” im Quelltext der Anwendung vorkämen. Die zuständigen Stellen der Ermittlungsbehörden erklärten, das erfahrene Entwicklerteam “h4xx0rz 1337” – auf deren Seite bundeswarez.ru man die Software recht preisgünstig habe erwerben können – habe hoch und heilig versprochen, sich an alle im Chat vereinbarten Regeln gehalten zu haben.

Besonders stolz sind die zuständigen Behörden auf den nutzerzentrierten Ansatz der Anwendung: “Anders, als man es sonst von staatlicher Software gewohnt ist, haben wir beim Bundestrojaner für den Mac Usability groß geschrieben. Die Nutzer müssen buchstäblich gar nichts tun, um die App zu nutzen.” Die für PC-Nutzer längst selbstverständliche, automatische Ferninstallation im Hintergrund und ohne lästige Rückfragen sei nun auch für die bedeutende und immer größer werdende Zielgruppe der Apple-User verfügbar.

Für den “Bundestrojaner 4 Mac”, so der offizielle Name der Applikation, gelten folgende Systemvoraussetzungen:

• Mac-Computer mit einem Intel- oder PowerPC G5-Prozessor (867MHz oder schneller)
• 512 MB Arbeitsspeicher oder mehr
• 2,5 GB freier Festplattenspeicher für die regelmäßigen Screenshots im Offline-Modus

Weiterhin wird der Bundestrojaner 4 Mac auf allen Rechnern ab Betriebssystemversion OSX 10.5 laufen. Für Nutzer älterer Betriebssysteme soll zeitnah ein allerdings kostenpflichtiges Softwareupdate veröffentlicht werden. Bis dahin sind betroffene Nutzer aufgerufen, die Lücke händisch zu schließen: der Bundestrojaner 4 Mac fordert im Anwendungsfall den User auf, regelmäßig selbst Screenshots mithilfe der Tastenkombination “cmd shift 3” anzufertigen und an eine individuell eingerichtete Mailadresse zu verschicken.

Enttäuschung herrschte dagegen beim Verband der Linuxnutzer: “Einmal mehr versagt die IT-Strategie des Bundes und die Lobbyisten der proprietären Betriebssysteme haben sich zum Schaden aller Bürger durchgesetzt. Open Source-Software wird völlig ignoriert.” Experten gehen davon aus, dass wegen der umfangreichen, bereits verfügbaren freien Malware ein Open-Source-Bundestrojaner sehr preisgünstig realisiert und vermutlich sogar crowdgesourced werden könne. “Es ist keine Frage der Kosten, sondern des Willens”, so der Linuxverband.

Mit dieser Problematik konfrontiert, gab sich der Bundestrojanerbeauftragte wortkarg, versprach aber, zumindest im mobilen Bereich deutlich nachzubessern. Schon 2012 solle eine mobile Version des Bundestrojaners veröffentlicht werden, die dann plattformübergreifend sowohl auf iPhones und iPads wie auch auf allen Android-Devices funktionieren solle. Entsprechende Funktionalitäten habe die NSA ausdrücklich zugesichert. Auf eine Version für das Nokia-Betriebssystem verzichte man allerdings, weil man alle zwölf Nutzer auch so im Auge behalten könne.

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Siegfried Kauder und der Große Bär

Ja, hier!
Ich!
Ich verdiene einen Teil meines Geldes, weil das Urheberrecht existiert, vor allem mit meinen Büchern, die in einem klassischen Verlag erscheinen, nämlich Rowohlt.

Ich mag die Substanz des Urheberrechts, ich bin der Überzeugung, dass bestimmte Formen des geistigen Eigentums für eine Gesellschaft sehr wichtig sind, weil dadurch das Nachdenken und Kreieren belohnt wird. Meine Idealvorstellung von Gesellschaft ist eine, in der viele, auch unterschiedliche Menschen hauptberuflich nachdenken und kreieren können. Und das Urheberrecht trägt dazu bei.

Allerdings ist das Urheberrecht vor drei Wochen 46 Jahre alt geworden, und damit, wie soll ich es sagen, nicht unbedingt ein Digital Native. Da helfen auch die Bypass-Operationen der vergangen Jahre, getarnt mit dem Wort “Körbe”, nicht wirklich weiter. Denn das Netz und auch der gesellschaftliche Wandel bedingen ohne jeden Zweifel ein neues, der digitalen Welt angemessenes und würdiges Urheberrecht. Wie das genau aussieht, kann ich nicht sagen, ich glaube, niemand könnte das derzeit, ich wäre aber gern bereit, daran in einem mir möglichen Rahmen mitzuarbeiten.

Denn ein digitales Fundament zu legen für das wichtigste Gesetz der zukünftigen Kulturlandschaft, das wird viel Arbeit sein. Der Interessenausgleich zwischen den unterschiedlichen Gruppen wird für sich genommen schon schwierig. Und ich möchte bei aller Liebe nicht, dass Menschenrechte, auch digitale, weniger Wert sind als das Urheberrecht und seine Durchsetzung. Völlig unabhängig davon, dass ich davon rein finanziell unter Umständen vielleicht eventuell nach Darstellung von Lobbygruppen vielleicht profitieren würde (was ich nicht glaube, übrigens).

Wegen der Komplexität und der überaus hohen Relevanz verlange ich als Autor und Bürger zuallererst, dass sich Profis mit der Entwicklung des neuen Urheberrechts beschäftigen. Leute, die wissen, was sie tun, eben Leute, die darüber hauptberuflich nachdenken.

Jetzt kommt Siegfried Kauder ins Spiel – oder eben gerade nicht. Kauder hat sich vor einiger Zeit auf peinliche Weise angebiedert bei einem Lobbyverband, der glaubt, er würde die Idee des Urheberrechts verteidigen, aber tatsächlich versucht, das 20. Jahrhundert möglichst lange aufrecht zu erhalten.

Und nun wird schlagartig klar: Siegfried Kauder ist der falschestmögliche Mensch, um an einem neuen Urheberrechtsgesetz für das Internet zu arbeiten. Nicht nur, dass es ihn selbst nicht kümmert, was die Bildrechte auf seiner eigenen Homepage angeht. Dazu noch gibt er eine Erklärung ab, die zeigt, dass er nicht einmal den Begriff “Urheberrecht” richtig verwenden kann. Dabei ist die Beherrschung der Sprache seit über 2000 Jahren das Fundament von Gesetzestexten und Rechtsprechung, die ja genau deshalb auch so heißen. Als zusätzliches Sahnekrönchen hat Kauder mehrfach gezeigt, dass er vom Internet keinerlei tiefere Kenntnis besitzt, aber sich pressewirksame Meinungen anzueignen versteht.

Ich bin sauer, ich bin sehr, sehr sauer. Es gibt Kräfte, die das Urheberrecht abschaffen oder in die Unwirksamkeit treiben wollen. Dieses Vorhaben ist politisch auch ihr gutes Recht, die Begründungen dafür sind nicht mehr so hanebüchen wie vor ein paar Jahren, sondern kommen zunehmend intelligent und durchdacht daher. Wie beschrieben, halte ich diese Überzeugung für unrichtig, selbst wenn ich sie ernst nehme. Aber politisch für ein neues, ausgewogenes, durchdachtes Urheberrecht zu kämpfen, das erfordert doch Integrität, Sachkenntnis, Auseinandersetzung. Es erfordert – und da bin ich total altmodisch, ihr Flitzpiepen – es erfordert verdammte Vernunft. Vernunft wie in “die Realität nicht leugnen”. Vernunft wie in “die eigenen Worte ernst nehmen”, wer sollte sie denn sonst ernst nehmen können. Vernunft wie – Überraschung! – in “nachdenken”.

Siegfried Kauder hat sich mit seinen Aktionen und vor allem dem aktuellen Urheberrechtsdebakel samt realitätsferner Begründung zur Witzfigur gemacht. Er hat damit denjenigen, die ein neues, gutes Urheberrecht wollen, das in der digitalen Welt wirklich funktionieren kann, einen Bärendienst erwiesen, dessen dazugehöriger Bär ungefähr dem Umfang des Sternbilds Großer Bär entspricht.

Ich fasse zusammen: Jemand, der weder das Internet versteht noch den Begriff “Urheberrecht” richtig zu verwenden in der Lage ist, der auf der eigenen Webseite keine Hemmungen hat, das Urheberrecht mit Füssen zu treten und anschließend kein echtes Unrechtsbewusstsein an den Tag legt, sondern in einer nordkoreanisch anmutenden, beinahe guttenbergischen Realitätsverdrehung versucht, sein eigenes Fehlverhalten als Beweis seiner abstrusen Vorstellungen von Urheberrecht und Internet umzudeuten – 

so jemand wie Siegfried Kauder also ist nicht nur Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestags, sondern versucht auch, das Urheberrecht, von dem ich lebe, in die digitale Zukunft zu führen. Haltet die Druckerpressen an, streicht im Duden die Wendung “den Bock zum Gärtner machen”, schreibt fürderhin “den Kauder Gesetze machen lassen”.

Für mich führt an einem Rücktritt vom Vorsitz des Rechtssausschusses des Bundestags nach eingestandenem mehrfachem Bruch geltender Urheberrechtsgesetze kein Weg vorbei.

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Addendum zu “Der neue Terrorismus kommt aus dem Netz”

Am Ende oder viel mehr am Anfang ist es die Frage, ob man das Internet als Werkzeug betrachtet oder als Sphäre. Sieht man das Netz als Werkzeug, dann liegt die Brotmesser-Metapher nahe: mit einem Brotmesser lässt sich jemand umbringen, aber das sagt nichts über Brotmesser aus, jede Diskussion über Konsequenzen für Brotmesser-Hersteller würde als lächerlich empfunden werden.

Natürlich bin ich Anhänger des Modells der Sphäre. Im Netz passiert Gesellschaft. Und zwar auf andere Art als in der Kohlenstoffwelt, auch wenn die beiden Sphären zusammenwachsen. Das heisst auch, dass man die meisten, wenn nicht alle gesellschaftlichen Prozesse im Netz neu untersuchen muss. Manche werden gleich sein, viele ähnlich, die meisten aber anders als in der Restwelt. In meiner Kolumne auf Spiegel Online habe ich die Frage untersucht, ob Terrorismus im Netz entstehen kann. Streng genommen müsste man fragen, ob Terrorismus auch im Netz entstehen kann, aber dass es Terror vor dem Internet gab und also auch ohne entstehen kann – naja nun, muss man darüber auch nur einen Satz verlieren?

Wenn man das Internet als Sphäre betrachtet, in der Gesellschaft stattfindet, wird dort früher oder später auch Terrorismus stattfinden, der im Netz geboren ist. Es lässt sich streiten, ab wann eine Tat “im Netz geboren” ist. Für mich reicht als Definition aus, dass eine Radikalisierung weitgehend im Netz entstanden ist und nicht im Live-Austausch in Terrorzellen. Etwa zwei Drittel des Dokuments von Breivik habe ich durchgearbeitet, wer es liest, muss sich schon anstrengen, um darin etwas anderes zu sehen als ein Text-Mash-Up, ein Dokument der Filter-Bubble-Radikalisierung. Natürlich kann man sich über die Analogie zu “Open Source” streiten, aber ich glaube, dass es nicht darauf ankommt. Und dass es alle Mechanismen auch schon vorher gab – geschenkt, das wichtige Wörtchen heisst auch. Es ist auch im Netz möglich – und hebt so die Diskussion auf eine andere Ebene. Brotmesser-Ideologen sagen: egal, es ist doch nur ein Instrument. Und erinnern damit fatal an die unwürdige Diskussion um Feuerwaffen in den USA, Stichwort: “Guns don’t kill people, people kill people” – was ich lediglich für technisch korrekt, aber für gesellschaftlich völlig falsch halte.

Heute früh habe ich einen kurzen, krassen Artikel gelesen: ein Hacker mit Diabetes hat es angeblich geschafft, eine implantierte Insulin-Pumpe so zu hacken, dass er tödliche Dosen Insulin per Fernsteuerung aus einer halben Meile Entfernung auslösen könnte. Eines der völlig neuen Probleme der verschmelzenden Welten. Und im Zweifel eine Art von digitalem DriveBy-Shooting, ein in der Digitalen Sphäre geborener Terror.

Was mich auf die – zugegeben in meiner Kolumne nicht ausreichend deutlich betonte – Quintessenz bringt:

Die Argumentation für ein freies und offenes Internet muss selbst dann greifen, wenn Terror im Netz geboren wird. Unabhängig davon, ob man Breivik als “im Netz geboren” betrachtet oder nicht (für beides gibt es Argumente, meine Sicht habe ich aufgeschrieben).

Irgendwann werden terroristische Akte geschehen, die unleugbar netzbasiert sind. Und dann? Weiter so tun, als wäre das Netz niemals an irgendwas schuld? Weiter die Brotmesser-Metapher benutzen? Das wird schon deshalb schiefgehen, weil wir in einer Demokratie leben und also die Meinung der Mehrheit eine ganze Menge zählt.

Für mich ist die Offenheit und Freiheit des Netzes nicht verhandelbar, weil es sich lediglich um einen Aspekt der Freiheit und Offenheit der Gesellschaft handelt. Auch dahinter steht das Sphärenmodell. Aber daraus folgt zwingend: wir – damit meine ich diejenigen, die für das Internet in dieser Form argumentieren und kämpfen – dürfen uns niemals auf das dünne Argumentations-Eis begeben, das Netz für ausschliesslich positiv wirkend zu halten. Es muss Gegenmittel gegen Kriminalität und Terror im Netz geben, aber sie dürfen eben die freie und offene Gesellschaft im Digitalen nicht beschädigen.

Wer leugnet, dass im Netz Terror entstehen könnte (unabhängig von der diesbezüglichen Einschätzung zu Breivik übrigens), wird ein sehr großes Problem haben, wenn einer der vielen grauenvollen Kommentatoren der vielen rechtsradikalen Blogs in Deutschland durchdreht und wahrmacht, was er jeden Tag in die Kommentarspalten hineinschreibt. Ich fürchte mich vor diesem Tag, nicht nur wegen der Tat, sondern weil damit die schlechte Vorratsdatenspeicherung, die schlimme Rundumüberwachung im Netz, die katastrophalen Netzsperren und so weiter fast gewonnen haben werden. Es ist im friedlichen Deutschland zum Glück bisher kaum vorstellbar, was für eine gesellschaftliche Wucht ein tatsächlicher Anschlag entfalten kann. Ein solcher Sturm fegt alles hinweg, da kann man petitionieren, bis die Server glühen – zwei Tage nach einem Attentat in Deutschland sind die schärfstmöglichen Gesetze so gut wie beschlossen. Von allen Parteien übrigens. Deshalb müssen sich die Verfechter des freien und offenen Netzes wappnen und ihre Argumentation nicht auf Brotmessern aufbauen.

Auch deshalb, weil derzeit nicht Vernunft und Diskussionsbereitschaft herrscht auf der politischen Gegenseite von BKA bis CDU, sondern Kontrollwahn. Wahn deshalb, weil man kontrollieren möchte, was realistisch nicht zu kontrollieren ist und deshalb alle anderen Mittel – die rechtsstaatlich okay sein könnten – völlig aus den Augen verliert. Aber auf genau die Mittel kommt es an, denn keine Mittel sind keine Alternative. Und spätestens mit der Diskussion um die Netzneutralität wird wirklich jeder einsehen, dass an manchen Stellen eben doch der Staat eingreifen muss. Nämlich, um gesetzlich ein freies und offenes Netz zu garantieren.

Vor uns steht eine Mammutaufgabe, zugespitzt lautet sie: wir müssen Leute wie Hans-Peter Uhl (zum Glück nicht den grauenvollen Uhl selbst) davon überzeugen, das Internet, die digitale Seite der freien und offenen Gesellschaft, zu schützen. Ja, verdammt schwierig, ich weiss. Aber in meinen Augen gibt es dazu keine Alternative in einer Demokratie. Erst recht nicht in einer, in der Nerds und Internetversteher alles andere als an der Macht sind. Sondern allenfalls eine laute, aber sich selbst in ihrer Wirkung überschätzende Lobbygruppe. Das schlechteste Mittel für einen solchen Überzeugungsfeldzug lautet, die Realität zu leugnen und davon auszugehen, dass niemals irgendetwas Böses aus dem Netz kommen kann.

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Wohnen in Berlin

Die guten Wohnungen werden in Berlin offenbar P2P vergeben, in den üblichen Börsen stehen jedenfalls eher Angebote aus der Rubrik Entertainment. Deshalb schreibe ich hier versuchsweise eine Anzeige für eine Mietwohnung ins Internet. Die Wohnung muss nur drei Vorbedingungen erfüllen:

• Berlin, bevorzugt in den Bezirken Prenzlauer Berg oder Mitte
• 5 oder mehr Zimmer (beide Bewohner brauchen ein Home Office)
• Balkon oder Terrasse

Es geht mir um private Hinweise – alle Plattformen mit “immo” im Namen durchforste ich natürlich im Minutentakt selbst. Über eine Mail an mail{ät}saschalobo.com würde ich mich freuen*, Kommentare sind aber aus. Dankeschön.

*Natürlich bin ich gern bereit, an Privatleute eine Monatsmiete Vermittlungsbelohnung zu bezahlen, wenn ein Mietvertrag ohne weiteren Makler dazwischen zustande kommt.

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Quoten sind immer die Quoten der anderen – eine Frauenquote für die Blogroll

Heute ist Weltfrauentag, und ich bin als Freund der Kommunikation nicht nur symbolfixiert, sondern empfinde mich auch als feministisch orientiert. Jawohl. Gockelfrisur, Halbargentinier, Feminist, für mich völlig selbstverständlich und logisch. Ehrlich gesagt verstehe ich kaum, wie man gleichzeitig das Grundgesetz für das Maß aller rechtsstaatlichen und gesellschaftlichen Dinge halten kann und nicht wenigstens ansatzweise feministisch orientiert sein kann. Natürlich auch als Mann, gerade als Mann. Antirassismus ist ja auch nichts, was nur Farbige Schwarze angeht. An dieser Stelle vielleicht nochmal die Definition des Feminismus: es handelt sich um den Glauben an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter (Encyclopedia Britannica via Mädchenmannschaft).

Bezeichnenderweise kommen die heftigsten antifeministischen Argumente in meinem weiteren Umfeld von Männern, die mit Frauen wenig bis nichts am Hut und anderen Körperteilen haben, sogar Extremfälle misogyner Jungfräulichkeit sind vorhanden. Das ist natürlich nur eine anekdotische Beobachtung, die wenig beweist. Aber dafür interessant ist. Sex scheint mir bei antifeministischer Verwirrung ein hochwirksames Mittel gegen Frauenfeindlichkeit, vielleicht finden sich ja hier wie dort Freiwillige für Feldstudien, “Fuck for Feminism” oder so.

Dass unter der Flagge des Feminismus auch viel Quatsch passiert ist, ist vollkommen klar, die meisten -ismen hatten und haben problematische Fans, die die Sache veralbern bis pervertieren. Dass ich mit den durchaus vorhandenen antimännlichen Tendenzen wenig anfangen kann, sollte auch nachvollziehbar sein – aber das ändert nichts an der Substanz des gesellschaftlichen Ziels der Gleichheit. Und Gleichheit heisst nicht Gleichbehandlung, um nach langem Rechtfertigungsgelaber endlich zum Thema der Überschrift zu kommen. Deshalb halte ich auch etwa eine Frauenquote für gut und richtig (in den meisten Fällen), nicht, weil sie kurzfristig immer zu tolleren Ergebnissen führt, sondern weil sie gesellschaftlich notwendig ist. Und damit mittel- und langfristig zu einer für alle tolleren Gesellschaft führt. Mit der Frauenquote ist es meiner Meinung nach ein bisschen wie mit der Demokratie, um ein bekanntes Zitat von Churchill abgewandelt zu paraphrasieren: Die Frauenquote mag eine schlechte Methode der Gleichberechtigung sein, aber die beste, die wir haben.

Nur sind die Quoten immer die Quoten der anderen, oft wohlfeile Handlungsaufforderungen, ohne dass man selbst dahinterstünde. Deshalb habe ich beschlossen, eine Frauenquote für meine Blogroll einzuführen, und zwar eine 50%-Quote. Im Moment stehen dort 54 verlinkte Blogs, davon sind beschämende 15 (also 27,7%) weiblich dominierte Blogs. Daraus folgt, dass ich weitere 24 Blogs von Frauen zur Blogroll hinzufügen werde, um mit 39 zu 39 Blogs einen Gleichstand zu erreichen. An dieser Stelle kommt Ihr ins Spiel, die Leserinnen und Leser dieses Blogs. Ich bitte recht herzlich um Vorschläge für die Ergänzung meiner Blogroll, wenn möglich auch mit kurzer Erklärung. Der famose Nebeneffekt ist vielleicht, dass auch Dritte neue, gute, interessante Blogs von Frauen entdecken. Angesichts der ebenfalls beschämenden grob überschlagen 5% Blogs von Frauen in den Top 100 der Deutschen Blogcharts kann das definitiv nicht schaden – genausowenig, wie das flächendeckende Aufgreifen der Frauenquote für die Blogroll.

Update
Vielen Dank für die vielen Anregungen, nach und nach werde ich in den nächsten Tagen meine Blogroll entsprechend auffüllen und zur re:publica aller Voraussicht nach nochmal etwas dazu schreiben.

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