Kollision der Technologieepochen

Da bin ich also in einem Hotelzimmer in Unterfranken, denn ein wichtiger Teil meines Berufs ist es, umherzufahren und Vorträge zu halten über das Internet und was es so macht mit der Welt. Es ist ganz gut, auch mal mitzubekommen, wie normale Leute das Netz sehen, normal im Sinne von: keine Internetnerds.

Ohne jede Häme, im Gegenteil mit Respekt hat man zur Kenntnis zu nehmen, dass den meisten Erwachsenen Social Media, Facebook, Twitter, Blogs, alles da weitestgehend egal ist (bisher). Das Internet besteht aus Spiegel Online, Flüge buchen, Banking, am nächsten an soziale Medien kommt Youtube ran und vielleicht je nach Interesse ein Forum oder eine Spezialcommunity, der digitale Hobbykeller. 20 Millionen Deutsche auf Facebook bedeuten eben vor allem auch: 60 Millionen nicht auf Facebook.

Und dann prallen nicht beim Vortrag selbst, sondern kurz danach in einem Hotelzimmer in Unterfranken – freundlich, sauber, Prägetapete – die Technologieepochen aufeinander, weil dort ein Bett steht, das vermutlich Anfang der 1980er Jahre gestaltet worden ist. Zu der Zeit, als Individualtechnologie noch ein Radio war, das in der Mittelkonsole des zweizügigen Betts eingebaut wurde. Kiefer Furnier.

Vermutlich in einer frühen Vorausahnung von “always on” kann man das Radio im Bett nicht ausschalten. Und auch nicht den Stecker ziehen, denn der ist hinter der Komplettholzverschalung verborgen. Man kann das Radio nur so leise stellen, dass man nichts mehr hört: Volume = 0.

Viele Jahre lang war das kein Problem. Tonlos leise fühlt sich ja fast wie aus an.

Bis Smartphones kamen, die wirklich Always On sind und ständig Daten hin und her schicken, um bei jeder Facebook-Flatulenz im Friendeskreis in Echtzeit informiert zu sein. Und genau in diesem Moment zeigt sich: die atmosphärischen Frequenzstörungen, die Smartphones verursachen – die hört man genauso laut, wenn die Lautsprecher ganz leise gestellt sind. Weil es für die fiepende Interferenz schon ausreicht, wenn ein ganz, ganz kleines bisschen Strom durch die Kabel durchfliesst.

Und so kollidiert die Technik der 80er auf überraschende Weise mit meinen zwei Smartphones und ich kann nicht schlafen. Weil man das Radio nicht ausmachen kann, sondern nur leise, muss ich zum ersten Mal seit Jahren die Handys ausmachen und nicht nur leise. So richtig aus, always aus, bis morgen früh.

Wir lernen daraus: wenn sie anfangen, Geräte ohne Ausschalter herzustellen, müssen wir rebellieren.

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This Post Has 29 Comments

  1. Sascha Lobo says:

    (Zarte dichterische Freiheit übrigens im Text: das Handy, dessen Nummer im Internet steht, mache ich schon manchmal aus, so ganz aus. Nur das supergeheime, superprivate Geheimhandy, das ist immer an, aber leise.)

  2. Sonstwer says:

    Wo war deine Rebellion ?

    Die Handys auszuschalten und sich schlafen zu legen ist die Akzeptanz des vorherrschenden Systems.

  3. Dave says:

    Tja … Du sollst Dir kein Ebenbild erschaffen:

    Das, was die Maschine vom Menschen unterscheiden sollte, ist bisher noch der Ausschalter. Woran könnt man sonst den Unterschied erkennen? *fg*

  4. Pat McCraw says:

    Es hätte noch eine radikale Methode gegeben: Kurzschluß verursachen (da die Sicherungen sicher auch nicht zugänglich waren), schlafen bei gefährlich flackerndem Kerzenlicht oder zuckender Taschenlampe. *blinzel* – Schöner Bericht, Sascha :)

  5. Sascha says:

    @Ralf: Wecker? Telefonanruf der Rezeption? Passt aber super zum Artikel dass du die Frage stellst.
    @Sascha: eines der Merkmal der “Telescreens” (im deutschen Televisor) aus Orwells “1984″ war übrigens, dass man sie nicht ausschalten konnte, nur leise stellen. Und dass der Parteibonze eines hatte welches man – als besonderes Privileg – ausschalten konnte.

  6. Die Kunst des Ausschaltens ist spätestens seit der Etablierung des Handys eine große Herausforderung für so einige Zeitgenossen geworden. Ein Manager sagte mir einmal: “Ich mache mein Handy immer wieder aus. Wozu habe ich denn eine Sekretärin? Wenn mich jemand erreichen will, soll er sie anrufen.” Das schaffen nicht viele. Schon gar nicht mit dem Smartphone. Einen Geschäftsmann ereilte ein Nervenzusammenbruch, als ihm im Urlaub (!!!) sein Blackberry ins Wasser fiel, und er vorübergehend nicht mehr “on” sein konnte. Dabei ist es mit jeder neuen Technologie so, dass man sie beherrschen sollte. Also auch ausschalten können muss. Korrekter Aufruf von Herrn Lobo: Rebellieren wir doch auch gegen uns selbst und unser Umfeld, wenn das Ausschalten verlernt wird.

  7. Oha says:

    Hätte es nicht gereicht, eine gewisse Distanz zwischen Smartphone und Radio zu bringen? Im Bad liegend hätten sie bestimmt keine Inteferenzen ausgelöst. Hehe!

  8. DerStefan says:

    Tuecke: Man muss frueher aufstehen da die Handys ja noch booten muessen

  9. Matthias says:

    Sind diese Lusttöter-Betten damals eigentlich auf Intervention der Bischofskonferenz entwickelt worden?

  10. Achim says:

    Ich habe noch nie verstanden, warum man sein Handy nicht ausmacht, wenn man schlafen geht.

  11. Döskopp says:

    Hm, das gibt mir jetzt zu denken. Handys, die man nicht mehr ausschalten kann, darf und will? Das erinnert mich daran, wo zum Teufel ist dieses Drecksding jetzt denn schon wieder … ah, lag unter einem Stapel von unerledigter Post, also ja, das erinnert mich daran, ich sollte das Teil vielleicht mal wieder einschalten und schauen, ob der Akku noch nach so langer Zeit der Unnutzung noch funzt.
    Das Ding hat ja auch schon viele Monde gesehen und Jahre auf dem Buckel, die Firma gibts schon garnicht mehr. Aber es hat tatsächlich auch einen Einschalter.
    Eigentlich brauch ich das Ding garnicht. Im Prinzip interessiert mich dieses Socialdings auch nicht. Wenn Freunde oder Bekannte nicht mehr wissen, wie man jemanden ohne Fazebuch und Konsorten erreicht, es gibt noch einen analogen Telefonanschluss, dann weß ick och nich mehr wat dat soll ;-)

  12. HansHans says:

    +Achim Du hast kein Smartphone, oder?
    Weißt du wie lange diese #!$&-Dinger zum hochfahren brauchen?
    Fortschritt – oder: Früher hat man nie gesagt “Moment, ich muss mein Telephon rebooten”

  13. Matze says:

    +HansHans
    auch nicht länger als man zum Zähneputzen braucht. Ich finde schon, dass es auf jedenfall ein Zeichen von Stärke ist das Handy Nachts aus zu machen. Und als Beweis seines wikingerstarken Willens auch erst nach dem Frühstück wieder an macht.

  14. Achim says:

    Nee, ich habe kein Smartphone. Und wenn man den Zeitbedarf für das Einschalten seines Telefons im morgendlichen Ablaufplan extra berücksichtigen muss, haben die Erfinder noch eine Aufgabe zu erledigen.

  15. Dorle says:

    Ich bin für ein Ohrimplantat für dauerhafte Erreichbarkeit :D

    Nein ganz ehrlich, mein Handy ist immer an und trozdem bin ich nie erreichbar, weil Taschen so groß sein können :D

    Ich hätte gerne einen universal Störsender mit dem man Abends alle technischen Geräte (besonders die mit Diskobeleuchtung) kabellos ausschalten kann und morgens wieder ein.

  16. Ritchie says:

    Schöne Anekdote! Die wird hoffentlich in einigen Jährchen in der ersten Lehrfabelsammlung über die frühen Internet-Zeiten enthalten sein.

  17. KoreanBoy says:

    Herrlich! Sowas kann man sich nicht ausdenken! Was würden wir nur ohne Fürst Poweronoff mache – da sieht man’s :D

  18. Vollek says:

    Versagt dein Smartphonegerät
    und es kommt drohend die Nacht,
    hilft ein Abendgebet,
    denn GOTT hält die Wacht! ;-)

  19. berndrei says:

    Handy ausschalten ? Um Gottes Willen, dann muss ich ja nach dem Einschalten eine der vielen Hundert Pins oder Passwörter oder sonst was eingeben. Auch eine (ärgerliche, aber notwendige) Begleiterscheinung der modernen Kommunikation.

  20. Ozan says:

    Das liest sich echt gut. Hab mich köstlich amüsiert. Freue mich auf neue Beiträge. ;)

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