Archive for December, 2009

Ushahidi – Collective Intelligence Agency

Ushahidi ist eine Art Social WikiLeaks (auch ein Projekt, dem man mehr Aufmerksamkeit widmen sollte) und hat den schönen, etwas sperrigen Claim “Crowdsourcing Crisis Information”. Ushahidi – das Wort bedeutet “Zeugenaussage” auf Suaheli – sammelt, sortiert und veranschaulicht Augenzeugenberichte. Es handelt sich um eine internetbasierte Plattform mit einer Software unter CC-Lizenz, die schnell auf einem Server aufgesetzt ist und sowohl vom Mobiltelefon wie auch vom Computer aus angesteuert werden kann. Man lädt Kommentare, Fotos, Filme, Tondokumente unter Angabe des Ortes und der Art des Zwischenfalls hoch und beantwortet so die Frage “Was ist hier gerade passiert?”

“Twitter für Krisengebiete” könnte man es nennen, aber würde damit nicht ganz der politischen Dimension gerecht. Eher schon handelt es sich um die Umsetzung des Gedankens, der im zivilgesellschaftlichen Sinn schön bei FixMyStreet.co.uk abgebildet ist – nämlich um die Nutzung der wahren Kollektiven Intelligenz, nicht um die oft mißverstandene, handelsübliche Verbrämung dieses Begriffs. Diese Eigenschaft des Netzes kommt überall dort zum Tragen, wo die Masse eine Qualität abbildet, die der Einzelne nicht oder nur mit allergrößter Energieaufwendung erreichen kann. In diesem Fall sind es foto- und filmgestützte Augenzeugenberichte, hier das aktuellste Beispiel aus dem Iran.
ushahidi_iranFunktioniert die mit Ushahidi betriebene Internetplattform gut und wird intensiv genutzt (was bei der iranischen Plattform noch nicht der Fall ist), dann ergibt sich etwa in einer Bürgerkriegssituation eine solche Vielzahl verschiedener Berichte von Zeugen, dass eine flächendeckende Fälschung erschwert oder je nach Material fast unmöglich wird. Die mediale Inszenierung einer Krise, wie sie etwa die Hamas in Gaza veranstaltet hat (die aber heute zum Handwerkszeug aller Kriegsparteien in sämtlichen Konflikten gehören dürfte), wird so ein kleines bißchen schwieriger – und das wiederum könnte durchaus (lindernde) Folgen haben für das Vorgehen bewaffneter Kräfte.

Denn diktatorische Herrscher wie Saddam Hussein, denen Fotos vergifteter Kurden völlig egal waren, weil sie kaum in der eigenen Bevölkerung ankamen, sind selten geworden. Nicht, weil es keine Unmenschen mehr in der Politik gäbe, sondern weil die meisten von ihnen verinnerlicht haben, dass auch in autoritären Staaten Information und öffentliche Meinung durchaus eine Rolle spielen. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass etwa die Milizen im Iran in ihren Gewaltexzessen ganz unmittelbar weniger grausam würden durch ein paar Handyfotos im Internet. Aber ihre Führung wird früher oder später den Befehl geben müssen, zumindest nicht mehr allzu offensichtlich Gewalt anzuwenden, um eine Flut ungünstiger Aufnahmen zu vermeiden. Denn ein einzelnes Foto kann man zur Lüge erklären, einen Film als Inszenierung abtun. Bei tausenden Schnappschüssen sieht das anders aus – die schiere Masse ergibt eine Wirkung, gerade auch im eigenen Lager.

Immer wieder begegnet mir die Frage, wie denn bitteschön das Internet die Welt besser machen könne. Hier ist ein Beispiel, das plakativer kaum sein könnte. Es sei denn, man bezweifelt allgemein den Wert von offen zugänglicher Information und politischer Transparenz. Aber dann hat man ganz andere Probleme.

via @Elquee

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Sixtus vs. Lobo: Jahresdestillat 2009

Da kann man mal sehen, wie ungeheuer professionell Mario Sixtus und ich sind: die schlimmste Panne des Jahres war, dass Sixtus im August “Horst Seehofer” nicht aussprechen konnte. Und im Oktober hat mal mein Handy geklingelt. Bei der nie ausgestrahlten Folge zum Dritten Reich schliesslich hat irgendjemand unmotiviert “Hitler” in den Aufnahmeraum hineingerufen; wir haben bis heute nicht klären können, wer es gewesen sein könnte. Sehen Sie selbst.


Direktlink zu Sixtus vs. Lobo – Destillat 2009

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Trollforschung aktuell

Jeder, der im Netz ab und zu auf Trolle trifft, also praktisch jeder, fragt sich irgendwann, wie Trolle eigentlich aussehen. Ich kann diese Frage seit einem “Trollüberfall” gestern Nacht beantworten. Sie sehen so aus:
trollfoto1trollfoto2
Die Geschichte dahinter ist durchaus erzählenswert. Aufmerksamen Betrachtern der deutschsprachigen Internetlandschaft wird nicht entgangen sein, dass ich mir im Netz in den letzten Jahren nicht ausschliesslich begeisterte Jubelfreundeskreise geschaffen habe, sondern dass hier und da vereinzelt oder auch mal etwas intensiver Kritik laut geworden ist. Es ist eine Eigenschaft des Internet, dass Kritik ab und zu umschlägt ins Aggressive, ins Pöbelnde, seltener sogar ins Bedrohliche: das Werk von Trollen. Nebenbei bemerkt – eine eigene Diskussion, die ich hier nicht führen möchte – halte ich diese Begeleiterscheinung für eine leider unausweichliche, etwa so, wie sich offenbar die Gesellschaft auch irgendwie damit arrangiert hat, Autos nicht abzuschaffen, obwohl sie in Deutschland 5.000 Menschenleben im Jahr kosten.

Jedenfalls stehen alle meine Kontaktdaten von der Mailadresse über die Handynummer bis zu meiner Adresse im Netz, was dazu geführt hat, dass ich neben unflätigen Kommentaren auch unregelmässig Beschimpfungsmails bekomme. Seit etwa zwei Jahren kriege ich auch anonyme Trollanrufe, die sich interessanterweise seit meinem Auftauchen in der Vodafone-Kampagne im Sommer gehäuft haben; zwischenzeitlich lag die Frequenz bei etwa einem Anruf in der Woche. Meistens gibt es nur ein kurzes Geschimpfe, ab und zu verwirre ich den Anonymling auch durch offensive Freundlichkeit. Einen Höhepunkt erreichte die Multichannel-Trollerei mit der Veröffentlichung des Internet-Manifests, beispielsweise habe ich eine anonyme SMS bekommen, die nur eine Zeichenfolge enthielt, die sich wiederum als Base64-Code entpuppte – mit folgender Bedeutung: “hoffentlich hängen sie dich auf du verrecker“.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht sagen, wie ich zu derartigen Belästigungen durch Trolle oder übers Ziel hinausschießende Kritiker stehe: ich sehe das mit einiger Belustigung und mit forscherischem Interesse, die Wechselwirkungen von Gesellschaft und Internet gerade in den Grenzbereichen gehören schon länger zu meinem Arbeitsgebiet. Ich fühle mich eher selten von den Trollereien gestört, Angst oder Gefühle substanzieller Bedrohung empfinde ich gar nicht. Abgesehen davon ist ja das Schöne daran, publizistisch-schöpferisch zu arbeiten, dass man alle möglichen Alltagserlebnisse verarbeiten kann – in diesem Fall kam die Sixtus-vs-Lobo-Folge “Trolle” heraus, eine der meistgesehenen übrigens.

Im Rahmen der öffentlichen Debatte um das Internet-Manifest habe ich wohl auch die Aufmerksamkeit eines eher zweifelhaften Internet-Forums erregt (dessen Namen ich nicht nennen werde), das man durchaus als Trollnistplatz bezeichnen kann. Dort treffen sich in der Regel junge Männer vollkommen anonym und loten die Grenzen der Provokationsmöglichkeiten im Internet aus. Provokation ist Weg, Ziel und Sinn der Trollerei (dass dabei sogar nicht ausschliesslich Unfug herauskommt, darüber schreibe ich vielleicht mal einen eigenen Artikel). In diesem Forum hat die Beschäftigung mit meiner Person zeitweise extreme Ausmaße angenommen, mehrere hundert Beiträge sind erschienen, was den Betreibern des Forums offenbar so lästig wurde, dass dort die Software inzwischen meinen Namen automatisch in ein Pseudonym verwandelt.

Schliesslich verabredete man sich dort dazu, mich “zu trollen”. Neben hunderten automatisierten Spam-Kommentaren auf diesem Blog und Warenproben-Bestellungen auf entsprechenden Webseiten in meinen Namen wurde auch ein sehr provozierender, einigermaßen zynischer Videoclip zum Tod von Robert Enke dutzendfach auf Youtube und anderen Plattformen veröffentlicht, unter eigens eingerichteten Pseudonymen, die meinen Klarnamen enthielten (zum Beispiel SaschaLobo75). Damit sollte über Bande getrollt werden: unbedarfte Fussballfans sollten gegen mich aufgehetzt werden, denn unter Tarnnamen postete man die Clips in Fan-Foren, samt meiner Adresse und Handynummer. Der Trollerfolg hielt sich in engen Grenzen, ich bekam vier Anrufe: zwei von Mitgliedern des Forums selbst, die so taten als ob, die Anrufe aufzeichneten und in ihr Forum stellten. Ein Anruf kam von einem Fan, der sich überschwenglich entschuldigte, als ich den Sachverhalt kurz aufklärte. Am empörtesten war ein achtjähriger Junge, der aus Hamburg weinend und quiekend ohne Rufnummernunterdrückung anrief und Argumenten gegenüber eher unaufgeschlossen schien.

Diese Zusammenhänge kenne ich, weil ich das Forum aus, sagen wir, forscherisch-journalistischem Interesse beobachtete: wie funktionieren Trolle? Was sind ihre Intentionen? Wie kommunizieren sie? Wie kann man ihnen gegebenenfalls beikommen? Abgesehen davon ist natürlich Feindbeobachtung und Beweismittelsicherung per Screenshot im Zweifel ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Daher weiss ich (inzwischen) auch, dass sich Donnerstag Abend in Berlin Prenzlauer Berg, ein paar hundert Meter von meiner Wohnung entfernt, ein halbes Dutzend Trolle trafen, vermutlich, um Trolldinge zu besprechen. Irgendwann klingelte es mitten in der Nacht zwischen zwölf und ein Uhr an meiner Tür Sturm. An der Gegensprechanlage gaben sich die Klingler als Mitglieder des Trollforums zu erkennen. Aus dem Fenster schauend konnte ich fünf Gestalten ausmachen. Eine davon entfernte sich nach kurzer Zeit. Öffnen wollte ich zunächst nicht, was die Trollpersonen offenbar etwas erboste; sie sahen sich gezwungen, bei sämtlichen Nachbarn zu klingeln. Als sie nach einer guten Viertelstunde noch immer nicht gegangen waren – man weiss aus dem Internetalltag, dass fehlende Hartnäckigkeit eher nicht zu den Schwächen des Trolls an sich gehört – entschloss ich mich auch aus einem Forschungsinteresse heraus zur Konfrontation und ging herunter, und zwar mit einem Fotohandy bewaffnet.

Nach einigen Minuten des heimlichen Lauschens durch die noch verschlossene Haustür – ich hatte das Licht im Flur nicht angemacht – riss ich die Tür unvermittelt auf. Nach einem kurzen, eher zufälligen Gerangel stand ich in der Tür vier jungen, angetrunkenen Männern gegenüber, Anfang bis Mitte zwanzig, alles andere als tumb, aber doch mit einem leicht aggressiven Unterton im allgemeinen Gebaren. “So also sehen diese Trolle aus”, dachte ich bei mir. Bei ihnen herrschte interessierte Verwunderung vor. Sie hatten wohl bereits mit meinem Klingelschild eine Art Devotionalien-Foto erstellt, um ihren Trollfreunden zu beweisen, bei mir gewesen zu sein: ein deutlicher Hinweis darauf, dass zum Trollen auch der Adoleszenz-Klassiker “Mutprobe samt Beweis” gehören kann. Ich verfolgte meinerseits den Plan, der in diesem Blogposting seine Erfüllung findet, nämlich die öffentliche Beantwortung der Fragen: Wie sehen Trolle eigentlich aus? Und was sind das in der Realität für Menschen?

Ich sprach einige Minuten mit den Trollen, um so mehr über diese in der Natur ja so selten anzutreffende Spezies zu erfahren. Als diese Phase in der Unergiebigkeit zu versanden drohte, wechselte ich die Erforschungsstrategie und murmelte Verwirrendes – Verwirrendes zu murmeln gehört zu meinen Stärken – mit dem Ziel, sie einzulullen und dann Fotos von ihnen zu machen. Ich habe dafür sogar im Überrumplungsverfahren um Erlaubnis samt Veröffentlichungsrecht gefragt. Dabei sind die obenstehenden Fotos entstanden. Die Lullmenge habe ich allerdings etwas zu klein dosiert, so dass sich der vierte Troll, wie oben zu sehen, vor dem Foto flugs maskierte. Dann verabschiedete ich mich knapp, Umgangsformen sind ja gerade in komplizierten sozialen Situationen gefragt und ging wieder in meine Wohnung.

Zusammenfassend lassen sich die jüngsten Erkenntnisse der Trollforschung am lebenden Subjekt so beschreiben: die obigen Bilder täuschen nicht. Trolle scheinen die jungen, übermütigen Männer zu sein, die man sich sowieso schon vorgestellt hat. Allerdings sind sie nicht unintelligent und von Angesicht zu Angesicht durchaus kommunikationsfähig. Jedoch fehlt ihnen ein gewisser sozialer Filter (anderenfalls würden sie kaum um halbeins an fremden Türen sturmklingeln), was sich auch darin bemerkbar macht, dass sie zwischenmenschliche Situationen schwer einschätzen können, will sagen: kaum über Empathie verfügen. Im vorliegenden Fall wurde ich am Anfang der Begegnung ernsthaft gefragt, warum ich denn böse gucken würde.

Absichtliche Aggression spielt offenbar eine geringere Rolle als vermutet, denn ein oder zwei Mal drohte die Begegnung zwar ins eher Aggressive umzuschlagen, liess sich aber bereits durch einen simplen Themenwechsel wieder beruhigen. Die vorhandene, leichte Aggression mag auch mit der Angetrunkenheit der Trolle zu tun gehabt haben. Die gesamte Herangehensweise an die konfrontative, soziale Situation schien mir eher eine spielerische zu sein, jedoch mit schwer einzuschätzendem Potenzial für körperliche Offensivitäten.

Spannenderweise waren bei den einzelnen adoleszenten Trollmännchen zwar durchaus Verhaltensunterschiede zu erkennen, der kleinste Troll etwa war der stillste, der schlaksige maskierte der ängstlichste – trotzdem liess sich in Körpersprache und Umzinglungsverhalten keine soziale Rangfolge erkennen – es gab keinen erkennbaren Alphatroll. Sollte hier das Internet, der natürliche Lebensraum des Trolls, bereits hierarchisch nivellierend eingegriffen haben?

Das bleibt ebenso zu erforschen wie meine hierzu aufgestellte Theorie: Es handelt es sich bei den meisten Trollereien um eine Fortsetzung des Klingelstreichs mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts. Das würde auch bedeuten, dass trotz allem Getöse und Bedrohlichkeiten Trolle live, ausserhalb des Internet, wohl harmlos oder sogar ziemlich normal sind (mit der Einschränkung, dass ich gern wissen würde, wie sich eine Gruppe Trollmännchen gegenüber einer Frau verhalten hätte). Und so scheint mir der Erkenntnisgewinn meiner gestrigen explorativen Tätigkeit zu bestätigen, was bereits 2004 im Rahmen des vernetzten Videospiels “Unreal Tournament” genialisch in folgendem Schaubild niedergelegt wurde und als “John Gabriel’s Greater Internet Fuckwad Theory” bekannt geworden ist.
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