Archive for September, 2009

Lange Landeswahlleitung – Vorabveröffentlichung der Bundestagswahlergebnisse in Bremen? [Update]

Das sieht gerade etwas zu dämlich aus, um sich darüber aufzuregen. In meinen Augen gibt es aber eine Nachspielgarantie. Auf einer frei zugänglichen Seite – und zwar der des Bremer Landeswahlleiters – ist ein Zwischenergebnis der Bundestagswahl 2009 zu sehen, ein Zwischenstand der Auszählung in Bremen – mehr als drei Stunden vor Ende der Wahl. Also noch nicht einmal irgendwelche Exitpolls, sondern echte Auszählungsergebnisse. Wenn es sich hierbei nicht um einen (technisch nicht unkomplizierten) Scherz handeln sollte, sondern echt ist, gibt es ein Problem. Vorsichtig gesagt. Und wenn jemand nach einem solchen Technik-Debakel immer noch an Wahlcomputer als Alternative glaubt, mit dem möchte ich dann gerne mal über eine lohnenswerte Geldanlage in Nigeria sprechen.

[Update]
Über Twitter meldet sich die WAZ-Publikation @DerWesten und hat recherchiert, dass es sich um einen Test handeln soll.

[Update II]
Alles deutet in der Tat auf einen Test hin, der einfach stehengeblieben ist, um die Leute ordentlich zu verwirren. Bei mir haben Sie es für ein paar Minuten geschafft, jedenfalls. Vertrauen in die Technologiekompetenz einer Landeswahlleitung sieht auch anders aus.

[Update III]
Berechtigte Nachfragen werden gestellt, ob man nicht vorher hätte beim Landeswahlleiter telefonisch recherchieren sollen oder müssen. Meiner Meinung nach ist es ein Politikum, wenn auf einem nachprüfbar offiziellen Server am Wahltag frei zugängliche Ergebnisse der Bundestagswahl am gleichen Tag stehen – eine explizit als Frage formulierte Berichterstattung über dieses Politikum also legitim. Und ob es für eine potenzielle Wählerbeeinflussung wirklich relevant ist, ob die Ergebnisse stimmen oder nicht, kann ich aus juristischer Sicht nicht sagen, aus Gründen der keinen Ahnung nämlich.

[Update IV]
Hurra, Hysterie am Nachmittag als Methadon für den spannungsarmen Wahlkampf! Der Westen hat kurz aufgeschrieben, was und wie passiert ist. Einer sicher nachfolgenden Diskussion über “Journalismus vs. Blogs” sehe ich mit höchster Begeisterung entgegen, endlich wird da mal was zu gesagt und geschrieben! Nachgetragen sei auch noch: Dass unter Umständen tatsächlich vor 18 Uhr irgendwelche Ergebnisse irgendwo stehen könnten, hypothetisch, ist in ein paar Sekunden nicht auszuschliessen, vom komplizierten Wahlrecht mit Bremer Sonderwegen über Exitpolls bis zu Briefwählern lässt sich einiges vorstellen. Ich sag ja nur.

bremen_landeswahlleiter

bremen_ergebnisse_btw09

(via Thomas Pfeiffer @codeispoetry)

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Ich habe SPD gewählt

Ich habe SPD gewählt. Und gestern in der Berliner Zeitung (neben einigen anderen Menschen) erklärt, warum ich das tue. Angesichts der Tatsache, dass die SPD durchaus, sagen wir, noch nicht in allen Bereichen der Netzpolitik präzise entlang der digitalen Sinnhaftigkeit aufgestellt ist, empfinde ich es als total lustig, den Text aus der papiernen Zeitung abfotografiert hier einzustellen. Natürlich empfehle ich allen Unentschlossenen, es mir in den verbleibenden drei Stunden gleich zu tun. Das SPD wählen, nicht das Zeitungen abfotografieren.

berlinerzeitung_spd

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Freiheit statt Angst

Es ist dieses Gefühl der Ohnmacht, verbunden mit magenverkrampfender Wut. Momente, in denen man ganz leise und entfernt ahnt, wie es sein muss, in einem Willkürstaat zu leben, indem die Verfassung nicht die wichtigste Basis des Staats ist. In dem folgenden Video von der Demonstration “Freiheit statt Angst” am 12. September 2009 ist zu sehen, wie ein paar offensichtlich vollkommen harmlose Nerds von der Polizei gewalttätig angegangen werden. Moment – nicht von der Polizei. Sondern von einzelnen Polizisten. Eine wichtige Unterscheidung, denn in solchen Momenten kann man nicht intensiv genug betonen, dass und wie wichtig die Polizei ist. Aber eben auch, wieviel Schaden solche einzelnen Prügelpolizisten anrichten. Schaden, der weit über die Schläge hinausgeht, weil eine blutende, gebrochene Nase den Glauben an den Rechtsstaat schwer erschüttern kann. Und zwar genau dann, wenn dieses Verhalten der einzelnen, identifizierbaren Polizisten keine Folgen hat.

freiheit statt angst / freedom not fear – demo 12.09.2009 from Gerd Eist on Vimeo.

Aber – es gibt einen Vorteil. Es ist Wahlkampf. Dazu noch ein Wahlkampf, so actionreich wie ein in Zeitlupe umfallender Reissack oder eine Liveberichterstattung von der Kontinentaldrift. Und das heisst: wenn ein solches Video über Tage Thema ist im Netz, auf den Blogs, auf Twitter, in den Foren, in den angrenzenden Online-Medien, dann gibt es Konsequenzen. Also los, Internet, da haben Menschen für Dich und Deine Freiheit demonstriert und auf die Fresse bekommen. Jetzt zeig’ mal, was Du kannst.

[Update]
Irre, wie schnell das Internet ist. Es hat schon massiv reagiert, noch bevor ich den Artikel überhaupt veröffentlicht hatte.
[Update II]
Und die Polizei hat auch reagiert (mit einer Pressemitteilung) und die Aufnahme eines “Strafverfahren wegen Körperverletzung im Amt” angekündigt. Die darin enthaltene Wendung “einfache, körperliche Gewalt” wird fast sicher ein neues Mem, beim Tralafitti.
[Update III]
Ich möchte ausdrücklich die Reaktion von Polizeisprecher Frank Millert loben (hier auf N24). Man wird definitiv die weitere Entwicklung der Untersucungen abwarten müssen, aber ziemlich genau genau so stelle ich mir vor, wie mit solchen Verfehlungen umgegangen werden sollte: kein relativieren, Offenheit, Ernsthaftigkeit nach allen Seiten.

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Internet Manifesto. How journalism works today. Seventeen declarations.

1. The Internet is different.
It produces different public spheres, different terms of trade and different cultural skills. The media must adapt their work methods to today’s technological reality instead of ignoring or challenging it. It is their duty to develop the best possible form of journalism based on the available technology. This includes new journalistic products and methods.

2. The Internet is a pocket-sized media empire.
The web rearranges existing media structures by transcending their former boundaries and oligopolies. The publication and dissemination of media contents are no longer tied to heavy investments. Journalism’s self-conception is—fortunately—being cured of its gatekeeping function. All that remains is the journalistic quality through which journalism distinguishes itself from mere publication.

3. The Internet is our society is the Internet.
Web-based platforms like social networks, Wikipedia or YouTube have become a part of everyday life for the majority of people in the western world. They are as accessible as the telephone or television. If media companies want to continue to exist, they must understand the lifeworld of today’s users and embrace their forms of communication. This includes basic forms of social communication: listening and responding, also known as dialog.

4. The freedom of the Internet is inviolable.
The Internet’s open architecture constitutes the basic IT law of a society which communicates digitally and, consequently, of journalism. It may not be modified for the sake of protecting the special commercial or political interests often hidden behind the pretense of public interest. Regardless of how it is done, blocking access to the Internet endangers the free flow of information and corrupts our fundamental right to a self-determined level of information.

5. The Internet is the victory of information.
Due to inadequate technology, media companies, research centers, public institutions and other organizations compiled and classified the world’s information up to now. Today every citizen can set up her own personal news filter while search engines tap into wealths of information of a magnitude never before known. Individuals can now inform themselves better than ever.

6. The Internet changes improves journalism.
Through the Internet, journalism can fulfill its social-educational role in a new way. This includes presenting information as an ever-changing, continual process; the forfeiture of print media’s inalterability is a benefit. Those who want to survive in this new world of information need a new idealism, new journalistic ideas and a sense of pleasure in exploiting this new potential.

7. The net requires networking.
Links are connections. We know each other through links. Those who do not use them exclude themselves from social discourse. This also holds for the websites of traditional media companies.

8. Links reward, citations adorn.
Search engines and aggregators facilitate quality journalism: they boost the findability of outstanding content over a long-term basis and are thus an integral part of the new, networked public sphere. References through links and citations—especially including those made without any consent of or even remuneration of the originator—make the very culture of networked social discourse possible in the first place. They are by all means worthy of protection.

9. The Internet is the new venue for political discourse.
Democracy thrives on participation and freedom of information. Transferring the political discussion from traditional media to the Internet and expanding on this discussion by involving the active participation of the public is one of journalism’s new tasks.

10. Today’s freedom of the press means freedom of opinion.
Article 5 of the German Constitution does not comprise protective rights for professions or technically traditional business models. The Internet overrides the technological boundaries between the amateur and professional. This is why the privilege of freedom of the press must hold for anyone who can contribute to the fulfillment of journalistic duties. Qualitatively speaking, no differentiation should be made between paid and unpaid journalism, but rather, between good and poor journalism.

11. More is more – there is no such thing as too much information.
Once upon a time, institutions such as the church prioritized power over personal awareness and warned of an unsifted flood of information when the letterpress was invented. On the other hand were the pamphleteers, encyclopaedists and journalists who proved that more information leads to more freedom, both for the individual as well as society as a whole. To this day, nothing has changed in this respect.

12. Tradition is not a business model.
Money can be made on the Internet with journalistic content. There are many examples of this today already. Yet because the Internet is fiercely competitive, business models have to be adapted to the structure of the net. No one should try to abscond from this essential adaptation through policy-making geared to preserving the status quo. Journalism needs open competition for the best refinancing solutions on the net, along with the courage to invest in the multifaceted implementation of these solutions.

13. Copyright becomes a civic duty on the Internet.
Copyright is a cornerstone of information organization on the Internet. Originators’ rights to decide on the type and scope of dissemination of their contents are also valid on the net. At the same time, copyright may not be abused as a lever to safeguard obsolete supply mechanisms and shut out new distribution models or license schemes. Ownership entails obligations.

14. The Internet has many currencies.
Journalistic online services financed through adverts offer content in exchange for a pull effect. A reader’s, viewer’s or listener’s time is valuable. In the industry of journalism, this correlation has always been one of the fundamental tenets of financing. Other forms of refinancing which are journalistically justifiable need to be forged and tested.

15. What’s on the net stays on the net.
The Internet is lifting journalism to a new qualitative level. Online, text, sound and images no longer have to be transient. They remain retrievable, thus building an archive of contemporary history. Journalism must take the development of information, its interpretation and errors into account, i.e., it must admit its mistakes and correct them in a transparent manner.

16. Quality remains the most important quality.
The Internet debunks homogenous bulk goods. Only those who are outstanding, credible and exceptional will gain a steady following in the long run. Users’ demands have increased. Journalism must fulfill them and abide by its own frequently formulated principles.

17. All for all.
The web constitutes an infrastructure for social exchange superior to that of 20th century mass media: When in doubt, the “generation Wikipedia” is capable of appraising the credibility of a source, tracking news back to its original source, researching it, checking it and assessing it—alone or as part of a group effort. Journalists who snub this and are unwilling to respect these skills are not taken seriously by these Internet users. Rightly so. The Internet makes it possible to communicate directly with those once known as recipients—readers, listeners and viewers—and to take advantage of their knowledge. Not the journalists who know it all are in demand, but those who communicate and investigate.

Internet, 07.09.2009

Markus Beckedahl
Mercedes Bunz
Julius Endert
Johnny Haeusler
Thomas Knüwer
Sascha Lobo
Robin Meyer-Lucht
Wolfgang Michal
Stefan Niggemeier
Kathrin Passig
Janko Röttgers
Peter Schink
Mario Sixtus
Peter Stawowy
Fiete Stegers

Translated from the German by Jenna L. Brinning

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Das Internet-Manifest. Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.

1. Das Internet ist anders.
Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.
Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.

3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.
Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.

4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.
Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.

5. Das Internet ist der Sieg der Information.
Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.
Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.

7. Das Netz verlangt Vernetzung.
Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.

8. Links lohnen, Zitate zieren.
Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.

9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.
Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.

10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.
Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.

11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.
Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.
Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren.

13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.
Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.

14. Das Internet kennt viele Währungen.
Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.

15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.
Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.

16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.
Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

17. Alle für alle.
Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.

Internet, 07.09.2009

Markus Beckedahl
Mercedes Bunz
Julius Endert
Johnny Haeusler
Thomas Knüwer
Sascha Lobo
Robin Meyer-Lucht
Wolfgang Michal
Stefan Niggemeier
Kathrin Passig
Janko Röttgers
Peter Schink
Mario Sixtus
Peter Stawowy
Fiete Stegers

CC-BY

Update: Hier ist eine Wikiversion des Internet-Manifest, die von allen bearbeitet werden kann.

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