Addendum zu “Der neue Terrorismus kommt aus dem Netz”

Am Ende oder viel mehr am Anfang ist es die Frage, ob man das Internet als Werkzeug betrachtet oder als Sphäre. Sieht man das Netz als Werkzeug, dann liegt die Brotmesser-Metapher nahe: mit einem Brotmesser lässt sich jemand umbringen, aber das sagt nichts über Brotmesser aus, jede Diskussion über Konsequenzen für Brotmesser-Hersteller würde als lächerlich empfunden werden.

Natürlich bin ich Anhänger des Modells der Sphäre. Im Netz passiert Gesellschaft. Und zwar auf andere Art als in der Kohlenstoffwelt, auch wenn die beiden Sphären zusammenwachsen. Das heisst auch, dass man die meisten, wenn nicht alle gesellschaftlichen Prozesse im Netz neu untersuchen muss. Manche werden gleich sein, viele ähnlich, die meisten aber anders als in der Restwelt. In meiner Kolumne auf Spiegel Online habe ich die Frage untersucht, ob Terrorismus im Netz entstehen kann. Streng genommen müsste man fragen, ob Terrorismus auch im Netz entstehen kann, aber dass es Terror vor dem Internet gab und also auch ohne entstehen kann – naja nun, muss man darüber auch nur einen Satz verlieren?

Wenn man das Internet als Sphäre betrachtet, in der Gesellschaft stattfindet, wird dort früher oder später auch Terrorismus stattfinden, der im Netz geboren ist. Es lässt sich streiten, ab wann eine Tat “im Netz geboren” ist. Für mich reicht als Definition aus, dass eine Radikalisierung weitgehend im Netz entstanden ist und nicht im Live-Austausch in Terrorzellen. Etwa zwei Drittel des Dokuments von Breivik habe ich durchgearbeitet, wer es liest, muss sich schon anstrengen, um darin etwas anderes zu sehen als ein Text-Mash-Up, ein Dokument der Filter-Bubble-Radikalisierung. Natürlich kann man sich über die Analogie zu “Open Source” streiten, aber ich glaube, dass es nicht darauf ankommt. Und dass es alle Mechanismen auch schon vorher gab – geschenkt, das wichtige Wörtchen heisst auch. Es ist auch im Netz möglich – und hebt so die Diskussion auf eine andere Ebene. Brotmesser-Ideologen sagen: egal, es ist doch nur ein Instrument. Und erinnern damit fatal an die unwürdige Diskussion um Feuerwaffen in den USA, Stichwort: “Guns don’t kill people, people kill people” – was ich lediglich für technisch korrekt, aber für gesellschaftlich völlig falsch halte.

Heute früh habe ich einen kurzen, krassen Artikel gelesen: ein Hacker mit Diabetes hat es angeblich geschafft, eine implantierte Insulin-Pumpe so zu hacken, dass er tödliche Dosen Insulin per Fernsteuerung aus einer halben Meile Entfernung auslösen könnte. Eines der völlig neuen Probleme der verschmelzenden Welten. Und im Zweifel eine Art von digitalem DriveBy-Shooting, ein in der Digitalen Sphäre geborener Terror.

Was mich auf die – zugegeben in meiner Kolumne nicht ausreichend deutlich betonte – Quintessenz bringt:

Die Argumentation für ein freies und offenes Internet muss selbst dann greifen, wenn Terror im Netz geboren wird. Unabhängig davon, ob man Breivik als “im Netz geboren” betrachtet oder nicht (für beides gibt es Argumente, meine Sicht habe ich aufgeschrieben).

Irgendwann werden terroristische Akte geschehen, die unleugbar netzbasiert sind. Und dann? Weiter so tun, als wäre das Netz niemals an irgendwas schuld? Weiter die Brotmesser-Metapher benutzen? Das wird schon deshalb schiefgehen, weil wir in einer Demokratie leben und also die Meinung der Mehrheit eine ganze Menge zählt.

Für mich ist die Offenheit und Freiheit des Netzes nicht verhandelbar, weil es sich lediglich um einen Aspekt der Freiheit und Offenheit der Gesellschaft handelt. Auch dahinter steht das Sphärenmodell. Aber daraus folgt zwingend: wir – damit meine ich diejenigen, die für das Internet in dieser Form argumentieren und kämpfen – dürfen uns niemals auf das dünne Argumentations-Eis begeben, das Netz für ausschliesslich positiv wirkend zu halten. Es muss Gegenmittel gegen Kriminalität und Terror im Netz geben, aber sie dürfen eben die freie und offene Gesellschaft im Digitalen nicht beschädigen.

Wer leugnet, dass im Netz Terror entstehen könnte (unabhängig von der diesbezüglichen Einschätzung zu Breivik übrigens), wird ein sehr großes Problem haben, wenn einer der vielen grauenvollen Kommentatoren der vielen rechtsradikalen Blogs in Deutschland durchdreht und wahrmacht, was er jeden Tag in die Kommentarspalten hineinschreibt. Ich fürchte mich vor diesem Tag, nicht nur wegen der Tat, sondern weil damit die schlechte Vorratsdatenspeicherung, die schlimme Rundumüberwachung im Netz, die katastrophalen Netzsperren und so weiter fast gewonnen haben werden. Es ist im friedlichen Deutschland zum Glück bisher kaum vorstellbar, was für eine gesellschaftliche Wucht ein tatsächlicher Anschlag entfalten kann. Ein solcher Sturm fegt alles hinweg, da kann man petitionieren, bis die Server glühen – zwei Tage nach einem Attentat in Deutschland sind die schärfstmöglichen Gesetze so gut wie beschlossen. Von allen Parteien übrigens. Deshalb müssen sich die Verfechter des freien und offenen Netzes wappnen und ihre Argumentation nicht auf Brotmessern aufbauen.

Auch deshalb, weil derzeit nicht Vernunft und Diskussionsbereitschaft herrscht auf der politischen Gegenseite von BKA bis CDU, sondern Kontrollwahn. Wahn deshalb, weil man kontrollieren möchte, was realistisch nicht zu kontrollieren ist und deshalb alle anderen Mittel – die rechtsstaatlich okay sein könnten – völlig aus den Augen verliert. Aber auf genau die Mittel kommt es an, denn keine Mittel sind keine Alternative. Und spätestens mit der Diskussion um die Netzneutralität wird wirklich jeder einsehen, dass an manchen Stellen eben doch der Staat eingreifen muss. Nämlich, um gesetzlich ein freies und offenes Netz zu garantieren.

Vor uns steht eine Mammutaufgabe, zugespitzt lautet sie: wir müssen Leute wie Hans-Peter Uhl (zum Glück nicht den grauenvollen Uhl selbst) davon überzeugen, das Internet, die digitale Seite der freien und offenen Gesellschaft, zu schützen. Ja, verdammt schwierig, ich weiss. Aber in meinen Augen gibt es dazu keine Alternative in einer Demokratie. Erst recht nicht in einer, in der Nerds und Internetversteher alles andere als an der Macht sind. Sondern allenfalls eine laute, aber sich selbst in ihrer Wirkung überschätzende Lobbygruppe. Das schlechteste Mittel für einen solchen Überzeugungsfeldzug lautet, die Realität zu leugnen und davon auszugehen, dass niemals irgendetwas Böses aus dem Netz kommen kann.

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This Post Has 57 Comments

  1. Frank says:

    Es bleibt doch dabei: auch wenn sich böse Menschen übers Telefonnetz verabreden, etwas böses zu tun, hat das Telefonnetz damit immer noch nichts zentrales zu tun. Genauso, wenn sich böse Menschen Bücher über chemische Zusammenhänge aus der Bibliothek holen, um damit Böses anzustellen. Undsoweiterundsofort.
    Wie genau soll irgendetwas in einem Medium geboren — im Sinne von: originär und ausschließlich dort entstehen — werden und nicht in den Köpfen von Menschen aufgrund bspw. bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse und einer unerträglichen Unzufriedenheit damit?

  2. Tim says:

    “…und deshalb alle anderen Mittel – die rechtsstaatlich okay sein könnten – völlig aus den Augen verliert.”
    Welche Mittel wären das?

  3. Henriette says:

    „In einem Medium geboren” unabhängig vom Menschen und dessen Kopf geht vermutlich tatsächlich nicht. Immerhin werden Medien von Menschen und somit deren Köpfen ersonnen. Der Unterschied zwischen Telefonaten, Büchern, Bibliotheken und dem Internet dürfte in der Zugänglichkeit und Verfügbarkeit liegen.

    Platt gesagt: Google und einen Browser kann man mit wenig Fachkenntnis bedienen; um an Bücher in Bibliotheken heranzukommen und ausgehend von einem Buch sich zu weiteren Büchern durchzubibliographieren ist schon einiges an Kenntnis und – nicht unwichtig! – Zeit und Geduld nötig. Ein 1.500-Seiten- Pamphlet als Text-Mash-Up aus Büchern zu erstellen, ist deutlich aufwendiger, als Texte per c&p aus dem Internet zu kompilieren. Und selbst für Bücher muß ich heute nicht mehr zwingend in die Bibliothek gehen: Gibt doch Google-Books.

  4. Ja, dass Internet – im Sinne von Interconnected Networks – ist ein Werkzeug, es ist Infrastruktur und als solche neutral. Aber: auf dem Internet setzen neue, andere Medien auf. Medien mit deutlich höherer Dynamik und Reichweite und Interaktionsmöglichkeiten. Sehr präzise hat das unter anderem der Soziologe Dirk Baecker herausgearbeit in seinem Buch “Form und Formen der Kommunikation.”

    Wenn wir aber – und das tue ich – Medien als kulturprägend verstehen, sind bestimmte Verhaltensweisen mit diesen Medien verschränkt. Das ist die neue, andere Qualität des Terrors von B. Die Tat, ihre Motivation, ihre Ziele und ihre Wirkung sind ohne das Web nicht denkbar – wie im Übrigen viele positive Entwicklungen auch. Genau deshalb halte ich B. für den Luzifer der kreativen Klasse.

  5. Hans says:

    Ein Brotmesser ist zum Brotschmieren da.
    Eine Pistole hat den Zweck des Tötens.
    Ist das Internet eine Brotmesser oder eine Pistole?
    Auch wenn viele im Netz eine verkappte Pistole sehen –
    für mich ist und bleibt es ein Brotmesser.

    So, Hunger jetzt.

  6. Janek says:

    Ich stimme Frank nicht zu. Die Frage, ab wann eine Tat als im Internet geboren angesehen werden kann, hat Sascha ja schon gestellt. Das ist, wie gesagt, nicht klar zu definieren. Dennoch: wie Rivoid sagte, besteht ein Problem in den Inhalten im Internet. Jetzt kann man wieder mit “Don’t shoot the messenger” argumentieren, aber hier trifft für mich eben genau die genannte unsägliche “Guns don’t kill people”-Argumentation zu. Diese ist nämlich eben nicht korrekt. Natürlich kann man jetzt mit Dual-Use und dass Waffen ja originär zum töten da sind ein Gegenargument aufbauen, aber das trifft eben auch nicht den Kern.

    Um eine Antwort auf Franks (rhetorische) Frage zu geben: du hast sie schon selbst genannt: “im Medium geboren” mit Betonung auf “im”, nicht “vom” oder “aus dem”. Dass es letztendlich Menschen sind, die diese Idee in die Welt gesetzt haben, ist unumstritten. Dennoch haben sich diese Menschen für ein bestimmtes Medium entschieden und genau wie es für über Telefon oder Briefverkehr verabredete Verbrechen rechtsstaatliche Maßnahmen gibt, so gibt es diese auch fürs Internet. Zu leugnen, dass das Internet in keiner Weise involviert wäre, halte ich für unverantwortlich. Das Netz muss als sozialer Raum angesehen werden und wie in jedem sozialen Raum kann Gutes und Böses entstehen. Und hierauf sollte die Argumentation aufbauen, sonst liefert man nur “Tatort Internet” und/oder CDU/CSU-Politikern und anderen vom Kontrollwahn gepackten Internetnichtverstehern Steilvorlagen. Wie glaubwürdig ist schon einer, der mit der sprichwörtlichen kristallweißen Weste des Internets argumentiert?

  7. Joachim says:

    Außerdem ist das Brotmesser und der Waffen-Vergleich unfair:
    Die Waffe wird dazu hergestellt, Kugeln abzufeuern, die etwas durchschlagen –der *Kontext* ihrer Verwendung ist “Die Ausnahmesituation”. Sei es, sich vor einem wilden Tier zu schützen oder einem anderen Menschen, der auch eine Waffe hat. (Und zur Frage des “Schieß-Sports”: Um Sport zu treiben reichte ja, vereinfacht gesagt, ein Luftgewehr).
    Meine Argumentation wäre daher weiterhin die Werkzeug-Metapher: Man kann das Werkzeug missbräuchlich verwenden.

    Die Frage wäre eher: Jetzt haben mehrere zigmillion Menschen in Europa seit Zehn Jahren Breitband-Anschlüsse und ver-’surften’ in dieser Zeit wahrscheinlich ichweißnichtwieviele Milliarden Nutzerstunden. So schrecklich die Taten auch waren (und es gab ja auch weitere Vielfachmorde in Europa) –ich sehe keine signifikante Änderung des Amokverhaltens der Bevölkerung in den letzten Zehn Jahren dadurch, dass sie Dienstenutzer des Web wurden. Wenn man dem Netz einen Stellenwert zuweist: Warum passiert nicht *mehr*?

  8. NV says:

    Meinetwegen, die Brotmessermetapher ist also ungeeignet? Aber neue Konzepte sind nun mal nur über Analogien und Metaphern vermittelbar. Dann muß vor allem zunächst eine besser geeignete her. Denn für die Regulierungswahnsinnigen ist die Sphäre Internet a priori unverständlich. Das macht sie ja regulierungswahnsinnig.

    Wenn es das Brotmesser also nicht ist, was dann? Wenn sich nichts findet, werden sie tun, was sie immer tun (und womit sie schon angefangen haben), nämlich die bekannten Methoden aus der bekannten Lebenswirklichkeit in die neue Lebenswirklichkeit übertragen, und zwar anhand ihrer eigenen Metaphern. Weil die aber noch schlechter sind als das Brotmesser, dann nämlich mit der Brechstange.

  9. Addliss says:

    Danke, Sascha. Auch hier nochmal muss ich dir zustimmen, dass die Freiheit und Offenheit des Netzes nicht berührt werden sollte. Man sieht jedoch an den Kommentaren, dass deine Sichtweise von Brotmesser Sphäre nicht jeder teilt, dass viele das Internet als Brotmesser sehen. Mir ist dabei auch nicht ganz der Unterschied klar, den du bei den Sichtweisen machst. Es schwirrt ein bisschen hin und her in meinem Kopf.
    Dazu stellen sich für mich die Fragen: Ist das Internet denn kein Werkzeug, nur Sphäre? Wäre es möglich, dass es zu gewissen Teilen beides ist? Wie gesagt, die Fragen lassen sich auch nicht klar beantworten, weil mir nicht ganz klar ist, welche Unterschiede zwischen beiden Perspektiven bestehen.

    Vielleicht solltest du das noch einmal deutlicher ausführen – in deiner SpOn-Kolumne vielleicht. :)

  10. Michi says:

    Die Nazis und Verschwörer, die Irren und Durchgeknallten haben nur im Netz überhaupt eine Plattform. Und ihre wirren Texte können dort von anderen Wahnsinnigen gefunden und verwertet werden. Ein Nazi alten Schlages, der in Kleinstauflage ein hässliches, kleines Magazin druckt, findet nie diese Aufmerksamkeit. Und dank Google landen die gefährlichen Gedanken ungeschützt auch in den Köpfen harmloser Teenies und anderer Orientierungsloser.
    Verglichen mit den Waffen sieht das so aus: natürlich tötet eine Waffe keinen Menschen. Aber die massenhafte und schrankenfreie Verfügbarkeit von Waffen, erleichtert deren Verbreitung und bringt sie besser in die Hände von Menschen, die ohne Waffe nie zum Mörder würden. Deshalb haben wir gottseidank strege Waffengesetze.
    Das Internet multipliziert jeden mörderischen Irrsinn ist Unendliche und ist somit zwar ein Werkzeug, aber eines mit einer völlig neuen Dimension und muss daher neu betrachtet werden. Die Lösungen müssen, da gebe ich Lobo recht, von denen mitdiskutiert und entwickelt werden, die für Meinungsfreiheit und Privatsphäre auch im Netz stehen. Sonst tun es die, die immer schon für Restriktion waren, alleine.

  11. anonymous (wenigstens ein wenig) says:

    Vielleicht sollte man einfach nichts mehr darüber ausführen.
    Das Netz ist Infrastruktur, Inhalte sind nicht im Netz, sie sind darüber erreichbar. Wer Inhalte verbieten will, ohne auf die Schaffer eingehen zu wollen, verhindert keinen Amoklauf, er schafft Strukturen zur Zensur.
    Der olle Norweger ist weder im Netz geboren noch ist sein krankes Hirn dort hergekommen. Terror nutz jede Infrastruktur.

  12. Jabroni says:

    Aus irgendeinem Grund konzentrieren sich viele Leute darauf, wie ein Terroranschlag organisiert wird. Hier musste aber (nach bisherigen Stand) nichts organisiert werden, im Sinne von: Der Täter musste nicht mit anderen zusammenarbeiten.
    Das Internet war also kein Werkzeug für Kollaboration – und somit ist ein Vergleich mit Telefon oder Brief völlig überflüssig.

    Hier geht es darum, wie die “Realität” einer Person entsteht, wie sein Gedankenkonstrukt aufgebaut wird und vor allem wo. Somit hat Sascha Lobo recht: Das Internet spielte eine zentrale Rolle dabei, wie der Täter sich seine Realität bastelte.
    Im Internet sah er, was er wollte. Er wurde bestätigt in seinen Überzeugungen. Er fand Leute, die ähnlich denken. So konnte sich möglicherweise seine Vorstellung von der Welt und von den Menschen aufschaukeln, verstärken und verhärten.

    Schaut euch doch mal an, wie im Internet Verschwörungstheorien verbreitet werden. Esoterik, Weltuntergänge, Pseudowissenschaften. Es gab noch nie so viele Leute, die so viel realitätsfernen Unsinn glauben. Es gibt Leute, die Bush für einen Außerirdischen halten und andere, die ihre Altersvorsorge aufgeben, um sich einen Schutzbunker für 2012 zu bauen.

    Und sie beziehen ihr “Wissen” vorwiegend aus dem Internet. Sie treffen dort Menschen, die das gleiche denken. Surfen dort, wo sie bestätigt werden.
    Sie bauen sich im Internet quasi ein Umfeld auf, dass ihre Überzeugungen nicht nur bestätigt, sondern nährt und stärkt. Aus meiner Sich ist das nicht nur eine Terrorismus-Frage.

    Und im Übrigen “leiden” wir alle etwas unter diesem Phänomen. Im Internet treffe ich Leute, die der Meinung sind, dass sich die Bevölkerung stärker für bestimmte Themen interessiert, als sie es tatsächlich tut.
    Das ist sicher kein Phänomen, das erst durch das Internet entstanden sind. Wir haben unser Umfeld auch vorher nach unseren Wünschen ausgewählt. Aber das Internet bietet hier gänzlich neue Möglichkeiten, die vorher nicht vorstellbar waren. Und das gilt leider auch für Spinner, Rechtsextreme, Fundamentalisten, usw.

  13. geruchtekellner says:

    Das Problem ist doch, dass mit der Formulierung “im Internet geboren” Schuld an eine Instanz delegiert wird, die nicht schuldfähig ist. Technik, ob nun Brotmesser, Panzer oder technische Medien, sind immer nur Bedingung der Möglichkeit von tatsächlich vollzogenen Handlungen. D.h. sie sind zwar NOTWENDIGE Bedingungen, aber eben keine hinreichenden.

    Wenn man diese Instanzen nun für irgendetwas verantwortlich macht, drückt man sich vor dem eigentlichen Problem. So wie wenn jemand eine Waschneurose hat, und einen Gas-, Wasser-, Scheißeinstallateur bestellt der ihm die Wasserhähne abschraubt, statt einen Therapeuten. Und diesen politisch faulen und kurzfristigen Weg darf man als reflektierte Öffentlichkeit nicht zulassen. Solchen Populisten, die einem Bock die Sünde aufbinden, muss man den Hahn zudrehen.

    Und ich bin mir nicht ganz sicher, ob nicht genau das Sascha Lobos Strategie ist. Falls dem so ist, besteht die Gefahr, dass er missverstanden und vor Karren gespannt wird, die er niemals ziehen wollte.

  14. Sledge says:

    Ich verstehe was Frank und Rivoid meinen aber der Lobo hat doch auch nicht gesagt, dass das Internet der Auslöser wäre. Der Argumentation (und Formulierung) folgend, dass Netz als Sphäre zu sehen, ist das Netz eine Facette des real life in der sich die Gesellschaft wiederspiegelt. In dieser Sichtweise ist es schon schlüssig zu argumentieren, dass in dieser Facette auch Terrorismus entstehen oder begünstigt werden kann.

    Ich sehe das Netz deshalb nicht als Auslöser oder als Katalysator für solche Taten. All das kann genauso über Telefon, in Vereinen oder wo auch immer passieren aber dennoch wird das Netz in weiten Teilen der Bevölkerung “gefürchtet”. Grund dafür mag Unverständnis oder ähnliches sein aber genau diese Ängste können im Falle des Falles großartig genutzt werden um Gesetze zu erlassen die zwar an der wahren Gefahr vorbei gehen aber dennoch von unserem heute gewohnten Internet nichts übrig lassen.

    Ich empfinde den Artikel als sauber durch argumentiert und kann mich der Schlussfolgerung voll und ganz anschließen.

  15. Christian says:

    @Frank:
    Jetzt bitte ich dich aber darum, mir doch die unerträglichen Verhältnisse zu zeigen, unter denen Anders Beivik litt.
    Ist es nicht so, dass er sich diese erst aufgrund eben des von Sasha Lobo beschrieben gefilterten Informations- und Stimmungsangebotes aus dem Internet zusammengedichtet hat? Ich meine, in einem Land wie Norwegen von gesellschaftlichen Missständen aufgrund von Einwanderung und Islamisierung zu sprechen, wodurch andere Bürger in ihrem Lebenswandel beeinträchtigt, ja allein bloß beeinflusst sind, halte ich für sehr gewagt.

  16. Enno says:

    Ein paar Anmerkungen: Ich sehe das Netz sehr wohl auch als Sphäre und nicht als Werkzeug, allerdings stimmt die These, da müsse was zusammenwachsen, einfach nicht. Das Netz war und ist immer Teil der so genannten Kohlenstoff-Welt. Dass es einen Culture-Clash gibt, ist ein Generationen-Problem – ein wenig so, wie die mal eine Elterngeneration Probleme mit WGs, Beatles und langen Haaren hatte.

    “Irgendwann werden terroristische Akte geschehen, die unleugbar netzbasiert sind. Und dann? Weiter so tun, als wäre das Netz niemals an irgendwas schuld?” Das Netz als Sphäre ist auch bei netzbasierten Terrorakten nicht schuld. Die Waffen-Metapher zieht gar nicht. Selbstverständlich ist die Verbreitung von Waffen ein Problem, aber wir sollten nicht anfangen, Teppich-Messer als Waffen zu definieren, bloß weil… ups, 9/11 anyhow? Genauso ist es mit dem Netz auch. Wenn du sagst “Das Netz sei schuld”, ist das letztlich nichts anderes, als bei 9/11 zu sagen “Der Islam” sei Schuld, statt bestimmte Islamisten konkret zu benennen. Der Islam stellt ja auch so eine kulturelle Sphäre dar, die nicht Schuld ist. Schuld sind immer einzelne Menschen, Gruppen, indirekt teilweise auch gesellschaftliche Mechanismen.

    Im Fall Breivik könnte man auch sagen: Norwegen sei Schuld. Schließlich sei uns diese seltsame kulturelle Sphäre, die nicht in die EU will, wegen des Öl-Reichtums ganz andere Lebensbedingungen habe und diese ganzen Death-Metal-Bands hervorbringe, schon immer suspekt gewesen… Merkste was?

  17. Mort says:

    Ich sehe das ähnlich wie Jabroni. Es ist im Internet wesentlich einfacher als in der realen Welt, völlig in eine kulturelle Blase zu geraden, in der alles, was auf der Welt passiert, vorgefiltert ankommt oder zumindest entsprechend gefiltert wird.
    Natürlich ist das auf der anderen Seite ebenfalls ein “auch”, denn in der realen Welt gibt es sowas genauso – man muss sich nur die diversen religiösen Eifferer oder NPD-”Gemeinden” (oder auch die Tea Party-Anhänger mit Fox-Verblendung) ansehen, die kein Internet brauchen um in einer anders wahrgenommenen Welt zu leben.
    Die Möglichkeit, im Netz leichter Gleichgesinnte zu treffen, ist Fluch und Segen. Denn neben der Abschottung von Extremisten und “Spinnern” ermöglicht sie natürlich auch Minderheiten, zusammen zu finden und berechtigte Rechte einzufordern oder sich zumindest ein wenig Selbstvertrauen aufzubauen. Egal ob als arbeitslose junge Frau in Nordafrika oder Homosexueller in Polen oder einem rückständigen deutschen Kuhkaff. Oder auch Nerds, die in der Schule gemobbt wurden/werden.

    Was das Werkzeug/Sphäre-Zeug angeht: Ist das wirklich wichtig? Medien sind und waren immer mehr oder minder beides. Auch die Bibel, die Flugblätter der Weißen Rose oder Fox News sind/waren zum Beispiel Anwendungen von Werkzeugen, die eine “Sphäre” geschaffen und zusammengehalten haben.

  18. Terror Nicht Nazis says:

    Nur mal am Rande bemerkt: Nicht vergessen, dass Breivik “nur” der aktuelle Anlass fuer diese wichtige Diskussion ist.

    Es geht natuerlich generell um Verbrechen, Terror, Gewalt und grundsaetzlich um Intoleranz in der (digitalen und realen) Gesellschaft. Das trifft auf sogenannte Nazis genauso wie auf islamistische, linke, autonome etc. Extremisten zu. Passt vielleicht nicht immer ins eigene ideologische Weltbild, aendert aber nichts an der Tatsache.

    Das scheinen einige Kommentatoren (@Michi) manchmal zu uebersehen.

  19. Marc says:

    Zum Insulin-Pumpen-Artikel der hier imo etwas reißerisch in den Terror-Kontext gestellt wird: In der Engadget-Meldung steht mitnichten “hat gehackt”, sondern im Gegenteil “[...]hasn’t figured out how to do it just yet”.
    Scott Hanselman, langjähriger Diabetes-Patient und Programmierer, realitiviert in seinem Kommentar dazu (http://www.hanselman.com/blog/HackersCanKillDiabeticsWithInsulinPumpsFromAHalfMileAwayUmNoFactsVsJournalisticFearMongering.aspx) auch einiges, auch mit mehr Details zu dem “Hack”.

  20. A.H. says:

    Möchte mich Henriette anschließen: es geht ja auch um die Möglichkeiten, die das Internet erschließt, was z. B. Recherche, Querverweise usw. betrifft – ich sehe es als eine Art Katalysator – nicht zu vernachlässigen ist auch der geringe Zeitaufwand, mit der sich Informationen beschaffen oder abgleichen lassen. Kriminalität die im Netz geboren wird gibt es doch schon länger – die Frage ist in wieweit sie sich eingrenzen lassen wird/soll bzw. kontrolliert werden muss…

  21. @Sascha Genau das sage ich auch die ganze Zeit!

    (Naja, mal von folgendem Satz abgesehen: “zwei Tage nach einem Attentat in Deutschland sind die schärfstmöglichen Gesetze so gut wie beschlossen”. Das kannst Du so nicht in der Gegenwartsform schreiben, weil es eine Vermutung ist.)

    Aber die ganzen vielen Meinungen der letzten Tage drehen sich immer um Grundsatzdiskussionen. Das Ganze muss mal etwas konkreter, pragmatischer werden. Sonst bringt das alles nichts.

    Hat denn niemand eine konkrete Lösung, welche Regeln im Netz (das auch ich für eine Sphäre halte) gelten sollen?

    Und bitte keine Behauptungen, es gäbe keine Regeln im Netz. Dort würde Anarchie herrschen. So ein Quatsch! Es gibt überall Regeln. Hätten wir keine, würden wir uns nicht mal darauf einigen können dass ein Baum Baum heißt und nicht Regenbogenforelle. Anarchie… So ein altmodischer Kram aus den 70ern.

    Neue Lösungen müssen her. Konkret und umsetzbar.

  22. Martin says:

    Ich fand den Spon-Artikel sehr gut, wie auch den von Minkmar.
    Das Internet bildet nicht nur Gesellschaft aber sondern beteiligt sich rege an der Konstruktion derselben. Insofern : ja. Im Internet können sich Mikroöffentlichkeiten organsieren, die dann wie ein Katalysator auf die eigene Realitätswahrnehmung wirkt. (aber das hattest Du ja, bzw. nils minkmar) in etwa so geschrieben.

    Wie kann man nun mit demokratischen Mitteln darauf einwirken und damit umgehen? Auf Spon war dieser Tage auch noch ein Artikel mit einem norwegischen Friedenforscher (bin ich auch): http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,777942,00.html .
    Seine Konsequenz: Immer Reden immer im Diskurs bleiben auch mit den Rechten.
    Das ist auch meine Meinung: Man muss versuchen die Mikroöffentlichkeiten zu erreichen, immer und überall und den Diskurs am Leben halten.
    “Wir” müssen den Legenden und Mythen, die Fakten entgegenhalten und auf unsere demokratischen Grundwerte verweisen.
    Durch die ganze Informationsfilterscheisse wird das natürlich immer schwerer. Im Internet kann man niemanden einen öffentlichen Diskurs aufzwängen, führen müssen wir ihn aber natürlich trotzdem.

  23. vehtoh says:

    @Henriette Den wohl meisten Fundamentalisten reicht ein (!) Buch vollends aus, um sich selektiv wahrnehmend zu radikalisieren.

    @Christian “Unerträgliche Verhältnisse” sind (im übrigen ganz gleich, ob man geistige Einschränkung unterstellt oder nicht) subjektiv empfundene Eindrücke. Einen gesellschaftlich verlässlichen Parameter dafür in Bezug auf jedes Individuum gibt es nicht.

    Im übrigen denke ich (wie auch schon einige andere), die Tatsache, dass in besagter Angelegenheit das Internet eine zweiseitig kommunikative Rolle spielt, ein Indiz dafür ist, dass das Medium immer nur Mittler ist. Weder die “Schuld” noch die “Lösung” liegt in ihm selbst. Weder Pistolen noch Brotmesser töten von sich aus irgendwen oder -etwas.

    Im übrigen aber sollte jedem (und es fällt mir selbst schwer mich daran zu halten, wie man sieht) klar sein, dass es IHM um Öffentlichkeit ging, die jeder hier (auch ich) mitfördert.

  24. Sascha Stoltenow says:

    Mal ein Gedankenexperiment: Wie fiele wohl das Urteil derer aus, die Sascha Lobo hier und andernorts beschimpfen, wenn B. in langen Verhören sagte: “Meine Tat wurde im Internet geboren. Es war mir mehr als ein Werkzeug. Es war mir der wesentliche Kultur- und Resonanzraum, den ich nutzen und adressieren wollte, um meine Ziele zu erreichen. Ohne das Netz wäre mir meine Tat nicht möglich gewesen.”

    Vermutlich würden sie immer noch sagen, dass das nicht stimme und würden in ihren Echokammern entsprechende Bestätigung finden. Ich lese aber Saschaa Beitrag im Unterschied zu einigen Kommentaren nicht als Teil der Selbstbestätigung seiner Auffassung, sondern als Beitrag zur Verarbeitung der Tat. Wie Minkmar geht er dazu über sich selbst hinaus. Danke.

  25. Lehrling says:

    Ist das Internet nicht ein vom Mensch geschaffenes Sphärenwerkzeug! Mit dessen Hilfe sich die Menschen das schnitzen können was sie möchten und können. Sie können sich darin spiegeln und das Sphärenwerkzeug selbst verändern. Und ich hoffe das die Menschen dazu immer beschützt, frei und aufgeklärt genug sein werden!

  26. Ich finde es schon ein bisschen zum Fürchten, dass die Debatte sich mehr oder weniger nun doch um die Zensur und Regulierung des Netzes dreht. Dabei stimmt keine der Thesen, um die es geht. Nehmen wir die “Blasen”: Was ist daran neu? Früher hat man sich Bücher besorgt, die der eigenen Neigung entsprachen, oder Zeitungen, Zeitschriften, etc. Heute läuft die Auswahl im Netz ebenso, nur netztypisch bequemer und schneller. Richtig ist, dass Breivik (er bleibt für mich ein krimineller, voll schuld- und zurechnungsfähiger Krimineller) seine 1500 Seiten ohne das Netz nicht gestemmt hätte (wobei die so originell nun auch nicht sind). Richtig ist aber auch, dass der einordnende Diskurs dank des Netzes ebenfalls viel schneller und präziser läuft als früher. In gelenkten Bahnen liefe das nicht so. Etwas Entspannung wäre darum nicht verkehrt.

  27. Wenn ich die Beiträge und besonders auch den Artikel von Sascha richtig verstehe, ist es nicht das Netz an sich, sonder die sogenannte Filter-Bubble, die eine Radikalisierung fördern. Die Filter-Bubble ist so ziemlich das Gegenteil der Vorstellung vom free flow of information, die frühe Netz-Aktivisten hatten. Letztlich ist die Filter-Bubble eine Art Zensur. Meinungen, die nicht meiner eigenen entsprechen, werden tendenziell von mir ferngehalten. Mit dem Einsatz von etwas Intelligenz kann ich mich dagegen wehren, wenn ich mich treiben lasse, werde ich immer in meiner eigenen Meinung gestärkt. Eben diese Filter-Zensur stärkt die Radikalisierung. Meine Frage ist jetzt: Wem nützt diese Filterei? Immerhin ist doch einiges an Arbeitszeit für die Entwicklung der Filter verbraucht worden. Oder bin ich jetzt ein Verschwörungstheoretiker, wenn ich diese Frage stelle?

  28. Martin says:

    Die Filterei nützt zunächst dem User selbst. Daran ist ja auch nichts auszusetzen. Nur wie kommen wie zu dem free flow of information?
    Jenseits des Filters ist ja in aller Regel inspiererend und bereichernd. Im Grunde sehe ich da auch ein Bedürfnis bei den Informationsfreaks auch auf zufällige Themen und Inhalte zu stossen.

  29. Niels says:

    @Frank und @Rivoid:
    Sascha meint auch nicht das Netz an sich selbst. Das hast du vollkommen falsch verstanden. So wie es Hypochonder gibt als Beispiel, die im Internet besonders schnell Bestätigung ihrer Ansichten finden, aber nie Widerlegendes suchen, sp ist dies vom Prinzip her vergleichbar mit den Terroristen mit Hilfe vom Internet. Und das sollten wir alle eingestehen, wenn wir das Internet gut kennen. Diese Gefahr ist relativ neu (in der Qualität – kann also jetzt schneller und öfters vorkommen als früher ohne Internet).
    Er sagt also vollkommen richtig, dass das Internet nicht immer super ist, sondern auch scheiße sein kann.dies spricht es richtig an, dass man versuchen muss etwas dagegen zu unternehmen, weil es zu viele betrifft. Hypochondrie betrifft nur einzelne sich selbst, aber nicht vieler wie dieser Massenmord.

    @Henriette:
    Genau! Internet hat noch nicht einmal künstliche Intelligenz, also kann es dort nicht geboren werden.

    @Sascha Stoltenow:
    So kann man es sehen, dass durch das Internet Vorteile und Nachteile entstehen und die Nachteile nicht vermindern kann ohne Vorteile einzuschränken. Das stimmt vielleicht, aber vielleicht ist es vorschnell gedacht, dass man nichts gegen so etwas Verrücktes tun kann.

    @Hans:
    Dies Betrachtung ist vollkommen richtig. Da ich mich in diesem schlimmen Vorfall nicht tiefgehend eingelesen habe, wage ich aber keine Urteil zu fällen.

    @Janek:
    Genau!

    Zu Brotmesser Metapher:
    Ich denke, das hat er als Vergleich herangezogen mit dem wohl bekannten Spruch der Waffenindustrie, dass Waffen nicht Menschen töten, sondern andere Menschen. Vermutlich hat er diese Metaphern verglichen, weil dies mit den Waffen bekannt ist, aber im Text wohl unglücklich gewählt ist. Denn Waffen haben das Ziel im schlimmsten Fall einen Menschen zu töten. Ein Brotmesser soll ja im schlimmsten Fall nur zum Brot schneiden verwendet werden, auch wenn Brotmesser missbraucht werden können. Waffen muss man nicht missbrauchen, sondern sind ja dafür auch gemacht.

    @Michi:
    Ganz falsch! Nazis und Durchgeknallte haben nicht einfach nur durch Internet eine Plattform. Betrachten wir Folgendes: Nach deiner Meinung haben Nazis ohne Internet keine Plattform. Nehmen wir an, das stimmt. Dann stellt sich die Frage wie der Durchgeknallte Hitler eine Plattform ohne Internet haben konnte?
    Merkst du was?
    Zudem: Teenies sind KEINE Orientierungslosen! Das ist vollkommen falsch! Es ist falsch von sich selbst auf die Allgemeinheit zu schließen! Ich war als Teenie überhaupt nicht orientierungslos! Damit will ich nicht sagen, dass es keine orientierungslosen Teenies gab wie du es offenbar selbst warst. Sondern es gab/gibt durchaus Teenies, die nicht orientierungslos sind. Du Armer, dass du dich dadurch etwas verraten hast …

    @anonymous (wenigstens ein wenig):
    Schwierig, schwierig … Einstein meinte, dass es wichtig ist im Leben nie aufzuhören zu fragen. D.h. man sollte sich durchaus fragen können, ob man so etwas Schlimmes nicht verhindern oder wenigstenes vermindern kann. Wer gleich aufgibt und sich nicht mehr fragt, ist eigentlich metaphorisch tot.

    @Jabroni:
    Nein! Ich sage dir nur: Nichts Genaues weiß man nicht! Daher meine Gegenfrage, dadurch dass immer mehr Gerüchte entstehen, dass die Tat durch Kollaboration entstanden sein soll: Kannst du sicherstellen, dass der Täter nie kollaborieren musste?
    Apropo: “Es gibt Leute, die glauben, dass Bush jr. ein Außerisdischer war” … diese Idee ist genial! :-) Mir fällt es zwar schwer daran zu glauben, aber finde ich überaus lustig und diese Meinung könnte durchaus etwas zutreffen! :-)
    Übrigens: Ganz falsch! Das Internet leistet keine gänzlich neuen Möglichkeiten! Neu ist lediglich die Qualität. Da die Infos in Bibliotheken oder sonstwo zu suchen, lang dauern, kann es jetzt dank(?) Internet sehr schnell und einfach gefunden werden. ABER: Die Möglichkeiten gab es schon viel früher (siehe Hitler).

    @geruchtekellner:
    Das ist ein deutsches Problem. Du hast den Pisa-Test mit der Leseschwäche bei vielen Deutschen mitbekommen im Lande der Dichter und Denker, oder?

    @Mort:
    Genau! Allerdings wundert es mich, dass wir offenbar Jabroni unterschiedlich verstanden haben.

    @Heiner Schäfer:
    Du hast es erkannt. Du bist vielleicht wirklich ein Verschwörungstheoretiker. Filter sind durchaus nützlich und sogar notwendig. Jedes Gehirn betreibt automatisch einen Filter, ob wir es wollen oder nicht. Und ohne, dass wir Unwichtiges (was der Einzelne für unwichtig hält) wieder vergessen, könnte kein Mensch überleben. Nur ist wie so fot die goldene Mitte besser und keine Extrem. Dieser Täter hat einfach ein Extrem angewendet und alles gefiltert, was nicht passte oder er nicht wollte. Das Gleiche passierte mit Sarrazin. Er wählte tatsächlich echte und richtige Statistiken aus um seine Thesen zu untermauern. Aber Sarrazin filterte und ignorierte gezielt alle anderen gleichwertigen Statistiken, die zeigten, dass seine Thesen falsch sein müssen. So war das bei dem Täter wohl auch. Und darum geht es Sascha wohl wirklich (und richtig). Also alles hat im Prinzip Vorteile und Nachteile. Vielleicht kann man den Nachteil Filtern vermindern (bei gegebenen Situationen), ohne dass man dabei der Vorteil Filtern eliminiert.
    Merkst du jetzt die waaghalsige Situation? Wir müssen filtern, aber wird dürften nicht zu viel filtern. Und dazwischen den richtigen Weg zu finden, ist für viele oder manche der Knackpunkt.

    Zu Filtern allgemein:
    Man wird inzwischen mit Informationen überflutet und man kann deshalb nicht alle Informationen anschauen, eventuell aufnehmen und bewerten, wenn man eingermaßen sinnvoll mit anderen kommunizieren möchte. => Man ist inzwischen im Bereich Internet gezwungen zu filtern. Nur manche filtern zu viel. Ich zum Beispiel filter natürlich auch viel, aber meine Filter sind auch absichtlich nicht perfekt, damit ich anderes auch noch mitbekomme und daher nicht zu einseitig werde wie dieser verrückte Täter. Das ist das Problem, dass man sich in Sphären einkapseln kann und somit zu viel filtern kann. Genau da ist die Frage, ob man nicht gegen so etwas vorgehen kann.

  30. Jabroni says:

    Woran liegt es, dass bei der Diskussion zu diesem Thema so viel unterschiedlich verstanden wird?:)

    @Niels,
    wir sind gar nicht sooo unterschiedlicher Meinung. Ich streite nicht ab, dass diese Phänomene (Abgrenzung, Schaffung eigener Realität) auch vorher da waren, manchmal auch im großen Stil. Ich glaube, das habe ich auch so geschrieben.
    Ich sehe aber auch neue Möglichkeiten im Internet. Hier kann jeder publizieren. Und jeder kann sich quasi kostenfrei bedienen. Zusätzlich findet man dort Leute, die ähnlich denken – da fühlt man sich sofort bestätigt.

    Natürlich gibt es auch den Kopp-Verlag und die Leute können sich Bücher über hohle Planeten, kalte Sonnen und Nazi-Raumschiffe kaufen (was übrigens vorwiegend im Internet vermarktet wird). Es gibt auch Sekten und Eso-Vereine.
    Es gibt aber auch Zeta Talk (google mal). Und dort finde ich schnell andere Zeta-Jünger, die ich in meinem “realen” Umfeld nie finden würde. Ich finde dort Bestätigung. Ich verlagere meine Realität in diese Welt. Und wenn die sich alle zum Massenselbstmord entscheiden, dann gehe ich mit, ohne darüber nachzudenken, weil dieser Schritt in den letzten Jahren für mich völlig normal geworden ist.

    Das wird jetzt vielleicht etwas Offtopic^^ Ich wollte nur aufzeigen, was ich unter “neuen Möglichkeiten” verstehe, und was du eventuell als “neue Qualität” bezeichnest.
    Und wenn jemand sagt, die Tat sei im Internet geboren, dass muss das nicht bedeutet, dass das Internet böse ist. Wenn die Tat an einem Stammtisch entstanden wäre, kann der Tisch ja auch nichts dafür. In beiden Fällen sollte man aber betrachten, welche sozialen Strukturen an welchen Orten entstehen können und wie man dies vermeiden kann.

  31. Niels says:

    @Jabroni:
    Laut deinem letzten Posting sehe ich auch, dass unsere Meinungen wohl sehr kongruent sind.
    Vielleicht ist es ein Problem vom Ausdruck und Lese-Verständnis. Entweder du hast dich irreführend ausgedrückt oder ich war beim Lesen zu pingelig.
    Und der Ausdruck wurde von mir jetzt nicht angeprangert. Ich selbst war in der Schule in Rechtschreibung überragend gut, aber in Grammatik und Ausdruck eher schlecht. Deshalb bin ich auch Informatiker und kein Literat. :-) Und daher achte ich (hoffentlich oft genug), ob ich mich verständlich ausgedrückt habe. Deshalb kann ich jetzt auch nicht sagen, ob mein erstes Posting immer so verstanden wird, wie ich denke, dass es so verstanden wird.

    Ich war vielleicht einfach etwas Pingelig in Bezug auf neue Möglichkeiten. Für mich heißt dies, dass somit mit dem Internet nie Dagewesenes erst ermöglicht wird. Aber wenn man bedenkt, dass so eine Extremismus früher eher fast nie oder sehr schwer möglich war, ist dies in der Tat eigentliche fast etwas Neues. Ich war halt so pingelig, dass so etwas ähnliches bereits ohne Internet passiert ist.
    Deshalb bevorzuge ich als Begriff Qualität, da es so etwas bereits gab, aber jetzt überraschender und vielleicht häufiger als früher (und beachtlich schnell).

    Und vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt: Ich meinte nicht, dass du z.B. das Internet nur als böse Ansiehst und ich würde nie die Ansicht vertreten, dass alles, was mit Internet zu tun hat, das Internet selbst nie eine Schuld treffen kann.
    Das Problem ist, dass das Internet anscheinend noch relativ neu ist. Also für mich speziell ist das Internet eigentlich uralt, weil ich mich damit von Anfang an beschäftigt habe, aber man sollte ja nie von sich selbst auf die Allgemeinheit schließen. Vielleicht ist dieser unglaublich dumme Massenmord, mit dem wir jetzt immer rechnen müssen. Aber solange es nicht bewiesen ist, dass man so eine Missetat nicht verhindern kann, sollte man nicht aufgeben nach Lösungen zu suchen. Sonst ist man, wie Einstein sagte, eigentlich tot, wenn man keine Fragen mehr hat und nichts mehr versucht (auch zu erlernen versucht).

    Was ich diesem CSU-Politiker übel nehme, dass die Tat im Internet geboren sei. Das ist eine unbewiesene Behauptung und rein theoretisch ist dies praktisch gar nicht möglich. Das verbietet die Logik und hat nichts mit diesem Verrückten zu tun.

    => Wie ich jetzt sehe, sind wir doch nicht so unterschiedlicher Meinung. :-)

  32. Jabroni says:

    Wenn CSU-Politiker sagen, die Tat wurde im Internet geboren, dann meinen sie damit, dass das Internet schuld ist, überwacht und kontrolliert werden muss. Das ist natürlich absoluter Blödsinn.

    Lobo wollte eigentlich ein anderes Thema behandelt, hat aber die gleichen Worte gewählt. Dadurch landete er bei vielen Lesern in die Schublade der Überwachungsfanatiker.

    Ansonsten sind wir uns wohl einig: Qualität oder “erweiterte” Möglichkeiten sind wohl treffender:)

  33. Hotblack Desiato says:

    Ist im Internet neben der Selbstbestätigung nicht auch der Widerspruch nur einen Klick entfernt?
    Wie Martin weiter oben schon sagte: den Dialog suchen, online wie offline, scheint der beste Ansatz zu sein.

  34. Niels says:

    @Jabroni:
    Korrekt! Das meine ich auch. :-)
    Nur da ich schon ältere Artikel von Sascha Lobo kannte (wo er manchmal unglaublichen Unsinn geschrieben hat vor allem bei Lobo vs. Sixtus), wusste ich, dass man ihn nicht als Befürworter von Uhl einschätzen sollte. Und wenn man den Artikel pedantisch liest, dann merkt man, dass er einen wagehalsigen Drahtseilakt vollführte und dies von vielen Lesern nicht verstanden wurde, was er in diesem Blog-Artikel richtigstellen wollte.
    Dass er diese missglückte Metapher benutzt hatte, war meiner Meinung nach bei diesem sensiblen Thema nicht gescheit. Wenn ich technische Fehler erkenne, bin ich aber durchaus nicht pedantisch, sondern tolerant. Nur Rückblickend bei einem derart sensiblen Thema war wohl dieser Vergleich zu unvorsichtig. Aber dafür ist ja Lobo ehemals bekannt geworden, was mich jetzt überrascht ist, dass der Artikel erstaunlich sensibel gefasst war.
    Dass viele das Thema, was Lobo ansprechen wollte, nicht erkannt wurde, muss ich jetzt erst erkennen UND dies spricht leider für das schlechte Lese-Verständnis der Deutschen im PISA-Test.
    Leider ist der Text nicht ganz originell, sondern von http://www.faz.net/artikel/C30351/anders-breivik-wahn-und-sinn-30476396.html inspiriert, aber der Text hat zum Glück seinen eigenen Wert. Offenbar hatte ich wohl zuerst einen schlechten Artikel erwartet, was der SpOn-Artikel wohl doch nicht ist. Vielleicht hat Spiegel und FAZ einen guten Einfluss. :-)

    @Hotblack Desiato:
    Es gibt bestimmt sehr nahe Artikel, die entweder dagegen sprechen oder das Gegenteil beweisen. Nur ist dies das gleiche Problem wie bei den Hypochondern. Im Internet ist Widersprüchliches bestimmt sehr nahe, aber genau dieses Thema behandelt Lobo im Artikel. Hypochonder filtern gezielt alles Widersprüchliche und suchen nur Bestätigung. Deshalb helfen nahe Gegenbeweise manchmal gar nicht, wenn ein Extremist sich in seine eigene Sphäre einschließt und keine Hinweise oder Meinungen von anderen akzeptieren. Der FAZ-Artikel behandelt gezielt dieses Thema, das sein Extremismus gezielt wie bei Dschihadisten entstand durch gezieltes Ignorieren oder Filtern von allem, was gegen die eigene erfundene Meinung spricht.

  35. Sascha Stoltenow says:

    @Niels und @all: Ist es nicht seltsam, dass wir, die wir in einer sehr freiheitlichen – gewissermaßen ungekauderten – Gesellschaft leben, eine intensive Diskussion darüber führen, dass staatliche Akteure möglicherweise unsere Freiheiten einschränken könnten, während wir gleichzeitig bejubeln, dass es wesentlich restriktiveren Regimen nicht gelingt, die entsprechenden Bestrebungen in ihren Ländern einzuschränken?

    Ist es nicht so, dass die eigentlich grösste “Bedrohung” der nationale Proxyserver wäre, während sich sämtliche bisherigen Sperr- und Kontrollversuche mit etwas technischer Expertise umgehen lassen, und sich “Rebellen” in Zukunft nicht im Gemeinschaftskunde- sondern im Informatikunterricht treffen werden.

    Und ist es nicht so, dass Risiken proportional mit unseren Freiheiten wachsen, Taten wie in Norwegen also systematisch zu dieser Entwicklung gehören? Oder ganz unmittelbar: Ist es nicht der größtmögliche Kontrollverlust, andere Menschen zu lieben – beispielsweise Kinder – auf deren Schicksal man selbst immer weniger Einfluß hat? Ist es das, was so pathetisch “Preis der Freiheit” heißt?

    Ich für meinen Teil halte die Verknüpfung von Medium und Tat für ebenso plausibel wie banal. Medien und Kultur sind verschränkt. Sehr plausibel beschreibt dies der Soziologe Dirk Baecker in seinem Sammelband “Studien zur nächsten Gesellschaft”. “Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks”, heißt es im Klappentext, der die Essenz der Studien zusammenfasst.

    Im Kern untersucht Baecker anhand der Verbreitungsmedien, ob und welchen Zusammenhang es zwischen Struktur- und Kulturform einer Gesellschaft gibt, um zu erklären, wie diese mit dem Sinnüberschuß, der sich durch die Medien ergibt, umgehen. Ein wesentliches Merkmal für Computergesellschaften sind demnach sich gegenseitig überschneidende Kontrollprojekte, die nicht der klassischen Hierarchie folgen, sondern durch das Netzwerk. Genau dieser Mittel hat sich B. bedient und genau gegen diese hat er seine Tat gerichtet. Das ist sein Terror. Das ist seine Eitelkeit.

  36. Jung says:

    Es ist doch immer die gleiche Diskussion… Viel härter fand ich da die Forderung das Nick-Names verboten werden sollen. Keiner von uns will Gläsern sein, aber Terrorismus fördern will auch keiner. Das widerspricht sich nunmal und eine Lösung gibt es hier definitiv noch nicht. Vielleicht sollte man die Möglichkeit bekommen auffällige User zu melden und überprüfen zu lassen – so als eine Art zwischenlösung. So liegt die Kontrolle immer noch beim User und der Staat greift erst in zweiter Instanz ein. Ich jedenfalls habe keine Lust mich ständig von der Polizei scannen zu lassen (und ich habe nichts zu verbergen, es geht einfach niemanden etwas an!).

  37. [...] 8. Links lohnen, Zitate zieren. Aggregatoren sind Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt kriegsrelevant. [...]

  38. Falscher Focus, oder? Die suggerierte und sicher auch mögliche Gefahr, das sich im Net eben auch Gesellschaft spiegelt, ist nicht neu. Neu sind – und das ist doch die zu analysierende Gefahr – doch die Kontroll-, Manipulations-, und Agitationsmöglichkeiten der geheimen Dienste weltweit. So ist es doch heute fast schon unbestritten, das die sogenannten “Facebook-Revolutionen” massiv von international agierenden Diensten gesteuert, wenn nicht in weiten Teilen initiiert sind. Das übrigens ein Unterschied zwischen Tunesien und Ägypten auf der einen und Libyen auf der anderen Seite. Im Gaddafi-Land wurde der Umsturz von den Geheimdiensten noch konventionell “Face to Face” aufgebaut, unterstützt und gelenkt.

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