Facebook Fire-Sale

tl;dr: Am Freitag, den 17. Februar 2012, findet von 17 bis 20 Uhr in der Schönhauser Allee 184 in Berlin ein Facebook Fire Sale meiner Wohnungseinrichtung statt. Nur Sofortabholung möglich. Getränke werden gereicht. Die Preise bestimmen die Anwesenden selbst. Der Erlös geht zur Hälfte an den Kältebus für Berliner Obdachlose.

Jawohl – der legendäre Ort der ersten und einzigen beiden Original Twitter-Followerparties (Google: Followerparty) mit mehreren hundert Teilnehmern 2008 und 2009, die Schönhauser Allee 184, ist schon bald nicht mehr. Denn ich ziehe aus der Wohnung aus. Und dabei ist jede Menge Zeug angefallen, das ich nicht mehr brauche, aber vielleicht ja jemand von Euch. Deshalb der Facebook Fire-Sale, den ich analog zu den Twitter-Follower-Parties erst Twitter Fire-Sale nennen wollte, aber dann kommt ja niemand, um das Zeug abzuholen, sondern nur, um sich lustigste Sprüche auszudenken. In der Kurzfassung steht schon, wie das funktionieren soll, hier nochmal ausführlich: am Freitag, den 17. Februar ab 17 Uhr kann man drei Stunden lang das unten abgebildete Zeug in der Schönhauser Allee 184, 10119 Berlin abholen. Man bezahlt für die Möbel und Geräte soviel, wie man für richtig hält, wenn mehrere das Gleiche wollen, entscheidet das höchste Gebot. Der Erlös geht zur Hälfte an den Kältebus für Obdachlose in Berlin. Es ist ausschließlich und ausnahmslos Selbstabholung an besagtem Freitag zwischen 17 und 20 Uhr möglich. Getränke sind für jedes geschmeidige Beisammensein notwendig und werden deshalb von mir gestellt. Für bzw. gegen Live-Trolle ist eine überzeugungsfähige Security abgestellt (die allerdings nicht Möbel tragen hilft). Alles kann, alles muss raus!

Und zwar diese famosen, wunderbaren Sachen, Dinge und Zeug:

Ein rotes Schränkchen im vintagelookigen China-Style, es wirkt deutlich praktischer, als es tatsächlich ist. Aus mir nicht bekannten Gründen zieht es Staub geradezu magisch an, wenn man es bloß ein paar Jahre nicht wischt. Schubladen einwandfrei, Türen unten sind mit dem unpraktikabelsten mir bekannten Verschlusssystem versehen, nämlich einem Querpinöppel, der durch zwei Metallösen gefädelt ist. Da gerät jede Türöffnung zur motorischen Herausforderung, das geht in Richtung Diebstahlschutz.

Die Sofalandschaft besteht aus drei Teilen, hier ist der Zweisitzer zu sehen. Das Sofa aus rosa Kunstplüsch habe ich 2004 auf einem Kreuzberger Flohmarkt gekauft, wenn man die gängigen wirtschaftlichen Wertverfallmodelle hier anlegt, dürfte dieses Sofa auf dem freien Markt inzwischen minus achthundert Euro kosten. Was ein bisschen auch daran liegen mag, dass ich alle drei Sofateile mit zwei Katzen gemeinsam genutzt habe. Immerhin stubenrein (wir alle drei). Auf ebay würde ich schreiben: “mittlere Gebrauchsspuren” – und hoffen, dass nur sehschwache Kaufinteressenten kommen. Sonst einwandfrei.

Vor einigen Jahren dachte ich: große Buchstaben aus Metall, wie cool ist das denn? Aber man wird reifer mit der Zeit. Die Riesenbuchstaben stammen ursprünglich von einem Werbeschriftzug von FUJIFILM. Irgendwo fliegt auch noch ein M rum, was bedeutet, dass man FILM oder MILF buchstabieren kann. Das rotlackierte Metall hat zehn Jahre auf dem Dach eines Berliner Hauses hinter sich, das heisst, an einigen Stellen hat sich ein zwar völlig geruchfreies, aber doch haptisch interessantes Amalgam aus Lack, Stahlblech und Taubenscheisse gebildet. Aber egal, Wohnbuchstaben sind Hipsterpflicht!

Eine tadellose, kaum zwei Jahre alte Singlewaschmaschine, in der ich regelmäßig Singles gewasch- haha, nee, aber ohne Scherz, die ist schmal und klein, wäscht irre gut und war vor nicht allzulanger Zeit relativ teuer. Von Siemens, Markenqualität, mit imposantem Aufkleber vorne dran und einer Energieeffizienzstufe besser als die Bonität von Italien.

Von dieser gelben Prachtlampe gibt es drei Exemplare. Man lasse sich nicht vom Aufnahmewinkel verwirren, das Kabel ist ausreichend lang auch für Altbaudecken. In die neue Wohnung nicht mitgenommen habe ich die Lampen wegen ihrer ausgesprochen hohen Gelbheit, Form und Lichtspiel sind nah an der Perfektion, ab und an stellte ich mich mit einer Flasche Bier in den Flur in ihren goldenen Schein und ließ einfach die Strahlen auf mich herunterstrahlen und war glücklich. Das geht nicht mit allen Lampen.

Kein Markenprodukt. Vor einigen Jahren hatte ich bekloppterweise eine sparsame Phase und wollte deshalb den billigsten Geschirrspüler kaufen. Im Laden führte mich der Verkäufer zu diesem Gerät und sagte wörtlich: “Das steht hier nur, damit die Preisspanne bei Geschirrspülern grösser wirkt. Kaufen Sie es nicht, es ist ein schlechtes Gerät, das Geschirr wird kaum sauber.” Aus Trotz kaufte ich das Gerät und siehe: der Verkäufer hatte nicht gelogen. Der Single-Geschirrspüler macht das Geschirr kaum sauber. Aber kaum ist immerhin ein bisschen besser als im Spülbecken vergammelt. Empfehlung für Technikpessimisten, die in ihrer Fortschrittsablehnung täglich bestätigt werden wollen.

Ich habe eine ganze Reihe von IVAR-Regalen von IKEA. Lange wollte ich meine Wohnung IKEA-frei halten, aber auf der Zielgeraden ist es mir dann doch nicht gelungen und in einem ärgerlichen Doppelanfall von Möbelbedarf und Aktionskunst habe ich zusammen mit Jacques Palminger viel Quatsch bei IKEA gekauft. Ich glaube, das ist dabei herausgekommen, unter anderem. IVAR-Regale eignen sich für alle Bereiche, in denen Ästhetik keine Rolle spielt wie Keller, Atombunker oder Kinderzimmer.

Dieser Dysonstaubsauger ist ein Spezialstaubsauger für Tierhaare. Ich kann nicht beurteilen, ob er wirklich besser Haare aufsaugt, aber er war so irre teuer, dass er das sicher tut. Allerdings handelt es sich nicht nur um den hässlichsten Staubsauger der Welt, sondern auch um den lautesten. Sehr laut. Bizarr laut. Ungesund laut. Vom Lautstärkeniveau irgendwo zwischen startender Düsenjet und Schulausflug in die Vuvuzelafabrik. Und auch vom Klang her. Ein Must für staubsaugesüchtige, gehörlose Katzenbesitzer, die ihre Nachbarn hassen.

Auf dieser Gästematratze (mittlere Gebrauchsspuren) klang die Followerparty 2009 in einer Gruppenpettingsituation aus, an der mehrere bekannte Mitglieder der sog. Internetszene beteiligt waren (ich nicht). Eine geschichtsträchtige Matratze also. Auf nämlicher Party war übrigens auch der 4chan-Gründer moot anwesend, der zwar eine Keramikschale kaputtgemacht hat, aber recht früh ging. Wenn gewünscht, stelle ich ein Echtheitszertifikat aus.

Ein paar braune Billyregale verschiedener Breite. Ein hauchzarter Riss in der Rückwand, zu sehen unten links. Ansonsten staubig, aber absolut in Ordnung. Auch für ebooks geeignet und für schlechte Scherze.

Das Dreiersofa von der beschriebenen Sofakombo. Auch auf diesem Sofa haben nach irgendeiner Internet-Feier drei ungenannte Internetaktivisten den Abend körperbetont ausklingen lassen, ich glaube, die Feier zum Netzsperren-Triumph oder so. Das klingt jetzt in der sexuellen Häufung weitaus aufregender und toller, als es jemals war, merke ich gerade. Aber egal. Alle Spuren sind inzwischen beseitigt, außer den Katzenkratzspuren und mittleren Gebrauchsspuren natürlich. Aber das Sofa ist ansonsten noch tadellos, so dürfte eine der größten technisch möglichen Möbellügen überhaupt lauten.

Sechs Stück gibt es davon, vermutlich Friseurstühle. Es handelt sich um die am meisten nach Drehstühlen aussehenden Nichtdrehstühle überhaupt. Sie drehen sich nämlich nicht. Dafür haben sie Rollen und sehen aus wie eine Zahnspange auf Rädern. Was auch am zahnfleischfarbenen Kunstleder liegt, mit dem die Stühle bezogen sind. Immerhin sind sie bequem und kleben lustig an der Haut im Sommer.

Vintageartiger China-Look wieder, wie auch das Regälchen oben. Auch wieder die unpraktischen Verschlüsse in der Mitte bei diesem Sideboard. Hat die Gabe, so belanglos in der Gegend herumzustehen, dass man es jahrelang nicht bemerkt. Können nicht alle Möbel.

Die Metallbuchstaben U und I, die ich Querdenker, ich Funrevoluzzer, ich im besten Sinne Verrückter Kopf ganz einfach um 90° gedreht aufgehängt habe. Ich bin SO gewitzt manchmal, es ist mir selbst unheimlich. Frei kombinierbar mit den anderen Buchstaben natürlich, man kann also auch FLUI oder FILU legen.

Ein Badezimmerspiegel mit Beleuchtung, Design ist einem Fernseher nachempfunden. Das muss man als Interieurdesigner auch erstmal bringen: “Hey Chef, ich hab eine Idee, ein Badezimmerspiegel in Fernseherform, und damit es noch steiler wirkt, machen wir verspiegeltes Rauchglas aussen rum.” Und so kam Elvis doch noch zu seinem Badezimmerspiegel.

Ein Topkühlschrank von Bosch. Zwei Jahre alt, zwei Meter groß, zwei Türen, zwei Grad. Ohne Flachs, das Ding ist toll. Energieeffizient, leise, großräumig, hätte ich mitgenommen, wenn in der neuen Wohnung nicht eine Designer-Einbauküche mit allem Getöse gewesen wäre. Ganz anders als der Kühlschrank davor, in dem mir mal aus einer Futterdose ein paar offenbar halbwegs kälteresistente Regenwürmer entkommen waren, die in wirklich jeden Winkel krochen, um dort dann unherausprokelbar zu verenden – aber wie gesagt, das war nicht in diesem Kühlschrank (ehrlich).

Klare Sache: dieser Kronleuchter stellt einen der letzten Ausläufer meiner “Ironisch-Wohnen”-Phase dar. Solche Phasen wünscht man niemandem. Grauenvoll. Hing zuletzt im Gästezimmer. Macht ein gelbliches Licht von der Art, wie es in Filmen verwendet wird, um selbst die rosigsten Wangen zombiehaft blasskrank wirken zu lassen. Tipp für Leute, die regelmäßig Beweisfotos für ihre Spontanerkrankung brauchen (“Oh Gott, Müller, bleiben Sie bloß zu Hause!”).

Eine ganze Reihe hoher IVAR-Regale, etwas über zwei Meter hoch. Passt also auch in keinen Keller, vielleicht aber für Leute mit Kamin noch verwendbar. Das rotgezackte Kunstwerk oben von Jim Avignon heisst “Berlin”, das steht aber nicht zum Verkauf, das habe ich bloß vergessen. Der Ventilator ist verfügbar, der blaue Sack Überraschungsmüll natürlich auch, spannend könnte jedoch werden, dass unter dem Regal noch ca. 20 neue, unbenutzte Neonröhren sind. Spannend vor allem für mich, ob die jemand mitnimmt, weil die ein Licht machen, dagegen wirkt eine H&M-Umkleidekabine so warmleuchtend wie ein Kaminfeuer im Sonnenaufgang.

Dieser weisse Kunstledersessel ist so hässlich wie er auch bequem ist. Was mich in ein Jahre dauerndes Dilemma stürzte. Fußstütze ist per Knopfdruck hochklappbar, Lehne fährt dabei zurück und man liegt im Himmel. Bis man die Augen aufmacht oder jemand ästhetisch Empfindsames reinkommt, der erst lacht und dann weint.

Der Sessel zur rosa Plüschkombi. Meines Wissens immerhin ohne schlüpfrige Vorgeschichte. Dafür mittlere Gebrauchsspuren (durch Katzen). Überhaupt LIEBEN Katzen diese drei Sofateile, Haustierpeople aufgepasst, preiswerter kommt katzenkompatibler Plüschkrempel nicht mehr in Euer Haus.

Davon gibt es zwei Stück à vier Leuchtquadraten. Sie leuchten so, wie man es ihnen per Fernsteuerung befiehlt, und zwar in blau, weiss, grün, orange oder rot. Oder changierend. Ein bisschen die Lavalampe für Architekten, die nicht gestillt wurden. Macht aber nach kurzer Phase der Faszination total nerviges Licht.

Ein Holzsekretär unbekannter Herkunft, ausziehbare Schreibfläche. Wirkt gut präsentiert aber wie ein Designmöbel, das hätten doch alle geglaubt, wenn ich sowas geschrieben hätte wie: Der berühmte Minimal Desk vom dänischen Stardesigner Lasse Böltrup, über den man im Netz nichts findet, weil er ja 2007 gegen seine Googlebarkeit geklagt hat. Epoche: Späte Neofunktionalität, Material: skandinavische, handgefällte Erle (unbehandelt, unterwasserlackiert). Sammlerstück, kein anderes Exemplar bekannt!

FUJIFILM hat ja zwei F. Das hier hing jahrelang auf dem Gästeklo und hat sich dort ausgezeichnet gemacht, keine Beschwerden.

Ein Holzregal in unangenehmer Farbe (mintgrün) und das vermutlich keimigste Möbelstück in der Wohnung, weil es schräg überm Herd hing. Die Türen fehlen, es ist unansehnlich, das kann keiner wollen. Das kann auch keiner holen, weil es von mir höchstselbst an die Wand geschraubt ist in all meiner handwerkerischen Minderbegabung, die dazu führte, dass die Kreuzschlitzschrauben so ausgelutscht sind wie die meisten Sprüche auf Twitter.

IVAR, verdammt, so retrospektiv ist ja doch alles voller IKEA gewesen, was habe ich nur getan damals? Hier immerhin mit Flascheneinsatz, dafür muss ich sagen: vom Küchendunst hat sich eine leichte Fettigkeit ins Holz gesogen. Das fällt aber nur auf, wenn man näher als drei Meter rangeht. Tipp für hygnieneliberale Wohngemeinschaften!

Bettsofa von, haha, IKEA. Aber irre praktisch, kann man ausziehen, dann ist es ein Doppelbett. Aber Vorsicht, aus mir nicht bekannten Gründen wiegt das Ding gefühlte drei Tonnen. Ich weiss, das Foto ist eine Zumutung mit dem Sperrmüll drauf, aber ich hatte es eilig.

Holzkisten und Korbkörbe in verschiedenen Größen und Formen. Sehr praktisch, wenn man es sich gezielt einredet. Ansonsten eher sperrig und natürlich immer genau zu klein oder zu groß für alle denkbaren Gelegenheiten.

Und schließlich undefinierbares Gerümpel. Die Tür im Hintergrund muss dableiben, die gehört zur Wohnung. Aber zwei Plastiksterne, eine Lampe, die schon 1957 als altbacken empfunden worden wäre, ein großes Metall-M (andere Bauart als die anderen Buchstaben, aber auch als W verwendbar), zwei weibliche Torsi als Kleiderständer, eine Staffelei, Geschirr, ein hier kaum erkennbares, weisses Holzregal, das vom Gewicht her auch aus purem Blei sein könnte, ein nur marginal verbogener Buchständer, eine röhrenförmige Lavalampe. Was man halt so hat, aber nicht braucht im Haushalt.

Mit Freude und Spannung erwarte ich Eure Ankunft mit starken Helfern und Lastwägen am Freitag, den 17. Februar ab 17 Uhr in der Schönhauser Allee 184 in 10119 Berlin.


Nachtrag
Ergebnisse in Kürzestform:
- der Konkurrenz-Auszug aus Bellevue am selben Tag war deutlich populärer
- ca. 70 Käufer vor Ort
- die Facebook-Generation ist unglaublich höflich und freundlich
- etwa 40% des Zeugs wurde verkauft
- Berlin ist jetzt voll mit Wohnbuchstaben
- das Sofa ist noch da
- ebenso rätselhafterweise die Matratze
- etwas über 350 Euro Erlös
- so dass ich aufrunde auf 500 Euro und alles dem Kältebus spende (done; Spendenbeweis)
Vielen Dank an alle Beteiligten.

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