Archive for November, 2011

Realitätsverlust in der PR-Branche

Mein Interesse für Sprache und ihre Funktion besteht nicht erst seit meinem neuen Buch Wortschatz. Sondern seitdem ich für mich nachvollziehen konnte, was Philosophen und Linguisten seit Jahrtausenden erkunden: Sprache prägt die Wahrnehmung der Realität, mehr noch: das, was man für die Wirklichkeit hält, ist ein sprachliches Konstrukt. Vereinfacht: die Welt ist echt, aber die Sprache ist nur ausgedacht und durch Geschichte, Kultur, sozialen Status, Ort und soweiter viel, viel stärker gefärbt, als man glaubt (hier scheint mir ein Querverweis auf den Radikalen Konstruktivismus sinnvoll).

Gerade im Zusammenspiel mit den Medien und besonders mit der digitalen Sphäre ist Sprache deshalb ausgesprochen verräterisch. Das Blog neusprech.org beschäftigt sich damit, wie mit Sprache als Instrument versucht wird, die Wahrnehmung der Realität zu beeinflussen. Es ist eben ein Unterschied, ob man “die Märkte reagierten positiv” sagt oder “die knapp eintausend Milliardenspekulanten, von denen alle so tun, als seien sie “die Märkte”, reagierten positiv”. Sprache lässt sich auch als Symptom betrachten, das viel über die Konstruktion der eigenen Realität verrät.

Heute ist eine Pressemitteilung via dpa verbreitet worden, in der es um eine Umfrage unter PR-Agenturen und Pressesprechern geht, der PR-Monitor. Ich habe nichts gegen PR, im Gegenteil, ich selbst schwimme auf manchmal seltsame Art zwischen Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Hypeerzeugung, was eher kein Geheimnis ist. Ich habe aber sehr wohl etwas gegen die Impertinenz, mit der PR oft – zu oft – betrieben wird: zu glauben, dass die Auftragskommunikation, die man transportiert, irgendetwas anderes sei als eben Auftragskommunikation, und daraus abzuleiten, sie sei wichtig für die gesamte Welt! So wichtig, dass alle Regeln fallen gelassen werden müssen, “auf Ihrer Webseite steht zwar, Sie wollen NIEMALS aus PR-Gründen angerufen werden, aber wir haben hier die Weltpremiere des neuen ZONGO Limone mit WLAN, wenn das keine Ausnahme ist, dann…”

Um es zu präzisieren: mich stört nicht PR an sich, mich stört eine leider sehr verbreitete Haltung dahinter, die Welt interessiere sich höchstens in Ausnahmefällen nicht für die tollen Nachrichten aus dem Hause ZONGO. Es ist umgekehrt. Per Default ist davon auszugehen, dass sich außerhalb des Hauses ZONGO exakt niemand für ZONGO interessiert, auch nicht bei Weltpremieren mit WLAN oder einer neuen cholesterinfreien Variante. Alles andere ist berufsbedingter Realitätsverlust.

Und die erwähnte Umfrage kleidet die Größenordnung des Realitätsverlusts in der PR-Branche endlich in konkrete Zahlen. Dort heisst es nämlich: “Auch klagen PR-Fachleute über “desinteressierte Journalisten”, die ihnen die tägliche PR-Arbeit erschweren (PR-Agenturen: 40 Prozent; Pressestellen 31 Prozent)“.

Voilà. 40 Prozent der (befragten) PR-Agenturen und 31 Prozent der Pressestellen haben keinen Kontakt mehr zur Realität – und biegen sich ihre Wahrnehmung mithilfe der Sprache zurecht, sie konstruieren sprachlich eine Scheinwirklichkeit (allerdings hier vermutlich mit starker Hilfe der umfragenden Instanz). Statt nämlich zuzugeben, dass sie es nicht schaffen, Journalisten (und die Öffentlichkeit) für ihre Themen zu interessieren, klagen sie über “desinteressierte Journalisten”. Das ist Realitätsverdrehung, ja, Realitätsumdrehung der kontraproduktivsten Sorte. Mit dieser Haltung heisst es im nächsten Jahr: “Die doofe, desinteressierte Facebook-Öffentlichkeit hat es mit 34 Ausnahmen (davon 19 Mitarbeiter) nicht geschafft, Fan unserer ZONGO-Seite zu werden. Was für ein Armutszeugnis für Facebook.”

Die PR-Klage über “desinteressierte Journalisten”, das ist, als fordere man vom Staat eine Belohnung dafür, dass man gestern auf der Autobahn nicht zu schnell gefahren ist.

Nachtrag
Einer der Gründe, warum ich das Internet, also die Leute aus dem Internet, doch recht gern mag: Jemand (nicht ich) hat soeben einen Twitter-Account für ZONGO Limone geschaffen, und schon das Icon ist eine Sensation, auf eine ganz eigene Art.

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Wie mich die Filter-Bubble einmal linkte

Filter-Bubble ist ein Begriff aus dem gleichnamigen Buch von Eli Pariser. Pariser war die Leitfigur von MoveOn.org, einer großen Aktions-Plattform, und hat irgendwann bemerkt, dass soziale Medien die Informationen für ihre Nutzer kaum erkennbar vorfiltern. Das geschieht mithilfe von Algorithmen, die die persönliche Relevanz der Nachrichten für jeden Nutzer erhöhen sollen.

In der Folge bekommt man häufiger Katzenfotos zu sehen, wenn man die in seinem Facebook-Newsfeed ständig anklickt, liket und kommentiert, und seltener politische Inhalte, wenn man auf die nicht reagiert. Qualifizierte Schätzungen lauten, dass man maximal 10% der Nachrichten seiner Kontakte überhaupt präsentiert bekommt.

Natürlich kann daraus ein Problem entstehen, vor allem, weil diese Filter-Algorithmen für den Nutzer nicht erkennbar und nur eingeschränkt kontrollierbar sind. Aus dieser Tatsache lässt sich für den modernen Kulturpessimisten selbstredend das Ende der Zivilisation ableiten – aber am eigenen Beispiel habe ich kürzlich eine wesentlich spannendere Konsequenz als bloß den Weltuntergang entdeckt.

Wie auch meinem Artikel auf Spiegel Online zu entnehmen war, habe ich mich kürzlich verlobt und das per Änderung des Beziehungsstatus auf Facebook erstmals öffentlich bekanntgegeben. Auf Facebook habe ich eine Page mit etwa 10.000 Likenden und ein privates Profil mit knapp unter 5.000 Friends (die Maximalzahl an Friends). Vor der Eröffnung meiner Page habe ich jede Anfrage an mein privates Profil als Friend angenommen, das ist ein Grund, weshalb es da eine gewisse Fluktuation gibt und sich die Zahl ab und zu leicht ändert: es sind in meinem Fall keine echten Freunde oder Friends, sondern eher irgendwie Interessierte. Mit der Betonung auf irgendwie, denn den Kommentaren entnehme ich häufiger, dass jetzt nicht alle mir ganztägig bedingungslose Liebe entgegenbringen. Ein paar sind wohl auch an einer gewissen, sagen wir, Reibung interessiert. Aber man weiss ja so wenig über seine Friends. Erst recht, wenn es fast 5.000 sind.

Als ich meinen Beziehungstatus in “verlobt” änderte, passierte etwas Merkwürdiges. Innerhalb von einer guten Stunde verlor ich etwa einhundert Friends.

Spontan war ich natürlich begeistert. “Das müssen hundert Frauen (oder Männer) gewesen sein, die so sehr auf mich standen, dass sie an einem verlobten Sascha Lobo spontan das Interesse verloren. Was für eine fantastische Begebenheit! Da kann sogar mein Ego sich ein paar Tage von ernähren!” So dachte ich bei mir.

Auch nach längerem Überlegen fiel mir keine andere Möglichkeit ein, weshalb die bloße Bekanntgabe der Verlobung ohne jeden zusätzlichen Kommentar jemanden dazu veranlassen sollte, mich zu entfrienden. Irgendwann fiel mir leider doch eine ein.

Schuld war die Filter-Bubble. Denn eine Verlobung wird von den Algorithmen von Facebook als so relevant eingeschätzt, dass sie bei wesentlich mehr Friends angezeigt wird als der Alltagsquatsch, den ich sonst so ins Netzwerk puste. Das bedeutet: tausende meiner Kontakte, die mich irgendwann dazugefügt, aber dann das Interesse verloren und wegen der Filter-Bubble nie wieder etwas von mir gesehen haben, bekamen auf einmal überraschend meine Verlobung in den Newsfeed gebeamt. Wo die Nachricht auch noch stundenlang stehen blieb und immer wieder hochschnellte, weil meine engeren Facebook-Kontakte natürlich zu Hunderten liketen und kommentierten.

Ungefähr einhundert Facebook-Friends wurden also daran erinnert, dass sie mich irgendwann befriendet hatten, bemerkten, dass ihnen das offenbar nur mäßig viel gebracht hat in den letzten Jahren und klickten nach der Kommentarflut meiner echten Friends schnell auf “remove from friends”.

Eigentlich schade, dass ich zu lange über die wahren Gründe nachgedacht habe, die erste Erklärung fand ich irgendwie schöner. Vielen Dank, du blöde Filter-Bubble.

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