Archive for April, 2012

ACTA wegspenden

Gut, die grandiose Superfarce um das Betreuungsgeld lässt einen jede Hoffnung in die Vernunft der Politmaschinerie verlieren – aber wie funktioniert eigentlich Politik normalerweise?

Es ist ärgerlicherweise so, dass alle Beteiligten glauben, auf dem richtigen Weg zu sein – und deshalb den Rest der Welt praktisch nur noch kurz überzeugen zu müssen. Selbst diejenigen, die von außen betrachtet bis zur glatten Lüge hin die Worte zu verdrehen scheinen, selbst die sind fast immer von der Rechtschaffenheit ihres Wegs überzeugt. Niemand denkt von sich, er sei böse. Gut, so sagen sie sich, hier und da ein bisschen was gradebiegen, eine Simplifizierung der Tatsachen, hier mal fünf oder gleich fünfhunderttausend grade sein lassen – aber das ist doch nur Mittel zum goldenen, heiligen Zweck. Der heilige Zweck! Politik ist immer auch Missionierung.

Genau deshalb ist Politik auch Gegenmissionierung. Und das heisst: öffentlicher Druck.

Wir Internetpeople (wie wir Internetpeople uns nennen) kennen natürlich öffentlichen Druck, wir ahnen, wie er sich aufbaut, wir kennen die, sagen wir: unappetitlichen Nebeneffekte öffentlichen Drucks, die Shitstorms. Und doch machen wir uns nicht oft genug klar – genau genommen ist das nicht der Druck der Öffentlichkeit, sondern der Druck der digitalen Öffentlichkeit. Der Unterschied ist für die Politik nicht mehr so groß wie noch vor zwei, drei Jahren, aber immer noch gigantisch – viel größer, als man glaubt, wenn man jeden Tag im Netz so mitschwimmt. Vereinfacht gesagt, bekommt Angela Merkel von einem Jahrhundertsturm auf Twitter nur etwas mit, wenn Peter Altmaier ihr eine SMS schickt. Wohingegen man annehmen darf, dass etwa ein geharnischter, sie betreffender Artikel in der Süddeutschen Zeitung ihr kopiert auf den Tisch gelegt wird, wenn nicht sogar Thema einer Besprechung ist. Glaubt jemand wirklich, dass Twitter in irgendeinem relevanten politischen Pressespiegel stattfindet, @regsprecher hin oder her? Was die EU betrifft, gilt das um so mehr. Ein deutscher Polit-Shitstorm kommt in Straßburg als schwarzweiss-Kopie des Fotos einer lauen Pupsbrise an, wenn überhaupt.

Und das bedeutet: der Druck, auf den die Politik wirklich reagiert – der ist mit wenigen Ausnahmen Offline. Offline bedeutet: traditionelle Medien, Leute auf der Straße (darum waren die Riesendemos so ausschlaggebend – sie finden in der Kohlenstoffwelt statt) und noch wesentlich wichtiger: das persönliche Gespräch (das ist wie chatten, nur ohne Computer). Oft wird diffus herumgeraunt über die Macht der Lobbyisten, das ist ja auch ein Thema bei ACTA. Nun gibt es viele Mittel, derer sich Lobbyisten bedienen, die allermeisten absolut legal, viele durchaus sinnvoll – Lobbyismus klingt schmierig, ist manchmal auch schmierig, aber ein wichtiger demokratischer Prozess. Die Netzgemeinde etwa ist eine komische, recht glibberige, aber doch auch eine Lobby.

Das allerwichtigste Instrument des Lobbyisten ist, Überraschung: der persönliche Zugang. Der Politik überhaupt ersteinmal sagen und zeigen können, was man so für weltwichtige Meinungen geboren hat. Und der Zugang ist nichts anderes als ein persönliches Gespräch, vor Ort, und zwar mit ein paar gedruckten Argumenten. Politik heisst auch heute noch: Aktenarbeit und damit Papierarbeit.

Und das alles bedeutet: selbst, wenn gerüchteweise ACTA schon jetzt nicht mehr durch das Europa-Parlament kommen sollte – müssen Abgeordnete überzeugt werden. Gerade die, die nicht auf Twitter sind. Damit der internetproblematische Teil von ACTA nicht in eine neue Abkürzung verpackt und doch durchs Parlament gepresst wird. Es geht um echte Überzeugung, nicht um situative Abstimmungssiege. Deshalb müssen engagierte, sachkundige, mit den richtigen, ausgedruckten Materialien ausgerüstete Leute zu denjenigen Politikern fahren, für die Chat ein falschgeschriebenes Land in Afrika ist. Und mit denen reden, persönlich. Das kostet natürlich Geld – und dieses Geld soll von Euch kommen,

Ihr sollt ACTA wegspenden

in Form einer (übrigens absetzbaren) Spende. Das Geld fließt an die Digitale Gesellschaft e.V. um Markus Beckedahl und seine Mitstreiter, die übrigens (wie einige andere auch) seit Jahren einen sehr guten Job machen, wenn es um die Vertretung Eurer Internetinteressen geht.

tl;dr
Ich habe mich entschlossen, für die Digitale Gesellschaft gegen ACTA zu spenden und ich bitte sehr darum, dass Ihr es auch tut; es fehlen nur noch 6.000 Euro für das Anti-ACTA-Paket, das muss doch zu schaffen sein:
ACTA wegspenden

Disclosure: Ich bin nicht Mitglied in “Digitale Gesellschaft” oder irgendeinem anderen Internet-Verein (die frühere Teilnahme an der Initiative D21 steht noch auf Wikipedia, weil ich mal einen heiligen Eid geschworen habe, niemals meinen eigenen Wikipedia-Eintrag zu editieren). Und ich bin davon überzeugt, dass das Internet Vereine und Vereinigungen braucht, also greifbarere Strukturen von CCC bis D64 oder Digitale Gesellschaft, die alle zusammen im Schwarm so etwas Ähnliches wie die Interessen des Internets und seiner Nutzer in die Politik tragen. Gegen die Aufgaben der nächsten Jahre werden die zurückliegenden wirken wie ein Funwochenende im Streichelzoo. Mit Markus Beckedahl (mit dem ich vor dem Spendenaufruf über eben diesen gesproche habe) bin ich gut bekannt, nennenswerte Geschäftsbeziehungen gibt es aktuell – bis auf einen geplanten, nicht honorarbewehrten re:publica-Vortrag – zwischen uns nicht (gab es allerdings mal in Form von Blogvermarktung, aber ob die dort geflossenen Gelder “nennenswert” genannt werden können, darüber kann man geteilter Ansicht sein). Dieser Spendenaufruf ist mein politisches Privatinteresse und ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich selbst Gegner des internetgefährdenden Teils von ACTA bin, wohingegen ich Verständnis habe für die produktfälscherischen Anteile, aber so ist das halt mit Gesetzen, mitgefangen, mitgehangen, ungefähr wie bei Menschen, wo man ja auch nur schwer sagen kann: Deine Knie, die Rückenpartie und die Schultern sind irre sympathisch, nur Dein Gehirn eben nicht.

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Deutschland, Hotelwelten, Irrwitz im Detail

Viele Jahre versuche ich inzwischen schon, meine seltsame Liebe zu Hotels zu ergründen. Weniger zu Fünf-Sterne-Hotels, Luxus geht immer, Luxus lässt sich außerordentlich einfach toll finden, das muss nicht erklärt werden. Ich meine eher die Zuneigung zum Hotelgefühl. Kurz überschlagen kenne ich durch meine Vortragsreisen ungefähr 150 deutsche Hotels, die meisten davon sind Vier-Sterne-Hotels. Wer Deutschland kennenlernen will, sollte in ein Vier-Sterne-Hotel gehen. Dort findet sich die größte qualitative Spreizbreite, von wrackigen, ärgerlichen Absteigen bis zu Hotels, die nur deshalb keine Fünf Sterne tragen, weil das eine bestimmte Klientel von der Buchung abhalten würde, den normalen Geschäftsreisenden, den Vizeabteilungsleiter, den Jahreswagenfahrer, der in seinem mittelständischen Unternehmen übrigens das deutsche Bruttosozialprodukt irgendwie überraschend unabhängig von politischen und finanziellen Krisen erwirtschaftet und schon deshalb großen Respekt verdient hat.

Dass bei Vier-Sterne-Hotels so große Diversität zu finden ist, hängt auch damit zusammen, dass die Hotelklassifizierung ihre Wurzeln erkennbar in den 1960er Jahren hat und nur, sagen wir, recht behutsam aktualisiert wurde. So finden sich wunderbar anachronistische Relikte darin:
• ein Stern erfordert unter anderem “Tisch und Stuhl” im Zimmer, und – ja! – ein Telefax am Empfang.
• für zwei Sterne muss das Hotel “Leselicht am Bett”, “Duschgel oder Schaumbad” sowie “Kartenzahlung” anbieten.
• drei Sterne (die häufigste Hotelklassifizierung in Deutschland) bekommt ein Hotel, das neben anderen Kriterien wie “Nähzeug” auch einen “Systematischen Umgang mit Gästebeschwerden” vorweisen kann.
• bei vier Sternen muss vorhanden sein: ein “Internetterminal”, eine “großzügige Ablagefläche im Bad” und “Hausschuhe auf Wunsch”.
• für fünf Sterne schließlich braucht ein Hotel “Körperpflegeartikel in Einzelflakons” sowie einen Wagenmeisterservice.

Schlagt mich, gebt mir Tiernamen, aber in meiner Welt gelten Hausschuhe auf Wunsch selbst in Kombination mit einer großzügigen Ablagefläche im Bad nicht unbedingt als konsistente Qualitätskriterien. Was aber macht die Hotels, die ich besucht habe, die vielen, vielen unterschiedlichen Vier-Sterne-Hotels, so – ich traue mich das mal so zu nennen – liebenswert?

Es ist, davon bin ich inzwischen überzeugt, die Mischung aus Verlässlichkeit und Irrwitz. Auch das eine grandiose Parallele zu Deutschland, übrigens: wie in Deutschland ein Busfahrplan an der Haltestelle befestigt ist, da steht, der Bus kommt um 14:07, und dann kommt er um 14:07. Verlässlichkeit. Und wenn er nicht kommt um 14:07, auch nur eine Minute später, dann darf man sich aufregen. Und niemand findet etwas dabei, sich aufzuregen, sich beim Busfahrer oder auf Twitter zu beschweren, zu spät ist zu spät, ob eine Minute oder eine Stunde, da darf man sich in Deutschland hauptamtlich aufregen. Irrwitz. Um diese Verlässlichkeit trotz des Irrwitz zu schätzen, muss man wahrscheinlich mal in Bolivien (nichts gegen Bolivien, ein wunderbares, unterschätztes Land, aber eben anders) erlebt haben, wie der Bahnhofsvorsteher mit ernster Miene verkündet, der nächste Zug käme Dienstag. Und wann genau? Dienstag halt, der geneigte Reisende könne jedoch einen der Jungs dort drüben bezahlen, die ins Hotel flitzen würden, wenn der Zug käme.

Die Verlässlichkeit des Vier-Sterne-Hotels äußert sich darin, dass man schon nach kurzem Training, zwanzig, dreißig Übernachtungen, das Standardzimmer kennt, als wohnte man Jahre darin. Die Schließkarte vor die Tür gehalten, Klick, offen, der Zentralschalter gleich linkerhand, rechts der Flurspiegel mit Garderobe, zwei Schritt weiter die Tür zum Bad, wo auf knapp fünf Quadratmetern eine halbe Tonne Ziermarmor verbaut ist, die Wand über dem Waschbecken stets flächig verspiegelt, eine Aufstellkarte hält zum Schutz der Umwelt an, Handtücher sollen doch bitte mehrmals verwendet werden, rückwärts wieder hinausgetaumelt in das Flürchen, das türlos übergeht in den Schlafbereich, gleich links an der Wand, etwas zu hoch angebracht die Bedienung der Klimaanlage, die man sofort ausschalten muss, wenn einen das laute Rauschen stört, außer man hat das Zimmer neben dem Lift erwischt, dann ist auch schon alles egal, an der linken Wand die Bettanlage, ein nicht helles und nicht dunkles Holz umfasst Nachttische, Konsolen, Betten und führt zur Fensterfront, die gesichert ist vor Licht und Lärm mit einem speziellen Vorhang aus einem nur in Fachgeschäften zu kaufenden, so genannten “Verdunklungsstoff”, speziell gewoben dafür, dass unterhalb einer Supernova kein Licht durchdringt und sich eine laute Hupe durch ihn hindurch wie eine leise Hupe anhört. Gegenüber vom Bett im gleichen Holz das Schreibtischchen, übergehend in den Fernsehschrank, darunter die Minibar, Rotwein, Flaschenöffner und Chips im offenen Fach darüber, die teppichbezogene Kofferablage, ein Flügelschrank, der wiederum übergeht in die Spiegelgarderobe vom Anfang.

Das Vier-Sterne-Hotel ist (neben dem Alkohol) der Alkohol des Geschäftsreisenden, seine dämmerige Gleichförmigkeit macht ihn vergessen, in welcher Stadt er ist und warum, für diese paar Stunden zwischen der abendlichen Feuchtakquise mit Petersen vom Einkauf, dem er unbedingt noch einen Wartungsvertrag (24 Monate) dazuverkaufen muss um das Jahressoll zu schaffen, und dem morgendlichen Frühstück am Buffet zwischen welligem Käse und englischen Bohnen in zuckriger Tomatensoße, die noch niemals jemand gegessen hat, die vermutlich nur wegen irgendeiner internationalen Buffetklassifizierung dort liegen und braunrot stundenlang über der Ethanolflamme einkochen. Das ist also die Verlässlichkeit des Vier-Sterne-Hotels, das Deutschland entspricht, das einfach funktioniert, nicht so gut, dass man glücklich würde, aber doch so gut, dass es eine Unverschämtheit wäre, sich zu beschweren. Außer der Bus kommt zu spät.

Der Irrwitz des deutschen Vier-Sterne-Hotels dagegen – und wohl der eigentliche Grund für meine seltsame, kratzige Liebe zum Hotel – der Irrwitz liegt im Detail. Nicht immer nur im Detail natürlich, ich erinnere an die Disco-Dusche, die aus purem Irrwitz besteht. Aber das verlässliche, gleichförmige Hotelzimmer birgt stets Merkwürdigkeiten auf den dritten Blick. Die folgenden, aktuellen Beispiele stammen aus einem Hotelzimmer in Bielefeld mit sehr freundlichem Personal, wie so oft. Wahrscheinlich haben irgendwelche griesgrämigen Journalisten in den 1990er Jahren so oft “Servicewüste Deutschland” in ihre griesgrämigen Artikel geschrieben, bis das deutsche Hotelgewerbe in toto beschlossen hat, ihren Angestellten eine ständige, ausdauernde, offensive Freundlichkeit in die Köpfe zu pressen. In zehn Jahren Hotelerfahrung habe ich zwei oder drei Mal Unfreundlichkeit des Personals erlebt. Aber dafür sehr oft Unfreundlichkeit von Gegenständen: zurück ins Bielefelder Vier-Sterne-Hotel.


Es fängt mit der stillen Anschuldigung an, die in den Kleiderbügeln wohnt. Die Bügel haben diese Antidiebstahlvorrichtung, sie lassen sich nur in die speziellen Bügelhalter an der Stange einhängen, statt eines normalen Hakens ist da ein Pinöppel. Der Hotelbügel ohne Haken ist der passiv-aggressivste Gegenstand des Planeten. Wer klaut bitteschön Bügel? Ich weiss nicht, zu welcher Zeit oder ob überhaupt jemals Bügelklau in Deutschland in Mode war, ich weiss nur, dass ich mir regelmäßig vornehme, Hotelbügel mit Pinöppel kaputtzumachen oder in einen Mülleimer zu schmeissen. Ich lasse mich doch von einem ordinären, kastrierten Hotelbügel nicht als potenzieller Dieb beschimpfen! Ich will Eure dämlichen Scheißbügel gar nicht, habt Ihr verstanden? Meine Hotelbügel-Aggression, das habe ich festgestellt, ist übrigens die gleiche wie meine Aggression gegen komplizierte DRM-Maßnahmen in Musikdateien, beide vermögen in bestimmten Momenten, eine dunkle Wut aufsteigen zu lassen, bei der ich beim besten Willen nicht mehr für die Sicherheit anwesender Alkoholika garantieren kann.

Der Irrwitz in diesem Detail ist nicht leicht zu entdecken. Gut, die Klobigkeit des Design von dieser Badewannenarmatur wirkt wie von Kim Il Yong für Kim Il Yong gestaltet. Diese zahnbelagfarbenen Plastikgnubbel, dieses Alltagsobjekt, das erahnen lässt, warum in der ersten großen deutschen Science-Fiction-Serie, Raumschiff Orion, die Ausstattung der Kommunikationszentrale des Raumschiffs aus unveränderten Badezimmergerätschaften bestand, da wurde in einen Duschkopf hineingesprochen.

Tatsächlich aber offenbart sich die volle Packung erst in der Benutzung, denn oben auf dem Wasserhebel dieser Armatur ist links eine blaue Fläche und rechts eine rote. Und das heisst? Dass die Drehung nach links heisses Wasser fliessen lässt und nach rechts kaltes. Exakt andersherum, als man erwartet. Und das absichtlich, denn der Wasserhahn am Waschbecken funktioniert ebenso. Purer, deutscher Irrwitz, diese besondere Ausprägung, bei der man sich fragt: es ist meine Erwartung, die völlig verquer ist? Oder ist es das System? Deutscher Qualitätsirrwitz funktioniert genau so, dass man sich ständig fragt, ob man nicht vielleicht doch selbst verrückt ist.

Ich hatte länger einen Albtraum, von dem ich dachte, es wäre allein mein Privatalbtraum. Er geht so: ich wache in einer normal scheinenden Welt auf, alles ist wie immer, gewohnt, normal, nachvollziehbar. Und dann – BÄM – muss ich an einem winzigen Detail erkennen, dass ich offenbar in einer Scheinwelt lebe. Manchmal ist es nur ein Detail wie ein Türknauf, der auf der Seite der Türscharniere angebracht ist, aber alle finden es normal. Manchmal ist es ein Detail, dass bei der Ampel die mittlere Farbe nicht orange ist, sondern lila, und alle anderen finden es normal. Es ist zum schreien, dass niemand schreit. Ein Horrortraum, eingesperrt in eine so gewohnt erscheinende Simulation der Normalität, ein Detail nur, das verrät, dass ich in einem völlig unberechenbaren Paralleluniversum gefangen sein muss. “Was hast du denn nur, Ampeln sind doch immer lila?”.
Wie gesagt, ich dachte lange, das wäre mein Privatalbtraum. In Gesprächen habe ich festgestellt, dass es ein ausgesprochen häufiger Albtraum ist, vielleicht der deutsche Normalalbtraum. Es läge nahe. Und ein Wasserhahn, dessen einbauender Klempner offensichtlich konsequent so anders verschaltet ist im Gehirn als ich, ein Hotel, das diesen Umstand nicht ändert, weil sich offenbar kein Gast irritiert beschwert – das gerät schon verdächtig in die Nähe der lila Ampel.

Warum klebt man Punkte auf die Kronkorken der Flaschen in der Minibar? Gut, es handelte sich um Zimmer 114, das könnte die 14 erklären. Aber nicht den Grund für diese Klebepunkte. Welches Problem lässt sich so lösen? Ein Diebstahlproblem des Personals? Oder haben Gäste immer heimlich die Flaschen ausgetauscht? Man weiss es nicht, und vielleicht will man es auch nicht wissen, denn auch hinter diesem Detail könnte der Irrwitz verborgen sein. Immerhin denkt jemand hinter den Kulissen nicht daran, wie so etwas auf Gäste wirken könnte. Dass jede außerplanmäßige Veränderung und Verwirrung im Zusammenhang mit Lebensmitteln irgendwie verstörend daherkommt. Dass gleichförmige Zuverlässigkeit gerade hier besonders wichtig ist. Beschriftete Punkte auf Kronkorken, nun gut, die Flaschen sind ja auch von Colani gestaltet, da ist das Verstörungsmaximum sowieso schon erreicht.

Während Fünf-Sterne-Hotels tatsächlich in den meisten Fällen recht geschmackvoll eingerichtet sind, geht es in den Klassifizierungen darunter durchwachsen zu. Ich persönlich schätze die ehrliche Spanplattenhässlichkeit der Zwei-Sterne-Absteigen, in die ich ab und an gerate. Aber die Zimmer in Vier-Sterne-Hotels scheinen fast durchgehend gestaltet zu sein von Leuten, die gern in Musicals gehen und Siegfried & Roy für Stilikonen halten. So, als hätte man Elvis nach einer zermürbenden Entziehungskur zwölf Valium eingeflößt und ihn dann gezwungen, die Möbel, die Textilien und die Muster auszuwählen aus dem Wohnmagazin “1000 Jahre Wartezimmermöbel”. Das Vier-Sterne-Zimmer sieht oft aus, als wäre Graceland in Rente gegangen. Teppich an den Wänden, gülden verspiegelte Bettintarsien, eine polierte Messing-Attacke auf das Hirn des Reisenden. Eine flexibel schwenkbare Lampe an einen Spiegel zu montieren, dafür muss sich irgendjemand aktiv entschieden haben. Ebenso dafür, die gleiche Lampe nochmal neben dem Bett anzuschrauben. Die Botschaft, die solche Inneneinrichtungen transportieren – überall in der Bundesrepublik – kann nur eine sein: frage nicht nach dem Warum, Reisender, wenn überhaupt jemand den Grund weiss, wird es der deprimierendst vorstellbare sein. Vielleicht der Kern des deutschen Irrwitzes, der sich wie DNS findet in jedem Hotelzimmer und überall: die Frage nach dem Warum ist letztlich unstellbar.

Vielleicht das irrwitzigste Detail, vielleicht das Detail, das noch jede Disco-Dusche zum Fanal der Normalität erhebt. Ein kleiner Aufsteller mit einem kurzen Text, wie er sich ähnlich in fast jedem Hotel findet, weil sich so die Umwelt sparen und das Budget schützen lässt. Die Aufforderung, die Handtücher mehrfach zu verwenden.

Aber wie kommt sie hier daher. Als Studie getarnt, so erkennbar ausgedacht, dass man überlegt, ob es nicht ein Bundesamt für Studiensicherheit gibt, bei dem ein solcher Missbrauch des Begriffs “Studie” meldepflichtig wäre. In einem Paralleluniversum mit lila Ampeln gibt es das sicher, aber hier, im normalen Vier-Sterne-Deutschland, muss man sich von einem Schild sagen lassen, dass drei von vier Gästen, dass 75% der Besucher des Zimmers bisher – laut laufender Studie! – ihre Handtücher mehrfach benutzt haben. Was für ein irrwitziger Appell, der zwischen sozialem Gruppendruck und Hörigkeit gegenüber der Studie, dem Hochamt der Technokratengesellschaft, daherkommt. Und wiederum diese schon pathologisch zu nennende, passive Aggression – “Wollen Sie wirklich zu den einen von vieren gehören, die die Umwelt im Alleingang schädigen, weil sie ihre Handtücher nur einmal benutzen wollen?” Nebenbei übernachtet der durchschnittliche Geschäftsreisende so häufig nur einmal, dass die Zahl einfach nur ausgedacht sein kann. Völlig abgesehen davon, dass es absolut unvorstellbar ist, dass die Zimmerpflegefachkraft nach der Übernachtung ins Badezimmer geht, nachschaut, ob der Reisende “an der Studie teilgenommen” oder das Handtuch in die Badewanne geschmissen hat, dann den Taschenrechner nimmt, das neue mathematische Verhältnis errechnet und schließlich auf einem neuen Schild einträgt: Zimmer 114, 76,2% Teilnehmer an der Studie.

Da lügt ein Schild im Namen der Umwelt also den Hotelgast dreist an, erzählt von der Teilnahme an laufenden Studien und Umweltprogrammen und ist auch sonst wie von Außerirdischen getextet. Das alles erklärt vielleicht nur ganz unzureichend meine seltsame Liebe zu Hotels, trotz meines Hangs zu Verlässlichkeit und Irrwitz. Aber vielleicht deutet es ja darauf hin, dass ich längst in einem Paralleluniversum lebe. Oder wir alle. Traut sich jemand, nach lilanen Ampeln zu schauen?

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