Kollision der Geschmacksdimensionen

Ich mag Hotels, sie geben mir das Gefühl von Unabhängigkeit. Und sie schenken mir die Möglichkeit, mich fast überall ein kleines bisschen zu Hause zu fühlen. Weil ich oft beruflich unterwegs bin, übernachte ich ungefähr alle anderthalb Wochen in Hotels und habe dabei eine Art Hobby entwickelt: ich kümmere mich um die Übernachtung erst unmittelbar vor der Übernachtung. Der Geschmack von Zivilisationsabenteuer und Freiheit in a nutshell, Aroma neobourgeois. Eigentlich ist es in zehn Jahren erst zweimal schief gegangen, einmal musste ich in Nizza absurd, wirklich ABSURD viel Geld für die Übernachtung bezahlen und einmal bin ich in Düsseldorf zu Messezeiten stundenlang herumgeirrt, bevor ich um halbvier Morgens auf die Idee kam, in eine Jugendherberge zu gehen. Sonst: immer Hotelzimmer, immer angemessene Preise, immer interessante Überraschungshotels, Einblicke in seltsame Welten. Schon die Gesichter der Handlungsreisenden im Frühstücksraum würden für eine zehnbändige Anthropologiehabilitation reichen.

Nach der Eröffnung der CeBIT in Hannover fahre ich kurz vor Mitternacht in Richtung Hauptbahnhof, um ein Hotelzimmer zu buchen. Erster Schuss ein Treffer, für Messezeiten sogar angemessen bepreist (halbwegs), außerordentlich freundlicher Nachtportier. Man muss wissen, dass Nachtportier einer der anstrengendsten und zugleich schlechtestbezahlten Jobs überhaupt ist, in nicht wenigen Hotels müssen diese Männer alles, wirklich alles allein erledigen, von Sicherheitsrundgängen über Gästebetreuung und Reparaturen bishin zu Putzarbeiten.

Das Hotel selbst geizt schon im Eingangsbereich nicht mir marmorhaftem Surrounding, die Zimmer und Etagen haben keine Nummern, sondern regional geprägte Namen, ich lande in der Etage “Gärten” im Zimmer “Welfenallee”. Modern eingerichtet, durchaus geschmackvoll, wenn auch leicht verdesignt im Detail, etwas übertriebener Einsatz von Wurzelholzimitat vielleicht.

Dann aber.

Die Dusche. Duschen sind in Hotels crucial, wie wir ICE-Reiseritter sagen, an der Dusche erkennt man die Substanz des Hotels. Ich gehe auf die Dusche zu, eine Glastür schliesst die vollvermarmorte Duschkammer ab. Aufgestossen, die Tür, und hinein ins Naßzimmerchen, nur sind die Halogenlämpchen aus. Die Bedienung der Dusche erfolgt mit in die Wand eingelassenen Metallknöpfen, vier an der Zahl: On/Off, wämer, kälter, Umschalter zwischen Handbrause und festmontiertem Duschkopf an der Decke. Dazwischen eine digitale Temperaturanzeige. Post-Steampunk, retroinnovativ, auf eine Art, so mag man sich 1967 die “Dusche 2000″ vorgestellt haben.

Bestimmt geht das Licht an, wenn man auf On/Off drückt?

Ja. Aber nicht nur das. Die Dusche fängt an zu brausen, die Temperaturanzeige leuchtet auf – die Lämpchen strahlen in grellem Pink und dazu beginnt auf dem Monolautsprecher in der Dusche, den ich gerade erst entdecke, das Lied “It’s raining men” von den Weather Girls. Schockstarre. Dann ändert sich die Farbe des Lichts. Blau. Grün. Rot. Weiss. Und wieder Pink. Das Lied geht weiter, immer noch bin ich schockstarr, dann endet das Lied, nur, um wieder von vorn anzufangen. Und dann begreife ich.

Ich bin in eine Discodusche geraten, in der eine nicht abschaltbare Lichtorgel als einzige Beleuchtung in die Decke eingelassen ist und dazu in Endlosschleife “It’s raining men” gespielt wird. Es ist die vermutlich weltweit niederträchtigste Art, unbescholtene Hotelbürger vom ausdauernden und für das Hotel energieaufwändigen duschen abzuhalten. “It’s raining men” in der Discodusche, darauf muss man erstmal kommen, bzw. wäre ich froh gewesen, wenn man eben nicht drauf gekommen wäre.

Wir lernen daraus: die gezielte Verbindung von Technologie und Kultur spart Energie und Geld. Aber um welchen Preis?

Pics or it didn’t happen? Ja, gern, obwohl jedem klar sein sollte, dass die menschliche Phantasie außerstande ist, so etwas zu erfinden, habe ich einen Videobeweis angefertigt. Keine Angst, nicht nur aus urheberrechtlichen Gründen sind nur die ersten Millisekunden des Lieds zu hören:

Categorized: Blog , Irrwitz , Kultur
Tagged: , , ,

This Post Has 32 Comments

  1. Huck says:

    Was soll denn daran schlimm sein. Dann ist man beim Duschen farblich akzentuiert. Das hätte ich gerne auch zuhause.

  2. Björn says:

    It´s raining man – unfassbar! Sie hätten doch wenigstens eine Jukebox einbauen können, um die musikalische Berieselung selbst wählen zu können, oder einfach ein stinknormales Duschradio? :-)

  3. slumhund says:

    die welt wird von experten beherrscht. alleinstellungsmerkmalsgehabe, allüberall. somit ist gesichert, dass es immer “dumme” gibt, die, wie der ochs vor berg unter der dusche stehen.

  4. Dentaku says:

    Stark! Die ein-Song-Schleife durch was Airplay-fähiges ersetzen, und die Dusche ist gekauft.

  5. “Die ausgefallensten Zimmer haben (..) hinreißende Marmorduschen mit Hand- und Regenwaldbrausen, wechselndem Licht und flüssiger Musik.”

    …klingt doch klasse, und wie ist der Rest des Hotels – empfehlenswert ?

  6. Lutz says:

    Was war denn das Fernsehen im Spiegel?

    “Der wunderbar hell eingerichtete Wohnraum mit einem Gäste WC ergänzt ein Schlafzimmer und ein einmaliges Badezimmer ganz in Carrara Marmor. Zusätzlich zu der raffinierten Dusche mit wechselndem Licht und flüssiger Musik genießen Sie eine Luftsprudelwanne und als Überraschung: Fernsehen im Spiegel.”

  7. martin says:

    aber das ist doch nicht “It’s raining Men”, oder doch? fängt das wirklich so getragen an?

  8. ellen says:

    Genial, mit der richtigen Musik braucht man sehr wenig Wasser weil man blitzschnell wieder draussen ist.
    Der Umwelt zuliebe sollten die Heino mit ins Programm nehmen, das spart Wasser und Zeit.

  9. Seraina says:

    Die mit dem Fernseher im Spiegel:
    Atrium Suite 229 € – 429 €
    Grand Suite 279 € – 479 €
    Wer hat’s vorfinanziert..?

  10. Martin Ketteler says:

    Was erwartet man schon in Hannover? Da kommen Wulf und Schröder her!!!

  11. Wolfgang says:

    Ich vermute mal anhand des (offenbar ziemlich farbtreuen) Videos: Das waren keine Halogenlämpchen in der Decke, sondern kalt-weiße LED-Spots. Und auch sonst scheint man dort das Schlimmste verbrochen zu haben, was man mit Beleuchtungstechnik anstellen kann.

  12. Tja so fängt das Mobilar an, mit uns zu kommunizieren. Dies muss ein einsamer Mensch erfunden haben. Ich warte auf das singende Eisfach mit Ice, Ice Baby oder den Hotelnachtschrank, der kurz nach dem Lichtausschalten die Bibel vorliest. Mediale Belästigung am Arbeitsplatz, dann mit der singenden Schreibtischlampe.

    Es ist aber wohl eine Frage der Zeit bis das Hotelzimmer mit App ansteuerbar dann den persönlichen Soundtrack reinlädt “Niemals geht man so ganz” ;)

  13. ticketi2000 says:

    Och mir hätte das alles gut gefallen, vorallem der Fernseh im Spiegel. Aber so ein Luxus kann ich mir mit 2 Kindern nicht leisten ;)
    LG

  14. löwe says:

    Ich bin im Mussmann oft und gerne. Bei mir lief immer “.. singing in the rain”. Nächstes mal lass ich es abschalten.

Leave A Reply