Freitagsbeschwerden schon montags

vorbeitagIch bin ein komischer Typ; ab und an befällt mich beim Lesen eines Textes ein Unwohlsein, das mich zur sofortigen Distanzierung zwingt. Heute hat der Freitag einen Kommentar veröffentlicht, den ich grauenvoll finde. Es handelt sich um einen vollkommen ungebrochenen Lobgesang (gefunden via @mspro) auf Hugo Chávez, den Präsidenten von Venezuela. Chávez ist ein äußerst problematischer Staatschef mit äußerst problematischen Freunden: er unterdrückt die Freiheit der Presse, betreibt zweifellos Clanwirtschaft und ist an einer kritischen Demokratie nicht die Bohne interessiert. Einzelverlinkungen erscheinen mir an dieser Stelle überflüssig, Interessierte mögen per Google selbst ihre Informationstiefe ausbauen.

Der Freitag-Kommentar von Lutz Herden ist von einer Art, die ich in keinem unabhängigen, aufgeklärten Medium über irgendeinen Politiker lesen möchte. Der Artikel ist pure politische Propaganda pro Chávez und erinnert in seiner begeisterten Verblendung an politische Kommentare, wie sie in der studentischen Flugblattliteratur der 1970er über Mao und Ho Chi Minh verfasst worden sein mögen. Besonders übel stösst mir auf, dass Gegenpositionen (“autoritär”, “linker Diktator”) benannt werden – aber mit einer kurzen Verhöhung (“Man kennt ihre Sprüche zur Genüge”) beiseite gewischt werden, ohne ein einziges Argument vorzubringen.

Der Freitag ist damit für mich leider erst einmal vorbei.

Ja, manchmal reicht für sowas ein einziger Kommentar (verbunden mit einer entsprechenden Historie). In der Gegenwart von solchen Artikeln möchte ich mein Profil, meine eigenen Blogartikel eben nicht sehen. Und ja, ich sehe einen großen Unterschied zu problematischen Gruppen etwa auf Facebook und einem problematischen Artikel in einem redaktionsgesteuerten Medium.

Ich halte sehr viel von Pluralismus, Lutz Herden darf meinetwegen gern Advertorial-Kampagnen für ein trotzkistisches Mitteleuropa in Artikelform pressen und überall dort veröffentlichen, wo man das für richtig hält. Ich will aber nicht mit dabei sein. Deshalb habe ich versucht, meinen Account zu löschen. Ging aber nicht. Jedenfalls habe ich auch nach langer Suche keine entsprechende Funktion gefunden und daraufhin über das Kontaktformular eine Mail mit einem Profil-Löschantrag geschrieben (bis jetzt keine Antwort). Wieso kann ich auf freitag.de mein Profil nicht löschen?

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Was mir aber diese montägliche Freitags-Unannehmlichkeit vor Augen geführt hat: Kurzzeitig hatte ich gehofft, dass der Freitag mit dem Kauf durch Jakob Augstein und dem auch inhaltlichen Relaunch das parteiunabhängige, linksliberal-aufgeklärte Medium werden würde, das in der deutschen Medienlandschaft fehlt. Diese Funktion, die der SPIEGEL mal hatte (sagt mein Vater jedenfalls), bevor zu viele Leute wie Carsten Volkery dort CDU-Mitgliedsanträge in Artikelform veröffentlicht haben.

Leider schliesst der Freitag diese Lücke in der Medienlandschaft nicht, denn unter Meinungsvielfalt fällt Propaganda für mich bestimmt nicht. Übrigens habe ich gar nichts gegen politisch gefärbte Kommunikation, das tue ich selbst auch oft und gern, ich habe nur etwas gegen Propaganda im Journalismusgewand.

Aber wo ist das linke, parteiunabhängige Medium, auf das wir warten, die wir Toleranz brauchen, die Freiheit lieben, die Marktwirtschaft akzeptieren, die Veränderungen der Welt bemerkt haben, die Gesellschaft nicht revolutionieren, sondern weiterentwickeln wollen und die Individualität als Wert erkennen, ohne die hohe soziale Verantwortung zu vernachlässigen?

Die taz kommt vermutlich am nächsten ran – hat aber neben einem mangelhaften Internetauftritt ein großes Problem: die Artikel sind einfach zu selten interessant. Aus beiden Gründen fällt es mir schwer, taz-Artikel zu Ende zu lesen. Auch gerade eben beim Schreiben dieses Beitrags wollte ich mich nochmal rückversichern und habe zwei Zufallsartikel ausgewählt: der erste behandelt ein Thema, das ich in einem linken Medium aktuell aufbereitet sehen wollen würde. Tatsächlich ist der taz-artikel zum Datenschutzgipfel aber eine dpa-Meldung, wie sie im Web kaum abgewandelt bezeichnende 924 Mal zu finden ist.

Der zweite taz-Artikel war ein Kommentar zur eventuell anstehenden Enteignung von Banken der Finanzkrise des globalen Kapitalismus wegen – hier könnte man vermuten, dass allein die großen Worte (Enteignung! Kapitalismuskrise!) linke Brillanz oder wenigstens eine herausstechende Meinung hervorbringen könnten. Nö. Der taz-Kommentar von Ralph Bollmann, immerhin Leiter des Parlamentsbüros der taz, könnte wortgleich in der Private Equity-Kundenzeitschrift der Deutschen Bank stehen, ohne auch nur einen einzigen empörten Anruf nach sich zu ziehen. Er ist einfach uninteressant und unüberraschend, dabei gleicht die Ausgangslage einem Elfmeter. Ohne Torwart. Auf einem abschüssigen Platz. Mit einem bereits rollenden Ball.

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Beim linken Independent-Medium Jungle World dagegen hat man selbst bei besonnenen Artikeln zu oft den Eindruck, als käme die Marktwirtschaft für die Autoren allenfalls zwischendurch in Frage und als wäre die Abschaffung des Kapitalismus nur eine Frage der richtigen Situation. Die Überwindung des westlichen Wirtschaftssystems mag in der WG-Küche eine hocheffektive Meinungsvariante sein, wenn man mit der Tübinger Apothekerstochter mit Pali-Tuch schon nach dem vierten Rotwein knutschen möchte. Ich selbst würde aber gern zeitgemäße, konstruktive Kapitalismuskritik sehen, also die Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft, etwa unter den Gegebenheiten der (wünschenswerten) Globalisierung. Nein, auch die Jungle World trifft trotz oft hervorragender antifaschistischer und in Einzelfällen auch kluger wie witziger wirtschaftspolitischer Berichterstattung weder Ton noch Geschmack.

Von den restlichen linken und scheinlinken Medien ganz abzusehen, erst recht von dem weitgehend unerträglichen Indymedia-Getöse, deren theoretische und früher tatsächlich vorhandene Notwendigkeit durch bizarr-politische Kommentare bzw. durchschnittlich vollverwirrte Leserschaft ad absurdum geführt wird, zumal auch die Artikel etwa die deutsche Polizei als kurz vor dem faschistischen Staatsstreich stehend darstellen. Indymedia entspricht den Heise-Foren für Attac-Mitglieder.

Um es kurz zu machen: Ich will den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern optimieren. Ich will Berichterstattung, in der nicht zwischen den Zeilen das “Eigentlich macht die Merkel ihre Sache ja ganz gut” durchscheint. Ich wünsche mir einen aufgeklärten Gesellschaftsliberalismus jenseits des wirtschaftlichen Liberalismus-Kidnappings der FDP. Ich bin linksliberal-demokratisch mit sozial-marktwirschaftlichem Einschlag und möchte undogmatische, aber klare und intelligente Positionen sehen. Wo ist mein Medium?

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