Archive for January, 2010

Was Oettinger jetzt tun könnte

Darf man sich so sehr über Günther Oettinger lustig machen, wie das gerade geschieht? Ich glaube: ja. Ich halte es sogar für die Pflicht des aufgeklärten Bürgers, sich unbedingt über alles lustig zu machen, was an entsprechenden Steilvorlagen von den Autoritäten abgesondert wird. Und nicht nur von Autoritäten, eigentlich muss man sich über alles lustig machen, was lustigmachenswert ist, die Definition muss jeder in Eigenverantwortung erarbeiten.

Verspotten ist eine Art der Kritik, die notwendig ist und eines der wenigen politischen Korrektive darstellt, die so simpel wie wirksam sind. Einfaches Beispiel: die schiere Angst vor der medialen Superblamage dürfte derzeit viele Dutzend Politiker in die Arme von professionellen Englischlehrern treiben. Unsere Entscheidungsträger werden so (hoffentlich) besser – etwas naiv argumentiert, zugegeben, aber die Mechanik halte ich für richtig.

Was aber könnte Günther Oettinger tun? Genau jetzt, da er im “Shitstorm” steht? Zumal es sich nicht um einen inhaltlichen Sturm handelt, wie etwa der Hartz-IV-Shitstorm von Roland Koch in der letzten Woche. Zum Vergleich: bei inhaltlichen Fragen kann man grundsätzlich auf unterschiedlichen Seiten stehen, bei Blamagen wie dieser eher nicht.

Für die Antwort auf diese Frage möchte ich zwei Dinge vorab bemerken: ich bin nicht unbedingt Experte für politische Krisenkommunikation und gerade in der Politik gelten oft völlig andere Regeln als für Marken, Produkte und Ähnliches. Und ich möchte beim besten Willen Günther Oettinger nicht unterstützen. Aber weil ich über “Shitstorms” und die Vorgehensweise damit einen Vortrag halten werde (auf der CeBIT Webciety und/oder auf der re:publica), möchte ich einen Ausblick geben, wie man in dieser verfahrenen Situation verfahren könnte.

Oettinger könnte eine kurze Videoerklärung veröffentlichen und darin lächelnd Folgendes sagen:

• zugeben, dass seine Englischkenntnisse eine mittlere Katastrophe sind – erst recht für einen EU-Politiker

• sich darüber selbst lustig machen – zum Beispiel mit einem augenzwinkernden Eigenzitat aus dem bekannten Video oder der scherzhaften Ankündigung, Schwäbisch neben Englisch, Französisch und Deutsch als vierte EU-Arbeitssprache durchdrücken zu wollen

• bekanntgeben, dass er in drei oder vier Wochen seinen geplanten Urlaub für einen Englisch-Crashkurs verwenden wird

• abschliessend einladen zu einer Pressekonferenz in ca. 6 Wochen, die er auf Englisch halten wird, vielleicht verbunden mit einem Aufruf an seine Kollegen, ebenfalls besser Englisch zu lernen – bezugnehmend auf seinen eigenen Fehler

In guten sechs Wochen sollte ein deutlich sicherer Umgang mit der englischen Sprache erlernbar sein. Die Motivation dürfte inzwischen vorhanden sein. Und erfahrungsgemäß wird der offene und offensive Umgang mit den eigenen Schwächen, verbunden damit, sich selbst nicht allzu Ernst zu nehmen, sympathisch aufgenommen. Zwar mögen wie erwähnt im politischen Alltag oft andere Regeln gelten, aber nach meiner Meinung ist im Fall Oettinger bereits ein ganzer Kindergarten in den Brunnen gefallen und ertrunken.

Nachtrag: Ich glaube nicht, dass die im 20. Jahrhundert mit Erfolg angewandte Helmut-Kohl-Methode des Aussitzens, also nicht zu reagieren und abzuwarten, in Zeiten des allgegenwärtigen digitalen Gedächtnisses namens Internet noch funktioniert, jedenfalls nicht bei größeren Shitstorms. Bei kleineren schon.
Es gibt übrigens ein sehr schönes (wenn auch nur bedingt paralleles) Beispiel dafür, wie jemand mit einem einzigen Satz die Stimmung eines ganzen Landes gedreht hat. Es handelt sich um Jürgen Klinsmann. Als er 1994 nach England zu den Tottenham Hotspurs wechselte, war er in ganz Großbritannien verhasst. Als deutscher Fussballer ist das sowieso nicht besonders schwer, aber Klinsmann hatte sich mit einer Reihe vermutlicher Schwalben (so sahen es die englischen Fans) den Ruf eines “Divers”, eines Schwalbenkönigs, erspielt.

In einer der berüchtigten britischen Fussball-Pressekonferenzen überraschte er die anwesende Presse und so über Bande das gesamte Land, indem er gleich zu Beginn selbstironisch nach einer “diving school” fragte. Mit der Doppeldeutigkeit von “Tauch-Schule” und “Schwalben-Schule” zeigt er exakt den Humor, der den Hass auf ihn in Begeisterung verwandelte. In der Folge wurden über 150.000 Klinsmann-Trikots verkauft, eigentlich undenkbar für einen deutschen Fussballer in Großbritannien. Als er dann auch noch passabel spielte und seine Tore mit dem “Diver”, einem der Schwalbe nachempfundenen Sprung feierte, wurde er sogar zum Fussballer des Jahres 1995 gewählt. Letztlich hatte er mit dem in einem Satz formulierten Beweis, sich nicht allzu Ernst zu nehmen, die Stimmung des Landes gedreht.

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Sensation: Scan von Oettingers Redemanuskript aufgetaucht

Das Video ist dooferweise aus doofen Gründen von Youtube verschwunden, hier der Ausweichlink (Clipfish).

Günther Oettinger ist für seine scheinbar mangelnden Englischkenntnisse (siehe Video) viel verspottet worden in den letzten Tagen. Eventuell jedoch zu Unrecht, wie erst kürzlich klar geworden ist. Denn jetzt ist im Internet ein Scan aufgetaucht von Oettingers Redemanuskript.

Und plötzlich erkennt man: Günther Oettinger hat nur das gesagt, was ihm durch sein Büro aufgeschrieben worden ist, wahrscheinlich, ohne es persönlich vom Inhalt und Stil her vollumfänglich auch so zu meinen – ein kulturkreisbasiertes Missverständnis also und damit ein bekanntes baden-württembergisches Phänomen. Kein Grund zur Aufregung.

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Sixtus vs. Lobo: StartUp


Direktlink Sixtus vs. Lobo – Start-Up

Diese Folge von Sixtus vs. Lobo ist im zweiten Teil inspiriert durch Kathrin Passigs “Standardsituationen der Technologiekritik“. Will sagen: Sixtus bringt jedes einzelne kultur- und technologiepessimistische Standardargument, das Kathrin identifiziert hat. Meine Antworten darauf sind eine unbunte Mischung aus dem jeweils billigstmöglichen Gag, Widerspruch und grotesker Plattheit. Der erste Teil hingegen bezieht sich sowohl auf die New Economy wie auch auf die derzeitige, in Teilen leicht überhitzte Gesamtsituation am Hypemarkt.

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Haiti im 360°-Film von CNN

Vor ungefähr zwei Jahren mag schon einmal ein navigierbarer 360°-Film der Firma Immersive Media durch die Blogs gegangen sein, damals eine Konzertszene. Nach einer gewissen Anfangsfaszination habe ich damals versucht, mir sinnvolle Anwendungen im Alltag vorzustellen, bin aber nicht so recht auf einen Mehrwert gekommen. Ich glaubte, für den 360°-Film wäre wie für die 360°-Fotografie ein Nischendasein in begeisterten, aber kleinen Fachcommunitys vorherbestimmt. Inzwischen bin ich anderer Meinung, denn hier zeigt CNN, dass die medialen Vermittlungsmöglichkeiten vom Katastrophengebiet in Haiti durch diese Technologie eine neue Dimension hinzugewinnen. Einen Moment abgelöst vom Unglück selbst, für das man hier spenden oder sich hier anders engagieren kann, wenn man das für sinnvoll erachtet – die Vorstellung, dass ganze Filme mit dieser 360°-Technologie gedreht werden, halte ich nicht mehr für abwegig. Verbunden mit HD und 3D lassen sich eindrucksvolle Zukunftsszenarien für virtuelle Erlebnisse vorstellen (sowie unfassbare Datenmengen).Obwohl man den Film wohl einbinden kann, scheint mir entweder der Server überlastet oder irgendein Rechtequatsch vorzuliegen. Wenn man also hier im Player den 360°-Film nicht ansehen kann, bitte auf den Link klicken, da geht’s.

Nachtrag: Videowidget entfernt und durch ein verlinktes Bild ersetzt, weil sich Autoplay nicht ausstellen liess. Ist die Welt doch böse?

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Remixwettbewerb Sixtus vs. Lobo Rap

Manchmal muss man Gelegenheiten auch einfach ergreifen. Weiter unten kann man die a cappella-Version des Sixtus vs. Lobo Raps downloaden, zum Zwecke des Remixes. Will sagen, hier können all diejenigen, die die Beats nicht so superfantastisch fanden wie die Lyrics, selbst Hand anlegen. Natürlich gibt es auch einen Preis für den besten* Remix und zwar ein exklusiver, persönlicher Gastauftritt in der auf 3sat und dem ZDF gesendeten Premium-Fernsehsendung “Sixtus vs. Lobo” sowie eine extra um diesen Auftritt herum konzeptionierte Folge. Eine eigene Fernsehsendung (auf eine Art), wo konnte man soetwas zuletzt gewinnen? Und warum?

Download Sixtus vs. Lobo-Rap just a cappella (ZIP-Datei, enthält AIFF und MP3)

Die Remixes kann man als Link in die Kommentare posten oder mir per Mail schicken oder sonstwo öffentlich zu Gehör bringen. Wir freuen uns auf Eure Einsendungen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen (Oldschool-Disclaimer).

*Die Jury besteht aus Mario Sixtus und mir. Vielleicht lassen wir uns von Volkes Stimme beeinflussen in unserer Entscheidung oder veranstalten eine spontane Umfrage, wenn genug Einsendungen vorhanden sind. Einsendeschluß ist am Freitag, den 22. Januar auf vielfachen Wunsch am Montag, den 1. Februar.

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Sixtus vs. Lobo: Deine Mutter (Manufactum Remix)


Direktlink Sixtus vs. Lobo – Deine Mutter…

Es handelt sich um eine klare Weltpremiere: Mein erstes selbstkomponiertes Lied im Fernsehen, yo, Manufactum, Manufaccer! Eine Diskussion darüber, ob es sich jetzt um den totalsten Superquark ohne jeden Restinhalt handeln würde, finden Sie hier in den Kommentaren.

Nachtrag: die Anregung zur musikalischen Auseinandersetzung kam von Matthias Schumacher und zwar hier in den Kommentaren bei Stefan Niggemeier.

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Abstimmung: Mein Vortrag auf CeBIT Webciety und re:publica 2010

lautsprecher_cbs_fan_flickr_smallAnfang März findet die CeBIT Webciety* statt und der “Call for Papers” für die re:publica 2010* im April läuft auch auf vollen Touren. Ich habe mich entschieden mitzucallen und so den Vortrag bestimmen zu lassen, den ich auf beiden Events vortragen möchte. Denn ich habe der Öffentlichkeit selbstredend eine Menge mitzuteilen, und zwar in so ziemlich allen Bereichen. Aber was für einen Vortrag mit welchem Thema (Rente fällt aus verschiedenen Gründen weg)?

Diese Frage möchte ich hier beantworten. Oder viel mehr: beantworten lassen, und zwar durch diejenigen, die den Vortag auch ertragen müssen. Deshalb findet sich hier ein öffentliches Voting, welches Thema ich beleuchten soll. Ich habe vier Themen skizziert, von denen ich glaube, dass das re:publikum und die Webciety-Besucher sie von mir hören wollen würden. Hier im Blog wird das Thema ausgewählt. Im von mir betreuten, offziellen CeBIT-Blog, dem 01blog, werde ich den hier ausgewählten Vortrag danach in einem öffentlichen Prozess ausarbeiten, was die Struktur angeht. Dort werde ich auch gern auf Vorschläge für inhaltliche Schwerpunkte eingehen. Die konkreten Inhalte trage ich aber erst auf der Bühne vor. Damit beide Veranstaltungen besuchende Personen und Streambenutzer auch etwas davon haben, werde ich mit der Live-Erfahrung auf der CeBIT Webciety den Vortrag für die re:publica deutlich weiterentwickeln.

Deadline für die Abstimmung ist Freitag, den 8. Januar 2010 um 12 Uhr Mittags.

Hier nun die Auswahl der Themen:

(more…)

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Googlephone Nexus One

 

Ist das Nexus One ein iPhone-Killer?

Ich könnte jetzt vergleichen, wie die Usability aussieht: Apple deutlich vor Google. Oder ich könnte die App-Stores in die Wagschale werfen: der von Apple ist umfangreicher, der von Google offener (und hat auch “Adult Content”, das war ja schon häufiger nicht unentscheidend). Ich könnte die Geräte an sich vergleichen: auch vom Design her hat Apple die Nase weit vorn; HTC mag der beste Schüler in der Klasse sein – aber Apple ist der Lehrer, der vor den Kindern steht. Vielleicht könnte ich auch tief in die Technik einsteigen und Chip für Chip vergleichen: hier scheint mir das Googlephone die Nase vorn zu haben. Ich könnte aber auch einfach auf mein Gefühl hören. Und das sagt:

Ja. Das Nexus One ist ein iPhone-Killer.

Vielleicht auch erst das Nexus Two. Und umbringen wird es das iPhone mit Sicherheit nicht. Aber sehr große Schmerzen wird es ihm hinzufügen, da bin ich sicher.

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Von Spezialwelten

western_shooterEine der wunderbarsten Eigenschaften des Internet ist, dass man Einblicke in Spezialwelten erhält, deren Existenz man vorher nicht einmal erahnt hat. Das gilt nicht nur für das ausgelutschte abgenutzte Beispiel Pornographie, sondern betrifft alle Lebensbereiche. Mithilfe der Serendipity, so bezeichnet man den Prozess des eher zufälligen Findens ohne aktiv zu suchen, erfährt man, dass es eine Interessengemeinschaft Minischwein e.V. mit angeschlossenem Schweinetauschring gibt; ein seit inzwischen fünf Jahren gut gepflegtes Blog, das sich mit der Volkskunde des Bankraubs beschäftigt oder dass junge Menschen mit ihrem Fahrrad verhältnismässig unglaubliche Dinge tun können. Eine unglaubliche Fähigkeit hat auch der Mann, der im folgenden Youtube-Film auftritt, ein viele Jahre alter Fernsehmitschnitt. Es handelt sich um Bob Munden, einen hauptberuflichen Angeber und Pistolenschützen. Der Clip beginnt etwas zäh, Bob wird interviewt und beschreibt äusserst unzurückhaltend, wie unglaublich schnell er ziehen und schiessen kann (“fast draw”):

Bob: Fast Draw is the fastest thing a human being does. Nobody does anything faster what I do with guns.

Reporter: Can you give us a comparison to something that would come close but is not as fast?

Bob: Speed of light.

In diesem Moment möchte man Bob mit seinem Cowboyhütchen, seiner RayBan-Brille, seinem Sheriffstern aus Sperrholz und seinem Bierbäuchlein sanft ohrfeigen und schließlich einweisen in ein Heim für betreutes Prahlen. Aber dann beginnt Bob Munden mit der Vorführung seines Könnens und es zeigt sich, dass die Vergleiche in der langatmigen Vorstellung von Bob, er sei der “Michael Jordan” oder “Tiger Woods” unter den Schützen, kaum übertrieben sind. Im Videoclip lässt sich seine Bewegung nur erahnen, er feuert zwei Schüsse hintereinander so schnell ab, dass sie sich anhören wie ein einziger. Er zieht schneller als der Schatten von Lucky Luke. Er hat aus der für Western-Filme ausgedachten Sportdisziplin Fast Draw, für die es selbstredend einen Weltverband gibt, eine Wissenschaft gemacht, mit speziellen Pistolengurten, Patronen, Pistolenziehtechniken, Zeitlupenaufnahmen zur Verbesserung der Technik und so weiter und so fort, kurz – es handelt sich um eine der eingangs erwähnten Spezialwelten, von denen man ohne das Internet nur erfahren hätte, wenn Georg Diez für das Magazin der Süddeutschen Zeitung einen Artikel über den Niedergang der westlichen Zivilisation hätte schreiben müssen, während eines Texasurlaubs aus Versehen in eine Fast-Draw-Competition geraten wäre und das als zentrale Metapher für den Artikel benutzt hätte. Aber nun endlich zu Bob.

Via reddit, übrigens eine der besten, wenn nicht die beste Plattform im Netz zu Serendipityzwecken.

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