Archive for May, 2010

Der Druck des Druckens

Mit großen Maschinen wird dieses Papier bedruckt, und ich mag große Maschinen. Da schwingt eine metallene Gewalt mit, die unerbittlich das tut, was sie soll, egal ob ein Stöckchen dazwischen gerät oder ein Finger. Diese Unerbittlichkeit der Maschine kann man in der Redaktion immer noch spüren, und das nimmt dem Prozess des Schreibens und der Gestaltung von Informationen – den ich sehr gut kenne – die Feinheiten. Das ist der Hauptgrund, weshalb mich der Tag als Chefredakteur mehr erschöpft hat als vermutet und weshalb ich meine eigenen Texte okay fand, aber nicht besser als okay. Leider.

In einem Interview habe ich eine Zeitung als Fabrik bezeichnet, nach nochmaligem Überlegen würde ich eher Maschinerie sagen. Auch das größte Zahnrad in einer Maschinerie hat keine Chance, wenn zwei kleine nicht funktionieren. Das mag alles für viele Menschen in vielen Redaktionen selbstverständlich sein, aber es hat eine andere Intensität, wenn die Druckerei im selben Haus ist, man zum Andruck zu den großen Maschinen geht und zwanzig Tonnen Papier rasen durch hundert Tonnen Stahl – im Zweifel mit dem ärgerlichen Grammatikfehler, den man vorhin übersehen hat.

Einen interessanten Mechanismus im Sozialgefüge der Redaktion habe ich beobachten können: wo immer ich eine Lücke gelassen habe, eine Entscheidungslücke oder eine Aufmerksamkeitslücke – die Redaktion hat sie sofort von selbst geschlossen. Anders geht es vermutlich mit dem Druck des Druckens im Nacken nicht, ich glaube, dass dieses Prinzip bei Regionalzeitungen noch einmal besonders wichtig ist. Denn ich hatte nicht den Hauch einer Chance, auch nur die Hälfte der Inhalte der Zeitung und ihrer 16 verschiedenen Lokalausgaben vor dem Druck anzusehen. Daraus folgt, dass das Konzept, die großen Leitlinien viel wichtiger sind als die situative Kontrolle – keine Überraschung, natürlich, aber interessant und für einen 78%-Kontrollfreak (mein Konzept der Laisser-Faire-Kontrolle) wie mich schwierig zu ertragen.

Ein Teil des Konzepts war, die subjektive Bewertung und das eigene Interesse vor die Aktualität zu stellen, weil in diesem Bereich das Internet nicht zu schlagen ist. Wo das Netz von der Papierzeitung geschlagen wird, ist in der konzentrierten Wirk-Macht, die eine Regionalzeitung entfaltet. Tatsächlich wurde ich auf dem Weg zum Bahnhof – als die Zeitung ein paar Stunden alt war – angesprochen: von einem Menschen im Fahrstuhl, von der Kellnerin beim Frühstück, von dem Mann an der Rezeption, vom Taxifahrer, drei anderen Taxifahrern am Bahnhof, wo ich ausstieg, von dem Mann, bei dem ich einen Kaffee bestellt habe, von zwei Teenagern in dem Café, von jemandem auf dem Bahnsteig, von einer Rentnergruppe und einer Gruppe Jugendlicher im Regionalexpress. Nach eingehenden Frisurstudien in den letzten Jahren schätze ich das Verhältnis von Menschen, die einen erkennen, zu Menschen, die einen ansprechen, auf etwa 1:10. Legt man diesen Maßstab an, kann man davon ausgehen, dass eine gut funktionierende Regionalzeitung ihre Inhalte in circa 105% aller Köpfe in der Region hineinpresst. Das ist gleichermaßen wirtschaftlich sensationell wie es mediengesellschaftlich problematisch sein kann; und von einer einzelnen Internetseite wird ein solcher Wert ziemlich sicher niemals erreicht werden können – aber das ist eine andere Diskussion.

Abschließend möchte ich allen Mitarbeitern, besonders im Lokalen, danken, dass sie die Ideen und Anregungen, die ich naiv-netzhaft mitgebracht habe, so famos umgesetzt haben. Das kann ich inzwischen sagen, weil es nicht nur nach meinem eigenen Empfinden stimmt, sondern die Zeitung auch vom Publikum begeistert angenommen worden ist. Das Echo sowohl beim größten Teil der Social-Media-Crowd wie auch von fast allen Lesern der Papierzeitung war positiv bis euphorisch. Danke dafür, auch an Christian Lindner, dessen Idee diese Aktion war. In Absprache und mit Erlaubnis der Chefredaktion habe ich beschlossen, allen Mitarbeitern der Redaktion – auch der Lokalredaktionen, natürlich – jeweils ein persönlich signiertes Expemlar von “Wir nennen es Arbeit” zu schenken. Obwohl ich natürlich hoffe, dass die Erkenntnisse, die darin stehen, nicht dazu führen, dass sich zu viele Mitarbeiter der Rhein-Zeitung selbständig machen.

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Die Zeitung, das unbekannte Lesen

Gestern war ich Chefredakteur für einen Tag bei der Rhein-Zeitung. Bevor ich heute Abend das gesamte Projekt aus meiner Sicht bewerte, möchte ich den Anspruch dieser Unternehmung beschreiben und das Konzept dahinter. Kern des Konzepts war die Fragestellung, ob sich die Erkenntnisse der Informationsvermittlung im Netz zurück auf das Papier übertragen lassen. Dafür habe ich drei wesentliche (und medienneutrale) Kriterien des Publizierens im Internet identifiziert:

Interessantheit
Die Aufmerksamkeitsströme des Netzes richten sich danach, was als interessant empfunden und deshalb weiterempfohlen wird. Die Empfehlung ist der Informationsfilter der Zukunft und funktioniert nur, wenn der Empfehlende selbst interessiert ist. Mit der Annahme, dass sich Interessantheit vom Autor auf den Leser übertragen kann, ergibt sich: Jeder Artikelautor schreibt über ein Thema, was ihm wirklich am Herzen liegt, im Positiven oder im Negativen, Begeisterung zählt soviel wie Empörung.

Subjektivität
Vor allem Blogs, aber auch die meisten anderen publizistischen Formen im Netz sind offen subjektiv. Die Grenze zum seriösen Journalismus muss deutlich bleiben – aber der persönliche Standpunkt und auch das Pronomen “ich” sind erlaubt und erwünscht.

Visualisierung
Das Internet ist ein sehr bildintensives Medium, Fotos, Grafiken, Visualisierungen unterstützen nicht nur die Texte wie in der Zeitung, sondern erzählen ihre eigenen Geschichten. Meine Lieblings-Zeitungsrubrik – von der ich mich immer noch frage, weshalb sie in Deutschland nicht angeboten wird – ist The Big Picture vom Boston Globe. Deshalb soll die Stimmung im RZ-Land in allen Regionen in Fotos von Profis und von Lesern festgehalten werden.

Hier kann man das Ergebnis als PDF-ePaper downloaden. Und hier finden sich die Dokumentationsbeiträge rund um die Aktion:
Sonderseite.

Mein persönliches Fazit – erscheint wie gesagt erst heute Abend, an dieser Stelle. Ich möchte nämlich unter anderem abwarten, wie das Produkt der Bemühungen von den Lesern angenommen wird.

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Der unaufhaltsame Aufstieg des Social Networks FORMsquare

Wie wird ein Social Network eigentlich groß im deutschen Sprachraum? Hier sind die Eckpunkte eines solchen Siegeszuges anhand des bekannten Beispiels FORMsquare.pro aufgezeichnet.

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Kosmar findet einen Hinweis auf FORMsquare in einem amerikanischen Blog, das ausser ihm und dem Autor niemand liest. Er twittert den Link, allerdings mit seinem geheimen Drittaccount, dem er nicht einmal selbst folgt.

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Felix Schwenzel greift FORMsquare auf, versteht die Plattform aber völlig falsch und distanziert sich deshalb halbironisch davon. “Das funktioniert auf dem neuen PaInTheS© nur unter Flingo 4.7″, so sein vernichtendes Urteil. Als Symbolbild wählt er einen Uhu, niemand weiss warum, er selbst auch nicht.

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Kosmar legt seinen FORMsquare-Account still, die Plattform habe ihre besten Zeiten hinter sich.

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Als dritter Mensch in Deutschland erfährt Johnny Haeusler von FORMsquare durch eine SMS von Felix Schwenzel. Am nächsten Tag schreibt er einen langen Artikel darüber, weshalb das Social Network zwar gut ist, aber nicht den Kern trifft. Trotzdem glaubt er, dass mit FORMsquare der endgültige Durchbruch der Blogs in Deutschland erreicht wird. Im Schlussabsatz entschuldigt er sich dafür, dass er sich aus Zeitgründen erst als einer der letzten über FORMsquare Gedanken machen konnte und für den Vulkanausbruch in Island. In den Kommentaren wird ihm der endgültige Ausverkauf der FORMsquarosphäre vorgeworfen, elf verbitterte Leser schicken ihre Spreeblick-Mützen zurück.

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Die Seite FORMsquare.de wird von einem FORMsquare-Coach registriert. Auf der Seite spricht der Coach von mehrjähriger Erfahrung und Personalverantwortung bei einem Großkonzern in der FORMsquare–Abteilung.

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Thomas Knüwer schreibt, weshalb FORMsquare nichts taugt. Eine Woche später trägt er den Artikel live auf Michael Seemanns mittlerweile zweiter FORMsquare-Lesung vor.

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Auf Peter Hogenkamps Netzwertig.com erscheint der Beitrag “Verändert FORMsquare das Antlitz des Internet für immer?” Zehn Goldmitgliedschaften sollen verlost werden, es finden sich allerdings nur sieben Teilnehmer. Einer davon ist Robert Basic, der seinen Account im Anschluss gegen einen iTunes-Gutschein (15€) eintauscht. Vom Erlös will er die Entwicklung einer hypersozialen Suchmaschine finanzieren, die “Google und Facebook vom Thron stossen wird” und eine “Monatsmarke für die Frankfurter U-Bahn” kaufen, so Basic.

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Die Piratenpartei kündigt eine eigene Plattform an, “wie FORMsquare, aber Open Source”. Sie soll im dritten Quartal 2017 online gehen, rechtzeitig zum Bundestagswahlkampf. Ob der Plan für die Umsetzung der Plattform in einem Wiki erarbeitet werden soll, soll zunächst in einem Wiki erarbeitet werden.

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Auf Carta erscheint zweitverwertet ein Artikel aus einem sorbischen Medienmagazin, in dem die gesellschaftlichen Auswirkungen von FORMsquare anhand der Systemtheorie besprochen werden. In einer aufwändigen Umfrage findet Robin Meyer-Lucht heraus, dass von 622 Bundestagsabgeordneten keiner bei FORMsquare ist – und stellt betroffen die Frage: “Ist Deutschland noch zu retten oder muss die GEZ abgeschafft werden?” Mario Sixtus fordert daraufhin aus Protest seinen Flattr-Anteil in Höhe von 7 Eurocent von Carta zurück.

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Thomas Knüwer schreibt, weshalb FORMsquare auch nach dem Relaunch nichts taugt.

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Klaus Eck kündigt das Buch “FORMsquare zur Unternehmenskommunikation – was meinen Sie so?” an. Dort beschreibt er, wie in Kanada ein Praktikant in einer Eisdiele seinen Job wegen eines FORMsqueets (so die Bezeichnung für die Beiträge auf FORMsquare) bekam.

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“Karriere – Die FORMsquare-Bibel!” von Jochen Mai erscheint als Hörbuch auf Rätoromanisch im praktischen Pappschuber.

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Netzpolitik wird ein Datenleck von FORMsquare zugespielt. Markus Beckedahl überlegt deshalb, für das Europaparlament zu kandidieren und teilt diese Entscheidung in einem vierzigseitigen Interview mit der zweitgrößten hessischen Schülerzeitung der Öffentlichkeit mit.

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Thomas Knüwer schreibt, warum FORMsquare nichts taugt, obwohl er zugeben müsse, dass ein gewisser Charme vorhanden sei und er im Übrigen zu Testzwecken von Beginn an FORMsquaren würde, aber taugen würde FORMsquare eben nichts und Charme zahle schließlich keine Miete. Zudem sei die Rechtslage in Deutschland völlig unklar, wie ein von Miriam Meckel retweeteter Tweet von Udo Vetter eindeutig beweise.

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Turi2 und Meedia interviewen sich gegenseitig auf FORMsquare über den nicht vorhandenen Sinn von FORMsquare; und auch wie es sich jemals refinanzieren solle – unklar. Die beiden erscheinenden Interviews unterscheiden sich vollständig, sind aber so oft gegenseitig miteinander verlinkt, dass Google Deutschland vier Stunden down ist.

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Sascha Lobo meldet sich bei FORMsquare an und gibt fünfundzwanzig Minuten später RTL und der Süddeutschen Zeitung als FORMsquare-Experte ein Doppelinterview, in dem erklärt, weshalb gerade Journalisten, Politiker, Werber und Europäer zwischen fünf und neunzig Jahren um jeden Preis FORMsquaren müssen, unbedingt notwendig sei das aber nicht. Das Interview schließt mit den Worten “Formsquare ist völlig irrelevant, aber die wichtigste Plattform weltweit.” Meedia wirft Sascha Lobo daraufhin den mangelnden Ausverkauf der FORMsquarosphäre vor.

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Stefan Niggemeier schreibt einen langen Artikel über die Zukunft des Journalismus auf FORMsquare und wird dafür wegen eines missverständlichen und ehrabschneidenden Kommafehlers von sechzehn verschiedenen Unternehmen, Institutionen und Einzelpersonen abgemahnt.

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Alle bisher erwähnten Personen veröffentlichen zusammen auf dem FAZ-Blog Netzökonom das FORMsquare-Manifest. Daraufhin wird Mercedes Bunz die weltweit erste Formsquare-Redakteurin für die New York Times.

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In der ZEIT schreiben Susanne Gaschke und Wolf Schneider einen Artikel darüber, wie FORMsquare das Gehirn verkleinere, das Erbgut verändere und die Kultur von innen heraus zersetze. FORMsquare wird als “für die deutsche Sprache wie Bhopal und Tschernobyl an einem Tag” bezeichnet. Im Text wird Bazon Brock zitiert mit der Aussage, “FORMsquare hat mehr Tote auf dem Gewissen als die Inquisition”. Die ZEIT fügt in das Zitat später das Wort “indirekt” ein.

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Thomas Knüwer verkündet, dass er fortan als FORMsquare-Consultant arbeiten werde, FORMsquare sei die großartigste Errungenschaft der westlichen Zivilisation. Das würde nur noch kein Unternehmen verstehen (ausser den Unternehmen, die ihn beauftragten). Knüwer zufolge würden von 30 DAX-Unternehmen nur zwölf FORMsquaren, die anderen wären spätestens binnen einen halben Jahres insolvent (ausser sie beauftragen ihn).

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Frank Schirrmacher veröffentlicht ein Buch namens “Der FORMsquare-Komplex”, das nur leere Seiten enthält. Die deutsche Bloglandschaft fühlt sich und das Internet ungerecht dargestellt und verreisst das Buch empört. Der fehlende Inhalt fällt erst bei der von Anne Will moderierten Buchvorstellung im Bundestag auf (live übertragen von Spiegel Online).

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Wir in NRW” deckt auf, dass Jürgen Rüttgers Geld für positive FORMsquare-Beiträge bezahlt hat – und zwar weit unter Tarif. Rüttgers lässt seinen Sprecher verkünden, es habe sich um einen ganz anderen Jürgen Rüttgers gehandelt, allein in Düsseldorf gäbe es fünf Jürgen Rüttgerse und in Bochum noch zwei sowie eine Jürgine Rüttgers in Bottrop. Trotzdem handelt Rüttgers entschlossen, um sein gutes Krisenmanagement zu beweisen: seine Büroleiterin und der Chef des Katasteramts müssen zurücktreten.

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Burda kauft ein Prozent an FORMsquare; das Unternehmen würde “perfekt in die Portfolio-Strategie der Burda-Group” passen, weil es sich um “ein Geschäftsmodell im Internet” handele. Der tatsächliche Grund für den Kauf: in einem Interview hatte der neunjährige Bruder von Mark Zuckerberg betrunken erwähnt, dass er nur zwei ernsthafte Konkurrenten im Kampf um die Eroberung des Universums sehen würde, nämlich Google und FORMsquare.

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Bei Wikipedia wird der Artikel zu FORMsquare wegen fehlender Relevanz gelöscht. Nachdem Bill Gates ankündigt, die Geschäftsberichte von Microsoft nur noch auf Formsquare zu veröffentlichen, soll über die Löschung 2011 erneut abgestimmt werden.

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