Mailbeschwerden

Fast jeden Tag bekomme ich Mails von mir unbekannten Menschen, die reagieren auf irgendetwas, was ich irgendwo gesagt oder geschrieben habe. Das ist schön. Die meisten sind tatsächlich sehr freundlich formuliert, sogar, wenn sie Kritik enthalten und wenn ich es irgendwie einrichten kann, antworte ich freundlich zurück. Ab und zu kommen Beschimpfungsmails, auch das ist normal, da antworte ich seltener. Und dann bekomme ich Facepalm-Mails. Wenn ich gerade Lust habe, antworte ich darauf. So ist der folgende Maildialog entstanden, den ich hier anonymisiert veröffentliche, weil ich das will. Schwere Kost, aber durchaus von innerer Komik. Finde ich.

hallo Sascha Lobo, frustriert war ich, nachdem ich Dein Essay im Spiegel gelesen habe (…); frustriert auch, weil ich befürchten muss, dass auch Dir der Mut fehlt, dich einmal frei von bloßer Rhetorik mit mir auseinanderszusetzen, persönlich, unausweichlich, mitmenschlich und sinnlich erfahrbar, anstatt Dich hinter deinem Bildschirm zu verstecken oder hinter deiner Rolle als Medienstar auf Vorträgen.
Mehr als das aber hoffe ich, dass Du bereit bist zu einem physisch erlebten Austausch über so existentielle Themen, die Du in deinem Essay leider nur scharf anschneidest…., dass also nicht auch Du dich schon bequem eingerichtet hast auf den oberen Etagen einer zumeist nur Polemik und Selbstbeglaubigung (bzw. Rechtfertigungsideologie) betreibenden Intelligenzia und somit zu einem medial aufgeblasenen Geist wirst, dass anders Denkende, aber vor allem Verantwortung aufzeigende Menschen prominent ignoriert, um so einsam über den Dingen zu schweben.
Denn gegenwärtig geht es um weitaus mehr als um Diskurse, Anklage und andere kluge Worte, die in ihrer bloßen Begrifflichkeit der “Überforderung” dem Leben gegenüber, die ja aufs Engste mit der expansion des internets zu tun hat, nicht gewachsen sind. In Anbetracht des Zustandes unsere Planeten ist es sowas von zweitrangig, ob manche eher kulturpessimistisch sind oder aber optimistisch. Und wenn Du schon Sokrates und Platon interpretierst, so solltest Du – insofern Du mit deinem essay das wirkliche Leben meinst – einmal versuchen, die in diesen Schriften leider noch feststeckende Dialektik in ihrem lebendigen Sinn auch zu erkennen….
Denn hier, dort und jetzt geht es nicht ums Entweder-Oder, nicht ums Rechthaben oder um die sprachgewandte Flucht in die realen und virtuellen Türme des Wissens, sondern alleine um die Kraft und die Kreativität der gelebten Gemeinschaft, um die gemeinsamen lebensweltlichen Erfahrungen also, die in ihrer Vielfalt unsere Kultur wieder zu jenem Souverän machen, das eintritt in die offene Geschichte der Gestaltung unserer Wirklichkeit…
Unserer Kultur hingegen, weiterhin gefangen in bloß oberflächlich anregenden Polarisierungen und vielem mehr dergleichen (die Beschreibungen der Kulturindustrie sind die sicherlich geläufig), wird blutarm, seelenlos und muss endlich das Gemeinsame unserer Natur, ihre Einheit und evolutionäre Entwicklung unserer Spiritualität in der Einfachheit kulturellen Handelns (das unter anderem auch in einem ehrlichen, persönlichen Austausch zwischen uns gewährleistet wäre) entdecken.

Mit Grüßen eines [gestrichen] jährigen Schwulen, der in seinem Heimatdorf aufs mieseste denunziert wird, da sein Austausch mit Gleichgesinnten in die falschen Kanäle des Internets gelangte und der mit fünfzehn seine Fantasien im Wald hinter dem Dorf mit seinem damaligen Freund in aller Ruhe, ungestört und nicht aufgedeckt ausleben konnte… und mit dem Bewusstsein, dass ich Dir diese und gerne auch weitere Direktheiten über dein hohlen Worte nur deswegen mitteile, weil ich bereit bin, Dich in aller menschenfreundschaft auch persönlich zu treffen, um ausführlich zu diskutieren….vielleicht könnte ein so “zu ende” geführter Dialog, eine solche Dialektik ja auch für andere insofern bedeutsam sein, dass sich wirkliche “Synthesen” entwickeln.

lieber [gestrichen],
ich weiss nicht, wie du auf die idee kommst, mich mit beleidigendem unterton und einem mittelgrossen haufen von unterstellungen per mail anzugehen und zu glauben, dass ich deshalb mich mit dir treffen wollen würde. du möchtest mir erzählen, was alles falsch läuft auf der welt, falsch läuft mit mir, was ich alles für “hohle worte” sage, dass mir “der mut fehlt” usw.?
das möchte ich alles nicht hören. nicht, weil ich keine kritik hören will. sondern weil ich mir einen kennenlernprozess grundsätzlich anders vorstelle. jedenfalls nicht vorwurfsgetrieben.
mit lieben grüssen und viel glück,
sascha lobo

Hallo Sascha Lobo, ich bin sehr überrascht und es tur mir leid, dass Du vor aller Hoffnung, vor aller Ehrlichkeit und vor allen Inhalten, die aus meiner E-Mail sprechen einzig und alleine Negatives, Unterstellungen und Beleidigungen heraus liest. Wie schade, dass Du eine solche (und wenn ich jetzt sage von Eitelkeit getriebene Lesart bevorzugst, so meine ich das nicht etwa als Beleidigung, was es ja wirklich nur wäre, wenn dies zuträfe, sondern einzig und alleine um die Notwendigkeit für unsere Kultur zu einem ehrlichen, in die tiefe gehenden Dialog deutlich zu machen, der jedoch ohne sprachliche Instrumentalisierungen nur im direkten Kontakt wirklich fruchtbar sein kann (…)) Lesart als Grund für deinen Unwillen die Inhalte aufzunehmen und für deinen Unwillen, mich persönlich zu treffen vorschiebst. Ich sprach alleine nur über Meinungen, die du von dir gegeben hast und nicht über deine Person, und wenn ich von Mutlosigkeit sprach, dann war dies alleine eine auf Erfahrung basierende Befürchtung, mit der ich nur allzu gerne falsch liege. Es sprach hier kein Unterton zu Dir, und falls es vielleicht doch ein wenig zu direkt war, so tut es mir leid; Du als Person warst damit nicht gemeint; und hätte ich nicht -auch weiterhin- den Wunsch, mit Dir persönlich zu sprechen, so hätte die E- Mail bestimmt auch freundlicher (geheuchelter?) verpackt…. Bitte gebe Dir einen kleinen Ruck, Du hast nichts zu verlieren aber wir haben gemeinsam so viel zu gewinnen. Mit Grüßen

lieber [gestrichen],
ich will so deutlich wie möglich sein, ohne dich zu verletzen:
ich möchte mich nicht mit dir treffen.
mit lieben grüssen,
sascha lobo

Hallo Sascha, Schade, sehr schade: wie gerne würde ich einmal erfahren, dass Erfolg im Kulturbetrieb nicht bloß von Eitelkeit und Ignoranz begleitet wird und von der Angst, das eigene Weltbild zu überdenken. Vor allem für unsere und meine beiden Kinder tut es mir leid, die Hoffnung schwinden zu sehen, dass eine emphatische, offene und solidarische Kultur dem bestehenden Betrieb und dieser eitlen, verlogenen, zerstörerischen und von dem Streben nach Erfolg und Macht getriebenen Welt etwas Gemeinsames und Schöpferisches als wirkliche Alternative bietet…Und noch ein Tip für dein Karma: die pseudo-aggressive Heuchelei deiner zweiten Mail wird deinen schönen Hahnenkamm auf Dauer zur Seite legen und das meine ich jetzt ehrlich angepisst von einem so hohlen Typen, der nicht mal den Mut aufbringt, auch nur auf einen Inhalt meiner Mails einzugehen, sich aber gleichzeitig Diskurse liefert mit so von Macht, Luxus und Eitelkeit verblendeten Menschen wie einem Schirrmacher. Schäm dich was. und falls diese mails auf deinem öffentlichen Lobo Blog landen, vergiss nicht sie schnell zu löschen, und falls Du doch den Mut hast, um mit mir wenigstens via mail zu kommunizieren, ich lasse mich immer wieder gerne eines besseren belehren… Grüsse

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