Der Druck des Druckens

Mit großen Maschinen wird dieses Papier bedruckt, und ich mag große Maschinen. Da schwingt eine metallene Gewalt mit, die unerbittlich das tut, was sie soll, egal ob ein Stöckchen dazwischen gerät oder ein Finger. Diese Unerbittlichkeit der Maschine kann man in der Redaktion immer noch spüren, und das nimmt dem Prozess des Schreibens und der Gestaltung von Informationen – den ich sehr gut kenne – die Feinheiten. Das ist der Hauptgrund, weshalb mich der Tag als Chefredakteur mehr erschöpft hat als vermutet und weshalb ich meine eigenen Texte okay fand, aber nicht besser als okay. Leider.

In einem Interview habe ich eine Zeitung als Fabrik bezeichnet, nach nochmaligem Überlegen würde ich eher Maschinerie sagen. Auch das größte Zahnrad in einer Maschinerie hat keine Chance, wenn zwei kleine nicht funktionieren. Das mag alles für viele Menschen in vielen Redaktionen selbstverständlich sein, aber es hat eine andere Intensität, wenn die Druckerei im selben Haus ist, man zum Andruck zu den großen Maschinen geht und zwanzig Tonnen Papier rasen durch hundert Tonnen Stahl – im Zweifel mit dem ärgerlichen Grammatikfehler, den man vorhin übersehen hat.

Einen interessanten Mechanismus im Sozialgefüge der Redaktion habe ich beobachten können: wo immer ich eine Lücke gelassen habe, eine Entscheidungslücke oder eine Aufmerksamkeitslücke – die Redaktion hat sie sofort von selbst geschlossen. Anders geht es vermutlich mit dem Druck des Druckens im Nacken nicht, ich glaube, dass dieses Prinzip bei Regionalzeitungen noch einmal besonders wichtig ist. Denn ich hatte nicht den Hauch einer Chance, auch nur die Hälfte der Inhalte der Zeitung und ihrer 16 verschiedenen Lokalausgaben vor dem Druck anzusehen. Daraus folgt, dass das Konzept, die großen Leitlinien viel wichtiger sind als die situative Kontrolle – keine Überraschung, natürlich, aber interessant und für einen 78%-Kontrollfreak (mein Konzept der Laisser-Faire-Kontrolle) wie mich schwierig zu ertragen.

Ein Teil des Konzepts war, die subjektive Bewertung und das eigene Interesse vor die Aktualität zu stellen, weil in diesem Bereich das Internet nicht zu schlagen ist. Wo das Netz von der Papierzeitung geschlagen wird, ist in der konzentrierten Wirk-Macht, die eine Regionalzeitung entfaltet. Tatsächlich wurde ich auf dem Weg zum Bahnhof – als die Zeitung ein paar Stunden alt war – angesprochen: von einem Menschen im Fahrstuhl, von der Kellnerin beim Frühstück, von dem Mann an der Rezeption, vom Taxifahrer, drei anderen Taxifahrern am Bahnhof, wo ich ausstieg, von dem Mann, bei dem ich einen Kaffee bestellt habe, von zwei Teenagern in dem Café, von jemandem auf dem Bahnsteig, von einer Rentnergruppe und einer Gruppe Jugendlicher im Regionalexpress. Nach eingehenden Frisurstudien in den letzten Jahren schätze ich das Verhältnis von Menschen, die einen erkennen, zu Menschen, die einen ansprechen, auf etwa 1:10. Legt man diesen Maßstab an, kann man davon ausgehen, dass eine gut funktionierende Regionalzeitung ihre Inhalte in circa 105% aller Köpfe in der Region hineinpresst. Das ist gleichermaßen wirtschaftlich sensationell wie es mediengesellschaftlich problematisch sein kann; und von einer einzelnen Internetseite wird ein solcher Wert ziemlich sicher niemals erreicht werden können – aber das ist eine andere Diskussion.

Abschließend möchte ich allen Mitarbeitern, besonders im Lokalen, danken, dass sie die Ideen und Anregungen, die ich naiv-netzhaft mitgebracht habe, so famos umgesetzt haben. Das kann ich inzwischen sagen, weil es nicht nur nach meinem eigenen Empfinden stimmt, sondern die Zeitung auch vom Publikum begeistert angenommen worden ist. Das Echo sowohl beim größten Teil der Social-Media-Crowd wie auch von fast allen Lesern der Papierzeitung war positiv bis euphorisch. Danke dafür, auch an Christian Lindner, dessen Idee diese Aktion war. In Absprache und mit Erlaubnis der Chefredaktion habe ich beschlossen, allen Mitarbeitern der Redaktion – auch der Lokalredaktionen, natürlich – jeweils ein persönlich signiertes Expemlar von “Wir nennen es Arbeit” zu schenken. Obwohl ich natürlich hoffe, dass die Erkenntnisse, die darin stehen, nicht dazu führen, dass sich zu viele Mitarbeiter der Rhein-Zeitung selbständig machen.

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This Post Has 35 Comments

  1. Rin says:

    Glückwunsch zum gelungenen Experiment.

    (Habe mit Enttäuschung feststellen müssen, dass die “Sascha-Lobo-Sonderseite” keinen ausdruckbaren Starschnitt enthält.)

    P.S.: “Fotos von alten Männern vor Gebäuden” <- genau mein Eindruck von Lokalzeitungen.

  2. creezy says:

    @Rin
    (Habe mit Enttäuschung feststellen müssen, dass die “Sascha-Lobo-Sonderseite” keinen ausdruckbaren Starschnitt enthält.)

    Mach keinen Shice? Echt nicht?!

    @Sascha
    Ja, es geht wie immer und überall um Teamwork. Ist in dieser Online-Welt nicht anders oder?

  3. Sascha Lobo says:

    Dankeschön. Teamwork gibt’s online auch, muss es ja, klar, aber allein in diesem Artikel habe ich drei Fehler korrigiert, ein paar Links ergänzt, den Facebook Like-Button nachgeliefert und so fort. Deshalb die Überschrift. Das Netz verzeiht viel mehr und ist freundlicher, nachgiebiger, reversibler als diese großen Maschinen.

  4. Klingt also nach einem ganz normalen Tag bei einer Tageszeitung.

    Das eigentliche Wunder dieser Maschinerie ist ja, dass das Chaos und Durcheinander noch so groß sein kann (welterschütternde Meldungen und Grippewellen, die sich kein Dante ausdenken könnte, PRler, die alle an einem Tag anrufen) – und die Zeitung erscheint trotzdem jeden Morgen.

  5. @sebahabu says:

    Der #cr41day hat meine kleine Timeline echt zum schwitzen gebracht.
    Es wurde mit der Zeit fast unmoeglich da noch einen gewissen ueberblick
    zu behalten.
    Liest sich, als haette sich @saschalobo vor
    dem “alten Medium” Print eine kleine Verbeugung
    zugestehen muessen.

  6. Als jemand, der die Rhein-Zeitung seit langem von innen und außen kennt (1988 habe ich mein erstes Praktikum bei der Rhein-Lahn-Zeitung gemacht und auch eine Weile als Freier für die RZ geschrieben) fand ich dieses Experiment auch sehr spannend. Die Ausgabe war in jedem Fall lesenswert und “anders”. Was ich mir noch gewünscht hätte, wäre mehr “anders” auch in den Lokalteilen gewesen – da fand ich zumindest die paar Ausgaben, die ich quergelesen habe, insgesamt zu “normal”. Denn gerade im Lokalen haben Regionalzeitungen wie die RZ eindeutig das größte Potenzial, sich gegen die Konkurrenz aus dem Netz zu behaupten. Was aber sicher nichts daran ändert, dass kaum ein vergleichbares Blatt in Deutschland so gut in Sachen Internet aufgestellt ist wie die Rhein-Zeitung. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn etwas von dem frischen Wind, mit dem Sascha durch die August-Horch-Straße geflogen ist, in den Redaktionen hängen bleibt.

  7. Arno.Nyhm says:

    gibts auch ne übersicht, was anders ist? bzw. das vollendete “tages”werk irgendwo zu begutachten als nicht-rhein-zeitung-leser?

  8. Christian Lindner says:

    Habe gerade das Schreiben einer Abonnentin zur Rhein-Zeitung gelesen, die Sascha Lobo mit uns gestaltet hat. Sie übermittelt uns in ihrem zweiseitigen, handschriftlichen Brief unter anderem: “Die von Sascha Lobo vorgestellten Netzwerke beeindrucken mich.”

    Nach vielen weiteren komplexen Gedanken über das Werden und Leiden der Welt schreibt sie: “Danke für den Tag mit Sascha Lobo.”

    Ach ja, die Dame verrät noch, dass sie humanistische Bildung hat.

    Und dass sie 70 Jahre alt ist.

  9. Janosch Karamasow says:

    Ohha, ich kann kar nicht sagen wie peihnlich die Aktion an sich ist. (achtung lobo verbindet alt mit neu) die tatsache das man versucht alt mit neu zu verbinden und dann diese pseudo fancy selbsteinschätzung, aaach meine artikel waren nur okay. Mannlobo rettet sich vorher ins aus, nach dem motto “ja ich weiß, es ist scheiße” oha, da fliegt jemand aus meinem rss reader.

    “Ein Teil des Konzepts war, die subjektive Bewertung und das eigene Interesse vor die Aktualität zu stellen, ” Trotzdem lesen alle dasselbe. Das internet führt nicht dazu, das jeder seinen ultra diversifizierten News Cocktail hat,im großen und ganzen haben wir uns da nicht bewegt. Spiegel jeden tag. Whatever. von all dem schund dersonst an einem vorbeilatscht, der gar nicht die qualität und tiefgang einer Zeitung mit ausgebildeten Hinterfragern hat, die sich wenigstens 24 h zeit lassen zwischen publizieren und erstemal hören, entgegen twitterphilosophie , ach hier ach jetzt. Rein damit.

    Denn nicht die Zeitung hat Druck, sondern das Internet, es muss quasi schon passiert sein in dem moment des gedankens

  10. Johannes says:

    Wahnsinnig spannende Sache. Dass da ein Blogger mal eine Zeitung mitgestalten darf ist geradezu revolutionär. Das ist ein ganz dickes Lobo wert!

  11. Das Bild des Alten Mannes hat Aussagekraft. Zweifellos ein Penner 2.0
    An dieser Stelle fordere ich ein Zeichen gegen Gewalt und mehr Zivilcourage, gegen den Shit Storm, damit solche Meldungen wie aus der heutigen Tagesschau verschwinden:

    “…Schüler hätten sich am vergangenen Samstag aus Langeweile entschlossen, den Obdachlosen zu ärgern, der in einem Kleinwagen auf dem Parkplatz lebte. Sie hätten zufolge zunächst das Auto demoliert. Der Obdachlose habe wegen seiner Sehbehinderung nicht davonfahren können, aber versucht, die Täter mit seiner Handy-Kamera zu filmen…”
    http://www.tagesschau.de/inland/mordanobdachlosem100.html

  12. getji says:

    Sag mal, erklär du SASCHA LOBO mir endlich, warum die Deutschen ein Haufen von Genscher-Ziehaffen sind. Ich meine, immer wenn dieser alte Sack bei Maybritt Illner oder Anne Will sitzt, da klatschen selbst junge, linke ja sogar punkige Typen diesem Grossmaul zu.

    Warum ist das so? Sind die Deutschen Genscher-hörig? Niemand kritisiert ihn. Antworte mir Sascha, was stimmt mit den Deutschen nicht?

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