Friedhof der ungebloggten Beiträge

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Parallel zu dieser schönen Wiederholungsaktion “Ein ♥ für Blogs” möchte ich auch an die Schattenseiten des Bloggens erinnern. Nämlich das Nichtbloggen. Dabei sind weniger die immer noch viel zu vielen Menschen gemeint, die einfach nicht bloggen. Sondern vielmehr – die Überschrift impliziert es – die Blogbeiträge, die als Idee oder grobe Skizze im Kopf oder schlimmer noch, im Entwürfe-Bereich herumlungern und ihr erbärmliches Stadium der Unveröffentlichtheit nie verlassen haben. Und wohl auch nie verlassen werden. Wie abgestorbene Embryos vergiften sie den Blogkörper mit ihrem stillen Vorwurf, nie das Licht der Netzwelt erblickt zu haben. Sie blockieren so den vorderen Blog-Stirnlappen. Nicht einmal als zum Tweet verstümmelte Kurznachricht taugen sie. Die Gegenmaßnahme: Raus damit! Entledigung, Entgiftung, Erlösung. Je unfertiger, desto besser. Nachahmung empfohlen, es erleichtert einen ungemein. Voilá.

Ich wollte damals wütend, energievoll und in epischer Länge auf Günther Jauchs uninformierte Einlassung auf SpON zum Internet antworten:

[…] das Internet ist doch tückisch, wenn es um Wissen geht. Es verleitet zu der Fehleinschätzung, man müsse selbst nichts mehr wissen und demzufolge auch nichts mehr lernen. Steht ja alles im Computer. Das halte ich für zu simpel, denn das Netz ist doch eher eine informationelle Müllhalde und sehr chaotisch.

Zeitlich nicht geschafft, raus damit. Quatsch bleiben etwa 104% von dem, was Jauch zum Thema Internet von sich gibt, natürlich trotzdem. Damit liegt er aber noch nicht mal schlecht im Schnitt.

Besonders schade ist es um den nächsten Artikel, der eigentlich eine witzige Aktion vor der Wahl sein sollte. Die Piratenpartei hat ja mehrere Slogan-Domains der grossen Parteien gekapert, zum Beispiel unserlandkannmehr.de. Für meine total witzige Aktion habe ich extra eine Domain rausgesucht, die die Piraten offenbar vergessen haben zu sichern, nämlich piratenparteiberlin.de. Dann wollte ich einen YouTube-Film drehen, wo ich mit einem Tuch vor dem Gesicht und einer bedruckten Pappe mit “piratenparteiberlin.de” die Entführung der Domain bekannt geben wollte – im Austausch gegen die SPD-Domain würde ich die Domaingeisel aber hergeben. Ich fand das vor allem irre witzig, weil ich ja auch mit Gesichtsmaskierung zu erkennen, haha, Sie verstehen? Absender und Titel des Clips wäre übrigens die “Rote Arme Fraktion” gewesen, vielleicht war es doch ganz gut, dass ich das Ganze aus Zeitgründen und wegen der Rechtsverfehlungen der Piraten gelassen habe. Die Domain habe ich (wie ich Jens Seipenbusch neulich mitteilte) trotzdem noch, braucht die jemand? Vielleicht für einen schönen Piratenspoof, der die Piraten aufregt? Weniger Humor und Kritikfähigkeit als die Anhänger dieser Partei kann man ja praktisch nicht haben, ausser man war Anfang der 1950er in der KPdSU.

Ich wollte im Sommer auch einen euphorischen, kraftvollen Artikel schreiben, der “Das Neue Wir” heissen sollte und den wirkungsstarken Aufbruch der Deutschen Internetlandschaft ins Politische zum Beispiel anhand der ePetition beschreiben sollte. Dann kam mir was dazwischen.

Ich wollte einen irre witzigen Artikel schreiben, der den Frühjahrs-Trend 2009 zur dümmlichen Gebrauchsanleitung für Twitter karikieren sollte. Inhalt in Kurzform: Eine Anleitung, was man auf Twitter veröffentlichen soll, ist wie eine Anleitung, was man auf Papier schreiben soll. Ein tolles Foto zu dem Beitrag, der “You’re doing it wrong” heissen sollte, hatte ich auch schon:
youngdeadbird
Raus damit, vor allem, weil der Artikel vermutlich gar nicht so witzig geworden wäre, wie ich dachte. Wie so vieles letztlich.

Seit Januar plane ich einen Blogbeitrag, der einen Lösungsansatz für die Musikindustrie darstellen sollte. Ich glaube ja (anders als etwa Johnny) nach wie vor, dass ausreichend viele Menschen für Musik bezahlen würden, auch digital. Dafür muss man nur – naja, und hier habe schon viel nachgedacht, aber leider noch viel zu wenig zu Pixel gebracht. Diesen Artikel möchte ich jedoch nur provisorisch beerdigen. Falls es soetwas gibt.

Leben in Echtzeit“, so sollte ein programmatischer Aufschlag heissen, der das Echtzeit-Web als nächstes großes Ding feiert nach dem Mitmach-Web. Ist auch wirklich so, das Real Time Web halte ich für ähnlich umwälzend wie das, was ich schon wieder Web 2.0 nenne. Dann fand ich heraus, dass “Leben in Echtzeit” eine Textzeile von Virginia Jetzt ist und war spontan so konsterniert, dass ich ersteinmal pausieren musste. In der Pause verblich – unerwartet und viel zu früh – die Idee des Artikels.

Der mit Abstand ungebloggteste aller Beiträge war übrigens einer, der den Titel trug “Warum es für Schwarz-Gelb nicht reichen wird“. Inhalt verrate ich jetzt nicht.

Und schliesslich, als Tüpfelchen auf dem i von Frıedhof: als ich im Frühjahr noch nicht so genau wusste, welches Buch ich als nächstes schreibe (inzwischen wird es mein erster Roman, übrigens), wollte ich dem Netz eine Buchidee zum Fraß vorwerfen. Ich erwähnte es im allerersten Wortbeitrag in diesem Blog, dass ich im Netz auch Bücheransätze entwickeln wolle. Abgesehen davon, dass mein Agent mir dringend davon abriet, weil Buchideen geklaut würden wie Bücher auf der Buchmesse, glaube ich in inzwischen nicht mehr, dass mein Vorhaben mit dem Namen “Quatsch und Kultur – der überaus wichtige Einfluss von unterhaltsamem Unsinn auf unser eqWepuoi Fnord” je Chancen auf Realisierung haben wird.

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