Allgemeine Feststellungen zur Buchsituation

Ausgehend von einem SPON-Interview (über Amazon und den Buchmarkt) des von mir geschätzten Helge Malchow (KiWi-Verleger) hat sich auf Google Plus bei Kathrin Passig eine Diskussion entwickelt. Meinen Kommentar dazu möchte ich hier leicht ausgebaut spiegeln. Ich schreibe ihn auf, weil ich Verlage wirklich gern mag und glaube, dass sie in ihre eigene Marginalisierung rennen. Die Feststellungen beziehen sich in erster Linie auf die Belletristik, der Sachbuchmarkt ist etwas anders gelagert und ausdifferenzierter.

0. Ich möchte in einer Welt leben, in der kluge Leute für das Nachdenken bezahlt werden, und dazu sind Bücher ziemlich gut geeignet. Das ist übrigens auch mein Argument für ein starkes Urheberrecht (mit digitalen Anpassungen, allerdings).

1. Wir befinden uns in einer Übergangszeit. Niemand weiss, wie lange diese Übergangszeit noch dauern wird, weil es von vielen ineinander verzopften Faktoren abhängt, man kann höchstens raten. Solange können Leute über den Buchmarkt das Gegenteil voneinander sagen und beide Recht haben. Nur am Ende gewinnt das Ebook.

2. Der Buchmarkt richtet sich nicht nach dem, was Autoren, Verlage oder Medien wollen. Er richtet sich noch nicht einmal besonders nach dem, was in Gesetzen geschrieben steht. Er ist ein Markt und richtet sich zu allererst und beinahe ausschliesslich nach den Kunden, selbst wenn in Deutschland mit Buchpreisbindung und Zwischenhändlern starke Strukturen gegen den Markt vorhanden sind (note to Marktverächter: so sieht das dann aus, übrigens, mit allen Vor- und Nachteilen). Die sind in Deutschland derzeit ausgesprochen ebookfaul – was sich aber über Nacht ändern könnte, und zwar schon zu Weihnachten diesen Jahres. Dann werden Ebooks vielleicht sogar mehr als 0,5% des Buchmarkts ausmachen.

3. Die deutsche Buchlandschaft – die ich sehr mag, samt Verlagen – hat leider die kaum vielversprechende Strategie, das 20. Jahrhundert digital nachspielen zu wollen. Was bei der Musikindustrie nicht funktioniert hat, wird bei den Verlagen ebenfalls nicht funktionieren, es dauert wegen der völlig anderen Kundenstruktur bloß noch länger, bis sie es merken. Das ist die traurigste Tatsache, weil das heisst, dass irgendwann ein Buchverlagssterben einsetzen wird.

4. Verlage sind wunderbar, jedenfalls einige. Da arbeiten Menschen, die Bücher lieben, jedenfalls einige. Verlage sind der Garant für Querfinanzierung, ohne die in meinen Augen ein Kulturmarkt und damit die Kultur nicht denkbar wäre. Querfinanzierung bedeutet, dass eine Charlotte Roche fünfzig vielversprechende Autoren ernährt – bis vielleicht ihr Buch groß wird. Verlage bedeuten vor allem, dass Autoren vom Schreiben leben können, die eigentlich mit nichts außer dem Schreiben selbst etwas zu tun haben wollen und das ist ganz famos, denn viele sehr, sehr gute Autoren sind so, diesen Sachverhalt nenne ich das Herrndorf-Axiom.

5. Was die Verlage insbesondere nicht begriffen haben, ist, dass sie auf digitalen Geräten konkurrieren mit Angry Birds. Und das kostet 1,49 € oder so, ein Ebook kommt leicht mal mit 16,90 € um die Ecke. Das Argument, man habe doch von einem Buch viel länger Freude ist erstens genau berechnet völlig falsch. Und zweitens entspricht es der Vorstellung, Autokäufer würden Autos nach Kosten je Kilometer kaufen und nicht nach dem Preisschild, was dranhängt. Nach der Logik würden alle die S-Klasse kaufen, weil die zwei Millionen Kilometer durchhält und deshalb nur 5 Cent je Kilometer kostet.

6. Die heutigen Ebook-Reader sind bei allem Fortschritt noch immer grauenvoll. Das ipad ist zu schwer, der Kindle hat ungenügende Usability, nirgends gibt es alle Bücher wegen DRM, dem Senfgas des Internet. Und die anderen Geräte kriegen ja noch nicht mal richtige PR hin, um mich von der Notwendigkeit ihrer Anschaffung zu überzeugen. Aber: der Fortschritt. Heute zu sagen, Ebooks setzen sich nicht durch, die Geräte taugen nichts, ist, als würde man 1987 gesagt haben: Mobiltelefone setzen sich nicht durch, wer soll denn den großen Koffer mit sich rumtragen.

7. Die Zukunft der Verlage liegt im Ebook und damit in folgenden Leistungen (und jetzt rate ich, natürlich, aber es ist eine Art educated guess):
- Scouting guter Inhalte/Autoren
- Vorfinanzierung
- Qualitätssicherung
- Strategieberatung für Autoren (Welches Buch wann, wie, wo)
- Produktberatung (es wird viel mehr als nur ein Ebook geben, zB auch Serien, Abonnements, etc.)
- technische Plattform-Dienstleistungen (damit das Ebook auch überall erscheint, Apple, Amazon, Googlebuchmarkt etc.)
- PR und Kommunikation
- Vertriebsunterstützung (grenzt an Kommunikation, ist aber sehr wichtig, schon heute bei Apps)
- Quervermarktung (international, Filme, allgemeine Zweitverwertungen)

Das Problem der Verlage in Deutschland ist, dass sie einen guten Teil dieser Funktionen ausgelagert haben an Literaturagenturen oder Dienstleister und in den anderen Bereichen nicht wissbegierig lernen, sondern die digitale Realität verleugnen: Sie macht ja erst 0,5% des Umsatzes aus. Das bedeutet (falls sich nichts ändert, und zwar schnell) – es wird weiter Verlage geben, auch große, aber es werden nur zu einem mittelgroßen Prozentteil die Verlage sein, die wir heute kennen. Denn bereit UND fit für die Transformation ist meiner Einschätzung nach ungefähr keiner, und zwar – man mag es glauben oder nicht – aus weitgehend romantischen Gründen. Und das passt im Guten wie im Schlechten dann doch ganz gut zur Buchbranche.

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This Post Has 65 Comments

  1. Arne says:

    Tolle Zusammenfassung/Strukturierung der Diskussion… ja, das gehört von G+ hier ins Blog gerettet! ;-)

  2. Lutz says:

    Was passiert, wenn Verlage Entwicklungen verschlafen, kann man auch ganz gut an der deutschen Zeitungslandschaft erkennen.

  3. “Denn bereit UND fit für die Transformation ist meiner Einschätzung nach ungefähr keiner, und zwar – man mag es glauben oder nicht – aus weitgehend romantischen Gründen. ”
    Die meisten Verleger, die ich kenne, sind Kaufleute, keine Lyriker. Von Romantik also keine Spur. Eher davon, daß große Unsicherheit herrscht (Geschäftsmodelle, Zielgruppenkenntnis) und eine Transformation neben Umstellung der Organisationsform “Verlag” auch Investitionen bedeutet und Print eben immer noch für viele Kerngeschäft ist. Also gerne konservative Kaufleute – aber Romantiker? Nein…

  4. Sascha Lobo says:

    Natürlich Romantik. Der Glaube, das eigene Gefühl für die Buchwelt sei für die Zukunft wichtiger als die digitale Realität. Das ist eine Form der Romantik, für mich, wenn ich auch zugeben muss, dass man dafür weniger euphemistische Begriffe finden könnte. Aber da ist soviel Liebe und Freude am Buch, quer durch die Verlagslandschaft (verglichen mit vielen, vielen anderen Branchen), da kann man ruhig einen freundlichen Begriff finden für die Verleugnung der kalten, harten Techno-Realität.

  5. Lutz says:

    Die Wahrheit liegt dazwischen, denke ich. Liebe zum Buch – natürlich. Ein Verleger ist ein Verleger, er liebt Bücher, er hat vielleicht sogar ein Sendungsbewusstsein. Aber wenn er nicht auch Kaufmann ist, wird er nicht lange Verleger sein … Könnte sein, dass gerade dieser Spagat die Verlagslandschaft lähmt.

  6. @Sascha Das ist eher ein nachvollziehbares Festhalten an tradierten Produktformen denn Romantik. Will mich aber an dem Begriff auch nicht aufhalten – es verharmlost imho bissel: “Die sind halt alte Romantiker, die können nicht anders”. Wenn ich mir die sehr intensiven Diskussionen unter Verlagskollegen anschaue, auch der nicht zu leugnende Veränderungs- (oder besser Anpassungs)wille vieler – Nein, von Romantik ist da keine Spur.
    Und die emotionale Bindung an eine Produktform zeigt sich ja auch an anderen, interessanten Stellen, etwa der Studie der Uni Mainz (den Disput darum erspar ich mir jetzt) – obwohl die neurophysiologische Messung etwas anderes aufzeigte, halten auch Jüngere an dem Medium Papier fest. Wer wills da den Verlegern verdenken? ;-)
    Genug gealbert – Verweigerungswillen gegenüber Veränderungen gab es schon immer und wird es immer geben, die Verlagsbranche ist dabei nicht besser oder schlechter als andere. Sie redet nur mehr über ihre Befindlichkeiten…

  7. Genau: Die Verlage haben für einen kommenden Markt wichtige Funktionen nach außen vergeben und arbeiten auch sonst hart daran, an den Rand zu kommen (denn Papierbücher wird es am Rand analog der Vinylplatte noch ewig geben). Daraus ergibt sich allerdings auch eine Hoffnung für Autoren: Sie können diese Leute buchen, damit die aus ihrem Manuskript ein richtig gutes Ebook machen und sich einen entsprechenden Anteil nehmen. Also das, was Amazon in den USA gerade macht, und die verkaufen es dann gleich selber.

    Diese Entwicklung war seit so langer Zeit mit so vielen Beispielen (Musikindustrie, Ebook-Marktentwicklung in den USA) absehbar, dass ich mir schwertue, mit Verlagen Mitleid zu haben, die gerade merken, dass wir 2011 haben und nicht mehr 1981. Die Dienstleistungen der Verlage wird es also (Wiederholung:) bestimmt weiter geben, auch von Literaturliebhabern. Die kommen aber dann statt von den bestehenden Verlagen eben von Leuten, die akzeptieren, welches Jahr wir schreiben. Und vielleicht wird es damit sogar einfacher, als Autor hier gute Dienstleistungen zu erwerben.

  8. “…am Ende gewinnt das Ebook.”
    Aus meiner Sicht: Am Ende gewinnt die digitale Repräsentation von Content.
    Der Umbruchprozess liegt ja insbesondere darin, dass Bücher zunehmend die Gestalt von Datenbanken annehmen (die Fachbücher und -datenbanken zeichnen diesen Weg bereits vor), dass also immer mehr “Informationswolken” entstehen, in denen “Bücher” oder “Seiten” nur noch bestimmte Views auf verknüpften Content sind. Ähnlich einer Taucherbrille unter Wasser.
    Und weil diese Informationswolken ihre Gestalt ständig verändern (z.B. indem Leser Kommentare und Bewertungen abgeben, den Content also ergänzen, dieses Feedback aber auf die Autoren zur Anpassung des Ausgangscontents veranlasst), ändern sich sowohl die Herstellungsprozesse (man schreibt gleich für eine Wolke) als auch der Leseprozess (Geräte müssen mehrdimensionales Lesen, Sharing und Diskussion ermöglichen). Auch die Absatzkanäle werden ganz andere: Statt Paid Content werden Mehrwerdienste die entscheidenden Monetarisierungsquellen.
    Alles in allem also verständlich, dass “der ein oder andere” Verlag mit dem allumfassenden Wandel nicht auf Anhieb zurecht kommt und traditionsnahe Produkte wie das eBook avisiert. Am Ende wird es aber noch spannender werden: Content lebt.

  9. teekay says:

    Ein Hinweis zu Punkt 0: Das unterstuetzte ich zwar, bin mir aber nicht sicher, inwieweit ‘das Buch’ auch in Zukunft eine Einkommensquelle fuer Autoren bleibt. Ich denke, dass das Buch eher wenig Geld abwerfen wird, aber zur ‘Markenbildung’ beitragen kann. Lesungen, Workshops, Reden und andere Projekte des Autors werden als Einkommensquelle wichtiger werden. Das ist natuerlich nicht nur positiv zu bewerten, denn es bietet extrovertierteren Autoren bessere Moeglichkeiten als stillen Schreibern. Viele werden ‘vom Buch’ nicht leben koennen-aber das ist ja so neu auch nicht. Musiker produzieren zwar ‘CDs’, aber machen durch Konzerte mehr Geld.
    Im SPON-Interview wurden Probleme von Amazon als Verlag angesprochen, wenn er von Manuskripten ‘ueberschwemmt’ wird. Die sehe ich weniger. Es wird ein globales Netzwerk von ‘Einlesern’ geben, die fuer wenig Geld jedes neue Ebook kurz readktionell bearbeiten und in die Datenbank einpflegen werden. Dann gibt es noch Newsletter/Blog/Amazon-Buch-TV und ploetzlich koennen sehr, sehr viele Buecher promoted werden und die ‘community’ kann entscheiden, was gekauft wird und was nicht. Es gibt genug unterbezahlte Uni-Absolventen in der OECD-Welt die ganz schnell Verlagsassistenten werden und die tollen, wunderbaren Aufgaben die nur ein Verlag kann, uebernehmen. Aber kritische Fragen wollte man ja wie so oft lieber nicht stellen…

  10. Diskutieren ließen sich viele Punkte. Sascha Lobo nennt aber einen sehr wichtigen Aspekt, der auch aus meiner Sicht die Branche heraushebt und der eine große Chance für die Zukunft darstellt: die Leidenschaft der in der Buchbranche tätigen Leute – seien es Autoren, Verlagsleute oder Buchhändler. Heute führt diese Leidenschaft noch meist dazu, dass das bestehende Geschäft reflexhaft verteidigt wird, weil man es eben liebt. Künftig wird die Leidenschaft aber (hoffentlich) dazu führen, neue Geschäftsmodelle zu finden und zu ermöglichen. Es gibt jedenfalls wenig Branchen, in denen man so viele liebenswerte Menschen trifft.

  11. Cyrus McDugan says:

    Bücher auf Papier zu bannen, war (und ist noch) ein größerer Aufwand. Sicher kann man mit einem Laser- oder Tintenstrahldrucker Seiten drucken und somit ein Buch bekommen, kostendeckend ist das jedoch nicht.

    Derzeit gibt es aber eine Menge Tools (auch kostenlose), mit denen selbst ambitionierte Hobbyautoren eBooks herstellen können. Denn das ist der Knackpunkt: Bei eBooks verkauft man digitale Kopien, und dafür benötigt man keine großen Ressourcen. Das Internet stellt bereits alle wichtigen Komponenten zur Verfügung.

    Das macht aber die Verlage zu einem Dienstleister für Autoren, und genau da können sie punkten. Es gibt schon gute Software, die Rechtschreibfehler erkennt, Grammatik (einigermaßen) prüft, Lesbarkeit einschätzt und ein wenig den Stil bewertet. Eine ordentliche Beratung durch gute Lektoren ersetzt das nicht.

    Hoffen wir, dass sie es rechtzeitig genug erkennen, damit wir auch in Zukunft mit guter Literatur versorgt werden.

  12. Zum Vergleich mit der Musikindustrie: Wenn das Ergebnis ähnlich ausfällt, wäre ich gar nicht so pessimistisch. So schmerzhaft es sein mag, zuzuschauen, wie Fehler wiederholt werden, anstatt aus den Fehlern anderer zu lernen – inzwischen sind die Angebote für die Kunden (ungeachtet Verbesserungsmöglichkeiten) überzeugend.

    Musik kann man digital in der Regel ohne Kopierschutz kaufen. Die Preise sind stark gefallen, besonders abseits der gerade gefragten Mainstream-Künstler kann viel fürs Geld bekommen. Und man hat als Musikhörer die Möglichkeit, entweder Titel/Alben zu kaufen oder für ein paar Euro im Monat mittels Streaming-Flatrate aus einen Pool von Millionen Liedern zu schöpfen. Zudem gibt es eine Fülle neuer Künstler, womit die Krise der Musikindustrie nicht zu einem Mangel an guter neuer Musik geführt hat.

    Wenn es in einigen Jahren ein ähnlich gutes Angebot bei Büchern gibt, freue ich mich heute schon darauf.

  13. Lord Wurm says:

    Bücher sind out. Ich kenne niemanden in meiner Umgebung, der noch ein Buch lesen möchte. Okay, vielleicht mal eine Runde AngryBirds. Aber ich würde AB nicht als Buch im engeren Sinne begreifen. Man kann es schließlich auch schlecht ausdrucken.

    Bücher werden nur von Leuten gelesen, die ich als sozial gestört bezeichnen würde. Denkt mal drüber nach. Es stimmt!

    Herzlich
    Lord Wurm

  14. floham says:

    Liesse sich diese angebliche sinnlich-haptische Überlegenheit des Papierbuches nicht relativ einfach wissenschaftlich überprüfen? Mein Versuchsaufbau: Veranstalten Sie ein Gewinnspiel. Als Gewinn stehen 2 Möglichkeiten zur Auswahl, aus der sich die Teilnehmer diejenige aussuchen können, die sie lieber gewinnen möchten: A) Für 3 Jahre jede Woche ein Buch ihrer Wahl kostenlos (Im Buchhandel abholen oder per Versand) oder B) ein ipad2 mit ebook-Flatrate (jede Woche ein ebook ihrer Wahl).

    Mein Tipp: A zu B ca. 5% zu 95%.

    Kosten: 599 EUR (falls einer mit Variante B gewinnt)

  15. Sebastian says:

    Zu Beginn ein Lob an Sascha Lobo! Endlich bringt es jemand auf den Punkt, jemand der sich mit dem Autoren-Dasein auseinandersetzt, jemand der auch bereit ist dies mediengerecht (oder auch nicht) an den Tag zu legen.
    Ich selbst argumentiere mit exakt diesen Vergleichen (Punkt 0-7) gegenüber Autoren/Verlagen und möchte so die (meine) Zukunft des Buchmarktes schildern.

    Wir entwickeln derzeit ein Feature, was eigentlich für Verlage, Autoren UND Buchhändler (!) interessant sein sollte. Verlage die bereits in kleine Details eingeweiht wurden zeigen sich oft skeptisch und betrachten uns als “Gegenprojekt” und nicht als Chance.
    Gerne bringe ich an dieser Stelle das Beispiel mit dem Musikmarkt und erinnere die Leute, dass man eine Maxi-CD (man will einen Song haben und erhält zusätzlich nervende Remix-Versionen) für 12 DM / 6 Euro kaufen konnte. Die MP3 belächelte man damals, weil für ca. 4 Euro niemand eine Datei erwerben wollte. Niemand wollte also Geld für etwas ausgeben, ohne etwas “physisches” in der Hand zu halten. Jetzt kosten die neusten MP3′s 0,99 € – 1,29 €, ohne sinnloses Kopierschutzsystem, ohne Gerätevorgabe.

    Ich bin gespannt, wann sich hier etwas bewegt, wer Gewinner und wer Verlierer wird…..

  16. _Flin_ says:

    Beim Vergleich zwischen der Verlagsindustrie und Musikindustrie gibt es nur ein kleines Problem:
    Der Musiker bzw. Urheber des musikalischen Werks kann die Einnahmen aus dem Tonträger durch Auftritte ersetzen. Er profitiert also von eventuell vorhandenen Netzwerkeffekten, welche durch eine ungenehmigte Vervielfältigung seines Werks entsteht.
    Der Autor ist auf den Buchverkauf oder auf die Querfinanzierung durch den Verlag angewiesen. Er kann seine Kunst nur durch sein Werk zum Ausdruck bringen. Gerade Sie, Herr Lobo, haben sich ja bereits ausgiebig über Personen mokiert, die die unberechtigte Vervielfältigung immaterieller Güter als Kavaliersdelikt – wenn überhaupt als solches – betrachten.

    Wie soll nun der Autor seinen Lebensunterhalt bestreiten, wenn er dem Herrndorf-Axiom entspricht? Sind sie der Ansicht, dass durch Netzwerkeffekte bei Werken ohne DRM, zu einem optimalen Preis vertrieben, sich schon genug Leute finden werden, die Geld für das Produkt ausgeben, das sie auch kostenlos (mit leichten Karmaeinbußen) haben können? Oder ist dem Autor eventuell sein Werk genug, und er braucht das Geld nicht (ich gebe zu, diese Frage ist reine Provokation)?

  17. Am überraschendsten finde ich allerdings nach jedem derartig realitätsfernen Interview/Artikel die allgemeine Überraschung, dass immer noch keine Lehren gezogen wurden – sie werden von den existierenden Playern auch nicht mehr gezogen werden, sondern nur von neuen Marktteilnehmern, die von den Altlasten der Dinosaurier unbelastet sind.

    Eigentlich abschließend bereits von Clay Shirky zusammengefasst:
    http://www.shirky.com/weblog/2010/04/the-collapse-of-complex-business-models/

    oder bereits 1995 von Esther Dyson:
    http://www.wired.com/wired/archive/3.07/dyson_pr.html

    oder O’Reilly 2002:
    http://openp2p.com/lpt/a/3015

    Absolute must-reads zu dem Thema, die auch nach z.T. über 16 Jahren wesentlich aktueller sind, als jegliches Pfeifen im Walde aus den Verlagsetagen.

    Ein paar eigene Gedanken zu Lösungsansätzen:
    http://www.buchreport.de/nachrichten/verlage/verlage_nachricht/datum/2009/03/23/spezialisten-fuer-aggregation-und-auswahl.htm

  18. Sascha Stoltenow says:

    Wie hoch ist denn der Anteil der derart liebenden Verlage und Verleger am deutschen Buchmarkt?

  19. SRB says:

    Randnotiz: Angry Birds ist zumindest auf Android kostenlos und bietet dafür ausreichend Werbeeinblendungen.

  20. [...] Ich habe es dieses Jahr mal wieder geschafft ein paar Stunden auf die Buchmesse zu gehen. Es ging mir persönlich vor allem um die Distribution via eBooks, von der ja viele erwarten, dass sie nun mit den neuen Tablets einen wahren Boom erleben wird. Der Markt ist fragmentiert und nicht nur die Deutsche Telekom versuchte an einem recht einsamen und uninspirierten Messe-Stand mit ihrem neuen Produkt PagePlace den Markt zu beackert. Gefühlt jeder Verlag, der etwas auf sich hält bringt eigene Hardware oder Apps heraus. Das gibt noch ein lustiges Hauen und Stechen (siehe auch den Kommentar von Sascha Lobo). [...]

  21. Stephan Altrogge says:

    Ich habe mir Anfang diesen Jahres ein iPad 1 über Amazon bestellt (was ich umgehend zurückgeschickt habe, da am nächsten Tag das iPad 2 vorgestellt wurde) und habe dort eine 80 Seitige Hausarbeit gelesen. Mein Fazit, war das jetzt der Moment gekommen ist, an dem das alte Argument gegen das Computerdisplay nicht mehr zieht. Schärfe und Kontrast sind nun, meiner Ansicht nach, dem Papier ebenbürtig. In Kombination mit der Hintergrundbeleuchtung ist das Lesen bei schwierigen Lichtverhältnissen sogar sehr viel angenehmer als ein konventionelles Buch in die Hand zu nehmen.
    Das Resultat: Heute nutze ich kaum noch normale Bücher. So gut wie alles was ich brauche ist auf dem iPad. PDF Dateien kann ich mit iAnnotate direkt auf dem Display bearbeiten, ich kann mir über Projekt Gutenberg alle Werke von Nietzsche runterladen und nach gutdünken von “Ecce Homo” zu “Also Sprach Zarathustra” springen, Zitate kopieren und direkt einfügen wo ich will. Wozu soll ich mich also weiterhin mit Ordnern, Büchern und anderem Kram abschleppen? In dieser Relation wirkt der Einwand von Sascha, das iPad sei zu schwer auch nicht mehr so gravierend – verglichen mit dem Gesamtwerk Nietzsches…

    So lange aber eine solche Einstellung den neuen Medien gegenüber vorherrscht, werden die Verlage untergehen wie einst die Titanic (die war ja auch riesig und nicht sehr wendig…):

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/literaturkritik-im-videoblog-ein-zarter-flirt-mit-dem-warenfetisch-11493673.html

    Hier spricht, meines Erachtens, die blanke Angst des Feuilletons vor der schönen neuen Welt – sozusagen die Kapelle der Titanic…

  22. Harald Link says:

    Liebe zum Buch? In der Tat. Aber eben auch bei vielen Lesern. Insofern ist das kein entweder – oder, sondern es wird ein sowohl als auch sein. Mit, richtig, deutlich größerem Marktanteil der Ebooks. Deutlich größer.

  23. Kommentator says:

    Leute: Muss ich den Herrn Lobo doch mal loben, noch dazu auf seiner eigenen Website?
    Ich muss: Sehr, sehr hellsichtige Analyse, und vor allem in dieser Kompression besser als alles, was ich bisher zum Thema las. Danke dafür.

    Meine 50 Pfennig zum Thema “Vergleich mit der MI” (teekay October 25, 2011 at 14:33, hat diesen Vergleich implizit, aktuell und völlig richtig angestellt), ergänzend der Verweis auf Herrn Lobos aus meiner Sicht eminent wichtigen Punkt 6. sowie seinem (gnadenlos guten, ich lobe immer noch) Bild “DRM, Senfgas des Internet”:

    Das “Geräteproblem” wird unterschätzt. Die Haptik, der Nutzwert und die “Usability” (Lesen, Anstreichen, Verschenken, Verleihen, Verkaufen, in der Badewanne zerfleddern, was man will) von Papierbüchern ist immer noch Welten besser als die aller mir bekannten E-Book-Reader – und mit diesen Stichworten ist meines Erachtens die letzte “Frontlinie” in diesem “Krieg” (oder was auch immer hier gerade passiert, mir liegen diese Vokabeln nicht) beschrieben.

    Die Verkäufe von digitalisierter Musik “explodierten”, als die dafür notwendigen Medien (“MP3-Player” zuzüglich aller ebenfalls abspielfähigen Geräte wie Mobiltelefone, PCs/Laptops etc.) ubiquitär und damit mobil sowie DRM und andere Hemmnisse aufgegeben wurden – die Geräteanbieter (selbst die günstigsten Telefone unter Symbian speichern und abspielen Musik) und die Inhalteanbieter (Beispiele Amazon, Itunes, NIN) können damit und davon leben, und zu Recht. Und es gibt immer noch eine MI, und es gibt immer noch Musiker – ich höre ihnen den ganzen Tag zu.

    Wenn ich am Strand oder in der U-Bahn Musik hören möchte: Dateien, die ich DRM-los erwerbe (die also “mir gehören”, ich empfinde das so) und die mir ohne DRM-Tinnef zur Verfügung stehen, auf robusten mobilen Geräten, die ich mitnehmen kann und die weitere Funktionen bieten? Ja, all das.
    Wenn ich am Strand oder in der U-Bahn lesen möchte: Dateien, die ich DRM-los erwerbe (die “mir gehören”) und die mir ohne DRM-Tinnef zur Verfügung stehen auf robusten mobilen Geräten, die ich mitnehmen kann und die weitere Funktionen bieten? Nein, all das nicht. (Ich wäre Kindle-Käufer, wenn das Ding nicht wie eine “Mingvase” wäre: Überkultiviert und empfindlich, dazu DRM-vernagelt und anbietergebunden wäre bis zum Erbrechen. Andere Anbieter als Amazon machen es nicht besser, die haben alle nur “Mingvasen” im Angebot.)

    Der Anbieter, der als erster offene, robuste und wirklich mitnehmbare “E-Books” (Hardware und Inhalte) anbietet, hat den Fuß in der Tür und gewinnt, und zwar richtig – wetten? Mein Geld hätte er. Und ich _kaufe_ (@Verlage und andere Anbieter: “Kaufen” ist die Sache mit dem “Geld” und so, kennt Ihr vielleicht noch) alles, was ich konsumiere – das tue ich wirklich und wirklich gerne.

    Wenn einer kommt, der es besser kann, bin ich weg vom Papier… Ich scharre mit den Hufen und wedele mit dem Geld.

    Aber ich kaufe keine “Mingvasen” und kein Senfgas.

  24. Anja says:

    Hallo Herr Lobo,
    es ist schon faszinierend, wie sich auf einmal alle auf die Buchwelt stürzen und sich mit der Zukunft des Buches beschäftigen. Aufmerksamkeit und Diskussion ist aber immer gut, um wichtige Themen voranzutreiben. Sicherlich kann man die momentane Situation im Buchhandel aber nicht mit  der Musikbranche vergleichen, auch wenn man im ersten Moment Parallelen sieht und vermutet. 
    Auf meinem Blog beschäftige ich mich auch mit der Zukunft der Bücher, nicht nur aus beruflichen Gründen, unter anderen in “Das Buch ist tot, es lebe das Buch”
    http://anu72.wordpress.com/2011/10/16/das-buch-ist-tot-es-lebe-das-buch/
    Leider kann ich aus Zeitmangel auch nur “aus der Hüfte schießen”, wie Sie so schön schreiben, auch wenn ich das eigentlich nicht mag und dies der Brisanz des Themas auch nicht angemessen ist.
    Aber eins kann ich sagen, die Buchbranche ist vielleicht “romantisch”, emotional und auch leidenschaftlich, aber sicherlich nicht so verschlafen, wie es nach außen scheint. Und wenn die Branche sich solange der “digitalen Zukunft entgegenstellen” konnte, dann ist das nicht alles nur schlecht, sondern eigentlich ganz schön erfolgreich und ziemlich harte Arbeit. Diese Sichtweise kann man auch gerne mal einnehmen. Da bleiben zwar neue Ideen schon mal “müde” auf der Strecke, letztendlich entscheidet aber der Leser …und genau dieser scheint sich länger ans olle Buch festklammern zu wollen, als die vielen Visionäre es ihm zugestehen möchten.
    Vielleicht weil er tief in seiner romantischen Seele ahnt, dass Amazon und Google ihm nie leidenschaftlich und emotional Bücher empfehlen werden…?

  25. [...] 25. Oktober 2011Ebookfaule Deutsche [ aus der Buchwelt ] Von Christoph um 21:09 Unter dem Titel "Allgemeine Feststellungen zur Buchsituation" macht sich Sascha Lobo Gedanken zur Zukunft der Verlage und der Ebooks. Er kommt u.a. zum Schluss, [...]

  26. Kommentator says:

    @Anja:
    Zitat: “Vielleicht weil er tief in seiner romantischen Seele ahnt, dass Amazon und Google ihm nie leidenschaftlich und emotional Bücher empfehlen werden…?”

    Sie waren lange nicht in einer Buchhandlung, so als Anja Normalkäuferin am frühen Abend auf dem Weg von der Firma nach Hause – richtig? Nicht, dass Amazon und Google es besser könn(t)en – aber “leidenschaftlich und emotional Bücher empfehlen”?

    Wenn es so wäre, und dazu noch treffend und kenntnisreich… es wäre verführerisch, und ich erlebte es gern. Aber so, wie ich es oft in real existierenden Hamburger Buchhandlungen (bei “den Ketten” und in inhabergeführten) erlebe: Nein – so stimmt Ihre Beschreibung nicht, wirklich nicht.

    Vielleicht ein weiteres echtes “Killerfeature” eines wirklich erfolgreichen (bisher fiktiven) Anbieters von E-Books: Ungefilterte, ungefälschte und wirklich neue und überraschende Empfehlungen?

  27. Sascha Lobo says:

    Liebe Anja, “auf einmal auf die Buchwelt stürzen”? Autor ist mein Hauptberuf seit viele Jahren, ist es da völlig abwegig, aus der eigenen, digital geprägten Sicht über die eigene Branche nachzudenken (platonische Frage, nicht antworten)?

  28. Das Wort says:

    Das Buch wurde seit seiner Erfindung immer wieder und wieder totgesagt.
    Ob es Zukunft hat oder nicht, können wir heute schwer sagen. Es wird wohl ein langsamer tot werden… oder vereinzelnt an manchen Stellen dieser weiten Welt doch noch irgendwie überleben, aber was wäre das schon für ein Leben, in einer Technowelt die kein Papier mehr kennt… ?

  29. Grapelli says:

    Gerade bei Kulturfragen gehen mir die immergrünen Probleme der BWL Enthusiasten und Marketingdruiden echt auf den Zeiger. Und ich bin kein Markthasser. Dieses ewige Kalkulieren und Durchrechnen von Kunst ist ermüdend und hat mit der Sache (dem schöpferischen schnickschnackschnuck …) wenig zu tun.

    Von den sieben Punkten oben beschäftigen sich sechs mit Geld, Markt und Marketing. Ist da noch was? Ach ja und: Literatur konkurriert mit Angry Birds, mein Gott wie erbärmlich. Wer nichts zu sagen hat, der braucht sich über Vertriebswege, Marktchancen und den ganzen Voodoo ohnehin keine Gedanken machen. Hat Heinrich Heine mit dem Mensch ärgere Dich nicht konkurriert oder Sartre mit Hulahopp (gratis, Analogstore)

    “Hier stehe ich und kann nicht anders” macht den Einzelnen zum Autor. Ich glaube nicht, dass sich die Großen ihrer Zunft mit Produktberatung, Strategieberatung (blabla) auseinandergesetzt haben. Hätten sie es getan, dann würden wir etwa Balzac und Dostojewski heute gar nicht kennen. Was Autoren mit ihren Texten suchen ist literarische Expertise und erst in zweiter Linie Management. Dass ausgerechnet ein Kaufhaus so etwas leisten soll, pff, wennse meinen …

    Überhaupt würde ich gern mal die steile These aufstellen, wonach die Verlagsindustrie aus einem spezifischen Grund entstanden ist: sie wollte das Mittelmaß verkaufen. Das Mittelmaß ist es, was etwa in der Musik leidet. Kleine feine Labels, etwa ECM oder Winter & Winter haben Rosa Bäckchen und verkaufen Musik. Ihre Basis ist die musikalische (!) Expertise. Und nicht Marketingvoodoo.

    Dass jeder Krämerladen Kunst zu seinem Geschäft machen kann, glaube ich insofern nicht. Aus Amazons Ambitionen wird ein mittelmäßiger, pseudoliterarischer Ramschladen werden. Insofern hat Malchow den Finger schon drauf. Von der Entwicklung bedroht sind die Industrie und das marktgängig gemachte Mittelmaß, keineswegs die Kunst und ihr ambitionierter Verlag.

  30. Mark says:

    Dieses Problem haben doch nicht nur Buchverlage. Auch Zeitungsverlage müssen sich dieser Herausforderung stellen. Fährt man heute Bahn lesen nur noch wenige Zeitung. Die meisten spielen auf Ihren iPhones oder iPads nur noch die ältere Generation greift zur FAZ.
    Die eReader müssen sich noch weiterentwickeln dann werden sie auch Massenmarktfähig.
    Dass ich meinen Kindern allerdings abends ein Buch auf dem eReader vorlesen werde kann ich mir nur sehr schwer vorstellen!

  31. bookferret says:

    Als Ipad-User und Vielleser kann ich nur sagen, daß ich Wiedergabe und Handhabung als relativ perfekt empfinde. Damit meine ich, daß es für einen normalen Leser ausreicht, entspannt auch längere Texte zu lesen. Wer natürlich sowieso ungern am Bildschirm liest, und es vermisst, ein richtiges Buch in der Hand zu haben, dem ist durch ebooks generell nicht zu helfen.
    Was die Verlage betrifft, so haben sie dasselbe Problem, wie die Musikindustrie in den Neunzigern, und es ist ja nicht so, daß sich diese Problematik nicht angekündigt hat. Man versucht dem entgegenzuwirken, indem man ebooks zu einem Verkaufspreis, der der Papierausgabe fast angeglichen ist mit irgendwelchem DRM-Schnickschnack und möglichst großer Gängelung und Belästigung des Kunden zu verkaufen.

    Die Vorteile des illegalen Downloads sind dagegen:

    1. umsonst
    2. kein DRM und damit unbegrenzte Kompabilität
    3. alles ist verfügbar
    4. zu jeder Zeit
    5. und (erwähnte ich es schon) umsonst
    6. und natürlich kompatibel mit der größten illegalen Inhaltswiedergabemaschine der Welt (iPad, iPod, iPhone)

    Also Marketingmensch, schlag mal das illegale Produkt.

  32. madlin says:

    Ich bin als Autor froh, dass endlich frischer Wind in die verstaubten Strukturen der altehrwürdigen Verlagshäuser kommt.

  33. stimmviech says:

    Nur in einem Punkt widerspreche ich der hervorragenden Bestandsaufnahme. Seit Einführung der kindle-app für iphone und Android gibt es allein in Deutschland 10 Millionen brauchbare bis gute ebookreader. Ich bin fünfzig, entspreche sicher nicht ganz dem Durchschnitt mit meiner Neugier auf Neues. Trotzdem wird in 2-3 Jahren ein erheblicher Teil der Leser Sach-und Gebrauchstexte auf dem Handy lesen. Books on demand boomt dadurch und ich freue mich, daß von diesen arroganten Verlagsgatekeepern viele in den nächsten Jahren pleite gehen werden. Die haben nämlich viele Menschen, die sicher kein neuer Goethe geworden wären, aber trotzdem was Interessantes hätten schreiben können, in den Frust getrieben.

  34. [...] entstehen. Sascha Lobo hat sehr richtig erkannt, dass Autoren meist nur schreiben wollen und überhaupt keinen Bock auf den ganzen anderen Kladderadatsch haben, der für ein Buch notwendig ist (mal abgesehen davon, dass sie das meiste auch gar nicht könnten, [...]

  35. Jörn says:

    Manchmal kann mich Sascha Lobo noch überraschen ;) Sehr gelungener Kommentar, aber das haben ja schon einige vor mir gesagt.. Als eBook-Verfechter UND Buchliebhaber finde ich besonders das Argument der “Querfinanzierung” interessant.. Falls mal wieder einer das Ende der traditionellen Verlage einläuten will.. Aber richtig ist, dass sich die Verlage der neuen Entwicklung möglichst schnell stellen müssen, auch wenn sie mit eBooks noch wenig Kohle verdienen.. Warum sollte ich fast genauso viel Geld für ein eBook bezahlen wie für ein gebundenes Buch, das ich wieder verkaufen, verleihen oder weiter schenken kann.. Alles Dinge, die mit einem eBook nicht oder nur schwer gehen..

  36. katrin s. says:

    @ floham: ihre these hinkt! und zwar sowas von!!! um ein richtiges ergebnis zu bekommen, müssten sie einerseits das von ihnen erwähnte ipad inklusive e-book-abo geben und andererseits ein ipad und unbegrenzte buchauswahl.
    das ipad ist ja nun mal sehr viel mehr, als ein buch (sogesehen könnten sie auch ein ipad zum gewinn ausschreiben, auf dem man wirklich nur e-books lesen kann und alle anderen funktionen unwiderruflich deaktiviert worden sind).

    jeder viel-leser und buchliebhaber wird sich für das reale buch entscheiden. meine lieblingsbücher in meinem regal sind gekennzeichnet durch eine mischung aus behutsamer abnutzung und liebevoller gepflegtheit. manche bücher begleiten mich schon seit jahren und ich liebe es in antiquariaten und auf sperrmüllhaufen auf die suche nach neuen fundstücken zu gehen. der reiz eines buches ist nicht auf den inhalt beschränkbar. ein e-book mag auf reisen bequemer sein, aber es verliert dabei einfach an faszination.. die gedankenwelt, die man beim lesen aufbaut, ist bei einem richtigen buch eben einfach…realer – nicht so leicht zerbrechlich… vielleicht werden kinder, die nie ein richtiges buch lieben gelernt haben, ihren wert niemals schätzen lernen (aber das tun sie wahrscheinlich eh nicht), aber niemand der bücher liebt, wird in einem e-book einen gleichwertigen ersatz finden -das ist eben auch genau das, was man an den preisen bei e-books feststellt. niemand ist bereit für ein e-book den gleichen preis zu zahlen, wie für ein richtiges. und gerade kinderbücher werden niemals durch eine digitalisierte form ersetzt werden können. das weiß jede mama, die ihrem kind schon einmal ganz vorischtig das lieblingsbuch aus den schlafenden händen gezogen hat und jeder papa, der beim dachboden aufräumen dasselbe findet und sich an zeiten zurückerinnert, die schon jahrzehnte her sind.. bücher sind zeugen unseren lebens und ein e-book wird diese funktion niemals erfüllen können..
    ich für meinen teil arbeite an meiner eigenen kleinen bibliothek – es gibt sie noch nicht, aber ich sehe sie vor mir: regale bis hoch an die decken, ein gemütlicher ohrensessel und eine tasse tee warten in meiner zukunft auf mich. und jedes neue buch ist ein weiterer schritt dorthin.

  37. Matthias says:

    Ich glaube nicht, dass sich der Buchmarkt nach den Kunden richtet. Vielmehr richtet er sich nach dem, was er über die Kunden zu wissen meint.

  38. publicminx says:

    Ich halte es fuer reichlich unrealistisch davon auszugehen, dass papierne Buecher ausserhalb einer Liebhabernische, musealer Einrichtungen und universitaerer Forschung ueberleben werden. Das gilt auch fuer Zeitungen, Zeitschriften und auch das “papierne Buero”, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

    Saemtliche ‘Romantik’, und das Wort ist voellig richtig gewaehlt, hat allein mit Gewoehnung und Umgewoehnung zu tun – wie immer halt. Schlichte Praegungsmuster. Ginge es allein danach, wuerden aber alle noch von Tontafeln oder Papyrus lesen bzw. sie wuerden gar nicht lesen, sondern die Hoehlenmalerei waere immer noch nicht erfunden.

    Es wird daher doch eher wie immer in derlei Faellen laufen: zunaechst verbreitet sich alles zoegerlich, ab einem gewissen Grad dann immer schneller. Das hat konkret zunehmend zur Folge, dass immer mehr Buecher gar nicht mehr auf Papier erscheinen werden, was wiederum den gesamten Vorgang weiterbeschleunigt.

    Das Papierbuch wird also als Massenware komplett verschwinden. Es wird auch nicht “friedlich koexistieren” wie ich manchmal eher fatalistisch hoffend las ;)

    Der Rest ist Uebergangszeit, wurde ja schon genannt. Menschen wuchsen mit dem Medium Papier auf, und erleben eben einen zunehmenden Wechsel hin zur Elektronik. Das war eigentlich spaetestens bereits mit dem Auftreten des ersten Heimcomputers klar. Wenigstens latent sollte das eigentlich jedem schon lange bewusst sein. Und schon eine Praegungsgemeinschaft spaeter, die das Papierbuch gar nicht mehr kennen, und der Uebergang ist vollzogen.

    Im uebrigen: der Blick auf Verluste truebt gern mal den Fokus auf im Grunde wesentlicheres: eigentlich sollten die meisten froh sein, dass sie derlei Medienwechsel leibhaftig miterleben koennen. So oft gibts die naemlich nu auch nicht, und derlei zivilisatorische Umbrueche und Fortschritte sind im Grunde geschichtlich am interessantesten – bei entsprechenden Bewusstsein darob auch gefuehlt. Uebergangszeiten, altes vergeht, neues koemmt. Viel Stoff fuer Gefuehle … auskosten! Der Rest ist dann die Frage eines halb-voll-leerem Wasserglases.

    Und da es ansonsten wie erwaehnt eh nur um Gewoehnung und Umgewoehnung geht, werden selbstverstaendlich Eltern ihren Kindern Geschichten von einem Communicator/Reader vorlesen, und die Kinder werden genauso daran Spass haben wie bei einer freien Erzaehlung oder von einem konventionellen Papierbuch abgelesen. Das Gesamtpaket Inhalt, Interaktion und Sharen der Situation mit den Eltern ist naemlich das wesentliche, nicht auf welchem Medium das stattfindet. Das ist den Kindern naemlich total schnuppe, und wenn Eltern nicht ihre eigenen Defizite aufs Kind projiezieren, bleibt das auch so.

    Auch bei Lesungen von Autoren sehe ich keinen zwingenden Grund, wieso das nicht von einem EReader stattfinden sollte. Auch hier gehts ja nur um Gewoehnung und Umgewoehnung. Denkbar waere hoechstens, derlei Events mit extra fuer derlei in Miniserie gedruckten Exemplaren atmosphaerisch aufzupeppen, etwas nostalgisches Ambiente zu verschaffen. Womoeglich spezialisiert sich eine Druckerei auf derlei und andere Gelegenheiten wo noch mit Papier umgegangen werden soll. Aber das waere bereits nicht mehr das selbe wie heute, sondern bereits FX …

  39. [...] Kulturpessimisten jedenfalls könnten aus diesen simplen Analogien genauso gut eine Renaissance der Kurzgeschichte prognostizieren. So wie das Album zugunsten des Songs in den Hintergrund gerückt ist …. In dieses Horn jedenfalls bläst ein dann doch nachdenklicher stimmender Kommentar Lord Wurms zu Sascha Lobos sehr ausgewogen Feststellungen zur Buchsituation: [...]

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